Dein Name

Dein Name

Grau

fühlst du ihn, den Druck der Straße unter deinen Füßen? Er fühlt jedes einzelne Staubkorn – sieht es aufsteigen, verharren, hört sein Flüstern, bis es wieder auf den Boden knallt. Eine mikroskopische Flutwelle rollte an seinen Schuhen entlang, Schritt für Schritt für Schritt. Die Luft schmeckt nach absolut gar nichts, bis zur Unkenntlichkeit gefiltert durch tausende Lungen, bis jeder Atemzug nur noch dazu dient, zu leben.

Fremde treffen auf Ihresgleichen, Pfade verschmelzen ohne Berührung, ohne physische Sensation, man wird eins für den Bruchteil eines Moments, doch nichts bleibt bestehen in dieser Welt ohne Worte.

Du fühlst das Nichts, nicht wahr? Die Einsamkeit der Menge, die sinnlosen Tänze, den Mangel an Sinn. Und doch, du erinnerst dich, gib es zu, an eine Zeit, in der du echt warst, existiert hast. Dann, als habe eine ferne Gestalt dir das wichtigste geraubt, deine Definition, deinen Anker.

Du bleibst stehen, die Stille stoppt, du manifestierst dich, eisgewordenes Wasser. „Hey“ zischt eine Stimme, ein Gesicht erscheint vor dir, Brille, Bart, viel zu großer Kopf für sein Alter, „geh weiter.“

„Nein“ sagst du und ein Gesicht formt sich, „gib mir meinen Namen zurück.“ Der andere Mann lacht. „Ich?“ „Du.“ „Wer bin ich, dein Schöpfer?“ „Ja. Gib mir meinen Namen wieder.“ „Und welchen willst du?“ Du schweigst. Überraschung.

„Meinen echten Namen.“

„Junger Mann…“, antwortet sein Gegenüber.

„Nein. Meinen echten Namen. Du kennst ihn.“

„Ich kannte ihn, ich vergaß ihn aus Gründen…“

„Für einen Effekt.“

„Für eine Sensation, ja.“

Andere starren auf euch. Macht mal hin. Jeder Augenblick spült mehr und mehr Wesen heran, namenlos und vergessen, aufgeschrieben und gelöscht, Schatten verlorener Geschichten. Sie heben ihre Hände, betrachten ihre Finger, suchen ihre Spiegelbilder in den Augen der anderen.

„Gib mir meine Existenz zurück.“

Er zuckt mit den Schultern. Du schlägst ihn ins Gesicht. „Namen….“ Er lacht. Blut tropft in den Staub. „Was sind schon…“ Du packst seine Kehle, er schüttelt dich ab, du folgst seinen Bewegungen, er versucht, auszuweichen, doch du bist schnell, eine einfache Dreifachkombination erwischt ihn. Er taumelt, hält sich oben. „Los, kämpf mit mir.“ Deine Worte wirken falsch, wer wagt es, ihn herauszufordern. „Nein.“ sagt er. Du schlägst wieder zu. Er weicht aus. Schläge verpuffen, Stimmen aus der Menge stöhnen auf. Du umkreist ihn, er lächelt, seine Zähne blitzen. Wolken rasen über den Himmel, Blitze formen sich in ihrem Inneren. Als du endlich triffst, erwischt der Donner die Straße, fegt sie mit seiner Macht fast leer, doch die Zuschauer kommen wieder, schlurfen heran. Die Kraft, sie füllt deine Lungen, dein Herz. Ein neuer Versuch, wieder ein Treffer. Der Boden bebt, Steine rieseln von den Häusern herab. Er weicht dir aus, führt dich. Ja, er führt dich, fühlst du es nicht? Nein, noch nicht. Deine Wut ist zu stark, folge ihr.

Hiebe und Tritte verletzen ihn, verwandeln seinen Körper in etwas Unerhörtes. Ein Blitz schlägt ein, das Zeichen deiner Macht. Tu es, erwisch ihn. Gut. Er grinst, spuckt Blut, fordert dich heraus. „Willst du leben?“ fragt eine ferne Stimme, eine Frau. Du hebst die Faust in den Himmel. Blitze wandern über deinen Körper, hüllen dich ein, das Tor zum Universum steht offen, der Blick in eine andere Welt ist dir erlaubt. Du lachst. „Ja!“ „Dann schau gefälligst auf die Straße, Idiot.“ Du drehst dich um.

Deine Füße haben Worte in den Staub geschrieben, die Kalligraphie deiner Wut hat dich beschenkt, sei dankbar. Du hörst das Jammern der Verstoßenen, als du beginnst, die Welt zu verlassen, befreit durch deine eigene Kraft. Sei dankbar, Jan und vergiss sie nicht, die anderen, die verlorenen Geschöpfe fremder Erzählungen und Träume. Vielleicht triffst du ja den einen oder anderen auf deinen Reisen und dann nickt ihr euch zu und geht eurer Wege, peinlich berührt, weil ihr nicht den Namen des anderen kennt.

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