Nachdem sie der König durch die Engen geführt hatte, die noch tiefer in den Berg und damit noch weiter weg von Licht und Luft gebohrt worden waren – sei es durch Menschenhand oder durch Natur selbst, ging es doch irgendwann wieder aufwärts. Die Luft wurde frischer, kühler. Die Fackel in Roberts Hand flackerte weniger gespenstisch. Dann wurde, nach einer letzten Windung im Gestein, endlich Tag. Oder besser: Mittag. Die Sonne stand weit über dem prachtvollen Tal, das sich vor Hayes ausbreitete. Dichte Wälder krochen über die Landschaft wie das Fell eines lebenden, also atmenden Tieres. Und dennoch konnte – musste! – hinter all der Pracht das Unheil lauern. Die Welt war nicht schön und nett, sie war gefährlich, tödlich – zumindest zum Ende des eigenen Lebens.
Hayes blickte sich um, starrte auf die Gipfel der Berge, die um den versteckten Ausgang des Höhlensystems gebaut worden waren, von welchen Kräften auch immer. »Vermutlich dauert es Stunden, bis ich mein Pferd finde«, murmelte sie, zerrte einen Grashalm aus dem Boden, begann, an ihm herumzukauen, als hätte er eine Bedeutung. Sie zuckte mit den Schultern und machte sich auf den Weg, folgte einem Pfad, der kaum merklich in den steinigen Untergrund getreten worden war. Nur ein paar Steine hier und da zeigten, dass echte Menschen oder Besitzer von Füßen oder Hufen hier entlang gekommen waren. Hier oben gab es nur Ziegen und andere Geschöpfe, Geschöpfe, die keiner sehen wollte. Die Büsche, die wild herumwucherten, trugen weder Beeren noch andere Zeichen, dass sie je von der Existenz anderer, beweglicher Kreaturen abhängig waren; dafür war der Wind hier oben stark. Ja, der Wind hier oben fühlte sich rein an, rein und kalt, ein Gegner, den man überwinden musste. Leider hatte Hayes nicht gerade die beste Kleidung dafür dabei – und Helga stand, hoffentlich noch lebendig, in einer Koppel des falschen Königs.
Bald wurde der Abstieg steiler und sie musste sich manchmal mit beiden Händen an den dornigen Sträuchern festhalten, die ihre Zähne in ihre Handflächen bohrten. Mit jedem Schritt wurden winzige Lawinen ausgelöst, die sicherlich Leute in Angst und Schrecken davonrennen ließen, aber vielleicht war sie auch nur allein. Würde sie hier sterben? Das wusste niemand, nicht einmal die Götter.
Die Wanderung bis zum Weg, der den Berg umkreiste, schien aus tausenden winziger Bewegungen zu bestehen, aus Schritten, Sprüngen, aus dem Knirschen der Stiefel auf dem selten festen Untergrund, aber irgendwann, als ob es eine Belohnung sei, sah sie die hellen Streifen unter sich, auf dem ein Karren glitt, gezogen von einem Ochsen, geführt von einem Menschen. Jetzt wusste sie, dass sie falsch gewandert war. Sie fluchte. Ein Stein löste sich, direkt unter ihren Füßen, schoss in die Tiefe, nur eine Handbreit hinter dem Wagen, dessen Fahrer nun, nachdem er sich panisch umgeschaut hatte, seinem Tier mittels der Peitsche mitteilte, gefälligst schneller zugehen, was dem Tier vollkommen egal zu sein schien.
»Halt!«, rief Hayes und rutschte – diesmal eher freiwillig – in die Tiefe. Die Steine, die ihre Rüstung bisher in Ruhe gelassen hatten, schoben sich in die Risse im Leder und bohrten sich in ihre Haut. Sie konnte jeden einzelnen Biss fühlen, aber es gab nun keinen Halt mehr, nicht, wenn sie irgendwann die Männer des echten Königs treffen wollte.
Tatsächlich überrascht hieb der Fahrer des Wagens noch heftiger auf die Rückseite des Ochsens ein, den es jetzt noch weniger kümmerte, was der Mann wollte, denn das Tier blieb stehen und blickte sich um.
»Halt, verdammt!« Der Ruf wurde vom Echo dutzender Steine überrollt, die Hayes letzten Sprung begleiteten. Ihre Stiefel schossen in den von winzigem Geröll geformten Hügel. Sie rollte sich ab, zweimal, dreimal, bis sie sich sicher fühlte, nicht von einem der großen Brocken zermalmt zu werden.

Schritte näherten sich, überaus vorsichtig.
»Ja?«, fragte eine Stimme.
Hayes grunzte leise. Eine Fliege landete ein paarmal auf ihrem Gesicht. Sie wischte sie davon, bekam die Peitsche des Mannes zu fassen und riss sie ihm aus der Hand.
»Hey!« Der Mann schien hörbar verärgert zu sein.
Hayes öffnete ihre Augen, kratzte sich den Staub von ihrem Gesicht. »Danke, dass Sie gewartet haben«, fluchte sie.
»Das ist meine Peitsche.«
»Das ist mein Gesicht!«, zischte Hayes, richtete sich auf und warf dem Mann die Lederpeitsche zu, der sie auffing, als wäre sie mehr wert als sein Leben.
»Was wollen Sie?«, fragte er. Sein Blick glitt über ihren Körper, versuchte herauszufinden, ob sie gefährlich war – oder nur attraktiv.
Sie lächelte.
Er trat zurück, als habe er begriffen. Sie war gefährlich.
»Wohin fährt der Wagen?«, fragte sie.
»Äh, was?«
»Wohin fährt der Wagen?« Hayes zog eine Augenbraue hoch.
Der Mann, dessen Kleidung deutlich teurer schien als seine Reaktion auf ihre simple Frage, wiederholte die Frage, als wäre er nicht sicher, ob er sie verstanden hatte.
»Der Wagen fährt dorthin, wo ich hinwill«, antwortete er endlich. Sein Grinsen hätte Wolken zerlegen können.
»Und wohin wollt Ihr?«, fragte Hayes und zerrte eine Münze aus ihrer Tasche.
Der Widerschein des Silbers glitzerte über dem Gesicht des Fremden. Sein Lächeln verstummte. Seine Augen sprachen jedoch Bände. »Wohin wollt Ihr?«, fragte er.

Erst als die Dämmerung ihre Schatten über die Täler zerstreute, konnte Hayes die Stelle sehen, an dem der Schal der Prinzessin im Baum gehangen hatte, aber das Pferd war nicht mehr angebunden. Und der Baum fehlte auch, als habe ihn ein bösartiger Mensch einfach abgehauen, um ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen, dass hier gar nichts existierte, das einer Aufmerksamkeit bedürftig gewesen wäre. Hayes ließ den namenlosen Fahrer seinen Weg fortsetzen. Hier wäre es gefährlich gewesen, den Wagen wenden zu lassen. Außerdem hatte sie zu Pferd einiges an Zeit gebraucht, um zum Feld mit dem See zu gelangen. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, wenn sie angekommen war. Sie kannte das Losungswort, aber sicher würde man sie ungern mit offenen Armen, geschweige denn offenem Herzen empfangen. Dafür hatte sie genug Schaden angerichtet. Sie hatte sich diesmal betrügen lassen. Ein gewisser Schmerz hing in ihrem Herzen. Sicherlich war sie naiv gewesen – oder idealistisch. Doch sie musste aufpassen, keinem zweiten Monster zu vertrauen, nur weil seine Geschichte mehr Gefühl beinhaltete.

»Ich glaube, ich fahre nicht weiter.«
Die Aussage war klar und deutlich und Hayes konnte sie verstehen. Vor ihnen erstreckte sich das Panorama der Wiese, des Sees und der Bäume, alles nun im hellen Tageslicht, deutlich hübscher als vorher. Selbst die Hütte sah freundlicher aus – auch wenn ihr Gewalt angetan worden war. Hayes stieg ab und schlich davon, hörte noch, wie der Fahrer hinter ihr fluchte, während er sein träges Gefährt über die holprigen Pfade rollen ließ.
Sie öffnete die Tür der Hütte und blickte hinein. Hier drinnen war alles ruhig, kein Atemzug war zu hören. Sie schloss die Tür wieder und zog sich zurück, wanderte um das Gebäude herum, suchte die bezeichneten Freunde des echten Königs.
»Hey!«, rief eine Stimme.
Hayes schoss nach oben, schaute sich um. Dort, hinter den Bäumen, bewegten sich Schatten. Es waren wenigstens drei Männer. Ihre Waffen blitzten rötlich auf, doch ihre Schritte selbst wirkten schwächer als erwartet. Hayes konnte sehen, wieso. Sie waren verletzt, teilweise blutig geschlagen. Einer der Männer trug seinen rechten Arm in einer Binde. Die Stimme kam von einem der Anführer, den Mann, den Hayes schon vorher gesehen hatte, jenem, den sie niedergeschlagen und das Pferd gestohlen hatte.
»Hey«, wiederholte die Stimme.
»Guten Tag, die Herren«, rief Hayes zurück, streckte ihre Hände aus, um zu zeigen, dass sie unbewaffnet war.
»Vorsicht«, meinte der Anführer. »Ich kenne sie. Bleibt ihr fern. Sie gehört zu Soveno.«
»Nicht. Nicht mehr. Ich habe mit Robert gesprochen, Satic. Dem echten König.«
»Wirklich?«
Hayes schob eine Hand in ihre Tasche und zerrte ein Objekt heraus, warf es ihm zu. Er griff danach, doch sein Gesicht zeigt an, dass er Schmerzen litt.
»Das ist das Emblem des Fuzan-Ordens. Das ist verboten«, meinte der Mann.
»Das ist sein Zeichen. Wir fürchten nicht Aracus, wir fürchten nicht Koros.«
»Wir fürchten den Fuzan, denn er ist ewig.«
»Und wir Menschen sterben zu früh.«

Der Mann lächelte und kam näher heran. »Mein Bart schmerzt noch immer, Hayes.«
»Ein Bart auf dem Feld ist eine Schwäche.«
»Ich bin eitel.«
»Hallo Eitel, ich bin Hayes.«
Der Mann grinste bitter. »Ich bin Kemor, ich gehörte zu Satics Beratern beim Kampf gegen Soveno. Und nun, da Soveno König ist, bleibe ich meinem echten Herren treu.«
»Kemor, der Name kommt mir bekannt vor.«
»Es sind alles Gerüchte, Hayes. Ich kann diese Heldentaten gar nicht alle begangen haben, sonst wäre ich hundert Jahre alt.«
Beide lachten. Die anderen beiden Männer traten näher.
»Das sind Sobir und Robis, Zwillinge, meine Neffen.«
»Der Kampf für das Gute liegt also in der Familie?«, scherzte Hayes, doch die drei Männer reagierten nicht gerade begeistert darauf.
»Soveno ist unser Großvater«, meinte Robis oder Sobir.
»Oh«, antwortet Hayes. »Euer Vater?«, fragte sie Kemor.
Er nickte. »Vermutlich bin ich deshalb durch die Welt gezogen, um das Böse zu bekämpfen. Jede Generation rebelliert, wenn sie klug ist.«
»Ihr seid verletzt.«
»Wir wollten gerade aufbrechen, da kam eine Gruppe von Sovenos Kriegern, ein halbes Dutzend. Nun, sie leben nicht mehr.
»War auch Bernhard von und zu …«
Kemor winkte ab. »Wäre der dabeigewesen, wären wir sicher tot – oder schlimmeres.«
»Die Versteckten?«
»Ja. Eine grandiose Idee meines Vaters, nicht wahr? Untote Sklaven oder zumindest geistlose Diener zu benutzen, die weder Zorn noch Furcht fühlen. Also, Ihr meintet, Robert, Satic wäre am Leben. Aber die Prinzessin?«
»Von und zu …«, murmelte sie.
»Ich verstehe. Und die anderen?«
»Tot. Zumindest nicht lebendig.«
»Verflucht. War aber klar, dass mein Vater den Besten durch die Gegend schickt. Er hat Euch nicht vertraut – er vertraut nur seinen eigenen Kreaturen. Gehen wir in die Hütte. Wir müssen reden, was wir tun sollten. Hat Robert einen Weg gefunden, der uns nicht gleich alle tötet?«
»Diese Frage kann ich nicht beantworten.«