Unter dem Berg liegt ein Schatz

Unter dem Berg liegt ein Schatz

Etwas geschieht

mit mir und mit Stefan. Oder Stephan. Ich kann den Namen nicht aussprechen, nicht denken. Ich weiß, er steht dort, in der Mitte der Kammer, direkt unter dem Kreis, der sich einem Himmelsgewölbe gleich über unsere Köpfe stülpt. Er schweigt. Nur mein Herz lebt noch.

Die Fackel flackert in meiner Hand, verlischt bald. Zu tief, viel zu tief, liegt diese Kammer. Hier muss der Schatz sein. Ich fühle den Berg über meinem Kopf, die Kraft seiner Schwere presst die Luft aus meiner Lunge und die Worte aus meinem Kopf.

Erinnerungen flackern auf, sterben und werden davongeweht. Unheilig ist der Ort, sagte Großmutter auf ihrem Sterbebett, dort, wo das Gewebe von Leben und Tod, von Hier und Dort sich auflöst, wo Fäden gezogen werden, die die Engel abschneiden werden. Verboten, sagte sie, ist die Gruft der Kutsche. Ihr Atem ging schnell. Der Berg, flüsterte sie. Geh nicht dorthin. Dort erwartet dich nur der Tod.

Damals war ich 10 oder 11 Jahre alt. Was weiß ich …, nur dass ihre Worte eine Welle auf meiner Haut malten, als wäre ich eine Leinwand und sie der letzte Pinselstrich, der notwendig war, um das Gemälde meines Lebens vollständig zu zerstören. Nun stehe ich hier, 30 Jahre später. Natürlich wurde ich Bergmann, wie so viele andere. Nun stehen mein Schwiegersohn und ich unter der Kuppel, ich neben ihm und wir beide sind nicht gewillt, aufzuhören, sind nicht bereit, uns zu opfern.

Die anderen haben uns verlacht. Selbst der Herr Pfarrer hat uns beiseite genommen und gefragt, ob wir es ernst meinen mit unseren nächtlichen Wanderungen in die verborgenen Tiefen unter der Stadt. Der Berg hat seine Kraft verloren, flüstert der Steiger. Er fühlt es in den Wänden, die um uns herum in den Himmel wachsen, voller Silber und Zinn … er stirbt, der Berg.

Lang hatte ich vergessen, wie sehr mich die Worte der sterbenden Frau beeindruckt hatten; hatte ein Leben geführt, das weniger ist, als es hätte sein können. Ich habe geheiratet. Ich habe gezeugt. Doch die Groschen fallen mir aus den Taschen, schneller, als ich sie einsammeln kann. Der Schatz ist die Rettung. Woher er kommen mag? Gerüchte sind wie Wellen, sie kommen und sie gehen. Sie sagen, die goldene Kutsche wäre im Moor versunken, damals, vor wie vielen Jahren? Dort, beim Heideteich, sagen sie. Nichts da, die Gerüchte sind wie die Luft, die die Flammen fressen, damit sie leben und wir sterben. Ich würde lachen, aber ich kann nicht mehr.

Doch unter dem Berg, dort, sagte sie, die Großmutter, dort ist Platz. Seit vielen hundert Jahren graben sie dort, Leute, die kommen und gehen, die geboren werden, die sterben. Fliegen auf dem Antlitz der Erde, wie lächerlich. Großmutter war klug, nein, weise. Deshalb hat sie mir all das hinterlassen, was wichtig war. Worte. Ratschläge. Wissen.

Ich weihte ihn ein. Ich kenne seinen Namen nicht mehr. Er hat meine Tochter geheiratet. Er nickte, als er verstand. Ich brauche seine Hilfe. Noch nie waren wir so tief unter dem Berg. Hier gibt es Plätze, an die sich keiner traut, Wände, denen man ansieht, dass sie fehl am Platz sind, doch alles gilt als verboten, als teuflisch, als verflucht.

Heute Nacht sind wir allein. Die anderen sind fortgegangen. Der Steiger hat gewarnt, hat gemeint, dass etwas droht. Er hat Unrecht. Der letzte Sturz war vor fast 100 Jahren. Ich würde lachen. Ich kann es nicht.

Die Kammer ist leer. Hier ist keine Kutsche. Hier ist keine Truhe voller Gold. Hier sind nur der Mann mit dem Namen meines Schwiegersohns und ich. Ich fühle etwas, eine Bewegung, ein fernes Jammern, als würde die Erde um uns herum weinen. Ich möchte rufen, dass wir umkehren sollten, denn die Fackeln sterben und wir mit ihnen, doch er hört nicht. Er hebt seine Hand, deutet auf eine Wand, die ebenso grau aussieht wie jede andere. Ich möchte rufen, doch mir fehlt die Luft. Die Hacke frisst sich in den Felsen hinein. Das Weinen ist mein eigenes, doch es ist keine Freude, die meine Augen überfließen lässt, es ist … Großmutter, deren Schatten an meinem Nacken vorbeizieht und ihre toten Worte flüstert, immer und immer wieder. Unheilig. Verboten.

Der Steiger hatte Recht. Im Licht der dahingeworfenen Fackel glitzert das Gold hinter den Brocken aus Stein, doch das Loch, das die Spitzhacke gebrochen hat, wächst auch ohne ihr Zutun. Der Steiger hatte Recht. Wir sind zu spät. Heute ist ein schöner Maitag im Jahre des Herrn 1803. Als die Wand einbricht und ihn, der meine Tochter verwitwet, begräbt, erkenne ich die wunderschönen Einzelheiten der verlorenen Kutsche. Mein Körper weiß, was er tun soll. Der Gang hinter mir bricht nun völlig zusammen. Ich muss nicht daran glauben, dass ich sterben werde. Die Türen der Kutsche stehen offen und ich springe hinein, lasse mich vom Staub der Jahrhunderte bedecken und lache bei dem Gedanken, dass ich in wenigen Augenblicken in einem goldenen Wagen hinauf an die Himmelspforte fahren werde.

 


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