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Kategorie: Midnight-Stories

Die Lawine – eine Gegenfabel

Die Lawine – eine Gegenfabel

Es hing ein Echo über den Bergen. Steine polterten noch immer über die trockenen Hänge, unaufhaltsame Schläge, die Sträucher und Bäume mit sich rissen, als wären sie einfach nie dagewesen. Splitter schwebten für Augenblicke über die brodelnde Landschaft, erinnerten an winzige Schiffe, die ankerlos über ein Meer aus Zerstörung und Wut geworfen wurden. Die Luft war erfüllt vom Brüllen der Erde, die sich wie eine Schlange häutete, ob sie wollte oder nicht.

Blanker Felsen leuchtete unter den frischen Wunden. Sonnenlicht kroch nur langsam durch die Wolken, die sich immer weiter in den einst so blauen Himmel schoben. In der Ferne jaulte Wolf, das Rudel Wölfe, panisch in ihrer Flucht, beachtete ihn nicht weiter. Ihre Läufe verloren sich im Tumult der Panik. Hunderte, wenn nicht sogar tausende Tiere rannten um ihr Leben. Eine Flut aus Geröll bahnte sich ihren Weg, als wäre sie lebendiger als die Kreaturen, die ihr entkommen wollten. Doch nur der Blick konnte ihnen noch helfen. Jeder Blick zurück war ein Urteil, vom Schicksal verhängt, »Schuldig im Sinne der Anklage«. Und so taumelten Wellen aus Fell und Pfoten über die staubumnachteten Hänge hinab ins Tal.

Hier warteten sie. Zusammengepresste Augen, die durch Fernrohre starrten, Linien zwischen Kimme und Korn erdachten, fixierte Augen, die nur ein Ziel hatten. »Töten«, wimmerte ein Mann, sehnsüchtig zusammengesunken hinter seiner Doppelläufigen, die Zigarette am Filter zerkaut, halbblind vom Rauch, der sein Blickfeld verschwimmen ließ. Andere taten es ihm gleich, nahmen noch einen Schluck aus der gemeinsamen Flasche, spuckten ihren Abscheu und ihre Gier auf den Boden. »Geld«, flüsterte jemand, »soviel Geld für ihn.«

Dutzende Augenpaare starrten auf den kommenden Sturm, suchten einen Schatten, der sich ihnen offenbaren sollte, die die Gestalt eines Mannes haben sollte, der sowohl gefürchtet als auch verehrt wurde. Doch es war viel zu spät, sich daran zu erinnern, dass er als Fremder in die Stadt gekommen war. Stadt, ha! In das Dorf, ein Dutzend Häuser, eine Kneipe, eine Kirche, eine Straße. Er hatte Geld mitgebracht und Hoffnung, hatte alles getan, was er hatte tun können, damit sie ihn mochten. Ein Fremder, der zum Freund geworden war. Doch alles war vorbei, jetzt nach fast 7 Jahren hatte das Unglück die Kleinstadt besucht und hatte andere Fremde angespült und sie hatten ihren Freund als einen Feind erkannt, als Schurken unvergessener Verbrechen, als Kopf hinter unzähligen Raubzügen. Manch einer sang heimlich Lieder über ihn und seine Gang, aber nur heimlich, nur in seinem neuen Bett, unter der Decke, wo man allein sein konnte mit seinen Träumen. Als er erkannt worden war, hatte er zwei Tote zurückgelassen und eine Karte. Die Fremden sagten, es wäre ihr Gold und jeder, der ihnen helfen würde, könnte reicher werden als ein Rockefeller. Allerdings wäre auch jeder tot, der sich ihren Wünschen verweigern würde.

Doch Gründe versickerten im Donner des Weltuntergangs vor ihren Gewehren, die wie Verrat brannten. Er war auf dem Berg. Er musste runter vom Berg. Hätte er sich nicht verschanzt, wäre alles in Ordnung gewesen. Wäre er nur weit weg geflohen, hinunter in die endlosen Ebenen dieser neuen Welt, aber nein. Er musste in die Mine, dort, wie die Fremden ihnen versicherten, wo er das Gold versteckt hatte. Garantiert, eine sichere Sache. Prügeln wir ihn raus aus seinem Loch wie einen Fuchs.

Der erste Mann wich zurück. Seine Augen brannten, Panik kreischte seinen Weg in die Welt hinaus. Jemand schoss. Er fiel. Feigling. Die anderen starrten auf die wirbelnde Mauer aus Tieren und Bäumen. Da. Da war jemand. Ein Mensch rannte, wie von der Hölle verfolgt, hinunter ins Tal. War er es? Konnte er es sein? Sein Gesicht, so völlig unsichtbar, absolut winzig im Schauer, der ihm folgte. Wie konnte er so schnell sein? War er schon vorher losgelaufen? Hatte er sich geopfert? War er blödsinnig geworden? Niemand wagte, diese Fragen zu stellen, doch viele dachten wohl dasselbe. Ein Hagel aus Blei raste durch die Dämmerung, winzige Sterne blitzten an den Läufen der Waffen auf, vergingen wieder, doch er rannte weiter, als wäre nichts gewesen. Wellen von Schüssen folgten, verfehlten oder trafen, was auch immer passierte, bleibt unbekannt.

Der Tod überrollte nicht nur die Menschen, die sich einst in seinem Licht und Geld gesonnt hatten, sondern auch ehemalige Kameraden auf der Suche nach Abenteuer und Gold und manch einer sagt, dass der Fremde bereits von der unterschätzten Wirkung des Dynamits umgekommen war, die jemand ohne echte Kenntnis in den Mineneingang geworfen hatte und von der Lawine danach bis ins Tal getragen wurde, zu seinen Freunden, die sein Schicksal teilen sollten. Manch einer mag eine Moral aus dieser Geschichte ziehen, doch am Ende bleibt alles daran hängen, ob man Glück auf der Flucht hat oder einfach hofft, sich in einem Berg zu verschanzen und auf das Unabwendbare zu warten.

Das Meer im 3. Stock

Das Meer im 3. Stock

Er erwachte vom einem einzelnen »Pling«, das in der sonst so stillen Wohnung wie ein Paukenschlag wirkte. Vermutlich hatte er es nur geträumt, so tief in seine Decke gewickelt wie nur irgend möglich. In diesen Stunden des Träumens von vergangenen Dingen war alles möglich. Auch ein »Pling«.

Es folgte ein weiteres. Dann ein drittes. Er schlug die Augen auf. Die Decke über ihm funkelte verwirrend grün, wie eine alte Bierflasche, nur viel fader, als wäre sie von langen Jahren Sonne ausgebleicht worden.

»Pling«

Er richtete sich auf. Sein Nacken schlug wieder zu. Feuer brannte seinen Rücken hinab und er musste ächzen. Für Fluchen war immer noch Zeit. War jemand eingebrochen? Er hatte doch an alles gedacht, um sicher zu sein. Aber …

»Pling«

Er senkte seinen Blick wieder und traf das Fenster, das sonst die Bäume vor dem Hochhaus zeigte, die Kronen jedenfalls, jetzt im Frühling, hier im 3. Stock. Statt dessen starrte er auf ein grünblaues Flimmern, hinter dem sich die Welt versteckte.

»Pling«

Nach einer gefühlten Ewigkeit rutschte er von der Matratze und setze seine Brille auf, die er nur einen Schritt weiter auf dem Tisch hatte liegen lassen. Endlich konnte er klar sehen. Es änderte nichts an dem, was hinter der Glasscheibe lauerte. Vorsichtig trat er näher heran. Seine Füße waren kalt und seine Beine zitterten. Näher und näher kroch er an das Fenster. Dahinter war nichts, nur eine dicke Masse, die sich wie Schleim bewegte, nein, wie, er konnte das Wort kaum aussprechen »Wasser«.

Aus der Ferne schoss etwas heran und knallte gegen die Scheibe, schüttelte sich, blickte ihn an. Ein Fisch. Ein Fisch? Hier? Alles wurde ihm klar. Er war im Wasser. Er schaute hinauf zum Himmel, doch da war keiner, nur ein paar ferne Lichtstrahlen, die sich durch die flüssigen Massen schoben. Unerreichbar war die Welt da oben. Er zitterte. Eine Träne löste sich.

»Pling«

Er schaute ihr nach, verlor sie aus den Augen. Etwas anderes hatte seinen Blick festgehalten. Der Topf mit den Orchideen war übergelaufen und um ihn herum hatte sich eine Pfütze gebildet und wenn man ihr folgte, dann konnte man erkennen, dass ein einziges Rinnsal unter dem Fensterrahmen entlang kroch.

»Pling«

Seine Hand berührte mit aller Vorsicht das Fenster, doch hastig zog er sie zurück. Er hatte sie fühlen können, die Macht des Ozeans. Wo war er? Woher kam das Wasser? Tausende Fragen schossen durch seinen Kopf, doch sie alle verhallten in der Panik, die sich wie eine finstere Hand um seinen Verstand gelegt hatte, die ihren Griff stetig verstärkte, bis irgendwann nur noch ein wimmerndes Etwas in der Ecke liegen würde.

Doch noch war es nicht so weit. Seine Beine hatten aufgehört, zu zittern, und mit der größten Mühe gelang es ihm, einen Schritt zurückzutreten. Er drehte seinen Kopf hinüber zum anderen Fenster. Auch hier hatte sich bereits das Wasser einen Weg verschafft. Er raste durch das Schlafzimmer in die Küche. Dasselbe. Seine Füße rissen knöchelhohe Wellen in den Schleim aus alten Zeitungen und den Essensresten, die vom Fensterbrett gespült worden waren. Da waren sie wieder. Die alten Bilder. Die alten Schmerzen, die man nie vergisst, die man nur freigibt. Nur heute waren sie zurückgekommen. Er taumelte, musste sich festhalten. Seine Hände glitten am Türrahmen ab. Lackreste schälten sich vom nassen Holz, blieben an seinen Fingern hängen. Die ganze Küche schien bereits aufgegeben zu haben. Doch er nicht.

Er rannte ins Wohnzimmer, riss den Wandschrank auf und holte alles heraus, was er in den letzten Jahrzehnten gesammelt hatte. Bücher. Hefte. Anzüge. Alles konnte helfen, alles hatte einen Sinn. Mit wütender Panik durchwanderte er die Zimmer, drückte, presste, stopfte mit dem Elan eines jungen Menschen Lücken zu, durch die das Wasser, der unendliche Ozean, kommen konnte. Jede Sekunde war ein Leben. Jeder Atemzug kostbar.

Die letzten Anzüge, die er nie getragen hatte, rammte er in die Lücken unter dem Küchenfenster. Jetzt musste er nur noch saubermachen. Dann konnte er überleben. Er schlurfte, ausgebrannt von der harten Arbeit, zum Kühlschrank. Eine einsame Dose Fisch starrte ihn an. Er riss sie auf, zerrte die Filets mit den Fingern in seinen Mund, warf die Dose in den Mülleimer.

»Pling«

Noch nie war ein Ton lauter gewesen, in seinem ganzen Leben nicht. Er wirbelte herum. »Nein!«, keuchte er. Diesmal war es kein Tropfen gewesen. Er starrte den Riss an, der sich quer über die Scheibe gezogen hatte; eine Linie, die sich vorsichtig, einer Baumwurzel gleich, über das Glas kroch.

»Nein, nein, nein«, seine Worte waren nur noch ein sinnloses Wimmern, ohne jeglichen Verstand dahinter. Es knackte im Schlafzimmer, krachte, dann hörte er ein Plätschern, das sich über den Teppich ergoss. Raus! Raus!

Nur Augenblicke später blickte auf die Wohnungstür. Hinter ihr lag … was? Schritte näherten sich über den Treppenstufen. Die Stimme zweier Nachbarn? Halluzinationen?

»Hey!«, hörte er sich brüllen. »Helft mir! Bitte … bitte … bitte …« Seine Stimme wurde zu einem Wimmern, kaum lauter als das Kratzen seiner Fingernägel auf dem Holz. Er drehte seinen Kopf zu den Schlössern, die ihn schützen hatten sollen, vor den Gefahren da draußen … er begriff und er lachte.

Sein Lachen überflutete seinen Verstand. Augenblicke danach brach der Ozean durch und überflutete auch den Rest.

Winternacht

Winternacht

In dieser Nacht war es so kalt, dass selbst die Gaslaternen an den Straßen mißmutig flackerten, als ob Ihre Seelen im Eis verhungerten, das über den Glaskugeln hing, die sonst wie winzige Sonnen in der endlosen Finsternis wirken sollten. Freudige Menschen bedachten dieses Flimmern kaum, denn Ihre Gesichter waren auf die immer neuen Attraktionen gerichtet, die die Schaufenster der Kaufhäuser belebten. Nur noch 2 Wochen, dann wäre wieder einmal Weihnachten und Schwärme rotbäckiger Kinder und Erwachsener belagerten jeden freien Winkel, der einen Einblick in die magischen Welten der Spielzeughändler und Kaufleute suchten, besonders jene, die fremde und verwirrend seltene Lebensmittel in samtenen Kissen ausstellten.

Doch nicht wenige, die ihre Hände in ihre Jackentaschen steckten, waren jene, deren Augenmerk mehr auf die braun-goldenen Flaschen richteten, deren Inhalte mit fremden schottischen Namen bemalt waren, die schon mehr magische Wirklichkeiten versprachen als die üblichen Flaschen, die man nur in papiernen Tüten aus den rauchdurchzogenen Kneipen tragen konnte, die etwas verkauften, was nicht ohne Grund „Feuerwasser“genannt wurde, billigsten Brandwein aus Ecken des Landes, in denen sich kein Mensch freiwillig getraut hätte. Ja, hier lagen und standen sie, die Tränke, die »Aqua Vitae«, die das Leben verlängern oder wenigstens verbessern sollten, zumindest für jene, die es es sich leisten konnte, die von den Preisen nicht zurückschrecken mussten wie Schafe vor Wölfen.

Hände und Nasen pressten sich gegen die Scheibe, verschmolzen mit dem Glas, dass es ein Vergnügen war, sie aus ihren Träumen zu reißen. Jeder wollte einmal genau dort stehen, wo man die Reichsten der Stadt sehen konnte, die in ihren Automobilen vor dem Eingang hielten, von behandschuhten Chauffeuren aus dem wohlig warmen Innenraum zur Tür geführt und von ebenso ausstaffierten Portieren unter hunderten winziger Verbeugungen ins Innere des Palastes geführt wurden, wo sie sich wie echte Könige und Königinnen fühlen durften, begafft von den zitternden Bauern, die jede Sekunde ihres Daseins den Träumen opferten, doch einmal einen Schatz zu finden und ebenso ein gern gesehenes Mitglied des Geldadels zu sein.

Doch nicht alle waren so erpicht darauf, ein Teil der Gruppe zu sein. Nein, denn dort an eben jenem gegenüberliegenden Laternenpfahl lehnte eine Gestalt, deren halbes Gesicht durch einen breitkrempigen Hut verdeckt war, deren Augen man doch erkennen konnte, erleuchtet vom Licht der Gier, die den Mann augenscheinlich seit Stunden warmhielt, denn dem aufmerksamen Betrachter wäre aufgefallen, dass der Mann im Wesentlichen nur einige Schritte gewandert war, seit er beim frühen Sonnenuntergang vor dem Kaufhaus eingetroffen war. Ein Dutzend bis zum Filter gerauchter Zigarettenstummel warteten neben seinem Trampelpfad darauf, von unaufmerksamen Fußgängern in das Flick-Muster aus Schnee und schwarzbraunen Grasresten gestampft zu werden.

Wieder leuchtete hinter dem Rauch eine neue Zigarette auf, wieder wischte er sich die Stirn. Wieso war er so aufgeregt? Doch auch wir können ihn nicht mehr fragen, sein Mund hätte ihn nicht verraten. So vergingen die endlosen Minuten, wurden zu Stunden. Schneeflocken legten ihr Gewicht auf die bereits niedergeschlagenen Scharen der halberfrorenen Träumer. Die Tür öffnete sich ein letztes Mal für diesen Abend. Eine bezaubernde Dame trat ins Freie, nieste entzückend in ihre Seidentaschentuch und rückte ihren Nerzmantel zurecht, bevor mehrere junge Männer im Livree dem Fahrer dabei helfen sollten, den weihnachtlichen Einkaufsrausch in den deutlich zu kleinen Kofferraum zu packen, was zu ermüdenden Diskussionen geführt hätte, wenn der Direktor des Hauses seine Augenbraue nicht gehoben und verkündet hätte, dass man selbstverständlich den Einkauf völlig kostenfrei in das herrschaftliche Haus am Stadtrand bringen würde, »innerhalb einer Stunde!«

Mit kaum merklichem Nicken entließ ihn die Angesprochene und stieg in ihr Gefährt, welches Augenblicke später stotternd zum Leben erwachte und sich vorsichtig den Weg durch die Schneedecke bahnte.

Nachdem er einige Befehle gebellt hatte, zwirbelte der Herr über 37 Angestellte und zwei Mätressen seinen Schnauzbart, bevor er sich nicht mehr mit den weiteren Schritten der Lieferung auseinandersetzte, stattdessen ins Haus eilte, das er nur wenige Minuten später vollständig bemantelt verließ. Auf seine Anweisungen hin wurde die Meute, die sich bereits in Auflösung befand, von den Fenstern vertrieben, welches seine Männer mit großer Freude jeden Abend tun, bevor metallene Fensterläden nach unten rasseln und einem unaufmerksamen Betrachter durchaus Nasen oder Hände kosten können.

Füße wanderten, zogen unbekannte Muster in den jungfräulichen Schnee, der in Böen vom Himmel fiel. Ein Sturm kündigte sich an; seine Finger tanzten durch die breiten Straßen der müden Stadt. Bald fand man hier nur noch das nikotinfarbene Licht der Gaslaterne und in seinem Schatten die Augen der wartenden Gestalt. Erst jetzt, als wäre er aus einem Schlaf erwacht, schüttelte sich der Mann und liess den noch brennenden Stummel seiner Zigarette fallen, betrachtete und zerdrückte die leere Schachtel, die er aus der Jackentasche gezogen hatte. Er schob eine Handvoll Schnee von seinem Hut; der Rest folgte von allein, als er sich langsam vom Laternenpfahl löste.

Zu behaupten, die Pakete der Einkäuferin würden schlecht behandelt, ist schamlos übertrieben, denn trotz der Eile, in der jene in den Lieferwagen gepackt wurden, waren die Angestellten des Kaufhauses überaus diskret und vorsichtig. Die Konzentration auf ihre Aufgabe blendete den Fremden aus, der um die Ecke wanderte, sich dem Tor näherte, dessen warmes Licht Muster in die peitschende Flockenflut malte. Das Leopardenmuster, das die Geduld auf den Mantel des Mannes gemalt hatte, wäre auch im Sonnenlicht kaum erfasst worden, doch jetzt, inmitten des Treibens, verschob sich der Hintergrund der unaufmerksamen Arbeiter kaum merklich.

Der Mann wurde zum Teil der schwarzfleckigen Tür, wandt sich um die Ecke, ging im richtigen Moment in die Knie, bevor ein weiterer namenloser Mitarbeiter an ihm vorbeiwanderte. Flüche knirschten in der Luft. Sie alle wollten nach Hause, ins Warme, ins Trockene, in die Arme der Frauen und Geliebten, wollten essen und trinken, vielleicht sogar wärmende Umarmungen erhalten in dieser Dezembernacht.

Lautes Knattern bestätigte endlich, dass die Arbeit getan ist. Die Pakete waren auf dem Weg und wenn es der Herr Direktor versprach, dann ohne Zweifel innerhalb einer Stunde in jenem Viertel, das man nur aus Romanen kennt. Der Fremde musste nicht lang warten, bis der vielstimmige Chor sein Lied beendet hatte, denn das Tor entließ ein erleichtertes Knarren, als es endlich zufallen durfte. Stille griff um sich wie die Hand eines Riesen.

Schlüssel sangen leise im Hintergrund, Schritte marschierten, besser, sie schlurften über den Boden. Man kannte den bärtigen Wächter, dessen Namen so unaussprechlich geworden war wie sein ausgeblichenes Namensschild, nur aus Erzählungen. Manch einer behauptete, er wäre der Gründer des Kaufhauses gewesen, andere, er sei ein verwirrter Spross des Vorbesitzers. All diese Dinge waren jedoch sinnlos, denn der Fremde hatte nicht vor, ihn zu betrachten.

Monate waren ins Land gegangen, seit diese staubige Flasche in seinen Augenwinkel gewandert war. Ein Zufallsfund, möchte man behaupten, doch für ihn war es Schicksal gewesen. Sie stand am Rande eines Regals, weit entfernt von den übrigen glitzernden Flaschen, die ihren Ruhm vor sich hertrugen wie ordenbehängte Generäle. Doch nur ein Vermögen hätte sie ausgelöst. Deshalb stand sie noch immer dort, am Rand des Regals, aufmerksam betrachtet von vorbeiwanderten Augenpaaren, die vollständige Macht über dieses Kaufhaus hatten. Ja, jeder hier wusste, was sie wert war, seit der Fremde sie aus dem Regal gezogen und betrachtet hatte. Sein Blick hatte ihre Aufmerksamkeit erregt, hatte für den Bruchteil eines Augenblicks ihren wahren Wert erfasst. Damals hatte er sie ins Regal zurückgestellt, sie sogar nach hinten verschoben, weil sie teuer war, doch der nächste Besuch, nur wenige Stunden später, hatte den Rahmen seines Verdienstes gesprengt, selbst wenn er ein Jahrhundert gespart hätte. Er hatte das Lachen des Herrn Direktor in seinem Büro hören können, als dieser eine Audienz ablehnte. Dass er sich ja nicht getrauen sollte, einen weiteren Versuch zu tätigen, sie für einen lächerlichen Preis zu erwerben. Ein Lachen, das Dankbarkeit verspottete.

Diese Nacht war magisch. Die Welt heulte im Rausch des Schneesturms und nur ein einzelner Wachmann wartete darauf, den Morgen zu erleben. Der Fremde huschte von Regal zu Regal, übersah die Schatten nicht, die sich bewegten. Jeder Augenblick war ein Zeichen des Schicksals. Die Schritte des Wachmanns polterten in der Ferne, ein Stuhl rutschte über die Fliesen, knarrte wie ein schlafender Hund. All die Lichter und Gerüche waren nur Abglanz der magischen Flasche.

Das Regal erschien ihm wie der Palast eines vergessenen Königreichs und die Flasche musste befreit werden. Sie war einzigartig und ihre Magie brannte in seinem Herzen. Mit jeder Faser seines Körpers streckte er sich ihr entgegen. Wogen von Feuer rollten durch seinen Körper. Schnee vermischte sich mit seinem Schweiß, verbrannte seine Augen, doch dies war nicht wichtig. Seine Fingerkuppen fühlten den Staub auf dem Glas, als wäre er eine Landkarte in eine fremde Welt.

»Hey!«

Der Fremde musste seinen Kopf nicht drehen. Doch mit einem alten Mann würde er fertig werden, wenn er es wollte. Doch dies war nicht wichtig. Seine Augen brannten, sein Wille war unaufhaltsam!

Das Preisschild riss unter dem Sturm seiner Fingernägel, doch die Flasche löste sich nicht von ihrem Platz, kämpfte gegen ihn, gegen ihren Retter! Er musste näher heran. Seine Fußzehen bohrten sich in die dünnen Schuhsohlen, die die Kälte bisher kaum erträglich gemacht hatten. Als wäre das Schicksal ein Hofnarr und der Mensch nur ein hilfloser König, merkte der Fremde erst jetzt, was er versäumt hatte. Er blickte nach unten, starrte in den Spiegel einer Pfütze, die sein verzerrtes Gesicht in Wellen herumwarf.

Der Boden, als wäre er ein Feind, nahm ihm mit einem Schlag das Gleichgewicht. Er taumelte, versuchte, irgendeinen Halt zu finden, doch seine Hand fand in diesem Augenblick nur das einzig falsche. Der Staub aus Jahrzehnten verschmolz mit in seine Haut. Die Augen des Fremden öffneten sich in beneidenswerter Langsamkeit, während er zu Boden rutschte. Es knackte so laut, als würde sich die Erde öffnen und der Geruch generationenalten Whiskys überflutete die zimttrunkene Luft des vorweihnachtlichen Kaufhauses.

Die Flut aus Alkohol und Glas traf ihn wie der Hieb eines urzeitlichen Monsters, einer vergessenen Legende aus seinen Alpträumen. Bilder von Gefängnis schossen durch seinen Kopf, doch nur im Hintergrund seines Verstandes, der leise gurgelnd unter dem Rauschen seiner Panik ertrank. Weitere Flaschen prasselten auf ihn nieder, zerbarsten um ihn herum, tränkten seinen Mantel und Hut mit den Träumen der namenlosen Betrachter, die ihre Nasen und Gesichter auch morgen wieder an das Glasscheibe pressen würden.

Der Fremde, dessen Namen niemand erfuhr, übersah dankbarerweise die Hände, die ihn aus dem Haus zerrten. Was aus ihm geworden ist, steht in den Sternen, denn keine Zeitung hat je sein Bild oder Namen veröffentlicht. Manch einer behauptet sogar, dass er diese Nacht nicht überlebt hätte, dass man nur eine Leiche aus dem Haus gezerrt hätte, zermalmt von dutzenden Flaschen billigsten Alkohols, die ihm Kopf und Gesicht zerschlagen hätten, doch dies gehört wohl nur ins Reich der Legende, ebenso wie die Tatsache, dass kein Mensch jemals für eine so teure Flasche verstaubten Whiskys geopfert hätte.

Jason und die Finsternis

Jason und die Finsternis

Er sagte, dass er um exakt 23:30 Uhr da sein würde. Mit einem Koffer voller Geld. Ja, das hatte er gesagt. Koffer und Geld in einem Satz.

Er ist nicht da. »Ich komm mir verarscht vor«, sagt Jason immer und immer wieder. Seine Worte hallen von den kahlen Wänden der ehemaligen Fabrik wider. Einzelne Kabel schwingen umher, erinnern an Saiten einer zerbrochenen Harfe. Es ist kalt. Der Wind schleicht durch die Löcher, dort, wo einst Fenster waren. »Verarscht«, lacht er, »VERARSCHT!« Nikotingelbe Straßenlichter brennen Schattenspiele auf den Boden; direkt neben der Tasche. Diese verdammte Tasche. Wiegt gefühlt nen Zentner, doch was tut man nicht alles. Warten.

»Fuck!«, Jason braucht die Erinnerung an sich selbst. Hier kann man verlorengehen. Es gibt genug bessere Orte in Berlin, doch das war nicht der Plan. »Pläne sind Regeln und Regeln sind gut.« Doch das bringt jetzt nichts, dieses ganze Gejammere. »Verfickte dreiundzwanzigunddreißg!« Seine Fäuste knirschen. Seine Handfläche brennt noch immer, der Puls rast durch unter der Haut entlang. Er hätte Handschuhe mitnehmen sollen. Das wäre besser gewesen. Für eine Mainacht ist es ziemlich kalt. Er hätte auch ne andere Jacke mitnehmen sollen. Er hätte, hätte, Fahrradkette.

Hätte auch den Typen nicht killen sollen. Ist aber nunmal passiert. Hat sich blöderweise mit seiner eigenen Pistole in den Bauch geschossen. Hätte das Ding einfach loslassen sollen. Aber dann kam der Schuss und die Augen des Wachmanns starrten ihn an, als wäre er der Weihnachtsmann oder so in der Art und dann war er weggekippt. Die Alternative wäre gewesen, ach was, Alternative Walternative, Blut überall und es suppte raus und auf Jasons Klamotten. Gut, in Berlin interessiert es eh keine Sau, wenn man aussieht wie ein Zombie.

Museumskram ist immer so ne Sache. Es gibt genug Idioten, die wollen Zeug haben, das dem »Staat« gehört, als ob der Ahnung hätte, was etwas wert ist. Für teure Sachen gibt’s einen Wachmann, der auch noch blöderweise ne eigene Schusswaffe dabei hat. Ist das nicht illegal?

Wieder lacht Jason. Der Schock wird irgendwann kommen. Reine Erfahrung. Bis dahin hat er schon die gute Flasche Wodka aufgemacht oder Rum oder Tequila, die er sich von einem Bruchteil seiner Belohnung kaufen kann. Fünftausend Euro. 5.000 Stücke Metall oder Scheine, was auch immer. Es würde den Typen nichts ausmachen, wenn er sich nicht an absolut alle Vorgaben gehalten hätte. Kein Mensch interessiert sich für den Weg, alle wollen nur das Ziel. Und das Ziel heißt: Bring uns ein Stück Holz.

Kein normales Stück Holz natürlich. Das wäre wertlos. Genauso wertlos wäre es, wenn er den Typen gekillt hätte und keine Sau vorbeikommt mit der Kohle. Nicht, das Jason sich Sorgen machen würde, ob man ihn töten würde. Nein. Jason ist kein Idiot. Jason zeichnet alles auf. Jason ist vorsichtig. Der Schatten von Jasons Kopf nickt im Staub. »Fuck!« Der Staub wirbelt auf, als Jason zutritt, »verfickte Scheiße!«

In der Ferne dröhnt eine Bahn, doch hier bewegt sich nichts. Flocken von Blut flattern, als Jason seine Hand ausstreckt. Er hätte den Schlüssel nicht anders bekommen könne, doch, wie schon gesagt: In Berlin kann man jede Maske tragen. Die hat er weggeworfen, als er aus dem Museum kam, welches auch immer nicht offiziell offen ist. Noch nicht. In einer Woche, sagte sein Auftraggeber, ein stiller Mann. Ein Mann mit Joggingklamotten und Dackel. Dafür hatte seine Brille Goldrand und seine Finger waren lang. Ein Mensch, verwirrend neben der Spur. Hat der die Zeit vergessen beim Gassiführen? Was für ein Wichser.

»Genau 23 Uhr und 30 Minuten.« Der Zettel war eindeutig. Ort und Zeit des Diebstahls. Codes für die Hintertür. Ort und Zeit der Abgabe. Für schlappe 5.000 Euro. »Wenn das so weitergeht, nehme ich 10 Riesen«, hört sich Jason flüstern. Seine Stimme wirkt fahl hinter der Stille, als wäre seine Angst ein Teil der Wirklichkeit geworden.

Knackt was? Sind das Schritte? Jasons Füße verfangen sich in der Tasche, er taumelt kurz. Der Balken hält ihn auf. Seine Hände knirschen, als er sich abstößt. Der Kupfergeruch des Toten hängt an ihm wie ein Fluch. Die Waffe liegt in der Spree, aber nicht der Ausdruck des Entsetzens über seine Tat. Pah. Alles Luschen.

»Ich will mein Geld!«, brüllt er. »Nimm den Pfahl, du Wichser!« Seine Angst ist wieder da, ein Kissen über seinem Mund. Eine Faust, die sein Herz zusammendrückt. Ist er vielleicht schon hier, dieser Typ mit Hund und Goldrandbrille? Wartet er, bis Jason wahnsinnig wird?

Es ist nicht das erste Mal, dass er allein ist, hier, in einer solchen Halle. Das letzte Mal war es einfacher. Er war angeheitert, nein, besoffen. Die anderen waren verschwunden, hatten sich in Ecken zurückgezogen, die er nicht einsehen konnte, hatten ihn einfach alleingelassen. Das war erst letztes Jahr gewesen. Oder vielleicht doch vor 10 Jahren?

Seine Füße treiben ihn herum, während die Muster, die er sich herumschleppt, ins Gruselige wandern, eine Landkarte malen, die keinen Sinn hat und trotzdem was bedeuten müssen. Alles Linien wickeln sich um die Tasche mit dem Holz drin. Das dumme Holzstück. Damit kann man jemandem beide Augen ausstechen! Oder das Ding einfach verbrennen. Schade, dass Jason nicht mehr raucht. Das wär was. Fünftausend Euro einfach verbrennen. Und dann kommt der Typ. »Sorry, aber mir war kalt.«

Erst eine gefühlte Ewigkeit später merkt er, dass er die Tasche anschaut, dass er geradewegs besessen ist von ihr. Nicht von ihr, sondern vom Inhalt. Wer zahlt soviel Geld für Holz? Es muss was Besonderes sein. Es gab schon ein Problem, doch das liegt irgendwo in den Ecken von Jasons Kopf, hat sich versteckt, weil es falsch ist. In dem Augenblick, in dem er es aus dem Zimmer holte, mit dem blutigen Schlüssel des Wachmanns, hatte sich etwas getan.

»Es hat gebissen.«

Nein, hatte es nicht. Es hatte ja keinen Mund oder sowas. Trotzdem hatte es sich so angefühlt, als wäre das Ding mit Leim behandelt worden oder so, Säure und Leim. Fast hatte er sich die Haut von der Handfläche gerissen, doch es ging dann doch, mit viel Mühe, als hätte es sich freiwillig entschlossen, loszulassen.

Er hätte was trinken sollen. Aber heute wollte er nüchtern sein. Nein, er ist pleite. Ja, Jason ist pleite. Deshalb wartet ein dummer Jason auf Geld von einem Mann mit Hund. Dummer, dummer Jason.

Es rappelt. Nicht die Welt. Nicht jemand, der vor dem Gebäude steht und durch das Tor will. Es ist offen. Es … rappelt. Es bewegt sich. Es wartet. Das liegt am Entzug. Ganz sicher. Stress und Entzug und Hunger. Verdammter Hunger. Ja. Das ist es. Hunger. Ein Feuer, das Jason bisher ignoriert hat, wird zu einem Problem. Magen. Will. Essen. Jetzt!

Vielleicht ist in der Tasche was. Hat er da nicht …? Nein, sicher nicht. Doch er sieht seinen Schatten, wie dieser auf die Knie geht und er folgt dem Ruf. Kann ja nicht schlecht sein, nicht wahr? Der Reißverschluss der Sporttasche öffnet sich langsamer als gedacht, als würde er mit sich selbst kämpfen. Aber wozu das?

»Hallo, ist da jemand? Ich bin spät dran. Sorry!«, ein Lichtkegel wandert über die Wände hinweg, doch Jason hört es nicht. Er sucht. Findet. Lächelt.

Eine Hand schießt aus der Finsternis empor, packt sein Gesicht. Nein! Sie biegt seine Nase zur Seite. Es knackt. Die Schmerzen brüllen ihren Weg durch seinen Kopf. Keine Luft! Die Hand wird eins mit seinem Schädel, kochender Teer aus den Tiefen der Hölle schiebt sich in seinen Mund, füllt ihn vollständig aus, bis seine Zunge zerfällt, Millionen Nervenzellen, die gleichzeitig ihren Geist aufgeben, nicht ohne einen letzten Schrei in sein Hirn abzugeben, das bereits völlig aufgegeben hat, als sich eine Gestalt an ihm emporzieht, aus dem Inneren einer Tasche, die bis auf das Stück Holz völlig leer war. Jason wirbelt herum, sein Körper weiß nicht, dass er bereits fast tot ist.

Fast schon upassenderweise zerrt er sein Handy aus der Tasche, schlägt mit seiner freien Hand immer wieder auf die Kreatur ein. Es hilft nichts. Knöpfe werden gedrückt. Eine Stimme ertönt aus dem Lautsprecher.

»Fassen Sie den Pfahl nicht an. Nehmen Sie Handschuhe mit.«

Dann die andere, die eigene: »Ja, sicher. Wie Sie wollen.«

»Ich meine das ernst. Seien Sie vorsichtig. Es ist älter als alles, was Sie bisher gesehen haben. Bitte.«

Dann ein Lachen. Ein dummes Lachen, das zerrinnt, als das Wesen das Telefon verschluckt, ebenso, wie es Jasons Ohren und Kehlkopf schmilzt. Jason fühlt, wie sein rechtes Auge zerrissen wird, doch es ist unerheblich. Bahn um Bahn, als würde jemand aus einem Wasserfall hervortreten, schiebt sich ein Bild in die Wirklichkeit, nein, ein Zwilling. »Das bin ich«, flüstert sein Verstand, ist er fort.

»Hey«, ruft der Mann mit der Goldrandbrille, »Ist da jemand? Jason? Ich hab das Geld dabei.«

»Sicher«, ruft Jason und schließt die Tasche. »Hast dir ja Zeit gelassen.« Er richtet sich auf. Es klickt.

»Fassen Sie den Pfahl nicht an. Nehmen Sie Handschuhe mit.«

»Ja, sicher. Wie Sie wollen.«

»Ich meine das ernst. Seien Sie vorsichtig. Er ist älter als alles, was Sie bisher gesehen haben. Bitte.«

Jemand lacht. Der Mann mit der Brille reißt die Augen auf.

»Er ist nicht von dieser Welt. Er ist fremdartig. Er ist sicherlich gefährlich. Vielleicht ist er sogar böse.«

 

Blumenmuster und Zigarettenrauch

Blumenmuster und Zigarettenrauch

In der Ferne übt ein Kind Saxophon. Es kann auch ein Roboter sein, ein Anfänger in Sachen »Ich kann Musik machen«, doch es ist fraglich. Ich starre in den Rauch meiner letzten Zigarette, bevor ich aufhöre. Regentropfen zischen in der Glut, versuchen, die letzten Reste des Tabaks zu vernichten, bevor ich es tun kann. Rinnsale glänzen, den Spuren von Klauen gleich, auf der Tapete, soweit sie sich noch nicht von der Wand gelöst hat. Manchmal ziehe ich lange Streifen vom Holz, Blumenmuster, die in meiner Hand zerfallen. Bald werden die ganzen Wände hier grau von Schimmelpilzen und Resten des Leims sein. Ich hasse mein Büro.

Meine Füße zucken, als jemand an die Tür klopft. »Herein«, sage ich, hoffe, dass mich niemand hört. Der Schatten vor dem Fenster bewegt sich, dann tritt ein Skelett ein. Nein, es ist nur eine Frau. Metall glitzert an dort, wo andere Menschen Gelenke haben. Sie ist echt, kein Zweifel, kein Roboter wäre blöd genug, sich halb menschlich zu verkleiden. Dafür sind sie zu intelligent … oder zu dumm.

»Was kann ich für Sie tun?«

Ihre Augen leuchten, Scheinwerfer im Halbdunkel meines Büros schweifen umher. Es ist nicht sie, sondern eine Drohne, die nach freien Wohnungen sucht. Der Wohnungsmarkt ist scheiße, aber die ganzen Reformierten brauchen Platz und kein Gesetz verbietet es, freie Zimmer zu vermieten.

»Ich suche meinen Vater.«

Sanft wie Rosen, ihre Stimme erinnert mich an geschmolzenen Samt. Ich nicke.

»Setzen Sie sich doch.«

»Hier?«

Sie sucht nach einem Stuhl. Ich habe keinen zweiten. Das fällt mir erst jetzt ein, aber gut, sie ist auch meine erste Klientin. Ich zucke mit den Schultern. Ziehe an der Zigarette.

»Dann nicht. Wie Sie wollen.«

Sie schweigt, weiß augenscheinlich nicht, was sie sagen soll, also spreche ich für sie.

»Ich suche meinen Vater… weiter? Informationen geben weiteren Informationen Geburt, Basis, Grundlage.«

»Tropft es hier immer so stark?«

»Sie sind neu hier, nehme ich an, Miss …«

»Montague. Ja, ich bin neu hier. Mein Schiff ist gestern hier gelandet.«

»Mein …«

»Mein Schiff. Wissen Sie, Sie sind ganz schön reizbar, glaube ich.«
»Schätzchen, ich bin nur eine Projektion Ihres Verstandes«, sage ich, ziehe die Asche bis zum Filter der Zigarette, lasse den Stummel fallen, während ich den Rauch betrachte der sich zwischen mich und Miss Montague legt. Die Glut zischt, dann ist sie tot. Ich ziehe aus meiner Manteltasche eine weitere Zigarette. Die letzte. Sie sieht aus wie ein abgestürztes Raumschiff.

Die Frau betrachtet mich schweigend. Reformierte reden nicht viel. Reden ist Zeitverschwendung. Genau wie Sex oder Rauchen.

»Möchten Sie eine?«, frage ich. Sie schüttelt den Kopf. Hab ich mir gedacht.

»Mein Vater ist Ludwig Montague. Ich habe ihn seit Jahren nicht mehr gesehen. Nicht, seit ich mich entschlossen habe, den Mars zu besuchen.«

»Sie meinen Mond …«

»Mars. Der rote Planet. Das hat nur nicht geklappt und ich bin nur bis zum Mond gekommen.«

Mars ist heretisch angehaucht, Tod und Krieg leben dort Hand in Hand. Außerdem lebt dort kein Mensch, nur ein paar Roboter, die Schach spielen. Tod und Krieg halt.

»Ihr Vater hat das nicht gemocht?«

»Mein Vater hat mich immer unterstützt und unterschätzt. Ein klassischer Akademiker. Dann ist er abgedriftet, Tabak und Roboter, Alkohol und Bücher. Detektivromane. Taschenbücher. Jazzmusik.« Sie schüttelt den Kopf. Ihre Gelenke quietschen.

»Und ich soll ihn suchen, weil …«

Sie fällt mir ins Wort. »töten. Seine Seele ist Teil meiner Seele und ich muss frei werden von ihm. Verstehen Sie?« Ihre Hände knallen auf den Schreibtisch. Brocken von Holz platschen in den See unter meinem Sessel.

»Was ist schon eine Seele, Frau Montague? Nur eine Ansammlung von Erinnerungen, von Träumen, von Wünschen. Sie müssen ihn nicht finden. Sie müssen ihm nur vergeben. Lehrt das nicht ihre …«

»Ich bin keine … ich bin nur ein Mensch.«

»Mit Roboterteilen an sich.«

»Alles unter der gesetzlichen Regelung. Reden Sie nicht. Finden Sie ihn.«

»Kann ich nicht, sorry.«

Ich ziehe an meiner Zigarette. Sie schmeckt nach Tabak und Jazzmusik. Ich spucke aus. Hier ist eh alles im Arsch.

»Wieso nicht?«, fragt sie, ihre Augen brennen. Ich merke, dass sie mir nicht glaubt.

»Weil ich einfach nicht existiere, Miss Montague.«

Sie reißt ein Stück aus dem Tisch, riecht daran, wirft es weg.

»Sie sind echt!«

»Leider nicht, junge Dame. Sehen Sie sich um. Kann ein Mensch so überleben?«

»Dann sind Sie ein Roboter!«

Ich lächele. »Nein. Ein Roboter darf kein Detektiv sein.«

»Was sind Sie dann?« Sie tritt nach vorn, schlägt zu. Holz zerbirst unter ihren Metallknochen. Noch ein Schlag und mein Schreibtisch klappt auseinander wie eine alte Zeitung. Meine Füße schweben weiterhin in der Luft.

»Ich bin nur ein Konstrukt aus ihren eigenen Wünschen. Sie sind vermutlich gar nicht die Tochter Montague, eher der Vater. Hier …«, sage ich und fummle in meiner Jacke herum, ziehe eine Pistole hervor. Schwarzglänzendes Metall brennt in meiner Haut, dann werfe ich ihr die Waffe zu. Sie fängt sie. »Versuchen Sie es.«

»Was?« Ihre Stimme zittert, das ferne Saxophon heult auf, die Drohne draußen flattert weiter, Enttäuschung quält ihre Maschinen.

Sie packt den Griff, hält sich die Pistole an den Kopf, das Kinn, die Brust, Metall kratzt an Metall. »Sie lügen«, stellt sie fest, deutet mit der Waffe auf mich, drückt ab. Ein Schuss löst sich. Es knallt, Echos überlagern sich. Es platscht. Die Waffe liegt im See unter mir, Wellen verweilen an der Stelle, wo »Miss Montague« gestanden hat, doch die Erinnerung verfliegt sofort wieder.

Ich ziehe eine Zigarette aus meiner Jacke, die letzte, die ich habe und lausche, wie ein Kind Saxophon übt, irgendwo hinter den Wänden, an denen gemalte Blumen verfaulen.

Unter dem Berg liegt ein Schatz

Unter dem Berg liegt ein Schatz

Etwas geschieht

mit mir und mit Stefan. Oder Stephan. Ich kann den Namen nicht aussprechen, nicht denken. Ich weiß, er steht dort, in der Mitte der Kammer, direkt unter dem Kreis, der sich einem Himmelsgewölbe gleich über unsere Köpfe stülpt. Er schweigt. Nur mein Herz lebt noch.

Die Fackel flackert in meiner Hand, verlischt bald. Zu tief, viel zu tief, liegt diese Kammer. Hier muss der Schatz sein. Ich fühle den Berg über meinem Kopf, die Kraft seiner Schwere presst die Luft aus meiner Lunge und die Worte aus meinem Kopf.

Erinnerungen flackern auf, sterben und werden davongeweht. Unheilig ist der Ort, sagte Großmutter auf ihrem Sterbebett, dort, wo das Gewebe von Leben und Tod, von Hier und Dort sich auflöst, wo Fäden gezogen werden, die die Engel abschneiden werden. Verboten, sagte sie, ist die Gruft der Kutsche. Ihr Atem ging schnell. Der Berg, flüsterte sie. Geh nicht dorthin. Dort erwartet dich nur der Tod.

Damals war ich 10 oder 11 Jahre alt. Was weiß ich …, nur dass ihre Worte eine Welle auf meiner Haut malten, als wäre ich eine Leinwand und sie der letzte Pinselstrich, der notwendig war, um das Gemälde meines Lebens vollständig zu zerstören. Nun stehe ich hier, 30 Jahre später. Natürlich wurde ich Bergmann, wie so viele andere. Nun stehen mein Schwiegersohn und ich unter der Kuppel, ich neben ihm und wir beide sind nicht gewillt, aufzuhören, sind nicht bereit, uns zu opfern.

Die anderen haben uns verlacht. Selbst der Herr Pfarrer hat uns beiseite genommen und gefragt, ob wir es ernst meinen mit unseren nächtlichen Wanderungen in die verborgenen Tiefen unter der Stadt. Der Berg hat seine Kraft verloren, flüstert der Steiger. Er fühlt es in den Wänden, die um uns herum in den Himmel wachsen, voller Silber und Zinn … er stirbt, der Berg.

Lang hatte ich vergessen, wie sehr mich die Worte der sterbenden Frau beeindruckt hatten; hatte ein Leben geführt, das weniger ist, als es hätte sein können. Ich habe geheiratet. Ich habe gezeugt. Doch die Groschen fallen mir aus den Taschen, schneller, als ich sie einsammeln kann. Der Schatz ist die Rettung. Woher er kommen mag? Gerüchte sind wie Wellen, sie kommen und sie gehen. Sie sagen, die goldene Kutsche wäre im Moor versunken, damals, vor wie vielen Jahren? Dort, beim Heideteich, sagen sie. Nichts da, die Gerüchte sind wie die Luft, die die Flammen fressen, damit sie leben und wir sterben. Ich würde lachen, aber ich kann nicht mehr.

Doch unter dem Berg, dort, sagte sie, die Großmutter, dort ist Platz. Seit vielen hundert Jahren graben sie dort, Leute, die kommen und gehen, die geboren werden, die sterben. Fliegen auf dem Antlitz der Erde, wie lächerlich. Großmutter war klug, nein, weise. Deshalb hat sie mir all das hinterlassen, was wichtig war. Worte. Ratschläge. Wissen.

Ich weihte ihn ein. Ich kenne seinen Namen nicht mehr. Er hat meine Tochter geheiratet. Er nickte, als er verstand. Ich brauche seine Hilfe. Noch nie waren wir so tief unter dem Berg. Hier gibt es Plätze, an die sich keiner traut, Wände, denen man ansieht, dass sie fehl am Platz sind, doch alles gilt als verboten, als teuflisch, als verflucht.

Heute Nacht sind wir allein. Die anderen sind fortgegangen. Der Steiger hat gewarnt, hat gemeint, dass etwas droht. Er hat Unrecht. Der letzte Sturz war vor fast 100 Jahren. Ich würde lachen. Ich kann es nicht.

Die Kammer ist leer. Hier ist keine Kutsche. Hier ist keine Truhe voller Gold. Hier sind nur der Mann mit dem Namen meines Schwiegersohns und ich. Ich fühle etwas, eine Bewegung, ein fernes Jammern, als würde die Erde um uns herum weinen. Ich möchte rufen, dass wir umkehren sollten, denn die Fackeln sterben und wir mit ihnen, doch er hört nicht. Er hebt seine Hand, deutet auf eine Wand, die ebenso grau aussieht wie jede andere. Ich möchte rufen, doch mir fehlt die Luft. Die Hacke frisst sich in den Felsen hinein. Das Weinen ist mein eigenes, doch es ist keine Freude, die meine Augen überfließen lässt, es ist … Großmutter, deren Schatten an meinem Nacken vorbeizieht und ihre toten Worte flüstert, immer und immer wieder. Unheilig. Verboten.

Der Steiger hatte Recht. Im Licht der dahingeworfenen Fackel glitzert das Gold hinter den Brocken aus Stein, doch das Loch, das die Spitzhacke gebrochen hat, wächst auch ohne ihr Zutun. Der Steiger hatte Recht. Wir sind zu spät. Heute ist ein schöner Maitag im Jahre des Herrn 1803. Als die Wand einbricht und ihn, der meine Tochter verwitwet, begräbt, erkenne ich die wunderschönen Einzelheiten der verlorenen Kutsche. Mein Körper weiß, was er tun soll. Der Gang hinter mir bricht nun völlig zusammen. Ich muss nicht daran glauben, dass ich sterben werde. Die Türen der Kutsche stehen offen und ich springe hinein, lasse mich vom Staub der Jahrhunderte bedecken und lache bei dem Gedanken, dass ich in wenigen Augenblicken in einem goldenen Wagen hinauf an die Himmelspforte fahren werde.

 


Rupert Namenlos

Rupert Namenlos

Der letzte Schritt war getan. Die Möglichkeit, sich selbst aus den Köpfen der Menschheit zu entfernen, lag nur einen Knopfdruck entfernt, ggf eine kleine Nachjustierung der Maschine. Dann aber, in ein paar Minuten, kabumm, alles wäre überstanden, alle Erinnerungen ausgelöscht, alle Geheimnisse wieder geheim.

Nichts wäre mehr übrig von Rupert J. Ponyhouse, Wissenschaftler und Nullnummer, Opfer sovieler Angriffe, nicht nur wegen seines Namens, auch wegen seiner Theorie, dass das menschliche Bewußtsein nur eine Laune einer hyperdimensionalen Multifrequenzübertragung wäre, die Verknüpfung des Menschenhirns mit einer übergeordneten Entität. Heute, bald, jetzt gleich, alles weg. Er könnte verschwinden, was neues anfangen, nachdem die Daten aus dem Netz gelöscht worden waren, dank eines Hackers, der zwar teuer gewesen war, aber was solls, man wird nicht wirklich frei, wenn man nicht dafür zahlt.

Knopfdruck. Die Maschinen beginnen, ihre Arbeit zu tun, beschleunigen, Wellen formen sich um Rupert herum, verknoten subatomare Energiefetzen in lustige Regenbögen, jemand klopft an die Tür, vermutlich will dieser jemand rein, brüllt, jault, zischt, Worte zucken, während die Erde bebt: ein gutes Zeichen, der Druck wird größer, die Verbindung stabilisiert sich. Das/Der/Die Jemand sprengt die Tür mit einer Axt auf, rutscht heran, versucht, den Knopf zu drücken, erwischt aber die Justierung, Haha, zu spät. Die Welt wird weiß.

Kopfschmerzen kleben an der Schädeldecke des Namenlosen, sein Gesicht spiegelt sich in den Augen der Krankenschwester wider. Sie lächelt. „Rupert?“ fragt sie. Er nickt, schüttelt den Kopf, „Wer?“ Ihre Augenbraue hebt sich, ihre Hände sind kühl auf seiner Stirn. „Rupert? Rupert rupert.“ Hinter ihr öffnet sich die Tür, eine weiterer Schwester betritt den Raum. „Rupert.“ „Rupert?“ „Rupert rupert rupert!“ Sie knallt die Tür zu. „Rupert“ entschuldigt sich die Frau. Schritte im Gang, die Tür wird aufgerissen, ein Arzt stampft herein. „Rupert. Rupert, rupert rupert!“ Hinter ihm Polizisten. Erst jetzt merkt der Namenlose due Handschellen, die am Gitter an seinem Bett entlangklirren. „Rupeeeert“ kichert einer der Polizisten, „rupert rupert ruuuupert!“ Jemand rennt durch die Gegend, ein Meer aus Stimmen rollt über ihm, Getuschel und Schreie, Blitzlichter brennen sich in seine Netzhaut, er schließt die Augen. Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnet er sie wieder, die Uhr über der Tür zeigt „Rupert“ und der Wecker ebenso. Ein Kalender: Rupert. Die blinkende Rupert-Anzeige draußen verweißt auf etwas Rupert, ein Fragebogen liegt vor ihm auf dem Bett, ein Stift daneben, der Fernseher ist eingeschaltet, eine Laufschrift, ein Mann mit lautlosen Mundbewegungen, alles Rupert, Rupert und wieder Rupert. Er lacht, weint, rupert. Er weiß zwar nicht, wer er ist, aber vermutlich rupert sich alles irgendwann zusammen. Er war mal Doktor oder Wissenschaftler oder einfach Rupert. Rupert so wie Rupert. Rupert Rupert rupert rupert rupert!

Die Jagd

Die Jagd

Stille

kein Ton dringt an sein Ohr

nur langsam, in weiter Ferne, sein Herzschlag, wie Nebel. Er dreht seinen Kopf, die Welt zieht vorbei, grün und braun, im Hintergrund dunkles Blau, von weißen Kringeln durchzogen. Seine Fußzehen bohren sich in die Sandalen, Fichtennadeln stechen seine bloßen Füße. Er geht in die Knie, wischt sie ab, hört das leise Kratzen seiner Finger, die über die ledernen Riemen rutschen.

Weiterhin Ruhe. Ein Hauch von Wind atmet in sein Genick, er zuckt zusammen, verharrt in dieser Position, dreht sich um. Der Wald hat sich nicht verändert. Bäume und Büsche rühren sich nicht. Wieder dreht er sich um, betrachtet die Borke des Baums direkt vor ihm.

Er spürt, wie er seinen Atem wiederfindet. Seine Ohren pochen, sein Blut rauscht, seine Zähne knirschen verzweifelt.

Mit aller Vorsicht schiebt er sich von seiner Position weg, lässt die unsichere Stelle hinter sich zurück. Langsam versinkt sein klopfendes Herz wieder in seinem Brustkorb. Weiter und weiter, wie ein Tier, das seinem Verfolger entkommen ist, rutscht er über den fleckigen Waldboden. Kein Geräusch machen. Jetzt kein… es knackt, ein Zweig rutscht an seinem Bein vorbei, hinterlässt nach einem Augenblick einen blutroten Striemen. Doch er sieht es nicht, seine Augen haben etwas erkannt, einen Fleck, orange mit gelben Linien durchzogen.

Wieder geht er in die Knie. Seine Hände umfassen das Gras zu seinen Füßen. Der Busch, nur einen Meter entfernt, wird ihm Schutz gewähren, wenn er… wieder knackt es. Ein dumpfer Knall, ein dahi ntrabendes Tier. Wieder atmet er nicht, nur für ein paar Sekunden. Seine Augen hängen an den farbigen Flecken wie ein Fisch an der Angel.

Der Busch hat seine schützende Hand abgezogen. Er erhebt sich aus der Deckung, kriecht näher, seine Hände schwitzen, sein Kopf dröhnt, seine Füße pressen sich in den Boden, suchen einen Stein, einen Block, um sich abzustützen, um die letzte, viel zu lange Entfernung mit einem schnellen Sprung hinter sich zu bringen. Wieder ein Krachen, diesmal näher. Er hört sich selbst fluchen, ein heiseres Raunen entrinnt seiner Kehle. Keine Reaktion vor ihm. Jetzt oder nie, rufen Herz und Verstand.

„Ich hab dich. Du bist dran!“ Der andere dreht sich zu ihm um. Sein Kopf liegt quer über seinem Hals gespannt, seine Hände umfassen weiterhin den Baum vor ihm, ein Auge von der Größe seines Mundes blitzt auf und die Zungen hinter den unzähligen winzigen Zähnen kosten die Panik, die ihn in diesem Moment überwältigt.

„Ich bin nicht dran,“, zischt das Wesen und sein Augenlid schließt sich für einen Moment, „aber du bist.“

 

Zwei Schatten

Zwei Schatten

Ich sah die Gestalt vor mir auf dem Weg zur U-Bahn. Ihr riesiger Schatten schien die Welt auszulöschen, aber es war nur das taktisch schlecht platzierte Licht der Laternen an den weiß-bemalten Neubewohnerhäusern, die zeigen wollten, wie hip sie wären, in dem Sie diese Lämpchen von Dämmerung zu Dämmerung dahinschweifen liefen.

Er war schneller als ich, ich wanderte langsam nach meinem Arbeitsabend durch die beginnende Nacht. Die Straße war fast leer, ein paar Fenster waren offen und hinterließen einen sanften Teppich aus blauem Licht und fernen Explosionen aus den fremden Welten der Fernsehprogramme. Ich sah ihn über den Hügel stampfen, als wäre etwas hinter ihm her, ich war es nicht. Ich ging nur in die selbe Richtung wie er, nun hügelabwärts an einem Amüsierschuppen in liebesblutrot vorbei, das Gebrabbel von Restaurantgästen erfüllte mich, ich lauschte Ihnen für ein paar Augenblicke, dann war ich vorbei und er augenscheinlich schon vor Ewigkeiten. Auch ich schlurfte die ermüdende Treppe in die U-Bahn-Station hinunter. Da war er wieder, das Gesicht gesenkt, starrte er auf die Gleise, stand an meinem Platz, unbeweglich wie eine Mauer. Ich stellte ich neben ihn hin, blickte auf die helle Fliese, die meinen Platz auf dem Bahnsteig markierte, um den besten Platz zu finden. Er wich mir aus, ging ein halbes Dutzend Schritte nach rechts davon. Ich blieb stehen. Merkwürdigkeiten schossen mir in den Kopf. Ich starrte die Uhr an, die mir sagte, dass es kaum noch ein paar Augenblicke wäre, bis ich endlich meinen Abgang machen könnte.

Die Bahn auf der Gegenseite fuhr davon, ich hatte nicht gehört, wie sie angekommen war, die Abendgäste ausgespuckt, neue Mitfahrer eingesaugt, eingesargt hatte. Er stand neben mir, blickte immer auf die Zeit, als ob es wichtig wäre, er hatte mich verfolgt, schleichend nur, hatte mich von meinem Platz gedrängt, als ob es der seine wäre.Endlich kam die Bahn. Doch die Position der Tür war taktisch falsch, so trat ich nach ihm in dieselbe, in der er verschwunden war, ein. Er hatte keinen Platz gefunden, einen Hauch von Genugtuung konnte ich nicht verbergen. Er schaute weg. Ich auch.

Ich hörte Musik. Er las ein Buch, irgendein schwarzes Digitalschriftstück starrte mich an. Ich hatte mein ähnliches in meinem Rucksack. Er blickte immer wieder auf und las die Stationsanzeigen mit unnatürlicher Aufmerksamkeit. Ich fand das lächerlich, aber er war halt komisch. Ich hasste es, zu stehen, gerade so lang, aber was ist, ist schlecht, also musste ich mich daran gewöhnen.

Die Fahrt zog sich hin. Das Buch war nicht gerade schlecht, aber es hätte besser sein können. Im Hintergrund war das Säuseln irgendwelcher fremdartiger Noten zu hören. Er war noch immer da. Idiot. Wann würde er aussteigen? Die Geschichte im Buch war dämlich, aber ich hatte nichts anderes und seine Musik spielte noch immer.

Menschenmassen stiegen aus und wieder ein. Der Wagon platzte und atmete wieder. Die Nacht nahm Ihre Arbeit auf und ließ nur die Bekloppten zurück, die Schlaflosen, die Trunkenen.

Er war noch immer da. Diese Fremde in seinen Augen machte mich mürbe.

Er ging nicht weg. Er blieb da, angewurzelt.

Eine Ewigkeit verstrich, ganz sachte wie eine Feile auf Blech, genauso wie die Bremsen und das Tröten der Bahn, ein Taumel aus Nichts und Allem.

Ich sah, wie er ausstieg und davoneilte. Ging er nicht in die falsche Richtung? Ja, das tat er. Dieser… Idiot. Ich… aber er hatte ja noch Zeit, sich für eine Tür zu entscheiden. Ich folgte ihm.

Er folgte mir ebenso wie ich ihm, aber das hatte keinerlei Bewandtnis, auch wenn ich seine Schuhe hörte. Ein halbes Dutzend Türen hatte er Zeit.

Die Straße lag leer vor mir. Und ihm. Die letzten Gäste hatten die Fußsteige verlassen. Der Mond kicherte leise unterm Sternenzelt.

Ich konnte ihn nicht mehr hören, aber mich umzudrehen, wäre dämlich gewesen. Ich fühlte, er war da.

Das Glastor war geschlossen, meine Finger hatten den Schlüsselbund schon Ewigkeiten gepackt und suchten den Schlüssel.

Er schloss die Tür auf, zitterte, huschte hinein. Ich wollte den meinen Schlüssel nicht suchen, also rannte ich los und erwischte das Glas noch im letzten Augenblick. Er stob davon. Der Innenhof war einsam.

Er wohnte im Haus?

Ich suchte die Tür… vermutlich, ich meine, es gab noch andere Türen im Innenhof… er musste mir nicht folgen. Ich stieß die Tür auf und schloss Sie hinter mir. Die Treppe. Ich hörte seinen Schlüssel.

Idiot. Wieso riss er die Tür so zu? Hatte er Angst? Ich hätte Angst haben müssen! Ich meine… was, wenn er wusste, er ich war?

Die Treppen hinauf. Es knackte hinter mir. Schlüssel klimperten theatralisch. Seine Schritte waren überall.

Er stand vor der Tür. Sie war reflektierte ihn. Sie reflektierte mich. Er drehte sich um. Unsere Blicken trafen sich. „Hallo Emanuel“ sagte er.

„Hallo Emanuel“ antwortete er. „Feierabend“ sagte er. Wir nickten. „Wir wissen“ sagten wir, „dass wir Fremde sind“ sagten wir, „im selben Geist.“ “…und im selben Dasein“.

Ich drückte die Tür auf und ging hinein. „Fremde im selbem Geist, im selben Dasein, pfff“, wiederholte ich leise, „was für ein Idiot.“ Die Tür schloss sich. Die Welt schlief davon.

Die Überraschung

Die Überraschung

Vorwort: unter Umständen FSK 16. Aber Wer ist schon alt genug für das Leben.

Sie war zu spät dran, wie immer. Johann dachte daran, dass dies eine der nervigsten Eigenschaften einer Frau war, aber bei ihr war das liebenswert. Er sagte sich immer wieder, dass sie sich auf ihn freute, sich speziell für ihn vorbereitete. Er lächelte bei dem Gedanken, doch mit dem Blick auf die andere Seite der Bar verdunkelte sich wieder sein Blick. Dort saß jemand. Er hatte die Füße auf den Tisch gelegt. Es dämmerte draußen und Johann hoffte, dass sie bald vorbeikäme, noch eine Stunde mit dem Fremden im Raum wäre nicht auszuhalten gewesen, doch… wenn sie kam, würde sie alles erklären können, wie immer.

Er fühlte, wie die Dämlichkeit seines Grinsens zurückkam und wandte sich um, um sein Gesicht vor den anderen im der Bar zu verbergen. Regentropfen rannen so vorsichtig die Fensterscheiben herunter, als würden sie unterwegs gefrieren, so blau wie ihre Augen. Gedanken an sie waren immer da. Wenn er aufwachte, war sie es, die ihn vom Handyscreen anschaute, ein Blick voller Freude an einem frühen Morgen. Am Mittag rief er kurz an, das durfte er, sie erwartete es von ihm und am Abend, aber nur wenn sie daheim war, allein, ohne Gatten, ebenso. Johann fühlte, wie sein Herz beim alleinigen Gedanken an einen Ehemannes vor Zorn bebte. Er hatte sie angefleht, ihn zu verlassen, doch sie hatte sich immer wieder abgewiegelt, hatte Gründe vorgeschoben wie ein Kleinkind und wie ebenso eines hatte Johann gefleht, geweint, gebettelt, doch sie war hart geblieben. Lachhaft, hart… sie war wie eine Sonnenblume im Sommerwind.

Der Mann mit den Füßen auf dem Tisch… mit dem war was faul. Nicht, dass Johann sein Vertrauen auf Vorahnung setzen konnte, aber in diesem Fall, in einem geschlossenen Raum ohne Aussicht auf sie, die da kommen sollte, schon vor 10 Minuten, es war ein ganz schlechter Zeitpunkt für genau diese Art Nervosität, die dies in ihm auslöste. „Heh“. Johann folgte der Stimme. Der Fuß-auf-dem-Tisch-Mann grinste ihn finster an. „Was machst du heute abend hier?“ fragte er. Johann zuckte mit den Schultern. „Warten? Und… Sie?“ das „Sie“ war signifikant leiser als geplant. „Meine Alte kommt vorbei. Will mir meinen Nachfolger vorstellen.“ Er grinste.

 Johann fühlte, dass ihm kalt ums Herz wurde. „So?“ fragte er. Sein Gegenüber nickte. „Die Alte denkt, dass ich ihm was tue, wenn ich nicht weiß, dass sie in guten Händen ist. Außerdem habe ich doch eine Art“ er beugte sich vor, „Mitspracherecht.“ Er lehnte sich wieder zurück. Wut flammte auf, hinterließ einen Fleck auf dem Verstand, der sich nicht wegwischen ließ. Er erinnerte sich an die SMS: „Komme 20 Uhr. Jemand will dich kennenlernen. Freu dich. HDL“. Worte konnten nicht mehr beschreiben, wie er nun sich fühlte, da war nur Kälte und, wenn er die Augen schloss, blendende Finsternis „Mitspracherecht?“ fragte er den Mann. „Dann werden wir schauen, wer der stärkere ist. Meine Alte und ich haben da so…“ er nahm einen Schluck vom Bier, rülpste und starrte Johann an. „ein Spiel.“ „Ein Spiel?“ fragte Johann. Der andere nickte. „Wir kämpfen. Wenn er gewinnt, ist sie mich los. Wenn ich gewinne, nun…“ er grinste. Die Faust fiel auf den Tisch, das Holz jaulte schmerzhaft, verstummte wieder.

 Johann nickte. Irgendwo hatte er doch… in seiner Jacke. Ja. genau. Passive Bewaffnung ist verboten, aber wozu hat man ein Teppichmesser. Bevor er tot war, war der andere dran. Notwehr. Ganz klar. Er konnte alles erklären, falls… „He“ rief der andere, „komm doch mal her.“ Johanns Muskeln erstarrten, er schluckte. „Wawarum?“ fragt er. „Weil du nicht gefährlich aussiehst. Deshalb. Meine Alte soll sehen, dass ich nicht nur“ er lachte „total menschenfeindlich bin. Naja, für ein paar Augenblicke.“ Er grinste. Wie von einem Puppenspieler gezogen, erhob sich Johann und schlurfte hinüber zu seinem neuen „Freund“. „Setz dich.“ befahl der Mann. Johann musste an die SMS denken. Deshalb hatte er noch niemanden aus ihrem Bekanntenkreis kennengelernt. sie hatte mit ihm gespielt, hatte ihn glauben lassen, dass er wichtig für sie wäre, bevor sie ihn heute Abend abservieren lassen würde. Der Typ sah in der Nähe noch viel gemeiner aus als aus der allzu-sicheren Ecke.

 „He, Kellner, ein Bier für meinen neuen Freund“ einige kurze Fauststöße auf den Oberarm später, die sicher zu blauen Flecken werden würden… blaue Flecke, bei Gott, das wäre das geringste Übel, aber mit gebrochenen Knochen aufzuwachen oder gar nicht mehr, tot in irgendeinem Gulli zu landen, zu verfaulen, nur weil eine Frau, ja, eine Frau, die er zu lieben gedacht hatte, bis zur Unendlichkeit der Zeit hinweg, nur weil sie ihn in eine Falle gelockt hatte.

 „Dein Handy“ sagte der Mann. Johann blickte auf. Der Bildschirm flammte auf, das Vibrieren durchströmte den Raum um sie herum. „Du willst nicht?“ fragte der Fremde. Johann schüttelte den Kopf. „Ach komm, so schlimm? Was mit ner Frau?“ er grinste. Langsam, aber sicher fühlte Johann, dass ihm dieses allumfassende Grinsen über wurde, immer debiler, dumpfer, bösartiger, als ob ein Clown mit seinen Innereien spielen würde, wütend und sadistisch. „Hey“ rief er. Der Mann war aufgestanden und hielt das Handy gepackt. „Hehe, Kleiner, eine SMS. „Ist meine Überraschung schon da?“ Was…“ Seine Augen starrten auf die Klinge, die in Johanns Händen lag, während ein Fluss von Blut über seine Kleidung lief, seine Arme hinabtropfte. Johanns Beine versagten. Das Messer knallte auf die Fliesen, während seine Knie beim Aufprall jaulten. Er blickte auf und sah den Berg von Mann, der verzweifelt versuchte, sich aufrecht zu halten, gegen einen Tisch knallte und diesen umriss, bevor auch er zusammenbrach

 Johann versuchte, das Röcheln des Sterbenden zu überhören. Das Handy klingelte in einer Lache von Blut und verstummte. Der Kellner würgte im Hintergrund, Schreie wurden laut. Die Tür öffnete sich. Johann blickte auf. Seine Sonnenblume. Seine Sonne. Sein Leben. „Deine Überraschung“ flüsterte Johann. Sie wankte zurück, Johann hörte, wie seine Stimme aufbegehrte. „Deine Überraschung“ das Brüllen kam von ganz allein, „deine beschissene Überraschung. Er sollte mich fertigmachen. Ich kenne euer Spiel.“ Ihr bleiches Gesicht bewegte sich panisch. „Mein Mann, er hat der Scheidung zugestimmt… das war die… Überraschung. Ich habe meinen Anwalt… oh Gott… Du hast… einen Fremden… einfach so… Oh Gott.“ Sie wandte sich um, die Hände vor dem Bauch verschränkt. Eine Gestalt schob sich an ihr vorbei, ging auf ihn zu und beugte sich zu ihm herunter. „Sie brauchen auch einen Anwalt?“ Johann nahm die Karte an sich, die ihm der Mann entgegenstreckte, konnte die Schrift nicht lesen, so sehr zitterte er, blickte auf, fragte „Was habe ich getan? Was soll ich tun?“ Der Anwalt grinste „Plädieren sie einfach auf Notwehr. So mach ich das auch immer.“