EXAMINER No. 134

EXAMINER No. 134

Trüb senkt sich der Morgen über die Stadt wie ein flachschädliges Fischbrötchen, grau und stinkend. Aus den sich öffnenden Autotüren und Fenstern dringen abgestandene Musikkonserven voller Erinnerungen. Die Straße gleicht einem Teppich aus Hunde-Exkrementen und in den Staub getretenen Träumen.

Er tritt aus der Tür und schaut sich diese Welt misstrauisch an. Aufgewärmter Kaffee von gestern blubbert flügellahm in seinem Magen, der sich sonst allgemeiner Leere erfreut. „Ich hätte schlafen sollen“, teilt er sich mit; seine Stimme klingt wie ein Zug, der langsam an Fahrt gewinnt. Nur das Gefühl von Müdigkeit ist stärker als die Gravitation und der Druck der Atmosphäre, die auf seinem Kopf lastet.

Seine Füße tasten sich voran. Selbst mit geschlossenen Augen könnte er den Weg finden, den Weg heim. Im Inneren seines Kopfes baut ein Brei aus Informationen und Erinnerungen immer wieder Bilder auf. Rote und grüne Flüssigkeiten in Röhren, das Blubbern von Elementarstoffen, an deren Namen er sich nicht mehr erinnert, organische Chemie, ganz klar, dass er sich nicht mehr erinnert, an welche Form muss man sich denn halten.

Sein Kopf stößt an und er reibt sich die Stirn, betrachtet den Abdruck, den der Aufprall am Schild hinterlassen hat. Staub segelt von der metallischen Oberfläche hinab. Der Wind treibt die Flocken davon, er blickt ihnen nach, winkt ironisch.

In seinem Bad starrt er lange auf sein Spiegelbild, hebt den Arm, ein letztes Strecken und dann…

ein dunkelgrauer Punkt von der Größe einer 2 Cent-Münze klebt an der Innenseite seines linken Arms. Er berührt ihn vorsichtig. Eine Kante kommt zum Vorschein. Es ist ein winziger Aufkleber, den er nach Minuten aufmerksamen Zerrens an seine Augen hält.

„EXAMINER No. 134“

Er nickt. Er lächelt.

Das Wohnzimmer ist erfüllt von dumpfem Schnarchen. Die Klinge schimmert grau wie der Frühlingsmorgen. Vorsichtig steigt er die Treppe hinauf. Die hölzerne Treppenstufe knarrt. Die Gestalt im Bett erstarrt, richtet sich panisch auf. Der Schrei bleibt ungehört. Er lächelt.

Er legt sich hin, lauscht dem beginnenden Tag und mit den letzten Atemzügen seines alten Ichs schläft er ein.

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