Dämon – Kapitel 3 – Paul

Dämon – Kapitel 3 – Paul

Der Wagen hat 97 PS, die selten genug völlig frei galloppieren können, aber »Top of the World« von den Carpenters, gesungen von der weichen Stimme der verstorbenen Karen, ist ein Lied, das zum gemächlichen Anpassen an den Berliner Straßenverkehr zwingt. Zu bedrückend war der frühe Tod der damals 33 jährigen, dass die Welt sogar für einen Augenblick den Atem anhielt, alle Kriege stoppten, jeder Schlag, jeder Kuss, jeder Tod eine Pause einlegte, um das hinterher mit einer Intensität auszugleichen, die weniger berechenbar als emotional chaotisch ist. Der Mensch ist eine Ansammlung von chemischen Prozessen und selbst das, was er »ich« und »Seele« nennt, sind Ladungen von elektrischen Strömen, wie der Golf II, doch ohne erkennbaren Fahrer.

Berliner Gebäude ziehen in flachen Schatten vorbei, Fenster sind Linien, Türen ebenso, alles wird zu einer Einheit ab 60 km/h. Nur das Ziel bleibt bestehen, wird langsam erkennbar schärfer und größer. In der Tasche neben dem Mann, der sich heute Paul nennt, liegen noch 4 Ordner, 3 davon sind mit zitternder Tintenhand unterschrieben worden, das letzte Viertel wartet noch auf seinen neuen Besitzer. Er wird natürlich versuchen, den Text zu lesen, ihn zu erfassen, aber wie so viele Leute vor ihm wird er irgendwann aufgeben und sich dem Gedanken ausliefern, es sei ja nur eine Unterschrift. Natürlich hätte er damit Recht, aber ähnlich den vielen Verträgen, da draußen im Internet, die es notwendig machen, hier und da einen Bestätigungsklick durchzuführen: Kein Mensch versteht es.

Ein Parkplatz ist frei. Paul verlässt den Wagen. Menschen weichen ihm aus. Er versteht. Er ist kein Tier. Er ist kalt. Er ist präzise. Das ist seine Aufgabe. Er wird sich, wenn seine Aufgaben erledigt sind, nach Hause fahren und sich auf den Stuhl neben dem Telefon setzen und er wird warten. Die Vergangenheit existiert nur in verschiedenen fernen Bildern: Die Zukunft ist das einzige, was zählt.

Sein Telefon vibriert. »Paul« antwortet er. Die Stimme am Telefon zischt und grummelt, Paul schließt seine Augen. Texte flattern durch seinen Verstand. »Okay.« Er legt auf, steckt das Handy wieder ein, ein Radfahrer klingelt wild neben ihm. Er schaut nach unten, steht nicht auf dem Radweg. Das Rad wird an einen Baum gelehnt, dann mit einer Kette gesichert. Der Fahrer ist jung, um die 16 oder jünger, sein Gesicht ist eine Maske hinter einem schwarzen Gitter über seinen Augen. Er überreicht ihm seinen Koffer, sieht nur kurz, wie Koffer und Junge sich vor die Tür des Hauses stellen, das bis vor Augenblicken Pauls Ziel gewesen war. Der Junge klingelt 2x kurz, dann ertönt das Summen, dass seine Anwesenheit erwünscht ist. Erst als die Tür hinter ihm wieder geschlossen ist, steigt Paul in das Auto. Sein Navi zeigt auf eine Adresse Bismarckstraße. Er regt sich nicht auf, dass er vor 10 Minuten dort gewesen war, dass er jetzt zurückfahren muss, einen neuen Parkplatz finden muss und so weiter. Er befolgt Anweisungen, nicht mehr, nicht weniger.

Er wartet, bis ein Parkplatz frei ist, dann nimmt er sich diesen. Das Hupen anderer Fahrer interessiert ihn nicht, der Fokus liegt an anderer Stelle. Das Haus hat 5 Stockwerke. In der Nähe taumeln Leute mit prallgefüllten Einkaufstaschen in ihre Wohnungen, in ihre sicheren Wohnungen. Eine davon wird heute ein Tatort sein.

Die Tür ist sonderbarerweise offen, was selten ist, hier in der Mitte Berlins, in der man sich dafür schämt, überhaupt in einem Haus zu leben, nicht draußen, Wannsee oder noch tiefer in den Eingeweiden der Stadt, dort, wo die Stars sich ein zeitweises Quartier aufschlagen, nicht dass, dies Paul kümmert. Die Auslage eines Zeitungsladens nennt unbekannte Namen, die sich in den glanzlosen Augen der Menschen widerspiegeln, Gesichter, die austauschbarer sind als Schlüssel, dessen Bund in Pauls Hand hängt, eine Auswahl an Nachbildungen. Er könnte, wenn er wöllte. Doch er wartet, wie es Teil seiner Anweisung ist. Ein jäher Gedanke steigt auf.

Das Eis, Vanille mit Schokoflocken, bringt den Nachteil unerwünschter Erinnerungen mit sich, doch der Geschmack ist das Leiden wert. Die Waffel ist noch nicht durchgeweicht, als sich die beobachtete Tür öffnet und ein Mann heraustritt, eine rote Krawatte umschlingt seinen Hals wie eine zweite Zunge und seine Stirn zeigt das Leiden eines unerwünschten Schweißausbruchs. Er zittert. Pauls Eis landet im orangefarbenen Mülleimer. »Ich mag keine Montage« sagt der Mann, als Paul an ihm vorbei in das Haus tritt, dann schließt sich die Tür. »Warte« sagt eine Stimme, befiehlt das Unmögliche. Er gehorcht. Wer auch immer mit ihm redet, muss Recht haben. Er wartet, bis die Hand, die ihn gepackt hält, loslässt.

Stille, unterbrochen von den fernen Echos einer Klospülung, den schnellen Schritten winziger Kinderschuhe, Türen, die sich öffnen und schließen. Draußen rast ein Krankenwagen vorbei, zersplittertes Blaulicht an den Wänden. Die Treppenstufen knirschen unter Pauls Füßen. Eine Frau kommt ihm entgegen, den Blick zu Boden gesenkt, weiße Hände in ihrer Handtasche vergraben. »Brenda!« Sie blickt auf, sieht Pauls Gesicht, ihr Blick bewölkt sich. »Kennen wir uns?« fragt sie ihn. »Brenda!« Die Frau dreht sich um, starrt nach oben. Ihr Spiegelbild lehnt sich über das Geländer, »Hast du deinen Schlüssel vergessen?« »Oh ja« ruft Brenda zurück, streicht sich die Haare glatt, die in einem Dutt enden, im Gegensatz zu ihrer Zwillingsschwester, die deutlich moderner und offener erscheint, zumindest nach den wenigen Sekunden, die Paul bleiben, um beide zu erfassen. Brenda steigt wieder nach oben, ihr Rock zeichnet einen flachen Hintern ab, sitzende Tätigkeit, halbhochhackige Schuhe aus schwarzem Leder, Lehrerin oder Sachbearbeiterin, unverheiratet. Die Übergabe der Schlüssel und zwei Küsschen auf den Wangen später steigt Brenda in den Abgrund der Stadt hinab, ihre Augen verharren für einen Augenblick auf Pauls Gesicht, als wolle sie nur sichergehen, dass er nicht jemand anderes ist. »Kennen Sie die Liebe?« fragt sie. Paul reagiert nicht, verarbeitet die Frage, viel zu langsam, denn schon ist die Frau davongerannt. »Meine Schwester. Ich bin Anne.« sagt die andere Frau, er lächelt gezwungenermaßen und sagt: »Das ist sehr nett.« »Sie ist meine Zwillingsschwester.« »Das ist mir aufgefallen.« »Aber sie ist anders als ich. Sie ist sehr verschlossen und ich… ich meine, man muss doch was im Leben darstellen, finden Sie nicht auch?« Er nickt wieder. Sie merkt, dass er nicht ihr neuer bester Freund wird. Die schwere Holztür knallt in ihren Rahmen, zornige Schritte entfernen sich.

Zwei Etagen später steht er vor seinem Ziel. Er klopft an die Tür, einmal, zweimal. Beim dritten Versuch reißt jemandem der Geduldsfaden. »Ja?« »Ihre Klingel ist kaputt« sagt er, »Ihr Mann hat eine Bestellung angefordert. Ist er da?« Versteckte Augen hinter einem verstopften Türspion. »Mein Mann ist nicht da!« »Ja, ich weiß« Pauls Stimme schwingt sich in Panik, »ich habe ihn getroffen. Herr Spencer. Rote Krawatte. Er sagte, er müsste los und ich soll es bei einer Frau »Maria Spencer« abgeben. Sind Sie das? Bitte, ich muss weiter. Mein Boss…« Schlüssel drehen sich im Schloss, die Tür wird einen Spalt geöffnet. »Wo ist es denn?« Sie wirkt deutlich älter als er, Ende 40 bis Mitte 50, Sonnenbankgeruch steigt auf, erklärt die rotbraune Haut, die sich über einen viel zu dicken Schädel spannt. Im Hintergrund spielt ein Fernseher sein übliches Programm ab, laut, um den Raum zu füllen. »Wie bitte« murmelt Paul. »Was ist es? Sind Sie schwerhörig?« Pauls Handschuh schiebt die panischen Augen der Frau vor sich her, verhindert, dass sie ihn beißen kann, was sie natürlich versucht, schließt mit der anderen Hand die Tür hinter sich, drückt sie über den Flur in das Wohnzimmer, der Fernseher brüllt weiter und wirft sie in den Sessel, den augenscheinlich ihr Mann bewohnt, wenn er daheim ist. Eine halbgerauchte Gitane wirft ihren Rauch in die eh schon stickige Zimmerluft. Atmen fällt schwer. Sie hat keine Kraft mehr oder sie spielt nur die Schwache. Ihre Mundwinkel zucken. »Was… wollen« keucht sie. Aus seiner Jacketasche zieht er eine winzige Waffe, eine Pistole, die im ersten Augenblick den Preis der Lächerlichkeit mit sich trägt, aber Lächeln lässt jede Form von Staunen verschwinden. »Wollen Sie mich damit erschießen?« fragt sie. »Wenn ich muss…« antwortet er mit einem Hauch von Bedauern.

Er blickt sich in der Wohnung um, eine Mischung aus Moderne und Biedermeier, der Versuch, intellektuell zu wirken. Abstrakte Bilder strategisch verteilt säumen den letzten Meter zur Decke der Wohnung, man muss die Augen heben, wenn man sie bewußt betrachten will. Sie bleibt sitzen, bewegt sich keinen Millimeter, doch es ist keine Panik, die sie im Sessel gefangen hält, sondern aufrichtige Neugier. Sie hebt die brennende Zigarette aus dem Aschenbecher, nimmt einen Zug. Die Flamme wandert über ihr Gesicht, ihre Augen nehmen einen spöttischen Ton an. »Was hat er Ihnen gezahlt?«

Er schweigt, wandert weiter durch die Räume. Ein Badezimmer, ein Schlafzimmer, ein offener Raum voller Krimskrams unerfüllter Hobbies, ein Stapel Bücher, eine halbe Schreibmaschine, ein Blatt mit wenigen Worten, der Beginn einer Geschichte oder das Ende. Der Fernsehton bricht zusammen, Stille wird zur Faust in Pauls Kopf. »Ich habe Sie was gefragt!« Ihre Stimme versucht auszubrechen, zerschellt an den Altbaumauern. In der Küche verhallt die Frage deutlich später, metallene Schränke vibrieren vor Hysterie, ein Messerblock wird zur Stimmgabel.

»Sagen Sie ihrem Chef, dass ich mehr zahle als er. Sagen Sie ihm, dass ich das Geld habe, nicht er. Er ist nur ein Opportunist!« Paul versucht, sich das Gesicht des Mannes vor Augen zu führen, doch versagt. Gesichter sind nur Muster, ersetzbar wie Wolken oder Verkehrszeichen. »Sagen Sie ihm, dass…« sie stoppt, als sie das Messer sieht. Ihr Mund wird zum Brunnen, aus dem ihr Stammeln bricht wie schmutziges Wasser. »neinneinneinneinnenbitteichhabegeldichhabealleswassiewollenbittebittebitte…« Sie gurgelt Wortfetzen hervor, verschluckt sich, ihr Kehlkopf schwingt hilflos herum.

»Ein Angebot?« fragt die Stimme am Telefon. Paul legt das Handy in die zitternden Hände der Frau. Sie presst es an ihr Ohr, hält es in ihren Fäusten, die Harpune in einem Wal, die beider Leben vernichten könnte. Sie nickt hilflos, spricht von Geld, von Daten, steht auf, schnellt zum Schreibtisch hinüber, ihr Gesicht spiegelt sich im Computermonitor wider, sie sucht einen Stift, wirft ein halbausgetrunkenes Glas Rotwein um, Spritzer landen auf dem Teppich, kritzelt Zahlen auf einen ausgedruckten Kontoauszug.

Hinter dem Tippen auf der Tastatur nimmt Paul das Telefon wieder in die Hand, hält es an sein Ohr, lauscht dem schnappenden Atmen seines Vorgesetzten. »Sie hat es.« sagt er, als die Überweisung ihren Weg auf ein unbekanntes Bankkonto beginnt. Die Augen der Frau folgen ihm, als er zurück in die Küche geht. »Ist alles in Ordnung?« fragt sie. Ihre Stimme bleibt heiser. Paul hebt seine Hand, um sie zum Schweigen zu bringen. Die Stimme am Telefon seufzt, entscheidet sich.

»Gut. Dann sagen Sie ihr, dass Sie auch ihren Auftrag annehmen.«

Die Kommentare sind geschloßen.