Dämon – Kapitel 5 – Fischer

Dämon – Kapitel 5 – Fischer

Fischer rennt durch die Gänge, der Knall schwingt noch immer als Echo durch die leeren Hallen der Gelehrsamkeit, schaut im Laufen durch die Fenster, sieht nur Rauch aufsteigen. Die Treppen hinunter, hinaus auf den Hof, Brendas Gesicht blutbefleckt mit weit aufgerissenen Augen, die wie weiße Sterne in einer roten Galaxie wirken. Den Bauer hats übel erwischt, er liegt auf der zerdrückten Motorhaube, während im Autoradio irgendwelche Musik spielt, sehr laut, während der Junge, Yola-Martin, weiterhin versucht, Gas zu geben, die Reste des Motors zu arbeiten bringen will, um noch mehr Leben aus dem bereits toten Vater zu prügeln. Fischer packt Brendas Schulter, sie ist ein Eisberg in der aufgewühlten See, ein Zeuge des Untergangs der Titanic, ihr Blick liegt im Jenseits. Er kann nicht mit ihre sprechen, der Motor verreckt gerade mit lautem Knarren und nur das Autoradio ist Zeuge eines unhörbaren Fluchs, als der Junge aus dem zerbeulten Wagen klettert, seinen Erzeuger ignoriert und davongeht, still und leise.

»Hey was ist los« ein erster Gaffer hat sich eingefunden, lässt seine Handykamera aufblitzen, kurze Bilder, schnelles Geld. Weitere Gesichter tauchen am Zaun auf, einige Beherzte springen drüber, statt den Weg durch das Tor zu nehmen, fallen auf ihr Gesicht, werden ausgelacht, lachen mit, heben ihre Handys. Jemand in der Gruppe beschließt, die Polizei anzurufen. »Der Junge« brüllt eine Frau und alle folgen ihrem erhobenen Zeigefinger. Sein Rücken verschwindet hinter einer Ecke. Keiner von den Zuschauern ist sportlich genug, eine Verfolgung überhaupt zu beginnen. Fischers Augen springen zwischen Brendas Gesicht und dem Rücken des Jungen hin und her, Zahnräder knattern in seinem Kopf, viel zu langsam. Sein Alter kommt in Betracht, 45 Jahre, der Spiegel sagt 31, aber Muskel lügen nicht und auch nicht der weiche Kopf nach den viel zu oft auftretenden Feiern hier in Berlin. Seine Hand zittert. »Lauf! Schnapp ihn dir. Gib nicht auf. Es ist deine Pflicht.« die Stimme, seltsam vertraut. Er akzeptiert, rennt los. Die Menge hinter ihm tobt, lässt ihn aussehen wie einen Helden, einen Retter in der Not, einen dankbaren Idioten. Nein, keinen dankbaren Idioten. Heute ist der Tag, an dem er zum Helden wird, in den Nachrichten erscheinen wird. Heute ist der Tag, der ihn berühmt machen wird, einen Kämpfer gegen das Unrecht, einen Promi, egal was für einen A, B oder C oder Zed. Er sieht Bilder in seinem Kopf, wie er in Sendungen auftaucht, sein Gesichtsausdruck stark, perfekt. Frauen werden ihn anbeten, Männer werden ihn verehren.

Der Weg ist lang und schon nach ein paar Augenblicken beginnt sein Körper, aufzugeben. Der Schmerz krallt sich an seiner Leber fest, presst seine Fingernägel in das weiche Fleisch. Wann hat er das letzte Mal trainiert? Vor 2 Jahren, im Urlaub, eine Fahrradtour. Hier in Berlin kann man ja nicht fahren, möchte er brüllen, aber sein Wille ist stärker! Wer kümmert sich um Brenda? Vermutlich jemand in der Menge. Brenda, hach, die immer auf Typen steht, die man selbst nicht ist. Wäre sie nur einen Hauch anders. Hier ist die Ecke, um die der Junge gewandert ist. Nicht einmal wirklich gerannt, nein, der Junge möchte augenscheinlich gefangen werden. Des Deutschen Pflicht ist seine Stärke. Opa hat das immer gesagt, sehr sehr laut. Fischer murmelt es leise.

Vor ihm steckt die Straße, die Bismarckstraße, glaubt Fischer, oder eine der Nebenstraßen. Seine Lunge brennt, sein Kopf fühlt sich sonderbar leer an. Wo ist der Junge? Die ersten Sirenen wandern durch die Ferne, warten darauf, in sein Reich, in seine Schule einzudringen. Was werden sie sagen? »Der Junge hat ein Problem. Er muss ins Heim.« oder »Die Schule ist schuld. Der Junge wurde von seinen Lehrern systematisch gemobbt.« oder »Sie verlieren Ihren Job. Sie sind verantwortlich.« Die Worte schweben als Echos in seinen Ohren. Wo ist der verdammte Junge? Der einsame Heli am Himmel vermag die Antwort nicht zu geben, zu sehr sind seine Worte vom Heulen der Motoren verdeckt, die er braucht, um seine Augen über der Ebene von Menschenköpfen kreisen zu lassen. Fischer hasst diesen Einfluss auf seine Gedanken, er spuckt aus. Leute wandern vorbei, wenden ihre Köpfe ab, er spürt ihre Verachtung. Die Richtung, welche Richtung ist die wahre, die richtige? So schnell ist der Junge doch nicht. In seinem Kopf wirft er eine Münze, dreht sich nach links, in der Ferne blinkt die Goldelse, ruft ihn wie eine Sirene. Er rennt nicht, er geht angestrengt. Wo ist ein fetter Junge, der SUVs seines Vaters benutzt, um ihn zu überfahren? War die Akte nicht sicher gewesen? Er hätte doch zu einem Anwalt gehen sollen, aber wen kümmern Worte in einer Schulakte? Shakespeares Schädel im Park lächelt ihm zu. Er antwortet mit dem Mittelfinger.

Die Seitenstraßen bleiben ohne Inhalt, er fühlt sich allein. Oh Brenda, warum stehst du auf andere? Hat er nicht extra Gewicht verloren, seine Anwesenheit verdoppelt, seine Kommunikationsfähigkeiten auf ein Level gehoben, das ihn bei allen anderen Frauen attraktiv machen könnte? Doch sie ist anders, ihre Träume sind aus Liebesromanen, ihre Augen sehen nur die Oberfläche, keinen Hintergrund. Dabei haben sie die Schule geteilt, die Lehrer, selbst den Speisesaal. Alles vorbei. Sie ist besser als er, weil sie weiß, was sie will. Ihn nicht. »Fischer!« zischt eine Stimme. Der Hauseingang ist ein Schatten, aus dem ein Arm ins Licht greift, eine unreife Antenne, »Ich habe gewartet!« »Gewartet, du kleiner Pisser!« Fischers Faust schlägt zu, ein paarmal nur, bis man sehen kann, wie seine Gesicht sich in ein Muster aus Blut und Haut verwandelt. Er reagiert nicht, presst nur seine Augen zusammen, zuckt bei jedem Aufprall kurz mit den Schultern. »Fertig« blutige Spucke rollt aus einem Mundwinkel, während Fischer seine Knöchel anstarrt. »Du hättest sie umbringen können.« »Ups, hab ich das nicht?« »Nein, du Idiot!« Fischer blickt sich um, keiner hat zugeschaut. Die Straße starrt vor Dreck, vor lichtlosen Augen, Autos hupen nicht einmal, hinter ihren Fenstern lauern die Fahrer auf Fahrräder zum Wegschupsen. Als der Junge sich aufrichtet, hinterlässt seine Hand einen Abdruck. »Ist das gut?« schnaubt Yola-Martin. Fischers Hand stopt vor der weichen Wange, hinter der wackelnde Zähne darauf warten, auf die Straße zu plumpsen. Der lachende Schakal lauert hinter seinen Augen. »Wir stehen beide auf sie. Wenn sie tot ist, dann steht sie auf keinen mehr.« »Ich auf ne Lehrerin?« fragt Yola-Martin, doch seine Wangen verschwimmen in blaurot. »Ja, du kleiner Scheißer. Ich weiss, dass du die ganze Scheiße nur gemacht hast, damit du ihr in die Augen schauen kannst, dir in deinem kleinen Scheißhirn überlegen kannst, was du tust, um sie rumzukriegen. Glaub ja nicht, dass es nicht auffällt. Deine Kameraden, ach was sag ich, deine Bekannten, die Kumpels, die lachen schon heimlich hinter deinem Rücken. Und dann jagst du deinem Alten die Karre in die Fresse.« Er ist laut geworden. Jemand brüllt »Schnauze« hinter gehäkelten Charlottenburg-Gardinen. Fischer zerrt den Jungen auf die Straße. »Und nu?« fragt er, was nun? »Lass mich gehen. Lass mich gehen. Oh Lass mich gehn« summt Yola-Martin. »Wohin?« fragt Fischer. »In die Ferne… dort, wo man mich nicht kennt. Ich hau ab, ich sag keinem was. Nichts von deinem Plan, den ich umgesetzt habe, weil du mir angedroht hast, dass ich von der Schule fliege.« Fischer lässt los. Der Junge streicht seine Jacke glatt, rennt los, irgendwohin, Richtung Norden, Richtung Ostsee, was auch immer er tun will. Fischers Faust schmerzt noch immer. Ein Rollator zerrt eine alte Frau über den Gehsteig, ihr Blick kreist um die ganze Welt, als ob sie, wenn sie aufhören würde, das zu tun, zusammenbricht und ihr Körper den hoch fliegenden Geiern zum Opfer fallen würde. Der Himmel ist blau genug, um eine Armee dieser geisterhaften Menschenfresser zu verbergen. Berlin ist ein Zombie von Stadt, was wird Brenda sagen, wenn sie wieder reden kann? Er hat sie im Stich gelassen, nur um ein Held zu sein, ein Held ohne Sieg. Er schwankt die Straße hinunter, seine Hände voller Blut und ein Herz voller unerfüllter Träume. Das flackernde Licht eines Rettungswagen empfängt ihn nach einer Ewigkeit, fragende Gesichter ohne Antworten, ohne Brenda, ohne Zukunft.

Die Kommentare sind geschloßen.