Adventus Santa – 3 – Der Sturm

Adventus Santa – 3 – Der Sturm

Schneeflocken rasten in perfekter Geschwindigkeit an Robs Fenster vorbei. Ray lehnte sich an das Glas und betrachtete die Flocken, als wären sie aus Gold.
»So«, meinte er, »du meinst, der Teufel sitzt in deinem alten Baumhaus.«
»Und frisst Kekse und Mom, also die ist ausgetickt, dachte, du hättest dich heimlich ans Fenster geschlichen …«
»Sicher. Um diese Zeit. Schau mal, mein Junge, ich klaue doch beim Nachbarn keine Kekse. Ich plündere den Whisky-Vorrat deines Alten.«
Sie lachten. Das Lachen enthielt alles, was 12 Jahre Nachbarschaft und Freundschaft erschaffen hatten, alle Erinnerungen, allen Tadel. Rays Vater war Soldat gewesen und jetzt lebte er mit seiner neuen Freundin am Stadtrand. »Immerhin trinkt er weniger als ich«, meinte Ray und stieß Rob an. »Wir müssen den Mann finden … oder was auch immer er ist.«
»Der Teufel.«
»Teufel oder Dämon, vielleicht sogar der Klapperstorch.«
»Nicht jetzt – Mom sitzt in der Küche und bäckt, Dad hat heute frei – aber beide sind heute abend in der Kirche.«
»Wegen was? Anynome Plätzchenbäcker?«
»Ehe … kram«, murmelte Rob und betrachtete sein Gesicht in eine der vielen Plaketten, die seine Vergangenheit ausgemacht hatten, doch nun nichts wert war.
»Werden sie sich scheiden lassen? Wer nimmt Cindy?«
»Ach leck mich«, zischte Rob.
»Du mich auch …«
Sie kicherten, als wären sie noch 8 Jahre alt. Ray war damals sitzengeblieben und Rob eine Klasse aufgestiegen und irgendwie hatten sie es nie wieder geschafft, getrennt zu werden. Echte Freunde eben. Und so hatte Ray sich auch nicht getraut, sich zu freuen, als Rob ihm erzählt hatte, dass es nichts mit Harvard oder Stanford oder dem MIT werden würde. Robs Dad würde sicher darauf bestehen, dass sein Sohn auf die nächstgelegene Uni ginge – und nebenbei seinem Vater in der Buchhaltung helfen würde. Und Ray?
»Ich bau Autos und so«, waren seine Worte gewesen, aber eigentlich hatte sich etwas anderes in seinen Kopf gesetzt: Die Army würde ihn nehmen, ganz gleich, wie schlecht er wäre. Doch das konnte er Rob nicht sagen, nicht, nachdem der Streber auch ohne Rays Anwesenheit Probleme mit anderen hätte. Beide ertrugen die Hälfte der Schlägee und dummen Sprüche. Rob würde untergehen, ganz eindeutig.
»Wir warten auf die Finsternis«, meinte Rob.

Die Finsternis kam schneller als gedacht. Die Schneeflocken hüllten die kleine Stadt ein wie der Ascheregen eines wiedererwachten Vulkans. Alle Fenster waren dicht. Cindys Zimmer summte unter sinnlosem Herumtanzen zu irgendwelcher Popmusik.
»Pass auf sie auf«, hatte Robs Mutter gemeint und ihre Augen hatten besonders Ray angestarrt, als wäre sie nicht sicher, dass er in Wirklichkeit ein Dämon wäre. Es musste schon Gründe haben, wieso Rays Vater seine Familie verlassen hatte, doch sie war immer in der Lage, ihre Verachtung für den Lebensstil Lornas, Rays Mutter, im Zaum zu halten, als gute Christin und so weiter. »Kein Heavy Metal. Kein Teufelswerk. Keine Plätzchen!«
Rob zuckte noch immer von den Echos ihrer Stimme, aber Ray hatte bereits die Lederjacke seines Vaters übergeworfen – die viel zu groß für ihn war – und war vor das Haus getreten, um eine Zigarette zu rauchen, die er von seiner Mutter geliehen hatte.
»Lass den Scheiß«, murmelte Rob.
»Was?«
»Die Kreatur wird uns riechen.«
»Die Kreatur wird nach Schwefel riechen. Da ist das vielleicht …«
»Ja eben, vielleicht wird sie auf dich stehen … nicht alle Hexen sind Frauen.«
»Leck mich.«
»Erst bist du dran.«
Sie kicherten.
Der Schnee dämpfte ihre Schritte. Die Flocken zerrissen ihre Sicht. Ray kletterte mehr als nur vorsichtig die alte Leiter hinauf, wie abgemacht. Er wog deutlich weniger als sein jüngerer Freund.
»Hey«, hörte Rob seinen Freund rufen. »Hey, du da!«
Etwas polterte zwischen den dünnen Brettern des Baumhauses umher.
»Verdammt. Hey!«
»Ray!«
»Das hier … also … hey, ganz ruhig.«
Die Flocken legten eine Pause ein. Der Sturm stoppte. Die Zweige des Baums wurden starr. Eine Bretterwand zerbarst. Eine Gestalt rollte aus seinem Versteck, rammte einen Ast und landete mit den Füßen voran im Schnee, rannte davon. Ray fiel die Leiter herunter, stanzte ein Kreuz in den Schnee.
Ray bewegte sich nicht. Seine Lippen flüsterten etwas. »Rob. Es ist der verdammte Weihnachtsmann. Der verdammte Weihnachtsmann.«

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