Berlin: U2 – Musikalisches Scharmützel

Berlin: U2 – Musikalisches Scharmützel

Teilweise handgebastelte Musik in der Ubahn ist eine schwierige Angelegenheit. Ich versuche, sie zu ignorieren, schraube den Lautstärkeregler meines MP3-Players nach oben, rede noch lauter mit mir selbst. Andere Menschen haben nicht die Möglichkeit oder die Lust, sich damit auseinanderzusetzen.

Diese Geschichte läuft völlig fremde Musik ab, oder besser: nur mit der Musik der Gruppe „Gentle Giant“. Natürlich auf meinem Player.

Ich stehe gemütlich, angelehnt an einer Tür, höre sanften Progressive-Rock, als sich hinter mir der Weg nach außen öffnet und ein Mann eintritt, eine große Kiste vor sich herschiebt, die mir Sorgen bereitet, ein kleines Gerät aus Hartplastik mit großen Knöpfen darauf geschnallt. Ein Ausnahmekünstler betritt den Konzertsaal betritt. Er lächelt… noch. Andächtiges Schweigen.

Ich greife in die Jackentasche und erhöhe die Lautstärke des Players. Dann beginnt er, greift in die Vollen: Die Viola ist rot und augenscheinlich nicht laut genug, also tippt er auf das kleine Gerät und ein Rhythmus-Sample unbekannter Machart jault schräg-theatralisch durch den Wagon. Ich höre es nicht, aber ich kann mir Dinge gut vorstellen. Und ich lese in den Gesichtern der Zuhörer.

Irgendwann hört er damit auf, ich sehe das, weil er sich vor mich hinstellt und Geld will. Ich ignoriere ihn. Ich atme auf. Noch 1 Minute.

Zu früh gefreut.

Bei dem Versuch, sich durch die Menschenmassen auf den Sitzen zu quälen, den Blick, der „Euro?“ fragt, nach links gewandt, bleibt die Kiste (ein Verstärker auf Rollen!) plötzlich an Schuhen einer Person auf der rechten Seite (Mann, Mitte 40, helle Kleidung) hängen und der „Sampler“ fällt wohl zu Boden, aber das sehe ich nicht wirklich, nur aus dem Augenwinkel, weil der Musiker es aufhebt, Knöpfe drückt und beginnt, den Sitzenden anzufauchen. Dieser reagiert genervt, ignoriert den Künstler, worauf dieser lauter wird. Natürlich steigt damit auch die Lautstärke von Gentle Giants „Proclamation“, welche ich krampfhaft auf 100% hochschraube.

Jetzt wird es ernst, denn der Künstler beginnt, seine Jacke auszuziehen. Ich erinnere mich an das gestrige Eishockey-Spiel und vermute, dass hier kein Schiedsrichter eingreift. Er wirft die Jacke und den Schal auf seinen Verstärker und lässt den Sampler wenige cm vor dem Gesicht seines Mörders kreisen. Dieser hebt abwehrend die Hände, was verständlich ist, denn wenn ein Mann seine Jacke auszieht, daaaannn…

Haltestelle: Der Mann gerät in Panik, fühlt sich wohl irgendwie belästigt, springt auf und rennt aus der vorderen Türe. Der Musiker, überrascht, packt seine Jacke, seinen Rollenverstärker und peitscht sich durch die Menge der Passagiere zu genau diesem Eingang. Vernünftiger wäre gewesen, wenn er durch die Türe hinter mir nach draußen getreten wäre, denn: Kaum hat er den Wagen verlassen, öffnet sich die Tür neben mir und: Ein Mann in heller Kleidung kommt keuchend hereingetreten. Hinter ihm schreiend der Künstler. Der Mann versucht halbherzig, seinen Verfolger aus dem Wagen zu halten. Vergeblich: Irgendwann verlassen ihn die Kräfte. Mit einer Geistesgegenwart, die die wenigsten Leute haben, beginnt er erneut einen Sprint durch den Wagen und erwischt die Tür unter dem lauten Tröten der „Wir fahren los“-Warnung. Er ist draußen. Der Musiker nicht.

Allerdings, so gestehe ich, bekomme ich die letzten Augenblicke nicht wirklich mit, nur nebenbei… denn ich zähle, um mich abzulenken, mein Münzgeld… exakt 1,12 Euro.

© 26.01.2011 Emanuel Mayer

2 thoughts on “Berlin: U2 – Musikalisches Scharmützel

  1. Seltsame S- und U-Bahn-Erlebnisse sind in Berlin wohl an der Tagesordnung, oder? Die drei Tage, die ich dort war, kann ich mich an drei seltsame Vorfälle erinnern ö_ö Nur nicht so seltsam wie der jetzt, gestritten hat sich niemand. Da war nur einer, der nicht so gut Deutsch konnte, der meine Schwester und mich (so um… halb eins nachts?) fragte: „Wann fährt S-Bahn?“ – „Weiß nicht, wir sind nicht von hier.“ – „Ahhhh…. scheise… scheise, isch muss doch… zu Familie, weißt du? Die warten… isch musss meinen Sohn abholen von Bar… wann fährt S-Bahn??“ – „Das wissen wir nicht!“
    Das ging ungefähr… zehn Minuten so, dann ging er. Und kam zurück.
    „Wann fährt S-Bahn?“
    „Das wissen wir nicht! Wir. Sind nicht. Von hier!“
    Und dann ging er wirklich. Sowas o_o
    Und Musikmenschen hatten wir auch recht häufig. Das war nervig, besonders weil einer meinte er hätte das selbst geschrieben, dabei kannten meine Schwetser und ich das…

    Schreib mehr davon, das ist immer sehr interessant zu lesen xD

    1. Ich glaube, die Ubahn ist in Berlin eine Mischung aus Zwischenhölle und Fegefeuer, man weiss nur nicht, in welche Richtung man fährt, nach oben oder nach unten -.- Mich hat man einer mit Cheeseburgern beworfen, um auf die menschenverachtenden Praktiken von MCD aufmerksam zu machen. ich dankte ihm… und er freute sich, jemanden aus seinen kapitalistischen Träumen geweckt zu haben…

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