Flucht durch die Nacht

Flucht durch die Nacht

»John!« Marie hieb auf das Dach des Jaguar. »John. Halt endlich an!«

Er hörte sie nicht. John trat noch immer auf das Gaspedal, als gäbe es einen Preis zu gewinnen – oder ein Leben zu retten. Stattdessen drehte er sich zu ihr um, verließ mit seinem Blick die schwarze Straße vor ihm – und grinste sie an.

»John! Aufpassen!«

Sein Blick blieb starr auf sie gerichtet, ein zorniger Eber auf der Spur eines verweichlichten Jägers.

»John!«

Er wachte auf, drehte sich wieder zur Straße hin und ließ den Motor aufheulen, als er einen Gang herunterschaltete. Das Getriebe kreischte, doch John ließ nicht vom Gas ab. Er lachte stattdessen.

»Bist du nicht glücklich, dass ich dich befreit habe?«

»John«, schluchzte Marie, »mein lieber John. Was ist mit dir geschehen?«

Sein Blick hing über den Schatten der Zweige, die sich in der untergehenden Abendsonne über die verfallene Landstraße quälten. Das Auto war vor einere Stunde noch in London gewesen, hatte sich dann unter dem mehr als bösartigen Jaulen von Gangschaltung und Johns Sprachlosigkeit über die Brücken oder was auch immer es gewesen war, in die Ebenen hinausgequält. Ja, das Landleben war eine Lust!

»Du hast mich für George verlassen, Marie. Für George! Für meinen dummen Bruder!«

»Das ist nicht wahr!«

Sie schwieg. Es war doch wahr. Verdammt, was hatte sie sich gedacht. Er war gestern erst aus dem Gefängnis entlassen worden, wegen guter, viel zu guter Führung, doch die Monate aus Schweigen hatten sich in einen Sturm aus Gefühlen und Tränen und billigem Scotch verwandelt, danach, nur Augenblicke vor der Hochzeit hatten seine Stiefel die hölzerne Tür zur Kapelle aufgestoßen, in der seine und ihre Familie versammelt gewesen waren, hatte die Flasche des giftigen Alkohols herumgeschleudert und geschrien, dass er sie retten müsse. Und sie war feige genug gewesen, George zu verlassen, dessen blutiges Gesicht sich in ihre grünblauen Augen eingebrannt hatte.

Wem gehörte der Jaguar? Das zerbrochene Fenster, durch das die eisige Dämmerung ins Wageninnere strömte, war Antwort genug gewesen und jetzt zitterte Marie, nur in ihrem Brautkleid bekleidet, nicht nur vor Angst, sondern auch vor der Nacht, die mit Schnee und Sturm auf sie warten würde, jetzt, im März des Jahres 1959.

Roten Pupillen inmitten eines Rehkopfes starrten sie an, doch John reagierte nicht auf den Aufprall, der sie und das Tier miteinander kollidieren ließ. Blut und Fleisch, Gedärme und die sterbenden Augen der Kreatur wurden eins. Er verlor die Kontrolle, als es durch die Windschutzscheibe ins Innere des Luxuswagens raste. Winzige Spitzen eines Geweihs trafen ihn unterhalb seines Jochbeins und schlitzten seine Wange auf.

Der blutrote Mond grinste am Horizont, als Marie wieder erwachte. Es mussten Stunden gewesen sein, die der Schock aus ihrem Leben gebrannt hatte, denn als sie sich umschaute, war sie allein.

»John?«, wimmerte sie.

Nur die Bäume rauschten verwirrend einfältig in der Nacht. Der Wind war eine eigene Kraft und leckte an den Zweigen der Sträucher, die den Wagen umfangen hatten, als er von der Straße abgekommen war. Wie weit waren sie wohl in den Wald gefahren? Marie blickte zur Fahrertür, die aufgerissen war, doch da waren nur Bäume und Leere zwischen ihnen. John war weg. Das Reh war weg. Sie war allein. Wieso war sie allein? Wieso …

Gras und Sträucher verschluckten ihre Schritte. Ihre Füße schmerzten; noch immer trug sie ihre Schuhe, ihre Hochzeitsschuhe, die märchenhaft weiß gewesen waren, doch nun ebenso blutig wie der Rest ihres Kleides an ihr hing. Was hätte sie alles gegeben für ein … Licht.

Licht. Licht!

Ihre Schritte wurden schneller, Zweige kratzten an ihren Armen, nagten an ihrem Gesicht. Ihr Schleier wurde ihr vom Kopf gewissen und hing, als sie sich umdrehte, wie der Geist einer Erinnerung in einem Baum fest, wehte dann in einer kalten Böe davon, ein Dämon der Vergangenheit.

Ein kreuzhafter Schatten schob sich in die Nacht hinaus und der Geruch von Rauch kroch durch die Nacht. Marie blieb vor der Tür stehen, versuchte, ihr Herz zu beruhigen, das Blut zum Schweigen zu bringen, das durch ihre Adern kroch. Sie klopfte. Einmal. Zweimal. Bevor sie ein drittes Mal ausholte, hörte sie schwere Stiefel hinter der Tür. »Hilfe!« Die Tür wurde geöffnet, nur eine Spaltbreit. Ein Schatten schob sich vor das Feuer, das im Hintergrund flackerte. »Ja?«

Die Stimme war weich, von süsser Entsagung geprägte und hatte den Geschmack von Gras in sich. »Hilfe, wir hatten einen Unfall.«

»Bob … hattest du nicht gesagt, dass der Mann allein war?«

Jemand räusperte sich im Hintergrund. »Ja, Margareth, ich habe nur ihn und Rita gesehen.«

»Ich finde, Sie sollten gehen«, meinte die Stimme, die aus Wald und Nacht zu bestehen schien.

»John? Ist John hier?«

»Gehen Sie. Hier ist niemand.«

»John? Bitte, ich muss …«

Marie nahm einen kurzen Anlauf, zu kurz, um überhaupt bemerkt zu werden und rammte ihre ganze Kraft in die Tür. Die Gestalt wurde zurückgeworfen, Finger und Füße peitschten wild durcheinander, Finger und … Füße … und … Hufe?

All diese Bilder wurden zurückgestellt, als das Bild eines Mannes, dessen Körper sich über einem Kamin drehte, in Maries Hirn schoss. Auch der Verband, den ein junges Reh um Kopf und Brust trug, war einen Hauch wichtiger als der kochende Kessel, aus dem dem Tier eine grün-dampfende Suppe eingeflößt wurde. Doch nichts war so wichtig wie die Klaue, die in die Nacht hinausschoss und die junge Braut ins Innere einer Hütte zerrte, die augenscheinlich von Tieren bevölkert war, denen gesunder Anstand und die Furcht vor Menschen fehlte – und das Wissen, dass Hufe keine Harpunen halten können.

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