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Kategorie: Berlineritis

Geschichten um und durch und quer und sowieso: Berlin

Zwei Schatten

Zwei Schatten

Ich sah die Gestalt vor mir auf dem Weg zur U-Bahn. Ihr riesiger Schatten schien die Welt auszulöschen, aber es war nur das taktisch schlecht platzierte Licht der Laternen an den weiß-bemalten Neubewohnerhäusern, die zeigen wollten, wie hip sie wären, in dem Sie diese Lämpchen von Dämmerung zu Dämmerung dahinschweifen liefen.

Er war schneller als ich, ich wanderte langsam nach meinem Arbeitsabend durch die beginnende Nacht. Die Straße war fast leer, ein paar Fenster waren offen und hinterließen einen sanften Teppich aus blauem Licht und fernen Explosionen aus den fremden Welten der Fernsehprogramme. Ich sah ihn über den Hügel stampfen, als wäre etwas hinter ihm her, ich war es nicht. Ich ging nur in die selbe Richtung wie er, nun hügelabwärts an einem Amüsierschuppen in liebesblutrot vorbei, das Gebrabbel von Restaurantgästen erfüllte mich, ich lauschte Ihnen für ein paar Augenblicke, dann war ich vorbei und er augenscheinlich schon vor Ewigkeiten. Auch ich schlurfte die ermüdende Treppe in die U-Bahn-Station hinunter. Da war er wieder, das Gesicht gesenkt, starrte er auf die Gleise, stand an meinem Platz, unbeweglich wie eine Mauer. Ich stellte ich neben ihn hin, blickte auf die helle Fliese, die meinen Platz auf dem Bahnsteig markierte, um den besten Platz zu finden. Er wich mir aus, ging ein halbes Dutzend Schritte nach rechts davon. Ich blieb stehen. Merkwürdigkeiten schossen mir in den Kopf. Ich starrte die Uhr an, die mir sagte, dass es kaum noch ein paar Augenblicke wäre, bis ich endlich meinen Abgang machen könnte.

Die Bahn auf der Gegenseite fuhr davon, ich hatte nicht gehört, wie sie angekommen war, die Abendgäste ausgespuckt, neue Mitfahrer eingesaugt, eingesargt hatte. Er stand neben mir, blickte immer auf die Zeit, als ob es wichtig wäre, er hatte mich verfolgt, schleichend nur, hatte mich von meinem Platz gedrängt, als ob es der seine wäre.Endlich kam die Bahn. Doch die Position der Tür war taktisch falsch, so trat ich nach ihm in dieselbe, in der er verschwunden war, ein. Er hatte keinen Platz gefunden, einen Hauch von Genugtuung konnte ich nicht verbergen. Er schaute weg. Ich auch.

Ich hörte Musik. Er las ein Buch, irgendein schwarzes Digitalschriftstück starrte mich an. Ich hatte mein ähnliches in meinem Rucksack. Er blickte immer wieder auf und las die Stationsanzeigen mit unnatürlicher Aufmerksamkeit. Ich fand das lächerlich, aber er war halt komisch. Ich hasste es, zu stehen, gerade so lang, aber was ist, ist schlecht, also musste ich mich daran gewöhnen.

Die Fahrt zog sich hin. Das Buch war nicht gerade schlecht, aber es hätte besser sein können. Im Hintergrund war das Säuseln irgendwelcher fremdartiger Noten zu hören. Er war noch immer da. Idiot. Wann würde er aussteigen? Die Geschichte im Buch war dämlich, aber ich hatte nichts anderes und seine Musik spielte noch immer.

Menschenmassen stiegen aus und wieder ein. Der Wagon platzte und atmete wieder. Die Nacht nahm Ihre Arbeit auf und ließ nur die Bekloppten zurück, die Schlaflosen, die Trunkenen.

Er war noch immer da. Diese Fremde in seinen Augen machte mich mürbe.

Er ging nicht weg. Er blieb da, angewurzelt.

Eine Ewigkeit verstrich, ganz sachte wie eine Feile auf Blech, genauso wie die Bremsen und das Tröten der Bahn, ein Taumel aus Nichts und Allem.

Ich sah, wie er ausstieg und davoneilte. Ging er nicht in die falsche Richtung? Ja, das tat er. Dieser… Idiot. Ich… aber er hatte ja noch Zeit, sich für eine Tür zu entscheiden. Ich folgte ihm.

Er folgte mir ebenso wie ich ihm, aber das hatte keinerlei Bewandtnis, auch wenn ich seine Schuhe hörte. Ein halbes Dutzend Türen hatte er Zeit.

Die Straße lag leer vor mir. Und ihm. Die letzten Gäste hatten die Fußsteige verlassen. Der Mond kicherte leise unterm Sternenzelt.

Ich konnte ihn nicht mehr hören, aber mich umzudrehen, wäre dämlich gewesen. Ich fühlte, er war da.

Das Glastor war geschlossen, meine Finger hatten den Schlüsselbund schon Ewigkeiten gepackt und suchten den Schlüssel.

Er schloss die Tür auf, zitterte, huschte hinein. Ich wollte den meinen Schlüssel nicht suchen, also rannte ich los und erwischte das Glas noch im letzten Augenblick. Er stob davon. Der Innenhof war einsam.

Er wohnte im Haus?

Ich suchte die Tür… vermutlich, ich meine, es gab noch andere Türen im Innenhof… er musste mir nicht folgen. Ich stieß die Tür auf und schloss Sie hinter mir. Die Treppe. Ich hörte seinen Schlüssel.

Idiot. Wieso riss er die Tür so zu? Hatte er Angst? Ich hätte Angst haben müssen! Ich meine… was, wenn er wusste, er ich war?

Die Treppen hinauf. Es knackte hinter mir. Schlüssel klimperten theatralisch. Seine Schritte waren überall.

Er stand vor der Tür. Sie war reflektierte ihn. Sie reflektierte mich. Er drehte sich um. Unsere Blicken trafen sich. “Hallo Emanuel” sagte er.

“Hallo Emanuel” antwortete er. “Feierabend” sagte er. Wir nickten. “Wir wissen” sagten wir, “dass wir Fremde sind” sagten wir, “im selben Geist.” “…und im selben Dasein”.

Ich drückte die Tür auf und ging hinein. “Fremde im selbem Geist, im selben Dasein, pfff”, wiederholte ich leise, “was für ein Idiot.” Die Tür schloss sich. Die Welt schlief davon.

Die alte Finsternis

Die alte Finsternis

Die alte Finsternis lag über der Stadt, dunkel und flauschig wie ein ungereinigter Teppich, Jahrhundertealt und verkommen, so wie die Häuser unter ihm, von insektenhaften Menschen durchzogen, die nichts anderes zu tun hatten, als sich in das Licht zu flüchten, das ihnen die Angst nehmen sollte, ihnen stattdessen jedoch nur noch mehr Furcht erschuf, indem es Schatten an die Wand warf, wo sonst nur Einsamkeit herrschte.

Ich war auf dem Weg zu einer Bar, um eine Frau zu treffen. Die Straßen waren voll von Leuten, die etwas ähnliches vorhatten, mit oder ohne die Hilfe ihres geliebten Alkohols. Es war Samstag und die Welt hatte ihr eigenes kleines Gericht über ihre Köpfe gelegt, Urteil: schuldig. Ich musste mich nicht in die Bar drängen. Es gab genug von ihnen in der Stadt und jede hatte genau dasselbe zu bieten, eine Art Sicherheit, Licht, Wärme, das Gemurmel der anderen, sprich, es war ein Hort, endlich mal der sein zu können, der man immer sein wollte. Wie auch immer, ich starrte auf das Schild über der Bar und dachte daran, wie sie sich mir zu erkennen gedachte: Ich trage eine weiße Rose auf grünem Kleid.

Soso. Ein übliches Treffen an einem üblichen Tag mit üblichen Klamotten. Es war so, als ob sie sich ranwerfen wollte, ein bisschen Spaß an diesem allzu-normalen wochen-endlichen 24h Selbstrotationszyklus, sprich, Tag. Ich folgte nur einem Automatismus. Als die Tür sich nicht öffnen ließ, starrte ich sie lange an, bevor ich bemerkte, dass man an ihr ziehen musste, statt zu drücken, vermutlich eine Hilfestellung für die ganzen Besoffenen.

Der Geruch menschlichen Verfalls überlagerte das scharfe Echo des Ausschanks von Spirituosen und ich musste erst einmal flach atmen, sonst hätte ich mich umdrehen und fliehen müssen. Schweiß lag in der Luft, schlimmer noch, alter Schweiß. Draußen konnte man es mit der Konzentration auf die Abgase der Autos der Abendfahrer versuchen, zu ignorieren, doch aus dieser Arena des gemeinsamen Zerfalls gab es kein Entkommen, das nicht wie Panik aussah.

„Schöner Abend heute“ war ihr Gruß und ich versuchte, das zu verstehen. Was ist an einem Abend… gut? Was ist gut? Was ist heute? Ich lächelte grundlos und versuchte, den Sinn ihrer Ansprache zu erkennen. War das üblich? Gut. Ich murmelte etwas zurück in der Hoffnung, dass sie es verstehen würde. Ihr Grinsen wurde groß, ihre Zähne leider auch.

„Das sind Sie also.“ sagte ich und überprüfte die Formulierung mit meinem Verstand. Höflichkeit an diesem Ort ist meistens unangebracht, aber ich fand, dass man damit spielen konnte, es war eine Saite im Spiel einer zerbrochenen Gitarre. „Sie sind fast so, wie Sie sich beschrieben haben“, war ihre Antwort, ein wenig zu keck, aber noch im Rahmen. Ich nickte. „Ich bin etwas anders als die Bilder. Die sind alt. Ich bin neu.“ Sie griff nach unten und holte eine Handtasche herauf. „Rauchen Sie?“ fragte sie mich. „Nur wenn ich brenne.“ war meine Reaktion. Man muss schon ein wenig lustig sein, wenn man versucht, sozial zu sein. „Gut.“ meinte sie, als ob sie den Scherz nicht verstanden hatte. Ich war geneigt, ihn ihr zu erklären, aber dafür hätte mich ihre Reaktion mehr kümmern müssen, als sie das tat. „Aber der Rest stimmt?“ fragte sie mich, ihre Augen recht belanglos auf mich gerichtet, als wäre ich noch immer an der Tür zur Kneipe, Bar, Restaurant, Abfallgrube, würde warten, dass sie mich empfängt. Sie drehte ihren Kopf zur Seite, eine Art Fragehaltung. „Ja. Ich arbeite in dem Gewerbe seit 25 Jahren. Ich habe vor, in Rente zu gehen, etwas neues zu tun.“ „Neues? Nach all der Zeit? Dass ist eine Herausforderung, die man sich gut überlegen sollte.“ Ich streckte meine Hände aus. „Die zittern noch nicht einmal. Es ist alles möglich, wenn man nur an sich glaubt.“ Genug Spielzeit. „Sie können stolz auf sich sein“ ergänzte ich. „Wieso?“ fragte sie, den Rauch der Zigarette, die sie aus der Tasche gezogen und angezündet hatte, vor ihrem Gesicht, der sie bis zur Unkenntlichkeit verdeckte. „Ich bin immer etwas… zurückhaltend.“ Mein Lächeln konnte sie sicher nicht sehen. „Wir sprechen eine Sprache… wir sind eine Spezies. Wieso sollten wir zurückhaltend sein?“ Spezies. Wieder eines dieser Worte… „Natürlich“ meinte ich, ergänzte aber mit „Dennoch, wie Sie auf mich gekommen sind.“ Ich versuchte, nicht zu enthusiastisch zu klingen. „Ich habe meine Fähigkeiten, Sie haben die Ihren und in einigen Punkten sprechen wir die selben Dinge an, die andere nicht verstehen würden.“ „Wie lang sind Sie schon hier?“ fragte ich. Sie zuckte mit den Schultern. „Die Stadt ist groß, man sein, dass ich noch nicht überall war, aber ich bin lang genug hier, zu wissen, wo man sein sollte und welchen Orten man fernbleiben sollte.“ Ich konnte ein leichtes Lächeln in ihrem Gesicht erahnen. „Es ist gut, wenn man sich so kennenlernt, nicht einfach gegenseitig… überfällt. Es ist nett, es ist nicht so einsam.“ Ich lehnte mich etwas zurück. „Einsamkeit ist eine Einstellungssache. Natürlich, außerhalb der eigenen Leute ist man allein, aber es gibt genug, dem man folgen kann, das einen ablenken kann. Dieser Abend hier… das ist… eine Art“ Ich stoppte. Der Geruch nach verbranntem Filter war nicht zu überriechen. Ich legte meine Hand auf die Ihre, die noch immer die Zigarette hielt, öffnete ihre Finger und ließ den Zigarettenstummel in den Ascher fallen. Sie blickte mich an, eine Mischung aus Verwunderung und Sensation. Mein Seufzen schreckte sie auf. „Also… wie lang?“ fragte ich. „2 Monate“ „und vorher?“ „Lange unterwegs, mal hier, mal da.“ „Aber nicht daran gewöhnt, an das Rauchen und so.“ Ich sah ihre Augen vibrieren, 2 Stück, perfekte Smaragde mit einem schwarzen Punkt in der Mitte. Kamen ihr Tränen? Ich blickte in eine andere Richtung. Sie schniefte etwas. „2 Monate“ murmelte ich vor mich hin. „Hey“ sie legte ihre Hände auf den Tisch, direkt vor sich hin, die Handflächen nach oben gerichtet. Ich nahm sie und drehte sie um. „Das sind wichtige Dinge“ meinte ich, „zu wichtig. 25 Jahre reichen nicht aus. 2 Monate reichen schon gar nicht aus, aber es gibt soviel zu sehen, soviel zu lernen.“ Sie nickte. Eine einzelne Träne kroch aus ihrem rechten Auge, ihr Gesicht in Horror verzogen. „Lassen Sie das“ ergänzte ich, „nicht hier und nicht jetzt. Alles zu seiner Zeit.“ „25 Jahre muss ein Alptraum sein“ murmelte sie, „25 Jahre, tagaus, tagein… und nun, da Sie aufhören, komme ich und lasse zu, dass Sie Angst um mich haben.“

Ich nickte, schüttelte dann den Kopf. Mein Nacken ließ ein leises Knacken entweichen. „Hören Sie das? Das ist das Alter. Die Stadt wirkt sich aus. Daheim wäre das kein Problem, das Alter. Ich würde über die Wiesen wandern, allein und unter leuchtendem Himmel.“ „Ja“ sagte sie. „Die Nacht. Die Finsternis. Dies ist so furchteinflößend. Woher weiß man, dass da nichts lauert. Woher weiß man, dass der Tod nicht auf einen wartet. Ich habe Bilder gesehen…“ sie stoppte.

Wir schwiegen beide. „Wollen Sie wirklich gehen?“ fragte sie. „Wollen Sie wirklich bleiben?“ „Ich bin neugierig“ sagte sie und starrte mit einer gewissen Ungeniertheit auf die Leute, die sie versuchten zu ignorieren, mehr noch, die sie wirklich ignorierten. Es war Samstagabend und was sollte man sonst noch tun, außer in seinen eigenen Gedanken ertrinken… nichts. „War ich auch einmal. 25 Jahre reichen. 788 Millionen Augenblicke, die kommen und vergehen. Ich vermisse die Heimat. Die Stadt hat viel zu bieten, aber ich finde nichts mehr an ihr. Sie sind jung.“ Ich versuchte es noch einmal mit Höflichkeit. Sie reagierte nicht. „Hey“, sagte ich, „Sie müssen lernen, auf Komplimente zu reagieren und das war eins. Jugend ist Hoffnung ist Neugier. Ich bin zu gebunden… Sie sind frei.“

Ich nickte ihr zu. „Es wird Zeit.“ Wir standen gemeinsam auf. Die Leute um uns herum reagierten nicht wirklich. Als die Tür sich vor mir öffnete, blickte mich die Finsternis an, blickte mir tief in meinen Verstand und grinste, ich grinste zurück. „Du wirst es vermissen“ sagte sie, „du wirst mich vermissen.“ Ich schüttelte den Kopf. „Nur ein bisschen“ flüsterte ich. „Was ist los?“ fragte mich die Frau hinter meinem Rücken. „Ich verabschiede mich nur von einem guten Freund“ sagte ich, „wir sehen uns.“ Ich nahm meine ganze Energie zusammen und trat nach vorn. Endlich war ich frei, endlich… frei. Ich blickte mich um, schaute hinunter und sah, wie sie meinen Körper berührte, dort, wo der Hals den Schädel hielt, fühlte ein leichtes Kribbeln in den Erinnerungen meiner Existenz, eine Art Schmerz und konnte sehen, wie mein altes Fleisch zusammenschmolz, sich verwandelte, sich in graufarbene Asche verwandelte und unter dem Wind, den ein vorbeifahrender Bus in die Straße trug, davonsegelte.

Sie blickte mir nach. In 25 Jahren, in 788 Millionen Augenblicken… würde das mit dem Wiedersehen eingehalten werden… wenn sie nur aufhören würde, zu versuchen, eine Zigarette verkehrt herum zu rauchen.

 

Emanuel Mayer
26.10.2013

S-Bahn – Ein ganz besonderer Verkäufer

S-Bahn – Ein ganz besonderer Verkäufer

Die ästhetische Komponente der S-Bahn in dieser Stadt liegt im Vorbeiziehen der Häuser und Menschen, aus Tausenden wird eine kompakte Masse, wird eine Bewegte Existenz. Selbst wenn die Bahn steht, fließen Menschen hinein und hinaus, werden Menschen hineingetragen und hinausgefahren.

Die Hereinkommenden werden entweder ignoriert oder misstrauisch betrachtet, nehmen sie doch Platz weg, Luft zum Atmen, kommen näher, schauen einen streng an, wenn man die Musik zu laut aufgedreht hat, reiben ihre Knie nah an die eigenen. Deshalb stehe ich meistens in irgendeiner Ecke und betrachte die Leute. Und ich mache Notizen, lege Wortskizzen, unlesbar, nieder. Die Fahrt auf Schienen ist rucklig und haklig ist meine Schrift. Die junge Frau mit ihrer Mutter dort, die scheu zu Boden schaut, während die Mama lautstark von einem Einkauf schwärmt, von einem „Du musst dich nicht so aufreizend anziehen, Kleine.“ (Die Tochter war Ende 20, daher eine Notiz wert.) Oder jenes Erlebnis… ich war am Ende nicht mehr drin, aber Gerüchte machen die Runde, Gerüchte über den einen Geruch.

Ich stand am zeitigen Abend am Bahnsteig und schaute aus den staubigen Fenstern hinaus auf den Alexanderplatz. Ein Mann tauchte zwischen den Häusern auf, schob einen Wagen vor sich her, einen großen, quadratischen Wagen mit verschiedenen Stoffen, vielleicht Teppichen, belegt. Ich konnte es nicht sehen.

Die Bahn erreichte den Bahnsteig und ich stieg ein. Als sie nun den Transport der vielen Fahrgäste beginnen wollte, schob sich genau eben jener Wagen knackend in die sich schließende Tür und der Schiebende prügelte sein Transportmittel förmlich ins Innere des Wagens. Ich wich ihm aus, da eindeutig sichtbar war, dass entweder Wagen und Mann Platz hätten oder ich und 10 andere Menschen. Ich hätte also gebrochene oder zumindest geprellte Kniescheiben davongetragen. Irgendwann konnte die Tür nach scheinbar minutenlangen lautem Tröten geschlossen werden. Ich freute mich.

Leise Musik strömte in mein Ohr und ich übersah in meiner Heiterkeit, dass die Menschen begannen, unruhig in Richtung Wagen zu starren. Zu abgelenkt bemerkte ich nicht, wie hin und herwackelten, nervös wurden und der eine und andere vorsichtig den Platz wechselte.

Dann schützte die Wand aus Plastik mich nicht mehr, denn etwas Wiederliches kroch durch die Luft, bohrte sich in meine Nase und drang in mein Hirn. Es roch nach Tod: nicht nach frischer Erde oder dumpfen Staub oder der Verfall von Laub im Herbst, es roch nach dem Alten, Bösen, einer Erinnerung an Zeiten, bevor der Mensch lesen und schreiben, diese Dinge hinterlassen konnte.

Ich starrte den Mann an, der seinen Wagen festhielt. Ich trat näher heran, eine Art Neugier hatte mich erfasst. „Was stinkt hier denn so?“ fragte ich ihn unverwandt. „Stinken?“ fragte er. Ich nickte. „Schauen Sie mal. Es ist etwas neues.“ Stücke einer getrockneten Masse tauchten auf, als er den Teppich hob. Die Wand aus Gestank ließ meine Augen tränen, ließ meine Zunge anschwellen und meine Ohren begannen zu erblinden. „Was bei allen…“ fragte ich keuchend. „Amorphophallus titanum“ sagte der Mann und grinste. „Dieses Drecks Titanenwurz-Zeug?“ Er nickte. „Schon davon gehört?“ fragte er. Ich würgte. „Ja. Dieses Zeug ist doch…“

„Es ist nicht für mich, aber ich kenne ein paar Freaks, die sich damit wegschießen wollen. Sie wissen schon. Geruchsfreaks. Stinkekäse-Fanatiker, Sockensammler, Kranken Typen. Kranke Typen mit Geld!“

„Hey, ich liebe Limburger!“ wollte ich erwidern, aber dann hätte er mich mitleidig angestarrt und den Kopf geschüttelt. Ich hörte schwere Schritte hinter mir und wirbelte herum. Die Fahrgäste hatten sich in einer Ecke zusammengedrängt, doch nun stampfen sie vorsichtig näher. Einige hatten ihre Regenschirme wie Keulen erhoben und ihre Blicke waren nicht gerade nett und freundlich. „Hey du mit dem Wagen. Du hast sicher eine Leiche in deinem Wagen. Nicht wahr?“ schrie eine Frau im Geschäfts-Outfit, die Haare wild in alle Richtungen gesträubt, vermutlich war sie zu sehr aufgeregt, um es mitzubekommen. Ich drehte mich um: „Nein, Leute. Das ist nur…“

„Wollen Sie was? Das ist lecker!“ Der Mann witterte seine Chance auf ein Geschäft. Ich griff mir an den Kopf. Nichtjetzt!

„Was? Sie sind ein Kannibale! Oooooh, wir werden uns um Sie krankes Wesen kümmern. Sie Mörder. Sie Kannibale. Auf ihn.“

Ich hob beschwichtigend die Arme.

An mehr erinnere ich mich nicht, nur an Schultern und Hände, die mich rammten und aus der sich gerade öffnenden Türe warfen. Zum Glück musste ich nicht lange warten, um die nächste S-Bahn zu erwischen. Ich glaube, ihm ist nicht wirklich was passiert. Mobs gibt’s ja nur in Geschichten; nur habe ich nie wieder etwas von einem Mann, der Titanenwurz verkauft, gehört. Was mir eher Sorgen macht, wenn die Leute, die an dem Zeug schnüffeln, wieder was Neues brauchen, um ihre Sehnsüchte zu befriedigen…. ich werde meine alten Schuhe am besten unauffindbar entsorgen. Man weiß ja nie.

Berlin – Eine vorsichtige Warnung vor nächtlichen Begegnungen

Berlin – Eine vorsichtige Warnung vor nächtlichen Begegnungen

Von allen Kreaturen ist die nun beschriebene das erbarmungswürdigste aller Lebewesen, dies nur als Warnung. Sollten Sie Mitleid haben, nehmen Sie sich ruhig die Zeit, ihm in seiner natürlichen Umgebung zu begegnen, die Zeit zwischen Abend- und Morgendämmerung. Dann entscheiden Sie sich anders.

Falls Sie nun also in der Dunkelheit in Berlin unterwegs sind, achten Sie besonders auf auffällige Humanoide. Sie erkennen die betreffenden an einem unwirklichen Gang auf 2 oder mehr Gliedmaßen. Grundsätzlich sind es 2 Beine, je nach Zustand auch nur 1,2-1,7 Beine. Der Zustand lässt sich mit dem Grad von Verwesung berechnen, dafür werden Sie aber keine Zeit haben. Auch wenn die Bewegungen sehr langsam sind, so sind sie auch zielgerichtet. Ja, die Kreatur bewegt sich auf Sie zu. Sie erkennen weiterhin recht schnell einen gewissen sogenannten „Odor“, den Eigengeruch des Wesens. Anfänglich noch streng nach Berlin selbst riechend, kristallisiert sich schnell der kupferige Duft von Blut heraus, und spätestens dann finden Sie sich in einer Wolke von Verfall wieder. Eilen Sie ruhig davon, an einer anderen Ecke finden Sie den Nächsten, der sich an Ihnen laben will. Aber keine Sorge, bis er sie bemerkt, je nach Zustand von Augen, Ohren oder Nase, sind Sie auch davon geeilt.

Sie sehen diese Wesen meistens aus dem Dunkeln treten und im grellen Licht der Straßenlaternen haben Sie vermutlich den Wunsch, zu schreien. Unterlassen Sie dies bitte, die Kreaturen finden Sie über ihre Gehörsinne. Sie haben das Gehör von Fledermäusen und auch deren Augen. Lachen Sie nun ruhig einmal, wenn Sie sich die verfallene Gestalte mit Fledermausohren und zusammengekniffenen Augenresten vorstellen. Na, tut das nicht gut?

Begeben Sie sich nun recht schnell in Richtung eine der vielen Bahnhöfe. Bevorzugen Sie höher gelegene Objekte, wie die Straßenbahn. Die Kreaturen können zwar unter bestimmten Gesichtspunkten sehr hoch springen, aber es fällt ihnen schwer, ein Plateau zu erreichen. Aufgrund ihrer schlechten Sicht landen Sie zu oft an Wänden und werden dann, wenn sie nicht schnell genug entkommen, von unseren Mitarbeitern entsorgt. In den unterirdischen Bahnen begegnen sie Ihnen augenscheinlich zu oft, auf Grund einer weiteren Schwäche, die ich bald erläutern werde.

Wenn sie nun in einer der S-Bahnen, die regelmäßig fahren, angekommen sind und sehen Sie eine der Kreaturen in der Bahn, warten Sie bitte auf die nächste. Falls Sie sich sicher sind, dass der Wagon frei ist, genießen Sie die Fahrt. Ihnen kann nichts passieren.

Sollten Sie auf dem Weg nach Hause oder an den Ort, an dem Sie wollen, Wege außerhalb unserer geschützten Transportmittel durchführen, empfehlen wir Ihnen einige Objekte, die Ihnen helfen können: Weihwasser, Kreuze, ggf. aus Silber (ästhetisch) oder Holz (preiswert) und Pfähle (auch hier in Silber, Holz oder einem wunderbaren Geschenkkarton: eine wunderbare Silberarbeit auf tropischem Zedernholz). Falls Sie mit dem Gedanken spielen, mit einer Machete, Kettensäge oder Beil durch die Großstadt zu reisen, halten Sie bitte eine entsprechende Betriebserlaubnis bereit.

Falls Sie allerdings eine Nachtigall sind und nur am Tag unterwegs sind, empfehlen wir Ihnen dennoch, dieses wertvolle Prospekt zu behalten. Bedenken Sie bitte, dass bald der Winter kommt und die Wesen, denen sie bereits kurz nach 17 Uhr im von der Straßenlaterne beleuchteten Schnee begegnen, nicht immer nette Weihnachtsmann-Vertreter oder Späteinkäufer sind.

Wenn Sie all dies beachten, fühlen Sie sich sicher aufgehoben.

Eine letzte Warnung haben wir dennoch noch vor Sie. Wenn Sie in einem unserer Wagen stehen oder vielleicht schon daheim sind und eine der Kreaturen lauert vor Ihrer Türe, streckt einen der letzten verbleibenden Finger aus und beginnt, erotisch angehauchte Worte zu zischen, lassen sie ihn nicht herein. Nur auf Ihren Wunsch hin hat die Kreatur die Erlaubnis, ein Objekt zu betreten. Ohne dieses ist es durch eine Art „metaphysische Verpflichtung“ daran gebunden, fernzubleiben.

Wenn Sie unsere Hilfestellungen beachten, werden die Beeinträchtigungen des Nachtlebens bald beendet sein. Die Natur hat in diesen Kreaturen, wie oben beschrieben, eine der sinnlosesten evolutionären Nischen betreten, die es im Laufe der Jahrtausende gegeben hat. Sie sind langsam, leiden an körperlicher Instabilität, inklusive eines korrekt funktionierenden Verstandes und sensorischer Einschränkung. Dies und die Unfähigkeit, Tageslicht zu überleben, machen sie in den nächsten Monaten von einer Seuche in eine touristische Attraktion der Hauptstadt.

Haben Sie Mitleid, aber halten Sie sich fern von der traurigsten Kreatur der Welt: eine Mischung aus „Homo Coprophagus Somnambulus“ und „Homo Wampyrus Nosferatu“, oder wie wir ihn scherzhaft zu nennen pflegen: dem Vampirzombie.

S-Bahn – Der wunderliche Rubikwürfel

S-Bahn – Der wunderliche Rubikwürfel

Die Sonne steht hinter dem Horizont und traut sich nicht, mehr als ein paar Strahlen auf den grauen Boden, auf dem Berlin steht, zu feuern.

Hier, auf Schienen, dunkel und alt, rast, so behäbig wie möglich, eine S-Bahn entlang. Ich stehe darinnen, um diese Uhrzeit findet sich kein Sitzplatz und ich nutze meinen Blick über die Köpfe meiner Begleiter, um Ideen für Geschichten zu finden. Dieses Wetter und diese Tageszeit treibt alle in die Bahnen, unauffällige und schöne Menschen, stille und laut telefonierende, alt und jung.

Das Murmeln, Hämmer und Klopfen der Menschen um mich herum wird leiser, unterdrückt, durch den fabelhaften Soundtrack des Films “Sherlock Holmes” und so verbringe ich, auf meine visuellen Fähigkeiten beschränkt, die Zeit in einem Kokon, allein.

Ich schlafe fast ein, es ist ein dumpfer Morgen, das Wetter klebt an mir wie Zuckerwatte. Aus dem Nichts dringt ein vorsichtiges Klackern in mein Hirn. Ich versuche, die Musik lauter zu machen, doch noch immer, klick klack schnarr klack. Ich öffne meine Augen, schaue vorbei an den verwirrten Gesichtern meiner Mitfahrer und sehe einen jungen Mann, hinuntergebeugt, die Finger um einen Würfel gewunden, um einen dieser Rubik-Würfel. Er ist vollkommen konzentriert, seine Stirn bereits ein Bach aus Schweiß, die Augen quellen förmlich hinter seiner Brille hervor; sein Mund hat sich in einen bleistiftdünnen Strich verwandelt und Adern, wo auch immer dieser herkommen, pulsieren verworren über seinen Hals hinunter in das flatternde T-Shirt.

Ich kneife meine Augen zusammen, denn statt einer lustigen Art und Weise, die Zeit einfach vergehen zu lassen, sehe ich einem Kampf, einem echten Kampf zu, eine Schlacht zwischen Mensch und Objekt, zwischen Hirn und Rätsel. Ich trete näher, da mir etwas auffällt, doch etwas stößt mich zurück. Ich schaue auf, er starrt mich an. Er schüttelt den Kopf. “Nicht für dich” flüstert er, “für mich.”

Dann erkenne ich, was kämpft. Aus den schwarzen Rillen im Würfel, der sich durch jede Bewegung verwandelt, dringt eine dunkelgrüne Flamme, ein Strom aus bizarrer Energie, greift über auf seine Fingerkuppen, führt seine Finger gleich einem unsichtbaren Puppenspieler immer wieder über die farbigen Kanten. Es fehlt nicht mehr viel, kaum 3 oder 4 korrekte Zuordnungen. Aufregung macht sich im Wagon breit, als die meisten Leute hinaus wollen, es ist irgendeiner der großen Bahnhöfe auf dem Weg.

Da, ihn erwischt ein großer Mann, ein Fremder, aus dem Nichts, an der Schulter, schiebt ihn mit unerbittlicher, schon absichtlicher Gewalt hinaus ins Freie. Doch der junge Würfelspieler gibt nicht auf. Er stürzt zurück in den Wagen, wird aber zurückgezerrt. Der große Fremde hält ihn an der Schulter fest, grinst ihn mit großen Zähnen an. “Na, geschafft?” Der junge Würfelspieler schüttelt den Kopf und ich fühle, wie sich eine dumpfe Erkenntnis in seinem Hirn manifestiert, etwas dunkles, etwas ewiges, etwas…  “Nein!” schreit er und ich sehe, wie die Fäden aus dunkelgrüner Flamme sich über seine Hände ergießt, gleich einem lebendigen Wesen und ihn innerhalb von Sekunden mit einer flackernden neuen Haut überzieht und mit einem Kreischen, das nicht von dieser Welt kommt, reißt den jungen Mann hinein in die unbekannten Dimensionen des Würfels und ich fühle, dass er nicht der erste ist, der auf diesen alten Trick hereingefallen ist.

Ich schüttele den Kopf, als mir der Mann den Würfel anbietet. “Sorry, ich bin einfach nich geeignet für Ihre Spielchen.”   Doch ich weiss, er wird einen neuen Menschen finden, der den Würfel nutzen will, sei es aus versprochenem Ruhm oder aus Geld, doch jeder Versuch wird genauso erfolglos sein, bei dieser grotesken Spiel ohne Hoffnung. Denn was ich gesehen habe, ist, dass die Farben sich bei jeder Bewegung neu mischen und ich glaube auch fest daran, dass der junge Mann, der nun in einem fernen Universum aufwacht, dies irgendwo in seinem dumpfen Klickern-Klackern wusste und doch nicht aufhören konnte zu spielen.

Ich steige endlich aus und gehe hinaus in die dunkelgraue Stadt. Immerhin gibts hier normale Leute.

Augenblick – Der Efeu

Augenblick – Der Efeu

Wenn ich von der Arbeit komme, also meistens in den Dämmerungs- oder Nachtstunden, starre ich manchmal sekundenlang in einen Friedhof hinein, der auf dem Weg liegt. In der Dämmerung kann man die dunklen Kreuze erkennen, hinter dem Hauch der Finsternis die unbeschienenen Platten sehen, dort, wo nichts mehr ist. Wo sie ruhen.

Einige Schritte weiter und ich erkenne ein Haus. Es ist komplett mit jenem dunkelgrünen Efeu behangen, der mich an das Haus meiner Großeltern erinnert, jedoch hängt es nicht nur an einer Seite herunter, sondern die sichtbaren Wände sind mit dieser seltsam lebendigen Farbe bedeckt.

Tagsüber leuchtet das Grün mir den Weg, doch in der Nacht, wenn die rot-grünen Ampeln Ihrer Pflicht nachgehen und die wenigen Menschen über die Straßen leuchten, dann saugen die schwarz-grünen Blätter das Licht aus der Welt und ich finde mich oft genug wieder, wie ich in diese Wand aus Blattwerk starre und mich frage, was Sie zu erzählen hätten, wenn sie reden könnten. Denn wenn sie beginnen, zu sprechen und zu rufen, dort, in meinen tiefsten Träumen, in denen die Wurzeln des Efeus nicht mehr im bröckelnden Mauerwerk des alten Friedhofshauses hängen, sondern sich einen Weg in meine Seele suchen, dann ist es zu spät.

Doch nun schüttele ich die melancholischen Gedanken fort, grüße den Radfahrer, der trotz meiner Grünphase meine Füße zu treffen versucht, und gehe zur Bahn. Und ich drehe mich nicht um, auch nicht, als ich aus dem Rauschen des Wesens hinter mir ganz klar meinen Namen höre.

Berlin: S-Bahn – Zwischendimension

Berlin: S-Bahn – Zwischendimension

Berlin… eine Stadt von Gestalten, die man bei Tag sehen und bei Nacht schreiend weglaufen kann, darf, wie auch immer

durch die Bauarbeiten noch immer darauf dressiert, meinen Weg über die S-Bahn zu bestreiten, nach einem bizarren Fußweg durch die Bauarbeitengesprenkelten Fußwege am Alexanderplatz… stehe ich in der Bahn und versuche “Conan” über mein Handy zu lesen. das gelingt recht gut, dank der Kindle-Software auf dem HTC-Wildfire.

Eine Stimme lässt sich aufschrecken, dann resigniert zusammensinken:

“Möchten Sie eine Zeitung kaufen?” was sich für mich nur anhört: “möchten Sie…” ich schüttele den Kopf. Die Gestalt, der Stimme nach Mitte 80, dem Verhalten nach Anfang 20… schlurft weiter. Ein schlechtes Gewissen überkommt mich.

Vorne im Wagon steigt die junge Frau aus und gleichzeitig steigt ein Mann ein. Dieser beginnt, seine Lebensgeschichte zu erzählen und fordert auf, fleißig für ihn zu spenden (1,5 Monate arbeitslos). Er entschuldigt sich pauschal für seinen harschen Tonfall und man bemerkt, dass diese Entschuldigung gegebenenfalls doch gerechtfertigt ist. Ich schaue auf, dann ist der Mann bereits weg. Er verlässt den Wagon durch eine Türe, durch diese….

fast…

zeitgleich erneut eine Gestalt tritt, die eine Zeitschrift verkauft. Ich erkenne, dass Ihre Schuhe besser aussehen als die meinigen. Vermutlich eine Schülerin, was mir der Sprachduktus zu verstehen gibt. Ich schaue aus dem Fenster, und ich sehe nichts draußen. Absolut nichts. Keine hell erleuchtete Stadt, nur ein grauer Schleier.

Die Bahn hält an, die Frau ist an mir vorbeigegangen, die Leute dösen vor sich hin…

ich starre hinaus… und ich sehe, wie die junge Dame sich merkwürdig bewegt, sich in konvulsiven, fast tanzenden Rhythmen dahinzuckt, wie Ihre Haare in den Körper weichen, die Kleidung einen glänzenden Schein annimmt, ein kreischen ertönt und … die Frau weg ist. Stattdessen sehe ich einen Mann, der einen Kasten mit sich führt, darauf geschnallt ein winziges Gerät und die Panik, die mich überfällt, ist nicht gespielt, sondern…

Ein Mann spielt lustige Musik (vermutlich “Hit the Road, Jack” und ich möchte die Road gerne hitten…)und ich weiß mit neu erwachter Erkenntnis, dass das Nichts, das das draußen wartet, auf ihn wartet, nicht auf mich, nicht auf uns… auf uns Bahnreisende. Ein Opfer ist notwendig, um diesen Fluch, der auf mir lastet… aufzuheben.

Die Bahn fährt und die Ewigkeit erscheint klein im Bezug auf die Fahrt… Die Bahn hält an, entlässt den Musikanten und erneut… die Frage nach dem Kauf einer Zeitschrift… meine Augen flattern bereits…

ich ziehe… einen 50ct-Stück aus der Hosentasche und gebe Sie der Person.

Sie nickt. Wissend ist ihr nicken und ich sehe, wie sich am Horizont Lichter bilden, die durch den Rauch der Dimension dringen, in der wir, wir alle in diesem Wagen, gefangen sind.

Die Türe öffnet sich und ich steige aus. Ich drehe mich nicht um… ich gehe hinunter in die U-Bahn… nur 1 Station… dann bin ich daheim…

“Möchten Sie eine Zeitschrift haben?”

Berlin: S-Bahn – Die Musik aus der Tiefe

Berlin: S-Bahn – Die Musik aus der Tiefe

Es mag sein, dass wir sehr viel von der Welt wissen, von den sozialen Interaktionen, von Pflanzen und Tieren, von Lebewesen im Allgemeinen, die unsere Welt bewohnen, die unserer Sichtweise (in hellem Tageslicht) angepasst sind.

Jedoch muss man sich eingestehen, dass nicht überall Licht scheint und dass man nicht überall Fackeln oder Taschenlampen nutzen kann: wo die Dunkelheit hinter einem undurchdringlichen Schleier liegt, so dass man sich ängstlich davon fern hält.

Ich habe bereits vor einiger zeit eine düstere Erfahrungen beschrieben. Eigentlich sollte es nur eine Heimfahrt in der U-Bahn sein. Technische Probleme ließen die Dunkelheit in die neonerleuchtete Realität eindringen und da waren sie, die Ausgestoßenen.

Doch fahre ich derzeit mit der S-Bahn, dank bereits beschriebener Bauarbeiten und auch hier scheinen Dinge Gestalt anzunehmen, die ich nicht mit Namen nennen kann, oder besser darf. Denn alles, was einen Namen besitzt, bekommt Realität, mehr noch, erscheint in den Herzen der Menschen, in den Träumen der Empfindsamen, in den Bildern der Wahnsinnigen.

Also fuhr ich heute meinen allzu komplizierten Weg in Richtung Alexanderplatz, den guten HPL in der Hand und las von jenen unheimlichen Dingen, die manch einer für wahr und verborgen, der andere, wie ich, für gute Grusel-Scifi halte, die man in eigenen Kurzgeschichten gut verarbeiten kann, wenn man gewillt ist, die Angst zu fühlen, die man beim Schreiben erlebt.

Wolken krochen über den Himmel und einige wenige Wassertropfen sammelten sich an den staubigen Fenstern und rollten schwarzgefärbt hinunter. Die Fetzen von Papier, die im Inneren des Straßenbahnwagens lagen, rollten wie von dem Pesthauch, der durch die Gänge strömte, hin und her. Hin und wieder bildeten die Zeitungen Worte unbekannter Sprachen, die mir ein Zittern über die Haut jagten.

Die Augen meiner Mitfahrer waren halb geschlossen. sie lauschten gebannt. Dann hörte ich es auch.

Ein Mensch, eher eine Kugel von Fleisch, surrte vorsichtig an mir vorbei, summte. Welche Art von Sprachfähigkeiten er zu haben schien, war mir nicht bekannt und die Tiefe seiner Stimme, die gleichzeitig die eine verzerrt groteske Höhe zu haben schien, bohrte sich in meinen Kopf, blieb hängen und grub sich weiter ein. Dann blieb das Wesen stehen. Es griff mit seinen Armen nach hinten und holte eine Art Akkordeon hervor. Das Gefühl unsäglicher Panik bemächtigte sich meiner und wie auch immer ich versuchte, den kommenden Schmerz meiner Seele einzudämmen, es war erfolglos. Es begann zu “singen”. Chromatisch inkorrekte, fantastisch bizarre Tonstrukturen schoben sich durch die Luft, erzeugten atomare Abnormalitäten und ließ die Herzen der Menschen, jener Lebewesen, wie ich eines bin, in tiefste Agonie verfallen. Im Herzen spürte ich ein Bild, eine Art Erinnerung an das Leben, welches dieses Lebewesen mir gegenüber gelebt hatte.

Eine Höhle, erleuchtet von phosphorhaltigen Pilzen, in schmutziges Uringelb getaucht und furchtbar schleimige Wesen, an Zügeln gehalten, um morbide Äcker zu düngen. Und dann deren Herren, Fleischwesen, aufgedunsene Kreaturen, deren Blick stets nach oben geht, nach oben, wo die vergessene Sonne lauert, seit sie in Ihre eigene Welt gezwungen wurden, Jahrtausende in der Vergangenheit. Vertrieben von Menschen ohne Königreiche, von Stämmen, die sich sonst bekriegten, doch einmal zusammenarbeiteten, einmal kämpften, um das Böse, welches sich verbreitete, in das Innere dieser Kugel, genan nt Gaja, Erde, zu pressen, auf dass sie nie mehr herauskämen.

Die Gestalt war vorbeigezogen und spielte ihr Lied, dieses verworrene, unmenschliche Lied und sang dabei vom Aufbegehren der alten Wesen und den sieg über uns, über die schwachen, haarigen Affen, die sie einst besiegten und ich war dankbar, dass ich es nicht mehr erleben muss, wenn die Heerscharen sich aus den Höhlen unter uns herauspressen. Denn noch immer sammeln sie sich da unten in der Tiefe und gleich den Menschen, die zerstritten ihr eigenes Lebenswerk vollbringen suchen, so sind auch jene Wesen noch nicht vereint. Noch
nicht. Was dieses Wesen hier tut… Kurier ist oder nur ein Herold, der den Krieg verkündet, das weiss ich nicht. Das mag ich nicht wissen wollen.

Dankbar, dass ich das Erlebte niederschreiben darf, um Generationen in der Zukunft zu warnen, steige ich aus. Und ich sehe, wie das Wesen ebenso auf den Bahnhof tritt, die Treppe hinuntergeht und eine der unbekannten Türen öffnet, die in den Abgrund unter Berlin führen und ganz tief hinten, hinter all dem Rauschen der Fahrgäste höre ich die Rhythmen eines uralten Volkes, welches sich bereit macht, loszuschlagen.

Berlin – Studium eines Schattenwesens in der S-Bahn

Berlin – Studium eines Schattenwesens in der S-Bahn

Berlin

Die Sbahn

unendliche Weiten

wir schreiben… 2011.

Die Umgehung meiner Ubahn dank gewisser baulicher Betätigungen bis November hin zwingt mich förmlich in Richtung S-Bahn, von der ich mir, nebst schneller Bewegung auch einen freien Blick in die schönen Häuserschluchten von Berlin erhoffe.

Wenn die Leute nicht sind, die mich begaffen…

Begaffen… eine Angewohnheit älterer Herrschaften (aus Neid, weil ich noch jung bin)… von Jungen (weil ich schon so vergreist bin), also bin ich es gewohnt und muss nicht mehr laut Gustav Mahler (Mr. Heavy Metal in Person) hören, um hip zu sein. Unabhängig davon starre ich unverblümt in die Richtung eines Pärchens, das mir den Blick hinaus ablenkt, wie ein schwarzes Loch im Weltraum. Schwarz, eine passende Farbe für die beiden jungen Menschen.

Er

starrt in die Luft. Sein Gesicht in bodenlose Agonie versunken, an der melancholischen Brust des Metaversums, also des unendlichen Nichts liegend, träumend, hoffnungslos. Er zittert leicht. Der Mund zusammengepresst wie eines seiner Augen, hinter Brillenglas. Apathisch. Das Basecap modisch zur Seite gewandt + eine schwarzgefärbte Ponylocke bis unter die Nase = ein Gemälde von Picasso. Das Shirt einer mir bekannten Band, die jedoch zu uncool ist, um sie zu posten, zu “hip” sagen wir es so, ragt hinab, geht nahtlos in offene Lackstiefel über, gelöchert, lose leuchtendrote Schnürsenkel ohne Sinn und Zweck.

Er ist allein und einsam und die Welt ist grundsätzlich schlecht, dass er so allein und einsam ist, doch

Moment einmal.

Sehe ich nicht neben ihm eine junge Frau, in emotionalem nachtfarbenen Chic gekleidet mit graugefärbtem Schläfenhaar, die lächelt und mit ihm redet?

Nicht in seinem Universum.

Auch wenn Sie seine Hand nimmt.

Sein Gesicht, eine Maske. 5000 Jahre alt.

Sie redet ihm gut zu. Er erinnert mich an eine mentale Mumie.

Da ein Kuss. Ich schaue kurz weg, folge meiner eigenen Höflichkeit und den Knigge, der stehts dabei ist.

Eine seiner Augenbrauen hebt sich kurz. Sein Gesicht erwacht. Er lächelt, versucht es jedenfalls. Jahrtausendelange Agonie hat das Gesicht in eine Statue aus purem Weltschmerz verwandelt. Doch nun bröckelt Sand. Hoffnung strahlt auf im Gesicht seiner jungen Begleiterin.

Dann, als hätte ein Blitz aus dunkler Materie ihn getroffen, versinkt er, gerade ans Licht geholt, erneut in die endlose Nacht.

Und dann steige ich aus. Und ich sehe eine Regenwolke über dem Wagon schweben und filigrane Düster-Wesen aus anderen Dimensionen kreisen wie von einem ewigen Strudel gehalten genau über seinem Platz, der anscheinend das Tor zwischen den Welten ist.

Ich bin zu alt für diese Dimensionstore, sage ich leise und lausche den bewegenden Klängen der Sinfonie Nr. 5 von Mr. Heavy Metal Gustav Mahler und träume von küstenlosen Meeren, während ich hinabschleiche, in die Stadt, die mich leise ruft.

Lyrik über Vögel vor dem Fenster morgens in der Dämmerung/In D-Moll/Reim-Dich-Modus

Lyrik über Vögel vor dem Fenster morgens in der Dämmerung/In D-Moll/Reim-Dich-Modus

Des Menschen Feind, ganz ohne Hast

sitzt vor dem Fenster, auf dem Ast

und schaut mit schwarzem Kullerblick

betrachtet nun mein Dämmerglück.

Ein Flügelschlag erweckt die andern,

und statt zu reisen, südwärts wandern

beginnen sie, gleich einem Chor,

zu „singen“ in mein rechtes Ohr.

Dem Pfeifen mag man abgewinnen

dass, wenn man wach ist, freudig grinnen,

doch wie so oft im Dämmerland

ballt sich bereits des Schlummers Hand

und eine Faust wird offenbar,

die diese Zeit hasst, Früh und Jahr,

und dann erhofft sich Schnee und Eis

und Vogelflucht in südliche Kreis

Und wie die Sonn sich heller schraubt

und man es greller nicht zu werden glaubt

da endlich, meine Wünschen folgen

da graue Riesen, Wasserwolken

Die klugen Vögel starren nun

nach oben, können nicht mehr ruhn

auf ihrem Aste, dieser schwingt

fliegen davon, zum Abschied winkt

der eine Vogel, Menschenfeind

der weiterflucht, im Hass vereint,

den Schläfer quält mit lauten Schall

bis endlich trifft, der Regenschwall

unzufrieden mit der Stille

wacht auf des Schläfers Widerwille

er taumelt bis zum Fenster hin

und öffnet es. Ja. Ohne Sinn.