Hayes – Giftiger Wein – Kapitel 2

Hayes – Giftiger Wein – Kapitel 2

Das Gras hinter der Stadt erinnerte an ein grünes Meer. Der Wind ließ Wellen aufsteigen und versinken. Zwischen den riesigen Feldern ragten einzelne Bäume in den blauen Himmel hinauf, so hoch, als könnten sie die Wolken berühren, die wie Schiffe durch die endlose mittägliche Weite über Hayes Kopf fuhren. Ihre Augen waren halb geschlossen, als würde sie die Welt ausblenden, als würden ihre Gedanken Besitz von ihrem Körper ergreifen, ihn einsaugen wie eine alte Finsternis einen neuen Stern. Hildegard schritt voran. Sie hatte keine Eile. Sie hatte in ihrem langem Leben nie Eile gehabt. Das Leben im alten Dorf war ruhig gewesen und bis auf das Erlebnis mit dem Kristallbären vor einem halben Jahr war alles weiterhin ereignislos für sie geblieben. Deshalb wunderte es sie auch nicht, dass die Hayes keinerlei Anstalten machte, in eine spezifische Richtung reiten zu wollen.

Die Reste der Stadtmauer verschwanden hinter den Hügeln, die das Tal umsäumten, die alten Ländereien des toten Barons. Einige Bauernkinder spielten zwischen den Ruinen, die wie Erinnerungen an gute Zeiten wirkten, als jeder seinen eigenen Gott, seinen eigenen Plan vom Leben hatte. Doch dann hatte Aracus die Zepter an sich genommen, hatte sie aus den verbrannten Händen der alten Herren Kinsuls gerissen und mit seiner Kraft, die eine Sonne zum Verglühen bringen konnte, zu einem verschmolzen, zu einer goldenen Kugel, die die Form Kinsuls annahm und hatte damit die Herrschaft über diese Welt übernommen. Doch er war gnädig gegenüber den alten Gläubigen gewesen und hatte erlaubt, dass die Erinnerungen an alten Vergangenheiten überlebten, aber nur noch als Reste ihrer falschen Botschaften.

Die Kinder beteten jedenfalls niemanden an. Dennoch stoppten sie ihr Spiel und starrten die Reiterin an, die in Richtung der Weinberge ritt.

»Wohin wollen Sie?«, fragte ein Mädchen. Ihr Gesicht wirkte gehetzt, durchzogen von alten Träumen, die nicht vollständig vergessen werden konnten, auch wenn sie wach war. »Sie wollen doch nicht zur Burg?«

Hayes öffnete ihre Augen, wandte sich zu dem Kind um. »Warum?«, fragte sie.

»Da … da lebt ein Monster.«

Die anderen Kinder nickten heftig.

»Und was ist das für ein Monster?«

»Es …«, das Mädchen stoppte. Ihre blauen Augen strichen über das Gras vor ihren Füßen.

»Es ist groß und hat rote Augen und es grunzt und es frisst Menschen und Tiere«, meinte ein Junge, kaum älter als 8 oder 9 Jahre. Auch er konnte seinen Blick nicht heben.

»Gehen Sie nicht dorthin. Bitte«, meinten die anderen beiden Kinder, scharrten mit ihren blanken Füßen im Dreck.

»Warum denn nicht? Ich kann doch das Monster töten.«

»Aber wenn Sie es nicht schaffen, dann wird es böse und kommt ins Dorf und dann macht es uns die Häuser kaputt.«

»Ist das denn schonmal passiert?«, fragte Hayes.

»Ja, vor 7 Wochen. Da ist so ein alter Mann durch das Dorf geritten. Der ist dann in die Burg geritten und dann kam das Monster, direkt in der nächsten Nacht.«

»Wie sah der Mann aus? Hatte er einen langen weißen Bart und einen goldenen Stab bei sich?«

»Kannten Sie den Mann?«, fragte das Mädchen und hob ihren Blick.

»Nicht persönlich«, murmelte Hayes. Sie bedankte sich bei den Kindern, warf ihnen ein paar Drili zu, damit sie sich etwas zu Essen kaufen konnten und ritt weiter. Die Kinder schwiegen noch lang, nachdem Hayes verschwunden war. Dann rannten sie davon. Stille kehrte wieder ein.

Hayes ritt nicht durch das Dorf. Die Blicke der Kinder hatten gereicht, um jegliche Hilfe der Bauern von vornherein auszuschließen. Stattdessen nahm sie einen Abzweig, einen Weg, der laut ihrer Karte, die sie von Adept Willem bekommen hatte, von der Hauptstraße abbog und durch die Apfelhaine führte, die auch dem Tempel gehörten.Der Weg war eigentlich nur ein Pfad, der sich um die Hügel und dann, hinter einem hölzernen Tor, direkt zur Burg hinaufführte, unbekannt für die Bauern oder zumindest unbeliebt, denn er wurde von einer Schlucht von vielleicht 30 Ellen unterbrochen, über die eine Brücke ragen sollte, die aber nicht geeignet war für Wagen, gepackt mit Weinfässern.

Der spätsommerliche Duft der Äpfel wirkte wie eine Erinnerung an alte Zeiten, an gute alte Zeiten. Bienen summten durch die Mittagssonne, hüllten ihre Stöcke und die Baumstämme mit ihren Stimmen ein, mit ihrer Freude an der harten endlosen Arbeit und dem Willen der Bienenkönigin, die irgendwo inmitten von Schleim und Drohnen lebte und endlose Kinder gebar. Die dumpfe Hitze, die trotz der schattigen Bäume bis zum Boden zu reichen schien, presste Hayes auf ihr Pferd und auch das Pferd Hildegard freute sich, ohne dass es dies wusste, auf den frischen echten Schatten der Weinberge, die aus der Ferne herankrochen, jedoch viel zu langsam.

»Wer da?«, fragte eine Stimme aus dem Dickicht vor Hayes. Sie war nicht bewusst bis hier geritten, war zwischendrin eingenickt. Das Holztor war so plötzlich vor ihren Augen erschienen wie der Mönch, der ihr mit einem dicken Knüppel drohte, Misstrauen in seinem Blick.

»Ich bin Hayes. Ich bin auf dem Weg zur Burg.«

»Zur Burg«, fluchte der Mann und spuckte aus.

»Ich bin im Auftrag Willems hier.«

»Willem auch noch. Dieser Idiot schickt also eine Fremde hierher. Wozu?«

»Ich bin Hayes. Ich soll den Erzpriester …«

»Hayes. Ich dachte, es gibt euch gar nicht.«

»Und ich dachte, alle Mönche wären intelligent. So irren wir uns beide.«

»Haben Sie ein Schreiben, damit ich Sie durchlasse?«

»Schreiben? Meinen Sie nicht, Bruder Sowieso, dass ich nicht Mittel und Wege habe, durch das Tor zu kommen, ohne dass ich Ihre Hilfe brauche?«

»Das Tor ist einfach, Frau Hayes. Das Tor ist nur Zierde. Ihr Schreiben?«

Hayes griff in die rechte Satteltasche und zerrte eine Brief hervor, warf sie dem Mann zu. Er brach das Siegel, öffnete die komplexen Faltungen und öffnete den Brief. Er las, sein Mund bewegte sich unhörbar. »Das kann nicht sein«, murmelte er.

»Was?«, fragte sie.

»Dieser Idiot …«, antwortete er, hob sein Gesicht, betrachtete sie, drehte sich um. »Liebstock«, brüllte er, einmal, zweimal. Nach einer Ewigkeit erschien eine filigrane Gestalt aus einer Tür, die Hayes bisher nicht gesehen hatte.

»Ja?«, fragte der alte Mann, dessen Bart bis zu seinem Nabel zu gehen schien, dessen Glatze wie ein dritter Mond leuchtete.

»Adept Willem hat einen Befehl erlassen. Frau Hayes, also diese Dame hier, darf die Brücke überqueren. Öffne das Tor. Außerdem hat Willem geschrieben, dass diese Frau hier nicht allein zur Burg darf. Es wäre Hilfe notwendig, meint Willem, dieser Narr …«

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