Dämon – Kapitel 11 – Kai

Dämon – Kapitel 11 – Kai

„Verflucht“ Schmerzen. Schmerzen im Kopf, in den Augen. Der Kater ist übel und es ist Montag und heute ist der Tag und die Nacht und morgen ist alles besser. Kai hängt seinen Kopf schief. Drecks-Bulle. Denkt, er wäre was besseres. Kind auf dem Rücksitz, mehr Spiegelung und echt. Erinnert an den Film „Wenn die Gondeln trauer tragen.“ Sie dreht sich nicht um. Sie hat ihre Hände um den Kopf des Mannes gelegt. Vermutlich hat er ihn deshalb nicht gesehen. Leg dich nicht mit ihnen an, dann bleibst du in Ordnung. In Sicherheit.


Es braucht ewig und drei Tage, bis Kai endlich das Büro betreten kann. Mike hängt über dem Monitor wie ein eiskremfutterndes Faultier. „Wasn los?“ Mike blickt nicht auf. „Morrrrd“ murmelt er, „gut, dass du nicht zeitiger hier warst. Hättest lange warten können…“ „Fuck, verpasst“ scherzt Kai, doch Mike fällt nicht drauf rein. Er kaut statt dessen an seinem Daumen und lacht, als Kai sich setzen will. „Mist. Drecks Cop“ Er hält sich die Hüfte. „Problema?“ „Nein. Doch. Mist.“ Er reibt sich das Fleisch, Knochen, Haut irgendwo drüber. Altersarthrose mit Mitte 20. Schmerzmittel… er greift sich in die Jackentasche. Liegt draußen auf der Straße… „könntest du… dürfte ich…“ „Hä?“ „Ich hab mein Zeug verloren. Müsste draußen liegen…“ Gitarrendrahtnerven singen Lieder und ein irrer Gott spielt das Akkustikcover eines 90er Jahre Grunge-Songs, den er nicht mehr kennt, denn diese Zeit ist aus seinem Gedächtnis verschwunden, zur Selben Zeit Wie Der Sinn Seines Lebens. SZWDSSL. Fuck you, Life. Der Absprung von der Brücke war der letzte Weg und er hat überlebt, leider hat er überlebt.

Die Straße ist voller Menschen und opiatfrei. Vielleicht habens die Polizisten, die an der Ecke stehen, schon eingepackt oder jemand hat die Chance nicht verstreichen lassen, kostenlos an Drogen zu kommen. Er humpelt zurück, nur um das Büro leer vorzufinden. Die Klotür ist einen Hauch und deutlich zu offen. „Hey, Kai?“ fragt die Stimme. „Nein, hier ist Jeff Dyonisos, Gott des Bourbon.“ Mike lacht, furzt, lacht noch lauter. „Alter, ernsthaft?“ Kai tritt, knallt die Tür zu, ignoriert das Gemurmel des Fetten.

„Etwas zu verstehen, ohne Worte dafür zu haben, ist…“ hat jemand auf den Zettel geschrieben, der neben dem Schlüsselbund klebt. Perfektion ist ein Zeichen für das Unmögliche, hat Mikes Mutter immer gesagt, bevor sie abgehauen ist. Mike hat davon erzählt, immer und immer wieder, sich den Kopf darüber zerbrochen, nicht nur seinen, auch Kais. Und Kai ist das egal. Er braucht heute nur einen Unterschlupf, ein Alibi. Doch… die Reste des Knochens, die sich in seinen Arsch bohren, dort, wo das Flussbett ihn aufgefangen hat, wirken wie ein Alarm, dessen „Snooze-Knopf“ nicht abschaltbar ist und so kommt die Unsicherheit, heute Nacht… ja… die Sache durchzuziehen. Selbst in gutem Zustand, chemisch ruhiggestellt, ist die Sache gefährlich. „Die Sache“, nur ein kleiner Lauf durch ein gesichertes Gebäude, eine Armee Wachhunde gegen sich, menschlich und tierisch und dann dieser Stein, klein und fein, das sich so gut reimt, dass es eine Wonne ist, sich das Glitzern vorzustellen, den das Juwel von Banglapoor im Sonnenlicht erzeugen würde, pure kleine Magie. Doch nun… dank des Bullen, hatte sich die Sache zu sehr kompliziert. Heute halt nicht. Aber morgen, sagen zumindest die Leute, die solche Dinge wissen, ist das Juwel schon wieder halb auf dem Weg nach München, um auch dort der Anbetung des Volks ausgesetzt zu werden. Verdammt.

„Ich hau ab.“ Mike hat sich umgezogen, sein Shirt ist mindestens 2,5 Nummern zu klein, doch niemand würde ihn deshalb ansprechen, ein Kuschelbär mit Pranken. „Klar. Mach schon. Geh. Und pass auf, dass dein Gesicht nicht in Flammen aufgeht wie bei dieser Tusse heute in der Glotze. Das heißt, geh nicht fremd mit jemandem, deren Freund darauf steht, dich mit Alk zu überschütten“ Mike schnauft verwirrt, zuckt mit den Schultern und rollt davon. „Stimmt, du würdest das Zeug eher trinken.“ Kai zieht seine Uniform an, die ihn zu einem deutlich besseren Menschen macht als er üblicherweise ist und wirft sich auf den Sessel, beginnt, die Kamerabilder zu betrachten. Sein Telefon schweigt. Hier ist nun die Totenstille, die er immer benötigt. Daher ist der Job so unbeliebt. Kein Mensch will 8 oder 10 Stunden lang nur Rauschen hören. Doch die normalen Wachleute kommen von extern, seine Arbeit ist das Überwachen, nicht das Helfen oder Retten. Und daher kann man auch mal verschwinden. Wie in den letzten Wochen, als er nächtliche Phasen auf dem Dach verbracht hat, das Fernglas in Händen, beobachten, zählen, planen. Aber genug der Rede. Es ist Zeit, sich auf die Monitore zu stürzen und die Zeit zu verbringen.

Um 19:30 Uhr sollte jemand vorbeikommen mit Namen Hans Günther, aber er kommt 2 Minuten zu spät, die Augen rot vor Zorn. „Drecks Bullen“ sagt er und seine Stirn glänzt. Er ist aufgeregt, milde gesagt, „wo ist Mike?“ „Feierabend seit ca. 2 Stunden“ meint Kai. „Mist“ meint HG, „er hätte das Band nicht so ohne weiteres rausgeben dürfen.“ Kai fragt nicht, Kai ist hier, um zu nicken, wenn jemand auf einer höheren Ebene mit ihm spricht, zu lächeln, traurig zu sein, das übliche halt. HG verschwindet wieder. Er wird an einem anderen Ort gebraucht, nicht bei arbeitenden Holzklasse. HG mag Abkürzungen vermutlich nicht, aber kein Mensch sagt Hans Günther, das klingt so vernünftig. HG ist totalst unvernünftig und weil Kai das auch gut findet, sagt HG auch nie was, wenn er unter Umständen Kai nicht um Mitternacht ans Telefon bekommt. Ist passiert, ein kurzer Ausspruch, etwas mit Reizdarm und HG hat nie wieder was gefragt. Geschickt eingefädelt, jaja.

Der Abend zieht sich hin wie die Menschenmassen, die so gar noch eine Viertelstunde vor Ladenschluss den Weg in den weißgefließten Bauch des Shopping-Wals schieben, als würden sie die Verkäufer provozieren wollen, die auch nur Feierabend machen möchten, sehr bald. Und nicht wenige erhobene Hände prasseln auf den Bildschirmen umher, als es endlich Zeit ist, die Zeitlosen, die keine Freunde oder ein Leben haben, zu entfernen. Kai muss nicht raus, er ist sicher in diesem Bauch aus Bildschirmen und Kabeln. Die beiden Hamburger, die er sich mitgebracht hat, liegen in ihrem erstarrten Fett in der Tüte, er hat keinen Hunger und der Schmerz hält sich auch nicht fern. Drecksdieb! Heute hat Kai keine Zeit, sich was außerhalb des Wegs „Arzt-Rezept-Apotheke“ zu krallen, keine Verbindung zu seinem Musikmann, Klaus X (das X steht für Xtras kosten), alles ist einfach scheiße. Die Sonne ist bereits gleitet bereits über den peruanischen Alpen und hier sind noch immer Leute… aber nicht mehr lang. Tick. Tack. Meditation und Beobachtung, alles muss heute passen. Den Weg hat er sich überlegt, die notwendigen Hilfsmittel, schneller Blick auf die Uhr, in 4 Stunden, liegen auf dem Dach, in schwarze Folie gewickelt, so unauffällig, dass er sie nicht finden würde, wenn er sie nicht markiert hätte.

Der Weg ist ein Schachspiel gegen mindestens 5 Gegner, davon 2 Hunde, aber es spielt sich auf 3 Ebenen ab und er ist nicht Bobby Fisher und auch Bob würde mit dem Zerren in der Hüftgegend sicher keine Ausrede brauchen, um ein Spiel abzubrechen, oder hat er das nicht? Kai kennt sich nicht so aus, aber er mag geniale Irre. Er wäre gerne einer. Er pfeift die Melodie, sie ist wieder da. Sie wird nicht verschwinden. Er ist Fantomas. Nein. Doch. Vielleicht ein wenig.

Ein Summen weckt ihn. Es ist spät genug, weil man seine Existenz ignoriert und ihn schlafen gelassen hat. Er wollte nicht, aber.. nun ist es zu spät, um was anderes zu tun. Seine Hüfte knirscht. Die Monitore zeigen die Leere und Schatten, sind Kunstwerke aus Licht und… nun ja, Schatten. Er hätte Kunst studieren sollen, aber er… sollte sich nicht ablenken lassen. Es summt wieder. „Hans Günther“ Er hört dem Kratzen der Stimme seines Vorgesetzten zu, muss sich nicht einmal entschuldigen, es ist Mitternacht und man hat ihn erreicht. Das gibt Bonuspunkte und bald eine neue Highscore. Er legt auf. Heute Nacht wird die letzte sein, die ihn hier hält. Dann geht’s nach Acapulco… oder an jeden Ort, der Sonne und Rum liefert.

Jetzt. Er humpelt nach oben, schaut sich um, als ob jemand die Treppe überwacht, außer ihm tut das keiner. Die Runden der anderen sind so geplant, dass sie 110%ig keine Chance haben, ihn zu erblicken. Stufe um Stufe steigt er in den Himmel, als er mit einem Mal den Boden unter den Füßen verliert, zumindest unter dem linken Fuß und zurücktaumelt, rutscht, fällt. Der Schmerz ist barbarisch und das nur, weil irgendjemand den Rest eines Sandwich-Eises vergessen hat, zu essen. Berlin, die Stadt der… er flucht, jammert, keucht, als sein Rücken die Emissionen der Hüfte auffängt. Er möchte weinen. Nur mit Mühe kann er sich aufraffen. Acapulco. Rum. Weiber.

Die Nacht trägt Regen in sich, die Dächer glitzern, Kais Stirn schmilzt augenscheinlich gerade. Er wischt sich den Schweiß aus den Augen, stellt seine Ausrüstung einem unbekannten Publikum vor, kann sich aber kaum bewegen. Der Bolzen fliegt durch die Nacht, hinter ihm ein Seil, dünn genug, um unsichtbar zu bleiben. Ein fernes „Klank“ verspricht eine gute Landung und nachdem Kai das andere Ende des Seils an einer Metallstrebe befestigt hat, sucht er den Knopf, um seine Angst auszuschalten, die ihn jetzt erwischt, das Zittern der Panik, doch er ist fort, liegt in der Mitte einer Pille, verschollen wie die Flasche mit den anderen. Er dreht sich zur Seite, um einen Einblick in den Rest Berlins zu nehmen, einen Blick nach Süden, dort, wo in der Ferne irgendwo sein Bett lauert, dann schwingt er die Rolle, an dessen Ende sich die Griffe für seine Hände befinden, über das Seil und er springt ab. Nur jetzt ist er frei und die Wand rast auf ihn zu und er versucht, seine Beine zu heben, doch es gelingt nicht, weil wenigstens ein Hüftgelenk knirscht und wendet sein Gesicht ab, bevor das Haus seine Nase bricht. Sein Kiefer knallt auf den Stein und sein Ohr reißt auf: Hätte er doch… eine Maske genommen. Eine Hand verliert den Halt, rutscht ab, er hängt an der anderen und seine Gedanken beten zu einem unbekannten Gott, dass er nicht abstürzt, doch der Griff ist glatter als gewohnt und dann verlässt ihn die Kraft und er fällt…

hält sich an einem Fensterrahmen fest, der dankbar genau unter seinen Fingernägeln auftaucht. Er schwebt über der Erde, sein Schädel dröhnt und seine Arme beginnen endlich, wie Ameisensäure zu brennen, genau wie der Schweiß, der sich in seinen Augenwinkeln sammelt. Er sieht keinen Film vor seinem inneren Auge ablaufen, keinen Projektor, der seine ganze Geschichte mit einem Mal in sein Hirn jagt, da ist gar nichts, nur die Angst, pur und ungemischt, die durch seine Venen rast. Mühsam, Zentimeter für Zentimeter, schiebt er sich an der Kante lang, bis der rechte Fuß ein Relief findet, auf dem er sich abstützen kann, ein gemeiseltes Bild, das kein Mensch tagsüber anschaut, soll wohl einen abstrakten Wasserspeier darstellen. Seine rechte Hand sucht in seinem Gürtel nach einem winzigen Hammer, er schlägt zu und das Glas splittert. In der Ferne jault eine Katze, sonst schweigt Charlottenburg zu dieser unchristlichen Stunde. Mit ein paar Handgriffen entriegelt Kai die 50 Jahre alte Sicherung, die damals nur angebracht wurde, um Investoren für das Museum zu gewinnen: kein Mensch hätte gedacht, dass jemand blöd genug ist, im 4. Stock einzubrechen, weil so eine lange Leiter viel zu auffällig wäre. Das Dach ist dafür deutlich besser gesichert, daher muss Kai diesen Weg nehmen.

Er schlüpft durch die Fensteröffnung und rollt in das Zimmer. Dicker Teppich stoppt den Schmerz in seinen Beinen für einen Augenblick, während er versucht, seine Finger zu strecken. Mist. Staub legt sich auf sein Gesicht, hier war viel zu lang kein Mensch. Er muss niesen. Das Geräusch verschwimmt in seinem linken Ärmel. Hinter dem Vorhang aus Tränen schaut er sich um, überall altes Zeug, Gemälde, die durch die Straßenlaternen zum Leben erwacht sind, mehr alter Kram, Landschaften, ein paar Gesichter, nichts an moderner Kunst, die man vielleicht verkaufen könnte, wenn man zufällig hier landet. Kai ist aus einem anderen Grund hier. Der schmale Streifen aus Licht zeigt ihm den Weg auf den Gang. Sein Herzschlag rast, als er sein Ohr an den Spalt legt, shhhh, ruhig, ruhig, hinter dem Rauschen hört er Schritte auf Steinfußboden, müde Stiefel wandern pflichtgemäß durch die Nacht, nur damit jemand am Ende ein Kreuzchen auf den Plan schreiben kann. Als sie verklungen sind, rüttelt er an der Tür. Nichts bewegt sich, abgeschlossen. Er zieht aus seinem Gürtel eine alte Ledertasche, fühlt mit den Fingern nach dem richtigen Dietrich, findet, presst ihn in das Schloß, fummelt hier und da, ohne dass jemand dreckige Witze reißt und endlich knackt es leise.

Niemand auf dem Gang, das Licht auf halbe Stromsparstärke, in der Ferne ein paar rote Lichter, dazwischen Schatten, ein schönes abstraktes Muster. Kai huscht nach links, hält an einer Ecke, blinzelt kurz, dann hüpft er die Treppe hinauf. Der Plan, so man die Informationen nennen kann, stecken in seiner Jackentasche, aber er braucht sie nicht, hatte er doch genug Zeit, sie auswändig zu lernen. 2 Stockwerke, Kameras drehen sich im 90% Winkel, eine Viertelrunde pro Minute. Die Schuhe berühren den Boden kaum, trotzdem ist er vorsichtiger als sonst. Wenns um Diamanten geht, dann gibt jemand mehr Geld aus, um sie zu schützen; Bilder sind viel schwerer zu klauen und zu verscherbeln.

Dieses Haus erinnert mehr an eines dieser Kuriositätenkabinette, Zimmer an Zimmer, verschlossen mit riesigen Schlössern, dazwischen Bilder toter Menschen oder verbotener Landschaften, ein paar Glitzersteine, die unter Kupferplaketten ruhen, die kein Mensch mehr lesen kann; gerne würde Kai den Staub davon abwischen, aber wenn dann der Alarm losgeht, dann gute Nacht. Kai fühlt den Hammer an seiner Seite, nur für alle Fälle… unter Stress beginnt er, sich selbst zu kontrollieren. Die Furcht wird größer, eine dunkle Wolke beginnt, sein Sichtfeld einzugrenzen, wallt auf, sein Herz rast wieder, er bleibt stehen. Hier stehen ein paar Statuen in der Gegend herum, warten auf unvorbereitete Kinder, die sich verlaufen und dann gehts Ruck Zuck Kopf ab. Nein, das ist nur sein Verstand, der wilde Kapriolen schlägt, er muss weiter. Eigentlich ist das ein komisches Museum und auch recht unbekannt, als ob es niemand besuchen solle. Die Nachricht kam auch so völlig zufällig, als habe sie auf ihn gelauert. Kein Mensch kennt Banglapoor und trotzdem gibt jemand Geld aus, um einen Diamanten nach Berlin zu bringen in ein obskures Museum für volksgeschichtliche Kunst, pah. Es wird mit einem Mal finster, eine Hand legt sich um seine Augen, drückt sie zu, hinterlässt tausend kleine Blitze in seinen Augen. Panik, ein schneller Schlag mit dem Hammer, der es unbewusst in seine Hand geschafft hat. „Aua“ jault die Stimme eines Mannes, „was ist denn los, Stephen… du… du….“ er bekommt augenscheinlich jetzt mit, dass Stephen und Kai zwei unterschiedliche Leute sind, beginnt zu brüllen, als der erste Schlag nicht wirklich hilft, ihn zu stoppen, in zweiter und dritter Schlag sind nicht auch nicht hilfreich… im Hintergrund bellen Hunde, ihre Rufe durchstoßen die Halbnacht und dann geht das Licht an, brennt auf Kai herunter wie ein Regen aus beißendem Schmerz. „Fuck“ sagt die Stimme aus dem Nichts, „das ist nicht der Plan.“

Es ist finster und das Fenster hinter Kai trägt das Loch seines Hammers und seiner Hand. Er zittert. Was zur Hölle war das? Der Raum staubt vor sich hin und vor ihm liegt die Tür, die seinen Fähigkeiten bereits erlegen war. Er greift an seinen Gürtel, Dietrich und Hammer stecken hier, wie vor 10 Minuten schon. Waren es 10 Minuten? Hat er alles halluziniert? Schritte wandern vorbei, Stiefel auf Steinboden. Er wartet, versucht, seinen Kopf zum Schweigen zu bringen, doch alles war genauso echt wie jetzt, sogar der Schmerz in seiner Hüfte. Es ist klar: er hat nicht aufgepasst und jemand hat ihn verraten, ein Wachmann ohne Namen, der ihn Steven genannt hat. Pah. Wird er irre? Er blickt aus dem Fenster, sieht er da den vertrauten Berliner Nachthimmel oder ist das hier eine andere Welt, ein Raumschiff, das ihn eingefangen hat, voller Wesen, die Spiele spielen, Videospiele? Kai kann nicht sagen, wie er sich fühlt. Alles ist wie immer, nur er ist anders. Er wartet. Wieder wandern Stiefel vorbei, irgendwo im Hintergrund. Seine Erinnerungen folgen der unbekannten Person, die nach oben stampft, vorbei an verwirrenden Exponaten einer unbesuchten Ausstellung. Dann, lautes Lachen hinter der Tür. Füße trampeln die Treppe hinunter wie ein Dutzend Kinder beim Fangen-Spielen. „Stephen“ japst jemand, „ ich krieg dich.“ Eine andere Stimme lacht lauf. „Drecksack, ich klau dir dein Brot!“ Erst langsam zieht Stille ein, die Leute, die sich gegenseitig durch die späte Nacht jagen, haben das Stockwerk verlassen. Das Schloss wird wieder geknackt, diesmal schneller und mit einer unerwarteten Eile schleicht Kai wieder nach oben, achtet nicht auf die Bilder und Ausstellungsstücke, er kennt sie ja schon.

Das gute Stück liegt nicht auf einem Sockel, es sind keine grünen Laserstrahlen, die den Raum in eine Disko verwandeln, durch den Kai hüpfen müsste, dafür ist er erstens zu alt und zweitens mit kaputter Hüfte, ja, man kann nicht genug darauf hinweisen, dass er seine Medikamente vermisst. Das Juwel liegt in einem Tresor, sicher, hinter mehreren Schichten aus Stahl, Elektronikkram und so weiter. Kais Hände rutschen vorsichtig über das kühle Metall, bleiben am elektronischen Schloss hängen, er schließt die Augen. Er kennt das Modell, es ist gut, doch er ist besser und ein Metallschrank hat keine Erinnerung, wie man sich gegen effektiv wehrt und nach ein paar Augenblicken öffnet er den Blick ins Paradies. Kai steckt den Zettel wieder ein, die Kombination lässt sich leicht ausrechnen, wenn man weiß, wer wann welche Daten einträgt, der Hauptgrund, diesen Einbruch heute nacht durchzuführen: Er hat jemanden dafür bezahlt, seinen Code zu hinterlegen. Charlie ist ein Alki und erfüllt viele Wünsche, wenn der Stoff reichlich fließt… und er vergisst, wenn er noch ein bisschen mehr von seinem „echten Zeug“ bekommt. „Echtes Zeug“ meint echte Drogen, nicht diesen Billigsuff aus dem Supermarkt.

Die himmlichen Chöre singen. Er kann nicht anders, muss wenigstens seinen rechten Handschuh ausziehen, um das magische Objekt seiner Reise zu berühren. Ja, es ist echt und kühl und fühlt sich an wie 20 Jahre Karibik, mit Rum, Sand und hübschen Frauen, die sich um ihn scharen wie um ein geheimnisvolles Idol längst vergangener Zeiten. Der Teil seines Hirns, der nicht vom Tagtraum heimgesucht wird, erfasst aber etwas anderes, etwas, was seine Ohren ihm sagen wollen, aber nicht ganz zu ihm durchdringen: Sie kommen zurück. Tap, Tap, Tap, Stille, Röcheln, Schnarren, Tap, Tap, Tap. Vorsichtig folgt sein Körper den Geräuschen, sein Kopf dreht sich und er sieht, erst ganz hinten, wo die Treppe endet, einen Schatten, der langsam näherkommt. Rot glitzern die Augen dieser Kreatur, die, schlimmer als ein Werwolf oder ein Monster, ein Hund ist, ein Deutscher Schäferhund, trainiert um Leute wie ihn aufzuhalten. Er trottet näher, knurrt. „Hey Rudolf“ flüstert Kai. Das Tier quietscht ein wenig, dann rutscht es näher, reibt sich an seinem Bein, hechelt. „Guter Junge.“ Charlies Kumpel Rudolf trinkt deutlich weniger als sein Herrchen, ist dafür aber viel ehrlicher in seinen Reaktionen. Alles verläuft nach Plan. Alles ist so unglaublich perfekt wie ein Zahnrad in einer unendlichen Maschine, wie eine Band, die seit 20 Jahren zusammen jamt. Yes, smooth. Er lässt das Juwel in seine Tasche gleiten, es gleicht einem Tropfen voller Zukunft und Glück. Zeit für den Abgang. Er schließt den Safe wieder. Rudolph klebt an seinen Füßen, hechelt glücklich. „Sorry, Junge“ Kai blickt sich um. Das Fenster ist in Reichweite, aber verdeckt von einem Dutzend Bilder, die sich kein Mensch anschaut. Nacheinander schiebt er sie zur Seite, betrachtet sie im Halbschatten, nichts besonders, keine Sau versteht moderne Kunst. Die Welt draußen wird zu einem Spinnwebenpuzzle, das Fenster knarrt laut, als er es aufzerrt. Die kalte Luft schmeckt nach Benzin und Metall. Poetische Leute würden sagen: Die verlorene Hoffnung auf einen neuen Flughafen, Hartz4-Sucht und der Geruch der Leute, die auf den Boden spucken, um einen Teil ihrer Existenz zu teilen. Kai ist kein Poet und sein Blick wandert nur nach unten, wo im Schatten einer flackernden Laterne ein Auto wartet, dessen Schlüssel er selbstverständlich dabeihat.

Rudolph jault ein bisschen, seine Haare sträuben sich. Stimmen rufen ihn, er blickt sich um, die Ohren gespitzt. Sie kommen näher. Fuck. Dreck. 5 Stockwerke bis zum Boden. Sein Rucksack, unfühlbar leicht wie bisher, wird zur Rettung, das Seil ist stark genug für ihn, knapp ja, aber es ist leichter als ein dickeres (wer hätte das gedacht?). Er verknotet es mit dem Heizkörper, der ahnungslos an der Wand geschraubt ist und klettert aus dem Fenster. Rudolf knurrt. Sie kommen näher. Zentimeter um Zentimeter zerrt sich Kai in die Kiste, kämpft gegen die Gravitation an, die, wie bekannt ist, dich nicht umbringt, erst der Aufprall. Oder schlimmer, man überlebt irgendwie. Der Hund bellt los. Sie sind da; Kai sieht vor seinem inneren Auge ihre Reaktion, das offene Fenster. „Hier will jemand rein!!!“ Mein Gott, sind die blöd. „Drecksköter. Was… verdammt…“ Das Bellen verstummt. „Er hat mich… verdammt. Aaaah. Bring den Wichser…“ Schläge über ihm, das Britzeln eines Elektroschockers, der Hund jault, heult, bricht Kais Herz. „Kommmmmm“ ruft er in die Höhe über ihm, verflucht sich selbst im selben Augenblick. „Komm“ flüstert die Stimme in seinem Kopf. Der Schatten fließt in die Nacht und verwandelt sich in Rudolf, der völlig hingerissen von der Anweisung dem Boden zurast. Kai hält sich fest, betet, doch der Reflex ist unaufhaltsam. Der Hund landet in seinem Arm. Das Internet sagt 30-40 kg wiegt ein Rüde, nicht dieser hier, der liegt bei ca. 2 Tonnen, Armbruch inbegriffen. Es knackt. Mensch und Tier fallen. Glas splittert. Das Autodach schwingt nach. Der Schmerz kommt in Schüben, erst der Rücken, dann der Arm, Blut strömt durch Kais Schädel, seine Ohren glühen, der Hund, der auf ihm liegt, rührt sich nicht, wimmert aber im Hintergrund. Zwei schwarze Flecken bewegen sich am Fenster, verschwinden wieder. Kai muss die Kontrolle wiederbekommen, den Atem finden, der sich verabschiedet hat. Er drückt an dem Tier, das sich nicht bewegt, der falsche Arm, er knirscht und brennt, der andere Arm, der noch lebt, trägt ein bisschen mehr Kraft in sich, trotzdem ist es für ihn eine scheinbar unmögliche Aufgabe, doch dann bebt der Hund, knurrt, versucht, sich aufzurichten, rutscht weg, versucht es aber wieder und ist tatsächlich erfolgreich. Es klatscht, als er auf den Boden rutscht. Kai rollt ihm nach, landet aber auf seinen Füßen. Rudolph wimmert. „Sorry“ keucht Kai, Trauer und Panik in seiner Stimme, dann humpelt er davon, gelähmt vor Angst. Sie kommen erst, als er es über die Bismarckstraße geschafft hat, um diese Zeit sind die Ampelsignale wirklich eher Empfehlungen, keine Anweisungen.

Die Hüfte, die sich bisher zurückgehalten hat, länger als sie sollte, ist wieder da, wie ein LKW, der einen in die Weichteile fährt, mit Vollgas und lauter Hupe. Er stöhnt, betet und bettelt. Nichts hilft, nicht einmal die Zuflucht in dem Gedanken, dass er stinkreich ist. Leute schreien auf der anderen Straßenseite, Kais Augen verschwimmen, überlastet vom Stress, vom Adrenalin, das seine Adern durchspült. Sie treten nach etwas, diese Wichser, Rudolph. Armer dummer Hund. Er muss weg, kann nicht. Seine Gelenke sind Beton. Ohne Auto ist er völlig hilflos und irgendjemand wird auf den Trichter kommen, den Besitzer informieren zu müssen, was nicht geht, denn das Auto ist 1. geklaut und 2. voller Fingerabdrücke. Super eingefädelt. Dieser Tag ist so unglaublich beschissen…

„Was tun Sie denn da?“ fragt jemand, eine Frau, die sich wie von selbst aus den Schatten zwischen den Straßenlaternen hervorgeschält hat. Sie ist jung, um die 30, sonderbar verwirrt, als würde sie nicht erkennen, dass er hier seine Ruhe haben will. Aber sind das nicht alle? „Sind Sie… oh.“ sie starrt über ihn hinweg, zum Haus. „Nein, nein… ich bin nur müde. Um diese Zeit…“ ächzt er. „Aha.“ sagt sie. Das übliche „Aha“ einer Person, die spät in der Nacht nicht glaubt, dass sie wach ist. Wann geht sie endlich? Sie steht da mit ihren Schuhen, die nicht mehr glänzen, ihren aufgelösten Haaren, die sie aussehen lassen wie eine Banshee, eine irische Kreischdämonin oder wie man auch immer dazu sagt und ihre Augen verheißen auch nichts gutes. Beide schweigen. Sie reibt sich das Kinn, lächelt, blickt sich um. „Sie haben nicht zufälligerweise Lust, mitzukommen?“ „Wie?“ fragt er. Sie nickt. „Meine Schwester wurde heute fast umgebracht und ich brauche jemanden zum reden. Sie ist im Krankenhaus. Sie sieht aus wie ich. Das ist lustig. Ich hätte das sein können.“ Sie lacht, das Echo ihrer Stimme kratzt an den Pforten des Wahnsinns. „Wollen Sie was?“ fragt sie und hebt die Flasche Wodka hoch, halbleer, „ich war gerade shoppen. Da hinten“ sie deutet die Straße hinunter, in die Finsternis, „der Laden hat jetzt offen.“ Sie nimmt noch einen Schluck. „Meine Zwillingsschwester wäre fast tot und ich war nicht dabei. Hahahahahaha“ Sie lässt die Flasche fallen, beginnt zu kreischen. Aufgeregte Rufe schallen herüber, als die Frau nun völlig durchdreht. „Hey, Sie…“ eine Männerstimme, der Typ, der „Stevens Brot“ essen wollte. Sie sind hier, bald, sehr bald und endlich schafft es Kai, sich von seinem Platz zu lösen. Wer hat den Anker gelöst? Er hat keine Zeit, die Frage zu beantworten, daher humpelt er los, mit einem Gebet auf den Lippen, das allen Göttern gewidmet ist, die alle keine Zeit für seinen Scheiß haben, milde gesagt. Seine Hände klatschen an Autodächer, er drückt sich ab, schlurft weiter, seine Hüfte liegt in den letzten Zügen. Nach vielleicht 20 Metern dreht er sich um. Die Wachleute sind endlich bei der Frau angekommen, schade, so schnell, diskutieren, einer sieht ihn und beginnt nach einigen Augenblicken Diskussion mit seinem Kollegen, ihm zu folgen. Dreck. Es knirscht, Splitter unter Kais Füßen. Da, nur ein paar Schritte weiter, glitzert ein Mund aus Glas in einer elektrischen Tür, Getränkemarkt irgendwas, Kai will keine Zeit damit verschwenden. Der Fette ist zu schnell für sein Gewicht und wirft sich auf ihn, versucht es jedenfalls. Kais Reflexe sind schneller als sein Körper es zulässt und mit einer Technik, die er vor Ewigkeiten in einem Film gesehen hat, lässt er den Wachmann in einer fließenden Bewegung davonschnellen und gegen ein Fenster laufen. Leider, wie Kai feststellt, ist jetzt die Hüfte vollkommen im Arsch und die Sirene eines Luftangriffs klingelt in seinem Körper. Mit letzter Kraft rutscht er in den Markt, vorbei an Flaschen mit… mit Inhalt. Ja. Perfekt. Er schraubt sich am Regal entlang, packt eine Flasche Klaren, schraubt sie auf. Seine Hände zittern. Bitte nur ein paar Augenblicke. Nein, das wäre zu einfach. Wasser… da. Er kippt das Wasser aus, betet, dass es nicht auffällt, dann rutscht das Juwel in die Flasche, darüber schüttet er den Klaren, einen Teil zumindest und stellt die Flasche ins Regal. Ein Fingernagel markiert den Schatz mit einem X im Papier, dann nimmt er einen letzten Schluck Klaren. Die Flasche scheppert auf dem Boden, er beginnt laut zu lallen. Hoffentlich nimmt man es ihm ab. Blaues Licht flimmert in der Ferne, am besten, er holt sich noch eine Flasche, bevor sie da sind. Irgendwo in der Ferne lachen ein paar Götter.

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