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Kategorie: Wiederbelebungen

alte Texte, mit der Zeit bis zur Unkenntlichkeit zerreift

7 Minuten

7 Minuten

„Test eins-zwei
Puh, das wäre geschafft. Frisch aus dem Winterschlaf drücke ich Tasten: Die Frontklappen meines Raumschiffs öffnen sich, und ich sehe die Sonne, den Mittelpunkt unseres Sonnensystems. Es sind noch exakt sieben Minuten bis zu Sonne, bis zum Ziel. Ich werde die Sache kurz machen, damit die letzten Daten, die ich habe, noch zur Erde gesendet werden können.
Gott sei meiner Seele gnädig…
Ich sitze hier in diesem zum Tode verurteilten, verdammten Raumschiff, mit einer minimalen Chance zu überleben. Ja, ich habe meine Familie verlassen. Heimlich, in der Nacht. Damit ich sie retten kann.

Sechseinhalb Minuten noch…
Es bestand von Anfang an bei uns Menschen der Drang, unsterblich zu werden und die Natur zu beherrschen. Nun, im Jahr 22. Jahrhundert haben wir es geschafft, die Sonne nutzbar zu machen, indem wir vor einiger Zeit ein winziges Wurmloch im Innern unseres Zentrums erschufen und die Energie der Sonne direkt in die Erdumlaufbahn schickten.
Die Völker, befreit von Energieproblemen, begannen, noch mehr Strom als sonst zu verbrauchen. Aufgrund der Strahlung wurden die Früchte auf unseren Feldern größer und gesünder. Wir wurden größer und stärker. Bis eines Tages eine Frau ein Kind zur Welt bringen wollte, eine Geschöpf, das seine Mutter bereits im Mutterleib tötete, weil es gigantisch war. ein Monster, furchtbar anzusehen.

 

Als die Menschen das sahen und weil es nicht nur ein Einzelfall war, brach eine Panik aus.

Weil die Wissenschaft versagt hatte, wurde die Rufe nach mächtigen Anführern laut, und so wurden die großen Bünde der Glaubenden geschlossen, kleingläubige Narren wurden zu Propheten, Menschenopfer wurden im Namen der großen Götter wieder populär…

 

……… Wissenschaftler wurden getötet, wie Vieh getötet. Ein Teil der alten Welt versank in Barbarei, in Anarchie, in eine selbstverzehrende Orgie von Gewalt und Blut, ohne Moral, ohne Sitte. wie Tiere.
Und niemand ahnte….

was ich, der letzte Wissenschaftler unseres Planeten, herausgefunden habe, so kurz vor den Punkt ohne Wiederkehr..
Die Erde wurde und wird noch immer von der Sonne mit Energie gespeist, noch schlimmer…vollgepumpt, und unser Planet selbst hatte begonnen, massive Mengen an radioaktiver und magnetischer Energie zu senden, die unser Erbgut und unser Denken veränderte. Wem hätte ich es sagen können? Um mein Leben zu retten und um das Leben meiner Familie zu retten, schwieg ich… baute heimlich an der Rettung für meine Heimat.
Nun bin ich auf dem Weg, die Sonne aufzuhalten.

3 Minuten… Ich sehe die Sonne vor mir und fühle, wie sie schrumpft, immer kleiner wird.. Wie ein Ballon, der seine Luft verliert. Erkenne voller Schmerz unsere Dummheit, unser menschliches Versagen. Die Gier der Menschen….

 

Ein gleißendes Licht, das durch den Filter meines Kabinenfensters strömt, lässt mich fast erblinden. Das Wurmloch, aaah, da ist es.
Ich werde meine Erfindung, eine Nukleonenbombe, eine Druckenergiebombe in die Sonne senden, so dass das Wurmloch weggeblasen wird und in der Finsternis des Raums ohne Energie einfach zusammenfällt.

Noch zwei Minuten…
Die letzten Einstellungen an der Bombe sind gemacht. Ich werfe sie ab. Wird’s mir gelingen , der Gravitation zu entkommen indem ich…an der Feuerhölle vorbeischlittere … mein kleines Leben rette

Vorsicht… Vorsicht…. nichts übereilen…
Wie sagte man früher? „Schießt zuerst, wenn ihr das Weiße im Auge des Feindes seht!“

 

Sie ist knapp, zu knapp, die Zeit, die meine Instrumente anzeigen.
Ich werfe ich die Bombe ab.
Ich wünsche nur, dass ich nicht zu voreilig war.
Leb wohl, Erde.

Noch eine Minute…
Die Bombe ist explodiert. Das gleißende Licht ist erloschen. Doch ich komme nicht weg. Ich werde von der Sonne weiter angezogen. Verglühe in einer Minute. Wenigstens die Erde ist gerettet.

Doch… was ist das?… Der Stern beginnt zu pulsieren, wird immer schneller. Als würde er sich wehren. Das…das…Licht blitzt hell und riesig auf. Und ein Schreien geht um in meinem Kopf… Im Flackern des Höllenfeuers sehe ich die Erde aufblitzen, als sei sie durch das gigantische Loch gesaugt worden.
Die Sonne frisst meine Erde. Nein, das… kann nicht sein!!! OOOOH GOTTTT.. und nun… nun schwillt die Sonne an, wie eine Schlange, die einen Hasen gefressen hat. Eine Lunge, die atmet ….Immer schneller und schneller, es ist heiß, ich verglühe, Heilige Mutter Gottes, es ist grauenvo“

<Hier endet die Aufzeichnung 13022099_P. Probant Nummer 7 wurde mit verschiedenen Lähmungserscheinungen aus dem Simulatorraum hinausgetragen. Alle Möglichkeiten einer Wiederherstellung seines Verstandes wurden ausgeschöpft und haben nicht funktioniert.

 

i. A. Dr. Ignatius Bromlid

Institut für Neuroinformatik Basel>
(c) Emanuel Mayer
02.07.2007

 

Nachtrag:  Ich hatte dieses Machwerk im Jahr 2007 zusammengebastelt und für eine Anthologie eingereicht. Ich bin nicht zufrieden mit diesem… Ding. Die Leute von der Redaktion auch nicht. Dennoch hier die Originalversion. Pures Vergessen… Ein Tipp: Wenn man die Geschichte entsprechend liest, dauert sie tatsächlich 7 Minuten. Ich habe eine Stoppuhr benutzt.

555-Eternity

555-Eternity

Ah, Sie sind Herr Müller, ja kommen sie doch rein. Regina wird Ihnen sicher einen Stuhl hinstellen. Regina, sei doch so lieb. Ah, schnell ist sie, meine Regina, ich wäre ohne sie komplett aufgeschmissen. Setzen Sie sich doch. Sie sind…äh… lassen Sie einen alten Mann seine Gedanken sammeln. Stimmt, Sie sind der Reporter. Ich sehe schon Ihren Gesichtsausdruck, Sie wirken enttäuscht. Ich merke schon: heutzutage kann man keinen mehr mit einer normalen Geschichte hinterm Ofen hervorlocken. Da muss was Knackiges geschrieben werden, ist es nicht so, Herr äh… Müller. Ja, es stimmt. Ich habe Regina Sie anrufen lassen, weil ich mir Sorgen mache. Sie haben es doch auch gehört, diese Leute, die seit einiger Zeit verschwinden. Hmm, ja, verursachen schon ziemliche Aufregung, nicht wahr? Und besser einem alten Zausel wie mir eine Geschichte aus den morschen Rippen leiern, als gar nix zu wissen. Nun gut. Beginnen wir. Ein alter Zausel war ich nicht immer. Damals, um die 50 Jahre her, in den wilden 60ern war ich und mein Kumpel Hans in der ganzen Welt unterwegs. Wir haben viel erwartet und wir haben noch mehr erhofft. Wir waren vielleicht noch Kinder, als der große Krieg im Gange war, aber: wir hatten überlebt und wollten raus. Raus aus Deutschland, hier wohnten doch nur alte Leute, die den Typen damals an die Macht gelassen hatten. Der Krieg steckte uns tief in den Knochen, wie sagt man: versteckt sich im Unterbewusstsein. Jedenfalls sind wir sehr billig nach Amerika gekommen, wie viele andere auch. Können Sie das verstehen, Herr… Müller? Ja, die Leute wollten frei sein. Ja, zu den „Hippies“ wollten wir. Wir waren aber nicht wie diese Faulpelze, die den Staat zahlen ließen, wir stahlen oder bettelten nicht. Wir fanden das kreuzdämlich. Und deshalb mochten wir die Hippies auch nicht sonderlich, wenn Sie verstehen. Ich und Hans, wir versuchten unser Glück bei einer kleinen Zeitung in San Francisco oder wie man es damals nannte „Frisco“. Er war für den Sport verantwortlich, denn er war schon immer ein guter Sportler gewesen, eine Maschine vor dem Herrn. Ich allerdings, auch wenn ich nicht mehr so aussehe, war das Hirn. Ich liebte die neuen Entdeckungen. Es war eine schöne Zeit, immer ein bisschen Geld im der Brieftasche, den Geruch von Räucherstäbchen in der Luft und wir beide konnten unserem Hobby nachgehen, sie wissen schon… hübsche Frauen und kristalline Substanzen, wenn Sie wissen, was ich meine. Warum ich das erzähle? Seien Sie mal nicht aggressiv. Sie sind jung, haben Zeit und das hier ist die beste Story, die Sie kriegen können. Denn genau wie jetzt, verkleinerte sich die Menge unsere Freunde, der Hippies, sie verschwanden schneller, als man es erwartete. Mag sein, dass der eine oder andere von den Bullen geschnappt wurde oder nach Kanada abgehauen ist. Sie waren einfach fort, Von einem Tag zum anderen. Puff, weg. Hans war natürlich sofort an der Sache interessiert. Gewisse paranoide Tendenzen traten bei ihm auf, er witterte Verschwörung und Verrat. Bald sah ich ihn nicht mehr auf dem Campus nebenan trainieren und den jungen Mädchen hinterherzupfeifen, sondern traute sich nicht mehr aus dem Haus. Unsere Chefs fragten schon an, was mit ihm wäre. „Er ist krank“ sagte ich dann zu ihnen. „Geistig krank“ dachte ich mir dann immer und kicherte. Anscheinend waren die Typen genauso bekifft wie jeder in dieser Stadt. Ich entschloss mich aber, der Sache nachzugehen, rein mit Logik und Vernunft. Ich verkleidete mich als ein Hippie. Wir hatte genug Freunde und nachdem sie weg waren, nun, genug Kleidung war vorhanden. Wissen Sie, wie furchtbar solch ein Mensch stinkt? Sie haben ja keine Ahnung. Jedenfalls fragte ich ein paar Leute und, Sie kennen das, ich versuchte unauffällig zu sein. Leider haben sie anscheinend gerochen, dass ich keiner von ihnen war. Es dauerte ein paar Tage und ein Umweg von ein paar Kilometern. Ich wollte schon wieder zur Redaktion zurückkehren, als sich direkt vor mir ein Bettler aufbaute. Oder ein Hippie, egal. Er fuchtelte mit den Armen um mich herum und benahm sich wie ein junger Affe, der in ein Stück Nagel getreten war. Ich wollte ihn ignorieren, als er ausholte und mir eins mitten auf die Nase gab. Dann war er weg. Ich lief ihm hinterher, naja, ich humpelte fluchend, weil ich beim aufstehen bemerkte, dass meine Brieftasche weg war. Natürlich fand ich ihn nicht, aber seine Klamotten in der Nähe eines Gullis, der Deckel hatte schon länger gefehlt, die Behörden hatten einen leuchtend gelben Streifen an Farbe darum gemalt, damit niemand nüchternes hineinfällt. Ich holte meine Brieftasche und ein winziges Heftchen hervor. Eine Spur? Ich denke, dass es keine Spur war, nur ein Hinweis, meine Hände von der Sache zu lassen. Eine Art Heftchen für Pillen, wenn Sie wissen, was ich meine. Es war leer. Ich war begeistert, richtig stinksauer, bis mir eine Nummer auf der Rückseite auffiel. „555-Eternity“ Was zur Hölle, dachte ich, aber ich ging schnurstracks, wie ein 22jähriger halt schnurstracks läuft, in die Redaktion. Sie wollten mich schon rauswerfen, aber ich zeigte mich wieder als Mensch, nachdem ich die Sachen auf den Boden geworfen hatte. Die Nummer war von lustiger Musik unterlegt. Mein Redakteur murrte und zeigte auf seine Nase. Ich nickte. „Ich hau dir gerne eine aufs Maul.“ sagte ich leise. Er verstand es nicht. Gut so. „Möchten Sie die Erweiterung des Geistes testen?“ fragte mich eine Stimme, weiblich, charmant, fast sexuell anrüchig. „Wer sind Sie?“ fragte ich die Person am anderen Ende und erklärte, dass ich die Nummer gefunden hätte. Die Frau nannte keinen Namen, aber eine Adresse, kaum 1 km weit weg. Ich legte auf und kicherte. Alles für eine Story, nicht wahr, Herr Müller? 2 Stunden lang beschwafelte mich ein Wissenschaftler der Marke „Wahnsinnig, Weltuntergangsprophet, Irrer“, bis ich ihn darum bat, die Sache abzukürzen. Ich verstand es immer noch nicht. Es sollte wohl die „Hypophyse“ ansprechen, Ärger und Geilheit verändern und uns damit ins nächste Universum der Wissenschaft katapultieren. Ich wollte schon gehen, als er meinte: „Hey, eine Kostprobe hat noch keinen umgebracht.“ Ich nahm eine der Pillen und ein Briefchen, aber nahm mir vor, nicht mehr wiederzukommen. Vertrauen Sie mir, Herr… Müller, wenn Ihnen jemand Pillen andrehen will: sagen Sie nein. Ich ging dann nach Hause und wollte mir gerade die Pille zu Gemüte führen, als Hans in mein Zimmer stürmte. „Es sind schon wieder 10 Leute verschwunden.“ Ich versuchte ihn zu beruhigen. Er fluchte und zerrte an mir herum. „Glaubst du wirklich, dass man die Leute vernichten will? Wie denn?“ fragte ich ihn, doch er antwortet nicht. „555-Eternity?“ fragte er, als er das leere Heftchen sah. Ich lächelte. „Irgendso ein Schwachsinn, den ich mal teste.“ Hans packte meine Hand. „Tu das nicht. Das ist Teufelszeug.“ Ich schüttelte den Kopf. „Lass es, Hans. Es ist nur ein Test. Vermutlich nur Vitamine.“ Er starrte mich an. Dann holte er aus, schneller als ich reagieren konnte und schlug mir direkt in den Bauch. Ich keuchte, Galle und Magensaft kam mir hoch und ich hätte mich fast übergeben. Die Pille rollte über den Boden und blieb direkt vor ihm liegen. „Nur Vitamine? Ich beweise dir das Gegenteil.“ Er hob sie auf und schluckte sie. Die Erfahrungen, Bilder, die folgten waren unbeschreiblich, aber sehr bösartig. Ich schwor mir, dieses Zeug nie anzurühren, nie davon zu reden, denn wer würde mir je glauben. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, hatte Hans mehr Glück als ich, oder soll ich es als Pech bezeichnen? Denn die Pille wirkte. Ich wurde langsam stutzig, als Hans nach diesem Tag immer öfter verschwand, einfach ging, dann wiederkam. Seine Paranoia hatte sich augenscheinlich in Wohlgefallen aufgelöst. Ich würde sagen, dass er die Grenzen seiner Realität immer weiter erforschte, sie erweiterte. Wurde er wirklich klüger? Entwickelte er sich weiter? In seiner Welt sicher, aber in der Welt, in der ich mich befand, wurde er zu einem Junkie. Immer mehr Packungen „555-Eternity“ lagen bald im Müll. Ich schüttelte den Kopf, aber er lachte. Und jetzt, passen Sie auf. Eines Tages konnte ich mich vor Lachen nicht mehr halten. Er stand im Raum, komplett nackt und seine Verrenkungen waren so verzweifelt, als wollte er tanzen lernen, hätte aber zu viele Arme und Beine. Ich fragte ihn, natürlich nur aus Scherz, was das solle. Er schaute tatsächlich zu mir hin, als wäre ich eine Kreatur unter ihm, als wäre er besser. Es ist ein „evolutionärer Tanz“, meinte er theatralisch. Das wäre eine neue Erfindung, um die Evolution nach vorn zu treiben, sie würde zusammen mit dem dem „555-Eternity“ zusammen wahre Wunder vollbringen. Ich aber lachte nur in mich herein, wurde aber schnell traurig. Mir war bewusst, dass ich meinen besten Freund verlieren würde, an diese furchtbare Droge, für die ich verantwortlich war. Woher er sie bekam, wusste ich nicht. Vor einigen Tagen hatte ich LKWs mit militärischen Zeichen vor der Universität gesehen und seitdem stand das Labor leer, Gerätschaften und sogar der verrückte Wissenschaftler, alle weg. Ich wollte noch etwas entgegnen, doch plötzlich änderte sich die Situation. Denn während einer Bewegung des Tanzes begann die Luft um Hans auf einmal zu flimmern. Ich spürte eine Art Wärme, die immer mehr zur Hitze wurde. Die Wand hinter Hans fing an, zu knacken und dunkel zu werden, um seinen Körper herum bildete sich ein Kreis aus kokelndem Parkett. Näher konnte ich nicht mehr an Hans heran, denn aus dem beherrschten jungen Mann, den ich bisher gekannt hatte, wurde plötzlich ein flackerndes… Ding, so muss ich es sagen, ein Ding. Ein Mensch, der leuchtet, aus dessen Körper weitere Arme und Beine schießen und wieder verdorren, ist doch kein Mensch mehr. Funken sprühten, ein Licht pulsierte in ihm, aus jeder Pore seines Körpers schien es zu kommen. Meine Augen finden an zu tränen, ich wandte meinen Blick ab, um nicht blind zu werden. In Panik lief ich aus dem Raum, holte einen Feuerlöscher und versuchte, ihn zu löschen. Das Wesen schrie grauenhaft, der Raum war voller Rauch und der Gestank, wiederlicher furchtbarer Gestank, als würde man verdorrtes Fleisch verbrennen. Es war schlimm. Und das Brutzeln dazu, nein, das Geschrei und das Gebrutzel zusammen werde ich nie vergessen. Sowas brennt sich ein, junger Mann. Brennt sich ein. Als alles vorbei war, machte ich das Fenster auf, um Luft hereinzulassen. Hinter mir hörte ich leise ein Flüstern, oder besser gesagt, das Fauchen, das mir das Rückenmark hinaufzukriechen schien und dann dreht eich mich um und … ahhh, schlimm schlimm, schlimm, schlimm. ich kann mich nicht erinnern, ich will auch nicht, ich will nicht, nein, nein, nein……………………………. äh… Danke mein Schatz. Regina, vielen Dank und ich hätte doch nur gern einen Tee. Wer sind Sie? Was wollen Sie hier? Ich bin doch nur ein alter Mann, Sie machen mir Angst, gehen Sie, gehen Sie weg. äh…… danke für den Tee, meine Schöne. Sind Sie von der Tierzeitung? Wollen Sie mich interviewen? Ich glaube, Regina hat sie angerufen. Ich habe da was, eine Art Echse, die Sie noch nie gesehen haben. sie hört auf den Namen Hans. Wissen Sie, ich hatte da mal einen guten Freund… (c) 18.01.2011 Emanuel Mayer

Sehen

Sehen

Als Eugen nach Hause kam, wunderte er sich sehr. Wo früher ein Topf auf dem Herd stand, und 2 Teller auf dem Tisch standen (die nie beide von ihm gebraucht wurden), so fing eine dünne Staubschicht an, sich in den Ritzen des Tisches abzusetzen.

War heute etwas besonderes los, daß einfach nichts bereit war?

Er hatte seine 8h Arbeit hinter sich gebracht, in seinem gewohnten Umfeld als Archivar des Rathauses von Berlin. Nichts war besonders gewesen. Keine Atombombe war gefallen, wie er es vermutet hatte. (Nebenbei bemerkt erzählen die Nachrichtensender immer den grössten Unsinn.)

Überrascht wegen des Nichtvorhandenseins seines fertigen Essens schaute er sich um. Kein Laut war zu hören, kein plötzlicher Duft von Rosen und Jasmin, wie es ihm schon so oft aufgefallen war, daß er den Geruch als allumfassend ansah. Und nun war er weg.

Er war allein. Allein mit seinen Gedanken. Allein ohne den Hauch von Anwesenheit einer anderen Person.

Er setzte sich in seinen Sessel und wartete. Wartete auf Erleuchtung, eine Eingebung, irgendetwas Normales. Nichts passierte.

Die Sonne ging langsam unter und Eugen wurde hungrig. Was tun? Wieso stand das Essen nicht auf dem Tisch?

Wo waren die beiden kleinen Jungs, die immer durch die Gegend liefen, sich an ihm festkrallten und „Papa Papa“ riefen. Sie waren immer seltener gekommen, was Eugen auch nicht verwunderte: er hatte immer versucht, diese Fremden (wie kamen sie überhaupt in die Wohnung?) zu ignorieren.

Niedlich hatten sie ausgesehen. Schatten im Gesicht, wie der Papa. Wieder dieses Wort…

Eugen verlor sich in Gedanken…. in Gedanken an seine Kindheit. Das Essen stand auf dem Tisch, der grosse Mann mit dem schattigen Gesicht saß ihm gegenüber und sprach mit ihm. Eugen antwortete brav, verstand aber viele Dinge nicht. Das Essen wurde gegessen, ein Teller war immer zuviel, wurde aber auch immer leerer, ohne daß Eugen jemanden sah. Der große Mann war immer sehr eigenartig gewesen, er sprach mit der leeren Küche.

Der kleine Eugen gewöhnte sich dran, daß es für ihn normal war. Nur hin und wieder wurde er von sanften Berührungen geweckt, von Düften, die nicht von dieser Welt waren, von Geräuschen, die er nicht zuordnen konnte. Auch lief er manchmal gegen unsichtbare Dinge, die zurückwichen.

In der Gruppe, die er in der Schule besuchte, waren einige Plätze leergewesen, aber er wurde immer vertrieben, wenn er sich dort hin setzen wollte. Der Lehrer konnte ihn nicht leiden und schickte ihn immer zum Direktor. Eugen jedoch sah keine Probleme und anscheinend der Direktor auch nicht, denn dieser lächelte immer nett und liess ihn gehen.

Weil Eugen auf der Strasse auch immer mit den Unsichtbaren zusammenstieß, lief er immer langsamer und an der Hauswand entlang. Es hatte auch den Vorteil, daß er komische Dinge sah… Männer, die einfach so redeten oder ihre Arme in der Luft hängen ließen. Wie unpraktisch, dachte sich Eugen und lief weiter, dorthin, wo der große Mann mit den Schatten im Gesicht wohnte.

Es war Nacht geworden und Eugen zog sich in sein Zimmer zurück. Er hatte immer noch Hunger, er würde morgen noch lang darüber nachdenken müssen, warum das Essen einfach nicht da war.

Im Bett, das komischerweise ein Doppelbett war (woher das kam, war ihm nicht bekannt), legte sich Eugen auf die Fensterseite, wie seit 30 Jahren, seit er einfach eingezogen war.

Er erinnerte sich an diesen Unfall, den er gehabt hatte, als er ein kleines Kind war… damals war es irgendwie anders gewesen… da hatte es irgendwie mehr Menschen gegeben. Er hatte Blitze von Dingen gesehen, als er diese tollen Gefühle gehabt hatte, als ob jetwas am ihm zerrt, „da unten“…. mehrmals, als er eingezogen war. Er hatte sich dabei sehr großartig gefühlt. Später kamen dann diese beiden fremden Kiner, die ein bisschen wie er aussahen.

Hmm, dachte sich Eugen, ich sollte träumen, vielleicht gibt’s das tolle Gefühl wieder mal, auch wenn ich so verdammt hungrig bin.

Als er sich zur Seite drehte, überkam ihn ein scharfes Gefühl der Angst, ein beissender Geruch stieg ihm in die Nase, er konnte sich nicht mehr beherrschen, irgendetwas verschob sich knirschend, er schrie vor Angst und Schmerz, seine Augen fingen an zu tränen und

er sah.

(C)Emanuel Mayer 14.04.2006

Lauf (Rohfassung 2)

Lauf (Rohfassung 2)

Lauf (grundversion, wird noch teilweise geändert)

Ich hetze wie ein Tier durch den dichter werdenden Wald. Nicht nur ähnlich einem Tier, nein, ein Tier BIN ich geworden. Vorbei an tiefhängenden Ästen, die meine Stirn wie Peitschen zerschlagen, unter Büschen voller Stacheln, durch den Schlamm, der sich in meiner zerrissenen Jeans sammelt. Mit Minute zu Minute werde ich mehr und mehr zum Wolf, zum Wesen ohne menschliche Züge.

Ich höre, rieche die Hunde, die sie auf mich hetzen, lausche dem Gebell und dem Geheule auf den Strassen rund um den Wald.

Wo bin ich gelandet? Ist dies nicht die schöne neue Welt, der ich angehören wollte? Der ich alles opfern, die ich einfach lieben wollte.

Wenn ich mich an die letzten Minuten erinnern soll, bleibt nur der Schrecken, der mich durchzuckte, als die Tür meiner kleinenWohnung aufgerissen, ich ins Scheinwerferlicht gezerrt wurde. Speichel und Erdbrocken trafen mich hart, als ich die Treppe auf die Straße herunterstolperte. Und das Geschrei. Einfach nur dieses laute Gebrüll tausender aufgerissener Münder.

Was hatte ich getan? War ich ein schlechter Bürger gewesen? Hatte ich mich am Gesetz vergangen? Zu früh bei Grün losgefahren? Zu unfreundlich gegrüßt? Zuviele verheiratete Frauen angemacht? Ich habe doch nur mein kleines Leben gelebt, mit niemandem gesprochen, ohne gefragt zu werden, Dutzende Überstunden abgerissen, war stets nett und freundlich. Mein Leben war eintönig, langweilig, aber es war einfach OK!! Was soll man sonst in der Grossstadt tun? Leute kennenlernen, die täglich den gleichen Job machen? Autos waschen?

Ich war einer von Euch!!!

Wie lächerlich meine Gedanken waren, wurde mir mir erst klar, als ich vor dem Tor stand. Dieses verdammte Tor, von dem ich so lang geträumt, mich davor gefürchtet hatte: ein gußeisernes Versprechen unaussprechlicher Qualen. Ich sah es nicht gern, wenn die Sendungen auf den staatlichen Fernsehsendern liefen, in denen genüsslich, sadistisch von den grauenhaften Qualen erzählt wurden, die den armen „Kandidaten“ sowohl Fleisch als auch jeden Rest der Seele verbrannten. Vermutlich war ich zu empfindlich.

Und nun war ich einer von ihnen geworden, ein „Kandidat“, grundlos als Verbrecher, als Vernichter an der Zivilisation, geohrfeigt. Im Hintergrund lauschten zehntausende Zuschauer einer der erfundenen Geschichten, in denen der „Kandidat“ der „Volkswirtschaft unaussprechlichen Schaden zugefügt hat“. Ich begehrte nicht auf.

Rüde wurde ich an das Tor gepresst. Regentropfen perlten von meinen Augen langsam die Metallstangen herunter. Heisser Atem kroch mir in den Nacken, eine leise, fast sanfte Stimme flüsterte mir ins Ohr…. ich verstand es nicht… es war zu laut, es war einfach zu laut für mich….

Das Tor ergab sich dem Druck dutzender Hände und ich wurde mit einem Tritt in die Einsamkeit befördert. Es war dunkel. Es war kalt. Es war furchterregend.

Ich stolperte. Lichter blitzten, Applaus wogte auf. Ich zitterte unter dem Toben unzähliger Menschen.

Dann fing ich an zu laufen, weg vom Lärm, weg vom Schmerz, der sich in meinen Rücken presste.

Immer tiefer in den Wald, immer tiefer ins Ungewisse, in die Verdammnis.

Die Hunde nah an meinen Fersen, sie schnappen nach mir, erwischen mich nicht, bellen wütend…. da ein Abgrund: der einzige Weg: der Schritt nach vorn

Ein gewaltiges, wahnsinniges Lachen kriecht aus meiner Seele, ich kann mich nicht mehr beherrschen, beschleunige noch einmal und springe….

Als wäre in diesem Moment alles um mich verstummt, höre plötzlich – endlich- die Worte des Fremden, bevor er mich in die Finsternis trat:

„Willkommen in der Freiheit“

© Emanuel Mayer, 14.04.2006

Die Geburt eines Ekels…

Die Geburt eines Ekels…

Ich hasse sie, diese verdammten Kopfschmerzen

Nee, sind ja nichtmal Kopfschmerzen… es zieht quer vom Nacken hoch, wenn ich meinen Hals bewege. Kann kaum fernsehen, geschweige denn nach oben schauen.

Na super. Wenigens sind alle kleiner als ich.

Da häng ich schon die ganze Woche rum, die Frau nervt auch: Sie glaubt mir nicht

Was ist also schlimmer?

Dieser elende Schmerz, kann nachts nicht schlafen, oder nur aufm Rücken. Dann träum ich auch dämliches Zeug.

Alpträume sollen ja kommen, wenn man, wie ich, nur aufm Rücken schläft.

Ich könnte echt kotzen. Ich finde das abartig. Wie eine kochende Geschwulst, die sich über meinem Schulterblatt ne Ecke zum Pennen gesucht hat.

Mein Arzt sagt nichts, er hüllt sich in Schweigen, sagt was von „Prognose stellen“ und „symptomatisch“ blah blah

Ich lauf schon rückwärts gegen die Wand.

Es wird nicht besser, auch nicht mit einer Auflage von „klassischen Feuerkräutern“…

Meine Frau hat was von Schlangengift gefaselt…. ne Spritze wäre echt toll. Ich bohr mir auch selber eine. Oder dreh mir eine.

Letzte Nacht ists schlimmer geworden. Ich träumte von einem Teufel, der auf meiner Schulter sitze und sich festhält.

Und während die Sonne am Morgen aufgeht, und ich mir ne Stange Ambrosia anzünde… warte ich, dass es aufhört.

Was es nicht tut.

Denn plötzlich reißt der Schmerz meinen ganzen Rücken auf, gräbt sich direkt über das Rückenmark in meinen Schädel, in das Hirn… ein Knacken, ein Blitzstrahl von weißem Schmerz, ich gehe in die Knie. Schreien geht irgendwie nicht mehr. Hoffentlich platzt mir nicht mein Schädel, denke ich noch.

Dann findet sich meine Stime wieder und ich schreie…. und mit meinem Schrei vermischt sich ein Jaulen über mir. Da will was raus! Da will was aus mir raus. Ich presse dieses Etwas aus meinem Schädel, fast kriecht es in die Welt, dann ein kurzer Ruck……….. es wird dunkel.

Ich erwache, als die Sonne aufgeht. Vor mir steht ein Mädel, hübsch mit tiefgründigen Augen. Trägt eine komplette Rüstung und grinst irgendwie fies.

Sie sagt: „Hi, Paps. Übrigens: das waren nicht die letzten Kopfschmerzen, die du wegen mir hattest“

Ich werde sie Athene nennen. Hört sich intelligent an. Sie mag Eulen. Ich nicht.

(c) Emanuel Mayer… 2007