Das Gebäude hing zwischen Himmel und Erde, ein Würfel aus grauem Stein. In den Gittern schwebten Spinnweben umher, sangen von vergessenen Wirklichkeiten.
Santa bewegte sich mehr als nur unruhig zwischen den Ecken der rollenden Gefängniszelle umher. Vor ihm lag Rob, so grau wie die Welt. Er musste den Jungen retten und er wusste auch wie, aber die Entscheidungen und die Rituale, die folgten, würden in kurzer Zeit eh obsolet werden. Er hatte seine Frau damals gerettet, weil er die Möglichkeit dazu gehabt hatte. Baldur ritt in Front der Gruppe, blickte sich nicht einmal um, als Santa ihn rief. Wie war der Junge hierhergekommen?

Auf ein Zeichen Baldurs hin öffnete sich ein Tor, rollte eine metallene Zunge aus, die sich in den Boden bohrte. Die Reiter und der Wagen folgten dem Befehl.
Graue Finsternis hüllte sie ein. Die Räder holperten durch faustgroße Löcher. Santa wurde herumgeworfen, doch es kümmerte niemand anderen. Fackeln deuteten den Weg ins Innere des Gebäudes.
Sie hielten an. Baldur stieg ab, wanderte zum Wagen, öffnete mit einer Handbewegung die Tür. »Komm schon, alter Mann«, meinte er und lächelte.
Santa versuchte, es ihm gleich zu tun, aber Worte und Taten waren nicht im Einklang. Baldur war immer ein Wesen des Frühlings gewesen – und er starb stets im Herbst, kurz nach dem Erntedankfest. »So verbringst du also deine Zeit?«, fragte er.
»Besser als das wird es nicht«, antwortete ihm der junge Mann.

Zwei Reiter schleppten Rob aus dem Wagen, er wurde auf eine Bahre gelegt.
»Gehen wir«, meinte Baldur und wanderte davon.
Santa blickte sich um. Die Halle schien sehr hoch zu sein. Die Wände bestanden aus Gefängniszellen, aus denen Arme ragten oder in denen unsichtbare Augen auf Rettung warteten. Doch niemand schrie oder rief um Hilfe. Der Platz roch nach Trostlosigkeit. Eine einzige Lichtquelle war ein winziges Quadrat in der Ferne.
Auf einen Befehl hin legten die Männer Robs Leiche ab und hoben ihn auf einen Tisch.
»Was ist das für ein Platz?«, fragte Santa.
»Das«, antwortete Baldur, »ist eine Sklavenzentrale. Glaubst du, deine Elfen kommen freiwillig zu dir?«
»Was?«
»Wir haben den Auftrag, alle paar Jahre neue Elfen zu liefern. Sie gehen natürlich durch gewisse Prozesse, um ihre Körper und ihre Geister deinen Wünschen anzupassen.«
»Das … ist eine Lüge.«
»Lüge«, meinte Baldur und kratzte seine Stirn. »Das erklärt, wieso du in Krampusland herumrennst und wieso wir dich suchen sollen. Suchen und töten. Willst du einen Stuhl?«
Santa sank zu Boden. Das Metall schepperte. Der Stuhl kam zu spät.
»Ich … habe nichts damit zu tun.«
»Das sagte ich doch schon. Vermutlich weißt du gar nichts davon.«
»Aber woher sind diese … Menschen?«
»Nicht nur Menschen. Wesen. Dinge. Einige landen hier automatisch kurz nach ihrem Tod oder kurz vor ihrem Tod. Andere verschwinden einfach von der Erde. Während der letzten 20 Jahre sind zehntausende Menschen verschwunden. Und wer will sie schon finden? Wir nehmen uns ein paar davon. Der Nordpol braucht Elfen. Selbst die Zahnfee braucht Wesen, die ihr beim Sammeln helfen. Aber irgendwann kommt die Zeit, in der man sich überlegt, wie es ist, wieder ein Mensch zu sein. Glaub mir. Jedes Jahr bringt mich Loki um und ich verbringe eine grauenhafte Zeit hier unten. Und als ich hörte, dass du verschwunden bist und man deinen Tod will, dachte ich mir, dass es meine Chance ist, diese Welt zu verlassen.«
»Ich kann dich nicht retten«, meinte Santa. »Die Welt hat Regeln und die muss ich befolgen.«
»Gerade du, Santa«, antwortete Baldur, »gerade du solltest wissen, dass jede Regel gebrochen werden werden kann. Leben und Tod sind nur Worte. Ich werde es dir beweisen und du wirst mir helfen, egal wie.«
Baldur stand auf, gab seinen Männern einen unhörbaren Befehl. Einer der Männer präsentierte eine leere Phiole, die anderen packten ihn, rissen ihm die Rüstung von der Schulter. Dort steckte er also, der unheilige Mistelzweig, tief in Baldurs Brustkorb. Die verwunschene Waffe ließ sich nicht aus seinem Fleisch reißen, so stark war Lokis Fluch. Ein einsamer Blutstropfen erschien. Eine alte Kraft erfüllte den Raum.
»Rette den Jungen.«