Hayes – Die verlorene Prinzessin – Kapitel 9

Hayes – Die verlorene Prinzessin – Kapitel 9

»Prinzessin?«
Die Angesprochene, die in der kleinen Kammer saß, reagierte nur sehr langsam. Ihre halb geschlossenen Augen glitten nach oben. »Robert?«, fragte sie.
»Nein, ich … ich bin Hayes. Ich komme, um Sie zu befreien.«
Hayes blickte sich um. Die Kammer sah nicht gerade wie ein Gefängnis aus, eher das Gegenteil. Die Wände waren kahl, aber wirkten nicht so einschränkend wie der goldene Käfig oben im Turm. Hinter ihr knirschte der Boden. »Bleib liegen, Mann. Bleib liegen.«
»Robert?«, fragte die Prinzessin.
Der Mann keuchte leise.
»Was haben Sie mit ihm gemacht?«
»Ich komme, um Sie zu retten, Prinzessin. Ihr Vater …«
»Mein Vater?«, zischte die Frau. Ihre Augenlider schossen in die Höhe. »Mein … Vater … ist er da?«
»Seine Männer kommen den Gang herunter. Sie werden bald da sein.«
»Nein, das darf nicht sein. Ich … bin nicht so weit. Verstehen Sie … der Spiegel …«
Sie verdrehte ihre Augen. Die Erschöpfung musste sie gepackt haben, musste die letzten Reste ihrer Kräfte verbrannt haben, um diese emotionale Situation zu überstehen. Robert bewegte sich immer. »Das können Sie nicht tun, Hayes. Sie wissen gar nichts. Gar nichts!«
»Du und deine Männer, ihr habt die Prinzessin entführt mit Hilfe von Marie, der Zofe. Das ist so klar wie der Himmel. Wolltet Ihr den König erpressen? Wolltet ihr, dass er flieht, dass er vielleicht seine Verbindungen verliert? Er hat mich beauftragt, die Prinzessin zu finden – und da ist sie. Der Rest steht nicht zur Debatte.«
»Wir brauchen sie. Der Spiegel ist …«
»Was auch immer …«, murmelte Hayes und stand auf. Sie hob die Prinzessin auf ihre Arme. Die junge Frau wirkte sonderbar leicht, als habe sie seit Wochen nichts gegessen. Nein, da war Magie im Spiel. Magie, die das Leben aus Menschen heraussaugte, als wären sie lediglich Puppen aus Holz und Wachs, deren einziges Schicksal es sei, ihr zu dienen.
Sie wanderte aus der Kammer in den Gang, vorbei an der zitternden Gestalt des Mannes auf dem Boden. Sie durchquerte das große Zimmer, das sie nur im Schatten sah. Der Spiegel hing in der Ferne, eine halb zerborstene Absurdidät, die nicht einmal das Spiegelbild anzeigte, lediglich einen Haufen dumpfer Scherben, die verschiedene Bilder präsentierten. Der Raum musste ein Labor sein. Der Dolch in Hayes Besitz summte leise. Vermutlich war dies eine der Wirkungsstätten des verlorenen Herzogs gewesen. Oder jemand hatte einfach ein paar Wagen voll nichtsnutzigem Gerümpel über die Hänge gezerrt. Sie hatte keine Zeit, sich umzuschauen. Der Gang wurde höher und breiter, bis er wieder an einer Tür endete. Sie öffnete sie.

»Hayes!«
»Von Siep-Zeilip«, murmelte Hayes. Überraschung wäre anders gewesen. »Faszinierend, dass Sie bereits hier sind.«
»Wir … fanden jemanden. Eine Frau. Ich meine, die Frau.« Er pfiff. Einer der Männer, die ihm in die Tiefe gefolgt waren, zerrte die Frau hervor. Ihr Gesicht war … nicht mehr ein ganzes Gesicht. »Wir haben sie entsprechend befragt und sie hat uns, nicht ohne Verzögerungen, den Weg in diese Tiefe gezeigt.« Er blickt sich um. »Rebellen also. Erpressung, nicht wahr?« Sein Mund verzog sich, wurde zu einem Lächeln. »Sie haben die Prinzessin gefunden, Frau Hayes. Ich sehe, dass die Empfehlungen nicht übertrieben sind. Übergeben Sie sie mir, bitte. Wir werden schnellstens ins Schloss zurückkehren und sie gesund machen.«
»Gesundmachen? Lassen Sie das arme Mädchen schlafen und geben Sie ihr etwas zu essen.«
»Nun, also ja. Natürlich.« Hinter ihm knurrte einer der Männer, den Hayes vor Minuten noch schlafengelegt hatte. Von und zu wirbelte herum. »Sie haben ganze Arbeit geleistet, Hayes.« Er trat zu. Rippen knackten. »Rebellen können sich nicht benehmen, müssen Gespräche zwischen Erwachsenen immer wieder unterbrechen.«
Er pfiff noch einmal. Zwei Männer traten nach vorn, hielten ihre Arme ausgestreckt. »Die Prinzessin, bitte …«
»Ich werde sie gerne persönlich Seiner Majestät überbringen.«
»Seine Majestät hat mich beauftragt, die Prinzessin zurückzubringen, sobald Sie sie gefunden haben.« Er lächelte wieder. »Ihre Aufgabe ist erledigt. Wir haben sogar Ihr Pferd mitgebracht. Sie haben also nicht mehr die Notwendigkeit, das Schloss betreten zu müssen. All das dient zu Ihrem besten, Hayes.«
»Nein, nein«, schrie die Prinzessin. »Nein, ich will nicht. Ich will nicht mitkommen. Nein!« Sie begann, wild mit den Armen und Beinen zu strampeln. Hayes hatte Mühe, sie festzuhalten. »Nein«, brüllte sie weiter. »Das ist falsch, das ist eine Lüge!«
Von und zu pfiff wieder. Die beiden Männer traten nach vorn und begannen, die junge Frau mit sich zu zerren. Ihr Kleid zerriss an einigen Stellen. Ihre Haare flatterten im Wind des Wahnsinns.
»Ich glaube, die Prinzessin will nicht«, meinte Hayes. Sie wanderte ein paar Schritte, hin und her, als ob sie den Boden absuchte, doch ihre Augen waren stets auf die Männer gerichtet, deren Uniformen im Licht des Lagerfeuers zu summen schienen.
Von und Zus Gesicht zuckte. »Lassen Sie das, Hayes. Sie wissen nicht, mit wem Sie sich anlegen. Nicht alles ist hier so, wie es scheint. Ich glaube, die kleine Amalia hat sich in einen der Rebellen verliebt und tut nun alles, was in ihrer Macht steht, um bei ihm zu bleiben. Als ob ihre Magie ihnen helfen könne … oh«, ergänzte er. »Das hätte ich nicht sagen sollen. Auf der anderen Seite ist es jetzt auch gleich. Gehen Sie Ihrer Wege und kommen Sie nie wieder. Alternativ …« Ein Summen strömte durch den Raum, ein bizarres Geflecht aus Silben und Lauten, die nichts zu bedeuten schienen, aber gerade deshalb umso mehr.
»Du!«, zischte der Mann, den Hayes unter dem Namen Robert kannte. Ein Strahl schoss durch die Finsternis, hüllte alles in dumpfes Grün. Von und zu wurde zurückgeworfen, taumelte ein paar Schritte, blieb stehen, drehte sein Gesicht dem Angreifer zu. Es war nicht nur ein Gesicht, nein, wenigstens derer zwei, die um die Herrschaft über Fleisch und Haut kämpften. Muster bissen ineinander, wirkten wie wilde Tiere. Löcher wurden aufgerissen und wieder geschlossen. Wucherungen wölbten sich auf und glätteten sich wieder.
»Das war wohl nichts«, knirschte der Schädel, der sich innerhalb von Augenblicken wieder in das Gesicht des altbekannten Von und Zu geformt hatte. »Jetzt bin ich dran.«
Der Hieb, der durch die Höhle schoss, brachte die Säulen zum Zittern. Der Boden bebte. Staub und Steine schwebten lautstark von der Decke herunter. Robert wurde zurückgeworfen. Sein Schrei verhallte in der Finsternis.
»Los, Männer, die Treppe hinauf. Lasst den Rest der Hunde verkümmern!«
Eine Klinge schoss durch die zitternde Dämmerung. Hayes war schnell, aber der Mann, der ihr gegenüberstand, hatte mehr als nur Glück. Er streckte die Hand aus und ein Stein, der sich gerade zwischen Hayes und ihm befunden hatte, schoss nach vorn, traf sie auf den Brustkorb. Sie vermeinte, das Knirschen von Knochen zu hören, dann wurde sie von ihren Füßen gehoben und flog in die Nacht hinter ihr.

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