Winternacht

Winternacht

In dieser Nacht war es so kalt, dass selbst die Gaslaternen an den Straßen mißmutig flackerten, als ob Ihre Seelen im Eis verhungerten, das über den Glaskugeln hing, die sonst wie winzige Sonnen in der endlosen Finsternis wirken sollten. Freudige Menschen bedachten dieses Flimmern kaum, denn Ihre Gesichter waren auf die immer neuen Attraktionen gerichtet, die die Schaufenster der Kaufhäuser belebten. Nur noch 2 Wochen, dann wäre wieder einmal Weihnachten und Schwärme rotbäckiger Kinder und Erwachsener belagerten jeden freien Winkel, der einen Einblick in die magischen Welten der Spielzeughändler und Kaufleute suchten, besonders jene, die fremde und verwirrend seltene Lebensmittel in samtenen Kissen ausstellten.

Doch nicht wenige, die ihre Hände in ihre Jackentaschen steckten, waren jene, deren Augenmerk mehr auf die braun-goldenen Flaschen richteten, deren Inhalte mit fremden schottischen Namen bemalt waren, die schon mehr magische Wirklichkeiten versprachen als die üblichen Flaschen, die man nur in papiernen Tüten aus den rauchdurchzogenen Kneipen tragen konnte, die etwas verkauften, was nicht ohne Grund „Feuerwasser“genannt wurde, billigsten Brandwein aus Ecken des Landes, in denen sich kein Mensch freiwillig getraut hätte. Ja, hier lagen und standen sie, die Tränke, die »Aqua Vitae«, die das Leben verlängern oder wenigstens verbessern sollten, zumindest für jene, die es es sich leisten konnte, die von den Preisen nicht zurückschrecken mussten wie Schafe vor Wölfen.

Hände und Nasen pressten sich gegen die Scheibe, verschmolzen mit dem Glas, dass es ein Vergnügen war, sie aus ihren Träumen zu reißen. Jeder wollte einmal genau dort stehen, wo man die Reichsten der Stadt sehen konnte, die in ihren Automobilen vor dem Eingang hielten, von behandschuhten Chauffeuren aus dem wohlig warmen Innenraum zur Tür geführt und von ebenso ausstaffierten Portieren unter hunderten winziger Verbeugungen ins Innere des Palastes geführt wurden, wo sie sich wie echte Könige und Königinnen fühlen durften, begafft von den zitternden Bauern, die jede Sekunde ihres Daseins den Träumen opferten, doch einmal einen Schatz zu finden und ebenso ein gern gesehenes Mitglied des Geldadels zu sein.

Doch nicht alle waren so erpicht darauf, ein Teil der Gruppe zu sein. Nein, denn dort an eben jenem gegenüberliegenden Laternenpfahl lehnte eine Gestalt, deren halbes Gesicht durch einen breitkrempigen Hut verdeckt war, deren Augen man doch erkennen konnte, erleuchtet vom Licht der Gier, die den Mann augenscheinlich seit Stunden warmhielt, denn dem aufmerksamen Betrachter wäre aufgefallen, dass der Mann im Wesentlichen nur einige Schritte gewandert war, seit er beim frühen Sonnenuntergang vor dem Kaufhaus eingetroffen war. Ein Dutzend bis zum Filter gerauchter Zigarettenstummel warteten neben seinem Trampelpfad darauf, von unaufmerksamen Fußgängern in das Flick-Muster aus Schnee und schwarzbraunen Grasresten gestampft zu werden.

Wieder leuchtete hinter dem Rauch eine neue Zigarette auf, wieder wischte er sich die Stirn. Wieso war er so aufgeregt? Doch auch wir können ihn nicht mehr fragen, sein Mund hätte ihn nicht verraten. So vergingen die endlosen Minuten, wurden zu Stunden. Schneeflocken legten ihr Gewicht auf die bereits niedergeschlagenen Scharen der halberfrorenen Träumer. Die Tür öffnete sich ein letztes Mal für diesen Abend. Eine bezaubernde Dame trat ins Freie, nieste entzückend in ihre Seidentaschentuch und rückte ihren Nerzmantel zurecht, bevor mehrere junge Männer im Livree dem Fahrer dabei helfen sollten, den weihnachtlichen Einkaufsrausch in den deutlich zu kleinen Kofferraum zu packen, was zu ermüdenden Diskussionen geführt hätte, wenn der Direktor des Hauses seine Augenbraue nicht gehoben und verkündet hätte, dass man selbstverständlich den Einkauf völlig kostenfrei in das herrschaftliche Haus am Stadtrand bringen würde, »innerhalb einer Stunde!«

Mit kaum merklichem Nicken entließ ihn die Angesprochene und stieg in ihr Gefährt, welches Augenblicke später stotternd zum Leben erwachte und sich vorsichtig den Weg durch die Schneedecke bahnte.

Nachdem er einige Befehle gebellt hatte, zwirbelte der Herr über 37 Angestellte und zwei Mätressen seinen Schnauzbart, bevor er sich nicht mehr mit den weiteren Schritten der Lieferung auseinandersetzte, stattdessen ins Haus eilte, das er nur wenige Minuten später vollständig bemantelt verließ. Auf seine Anweisungen hin wurde die Meute, die sich bereits in Auflösung befand, von den Fenstern vertrieben, welches seine Männer mit großer Freude jeden Abend tun, bevor metallene Fensterläden nach unten rasseln und einem unaufmerksamen Betrachter durchaus Nasen oder Hände kosten können.

Füße wanderten, zogen unbekannte Muster in den jungfräulichen Schnee, der in Böen vom Himmel fiel. Ein Sturm kündigte sich an; seine Finger tanzten durch die breiten Straßen der müden Stadt. Bald fand man hier nur noch das nikotinfarbene Licht der Gaslaterne und in seinem Schatten die Augen der wartenden Gestalt. Erst jetzt, als wäre er aus einem Schlaf erwacht, schüttelte sich der Mann und liess den noch brennenden Stummel seiner Zigarette fallen, betrachtete und zerdrückte die leere Schachtel, die er aus der Jackentasche gezogen hatte. Er schob eine Handvoll Schnee von seinem Hut; der Rest folgte von allein, als er sich langsam vom Laternenpfahl löste.

Zu behaupten, die Pakete der Einkäuferin würden schlecht behandelt, ist schamlos übertrieben, denn trotz der Eile, in der jene in den Lieferwagen gepackt wurden, waren die Angestellten des Kaufhauses überaus diskret und vorsichtig. Die Konzentration auf ihre Aufgabe blendete den Fremden aus, der um die Ecke wanderte, sich dem Tor näherte, dessen warmes Licht Muster in die peitschende Flockenflut malte. Das Leopardenmuster, das die Geduld auf den Mantel des Mannes gemalt hatte, wäre auch im Sonnenlicht kaum erfasst worden, doch jetzt, inmitten des Treibens, verschob sich der Hintergrund der unaufmerksamen Arbeiter kaum merklich.

Der Mann wurde zum Teil der schwarzfleckigen Tür, wandt sich um die Ecke, ging im richtigen Moment in die Knie, bevor ein weiterer namenloser Mitarbeiter an ihm vorbeiwanderte. Flüche knirschten in der Luft. Sie alle wollten nach Hause, ins Warme, ins Trockene, in die Arme der Frauen und Geliebten, wollten essen und trinken, vielleicht sogar wärmende Umarmungen erhalten in dieser Dezembernacht.

Lautes Knattern bestätigte endlich, dass die Arbeit getan ist. Die Pakete waren auf dem Weg und wenn es der Herr Direktor versprach, dann ohne Zweifel innerhalb einer Stunde in jenem Viertel, das man nur aus Romanen kennt. Der Fremde musste nicht lang warten, bis der vielstimmige Chor sein Lied beendet hatte, denn das Tor entließ ein erleichtertes Knarren, als es endlich zufallen durfte. Stille griff um sich wie die Hand eines Riesen.

Schlüssel sangen leise im Hintergrund, Schritte marschierten, besser, sie schlurften über den Boden. Man kannte den bärtigen Wächter, dessen Namen so unaussprechlich geworden war wie sein ausgeblichenes Namensschild, nur aus Erzählungen. Manch einer behauptete, er wäre der Gründer des Kaufhauses gewesen, andere, er sei ein verwirrter Spross des Vorbesitzers. All diese Dinge waren jedoch sinnlos, denn der Fremde hatte nicht vor, ihn zu betrachten.

Monate waren ins Land gegangen, seit diese staubige Flasche in seinen Augenwinkel gewandert war. Ein Zufallsfund, möchte man behaupten, doch für ihn war es Schicksal gewesen. Sie stand am Rande eines Regals, weit entfernt von den übrigen glitzernden Flaschen, die ihren Ruhm vor sich hertrugen wie ordenbehängte Generäle. Doch nur ein Vermögen hätte sie ausgelöst. Deshalb stand sie noch immer dort, am Rand des Regals, aufmerksam betrachtet von vorbeiwanderten Augenpaaren, die vollständige Macht über dieses Kaufhaus hatten. Ja, jeder hier wusste, was sie wert war, seit der Fremde sie aus dem Regal gezogen und betrachtet hatte. Sein Blick hatte ihre Aufmerksamkeit erregt, hatte für den Bruchteil eines Augenblicks ihren wahren Wert erfasst. Damals hatte er sie ins Regal zurückgestellt, sie sogar nach hinten verschoben, weil sie teuer war, doch der nächste Besuch, nur wenige Stunden später, hatte den Rahmen seines Verdienstes gesprengt, selbst wenn er ein Jahrhundert gespart hätte. Er hatte das Lachen des Herrn Direktor in seinem Büro hören können, als dieser eine Audienz ablehnte. Dass er sich ja nicht getrauen sollte, einen weiteren Versuch zu tätigen, sie für einen lächerlichen Preis zu erwerben. Ein Lachen, das Dankbarkeit verspottete.

Diese Nacht war magisch. Die Welt heulte im Rausch des Schneesturms und nur ein einzelner Wachmann wartete darauf, den Morgen zu erleben. Der Fremde huschte von Regal zu Regal, übersah die Schatten nicht, die sich bewegten. Jeder Augenblick war ein Zeichen des Schicksals. Die Schritte des Wachmanns polterten in der Ferne, ein Stuhl rutschte über die Fliesen, knarrte wie ein schlafender Hund. All die Lichter und Gerüche waren nur Abglanz der magischen Flasche.

Das Regal erschien ihm wie der Palast eines vergessenen Königreichs und die Flasche musste befreit werden. Sie war einzigartig und ihre Magie brannte in seinem Herzen. Mit jeder Faser seines Körpers streckte er sich ihr entgegen. Wogen von Feuer rollten durch seinen Körper. Schnee vermischte sich mit seinem Schweiß, verbrannte seine Augen, doch dies war nicht wichtig. Seine Fingerkuppen fühlten den Staub auf dem Glas, als wäre er eine Landkarte in eine fremde Welt.

»Hey!«

Der Fremde musste seinen Kopf nicht drehen. Doch mit einem alten Mann würde er fertig werden, wenn er es wollte. Doch dies war nicht wichtig. Seine Augen brannten, sein Wille war unaufhaltsam!

Das Preisschild riss unter dem Sturm seiner Fingernägel, doch die Flasche löste sich nicht von ihrem Platz, kämpfte gegen ihn, gegen ihren Retter! Er musste näher heran. Seine Fußzehen bohrten sich in die dünnen Schuhsohlen, die die Kälte bisher kaum erträglich gemacht hatten. Als wäre das Schicksal ein Hofnarr und der Mensch nur ein hilfloser König, merkte der Fremde erst jetzt, was er versäumt hatte. Er blickte nach unten, starrte in den Spiegel einer Pfütze, die sein verzerrtes Gesicht in Wellen herumwarf.

Der Boden, als wäre er ein Feind, nahm ihm mit einem Schlag das Gleichgewicht. Er taumelte, versuchte, irgendeinen Halt zu finden, doch seine Hand fand in diesem Augenblick nur das einzig falsche. Der Staub aus Jahrzehnten verschmolz mit in seine Haut. Die Augen des Fremden öffneten sich in beneidenswerter Langsamkeit, während er zu Boden rutschte. Es knackte so laut, als würde sich die Erde öffnen und der Geruch generationenalten Whiskys überflutete die zimttrunkene Luft des vorweihnachtlichen Kaufhauses.

Die Flut aus Alkohol und Glas traf ihn wie der Hieb eines urzeitlichen Monsters, einer vergessenen Legende aus seinen Alpträumen. Bilder von Gefängnis schossen durch seinen Kopf, doch nur im Hintergrund seines Verstandes, der leise gurgelnd unter dem Rauschen seiner Panik ertrank. Weitere Flaschen prasselten auf ihn nieder, zerbarsten um ihn herum, tränkten seinen Mantel und Hut mit den Träumen der namenlosen Betrachter, die ihre Nasen und Gesichter auch morgen wieder an das Glasscheibe pressen würden.

Der Fremde, dessen Namen niemand erfuhr, übersah dankbarerweise die Hände, die ihn aus dem Haus zerrten. Was aus ihm geworden ist, steht in den Sternen, denn keine Zeitung hat je sein Bild oder Namen veröffentlicht. Manch einer behauptet sogar, dass er diese Nacht nicht überlebt hätte, dass man nur eine Leiche aus dem Haus gezerrt hätte, zermalmt von dutzenden Flaschen billigsten Alkohols, die ihm Kopf und Gesicht zerschlagen hätten, doch dies gehört wohl nur ins Reich der Legende, ebenso wie die Tatsache, dass kein Mensch jemals für eine so teure Flasche verstaubten Whiskys geopfert hätte.

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