Adventus Santa – 2 – Der Mann in Rot

Adventus Santa – 2 – Der Mann in Rot

Die Sonne war seit Stunden aufgegangen – oder erst seit Augenblicken. Rob öffnete die Augen. War alles nur ein Traum gewesen? Nein. Rays zusammengerollte Zigaretten lagen noch immer auf dem Tisch in seinem Zimmer, direkt unter der Nachbildung des Sonnensystems, das er in der 2. Klasse gebaut hatte. Nach der Aktion gestern war sein bester Kumpel schnell verschwinden. Cindy hat so eine Angewohnheit, jeden zu vertreiben, der nicht auf Einhörner und Märchenprinzen stand, dabei war sie fast 11, fast erwachsen, in ihren Augen.
Jemand klopfte wiederholt an die Tür. »Es ist fast 9 Uhr«, hörte er seine Mutter rufen, die mehr als jeder andere Mensch Weihnachten liebte. Weihnachten. Pff. Er wollte sich in sein Bett zurückrollen und gleich bis März durchschlafen, da folgte der dumpfe Bass seines Vaters. »Komm, Junge. Weihnachtsferien sind keine Wonneferien.« Das war auch wieder so ein dämlicher Spruch.
Rob rollte aus dem Bett, zerrte seine Jeans über die dürren Beine, ein Shirt über den rippenlastigen Oberkörper und die Brille auf seinen Kopf. »Nerd«, nannten ihn die Kinder in der Schule – und sogar jetzt noch. »Als würde der Junge nicht wachsen wollen«, sagte Oma immer.
Während er sich im Bad die Zähne putzte, blickte er nach draußen. Das Baumhaus hing direkt zwischen Himmel und Erde, wartete auf ihn, wartete auf ihn aber schon seit Jahren. Er war eindeutig zu alt für solche Dinge. Lernen war wichtiger, Lernen und Harvard.
Als er in der Küche ankam, überrollte ihn bereits der Geruch von Plätzchen. Mutters Weihnachtswahn trug schon seit Wochen dazu bei, dass die Zahnärzte der Umgebung glücklich ihre Bohrer schwangen in der Erwartung eines baldigen Zusammenbruchs dutzender Gebisse. Als Rob sich eines nehmen wollte, erhielt er einen scherzhaften Hieb mit dem Holzlöffel. »Nein, das ist für Familie Johnson, die müssen noch kühlen.« Rob kommte sich direkt vorstellen, wie der Plätzchenduft als gelbglitzernde Wolke durch die Gegend zog, bis sie in der Nase eines Monsters landete – oder eines Kaninchens. Er versuchte, nicht zu kichern.
»Mein Junge«, sagte Vater, dessen Gesicht gerade hinter der heruntergeklappten Zeitung auftauchte, »wieso kannst du das nicht lassen?«
»Werde ich, wenn ich zur Uni gehe.«
Vaters Gesicht trug die Spuren eines alten Verrats – des Verrats der Zukunft des Kindes. »Ich muss dir sagen, dass deine Zensuren zwar hervorragend sind, aber wir können uns nicht leisten, dich nach Harvard zu schicken, oder zum MIT oder Oxford oder so.«
»Mein Fond«, begehrte Rob auf.
Vater blickte Mutter an, sie schüttelte den Kopf. »Der Fond ist wertlos, mein Junge.«
»Wie?«
»Es gibt Leute, die leben nunmal nicht das Leben der reichen Leute. Der Fond ist … weg, verbrannt.«
»Dein Vater«, Mutter legte die Hand auf seine Schulter, »konnte nur so seine Firma retten.«
»Mit der vernichteten Zukunft seines Kindes die eigene Zukunft retten, schön.«
»Hey, nicht solche Sprüche!« Vaters Gesicht knirschte in einer Mischung aus Wut und Scham.
»Ach leckt mich doch«, hörte sich Rob zischen, doch – wie immer – nur in seinem Kopf. Er stand auf, drehte sich um und wanderte die Treppe zu seinem Zimmer hinauf. Sein Magen fühlte sich so leer an wie sein Kopf. Kein Fond, keine Universität, keine Zukunft. Er würde auf ewig hier in diesem Drecksnest versauern, vielleicht müsste er sogar einen Job lernen, der ihn 50 oder 60 Jahre seines Lebens kosten würde.
»Hey, wo sind die Kekse?«, rief Cindy.
Er öffnete das Fenster und blickte in die weiße Welt hinaus. Etwas bewegte sich, dort beim Baumhaus. Er nahm die Brille ab, putzte sie. Ja, da war etwas, ein Wesen, eine Kreatur. War es Satan? War das Ritual erfolgreich verlaufen?
Jemand öffnete die Tür hinter ihm. »Hast du die Kekse geklaut?«, fragte Cindy.
»Lass mich in Ruhe!«
»Gib die Kekse raus!«
»Ich habe sie nicht!«
»Sie standen auf dem Fensterbrett und nun sind sie fort. Mom ist sehr sehr sauer.“ Cindy stampfte lautstark davon.
Doch Mutter war jetzt nicht interessant. Das Wesen, dessen Fußabdrücke vom Küchenfenster bis zum Baumhaus führte, war interessant. Hatte es Hunger? Hatte es Schmerzen? Rob musste Ray anrufen. Der Teufel sah anders aus als auf den Bildern. Er trug einen Bart.

Die Kommentare sind geschloßen.