Der goldene Zweig

Der goldene Zweig

Stille hing über dem ewigen Wald wie eine Hand, die versucht, einen Bach zum Verstummen zu bringen. Vögel zwitscherten zwischen den Zweigen, legten ihre Schatten über die Reste des Sonnenlichts, das nur zaghaft durch die ewig grünen Blätter der großen Bäume glitt, Bäume, deren Wipfel in den Himmel ragten, wo sie den Göttern Lieder sangen, während ihre Wurzeln so tief in den fruchtbaren Boden ragten, dass sie von den Säften der Toten zehren konnten, die im Inneren der Erde schliefen. Die Zeit hatte keinen Ursprung in der Welt und die Welt war schon ewig existent – zwei ungleiche Titanen, die im Wettstreit miteinander lagen, bis ans Ende ihrer Wirklichkeit.

Doch die Zeit wirkte auf die Kreaturen der Erde ein.

Unter einer hohen Stirn, die von Falten überzogen war, ähnlich einem Acker, das von einem unsterblichen Bauern bearbeitet wurde, hingen zwei buschige Augenbrauen, so weiß wie die Sommersonne. Es folgten zwei Augen, die, obschon mit müden Augenlidern bedeckt, noch immer die Gegend durchwanderten, scharf, konzentriert wie die eines Adlers. Unter der herrschaftlichen Nase, umgeben von einem Bart, der wenigstens eine Elle lang war, lag ein schmaler Streifen von Mund, gesäumt von dünnen Lippen, aus denen Atem drang, scharf und alt.

Alt war der Mann, das konnte jeder sehen. Seine Hände zitterten leicht, hielten den Griff des Schwertes gepackt, als würden sie es jederzeit loslassen. Sein Gewand aus grauer Wolle, gewebt in einer Zeit, bevor die Grotte hinter ihm zum Tempel der Heiligen Diana ihre Kraft entfaltet hatte, kratzte nach all den Jahren nicht mehr, dennoch hinterließ sie ein Jucken in seinen Schulterblättern, dort, wo er seit Jahren die große Narbe trug, die ihn daran erinnerte, welcher Tag heute war.

Ihm gegenüber, in ebensolcher Manier, stand ein anderer Mann. Er hatte noch nicht die Weisheit des Alters in sich, trug auch nicht das Gesicht der Geduld. Auch seine Hände zitterten leicht, aber aus anderen Gründen. Der junge Mann starrte den Alten an, betrachtete das Äußere des Priesters, senkte seinen Blick auf seine Kleidung, die halb zerrissen an ihm hing, bedeckt vom Blut der anderen, die hinter ihm lagen, dort, unter dem heiligen Baum, umgeben von einer Schar von Jüngern, die aus der Umgebung gekommen waren, um zu erleben, dass ein neuer König gekrönt würde. Oder dass der alte König, der Priester dieser Stätte, weiterregieren würde. Viele Männer und Frauen hatten nie einen anderen Priester gesehen, konnten sich nicht an die letzte Krönung erinnern und auch der König selbst schien vergessen zu haben, wann er, zerlumpt und verletzt vom Baum herabgestiegen war, den Goldenen Zweig in Händen, der von Diana selbst und den Göttern gesegnet worden war, ein Zweig, der von Blättern unberührt, tot, am Baum hing, nur aus diesem Grund, nur als Zeichen des Herausforderers.

Es musste einen Herausforderer geben. Diana war eine starke Göttin, die nur dem stärksten aller Männer, dem cleversten aller Kämpfer, die Erlaubnis gab, ihr zu dienen, ihr das Leben zu widmen, ein Leben voller Ruhm, voller Ehre, voller Ehrfurcht – doch nur, bis sie jemand neuem diese Aufgabe zugestand. Er durfte kein König sein, kein Priester, kein Soldat … kein Söldner, kein Kaufmann, kein Bauer … Diana gab nur einem Sklaven diese Möglichkeit, Diana in ihrer unendlichen Güte. Und sie bestimmte den Tag, an dem er zum König gekrönt werde sollte.

Dieser Tag war heute. Die Sonne sandte ihre Strahlen durch das dicke Dickicht des alten Waldes. In der Grotte flimmerten hunderte Kerzen, dankbarer Opfergaben für erfüllte Träume, Wünsche, Gebete. Deshalb standen die Menschen am Rande des Sees, in dessen Spiegelbild sie die Wolken dahinziehen sahen, doch ihre Augen waren auf die beiden Männer gerichtet.

Beide hoben ihre Schwerter. Sowohl das Zittern ihrer Hände als auch das Zwitschern der Vögel, ja selbst das Raunen des Waldes verschwand hinter ihren Stirnen. Die Welt hielt die Luft an. Das Licht der Klingen schnitt blaue Linien in die Wirklichkeit.

Der junge Mann griff an. Seine Hände waren stark, seine Arme sehnig, sein Angriff tödlich.

Der alte Mann wartete. Seine Augen blieben bewegungslos. Sein Atem stoppte.

Die Klinge fuhr vom Himmel herab, streifte den Boden, wurde von einer Wurzel abgelenkt. Der Alte stand noch immer da, nur einen Schritt von seiner alten Position entfernt. Sein Schwert, das er vor einer Ewigkeit gewonnen hatte, wusste, was es zu tun hatte. Wieder griff der junge Mann an, surrte im Halbkreis durch die Luft, wurde vom Schwert des Priesters gestoppt und zurückgeworfen.

Der junge Mann fletschte mit den Zähnen. Der alte Mann blieb unberührt. Seine Augenbrauen krochen einen halben Zoll nach unten. Jetzt griff der alte Mann an. Seine Bewegungen waren flüssig, unaufhaltsam und von einer solchen Schönheit, dass der junge Mann davon fast hypnotisiert wurde. Dennoch warf er sich zur Seite. Er hielt seine linke Hand. Blut drang aus dem tiefen Schnitt in seiner Haut.

Wieder griff der alte Mann an. Der junge Mann lächelte unbewusst und parierte den Stich mit einem Hieb nach oben, schob die Klinge entlang der feindlichen, bis sie fast die Hand des alten Mannes erreichte, doch dieser ließ die Waffe fallen. Die Schwerkraft ließ sie nach vorn kippen. Der junge Mann stoppte seine Bewegung, verzog sein Gesicht. Der alte Mann glitt unter der Waffe seines Gegners hinweg, packte den Griff seiner Waffe und hieb aufwärts.

Der junge Mann rollte zurück. Blut schoss aus der Wunde, die sich von seinem Kinn bis über seinen Mund zog. Er fluchte leise, spuckte aus. Seine zerfetzten Lippen flimmerten. Er trat zu. Seine Füße erreichten das rechte Knie des alten Mannes. Etwas knackte. Vielleicht war es nur ein Ast, aber der Alte, sein Gesicht ohne Emotion, taumelte nach vorn, rammte das andere Knie in den Waldboden. Die Augen des alten Mannes zuckten leicht. Sein Mund lächelte. Sein Gegenüber lächelte zurück.

Leichter Wind kam auf. Unsichtbare Wellen wanderten über den See. Eine einzelne Wolke, gesandt von der Göttin, legte sich über die Sonne. Die Menge schwieg. Ein Vogel rief nach seiner Gefährtin. In der Grotte flimmerten die Kerzen. Zischend erlosch eine einzelne Flamme. Ein winziger Schatten kroch über in die Welt hinaus.

Die Männer hoben ihre Schwerter.

– Inspiriert von „The Golden Bough“ / „Der goldene Zweig“ von James George Fraze

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