Hollquick Kapitel 5

Hollquick Kapitel 5

Hallo, ja, hallo.

Ich bins wieder. Ich weiß, ich war abwesend. Lange Zeit abwesend. Aber ich habe eine Ausrede.

Wer ich bin? Das ist einfach zu erklären.

Man hat den Beginn meines Abenteuers vor einigen Jahren in eben jener magischen Bibliothek abgelegt, in der ich nun wieder sitze und schreibe. Und die Zeit ist gut und schlecht zu mir gewesen.

Der Name ist Hollquick. Ich habe vor fast 4 Jahren meine Geschichte unterbrochen. Februar, so nennen es die Menschen. 2018 nennen es die Menschen, die glauben, dass vor 2018 Jahren ein Licht zur Erde gefallen ist. Weiß ich nicht.

Jedenfalls sind jetzt nun Jahre vergangen und die Zeit ist nicht stehengeblieben. Ich werde nicht sagen, wo ich mich wirklich befinde, denn die Dinge, die damals geschehen sind, wirken noch immer in der Welt nach. Manch einer sagt, die Magie ist schuld. Andere sagen, dass die Lungenpest, die seit 2 Jahren über uns hinwegbrandet wie ein Sumpf, daran schuld ist. Nur vor 4 Jahren war dies noch nicht so. Wir alle waren idealistisch genug, um zu glauben, dass alles Böse eigentlich gar nicht so böse ist und dass man mehr den Grautönen folgen sollte. Seitdem wissen wir, dass die Arroganz der „Wissenden“ schlimmer ist als das Vertrauen, dass Magie uns helfen kann. Immer mehr Leute sterben, vernichten sich selbst. Und ich sitze hier und will erzählen, wie es damals wirklich war. Man hat mir Geld gegeben, dass ich schweige. Oder dass ich falsche Dinge erzähle.

Wenn ich meine Augen hebe, dann schaue ich aus einem Fenster auf eine Welt hinaus, die von Sonne überzogen ist. Die Winterweizen reifen in hellem Blau. Die Bäume, welche die Füße des Gebirges bewachen, aus dem ich komme, winken mir zu. Wind pfeift durch die Spalten im Mauerwerk und ich ziehe meinen Umhang heran, dessen purpurne Farbe mich an damals erinnert.

Damals.

Wie ein kluger Mensch einst meinte, sind Biografien und besonders Autobiografien immer Lügen, bewusste Interpretationen der Wirklichkeit. Aber was ist Wirklichkeit? Nur die Übereinstimmung vieler Meinungen – und alle sind falsch.

Utos 5000 PS Raketenstuhl bricht durch das Kristallglas und verwandelt es in ein unlösbares Puzzle. Die Gäste der Feier – ohne mich und mit Griseldis als Zwangsgast – kreischen und lassen ihre Gläser fallen, Gläser, die teurer sind als der Schrott, den jemand als Weinachtspunch bezeichnet. Ja, der Witz ist keiner. Teppiche gehen in Flammen auf und treudoofe Minielefanten löschen die Feuer sehr schnell, so dass niemand verletzt wird. Bislang. Und Bolokarz ist sowieso tot, also unverletzt.

„Was wollen Sie?“

Uto hat sich von seinem Raketenstuhl geschwungen. Seine Drachenlederschuhe treten Elefanten zu Brei, sprich: das typische Verhalten eines Konglomeratchefs im Ausland. „Ich bin Uto!“

„Willkommen.“ Rans Ruber lächelt und einige Zähne versuchen, seinen Mund zu verlassen. Er klappt das Buch zu und steckt es in eine seiner Taschen. Die anderen bewegen sich hungrig, aber er ignoriert es.

Falls jemand fragt, wo ich bin: Ich bin noch immer hinter einem Stuhl gefangen. Und mit gefangen meine ich natürlich: Wenn ich mich bewegen würde, wäre ein Goldfischglas zu Boden gefallen – und ich mag Goldfische.

„Olaf“, murmelt Ruber.

„Oskar“, antwortet der Ork beim Versuch, kein Heavy Metal zu sprechen. „Oskar mit 2 R“.

„Sicher. Ich glaube, ich habe vorhin bei Anblick dieser feinen Festung einen Schatten gesehen und der erinnerte mich mehr an einen Elfen, einen fetten Elfen, als einen menschlichen Goblin. Schau doch nochmal bitte.“

„Echt jetzt?“

„Wie auch immer. Lös das Problem.“

„Karol.“

„Nein, nicht dein Bruder. Der ist zu brutal. Selbst für Orks wie uns.“

„Er ist ein Mensch.“

„Ja, genau. Zu brutal.“

Oskar flucht. Seine Worte sind bitter genug, um einige Orchideen dazu zu bringen, in Flammen aufzugehen. Das passiert, wenn man wirkliches Heavy Metal spricht. Er dreht sich um und stampft davon. In meine Richtung. Währenddessen versucht Ruber, sich mit Uto anzufreunden. Irgendwas mit „Mein Anzug kommt aus London. Deiner auch, richtig? Ja, war teuer. Und nein, ich bin kein Ork, ich tu nur so. LOL.“

Ich zerre mich unter dem Schreibtisch hervor, der Stuhl wackelt, der Goldfisch schreit. Das Glas fällt herunter, rollt umher, während der Fisch panisch versucht, das Auge des Sturms zu finden, aber das ist in Reparatur, Bindehautentzündung. Der Staub von hunderten Visionen, die täglich 20 Stunden arbeiten, erzeugt von magischen Feldern, die blaue Blitze in langen Haaren hinterlassen, naja. Ich versuche, mich wieder auf das Hier-und-Jetzt zu konzentrieren und finde mich im Treppenhaus wieder. Die Asche vieltausender Zigarettenkippen waren sicherlich der Hauptgrund, wieso die Orks gehustet haben. Und die leben in der Nähe von Vulkanen!

Ich stampfe nach oben, Asche und Staub und Kippen hüllen mich ein, als wären sie dankbar, mal eine höhere Treppenstufe zu sehen. Wieviele Stufen hat eigentlich die Festung? Wieviele Stockwerke? Es wäre besser, einen Fahrstuhl zu nehmen, aber ich weiß nicht, ob Bolokarz’ Hülle im Auftrag von Rans Ruber die Magie getrennt hat. Kann er das? Ich weiß es nicht. Oder er hat einen Cyber-Elf dabei. Jemanden, der freiwillig eine Brille trägt. Cyber. Das Wort ist so neu, dass es noch immer „kewl“ klingt. Halt wie früher. Cyber. Irgendwas mit Magie-IT. Aber auf der bösen Seite. Man nennt sie auch „Orb Ponderer“, was aus einem fernen Land kommt und „Leute, die Visionum-süchtig sind“-bedeutet. Sprich: Alle meine Kunden.

Ich bin jetzt 3 Etagen über der Haupt-Etage gelandet. Hier ist nichts fertig. Offenkundig weiß niemand, dass die Festung überhaupt noch ausgebaut wird. Überall liegen Steinwände herum. Eine einsame Mechanica-Konstruktion erwartet Befehle, doch ich kenne sie nicht. Ich finde Knöpfe, drücke sie. Die Mechanica erwacht zum Leben, erlischt wieder. Eine Lampe leuchtet, blinkt. Der Alarm ist noch immer aktiv, säuselt verspielt in den Wänden herum. Aber offenkundig interessiert es niemanden, als ob wir keine Verbindung mehr zu den Wachen haben. Ich starre aus dem Fenster, blicke in die Nacht hinaus. Liber Arakorum, bekannt als „L.A.“, die Stadt der Irren, bebt vor Feiertagslaune und ich stehe hier und weiß nicht, was ich tun soll.

Die Wut überkommt mich und ich trete gegen eine der Alarmkristallkugeln. Offenkundig löse ich damit etwas aus, denn ich sehe Blitze aus dem Dach schießen. Immer und immer wieder. Dann macht es wieder „Pling“.

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