Hollquick Kapitel 4

Hollquick Kapitel 4

Zwei Orks haben sich davongemacht, sind im linken Ausgang, der vom Vorzimmer durch die Reihen der Nebenabteilung (Visionum und Verträge) führt, verschwunden. Was für ein Schachtelsatz, aber besser als wenn ich stotternd mit dem Finger auf irgendwelche Ecken zeige, die sonst keiner sieht.

Die große Holztür, die den Partyraum von mir und dem Vorzimmer trennt, wurde zugeschlagen, als Rans Ruber seine kleine Rede beendete – die augenscheinlich was mit der Familiengeschichte von Uto (ich nenn ihn ab jetzt so, denn ein Name mit mehr als 5 Silben ist nur 2 oder 3 Mal am Tag auszusprechen, bevor es zu Versteifungen im Zungenwirbel kommt) – jeeeeedenfalls hat Rans von Uto erzählt, wieviele Kinder er hat (5 offizielle und 8 ¾ halbe), wo er aufgewachsen ist (irgendwo in Jepjanjosipan, das irgendwo in der Ferne liegt (ich mag deren Trick-Visionum-Geschichten und die alten Schnapszeremonien und so weiter)… und wie er aufgestiegen ist (hat sich bei einem Zaibat-was-auch-immer hochgeschleimt) und wie alt er ist (erst 82.9 Jahre).

Ich sitze nun in meiner Ecke und blicke hinaus in die Welt, die vor dem Zauberglas lauert wie ein Aquarium voller ferner vierbeiniger Fische.

Doch Uto ist nicht da. Das ist das große Konzept einer sinnfreien Entstörung. Nichts bleibt dem Zufall überlassen, wenn man ein Visionum-Terrorist ist.

Und nun beginne ich, über meinen Job zu philosophieren und das arme Vernichten von Büchern zu hinterfragen, die dasselbe taten wie wir nun tun, Informationen zeitnah überbringen. Aber ich selbst habe noch Bücher, viel zu viele, sogar auf Visionum. Mein Taschen-Visionum (TV) ist voller Texte, die ich mir, weil ich altertümlich veranlagt bin, reinpfeife, wenn ich Pause habe (alle 14 Stunden 20 Minuten) und dann lass ich auch Essen Essen sein und bin bereit, mich den Worten zu opfern.

Deshalb kommt mir Rans Ruber auch bekannt vor – als würde ich seine Geschichte bereits kennen. Leider gibt’s hier keinen Empfang und ich bin geneigt, alles ins Nichts eines vertrauten Traums zu hämmern, als mein linkes Auge flimmert und ich nach draußen schaue. Ein Ork mit Fackel schwenkt eben jene durch die Nachtluft und irgendwo in der Ferne antwortet ein anderes Licht.

Balokarz springt heran, augenscheinlich ist er nicht tot genug, um tot zu sein und erwischt den doppelt so großen Ork auf dem Rücken, der sich mit einiger Mühe an der Fackel festhält und mit der anderen Hand die bösartig-einarmige Kreatur von seinen Schultern zu kriegen, fällt nach hinten, zermalmt den Goblin.

Ja, Balokarz ist – war – ein Goblin und ich finde, er hat einen besseren Tod verdient. Der Ork rollt von seinem Teppich aus Fleisch, zwei Goldzähnen und einem blaugefärbten Anzug herunter, schüttelt sich und zerrt einen Zauberstab aus seinem Anzug. Er braucht ein paar Augenblicke, um die richtigen Worte von einem Notizpergament abzulesen, das fast Feuer fängt, dann bemerkt er seinen Fehler, holt aus der selben Jackentasche eine Brille und setzt sie sich auf das nasenlose Gesicht. Er nickt, bewegt den Zauberstab und würgt ein paar Worte heraus – oder er kotzt gleich, ich kann ja nicht hören, was er sagt, Leute!

Der Teppich bewegt sich und reißt auf und aus dem toten Goblin entweicht ein kreischendes Etwas, dessen grüne Hülle in der Luft schwebt und dann davonrast, während sich das Fleisch, das einst ein stockbesoffener Einlass-Goblin-und-Hausmeister war, in eine Art Brot verwandelt, aufplatzt und zu einem neuen Wesen wird – das genauso aussieht wie – na, wie wer wohl? – Balokarz, dessen Augen aber rot leuchten. Ein Zombie-Goblin also.

Der Ork bohrt ihm ein Stück des Pergaments in die Nase und wischt sich dann die Popel an seinem teuren Anzug ab. Der Zombie zuckt kurz und taumelt ins Haus zurück. Sein Schatten bäumt sich die Treppen hoch, dann ist er im Vorzimmer und setzt sich an den Tisch, schaltet den Visionum ein und beginnt, lautstark eine Raketenspiel-Übertragung anzuschauen. Wenn ich nicht wüsste, dass Balokarz tot ist – würde ich denken, dass er lebendig wäre.

Über dem Himmel rast eine Sternschnuppe mit fünftausend PS. Uto ist da. Oder zumindest sein Motorrad. Der Einschlag lässt das Gebäude erbeben. Ich muss was tun. Ich muss mal aufs Klo und dann versuchen, die Wachen zu alarmieren, die dieses Land so sicher machen wie vor viertausend Monaten.

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