Blumenmuster und Zigarettenrauch

Blumenmuster und Zigarettenrauch

In der Ferne übt ein Kind Saxophon. Es kann auch ein Roboter sein, ein Anfänger in Sachen »Ich kann Musik machen«, doch es ist fraglich. Ich starre in den Rauch meiner letzten Zigarette, bevor ich aufhöre. Regentropfen zischen in der Glut, versuchen, die letzten Reste des Tabaks zu vernichten, bevor ich es tun kann. Rinnsale glänzen, den Spuren von Klauen gleich, auf der Tapete, soweit sie sich noch nicht von der Wand gelöst hat. Manchmal ziehe ich lange Streifen vom Holz, Blumenmuster, die in meiner Hand zerfallen. Bald werden die ganzen Wände hier grau von Schimmelpilzen und Resten des Leims sein. Ich hasse mein Büro.

Meine Füße zucken, als jemand an die Tür klopft. »Herein«, sage ich, hoffe, dass mich niemand hört. Der Schatten vor dem Fenster bewegt sich, dann tritt ein Skelett ein. Nein, es ist nur eine Frau. Metall glitzert an dort, wo andere Menschen Gelenke haben. Sie ist echt, kein Zweifel, kein Roboter wäre blöd genug, sich halb menschlich zu verkleiden. Dafür sind sie zu intelligent … oder zu dumm.

»Was kann ich für Sie tun?«

Ihre Augen leuchten, Scheinwerfer im Halbdunkel meines Büros schweifen umher. Es ist nicht sie, sondern eine Drohne, die nach freien Wohnungen sucht. Der Wohnungsmarkt ist scheiße, aber die ganzen Reformierten brauchen Platz und kein Gesetz verbietet es, freie Zimmer zu vermieten.

»Ich suche meinen Vater.«

Sanft wie Rosen, ihre Stimme erinnert mich an geschmolzenen Samt. Ich nicke.

»Setzen Sie sich doch.«

»Hier?«

Sie sucht nach einem Stuhl. Ich habe keinen zweiten. Das fällt mir erst jetzt ein, aber gut, sie ist auch meine erste Klientin. Ich zucke mit den Schultern. Ziehe an der Zigarette.

»Dann nicht. Wie Sie wollen.«

Sie schweigt, weiß augenscheinlich nicht, was sie sagen soll, also spreche ich für sie.

»Ich suche meinen Vater… weiter? Informationen geben weiteren Informationen Geburt, Basis, Grundlage.«

»Tropft es hier immer so stark?«

»Sie sind neu hier, nehme ich an, Miss …«

»Montague. Ja, ich bin neu hier. Mein Schiff ist gestern hier gelandet.«

»Mein …«

»Mein Schiff. Wissen Sie, Sie sind ganz schön reizbar, glaube ich.«
»Schätzchen, ich bin nur eine Projektion Ihres Verstandes«, sage ich, ziehe die Asche bis zum Filter der Zigarette, lasse den Stummel fallen, während ich den Rauch betrachte der sich zwischen mich und Miss Montague legt. Die Glut zischt, dann ist sie tot. Ich ziehe aus meiner Manteltasche eine weitere Zigarette. Die letzte. Sie sieht aus wie ein abgestürztes Raumschiff.

Die Frau betrachtet mich schweigend. Reformierte reden nicht viel. Reden ist Zeitverschwendung. Genau wie Sex oder Rauchen.

»Möchten Sie eine?«, frage ich. Sie schüttelt den Kopf. Hab ich mir gedacht.

»Mein Vater ist Ludwig Montague. Ich habe ihn seit Jahren nicht mehr gesehen. Nicht, seit ich mich entschlossen habe, den Mars zu besuchen.«

»Sie meinen Mond …«

»Mars. Der rote Planet. Das hat nur nicht geklappt und ich bin nur bis zum Mond gekommen.«

Mars ist heretisch angehaucht, Tod und Krieg leben dort Hand in Hand. Außerdem lebt dort kein Mensch, nur ein paar Roboter, die Schach spielen. Tod und Krieg halt.

»Ihr Vater hat das nicht gemocht?«

»Mein Vater hat mich immer unterstützt und unterschätzt. Ein klassischer Akademiker. Dann ist er abgedriftet, Tabak und Roboter, Alkohol und Bücher. Detektivromane. Taschenbücher. Jazzmusik.« Sie schüttelt den Kopf. Ihre Gelenke quietschen.

»Und ich soll ihn suchen, weil …«

Sie fällt mir ins Wort. »töten. Seine Seele ist Teil meiner Seele und ich muss frei werden von ihm. Verstehen Sie?« Ihre Hände knallen auf den Schreibtisch. Brocken von Holz platschen in den See unter meinem Sessel.

»Was ist schon eine Seele, Frau Montague? Nur eine Ansammlung von Erinnerungen, von Träumen, von Wünschen. Sie müssen ihn nicht finden. Sie müssen ihm nur vergeben. Lehrt das nicht ihre …«

»Ich bin keine … ich bin nur ein Mensch.«

»Mit Roboterteilen an sich.«

»Alles unter der gesetzlichen Regelung. Reden Sie nicht. Finden Sie ihn.«

»Kann ich nicht, sorry.«

Ich ziehe an meiner Zigarette. Sie schmeckt nach Tabak und Jazzmusik. Ich spucke aus. Hier ist eh alles im Arsch.

»Wieso nicht?«, fragt sie, ihre Augen brennen. Ich merke, dass sie mir nicht glaubt.

»Weil ich einfach nicht existiere, Miss Montague.«

Sie reißt ein Stück aus dem Tisch, riecht daran, wirft es weg.

»Sie sind echt!«

»Leider nicht, junge Dame. Sehen Sie sich um. Kann ein Mensch so überleben?«

»Dann sind Sie ein Roboter!«

Ich lächele. »Nein. Ein Roboter darf kein Detektiv sein.«

»Was sind Sie dann?« Sie tritt nach vorn, schlägt zu. Holz zerbirst unter ihren Metallknochen. Noch ein Schlag und mein Schreibtisch klappt auseinander wie eine alte Zeitung. Meine Füße schweben weiterhin in der Luft.

»Ich bin nur ein Konstrukt aus ihren eigenen Wünschen. Sie sind vermutlich gar nicht die Tochter Montague, eher der Vater. Hier …«, sage ich und fummle in meiner Jacke herum, ziehe eine Pistole hervor. Schwarzglänzendes Metall brennt in meiner Haut, dann werfe ich ihr die Waffe zu. Sie fängt sie. »Versuchen Sie es.«

»Was?« Ihre Stimme zittert, das ferne Saxophon heult auf, die Drohne draußen flattert weiter, Enttäuschung quält ihre Maschinen.

Sie packt den Griff, hält sich die Pistole an den Kopf, das Kinn, die Brust, Metall kratzt an Metall. »Sie lügen«, stellt sie fest, deutet mit der Waffe auf mich, drückt ab. Ein Schuss löst sich. Es knallt, Echos überlagern sich. Es platscht. Die Waffe liegt im See unter mir, Wellen verweilen an der Stelle, wo »Miss Montague« gestanden hat, doch die Erinnerung verfliegt sofort wieder.

Ich ziehe eine Zigarette aus meiner Jacke, die letzte, die ich habe und lausche, wie ein Kind Saxophon übt, irgendwo hinter den Wänden, an denen gemalte Blumen verfaulen.

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