Hayes – Giftiger Wein – Kapitel 6

Hayes – Giftiger Wein – Kapitel 6

Der Boden roch nach alten Füßen und noch älterem Wein. Die Treppe erinnerte an einen Abgrund. Irgendwo in der Ferne krochen Flammen an den in den Felsen gemeiselten Wänden entlang und verwandelten die Dämmerung in einen Tanz toter Schatten. Hayes rutschte an dem kalten Stein entlang, Bruder Johann ein paar Schritte hier ihr. Er wischte sich noch immer den Dreck von seiner Tracht. »Verrotte Weinbeeren«, murmelte er. »Ich werde die nächsten Tage nach verotteten Weinbeeren riechen.« Hayes zischte, reagierte aber…

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Kontoauszug

Kontoauszug

Von allen Dingen, die hätten schiefgehen können – ging der Bruch durchaus glatt. Also durch das Bein. Nicht der Einbruch. Der Einbruch war gut geplant. Der Beinbruch nicht. Aber zurück zu Anfang. Am Anfang erschien eine Kontonummer auf einem Zettel, der sich mir offenbarte, als wäre er das Angesicht eines fernen Gottes. Leider wusste ich das damals noch nicht. Ich sah die Nummer, dann die Zahl dahinter, die durchaus zeigte, dass jemand Geld auf das Konto gezahlt hatte – nur,…

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Hayes – Giftiger Wein – Kapitel 5

Hayes – Giftiger Wein – Kapitel 5

Der Mond hing am Himmel und sein Zwillingsbruder ein halbes Dutzend Minuten entfernt. Einige Sterne tanzten unaufhaltsam, jedoch vorsichtig, über den Himmel, umgeben von wolkenloser Stille. Auch die Burg nahm an diesem Ritual teil, jenem nächtlichem Schweigen. Der Herr des Himmels Aracus, wachte auf der anderen Seite dieses Balls aus Erde, Wasser, Mensch und Tier – in dieser Reihenfolge. Hayes lag auf ihrem harten Lager und rührte sich nicht. Ihre Augen fixierten die schwarze Decke über ihr. Ihre Hände lagen…

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Hayes – Giftiger Wein – Kapitel 4

Hayes – Giftiger Wein – Kapitel 4

»Deshalb sind wir hier.« Bruder Johann lehnte sich zurück, rülpste, pulte einen Fetzen Hühnerfleisch aus einer breiten Zahnlücke, betrachtete es und warf es zurück in seinen Mund. »Wegen des Weins.« »Und wegen des Erzpriesters.« Sein Bruder – er hatte sich nicht vorgestellt, aber das war klar gewesen – betrachtete Hayes und ihn mit zusammengekniffenen Augen. Seine Augenbrauen hatten die Dicke eines Fingers, waren fast schon weiß, dennoch schien er nur einen Hauch älter zu sein als Johann selbst. Vielleicht lag…

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Hayes – Giftiger Wein – Kapitel 3

Hayes – Giftiger Wein – Kapitel 3

Der Fluss rauschte unter der Brücke, die bei jedem Schritt Hildegards bebte. Die metallenen Haken, zwischen denen die starken Holzbretter hingen, knirschten. Der alte Mann hatte einen Heben bedient, der das Tor geöffnet und gleichzeitig die Bretter aus einem unterirdischen Lager an Ketten über die eisernen Seile gezogen hatte. Hayes musste sich eingestehen, dass dies eine hervorragende Technik war, dennoch war ihr mulmig zumute, das Krachen des Wassers über die Klippen unter ihr zu hören. »Das gehört dazu«, meinte Bruder…

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Hayes – Giftiger Wein – Kapitel 2

Hayes – Giftiger Wein – Kapitel 2

Das Gras hinter der Stadt erinnerte an ein grünes Meer. Der Wind ließ Wellen aufsteigen und versinken. Zwischen den riesigen Feldern ragten einzelne Bäume in den blauen Himmel hinauf, so hoch, als könnten sie die Wolken berühren, die wie Schiffe durch die endlose mittägliche Weite über Hayes Kopf fuhren. Ihre Augen waren halb geschlossen, als würde sie die Welt ausblenden, als würden ihre Gedanken Besitz von ihrem Körper ergreifen, ihn einsaugen wie eine alte Finsternis einen neuen Stern. Hildegard schritt…

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Medea

Medea

Wo das Ende liegt, das wissen wir nun. Doch der Weg dorthin und der Anfang, das sind noch immer Rätsel, die aufgedeckt werden müssen. Zeit und Raum wird zu einem abstrakten Konzept, hier unten, in diesen Höhlen, die der Mensch oder die Natur erschaffen hat – doch ist nicht die Natur selbst ein Teilgebiet der Menschheit – oder ist es andersrum? Worte erschaffen sich nicht selbst, also muss es eine Basis dafür gegeben haben. Worte wie Sonne, Mond, Himmel, Licht…

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Hayes – Giftiger Wein – Kapitel 1

Hayes – Giftiger Wein – Kapitel 1

Hayes reiste nur ungern über die belebten Straßen Uruks. Die wenigen Reste der alten Zivilisation hing wie alte Zähne hinter den gemauerten Häusern, Lehmhütten und Zelten, die die letzten Meilen bis ins Zentrum der Stadt säumten. Die Leute starrten sie nicht nur an, sondern belagerten sie förmlich, bettelten um Geld und Aufmerksamkeit. Selbst Hayes persönliches Wappen, eine Klinge, die Blitze abstrahlte, zeigte keinen Erfolg, hielt niemanden davon ab, seine eigenen persönlichen Bedürfnisse oder Angebote in ihre Richtung zu kreischen. Hildegard…

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Annabelle – Die Form des Films oder Wenn Horror selbst belanglos wird – Essay (oder so)

Annabelle – Die Form des Films oder Wenn Horror selbst belanglos wird – Essay (oder so)

Als Freund von Horrorfilmen und gleichzeitiger Feigling, wenn es darum geht, sie allein und im Dunkel meiner Wohnung anzuschauen, war es irgendwann klar, dass ich Annabelle sehen musste. Wer den Film nicht kennt, der – Spoiler Alarm – hat wenig verpasst. Der Film bzw. die Mini-Franchise (ich glaube, es gibt nun 3 oder 4 Filme) ist ein Ableger der beiden Conjuring-Filme – zumindest des ersten, denn auch in diesem hatte die Puppe mit Namen Annabelle einen Platz. Sie war das…

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Der goldene Zweig

Der goldene Zweig

Stille hing über dem ewigen Wald wie eine Hand, die versucht, einen Bach zum Verstummen zu bringen. Vögel zwitscherten zwischen den Zweigen, legten ihre Schatten über die Reste des Sonnenlichts, das nur zaghaft durch die ewig grünen Blätter der großen Bäume glitt, Bäume, deren Wipfel in den Himmel ragten, wo sie den Göttern Lieder sangen, während ihre Wurzeln so tief in den fruchtbaren Boden ragten, dass sie von den Säften der Toten zehren konnten, die im Inneren der Erde schliefen….

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