Dämon – Kapitel 10 – van Hagebaum

Dämon – Kapitel 10 – van Hagebaum

Mark van Hagebaum sitzt in seinem Wagen und wandert gemächlich durch Berlin, nur im Kopf, denn draußen tobt die Hölle und hier ist es ruhig genug, um den Eindruck zu vermitteln, dass man eben das machen kann, gemächlich etwas tun, in Berlin. Ha. Bei seinem Namen sind die Leute verwirrt, mit denen er es zu tun hat, sie fragen: „Sind Sie echt oder eine Romanfigur?“ Er antwortet dann normalerweise, wenn er gut drauf ist: „Beides.“ Seine Frau ist Autorin und ihre Bücher bringen mehr Tantiemen ein, als gut für sie beide ist, daher hat er seinen Job und seine Ruhe vor Fans, außer er nennt seinen Namen und sie hat den Ruhm und das Geld. Ist ne gute Beziehung, solch eine Aufteilung der Wirklichkeit. Jedenfalls sitzt Mark in seinem Auto und ist guter Dinge. Heute ist zwar Montag, aber in wenigen Tagen sitzt er nicht in seinem Auto, sondern auf der Veranda eines Hauses in der südspanischen Provinz, umgeben von nichts anderem als Wasser, Luft und Stille. Sein Telefon lässt das Verschwinden in seinen Zukunftsfantasien nicht zu: Es klingelt boshaft.

„Ja“ fragt er, lauscht, nickt, flucht leise, dann legt die Gegenstelle auf und er wirft das Handy auf den Beifahrersitz und gibt Gas, mehr oder weniger. Die Leiche einer Mittzwanzigerin ist auf einem Klo aufgetaucht, mitten in einem Einkaufszentrum, hat die Fliesen vollgeblutet, was für ein Schock, was für eine Klagewelle erwartet wohl die Verwaltung, vielleicht hat man ja eine Versicherung gegen sowas. Die rote Welle, welch ein Wortspiel, verlängert Marcs Fahrt beträchtlich, so dass er zwischenzeitlich auf sein Handy starren kann, nur um rauszufinden, ob seine Frau endlich geschrieben hat. Es ist anders als geplant gelaufen, Urlaub und Geld und Job. Sie ruft nicht an. Klar. Aber vielleicht doch. Bisher hat sie immer angerufen. Sie wollte heute losfliegen, schonmal einchecken, die Gegend erkunden, Spanien erobern, wie sie sagt. Ha. Er ist hier in Berlin und vertrödelt seine Zeit mit Morden. Vielleicht hat die Leiche ja Selbstmord begangen. Das wäre einfach: Man tippt schnell einen Bericht und ist raus, bevor der Chef nachfragt, rollt sich daheim dann in eine Decke ein und starrt so lange in den Computer, bis man Halluzinationen hat. Und das nur noch ein paar Tage, dann ist man im Flugzeug in den Süden.

Er braucht einfach Ruhe. Die Arbeit wäre nicht so mies, wenn seine Frau nicht so erfolgreich wäre, seinen Namen genutzt hätte und so weiter. Er kann die ganze Geschichte nicht nochmal aufrollen, sein Kopf würde nur in einer Dauerschleife versinken, aus der er nur auftauchen könnte, wenn… irgendein Idiot vor ihm bei grün bremst. Er schlägt auf sein Lenkrad und verschafft sich damit die Befriedigung eines lauten Hupgeräuschs. Fürs Blaulicht ist sein Mord nicht frisch genug, sie soll da schon länger liegen als nur ein paar Minuten. Aber damit käme er durch, doch wozu?

Es dauert schon ein ganzes Stück, bis er endlich da ist. Die Menge an Gaffern hat sich exponentiell erhöht, Handys filmen die Situation außerhalb des Zentrums, während Polizeiwagen wie eine Wagenburg um einen der Eingänge trapiert sind, keiner geht rein oder raus, außer mit Marke. Die Rolltreppe hat jemand abgeschaltet, Stille, unterbrochen von leisen Flüchen, Schritte, Worte, die lauter werden, Gesichter, dann erkennendes Nicken. „Marc“ sagt jemand. „Schmitt“ antwortet Marc. Der Pathologe ist unsagbar alterslos, entweder 70 oder 30, sein Gesicht ist vermutlich von den Leichenstrahlen, die ihm umgeben, lebendig zementiert worden, er lächelt deshalb vermutlich so wenig, weil genau diese Muskeln zu Stein geworden sind. „Was haben wir da?“ fragt Marc. „Die angekündigte Leiche…“ Schmitt deutet auf die Tür zum Frauenklo. „Ist es auch sicher?“ fragt Marc wieder. Schmitt zuckt mit den Schultern.

Das Frauenklo sieht nicht so aus wie in den Legenden, weder Pink noch Einhörner, auch keine Regenbögen, stattdessen grauweiße Fliesen, unterbrochen von Blutspritzern, die in einer großen Pfütze enden. Der Geruch von Blut kämpft mit dem Chlor, verliert aber eindeutig. Ein paar Leute im Vollkörperkondom wandern herum, fotografieren, alles ohne Leiche. Die ist schon eingelagert, bereit, in ihre Bestandteile aufgespaltet zu werden, seziert, berechnet und verglichen mit anderen Exponaten dieser wirren Ausstellung. Er sollte weniger trinken, dann käme er auch auf genauere und wichtigere Aussagen. Sein Kopf rebelliert und möchte nach Hause. 25 Jahre auf dem Buckel und hier solchen Terz machen. Er wandert durch den Raum, blickt in alle Ecken, während er denkt. Sein Kopf blickt nach oben. Ein winziger Punkt ragt aus der Weiße der Decke heraus, glitzert wie ein Diamant. Er geht nach draußen, lässt eine Leiter holen. Die anderen starren ihn an, als wäre er irre geworden. Sein Taschenmesser in der Hand steigt er nach oben und beginnt, mit der Klinge um das kaum sichbare Objekt herumzusuchen. „Fuck“ flucht er. Es ist nur irgendein Glitzerstein, den eine Frau hingeklebt hat, vermutlich vollkommen unabsichtlich. Sie lachen über ihn, leise nur, damit er es nicht hört, er weiß es. Die Leiter wird davongezerrt. Jemand bringt ihm eine Beschreibung der Toten. In der Paar sind die Zeugen zusammengetrieben worden wie Schafe auf der Weide, blicken sich um, als ob die Polizei ein Rudel von Wölfen wäre, die sie, statt sie zu fressen, für nichtige Gründe einbuchten könnte.

„Haben wir Kameraaufnahmen?“ fragt er, wartet nicht auf die Antwort, wandert herum, bis er das Büro der „Sicherheit“ findet. Sehr sicher also, wenn hier Leute einfach so umgebracht werden. Es ist zu früh, um Vermutungen zu haben, denn sonst findet er nur passende Fakten. Klassischer Buchtrick.

Die Aufnahmen, grob-schwarzweiß, passen in eine Fernsehserie aus den frühen 80er Jahren. Wozu sollte man auch aufrüsten, es wird ja niemand umgebracht, Moment, doch. Natürlich werden Leute ermordet, aber doch nicht hier, so mitten unter Montagnachmittagsmenschen, die sich den ersten Frusttag der Woche von der Seele trinken möchten. Figuren flitzen über den Bildschirm. Eine Frau stolziert gerade in die Bar und setzt sich, beginnt zu trinken. Bleibt sitzen, wie eine Statue in einem Meer aus Bewegung, eine klassische Zeitrafferaufnahme. Sie steht endlich auf, geht zum Telefon, telefoniert kurz, erstarrt, spricht mit der Barkeeperin, dann taumelt sie davon. Marc lässt das Band stoppen, „vorsichtig“ weiterlaufen. Die Putzfrau… unauffällig, eher Teil der Umgebung als echte Lebensform, mehr „sie“ als „wir“.

Sein Handy klingelt. „Ja“ zischt er, während er versucht, das Band mit ihrem 20 Pixel-Gesicht irgendwie zu verbessern, irgendwas CSI-mäßiges zu machen, aber dafür ist er nicht ausgebildet und er glaubt auch nicht ernsthaft daran, diese Serie nachstellen zu können, indem er ein paar Knöpfe drücken lässt. Schweiß liegt auf dem Gesicht des viel zu fetten Sicherheitsdienstmitarbeiters, der nur ein ruhiges Leben haben will, Donuts noch dazu.

„Marc“ sagt sie und sein Zorn erlahmt, bevor er wieder zurücktritt wie ein Esel. „Emma“ sagt er. Sie lächelt, er hört das daran, wie sie Luft holt. „Sie werden „Teertanz“ verfilmen. Sie haben mich angerufen, also die Firma, eine Frau Sägebrecht, direkt die Sägebrecht, die sich um die ganzen…“ sie redet weiter, als ob er eine Litfasssäule wäre, die ein Obdachloser für einen Menschen hält. Er ist das gewöhnt. „Hörst du mich?“ fragt sie. „Ja, schon… ich bin hier an einem Fall, Moment… was ist das?“ Kirchenglocken hinter ihrer Stimme. Heute ist doch kein Feiertag, trotzdem ein leichtes Bimmeln. Wodka gestern, heute Hallus? „Wo bist du…?“ „Ich…“ „Du bist wieder bei ihr, ja?“ fragt er und seine Stimme zittert weniger, als er sich vorstellt, trotzdem zu sehr, um ignoriert zu werden. „Ja, verflucht…“ zischt Emma. Das Klingeln wird leiser. „Ich wollte ihr die Nachricht zuerst…“ „Nein, Emma. Wir hatten doch…“ „Du hattest es entschieden. Du hattest gesagt, wir müssen weitermachen. WIR haben garnichts gemacht. WIR waren nicht in Therapie. ICH! Habe alles getan, was notwendig war, um… um…“ Sie schluchzt. Was soll er tun? Ist er so kalt? Der Panzer, der um sein Herz herumgewachsen ist, knackt, er presst die Faust auf seine Brust, „das zu überstehen, Marc. Vermisst du sie nicht?“ „Emma“ flüstert er, umgeben von Stimmen, die gleichzeitig durch die Hallen des Einkaufszentrums schweben, „Emma, ich vermisse sie so sehr… es ist nur nicht gut, wenn du…“ Sie legt auf. Die Zeit, in der man den Hörer auf die Gabel knallen konnte, vorbeigeflogen wie die Erinnerung einer Wolke. Sie ist bei Gabriela, bei ihrer Erinnerung, dem Symbol ihrer Existenz. Er fühlt ihre winzigen Hände auf ihrem Gesicht, ihr Lachen in seiner Seele, doch das ist vorbei, der Phantomschmerz einer Amputation. Fast 10 Jahre, doch die Wunde, die Marc versucht, zu flicken: Die Naht ist nicht dick genug, Draht, Whisky, Koffein, Sexfilme… also das Zeug, das man legal kaufen kann, völlig nutzlos. Und er ist blöd genug, nicht den Andeutungen seiner Kollegen zu folgen, die andere Mittel nutzen, um sich ihrer Existenz unbewusst zu sein.

Shit, jetzt geht das wieder los. Ein Flackern im rechten Auge, das andeutet, dass die Netzhaut endlich ihren verfluchten Geist aufgibt? Nein. „hallo“ sagt eine Stimme, unwirklich, weil: nicht real. Er muss sich nicht umdrehen. „Gabi“ sagt er vorsichtig. „papa“ antwortet die Stimme. „Du bist nicht real.“ „ich bin nicht real, du bist nicht real.“ Ihr Gesicht hat den Abdruck des Autoreifens, den selbst der beste Nachtotchirurg nicht hat beheben können oder was der verdammte Gesichtsausdruck, Ausdruck an Worte, jetzt geht es wieder… Name für den Beruf ist. Man kann viel tun, aber nicht alles und auch ein Kleinwagen irgendeiner beschissenen Marke hinterlässt sein… Markenzeichen. Sie war vor ihm hergerannt, direkt auf der Kreuzung Bismarckstraße/Wilmersdorfer… wo die Ampeln einen zwingen, zu erstarren oder wie ein bescheuerter Mensch zu rennen. Sie war anderen gefolgt, die das Rot nur als Erlaubnis genommen hatten, Anarchie zu züchten, diese Spackos, Idioten… und der Wagen hatte sie nicht gesehen. Vermutlich war der Fahrer… wie auch immer sein Name gewesen war, eine Sünde in seinen Augen! eingeschlafen oder hatte am Autoradio gespielt, völlig davon überzeugt davon gewesen, dass kein Mensch bei Rot über die Straße gehen würde, gerade in Berlin! HAHA! und dann war es geschehen und ihr Gesicht schwebt halb vor ihm, der Rest verschwimmt in einer Mischung aus Nebel und ihrem Lieblingskleid.

„Wollen Sie noch was?“ fragt der fette Mann am Pult. „Was… ach ja.“ Er zieht einen Zettel, eine Visitenkarte aus seiner Jacke, wischt sie ab. „Schicken Sie die Datei… auf diese Email-Adresse. Danke.“ Der fette Mann nickt ihm zu, ehrfürchtig berührt er das magische Objekt mit beiden Schokodonuthänden wie ein japanischer Geschäftsmann, was er vermutlich nur aus irgendwelchen Hentai-Filmchen kennt, die er heimlich anschaut, wenn er sich allein fühlt. Nichts geht über Pixel-Genitalien.

Außer Leben.

Leben, das er verloren hat, als er sie verloren hat: Seine Frau hat jegliche Form der Reproduktionsmöglichkeit aufgegeben, als sie mit der Nachricht über den Tod der Kleinen konfrontiert worden war. Die Kleine, die jetzt neben Marc schwebt wie ein Dämon. Ja, genau die. „Berlin wird untergehen.“ sagt sie, flüstert, zischt sie. Das übliche Höllengequassel. Die ersten hundertmale war es ein Schock, aber nun kommt sie so selten, dass er nur noch genervt ist, wenn es geschieht. Wie heute. Wie bei einem solchen Mord. Nur, dass sie, im Gegensatz zu einem Film oder einer Ein-Staffel-Serie keine Hinweise zum Täter oder Motiv gibt, nein, sie nervt nur mit ihrem Klischee-Gejammere. Das ist wohl das Fegefeuer für ihn… er lebt in DIESER Welt und erntet die Früchte für seine Sünde der schlechten Erziehung. Dieser kurze Eindruck einer Kurzgeschichte, die alles auf einen Punkt konzentriert… er schüttelt den Gedanken ab. „Siehst du den Mann dort in seinem gelben Shirt. Siehst du ihn?“ „Ja“ antwortet er sich selbst. „Warte, bis er vor deinem Auto steht.“ Marc ignoriert die Stimme, wie jede andere.

Gaffer zäumen seinen Parkplatz und er muss sich überwinden, nicht jedem seinen Fuß ins Gesicht zu setzen. Dafür ist er auch bekannt, sich zurückzuhalten. Noch mehr als sonst ist er ein Spießer geworden, der sich nur ein übliches Leben wünscht. Seine Frau kann ruhig versuchen, ihre geistigen Gene weiter in die Welt zu tragen, Menschen aufschrecken in der Nacht, wenn sie das Kapitel „Das Auge im Schlüsselloch“ gelesen haben… nichts für ihn. Fast würde er „Sorry“ sagen. Er muss zur Behörde. Vermutlich wird er sich wieder verfahren.

Jemand muss zur Seite springen, landet mehr als unsanft auf seinem Hintern. Marc würde kichern, aber hat seine eigene Stimme nicht… nein. Nein… es ist nur ein Mann, um die 30. Handy in der Hand. Gelbes Shirt. Völlig aus dem Nichts. Die Augen zornig, dann völlig vom eigenen Terror überwältig, starrt an Marc vorbei, als wolle er ihm nicht in die Augen schauen. Angelernte soziale Angst vor Polizisten und Leute, die einem wehtun können. Marc ist keiner aus der zweiten Reihe, aber er kennt einige Leute, die es nicht geschafft haben, sich zu beherrschen und die Interne ist nicht immer darauf geeicht, solche Leute wieder in die Spur zu bringen. Wozu auch? Terror muss verdient sein. Er fährt endlich weiter, ignoriert den Mittelfinger des Mannes, den der hinter seinem Telefon zu verstecken versucht. Anzeige wegen Fast-Überfahren? Versuchs nur, Punk. Jetzt dreht sich der Typ um und rennt gegen ein Stopschild. Scheiß die Wand…

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