Anti-Magie
Das Haus war leer.
Es war wirklich leer.
Er presste sein rechtes Ohr gegen die dicke Holztür, fühlte das Knistern der alten Farbe auf seiner Haut, lauschte durch die toten Zellen der verlorenen Bäume, die sich geopfert hatten, aber außer seinem Atem und seinem Herzschlag und dem Summen seiner Blutzellen in seinen Adern war da nichts.
Sonst waren da Schritte oder Atemzüge oder Waschmaschinen oder Mikrowellen oder Bälle, die die Treppe herunterrollten, deren Gummiumhüllung die Luft in sich einschlossen wie Köpfe einen Gedanken, aber heute war da nichts.
Er lehnte sich zurück, bedachte das Knacken seiner Gedanken mit einem unzufriedenen Lächeln – er war alt, das war keine Frage -, dann wanderte er durch den Flur, dessen Teppichboden von Jahrzehntealten Schritten platt gepresst worden war in die Küche und aktivierte den Wasserkocher, schüttelte ein-zwei Löffel löslichen Kaffees in seine Tasse und ging zurück ins Wohnzimmer.
Der Computer war angeschaltet, war er immer zu dieser Zeit, es war kurz nach 10 Uhr am Morgen, er setzte sich, loggte sich ein, betrachtete das Hintergrundbild seines Rechners, eine blauschwarze Landschaft, Wald umhüllt von Bergen, Sterne in unendlichen Zahlen am Himmel, wenn man nur lang genug nachschaute. Er änderte das Bild in etwas Sonniges, Meer mit Wellen und Schiffen und Licht. Das Wasser klopfte gegen die Wände des Kochers, er stand auf, löste den Kaffee auf, dann nahm er die Tasse zurück zum Computer.
Er loggte sich auf seine üblichen Webseiten ein, -Sites, Gelände, ähnlich Flächen zum Bebauen, wie es damals, vor 30 Jahren normal gewesen war, nicht wie jetzt, fast im Jahr 2028. Die Welt hatte sich globalisiert, hatte ein homogenes Internet erschaffen, hatte ihn ausgesperrt.
Hatte ihn ausgesperrt. Ja.
So ausgesperrt wie der 2027er Virus, irgendeine Abart des Corona-Virus. Der Virus, der alles verändert hatte – alles, bis auf ihn.
Er trank seinen Kaffee, versuchte, jede Art von Geschmack darin zu erkennen. Es war kaum möglich, ihn noch einmal zu bekommen. Es gab keinen Kaffee mehr. Auch keine Tassen. Auch keine Computer. Auch keine Musik. Es gab nichts mehr, nur noch Reste der Reste der Reste von Produkten aus den alten Zeiten, 2026.
Die Welt hatte in dem neuen Virus etwas erkannt, etwas gefunden, das bisher nicht möglich gewesen war: Magie.
Echte Magie. Beiläufige Magie. Nebenbei-Magie. Ach-Übrigens-Magie.
Er verzog sein Gesicht. Das Wasser schmeckte trübe. Vermutlich liefen die Frischwasseranlagen nicht mehr optimal, aber er war kein Techniker, kein Forscher, er war jemand, der seine Zeit damit verbrachte, zu arbeiten, auch wenn er wohl noch der Einzige war, der das tat.
Die ersten Erscheinungen der Magie waren Ende 2026 aufgetreten, im Dezember. Der Virus, eine mutierte Corona-Version, war erstmals in den USA aufgetreten. Dank der Präsidentschaft eines gewissen Orangefarbenen Mannes waren die Läden weiter geöffnet geblieben, die Kirchen voll, die Straßen befahren. Erste Tote hatte es gegeben, aber das war offenkundig normal. Doch diese Toten waren nicht tot gewesen, genauer gesagt, waren sie nicht einmal gestorben. Die Toten waren Infizierte, die Kräfte hatten, die sich nicht erklären ließen. Und so, wie in alten Akte-X-Folgen und anderen Mystery-Serien der letzten Jahrzehnte, hatte man versucht, den Ausbruch einzudämmen – und ihn dann auszunutzen.
Die Medien stürzten sich natürlich darauf wie Geier auf Tote, wie Ameisen auf Honig, wie Zombies auf Hirne. Aus Stunden-Sendungen wurden 24-Stunden-Berichte voller Panik und Misstrauen, aber auch Hoffnung und fast schon Comic-hafter Ekstase.
Jeder wollte jemand sein, der Magie beherrschte. Nicht nur diese Superhelden-Fähigkeiten wie Fliegen oder Hyperschall-Rennen, nicht nur Laseraugen und Metall-Skelette, nicht nur … ach, wer Comics kennt, kennt Wünsche.
Und bald hatte man seinen Wunsch bereitgestellt. Es gab Gerüchte, dass Forscher sich heimlich ansteckten und die Ansteckung verbreiteten, schneller als ein Wachmann schießen kann. Jeder noch so kleine Soldat, der auf leuchtende Männer, die von Magie umspielt wurden, schießen sollte, wollte selbst ein Magier sein, wollte Erlösung von seiner Arbeit, wollte Rache für Erlebtes, wollte Ekstase, wollte Freiheiten.
Und jede Ekstase, jede Rache, jede Freiheit machte die Magie normaler, ließ sie über die Welt rollen. Bald war jeder ein Magier in seinem eigenen Reich. Von Illusionen bis dem Versetzen von Bergen, von Feuer und Eis, vom Flug in andere Welten, vom Abtauchen in Mikro-Universen, alles war möglich, alles war erlaubt. Kulte wurden zu Sekten zu Religionen, die schneller vergingen als die Zeit. Selbst die besten Eltern wurden ihrer Kinder überdrüssig und die Kinder durch Magie in eine Freiheit geworfen, die ihnen alles abverlangte, die ihnen alles schenkte.
Nur wenige Wissenschaftler und Philosophen, nur wenige Techniker und Arbeiter, kaum Soldaten, kaum Ausführende und Denker, wurden verschont. Krankenhäuser wurden verlassen, als Doktoren keinen Grund mehr hatten, ihre Existenz dem Patienten zu widmen, der schon geheilt war, bevor er überhaupt etwas von der Krankheit wusste.
Und dann war alles vorbei.
Er schaltete den Fernseher ein. Irgendwelche alten Programmierungen liefen, aber dort, wo Nachrichten hätten laufen sollen, starrten tote Kamera-Augen auf leere Wände.
Die letzten Postings in seinen Internetforen, auf Reddit, auf Youtube, auf all den Streaming-Seiten sozialer Netzwerke, die bis vor einigen Tagen zumindest sporadische Veröffentlichungen erlebt hatten, waren die letzten Einträge vor mehr als 24 Stunden gewesen. Niemanden interessierte nichts mehr, denn niemand war mehr da.
Vielleicht. Denn es gab immer Menschen, die sich dem Virus nicht hatten aussetzen können, weil sie immun waren. Leute, die in fernen Bergen lebten, in den tiefen Wäldern ferner Länder, in den Urwäldern, die bald wieder die Welt bedecken würden, auch sie würden, so der Virus irgendwann ausstarb, die Welt wieder unter ihre Kontrolle bringen. Oder doch nicht.
Eine der letzten Theorien war gewesen, dass die Magie Lebensformen aussparte, die nicht wusste, was Magie war. Dafür hatte es Videos gegeben von Hunden und Katzen und Walen und Delfinen, die ins Nichts gestarrt hatten, umgeben von Wellen aus schimmernder Magie. Und sie hatten in Kameras gestarrt, hatten Worte geäußert, die jenseits ihrer bekannten Fähigkeiten gewesen waren. Es waren Flüche gewesen, das Grauen, das hinter ihren Stimmen gelauert hatte, denn sie hatten Magie schon immer gekannt, schon immer verflucht, schon immer ausgemerzt, doch dann war der Mensch gekommen, der seinen Verstand dafür genutzt hatte, alles zu unterwerfen, bis die Natur den Menschen unterworfen, in dem sie ihm alles gegeben hatte, was möglich war.
Und dann waren sie fort, ebenso Hunde und Katzen und Wale und Delfine und tausende andere Lebensformen. Zehntausende anderer Lebensformen.
Ja, vielleicht lebten noch Menschen in den Gegenden, die so abgeschieden lagen, dass man sie nicht erreichen konnte, aber er glaubte nicht daran.
Er war allein. Er war allein und wartete. Wartete auf eine Erlösung, auf das Glitzern der Magie in seinen Augenwinkeln, die Bewegung des Unbeweglichen, auf eine Tür, die sich öffnete, auf ein Loch, das ihn hineinzog, aber da war nichts. Da war nur Stille und Tod. Aber war es wirklich Tod, oder war es nur das Bessere einem Schlimmeren gegenüber? Er fragte sich nicht mehr, wo die Anderen waren. Sie waren dort, wo die Tiere das Grauen gesehen hatten, wo Flüche wahr wurden, wo die Natur sich endlich rächen konnte.
Er schaltete den Computer ab, ging über den Flur und öffnete die Tür. Er drehte sich um, schloss sie ab, dann wanderte er die Treppen hinunter in den Innenhof. Vorbei an den Bäumen, die bereits in Regenbogenfarben glitzerten, betrat er die leblose Straße und marschierte in irgendeine Richtung, die irgendwann im Nichts endete.