Die Fremden

Die Fremden

»Robert!«

Brian wirbelt herum, sein Gesicht ist kalt wie der Oktoberwind, der sich durch die halbtoten Äste der großen Linde über ihm schiebt.

Keine Antwort.

Wieder versucht es der Junge: »Robert!«

Stille liegt über der Lincoln Street. Ein fernes Auto hupt, doch nach Augenblicken verhallen die Echos der durchdrehenden Reifen in der Finsternis.

»Mist«, flucht der Junge, schlägt sich die Hand vor den Mund. »Robert«, flüstert er zwischen seinen Fingern hindurch. »Wo bist du?«

Brian kennt die Antwort. Robert ist 8 Jahre alt, ganze 4 Jahre jünger als sein großer Bruder. Natürlich hört er nicht auf ihn. Trotzdem hatte Brian seiner Mutter versprechen müssen, auf ihn aufzupassen, bevor sie das Haus verließen.

Brian hatte wie üblich mit den Füßen gestampft. Sein Kostüm passte ja total dazu, ein Pferd auf zwei Beinen. Der Beutel an seinem rechten Vorderhuf war leer und es war schon nach 6 Uhr, fast schon Mitternacht. Mom war erst so spät daheim gewesen und ohne ihre Erlaubnis durfte der Kleine nicht durch die Gegend rennen, besonders nicht an Halloween. Leider hatte auch Randy abgesagt, sein bester Freund, dessen Mom mit einem Mal krank geworden war, irgendwas mit »Was Schlechtes gegessen« und so hatte der Kleine so lang geheult, bis Mom ihm erlaubt hatte, Sammeln zu gehen – »aber nur, wenn Brian auf dich aufpasst.«

Brian, der jetzt ganz allein auf der Straße steht und nach seinem Bruder sucht, fühlt bittere Tränen aufsteigen. Das war alles nicht so geplant. Eigentlich wollte er daheim bleiben, denn er ist viel zu cool für dieses kindische Zeug, doch cool ist anders, als er sich gerade fühlt.

Was wird Mom sagen? Sie wird völlig austicken, Dad anrufen, der 500 Meilen entfernt arbeitet und nur am Wochenende nach Hause kommt. Der wird ihr sagen, dass sie gefälligst die Polizei anrufen soll. Die werde Brian befragen, verhaften, vor Gericht stellen und das wars dann. Kinderheim. Knast. Ein Leben auf einer einsamen Insel unter Verbrechern, die sich um Müll streiten, den man essen muss.

»Robert«, wimmert er, »wo bist du?«

Es war so einfach gewesen, loszugehen. Tür auf, beide raus. Die letzten Kinder rannten mit ihren Eltern durch die Gegend, klingelten an den Häusern der Straße. Hände reichten Süßigkeiten aus dem Inneren der hell erleuchteten Wohnungen. Brian war schon zwei Häuser mitgegangen, hatte mehr als genervt die leuchtenden Augen seines kleinen Bruders ertragen, dessen Stimme nie aufgehört hatte, ihm ins Ohr zu plappern, wie toll alles wäre und dass jeden Tag Halloween sein sollte.

»Weißt du, dass man früher Kinder an Halloween verbrannt hat?«, hatte Brian in einem Anfall von Bösartigkeit gezischt, es jedoch sofort bereut. Roberts Kreischen hatte sich sofort durch sein Trommelfell gebohrt und war bis in sein Herz hinuntergerast, das für einen winzigen Augenblick versucht hatte, stillzustehen, doch erfolglos. Stattdessen hatte er dem Kleinen eine runtergehauen, was Robert sofort in seinem Jaulen gestoppt hatte.

Einen Moment später hatten sich Milchzähne mit einer Zahnlücke in die Hand des großen Bruders gebohrt, der – nun völlig geschockt – keine Antwort gefunden hatte, außer den Kleinen davonzustoßen, der dann über einen Kürbis aus Plastik, der neben einer Straßenlaterne stand, gestolpert war und auf die Straße knallte.

Bevor Brian jedoch etwas hatte tun können, war Robert schon aufgesprungen und heulend davongerannt. Sein Pferdekostüm war gerade noch sichtbar, weiße Flecken, die mehr an eine Kuh erinnerten, dort, wo die anderen Kinder waren, beim Haus von Ms. Donahue, die sehr reich und alt war. Er hatte loslaufen wollen, sich vielleicht entschuldigen oder sich erklären, damit der Kleine Mom nichts sagen würde, doch dazu kam es nicht.

Für einen Augenblick war es nämlich sehr finster geworden und Brian hatte nach oben geblickt und gesehen, dass die Welt flackerte, nein, nur die Straßenlampe, einmal, zweimal, dann war die nächste die Straße runter ausgefallen, dann wieder eine. Schlag um Schlag hatten die Lampen auf der Lincoln Street geflimmert und dann waren die Schatten wie schwarze Schlangen durch die Leitungen gekrochen! Die Nacht raste auf die Erde hinunter, verwandelte Häuser und Lichter in Echos und Erinnerungen.

Und genau jetzt, am Ende aller Zeiten, steht Brian auf dem Gehweg, vermutlich tausende Kilometer entfernt von daheim und sucht Robert.

»Das ist ein Alptraum«, hört er sich selbst flüstern und erschrickt vor der eigenen Stimme, als wäre sie nicht seine, denn sie hört sich so anders an als sonst. Ein Kloß steckt in seinem Hals, die Luft ist wie Brei, der durch seinen Mund in seinen Lungen wandert.

War da was?

»Hallo?«

Winzige Füße tapsen durch die Nacht, Schatten verstecken sich in der Dunkelheit, als könnte etwas existieren, das noch schwärzer ist als die sternlose Nacht, die ihn umgibt.


»Hallo?«

Wieder die Schritte. Ein fernes Kichern bringt Brian zum Zucken.

»Ha… Ha… Hallo?«

Als Antwort ist ein Summen zu hören, Lachen und Weinen, Stimmen, die miteinander streiten und feiern, Flugzeuge, alte Lieder, Motoren, die um ihn herum aufheulen. All diese Geräusche sammeln sich in einem riesigen Ball, der durch die Luft schwebt, laut genug, dass Brian sich ganz genau vorstellen kann, wo er sich befindet. Er streckt seine Hand aus, doch da ist nichts. Nicht einmal ein Kribbeln an seinen Fingerspitzen.

»Hallo? Ist da…«

Der Ball explodiert. Alle Lichter der Straße blitzen auf, werden zu winzigen Sonnen, so dass Brian seine Augen schließen und sich die Hände vors Gesicht halten muss.

»Mamaaaaa!«

Er fühlt, wie ihm die Tränen über die Wangen wandern, schämt sich dafür, dass er nicht erwachsen genug ist, um das »Wie ein echter Mann« durchzustehen, wie die Kinder in den coolen Filmen.

Hinter seinen Augenlidern flimmern die Straßenlampen, werfen rote Schatten, doch das ist alles nur der Terror in seinem Kopf, die Angst und seine Finger, die über seinem Gesicht liegen. Doch alles vergeht.

Als Brian seine Augen mehr als vorsichtig öffnet, sieht alles wieder so aus wie vorher. Er blickt zum Himmel, vorbei an den Lichtern und sieht die Sterne, vor denen die Wolken vorüberziehen, graue Vorhänge vor einem lächelnden Mond.

Und da sind sie auch wieder, die Kinder, die durch die Straßen wandern. Hatte Brian alles geträumt, sich alles nur eingebildet? Nein, die Finsternis und die Stimmen mussten echt gewesen sein. Seine Augen brennen noch immer. Schnell wischt er seine Tränen ab. Jetzt nur noch Robert finden.

»Hey«, ruft er zwei Kindern zu, die sich wie Frankensteins Monster und ein Affe verkleidet haben, »habt ihr ein Pferd gesehen?« Sie rennen an ihm vorbei, als wäre er ihnen total egal. Brian versteht das, sie mögen Süßigkeiten mehr als alles andere. Vermutlich werden sie heute Abend noch Bauchschmerzen bekommen, denn die Tasche des Monsters ist bis zum Platzen voll und man kann sich schon wundern, dass sie noch nicht kaputtgegangen ist.


»Danke für nichts«, ruft er ihnen hinterher und stampft davon. Wenn Robert bei der alten Miss Donahue war, dann weiß sie vielleicht, wohin er abgehauen ist.

Er klingelt. Einmal, zweimal. Im Haus rührt sich nichts. Er stellt sich auf die Fußzehen, versucht, durch das Glasfenster in der Tür zu schauen. Da sind Schatten. Er klingelt noch einmal, hämmert an die Scheibe. Der Schatten reagiert, kommt näher. Es klickt. Die Tür öffnet sich für einen Hauch.

»Ja?«, fragt die alte Frau. Auch sie trägt ein Kostüm heute, ist in dünnes graues Papier gewickelt, wie eine Mumie aus einem der Filme, die Brian nicht anschauen darf. Aber Randy und seine Eltern sind viel zu cool, um das zu verbieten, wenn er sie besucht, auch wenn Brian hinterher manchmal schlecht schläft.

»Haben Sie ein Pferd gesehen?«

»Pferd? Was ist das?« Sie krächzt, ist vielleicht schon wieder erkältet. Vielleicht ist sie auch schon tot und was Brian da hört sind die letzten Augenblicke, bevor ihr Gehirn zu Staub zerfällt.

»Pferd. Ein Tier mit 4 Hufen und einem langem Maul«, Brian fühlt sich genervt, doch die Angst ist viel größer als vorher. Die alte Frau ist ja schon länger verwirrt, deshalb sagen die anderen auch, dass sie bald ins Altenheim kommt, aber noch nie war sie ihm so unheimlich. Ihre Augen brennen sich durch sein Gesicht. Dann, mit einem Rascheln, hebt sie einen Arm und deutet aus ihrem Haus in die Nacht hinaus.

Als Brian sich umdreht, fühlt er nur noch den Luftzug der Tür in seinem Rücken. Gänsehaut wandert über seinen Hals. Die Frau passte nicht, passte einfach nicht hierher.

Wieder hetzen Füße durch Schatten, doch diesmal kann Brian sehen, wer sie sind und wohin sie wollen. Ein Vampir und ein Pirat stampfen über die Querstraße, lassen sich nicht von der Ampel aufhalten, die rot blinkt. Nein, sie gehen weiter, zerren sich gegenseitig zur nächsten Straßenseite. Dort ist das Haus von Flannigans. Die sind reich. Die haben Zeug. Aber die sind auch geizig. Hinter deren Haus liegt der Park, schon fast ein kleiner Wald, und in dessen Mitte der Siebzehn-Steine-Teich.

Dad hatte immer erzählt, dass sein bester Kumpel gesehen hatte, wie dessen Cousin mit einem einzelnen flachen Stein diesen Teich überwunden hat. »Siebzehn Mal war der Stein abgeprallt und dann gegen einen alten Mann geflogen, der sich wie wild nach dem Schuldigen umgesehen hatte. Doch sie hatten sich alle versteckt und der grimmige Mann, ich glaube, das war sogar der Urgroßvater Flannigan, war fluchend davongestampft und ab dem Tag nannten alle den Teich Siebzehn-Steine-Teich. Bleib ja weg davon und lass auch Robert nicht in die Nähe, denn der ist viel zu gefährlich!«

War Robert dort? War der so dumm gewesen, abzuhauen und dann ins Wasser zu fallen? Er kann doch gar nicht schwimmen!

Schneller als ein Rennwagen beschleunigen kann, rast Brian über die Straße, übersieht ein fremdes Auto, das gerade noch bremsen kann. Eine Gestalt ohne Augen starrt durch die Windschutzscheibe. Heute sind nur Irre unterwegs: noch ein Grund, Halloween blöd zu finden.

Aus den Häusern hinter dem Park ist Musik zu hören. Leute feiern, bestimmt Teenager oder alte Leute, die cool sein wollen. Die tragen dann Zorro-Masken oder Kronen, verkleiden sich aber nie richtig. Blöde Leute. Sollen nicht so tun, als wären sie Kinder!

Die ersten Büsche streifen Brian, Äste schlagen ihn, immer öfter muss er seine Arme vors Gesicht halten. Ein paar Kinder haben sicher so ihre Augen verloren. Es war dunkel und sie waren schnell und da kam ein Ast und »Flutsch!« – Nacht für immer!

Brian hechelt. Immer wieder wird er aufgehalten, immer wieder muss er sich zurechtfinden. »Wo bin ich?«, hört er sich selbst flüstern. »Wo kann nur Robert sein?« Seine Augen tränen, er wischt sie ab, sonst verschwimmen die fernen Lichter in einem Meer aus Regenbogenfarben.

»Hallo«, flüstert jemand, direkt neben ihm.

Brian erstarrt. Was war das? Eis kriecht von seinem Nacken hinunter in seinen Rücken. Seine Haare stellen sich auf. Als ihn dann noch eine fremde Hand bei der Schulter packt, ist es vorbei.

»Hör auf zu schreien. Still. Shhhhh.«

Erst nach einer gefühlten Ewigkeit hört Brian diese Worte, als er schon keine Kraft mehr hat, zu kreischen. Sein ganzer Brustkorb schmerzt, weil sein Herz rausspringen und weglaufen will. Sein Kopf summt, seine Augen tränen, schon wieder. Er hört sich selbst nur »Bitte, bitte …« sagen, leise, als wäre er ein Kind. Er ist nicht mehr cool. »Mama!«

Die fremde Gestalt packt ihn, zerrt ihn durch die Büsche direkt in die offene Fläche des Parks. Der Teich glitzert, hunderte bunte Lampen malen eine fremde Welt auf das Wasser. Doch das alles ist unsichtbar für Brian, denn er sinkt zu Boden. Die Gestalt wartet erst, aber dann beugt sie sich zu ihm herunter.

»Hey, alles okay?«, fragt sie. Es ist eine Frau oder ein Mädchen, ja eindeutig ein Mädchen. Sie sieht aus wie eine Piratin oder eine Prinzessin als Piratin. Ihre Augen sind hinter einer roten Maske verborgen, darüber trägt sie eine Augenklappe und ein Kopftuch. Der Rest ist so normal, dass Brian sich so richtig schämt, Angst vor ihr gehabt zu haben. Sie ist aber älter als er, vielleicht ist sie 14 oder 15. Brian kennt solche Mädchen von der Schule. Die gehen nicht zu Halloween draußen spazieren, die sind schon auf Partys oder – so wie er – viel zu cool, um draußen herumzuwandern.

»W-w-was willst du von mir?«, Brians Stimme zittert, doch er kämpft sich zurück in das echte Leben.

»Dieselbe Frage stell ich dir auch gleich. Ich suche jemanden. Ich suche meine Geschwister. Weißt du, wie es nervt, hier herzukommen, nur weil sie das wollen? Ich meine, ich könnte mit meinen Freunden abhängen. Statt dessen sind wir hier und müssen diesen dämlichen Brauch mitmachen. Das alles nur, weil die Sprösslinge so süchtig sind nach eurem Fernsehen. Pff.«

»Du hast ja so recht. Mein Bruder Robert, er ist einfach weggerannt! Blödes Halloween!«, Brian fühlt die Freude in seinem Kopf aufsteigen. Da ist jemand, der genau solche Probleme hat wie er!

»Vielleicht sollten wir zusammenarbeiten. Drei Augen sehen mehr als eines«, sie lächelt ihn an.

Brian lacht. »Klar. Ein Auge. Du bist also eine Piratin.«

Sie zuckt mit den Schultern. »Ohne Verkleidung in dieser Nacht? Ist das nicht Brauch? Ich dachte, du bist auch verkleidet?«

Brian blickt an sich herunter. Comic-T-Shirt. Jeans. Seine Lieblingsjacke, die er von Dad bekommen hat, die Dad auch damals getragen hatte, als die Leute noch cool waren, in den 80ern. Ja, ein paar Leute würden das auch als Verkleidung sehen.

»Was trägt dein Bruder?«

»Er geht als Pferd.«

»Pferd. Hm, das sind doch diese Dinger mit den Hufen. Ja, Jolak trägt auch so was. Und Karol ist wie ein Affe verkleidet. Das sind Dinger, die wie Menschen aussehen, aber mehr Fell haben.«

»Ja, ich weiß«, Brian fühlt sich genervt. »Ich bin Brian und eure Namen sind komisch. Kommt ihr aus Europa oder so?«

Sie grinst ihn an. »Ich bin Mica und okay, ja, wir sind nicht von hier. Aber heute mussten wir hier sein, weil … Halloween ist nur so groß in Amerika, das ist schade. Nein, nicht schade. Doch schade. Egal. Wir müssen uns beeilen, Brian. Ich habe ein ganz mieses Gefühl in meinem … Magen.«

Sie zerrt Brian hoch, dann wischt er den Dreck von seiner Hose und sie gehen gemeinsam um den Teich herum. Die Lichter flimmern. Mica wirkt fast schon erwachsen, sie ist ein bisschen größer als er und sie hat wohl eine Art Radar in ihrem Kopf, so dass sie nie irgendwelche Zweige abkriegt oder in eine Kuhle tritt, Dinge, die Brian leider öfter passieren. Doch sie wartet nicht auf ihn, wenn das geschieht, sie geht einfach weiter. Bald haben sie den Steg erreicht, der in die Mitte des Teichs hineinragt.


»Niemand hier«, flüstert sie.

»Wir sollten sie rufen.«

»Auf keinen Fall!«, zischt Mica. »Wenn man uns hört, dann sind wir geliefert.«

Brian versteht nicht, aber hält die Frage zurück, denn er möchte cool sein und nicht mehr wie ein Kind wirken.

»Da ist jemand«, flüstert Mica. Sie hat recht. Ein Schatten bewegt sich unter den Lichterketten. Brian möchte gleich fragen gehen, doch Mica hält ihn fest, schüttelt den Kopf. Sie gehen in die Knie, verstecken sich hinter einer Bank, auf der normalerweise tagsüber Erwachsene sitzen und Zeitung lesen. Brian kann nicht viel erkennen, doch die lange Gestalt, die den Steg entlangwandert, macht ihm Angst. Ihre Arme bewegen sich nicht, hängen wie nutzlose Kabel an den dünnen Schultern des Mannes. Während er näher kommt, hört Brian ein dumpfes Surren wie ein Radio, das jemand falsch eingestellt hat. Als er Mica anschaut, sieht er, wie ihr Mund zittert, nein, wie ihr ganzer Körper das tut.

Doch auch er kann sich nicht bewegen, kann ihr nicht helfen.

Dann, Augenblicke später ist die Gestalt vorbeigewandert und Brian realisiert erst jetzt, dass sie gar keine Schritte gemacht hat: der Kies hat gar nicht geknirscht, die Bretter nicht geknackt, alles war viel zu leise, als wäre er nur ein Film gewesen, ein fliegender Film. Ja, der Mann … das Ding, es war nicht gegangen, es hatte geschwebt. Ein böser Luftballon, eine böse Wolke, wie in einem Horrorfilm.

Mica zieht ihn hoch. »Wir müssen ihm hinterher.«

»Bist du irre? Das war kein Mensch! Oder … kennst du das Ding?«

Sie schüttelt den Kopf, sagt nichts. Ihre Augen leuchten rot unter dem Flimmern der farbigen Glühbirnen, die noch immer über dem Teich schweben, als wären sie die Sterne eines fremden Himmels.

Mehr als nur vorsichtig schleicht er Mica hinterher. Bald schon haben sie den Teich verlassen und müssen wieder Sträuchern und Zweigen ausweichen. Die Musik wird lauter und es mischen sich Worte und Rufe in die Melodien. Lichter flackern, unterbrochen von den Schatten der Baumstämme und der wenigen Blätter, die noch an den Sträuchern hängen.

»Die Party«, hört sich Brian sagen, »dort sind die Kids garantiert nicht.«

»Wir fragen«, meint Mica und tritt ins Freie.

Teenager und und junge Erwachsene stehen um ein großes Haus herum, hinter dessen Fenstern eine Discokugel Regenbögen durch die Nacht schießt. Autos kommen an und fahren davon, begleitet vom noch lauterer Musik als erlaubt ist. Heute kümmert das wohl keinen. Mom würde ausrasten. Sie hasst laute Musik. Noch mehr würde sie aber hassen, wenn Robert heute hier wäre.

Eine Gruppe von Kindern erscheint hinter der Kreuzung.

»Da! Robert!«

Der Junge hat seinen Beutel bis oben hin mit Süßigkeiten gefüllt. Er ist leicht zu erkennen, hat seine Pferdekopfmaske nach oben geschoben und schaufelt sich jetzt schon mit Schokolade voll. Die anderen halten sich zurück. Sie tragen noch immer ihre Kostüme. Affe und Pferd, Ninjas, Piraten in trauter Freundschaft, Superhelden, Frankensteins Monster ist auch dabei. Das sind doch wenigstens 20 oder 30 Kinder! Brian fühlt eine Frage aufsteigen, aber er kriegt sie nicht zu fassen.

»Hey, Robert!«, hört er sich rufen, verlässt nun auch das Dickicht, doch sein Gesicht erstarrt und sein Herz bleibt stehen. Dort, genau hinter dem Haus mit der Party, schwebt die Gestalt vom Teich. Sie schwebt tatsächlich, wenigstens einen Meter über der Erde! Was ist das für ein Trick?

Das Ding reißt seinen Kopf nach oben. Wo ist sein Gesicht? Es hat kein Gesicht! Da ist nur ein riesiges Maul!

Kreischen überflutet die Straße. Die Leute, die es hören müssen, schlagen sich die Hände über die Ohren, gehen auf die Knie. Fenster klirren. Die Discokugel verwandelt sich in einen Regen aus Glas und Licht. Panik greift um sich. Die Kinder erstarren, heben ihre Hände.

Schlimmer, da ist noch ein anderer Schrei und ein dritter, ein vierter, eine Melodie aus Schreien rollt über die Stadt! Ihnen folgen, nein, das darf nicht sein, noch andere Wesen, weitere fliegende Monster und vor ihnen rennen noch mehr Kinder.

Brian wird wieder gepackt, doch diesmal weiß er, dass es Mica ist. Sie zerrt ihn ins Gebüsch, hält ihre Hand vor seinen Mund: »Pscht!«

Grünes Licht brennt sich in Brians Rücken. Als er sich umdreht, weiß er nicht, was er sagen soll. Der Horror ist echt. Das ist kein Film. Das ist schlimmer als jeder Hausarrest, als jedes Gefängnis. Sein Magen schrumpft. Tränen schießen aus seinen Augen.

Grüne Blitze rasen durch die Nacht. Die Wesen halten glitzernde Rohre in ihren Tentakelfingern. Diese Rohre, sie sehen aus die Pistolen, doch an ihrem Ende ist eine Kugel aus Licht und sie schießen! Sie schießen auf die Kinder in ihren Kostümen!

»Mir wird schlecht«, Brian ist nicht mehr cool, er ist viel zu klein, um cool zu sein, denn die Angst hält ihn gepackt. Jedes Mal, wenn ein Blitz trifft, werden die Hände des Kindes auseinandergerissen und dann zusammengedrückt und dann rollt sich das Kind zusammen und wird zu einem Ball, der nur noch aus Schleim besteht, grünem Schleim, der keinen Mund hat, doch Brian ist sich ganz sicher, dass er die Schreie der Kinder hört: schrille Laute, die im Blubbern der Schmerzen untergehen.

Sie rennen. Kinder rasen über die Straßen, verstecken sich in Vorgärten, hinter Bäumen und Sträuchern. Nichts. Da ist kein Entkommen. Augenlose Köpfe suchen und finden, drücken ab, immer und immer wieder. Immer mehr Kinder krümmen sich, schmelzen zusammen, werden zu Klumpen, nein Eiern. Andere fliegende Wesen, die keine Pistolen bei sich tragen, fallen vom Himmeln und packen die Kugeln, rollen sie die Straße entlang.

»Wohin?«, flüstert Brian.

Mica keucht: »Zu ihrem Schiff« und deutet auf den Himmel.

Genau in diesem Augenblick durchstößt ein Meteor die Wolkendecke und rast auf die Erde hinab, stoppt nur einen Hauch vom Boden entfernt. Eine Welle von Wind und Staub schießt über die Straße bis hinein in den Park, brennt sich in Brians Augen. Er weiß nicht, ob er weint, weiß nicht, was er tun soll.

»Da sind sie!«, Mica zerrt ihn hoch. Ja! Sie hat recht! Ein Affe und ein Pferd und noch ein Pferd, dessen Gesicht das seines Bruders ist, rennen davon. Dahinter Frankensteins Monster. Da ist der Park, dann sind sie in Sicher…

Nein. Ein Strahl, der eigentlich auf seinen Bruder abgefeuert wurde, wird vom Jungen im Monsterkostüm aufgehalten. Brian sieht das Gesicht des Monsters schmelzen, wie das der Puppe, die Randy seiner Schwester geklaut und über einem Lagerfeuer geschmolzen hatte, weil sie blöd zu ihm gewesen war. Nur ein paar Schritte von ihm entfernt zerfällt nun ein Kind statt einer blöden Plastikpuppe, ein echtes Kind.

»Aliens!«, flüstert er. »Im Fernsehen hatten sie Recht. Aliens! Sie klauen Kinder. Robert!« Er hört sich selbst rufen, viel zu laut, um nicht aufzufallen. Das fliegende Monster hat das sicher gehört! Er sieht eine der gesichtslosen Kreaturen auf sich zufliegen, während die anderen Kinder sich in den Park geflüchtet haben.

»Der kriegt mich«, denkt Brian und hört, wie seine Zähne klappern. Ein fremder Geruch hüllt ihn ein, es riecht so richtig ekelhaft, wie alte Leute, die zu lange allein gewohnt haben, so wie Oma, die er nie wirklich kennengelernt hat, weil sie schon viel zu alt war. Der Geruch ist süß und wie ein altes Auto, das brennt. Ja. Feuer. Das Monster riecht nach Feuer und alter Schokolade. Sein Magen brennt. Das sind die Wesen, die zu Halloween kommen. Das ist der Sinn von diesem Fest! Alles wird klar. Das war alles geplant, seit vielen hundert Jahren!

Das Wesen zielt mit seiner Waffe über die Büsche hinweg, zischt, als wäre es zornig und stößt die Kugel davon, die einst ein Kind im Monsterkostüm war. Wo sind die anderen? Wo ist Robert?

Mehr als nur vorsichtig dreht Brian seinen Kopf. Dort, zwischen den Bäumen, wo die Lichterketten blinken, erkennt er Schatten. Sie müssen zum Teich unterwegs sein!

Das Monster blickt ihnen nach, folgt aber nicht. Warum? Stattdessen dreht es sich um und schwebt zu seinen Freunden. Das große Schiff ist gelandet, eine Kugel, so schwarz wie das Innerste eines Alptraums, voller Arme, die die Kugeln in eine Luke werfen. Das Schiff erntet die Kinder für die fremde Welt! Doch Robert ist wichtiger.

Brian dreht sich um und rennt los. Mica ist nicht zu sehen, vielleicht ist sie vor ihm. Wieder schlagen Zweige und Dornen in seinem Gesicht, doch das ist ihm jetzt egal.

»Robert«, brüllt er und eines der Kinder bleibt tatsächlich stehen, dreht sich um. Er kann nicht sehen, ob es sein Bruder ist, deshalb rennt er noch schneller, bis er endlich, nach einer Ewigkeit den Bäumen entkommen ist und wieder am Teich steht. Dort, auf dem Steg, da stehen sie.

»Robert!«, ruft er wieder, doch niemand reagiert. Seine Lungen schmerzen, während er am Rand des Teichs entlangläuft. Hier geht es auf den Steg. Gut. Nur noch ein paar Schritte.

»Brian!«, der Kleine schreit und deutet mit seinem Huf, seinem Arm über ihn hinweg.

Ein Brummen füllt die Luft. Brian wirbelt herum. Nein! Es ist da, das Ding ohne Gesicht! Es ist ihm gefolgt. Und nun wird es gleich…

»Nein!«, hört er eine Stimme. Mica taucht neben ihm auf. Ihr Gesicht brennt, ihre Augen leuchten wieder, doch er hört nun echte Panik in ihrer Stimme.

Das Brummen wandelt sich, wird lauter und leiser, wird zu einem Quietschen. Über den Bäumen tauchen nun auch andere Gestalten auf, schweben wie Wolken umher. Sie sind noch immer blind für die Kinder hier am Teich; ihre Waffen schießen Löcher in den Park, zwischen die Bäume, direkt hinein ins Gestrüpp. Doch das kümmert das Monster nicht, das über dem Steg schwebt. Seine Arme flattern wild umher, die Tentakel richten die Waffe auf die junge Frau.

Mica kreischt, rennt los, aber nicht weg, nein, direkt in die Arme des Wesens. Sie springt, packt es bei den Beinen, zerrt daran. Es reagiert verwirrt, dreht und windet sich unter den Griffen des Mädchens. Da! Es verliert seine Waffe, die direkt über die Holzbretter hüpft und vor Brian liegen bleibt.

»Lauf«, hört Brian Mica rufen, doch etwas in ihm hat sich bereits entschieden. Er geht auf die Knie, findet die Pistole.

»Aua«, seine Zähne knirschen. Seine Hand fühlt sich an, als würde sie verbrennen, so heiß ist die Waffe. Da ist ein Griff und ein Abzug. Er richtet die Mündung auf das Wesen.


»Lass uns in Ruhe«, brüllt er. »Mica, spring.«

Er drückt ab.

Sie lässt los: »Nein!«

Der grüne Strahl schießt über das Wasser, leuchtet so stark, so dass Brian die Steine auf dem Boden des Teichs sehen kann. Blitze wandern über das schwarze Gespenst, es heult, bebt, sein Quietschen wird immer lauter, bis es mit einem lauten Knirschen zerrissen wird. Schwarze Schnüre fliegen durch die Luft, landen im Wasser, wo sie zischend untergehen; andere fallen auf den Steg, krümmen sich wie Würmer, erstarren, sterben.

Brian lässt die Waffe fallen. »Mica«, stammelt er, »alles in Ordnung?«

»Mist, Mist, alles Mist!«, hört er sie fluchen.

»Wir müssen weg!«

Sie schüttelt ihren Kopf. »Nein, WIR müssen weg. Ihr solltet nach Hause gehen.«

Sie geht zu ihm hinüber, starrt ihn an und kickt die Waffe in den Teich, die mit leisem Blubbern versinkt. Hinter den Dampfwolken erkennt Brian, dass die Pistole sich auflöst, einfach so, als wäre sie nie dagewesen.

Mica drückt auf ihre Maske. Da ist er wieder. Dieser Ton. Dieser entsetzliche Ton, als würde man einen Fernseher auf alle Kanäle gleichzeitig schalten. Die Lampen flackern. »Schnell!«

Am Anfang des Stegs bildet sich ein Kreis, der sich sehr schnell in eine Kugel verwandelt.

»Die Aliens!«, ruft Brian. »Sie sind hier!«

Mica rennt zum Ende des Stegs und packt Pferd und Affe und zerrt sie davon. »Hol deinen Bruder«, sagt sie. Ihre Stimme wirkt mit einem Mal sonderbar fremd.

Brian folgt ihrem Befehl und packt seinen Bruder. Sie rennen, doch wohin. Zur Kugel?

Kurz vor dem Ende des Stegs stolpern alle, als ein Arm sich aus der Erde gelöst hat, eine letzte Erinnerung an das Monster, das Brian zerstört hat. Die Tentakel packen sie, halten sie fest, Kostüme und Beine und sie fühlen sich kalt an, kalt wie Eis aus dem Weltraum.

Mica kann sich befreien, tritt sie zur Seite. Sie ruft einen Befehl. Die Kugel öffnet sich. Licht strahlt über den Teich hinweg, so dass Brian seine Augen schließen muss. Sie zerrt ihn und Robert hoch.

Die beiden anderen Kinder rennen in das Schiff hinein!

»Nein!«, ruft Brian.

»Doch«, meint Mica und zieht sich die Maske vom Gesicht. Sie ist kein Mensch! Ihre Haut ist ganz grün und schuppig, wie die Schnauze einer Echse. Ihre Augen rollen sich aus ihrem Kopf, hängen an dünnen Stängeln, die in die Luft wandern wie Antennen, wie die Augen einer Schnecke.

»Entschuldigung«, knirscht eine Stimme aus dem Lautsprecher der unter ihrem Kopf hängt, rote unbekannte Zeichen rollen über ein Display. »Das sind meine kleinen Geschwister und meine Eltern würden ausrasten, wenn sie wüssten, dass wir euren Planeten besucht haben. Dabei wollte ich einfach nur, dass die beiden mich nicht mehr die ganze Zeit damit nerven, dass alle anderen mal zur Erde fliegen dürfen und sie nicht. Die sind so süchtig nach allem, was von der Erde kommt, besonders von eurem, wie nennt ihr es ‚Fernsehprogramm‘.«

Sie dreht sich um und stampft davon. Brian hält die Hand seines Bruders fest.

»Die Bälle?«, ruft er hinterher.

»Das sind unsere Kleinen. Da haben Jolak und Karol wohl zu viel in der Schule angegeben, sorry. Die anderen Sprösslinge haben ein Schiff geklaut und sind uns hinterhergeflogen. Und das alles nur, weil ihr sowas cooles wie Halloween feiert.

Mist, du hättest die Lehrerin echt nicht erschießen sollen. Aber gut, ich hoffe, ich krieg keinen Hausarrest. Vielleicht war das alles nur ein Unfall. Ich werde nix verraten, wenn du nichts verrätst. Ehrlich nicht. Versprochen?«

Brian nickt und drückt die Hände seines kleinen Bruders fest genug, um ihn nie wieder loslassen zu müssen.

Die Tür schließt sich hinter dem Mädchen aus der fremden Welt und durch das Glas, das sie einhüllt, erkennt Brian, wie Mica ihm zuwinkt. Er winkt vorsichtig zurück. Jetzt kann er erkennen, dass das Kind mit dem Affenkopf einen Knopf an seinem Kostüm drückt und sich auch in einen Ball aus Schleim verwandelt. Dann jedoch nimmt das Kind mit dem Pferdekopf die Maske ab und winkt ihm zu und Brian hört sich selbst schreien… doch niemand ist da, der es hören kann, außer den Monstern, die Mica »Lehrer« genannt hat, die über den Bäumen in seine Richtung schweben, während das Raumschiff nur kurz aufheult und dann so schnell davongerast, dass nur noch ein Lichtstrahl in die Wolkendecke verschwindet:

»Mica, du hast deinen Bruder dagelassen! Mica, komm zurück, du hast das falsche Kind! Du hast meinen Bruder mitgenommen!«

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Die PDF zur Geschichte

 

 

 

 

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