Adventus Santa – 5 – Im Knast

Adventus Santa – 5 – Im Knast

»Mist«, betete Ray immer und immer wieder hervor. Sein Atem kroch über die eisigen Gitterstäbe, hinter denen das Glas beschlagen war – oder andersherum. Der Sheriff und seine Männer waren nicht da. Sie befragten den alten Mann. Wieso er ein Dutzend Männer verprügelt hatte. Und wieso die beiden Jungs da waren.
Robs Hände bedeckten sein Gesicht. Er hatte seit einer Stunde nichts gesagt, schwankte vor und zurück wie ein Kind in einer einsamen Krippe. Fröhliche Weihnachten und so. »Wieso haben sie uns mitgenommen?«, fragte er, das wievielte Mal schon? Ray hatte nicht gezählt.
Rob hätte einfach nicht mitkommen sollen. Diese Welt war nichts für ihn, für keinen. Sein Alter war Rechtsanwalt mit privater Praxis, seine Mutter Hausfrau und Ehrenmitglied im Keksbackclub der Kirche. Selbst Cindy war – für ihr Alter – erträglich. Aber das war Rob immer zu langweilig gewesen. Und dann würde er auch bald nicht mehr mit ihm die Tage teilen. Sie beide waren in einem Alter, in dem ihre Zukunft bereits festgelegt worden war. Rob würde eine billige Uni besuchen – weil sein Alter die Kohle verbraten hatte, wie Rob ihm gesagt hatte – und er selbst, Raimond Pauls Jr, würde zur Armee gehen oder irgendwas anderes tun müssen, um einfach nur überleben zu können. Mom brauchte das Geld. Dads Eskapaden, sein Blick in die Unendlichkeit, nur unterbrochen von Phasen, die er soff, machte es notwendig. Er war verdammt. Sie beide waren verdammt.
Die Tür zum Büro öffnete sich, knallte zu. Schwere Stiefel rutschten über den Fliesenboden.
»Rob und Ray …«, sagte die Stimme. Eine Faust knirschte an den Gitterstäben.
Ray musste sich nicht umblicken. »Hallo Steve.«
»Wie gehts dem Vater?«, fragte die Stimme.
Ray wusste, wer gemeint war. »Lebt noch.«
»Lebt noch … gut. Ich hoffe, er versäuft seine Pension.«
Ray reagierte nicht. Die Tür hinter im wurde geöffnet, eine Faust packte ihn und zerrte ihn vom Bett auf den Boden.
»Ich habe gesagt: Ich hoffe, er versäuft seine Pension.«
Steves Augen glitzerten in seinem eisernen Gesicht. Sein Körper wirkte wie aus einem Guß.
»Hey«, zischte Rob und hob seine Faust.
Eine Sekunde später kroch er auf allein Vieren durch den Raum, würgte die Reste der Mittagskekse aus seinem Bauch.
»Dachtet ihr, ihr seid mich los, nur weil wir nicht mehr in die Schule gehen? Ich habe jetzt nen Job bei meinem Onkel. Die nächsten Jahre … werden ein Fest.«
Steve Myers, knapp zwei Zoll größer als die beiden, hatte das Leben schon immer als Spiel betrachtet – mit Cheat-Modus. Aufstrebender Football-Star, besoffen gewesen, hatte sich dabei erwischen lassen, einem Jungen aus der Schule das Gesicht zu plätten – leider war es der Junge des Principals. Und so war es aus mit der Karriere gewesen – aber fürs Sheriffsbüro hatte es wohl gereicht.
»Also, wer ist der Spinner? Euer Freund?« Steves Stimme summte vor Wonne.
»Der Weihnachtsmann …«, meinte Ray, hörte sich selbst lachen.
»Aha, und ich bin dann der Osterhase«, antwortete Steve und trat zu. Seine Stiefel hoben Ray vom Boden. Rays Rücken krachte an die Wand. Mit dumpfen Keuchen blieb er liegen.
»Nein … du, du … Wichser. Wir haben ihn geholt, damit er dich wegbringt.«
»Du Idiot«, fiel Steve ein. »Der Weihnachtsmann macht das nicht. Das macht der Krampus!«
»Was auch immer.«
»Kommt zur Befragung. Ihr habt 5 Minuten Zeit, um euch frischzumachen und euch ne gute Geschichte auszudenken. Sonst wars das mit Weihnachten, Ostern und jedem anderen Fest.«

10 Minuten später saßen sie auf stählernen Stühlen dem alten Mann gegenüber, dessen Bart noch immer Brandspuren trug. In der Ecke stand der Sheriff und murmelte was in sein Telefon.
»Wieso habt ihr mich geholt?«, fragte er.
»Weil … das war ein Zufall. Wir wollten den Teufel …«
Der Alte winkte ab. »Ach Jungs. Ich muss trotzdem was sagen. Ich weiß nicht, wie …«
Der Sheriff legte den Hörer auf. »Das mit den Fingerabdrücken passt nicht. Wer sind Sie? Ein Kommunist? Hat die UdSSR nun Weihnachtsmann-Agenten?« Er schlug auf den Tisch.
Der Alte schüttelte den Kopf. »Ich kann mich nicht wirklich erinnern. Ich glaube, da war ein Kampf.«
»In der Bar.«
»Nein, dort, von wo ich herkomme. Am Nordpol.«

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