Annabelle – Die Form des Films oder Wenn Horror selbst belanglos wird – Essay (oder so)

Annabelle – Die Form des Films oder Wenn Horror selbst belanglos wird – Essay (oder so)

Als Freund von Horrorfilmen und gleichzeitiger Feigling, wenn es darum geht, sie allein und im Dunkel meiner Wohnung anzuschauen, war es irgendwann klar, dass ich Annabelle sehen musste.

Wer den Film nicht kennt, der – Spoiler Alarm – hat wenig verpasst.

Der Film bzw. die Mini-Franchise (ich glaube, es gibt nun 3 oder 4 Filme) ist ein Ableger der beiden Conjuring-Filme – zumindest des ersten, denn auch in diesem hatte die Puppe mit Namen Annabelle einen Platz. Sie war das Idol eines verbotenen Wesens, eines Dämonen, der sie nutzte, um … nunja, das war in Conjuring nicht klar, aber wozu gibt es Objekte oder Wesen, denen man nicht noch ein paar Cent entlocken kann. Ich erinnere nur an »The Nun« als Ableger des 2. Conjuring-Films, eines Dämonen in Gestalt einer Nonne.

Im Gegensatz zu Annabelle ist »The Nun« als Film, als »Prequel« sozusagen ein ganz herrlicher kleiner Horrorfilm, erinnert an die düsteren italienischen Filme der 70er, genauer gesagt, es wirkt wie ein Spätwerk Fulcis. Ich kann »The Nun«, der von seinen Eindrücken lebt, vom Nebel, der durch Grabsteine schwebt, vom unbekannten Terror, der einen Hauch an »The Keep« erinnert (auch ein Klassiker, sehr empfehlenswert, leider nie ungeschnitten veröffentlicht) – naja, halt: Ich empfehle »The Nun« und »The Keep«.

Annabelle empfehle ich nicht.

Grundsätzlich kann man den Film anschauen, er hat sporadische »Schockmomente«. Diese sind aber so berechenbar, dass selbst ich rückwärts zählen konnte, um bei »0« genau den prognostizierten Effekt serviert zu bekommen.

Zuerst das Gute: Man hat versucht, eine Geschichte zu erzählen.

Der Rest wirkt pathetisch, völlig uninspiriert, billig kopiert – und dafür mache ich ausschließlich den Drehbuchautoren und den Regisseur verantwortlich. Als Schauspieler hat man u.U. wenige Möglichkeiten, sich gegen diese Fließbandarbeit zu wehren. Geld braucht jeder.

Der Film beginnt mit einer Rückblende, zeigt Annabelles böses Grinsen, drei Krankenschwestern erzählen, was die Puppe so tut.

Eine weitere Rückblende geht zurück in die 70er (?) Ein junges Ehepaar erwartet ein Kind. Sie ist schwanger. Er ist der typische Mann, der zuviel an die Arbeit denkt und seine arme Frau nicht wirklich schätzt, aber sich dann doch entschuldigt für einen dummen Spruch, der sie wie üblich verletzt hat.

Er kauft ihre eine Puppe, die schon von vorn herein ziemlich bizarr aussieht, aber hey, der Gedanke zählt, nicht wahr? Natürlich sammelt die Frau Puppen, weil das ja jeder normale Mensch tut.

Neben Puppensammeln hat die Frau übrigens nur ein Hobby: Mit der Nähmaschine nähen und gleichzeitig Fernsehen gucken. Klar. Nähen ist langweilig. Zum Glück ist bisher nichts passiert.

In der Nacht gibt’s Mord im Nachbarhaus. Frau schickt Mann ins Haus. Mann kommt blutüberströmt heraus. »Ruf die Polizei« …

Eine irre Nachbarin dringt ins Haus ein … auch irgendein Mann – Anspielung an die Manson-Familie? Warum nicht.

Nach Gerangel und schnell eintreffender Polizei wird der Mann erschossen, die irre Frau ausm Nachbarhaus stirb auch, malt noch schnell ein Symbol an die Wand – mit Blut – und kippt den Rest ihres Blutes über die eh schon bizarre Puppe. (Das System von Chucky mit seinem Voodoo und Brad Dourif ist schonmal viel geiler).

Der Doktor meint: Durch den Schock muss die junge Frau sich bitte mal zurückhalten, damit sie das Kind gut zur Welt bringt.

Sie ziehen zurück ins alte Horrorhaus. Türen fallen zu. (Ui, Terror). Irgendwo liegt Annabelle herum. Wird natürlich auf einen Schaukelstuhl gesetzt, dessen einziger Sinn ist, zu quietschen, wenn die irre Puppe schaukelt, hin und her, hin und her. Hin und wieder geht auch die Nähmaschine an, aber das ist sicher normal, richtig? Richtig. Ehemann meint: Könnte die Puppe sein. Ich mag die Puppe nicht. Ich werf sie weg.

Während der Mann eh nie im Haus ist und die Frau allein, schwanger, und besessen von Fernsehen und Nähen mit der Nähmaschine, springt unversehens der Herd an. Popcorn, das unhörbar poppt, geht in Flammen auf. Die Frau merkt das erst spät, weil sie als Fernsehsüchtige sich beim Nähen die Nadel in den Finger gehämmert hat

Das Feuer breitet sich aus, sie rennt in die Küche, fällt hin (?). Zufällig kommt der Gemahl nach Hause, rettet sie und sagt sich: Wir sollten in die Innenstadt ziehen.

Am besten in ein Hochhaus, in dem wenige Leute leben. Weil: Man sieht für den Rest des Films maximal … ich spoiler später. Jedenfalls sind Hochhäuser cool. Und die Wohnungen dort sind riesig! (Laut Internetberichten fand Ellen DeGeneres selbst heraus, dass sie direkt in jener Wohnung aus dem Film gelebt hatte – und es irgendwie gruselig fand)

Ach übrigens: Das Kind ist da. Und gesund. Direkt nach dem Feuer ins Krankenhaus. Winning!

Beim Auspacken der Kartons in der neuen Wohnung findet der Mann Annabelle. Er ist leidlich unbegeistert, aber nicht intelligent genug oder willens genug, einen Zusammenhang zu finden. Er ist halt der übliche Trottel von Ehemann in Filmen. Die Frau sagt sich: Hey, cool … also ich werde jetzt aus dem Puppenregal im neuen Babyzimmer ein paar Puppen umsetzen und ich werde die abgefuckte und furchteinflößende riesige 1 Meter Puppe irgendwo ins obere Regalfach setzen, wo ihre toten bösen Augen mein kleines Baby »Leah« (der Name wird übrigens 89 Mal im Film geschrien) anstarren kann.

Der Mann geht arbeiten. Die Frau sitzt allein in der Wohung, findet es irgendwie eigenartig, dass die Musik anspringt, während sie (mal wieder allein, weil der schurkische Ehemann nicht zum Essen kommt) Abendbrot isst. Aber das ist ja bald normal, nicht wahr?

Jetzt verschwimmt der Film für mich ein bisschen, weil mein Gehirn irgendwas anderes nebenbei machte … vermutlich die Welt retten. Oder sich an coole Filme wie „Rosemary’s Baby“ oder „Hexensabbat“ erinnern

Völlig uninteressiert an den Vorkommnissen geht die Frau zum Ausgang des Hauses mit ihrem Kind. Zwei Kinder sitzen auf der Treppe, ein Junge, der malt und ein Mädchen, das mit den Neuankömmlingen reden will, aber der Junge selbst hält sie davon ab. Er malt halt und kontrolliert gerne. Draußen latscht die Frau durch die Gegend und findet einen Esoterik-Buchladen, wie üblich. Eine ältere Dame kommt heraus und lädt sie ein, doch mal reinzuschauen. Und ja, in der Auslage von Horrorfilmbücherläden findet man immer die geilsten Bücher, nicht wahr?

Die junge Frau geht natürlich zurück in ihre Wohnung. Bemalte Blätter segeln durch die Luft, zeigen in sehr interessanter Buntstiftart die Abfolge eines Unfalls an, der das Kind töten wird, ein Daumenkino in A4. Plötzlich latent geschockt bespricht sie dies mit dem (selten auftretenden) Ehemann und er meint, weil er halt blöd ist, »das sind nur Zeichnungen.« <ORLY-Gif here>

Natürlich ist die Familie noch nicht gestraft genug. Ein Detektiv teilt der Frau mit, dass die Irre aus dem Nachbarhaus ein okkultes Zeichen an die Wand gemalt hat, mit Blut, dem eigenen. Die Frau bittet den Detektiv, sich ein bisschen besser einzulesen, behält aber die Bilder zum Schmökern.

Und weil Beklopptheit dann auftritt, wenn der Drehbuchautor völlig besoffen ist, kommt jetzt die allerdämlichste Szene des Films (für mich).

Die Frau sagt zu sich selbst: »Ich lasse mein Kind allein und fahre in den Keller. Für … Kram.«

Sie fährt mit dem alten Fahrstuhl in die Tiefe, in den Keller, der um die 50 Meter lang zu sein scheint. Sie betritt das vergitterte Privatabteil für … Kram. Im Hintergrund rollt eine alte Kutsche heran, die mich an den Kutschen-Sketch von Monty Python erinnert. Ein Baby schreit. Die Frau geht in den Gang, betrachtet die Kutsche – und nähert sich ihr. Sicher … ist alles okay.

In der Kutsche liegt ein blutiges Bündel Wäsche. Sie zieht es weg. Da ist aber nix. Eine leichte Panik steigt auf und sie tritt zurück. Weiter und weiter tritt sie zurück.

Absolut berechenbar plötzlich steht der Schatten eines Dämonen da. Um die 3 Meter hoch, eine Mischung aus Fledermaus und Michael Jacksons Werwolf aus dem Thriller-Video. Er steht da und … steht da. Hinter der Kutsche. Also er steht da.

Die Frau kreischt und rennt zum Fahrstuhl am anderen Ende des 50 Meter langen Ganges. Terror hält ihr Rückgrat gepackt. Sie hämmert auf die Knöpfe ein. Der Fahrstuhl öffnet sich. Nix ist drin. Sie betritt den Fahrstuhl. Ihre Taschenlampe leuchtet zur Kutsche, wo der Dämon steht. Also er steht noch immer da. Sie hämmert auf die Tasten ein, um nach oben zu fahren. Der Fahrstuhl schließt sich. Ruckelt. Die Tür öffnet sich. Sie ist noch immer im Keller. Sie leuchtet in die Finsternis. Der Dämon steht da. Also hinter der Kutsche. Wieder hämmert sie auf die Knöpfe. Der Fahrstuhl ruckelt. Wieder öffnet sich die Tür. Sie ist im Keller. Oh nein. Was tun. Wie wäre es mit…

genau. Sie hämmert auf die Knöpfe. Die Tür schließt sich. Der Fahrstuhl ruckelt. Lichter zucken. Die Tür öffnet sich.

Sie ist im Keller.

Der Dämon hinter der Kutsche, ach vergessen wir das. Da ist ja ein Ausgang. Leuchtend rot »Exit«, das mit an das Ende von »American Psycho« erinnert. Sie rennt los. Reißt die Tür auf. Betritt das Treppenhaus.

Und jetzt wird der Film für ein paar Minuten wirklich übel, denn entweder der Filmemacher hatte keinen Film mehr oder dachte sich, dass man ein paar 60fps-Videoaufnahmen nutzen könnte, um Terror zu verbreiten. Die Frau rennt also, als wäre sie in einem billigen 2010er Horrorfilm, die Treppe hinauf. Bleibt stehen. Schaut hinter sich. Am Fußende der Treppe lauert der Dämon, eine Mischung aus Katze und dünnem Batman. Er rührt sich nicht. Sie kreischt, rennt weiter. Blickt wieder hinunter, sieht seine Klauen über das Geländer streichen. Dann ist er weg. Nein, er hängt über ihr an der Decke.

Irgendwie schafft sie es in die Wohnung zurück. Jetzt hat der Film auch wieder 24 oder 25 fps.

Also sie ist jetzt in der Wohnung Wohnung, in der ihr Kind und die böse Puppe sitzt. Doch es ist nicht nur die Puppe, nicht wahr? Denn da ist noch der Schatten der bösen Irren, die … die Puppe will? In der Wohnung selbst sieht die Frau nun ein kleines Mädchen stehen, die auf sie zurennt und sich in der Tür in die böse Geisterfrau (?) verwandelt und dann verschwindet. Vielleicht kam aber diese Szene auch früher … mein Verstand war nicht ganz bei der Sache.

Die Puppe sitzt in der Ecke. Sie starrt die Frau an. Die Frau starrt zurück. Die Puppe steht auf, schwebt in der Luft. Hinter der Puppe sieht man das Gesicht des Dämonen, eine 19 Jahrhundert Anspielung an Insidious.

Der Mann, aufgeschreckt durch die furchtbaren Dinge also … sagt: Wir reden mal mit dem Priester. Der Priester besucht das Ehepaar und sagt: Hm, ggf hat die Puppe nen Geist in sich? Ich nehm sie mal mit in die Kirche. Dort ist alles heilig.

Das Ehepaar ist dankbar. Der Priester nimmt also die Puppe mit ins Auto, in der Nacht. Er wirft sie auf den Rücksitz, aber kommt bei der Kirche an, lebendig. Er will die Kirche betreten, wird aber durch eine Macht zurückgerissen, dem Geist der Irren, die die Puppe aufhebt und davonträgt.

Zwischenzeitlich (?) findet man heraus,

Das findet die Frau und die alte Dame heraus, deren Tochter durch einen Unfall gestorben ist. Der Priester ist jedenfalls im Krankenhaus, schwer verletzt, der Ehemann der Frau ist bei ihm (Arzt?). Die Frau und die Dame sitzen in der Wohnung und meinen: Hmm, also ein Geist ist es nicht, ggf ein Dämon? Man liest in dem coolen Okkultbuch, dass der Dämon Menschenform haben will – die bekommt man aber nur, wenn der Mensch selbst bereit ist, sich zu opfern. Und ein Baby kann sich nicht opfern, aber es kann auch nicht nein sagen.

Es klingelt das Telefon. Die Frau geht ran. Ihr Mann sagt, dass die Puppe nicht in der Kirche ist und der Priester schwerverletzt im Krankenhaus liegt (hat aber gedauert, nicht wahr?)

Es klingelt an der Tür. Wer steht davor? Der Priester mit – dem üblichen – abgewandten Gesicht. Die Frau weiß, dass der Priester im Krankenhaus liegt, nicht wahr? Sie berührt seine Schulter. Sein Dämonengesicht sagt irgendwas mit »Wir wollen dein Baby«, packt die ältere Eso-Dame und schmeißt sie durch die Gegend, krabbelt in Dämonenform über die Decke. Das Kind weint. Die Frau rennt zum Baby, es ist nicht da. Die Stimmen sagen ihr, dass sie selbst sich dem Dämonen opfern sell, damit das Kind lebt. Sie stimmt zu, nimmt die Puppe, rennt zum Fenster.

Die alte Dame, die fast unverletzt zu sein scheint, erscheint in der Kinderzimmertür, begleitet vom Ehemann, der augenscheinlich ein Wurmloch öffnen konnte, um so schnell da zu sein.

Er zerrt seine Frau zurück, die ältere Dame krallt sich die Puppe und opfert sich, weil sie ein schlechtes Gewissen hat hinsichtlich des Unfalltodes ihrer Tochter. Dann ist alles vorbei. Irgendwo auf der Straße liegt die tote ältere Frau, die Puppe neben ihr.

Dann ein indirektes »5 Wochen später« und ein Close-Up auf Annabelles zerschnetzeltes Puppengesicht und die Stimme einer Frau, die in einem Billig-Antiquariat eine Puppe für ihre Tochter als Geschenk sucht. Natürlich eine Puppe, der man das Grauen schon ansieht.

Ende. Ich bin am Ende. Gott, ich muss noch die anderen Teile sehen, vielleicht sind die noch übler.

Ich meine, nach Conjuring Teil 1 habe ich ewig Alpträume gehabt (die Schrankszene war perfekt), aber nach Annabelle … nüscht. Nur peinliches Schweigen.

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