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Autor: Lyka

Emanuel wurde im verschlafenen und meistens verschneiten Erzgebirge geboren und verbrachte dort mehrere Jahre, bis er im Alter von 27 Jahren, 1 Monat und wenigen Tagen nach Berlin zog. Im Jahre 2003 bis 2006 schrieb er unter verschiedenen Pseudonymen Gedichte und Kurzgeschichten in verschiedenen Internetforen, legte jedoch eine längere Pause bis zum 23.05.2010 ein. An diesem magischen Tag begann er mit den Arbeiten an seinem Debüt “Der Club der Dilletanten”, welches er 2011 beendete und 2012 veröffentlichte. Zwischenzeitlich hat er mehrere Bücher als Ebooks veröffentlicht, die über verschiedene Shop-Seiten verfügbar sind. Weiterhin schreibt Emanuel über sein Blog “Lykas Skriptorium” Novellas, Kurzgeschichten, Flash-Fiction und Gedichte.

Der sterbende Krieger

Der sterbende Krieger

Schritt um Schritt schlurfen müde Füße über die eisbedeckte Wüste. Schritt um Schritt – die Klinge in Händen brennt, das Eisen ist zu Feuer geworden, das sich in die Haut gefressen hat. Schritt –

um Schritt, stoppt, blickt sich um

Wann hatte er das letzte Mal Menschen gesehen?

Berge aus Eis säumen den Horizont, bedecken den Himmel, der grau über die Welt gelegt wurde; ein zorniger Gott hatte seine Hände ausgestreckt und die Welt in seiner schwieligen Haut versinken lassen. Schnee reißt die Augenlider auf, bedeckt die Augen, benetzt das Herz.

Er wandert weiter mit Füßen aus Stein. Das Schlimmste ist, dass die Schmerzen vergangen sind; Ketten, die aus seinem Fleisch auf den Boden gefallen sind, Zeichen von Leben, die er hinter sich gelassen hat. Alles hat er hinter sich gelassen –

nicht das Schwert, das über den Boden klirrt; ein hilfloser Pflug, der den Weg vergessen hat, von Stein und Schnee davongetrieben wird, ein metallenes Schiff auf einem toten Ozean.

Der Wind heult um ihn herum, doch wer ist er? Erinnerungen sind Blätter, die der Herbst in die Ferne getragen und der Winter verbrannt hat. Bilder blitzen auf, vergehen wieder. Eine Schlacht. Das Morden der Zukunft, Tod und Verdammnis, liegt in den düsteren Gebeten des sturmgeschundenen Mannes, der seinen Namen nicht kennt. Wer braucht einen Namen in dieser Hölle? Wer braucht Namen, wenn das Herz vergisst, zu schlagen?

Was ist das? Durch die flockengetränkte Dämmerung schweben Fetzen, Noten, Melodien. Nein, das kann nicht sein. Er bleibt stehen, für Augenblicke nur, die sich um ihn herum Wellen gleich ausbreiten. Hat er geträumt? Ist das – der Tod, der Himmel? Ist das die ferne Macht, die ihm ein Zeichen gibt: Bis hierher, nur nicht weiter?

Erinnerungen kommen hoch, an Berggipfel, die im Sonnenlicht bis in Wolken ragen, an Hände, die ihn zum Essen führen, verbundene Augen, die seine Ohren in Gesängen baden. Erinnerungen kommen und gehen. Schwerter krachen ineinander – Menschen jaulen, fallen von Pferden, jaulen.

»Nein!«, brüllt er, die Lippen vom Frost blutig geschlagen. »Nein! Das kann -«

Er humpelt weiter, sein Schwert ist nur noch Anker, der ihn am Boden hält. Das Feuer bäumt sich in seinen Beinen auf. Immer weiter treibt die Musik ihn voran, die Gesänge hunderter Dudelsäcke, das Hämmern zehntausender Trommeln, die Stimmen eines unsichtbaren Chores.

Eine Flamme in der Ferne, das Paradies, die Hölle, der Tod und dennoch – er muss voranschreiten.

Sind sie es? Die Clans haben sich zerstreut, doch dort, nur ein paar Dutzend Schritte vor ihm lagern die Männer und Frauen des Clans. Welchen Clans? Des Gewinners. Er will lachen: Gewinner. Er weiß, dass er zu den Verlierern gehört, sonst würde er dort stehen, Bier und Wein und Whisky in sich schütten, bis es kein Morgen gäbe. Narren. Er würde sterben. Ja. Sterben, um seine Familie zu rächen, die Menschen, die ihn zwar nicht gezeugt, nur mitgenommen haben. Gestern noch ein Mensch, heute eine heilige Maschine des Zorns.

Die Kraft in seinen Armen leuchtet den Weg zu seiner Klinge. Schweigend bohrt sich das Schwert in den Sturm hinaus. Mit Schreien gefüllt rammen sich seine Füße in den Schnee, er stürmt voran. Licht leuchten auf, die Musik wird zu einem Triumph, zu einem Krieg, der das Herz bedeckt.

Menschen in fremder Kleidung wirken betroffen, als sie ihn sehen – ihn erkennen.

»Haha!« ist sein Ruf, das Toben in seinen Gliedern. »Haha!«

Er schlägt. Trifft. Schlägt wieder. Trifft erneut. Sie sind keine Menschen mehr, sie sind Monster geworden! Die Klinge prallt von ihren Leibern ab, als wären sie – Teufel.

Eine fremde Macht erwacht hinter ihm, zerrt ihn zurück, wirft ihn zu Boden. Ein Gesicht, so fern und doch so bekannt, beugt sich über das seinige, das in fremde Welten gefangen ist:

»Ey Mann, das Spiel ist vorbei. Trink was. Trink was, verdammt. Es ist kalt geworden. Ganz ruhig, Mann – ganz ruhig.«

Doch er hört nichts hinter dem Rauschen der Dudelsäcke, der Trommeln und den Gesängen der Sirenen, die sich über seinen Verstand legen wie Engel, die ihn von dieser fremden Welt holen. Er hört nichts, sieht nichts, weiß nichts mehr, bis der weiße Wagen kommt, alles in rotblaues Licht taucht – und ihn ins Paradies entführt.

Die Fremden

Die Fremden

»Robert!«

Brian wirbelt herum, sein Gesicht ist kalt wie der Oktoberwind, der sich durch die halbtoten Äste der großen Linde über ihm schiebt.

Keine Antwort.

Wieder versucht es der Junge: »Robert!«

Stille liegt über der Lincoln Street. Ein fernes Auto hupt, doch nach Augenblicken verhallen die Echos der durchdrehenden Reifen in der Finsternis.

»Mist«, flucht der Junge, schlägt sich die Hand vor den Mund. »Robert«, flüstert er zwischen seinen Fingern hindurch. »Wo bist du?«

Brian kennt die Antwort. Robert ist 8 Jahre alt, ganze 4 Jahre jünger als sein großer Bruder. Natürlich hört er nicht auf ihn. Trotzdem hatte Brian seiner Mutter versprechen müssen, auf ihn aufzupassen, bevor sie das Haus verließen.

Brian hatte wie üblich mit den Füßen gestampft. Sein Kostüm passte ja total dazu, ein Pferd auf zwei Beinen. Der Beutel an seinem rechten Vorderhuf war leer und es war schon nach 6 Uhr, fast schon Mitternacht. Mom war erst so spät daheim gewesen und ohne ihre Erlaubnis durfte der Kleine nicht durch die Gegend rennen, besonders nicht an Halloween. Leider hatte auch Randy abgesagt, sein bester Freund, dessen Mom mit einem Mal krank geworden war, irgendwas mit »Was Schlechtes gegessen« und so hatte der Kleine so lang geheult, bis Mom ihm erlaubt hatte, Sammeln zu gehen – »aber nur, wenn Brian auf dich aufpasst.«

Brian, der jetzt ganz allein auf der Straße steht und nach seinem Bruder sucht, fühlt bittere Tränen aufsteigen. Das war alles nicht so geplant. Eigentlich wollte er daheim bleiben, denn er ist viel zu cool für dieses kindische Zeug, doch cool ist anders, als er sich gerade fühlt.

Was wird Mom sagen? Sie wird völlig austicken, Dad anrufen, der 500 Meilen entfernt arbeitet und nur am Wochenende nach Hause kommt. Der wird ihr sagen, dass sie gefälligst die Polizei anrufen soll. Die werde Brian befragen, verhaften, vor Gericht stellen und das wars dann. Kinderheim. Knast. Ein Leben auf einer einsamen Insel unter Verbrechern, die sich um Müll streiten, den man essen muss.

»Robert«, wimmert er, »wo bist du?«

Es war so einfach gewesen, loszugehen. Tür auf, beide raus. Die letzten Kinder rannten mit ihren Eltern durch die Gegend, klingelten an den Häusern der Straße. Hände reichten Süßigkeiten aus dem Inneren der hell erleuchteten Wohnungen. Brian war schon zwei Häuser mitgegangen, hatte mehr als genervt die leuchtenden Augen seines kleinen Bruders ertragen, dessen Stimme nie aufgehört hatte, ihm ins Ohr zu plappern, wie toll alles wäre und dass jeden Tag Halloween sein sollte.

»Weißt du, dass man früher Kinder an Halloween verbrannt hat?«, hatte Brian in einem Anfall von Bösartigkeit gezischt, es jedoch sofort bereut. Roberts Kreischen hatte sich sofort durch sein Trommelfell gebohrt und war bis in sein Herz hinuntergerast, das für einen winzigen Augenblick versucht hatte, stillzustehen, doch erfolglos. Stattdessen hatte er dem Kleinen eine runtergehauen, was Robert sofort in seinem Jaulen gestoppt hatte.

Einen Moment später hatten sich Milchzähne mit einer Zahnlücke in die Hand des großen Bruders gebohrt, der – nun völlig geschockt – keine Antwort gefunden hatte, außer den Kleinen davonzustoßen, der dann über einen Kürbis aus Plastik, der neben einer Straßenlaterne stand, gestolpert war und auf die Straße knallte.

Bevor Brian jedoch etwas hatte tun können, war Robert schon aufgesprungen und heulend davongerannt. Sein Pferdekostüm war gerade noch sichtbar, weiße Flecken, die mehr an eine Kuh erinnerten, dort, wo die anderen Kinder waren, beim Haus von Ms. Donahue, die sehr reich und alt war. Er hatte loslaufen wollen, sich vielleicht entschuldigen oder sich erklären, damit der Kleine Mom nichts sagen würde, doch dazu kam es nicht.

Für einen Augenblick war es nämlich sehr finster geworden und Brian hatte nach oben geblickt und gesehen, dass die Welt flackerte, nein, nur die Straßenlampe, einmal, zweimal, dann war die nächste die Straße runter ausgefallen, dann wieder eine. Schlag um Schlag hatten die Lampen auf der Lincoln Street geflimmert und dann waren die Schatten wie schwarze Schlangen durch die Leitungen gekrochen! Die Nacht raste auf die Erde hinunter, verwandelte Häuser und Lichter in Echos und Erinnerungen.

Und genau jetzt, am Ende aller Zeiten, steht Brian auf dem Gehweg, vermutlich tausende Kilometer entfernt von daheim und sucht Robert.

»Das ist ein Alptraum«, hört er sich selbst flüstern und erschrickt vor der eigenen Stimme, als wäre sie nicht seine, denn sie hört sich so anders an als sonst. Ein Kloß steckt in seinem Hals, die Luft ist wie Brei, der durch seinen Mund in seinen Lungen wandert.

War da was?

»Hallo?«

Winzige Füße tapsen durch die Nacht, Schatten verstecken sich in der Dunkelheit, als könnte etwas existieren, das noch schwärzer ist als die sternlose Nacht, die ihn umgibt.


»Hallo?«

Wieder die Schritte. Ein fernes Kichern bringt Brian zum Zucken.

»Ha… Ha… Hallo?«

Als Antwort ist ein Summen zu hören, Lachen und Weinen, Stimmen, die miteinander streiten und feiern, Flugzeuge, alte Lieder, Motoren, die um ihn herum aufheulen. All diese Geräusche sammeln sich in einem riesigen Ball, der durch die Luft schwebt, laut genug, dass Brian sich ganz genau vorstellen kann, wo er sich befindet. Er streckt seine Hand aus, doch da ist nichts. Nicht einmal ein Kribbeln an seinen Fingerspitzen.

»Hallo? Ist da…«

Der Ball explodiert. Alle Lichter der Straße blitzen auf, werden zu winzigen Sonnen, so dass Brian seine Augen schließen und sich die Hände vors Gesicht halten muss.

»Mamaaaaa!«

Er fühlt, wie ihm die Tränen über die Wangen wandern, schämt sich dafür, dass er nicht erwachsen genug ist, um das »Wie ein echter Mann« durchzustehen, wie die Kinder in den coolen Filmen.

Hinter seinen Augenlidern flimmern die Straßenlampen, werfen rote Schatten, doch das ist alles nur der Terror in seinem Kopf, die Angst und seine Finger, die über seinem Gesicht liegen. Doch alles vergeht.

Als Brian seine Augen mehr als vorsichtig öffnet, sieht alles wieder so aus wie vorher. Er blickt zum Himmel, vorbei an den Lichtern und sieht die Sterne, vor denen die Wolken vorüberziehen, graue Vorhänge vor einem lächelnden Mond.

Und da sind sie auch wieder, die Kinder, die durch die Straßen wandern. Hatte Brian alles geträumt, sich alles nur eingebildet? Nein, die Finsternis und die Stimmen mussten echt gewesen sein. Seine Augen brennen noch immer. Schnell wischt er seine Tränen ab. Jetzt nur noch Robert finden.

»Hey«, ruft er zwei Kindern zu, die sich wie Frankensteins Monster und ein Affe verkleidet haben, »habt ihr ein Pferd gesehen?« Sie rennen an ihm vorbei, als wäre er ihnen total egal. Brian versteht das, sie mögen Süßigkeiten mehr als alles andere. Vermutlich werden sie heute Abend noch Bauchschmerzen bekommen, denn die Tasche des Monsters ist bis zum Platzen voll und man kann sich schon wundern, dass sie noch nicht kaputtgegangen ist.


»Danke für nichts«, ruft er ihnen hinterher und stampft davon. Wenn Robert bei der alten Miss Donahue war, dann weiß sie vielleicht, wohin er abgehauen ist.

Er klingelt. Einmal, zweimal. Im Haus rührt sich nichts. Er stellt sich auf die Fußzehen, versucht, durch das Glasfenster in der Tür zu schauen. Da sind Schatten. Er klingelt noch einmal, hämmert an die Scheibe. Der Schatten reagiert, kommt näher. Es klickt. Die Tür öffnet sich für einen Hauch.

»Ja?«, fragt die alte Frau. Auch sie trägt ein Kostüm heute, ist in dünnes graues Papier gewickelt, wie eine Mumie aus einem der Filme, die Brian nicht anschauen darf. Aber Randy und seine Eltern sind viel zu cool, um das zu verbieten, wenn er sie besucht, auch wenn Brian hinterher manchmal schlecht schläft.

»Haben Sie ein Pferd gesehen?«

»Pferd? Was ist das?« Sie krächzt, ist vielleicht schon wieder erkältet. Vielleicht ist sie auch schon tot und was Brian da hört sind die letzten Augenblicke, bevor ihr Gehirn zu Staub zerfällt.

»Pferd. Ein Tier mit 4 Hufen und einem langem Maul«, Brian fühlt sich genervt, doch die Angst ist viel größer als vorher. Die alte Frau ist ja schon länger verwirrt, deshalb sagen die anderen auch, dass sie bald ins Altenheim kommt, aber noch nie war sie ihm so unheimlich. Ihre Augen brennen sich durch sein Gesicht. Dann, mit einem Rascheln, hebt sie einen Arm und deutet aus ihrem Haus in die Nacht hinaus.

Als Brian sich umdreht, fühlt er nur noch den Luftzug der Tür in seinem Rücken. Gänsehaut wandert über seinen Hals. Die Frau passte nicht, passte einfach nicht hierher.

Wieder hetzen Füße durch Schatten, doch diesmal kann Brian sehen, wer sie sind und wohin sie wollen. Ein Vampir und ein Pirat stampfen über die Querstraße, lassen sich nicht von der Ampel aufhalten, die rot blinkt. Nein, sie gehen weiter, zerren sich gegenseitig zur nächsten Straßenseite. Dort ist das Haus von Flannigans. Die sind reich. Die haben Zeug. Aber die sind auch geizig. Hinter deren Haus liegt der Park, schon fast ein kleiner Wald, und in dessen Mitte der Siebzehn-Steine-Teich.

Dad hatte immer erzählt, dass sein bester Kumpel gesehen hatte, wie dessen Cousin mit einem einzelnen flachen Stein diesen Teich überwunden hat. »Siebzehn Mal war der Stein abgeprallt und dann gegen einen alten Mann geflogen, der sich wie wild nach dem Schuldigen umgesehen hatte. Doch sie hatten sich alle versteckt und der grimmige Mann, ich glaube, das war sogar der Urgroßvater Flannigan, war fluchend davongestampft und ab dem Tag nannten alle den Teich Siebzehn-Steine-Teich. Bleib ja weg davon und lass auch Robert nicht in die Nähe, denn der ist viel zu gefährlich!«

War Robert dort? War der so dumm gewesen, abzuhauen und dann ins Wasser zu fallen? Er kann doch gar nicht schwimmen!

Schneller als ein Rennwagen beschleunigen kann, rast Brian über die Straße, übersieht ein fremdes Auto, das gerade noch bremsen kann. Eine Gestalt ohne Augen starrt durch die Windschutzscheibe. Heute sind nur Irre unterwegs: noch ein Grund, Halloween blöd zu finden.

Aus den Häusern hinter dem Park ist Musik zu hören. Leute feiern, bestimmt Teenager oder alte Leute, die cool sein wollen. Die tragen dann Zorro-Masken oder Kronen, verkleiden sich aber nie richtig. Blöde Leute. Sollen nicht so tun, als wären sie Kinder!

Die ersten Büsche streifen Brian, Äste schlagen ihn, immer öfter muss er seine Arme vors Gesicht halten. Ein paar Kinder haben sicher so ihre Augen verloren. Es war dunkel und sie waren schnell und da kam ein Ast und »Flutsch!« – Nacht für immer!

Brian hechelt. Immer wieder wird er aufgehalten, immer wieder muss er sich zurechtfinden. »Wo bin ich?«, hört er sich selbst flüstern. »Wo kann nur Robert sein?« Seine Augen tränen, er wischt sie ab, sonst verschwimmen die fernen Lichter in einem Meer aus Regenbogenfarben.

»Hallo«, flüstert jemand, direkt neben ihm.

Brian erstarrt. Was war das? Eis kriecht von seinem Nacken hinunter in seinen Rücken. Seine Haare stellen sich auf. Als ihn dann noch eine fremde Hand bei der Schulter packt, ist es vorbei.

»Hör auf zu schreien. Still. Shhhhh.«

Erst nach einer gefühlten Ewigkeit hört Brian diese Worte, als er schon keine Kraft mehr hat, zu kreischen. Sein ganzer Brustkorb schmerzt, weil sein Herz rausspringen und weglaufen will. Sein Kopf summt, seine Augen tränen, schon wieder. Er hört sich selbst nur »Bitte, bitte …« sagen, leise, als wäre er ein Kind. Er ist nicht mehr cool. »Mama!«

Die fremde Gestalt packt ihn, zerrt ihn durch die Büsche direkt in die offene Fläche des Parks. Der Teich glitzert, hunderte bunte Lampen malen eine fremde Welt auf das Wasser. Doch das alles ist unsichtbar für Brian, denn er sinkt zu Boden. Die Gestalt wartet erst, aber dann beugt sie sich zu ihm herunter.

»Hey, alles okay?«, fragt sie. Es ist eine Frau oder ein Mädchen, ja eindeutig ein Mädchen. Sie sieht aus wie eine Piratin oder eine Prinzessin als Piratin. Ihre Augen sind hinter einer roten Maske verborgen, darüber trägt sie eine Augenklappe und ein Kopftuch. Der Rest ist so normal, dass Brian sich so richtig schämt, Angst vor ihr gehabt zu haben. Sie ist aber älter als er, vielleicht ist sie 14 oder 15. Brian kennt solche Mädchen von der Schule. Die gehen nicht zu Halloween draußen spazieren, die sind schon auf Partys oder – so wie er – viel zu cool, um draußen herumzuwandern.

»W-w-was willst du von mir?«, Brians Stimme zittert, doch er kämpft sich zurück in das echte Leben.

»Dieselbe Frage stell ich dir auch gleich. Ich suche jemanden. Ich suche meine Geschwister. Weißt du, wie es nervt, hier herzukommen, nur weil sie das wollen? Ich meine, ich könnte mit meinen Freunden abhängen. Statt dessen sind wir hier und müssen diesen dämlichen Brauch mitmachen. Das alles nur, weil die Sprösslinge so süchtig sind nach eurem Fernsehen. Pff.«

»Du hast ja so recht. Mein Bruder Robert, er ist einfach weggerannt! Blödes Halloween!«, Brian fühlt die Freude in seinem Kopf aufsteigen. Da ist jemand, der genau solche Probleme hat wie er!

»Vielleicht sollten wir zusammenarbeiten. Drei Augen sehen mehr als eines«, sie lächelt ihn an.

Brian lacht. »Klar. Ein Auge. Du bist also eine Piratin.«

Sie zuckt mit den Schultern. »Ohne Verkleidung in dieser Nacht? Ist das nicht Brauch? Ich dachte, du bist auch verkleidet?«

Brian blickt an sich herunter. Comic-T-Shirt. Jeans. Seine Lieblingsjacke, die er von Dad bekommen hat, die Dad auch damals getragen hatte, als die Leute noch cool waren, in den 80ern. Ja, ein paar Leute würden das auch als Verkleidung sehen.

»Was trägt dein Bruder?«

»Er geht als Pferd.«

»Pferd. Hm, das sind doch diese Dinger mit den Hufen. Ja, Jolak trägt auch so was. Und Karol ist wie ein Affe verkleidet. Das sind Dinger, die wie Menschen aussehen, aber mehr Fell haben.«

»Ja, ich weiß«, Brian fühlt sich genervt. »Ich bin Brian und eure Namen sind komisch. Kommt ihr aus Europa oder so?«

Sie grinst ihn an. »Ich bin Mica und okay, ja, wir sind nicht von hier. Aber heute mussten wir hier sein, weil … Halloween ist nur so groß in Amerika, das ist schade. Nein, nicht schade. Doch schade. Egal. Wir müssen uns beeilen, Brian. Ich habe ein ganz mieses Gefühl in meinem … Magen.«

Sie zerrt Brian hoch, dann wischt er den Dreck von seiner Hose und sie gehen gemeinsam um den Teich herum. Die Lichter flimmern. Mica wirkt fast schon erwachsen, sie ist ein bisschen größer als er und sie hat wohl eine Art Radar in ihrem Kopf, so dass sie nie irgendwelche Zweige abkriegt oder in eine Kuhle tritt, Dinge, die Brian leider öfter passieren. Doch sie wartet nicht auf ihn, wenn das geschieht, sie geht einfach weiter. Bald haben sie den Steg erreicht, der in die Mitte des Teichs hineinragt.


»Niemand hier«, flüstert sie.

»Wir sollten sie rufen.«

»Auf keinen Fall!«, zischt Mica. »Wenn man uns hört, dann sind wir geliefert.«

Brian versteht nicht, aber hält die Frage zurück, denn er möchte cool sein und nicht mehr wie ein Kind wirken.

»Da ist jemand«, flüstert Mica. Sie hat recht. Ein Schatten bewegt sich unter den Lichterketten. Brian möchte gleich fragen gehen, doch Mica hält ihn fest, schüttelt den Kopf. Sie gehen in die Knie, verstecken sich hinter einer Bank, auf der normalerweise tagsüber Erwachsene sitzen und Zeitung lesen. Brian kann nicht viel erkennen, doch die lange Gestalt, die den Steg entlangwandert, macht ihm Angst. Ihre Arme bewegen sich nicht, hängen wie nutzlose Kabel an den dünnen Schultern des Mannes. Während er näher kommt, hört Brian ein dumpfes Surren wie ein Radio, das jemand falsch eingestellt hat. Als er Mica anschaut, sieht er, wie ihr Mund zittert, nein, wie ihr ganzer Körper das tut.

Doch auch er kann sich nicht bewegen, kann ihr nicht helfen.

Dann, Augenblicke später ist die Gestalt vorbeigewandert und Brian realisiert erst jetzt, dass sie gar keine Schritte gemacht hat: der Kies hat gar nicht geknirscht, die Bretter nicht geknackt, alles war viel zu leise, als wäre er nur ein Film gewesen, ein fliegender Film. Ja, der Mann … das Ding, es war nicht gegangen, es hatte geschwebt. Ein böser Luftballon, eine böse Wolke, wie in einem Horrorfilm.

Mica zieht ihn hoch. »Wir müssen ihm hinterher.«

»Bist du irre? Das war kein Mensch! Oder … kennst du das Ding?«

Sie schüttelt den Kopf, sagt nichts. Ihre Augen leuchten rot unter dem Flimmern der farbigen Glühbirnen, die noch immer über dem Teich schweben, als wären sie die Sterne eines fremden Himmels.

Mehr als nur vorsichtig schleicht er Mica hinterher. Bald schon haben sie den Teich verlassen und müssen wieder Sträuchern und Zweigen ausweichen. Die Musik wird lauter und es mischen sich Worte und Rufe in die Melodien. Lichter flackern, unterbrochen von den Schatten der Baumstämme und der wenigen Blätter, die noch an den Sträuchern hängen.

»Die Party«, hört sich Brian sagen, »dort sind die Kids garantiert nicht.«

»Wir fragen«, meint Mica und tritt ins Freie.

Teenager und und junge Erwachsene stehen um ein großes Haus herum, hinter dessen Fenstern eine Discokugel Regenbögen durch die Nacht schießt. Autos kommen an und fahren davon, begleitet vom noch lauterer Musik als erlaubt ist. Heute kümmert das wohl keinen. Mom würde ausrasten. Sie hasst laute Musik. Noch mehr würde sie aber hassen, wenn Robert heute hier wäre.

Eine Gruppe von Kindern erscheint hinter der Kreuzung.

»Da! Robert!«

Der Junge hat seinen Beutel bis oben hin mit Süßigkeiten gefüllt. Er ist leicht zu erkennen, hat seine Pferdekopfmaske nach oben geschoben und schaufelt sich jetzt schon mit Schokolade voll. Die anderen halten sich zurück. Sie tragen noch immer ihre Kostüme. Affe und Pferd, Ninjas, Piraten in trauter Freundschaft, Superhelden, Frankensteins Monster ist auch dabei. Das sind doch wenigstens 20 oder 30 Kinder! Brian fühlt eine Frage aufsteigen, aber er kriegt sie nicht zu fassen.

»Hey, Robert!«, hört er sich rufen, verlässt nun auch das Dickicht, doch sein Gesicht erstarrt und sein Herz bleibt stehen. Dort, genau hinter dem Haus mit der Party, schwebt die Gestalt vom Teich. Sie schwebt tatsächlich, wenigstens einen Meter über der Erde! Was ist das für ein Trick?

Das Ding reißt seinen Kopf nach oben. Wo ist sein Gesicht? Es hat kein Gesicht! Da ist nur ein riesiges Maul!

Kreischen überflutet die Straße. Die Leute, die es hören müssen, schlagen sich die Hände über die Ohren, gehen auf die Knie. Fenster klirren. Die Discokugel verwandelt sich in einen Regen aus Glas und Licht. Panik greift um sich. Die Kinder erstarren, heben ihre Hände.

Schlimmer, da ist noch ein anderer Schrei und ein dritter, ein vierter, eine Melodie aus Schreien rollt über die Stadt! Ihnen folgen, nein, das darf nicht sein, noch andere Wesen, weitere fliegende Monster und vor ihnen rennen noch mehr Kinder.

Brian wird wieder gepackt, doch diesmal weiß er, dass es Mica ist. Sie zerrt ihn ins Gebüsch, hält ihre Hand vor seinen Mund: »Pscht!«

Grünes Licht brennt sich in Brians Rücken. Als er sich umdreht, weiß er nicht, was er sagen soll. Der Horror ist echt. Das ist kein Film. Das ist schlimmer als jeder Hausarrest, als jedes Gefängnis. Sein Magen schrumpft. Tränen schießen aus seinen Augen.

Grüne Blitze rasen durch die Nacht. Die Wesen halten glitzernde Rohre in ihren Tentakelfingern. Diese Rohre, sie sehen aus die Pistolen, doch an ihrem Ende ist eine Kugel aus Licht und sie schießen! Sie schießen auf die Kinder in ihren Kostümen!

»Mir wird schlecht«, Brian ist nicht mehr cool, er ist viel zu klein, um cool zu sein, denn die Angst hält ihn gepackt. Jedes Mal, wenn ein Blitz trifft, werden die Hände des Kindes auseinandergerissen und dann zusammengedrückt und dann rollt sich das Kind zusammen und wird zu einem Ball, der nur noch aus Schleim besteht, grünem Schleim, der keinen Mund hat, doch Brian ist sich ganz sicher, dass er die Schreie der Kinder hört: schrille Laute, die im Blubbern der Schmerzen untergehen.

Sie rennen. Kinder rasen über die Straßen, verstecken sich in Vorgärten, hinter Bäumen und Sträuchern. Nichts. Da ist kein Entkommen. Augenlose Köpfe suchen und finden, drücken ab, immer und immer wieder. Immer mehr Kinder krümmen sich, schmelzen zusammen, werden zu Klumpen, nein Eiern. Andere fliegende Wesen, die keine Pistolen bei sich tragen, fallen vom Himmeln und packen die Kugeln, rollen sie die Straße entlang.

»Wohin?«, flüstert Brian.

Mica keucht: »Zu ihrem Schiff« und deutet auf den Himmel.

Genau in diesem Augenblick durchstößt ein Meteor die Wolkendecke und rast auf die Erde hinab, stoppt nur einen Hauch vom Boden entfernt. Eine Welle von Wind und Staub schießt über die Straße bis hinein in den Park, brennt sich in Brians Augen. Er weiß nicht, ob er weint, weiß nicht, was er tun soll.

»Da sind sie!«, Mica zerrt ihn hoch. Ja! Sie hat recht! Ein Affe und ein Pferd und noch ein Pferd, dessen Gesicht das seines Bruders ist, rennen davon. Dahinter Frankensteins Monster. Da ist der Park, dann sind sie in Sicher…

Nein. Ein Strahl, der eigentlich auf seinen Bruder abgefeuert wurde, wird vom Jungen im Monsterkostüm aufgehalten. Brian sieht das Gesicht des Monsters schmelzen, wie das der Puppe, die Randy seiner Schwester geklaut und über einem Lagerfeuer geschmolzen hatte, weil sie blöd zu ihm gewesen war. Nur ein paar Schritte von ihm entfernt zerfällt nun ein Kind statt einer blöden Plastikpuppe, ein echtes Kind.

»Aliens!«, flüstert er. »Im Fernsehen hatten sie Recht. Aliens! Sie klauen Kinder. Robert!« Er hört sich selbst rufen, viel zu laut, um nicht aufzufallen. Das fliegende Monster hat das sicher gehört! Er sieht eine der gesichtslosen Kreaturen auf sich zufliegen, während die anderen Kinder sich in den Park geflüchtet haben.

»Der kriegt mich«, denkt Brian und hört, wie seine Zähne klappern. Ein fremder Geruch hüllt ihn ein, es riecht so richtig ekelhaft, wie alte Leute, die zu lange allein gewohnt haben, so wie Oma, die er nie wirklich kennengelernt hat, weil sie schon viel zu alt war. Der Geruch ist süß und wie ein altes Auto, das brennt. Ja. Feuer. Das Monster riecht nach Feuer und alter Schokolade. Sein Magen brennt. Das sind die Wesen, die zu Halloween kommen. Das ist der Sinn von diesem Fest! Alles wird klar. Das war alles geplant, seit vielen hundert Jahren!

Das Wesen zielt mit seiner Waffe über die Büsche hinweg, zischt, als wäre es zornig und stößt die Kugel davon, die einst ein Kind im Monsterkostüm war. Wo sind die anderen? Wo ist Robert?

Mehr als nur vorsichtig dreht Brian seinen Kopf. Dort, zwischen den Bäumen, wo die Lichterketten blinken, erkennt er Schatten. Sie müssen zum Teich unterwegs sein!

Das Monster blickt ihnen nach, folgt aber nicht. Warum? Stattdessen dreht es sich um und schwebt zu seinen Freunden. Das große Schiff ist gelandet, eine Kugel, so schwarz wie das Innerste eines Alptraums, voller Arme, die die Kugeln in eine Luke werfen. Das Schiff erntet die Kinder für die fremde Welt! Doch Robert ist wichtiger.

Brian dreht sich um und rennt los. Mica ist nicht zu sehen, vielleicht ist sie vor ihm. Wieder schlagen Zweige und Dornen in seinem Gesicht, doch das ist ihm jetzt egal.

»Robert«, brüllt er und eines der Kinder bleibt tatsächlich stehen, dreht sich um. Er kann nicht sehen, ob es sein Bruder ist, deshalb rennt er noch schneller, bis er endlich, nach einer Ewigkeit den Bäumen entkommen ist und wieder am Teich steht. Dort, auf dem Steg, da stehen sie.

»Robert!«, ruft er wieder, doch niemand reagiert. Seine Lungen schmerzen, während er am Rand des Teichs entlangläuft. Hier geht es auf den Steg. Gut. Nur noch ein paar Schritte.

»Brian!«, der Kleine schreit und deutet mit seinem Huf, seinem Arm über ihn hinweg.

Ein Brummen füllt die Luft. Brian wirbelt herum. Nein! Es ist da, das Ding ohne Gesicht! Es ist ihm gefolgt. Und nun wird es gleich…

»Nein!«, hört er eine Stimme. Mica taucht neben ihm auf. Ihr Gesicht brennt, ihre Augen leuchten wieder, doch er hört nun echte Panik in ihrer Stimme.

Das Brummen wandelt sich, wird lauter und leiser, wird zu einem Quietschen. Über den Bäumen tauchen nun auch andere Gestalten auf, schweben wie Wolken umher. Sie sind noch immer blind für die Kinder hier am Teich; ihre Waffen schießen Löcher in den Park, zwischen die Bäume, direkt hinein ins Gestrüpp. Doch das kümmert das Monster nicht, das über dem Steg schwebt. Seine Arme flattern wild umher, die Tentakel richten die Waffe auf die junge Frau.

Mica kreischt, rennt los, aber nicht weg, nein, direkt in die Arme des Wesens. Sie springt, packt es bei den Beinen, zerrt daran. Es reagiert verwirrt, dreht und windet sich unter den Griffen des Mädchens. Da! Es verliert seine Waffe, die direkt über die Holzbretter hüpft und vor Brian liegen bleibt.

»Lauf«, hört Brian Mica rufen, doch etwas in ihm hat sich bereits entschieden. Er geht auf die Knie, findet die Pistole.

»Aua«, seine Zähne knirschen. Seine Hand fühlt sich an, als würde sie verbrennen, so heiß ist die Waffe. Da ist ein Griff und ein Abzug. Er richtet die Mündung auf das Wesen.


»Lass uns in Ruhe«, brüllt er. »Mica, spring.«

Er drückt ab.

Sie lässt los: »Nein!«

Der grüne Strahl schießt über das Wasser, leuchtet so stark, so dass Brian die Steine auf dem Boden des Teichs sehen kann. Blitze wandern über das schwarze Gespenst, es heult, bebt, sein Quietschen wird immer lauter, bis es mit einem lauten Knirschen zerrissen wird. Schwarze Schnüre fliegen durch die Luft, landen im Wasser, wo sie zischend untergehen; andere fallen auf den Steg, krümmen sich wie Würmer, erstarren, sterben.

Brian lässt die Waffe fallen. »Mica«, stammelt er, »alles in Ordnung?«

»Mist, Mist, alles Mist!«, hört er sie fluchen.

»Wir müssen weg!«

Sie schüttelt ihren Kopf. »Nein, WIR müssen weg. Ihr solltet nach Hause gehen.«

Sie geht zu ihm hinüber, starrt ihn an und kickt die Waffe in den Teich, die mit leisem Blubbern versinkt. Hinter den Dampfwolken erkennt Brian, dass die Pistole sich auflöst, einfach so, als wäre sie nie dagewesen.

Mica drückt auf ihre Maske. Da ist er wieder. Dieser Ton. Dieser entsetzliche Ton, als würde man einen Fernseher auf alle Kanäle gleichzeitig schalten. Die Lampen flackern. »Schnell!«

Am Anfang des Stegs bildet sich ein Kreis, der sich sehr schnell in eine Kugel verwandelt.

»Die Aliens!«, ruft Brian. »Sie sind hier!«

Mica rennt zum Ende des Stegs und packt Pferd und Affe und zerrt sie davon. »Hol deinen Bruder«, sagt sie. Ihre Stimme wirkt mit einem Mal sonderbar fremd.

Brian folgt ihrem Befehl und packt seinen Bruder. Sie rennen, doch wohin. Zur Kugel?

Kurz vor dem Ende des Stegs stolpern alle, als ein Arm sich aus der Erde gelöst hat, eine letzte Erinnerung an das Monster, das Brian zerstört hat. Die Tentakel packen sie, halten sie fest, Kostüme und Beine und sie fühlen sich kalt an, kalt wie Eis aus dem Weltraum.

Mica kann sich befreien, tritt sie zur Seite. Sie ruft einen Befehl. Die Kugel öffnet sich. Licht strahlt über den Teich hinweg, so dass Brian seine Augen schließen muss. Sie zerrt ihn und Robert hoch.

Die beiden anderen Kinder rennen in das Schiff hinein!

»Nein!«, ruft Brian.

»Doch«, meint Mica und zieht sich die Maske vom Gesicht. Sie ist kein Mensch! Ihre Haut ist ganz grün und schuppig, wie die Schnauze einer Echse. Ihre Augen rollen sich aus ihrem Kopf, hängen an dünnen Stängeln, die in die Luft wandern wie Antennen, wie die Augen einer Schnecke.

»Entschuldigung«, knirscht eine Stimme aus dem Lautsprecher der unter ihrem Kopf hängt, rote unbekannte Zeichen rollen über ein Display. »Das sind meine kleinen Geschwister und meine Eltern würden ausrasten, wenn sie wüssten, dass wir euren Planeten besucht haben. Dabei wollte ich einfach nur, dass die beiden mich nicht mehr die ganze Zeit damit nerven, dass alle anderen mal zur Erde fliegen dürfen und sie nicht. Die sind so süchtig nach allem, was von der Erde kommt, besonders von eurem, wie nennt ihr es ‚Fernsehprogramm‘.«

Sie dreht sich um und stampft davon. Brian hält die Hand seines Bruders fest.

»Die Bälle?«, ruft er hinterher.

»Das sind unsere Kleinen. Da haben Jolak und Karol wohl zu viel in der Schule angegeben, sorry. Die anderen Sprösslinge haben ein Schiff geklaut und sind uns hinterhergeflogen. Und das alles nur, weil ihr sowas cooles wie Halloween feiert.

Mist, du hättest die Lehrerin echt nicht erschießen sollen. Aber gut, ich hoffe, ich krieg keinen Hausarrest. Vielleicht war das alles nur ein Unfall. Ich werde nix verraten, wenn du nichts verrätst. Ehrlich nicht. Versprochen?«

Brian nickt und drückt die Hände seines kleinen Bruders fest genug, um ihn nie wieder loslassen zu müssen.

Die Tür schließt sich hinter dem Mädchen aus der fremden Welt und durch das Glas, das sie einhüllt, erkennt Brian, wie Mica ihm zuwinkt. Er winkt vorsichtig zurück. Jetzt kann er erkennen, dass das Kind mit dem Affenkopf einen Knopf an seinem Kostüm drückt und sich auch in einen Ball aus Schleim verwandelt. Dann jedoch nimmt das Kind mit dem Pferdekopf die Maske ab und winkt ihm zu und Brian hört sich selbst schreien… doch niemand ist da, der es hören kann, außer den Monstern, die Mica »Lehrer« genannt hat, die über den Bäumen in seine Richtung schweben, während das Raumschiff nur kurz aufheult und dann so schnell davongerast, dass nur noch ein Lichtstrahl in die Wolkendecke verschwindet:

»Mica, du hast deinen Bruder dagelassen! Mica, komm zurück, du hast das falsche Kind! Du hast meinen Bruder mitgenommen!«

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Die PDF zur Geschichte

 

 

 

 

Ich danke euch! Ich brauche eure Hilfe, um als Autor zu wachsen!

Ich danke euch! Ich brauche eure Hilfe, um als Autor zu wachsen!

Hi.

Erstmal gigantischen Dank an alle, die mich bisher in meiner künstlerischen Tätigkeit als Schriftsteller von Bücher und Kurzgeschichten unterstützen. Eure zahlreichen Zugriffe auf mein Blog und meine Kurzgeschichten machen mich sprachlos.  Ihr seid absolut grandios!

Seit mehr als sieben Jahren schreibe ich nun und freue mich über jeden, der Anteil nimmt an meinen kleinen und großen Reisen an fremde Orte und in unbekannte Welten.

Ich freue mich riesig, wenn ihr mir helft, als Autor zu wachsen. Natürlich finde ich es toll, wenn ihr eines meiner Bücher kauft (über Amazon und über andere Ebook-Anbieter), aber fast noch mehr freue ich mich über ein Like oder wenn ihr einen Beitrag von mir teilt , wenn ich eine neue Geschichte geschrieben habe (über mein Blog) oder ein neues Buch veröffentlicht, oder eine neue Buchaktion gestartet habe.

Da nicht alle Leute immer gleichzeitig auf Facebook, Twitter, Tumblr oder Google+ sind, wird es in nächster Zeit auch passieren, dass ich hin und wieder ein paar Beiträge doppelt poste.

Hier meine wichtigsten Orte:

meine Kurzgeschichten:  http://lykas-skriptorium.de/

meine Hauptseite: http://emanuel-schreibt.de/

mein Profil bei Amazon: https://www.amazon.de/…/B00…/ref=dp_byline_cont_ebooks_1

mein Goodreads-Profil: https://www.goodreads.com/author/show/5855448.Emanuel_Mayer

Mein Plan ist es, in nächster Zeit für jede bisherige Veröffentlichung ein Blog-Posting mit einer passenden Beschreibung zu erstellen, die aber nichts verrät; kaum jemand schätzt Spoiler.

Ich danke euch von Herzen!

 

 

 

 

 

 

Die Lawine – eine Gegenfabel

Die Lawine – eine Gegenfabel

Es hing ein Echo über den Bergen. Steine polterten noch immer über die trockenen Hänge, unaufhaltsame Schläge, die Sträucher und Bäume mit sich rissen, als wären sie einfach nie dagewesen. Splitter schwebten für Augenblicke über die brodelnde Landschaft, erinnerten an winzige Schiffe, die ankerlos über ein Meer aus Zerstörung und Wut geworfen wurden. Die Luft war erfüllt vom Brüllen der Erde, die sich wie eine Schlange häutete, ob sie wollte oder nicht.

Blanker Felsen leuchtete unter den frischen Wunden. Sonnenlicht kroch nur langsam durch die Wolken, die sich immer weiter in den einst so blauen Himmel schoben. In der Ferne jaulte Wolf, das Rudel Wölfe, panisch in ihrer Flucht, beachtete ihn nicht weiter. Ihre Läufe verloren sich im Tumult der Panik. Hunderte, wenn nicht sogar tausende Tiere rannten um ihr Leben. Eine Flut aus Geröll bahnte sich ihren Weg, als wäre sie lebendiger als die Kreaturen, die ihr entkommen wollten. Doch nur der Blick konnte ihnen noch helfen. Jeder Blick zurück war ein Urteil, vom Schicksal verhängt, »Schuldig im Sinne der Anklage«. Und so taumelten Wellen aus Fell und Pfoten über die staubumnachteten Hänge hinab ins Tal.

Hier warteten sie. Zusammengepresste Augen, die durch Fernrohre starrten, Linien zwischen Kimme und Korn erdachten, fixierte Augen, die nur ein Ziel hatten. »Töten«, wimmerte ein Mann, sehnsüchtig zusammengesunken hinter seiner Doppelläufigen, die Zigarette am Filter zerkaut, halbblind vom Rauch, der sein Blickfeld verschwimmen ließ. Andere taten es ihm gleich, nahmen noch einen Schluck aus der gemeinsamen Flasche, spuckten ihren Abscheu und ihre Gier auf den Boden. »Geld«, flüsterte jemand, »soviel Geld für ihn.«

Dutzende Augenpaare starrten auf den kommenden Sturm, suchten einen Schatten, der sich ihnen offenbaren sollte, die die Gestalt eines Mannes haben sollte, der sowohl gefürchtet als auch verehrt wurde. Doch es war viel zu spät, sich daran zu erinnern, dass er als Fremder in die Stadt gekommen war. Stadt, ha! In das Dorf, ein Dutzend Häuser, eine Kneipe, eine Kirche, eine Straße. Er hatte Geld mitgebracht und Hoffnung, hatte alles getan, was er hatte tun können, damit sie ihn mochten. Ein Fremder, der zum Freund geworden war. Doch alles war vorbei, jetzt nach fast 7 Jahren hatte das Unglück die Kleinstadt besucht und hatte andere Fremde angespült und sie hatten ihren Freund als einen Feind erkannt, als Schurken unvergessener Verbrechen, als Kopf hinter unzähligen Raubzügen. Manch einer sang heimlich Lieder über ihn und seine Gang, aber nur heimlich, nur in seinem neuen Bett, unter der Decke, wo man allein sein konnte mit seinen Träumen. Als er erkannt worden war, hatte er zwei Tote zurückgelassen und eine Karte. Die Fremden sagten, es wäre ihr Gold und jeder, der ihnen helfen würde, könnte reicher werden als ein Rockefeller. Allerdings wäre auch jeder tot, der sich ihren Wünschen verweigern würde.

Doch Gründe versickerten im Donner des Weltuntergangs vor ihren Gewehren, die wie Verrat brannten. Er war auf dem Berg. Er musste runter vom Berg. Hätte er sich nicht verschanzt, wäre alles in Ordnung gewesen. Wäre er nur weit weg geflohen, hinunter in die endlosen Ebenen dieser neuen Welt, aber nein. Er musste in die Mine, dort, wie die Fremden ihnen versicherten, wo er das Gold versteckt hatte. Garantiert, eine sichere Sache. Prügeln wir ihn raus aus seinem Loch wie einen Fuchs.

Der erste Mann wich zurück. Seine Augen brannten, Panik kreischte seinen Weg in die Welt hinaus. Jemand schoss. Er fiel. Feigling. Die anderen starrten auf die wirbelnde Mauer aus Tieren und Bäumen. Da. Da war jemand. Ein Mensch rannte, wie von der Hölle verfolgt, hinunter ins Tal. War er es? Konnte er es sein? Sein Gesicht, so völlig unsichtbar, absolut winzig im Schauer, der ihm folgte. Wie konnte er so schnell sein? War er schon vorher losgelaufen? Hatte er sich geopfert? War er blödsinnig geworden? Niemand wagte, diese Fragen zu stellen, doch viele dachten wohl dasselbe. Ein Hagel aus Blei raste durch die Dämmerung, winzige Sterne blitzten an den Läufen der Waffen auf, vergingen wieder, doch er rannte weiter, als wäre nichts gewesen. Wellen von Schüssen folgten, verfehlten oder trafen, was auch immer passierte, bleibt unbekannt.

Der Tod überrollte nicht nur die Menschen, die sich einst in seinem Licht und Geld gesonnt hatten, sondern auch ehemalige Kameraden auf der Suche nach Abenteuer und Gold und manch einer sagt, dass der Fremde bereits von der unterschätzten Wirkung des Dynamits umgekommen war, die jemand ohne echte Kenntnis in den Mineneingang geworfen hatte und von der Lawine danach bis ins Tal getragen wurde, zu seinen Freunden, die sein Schicksal teilen sollten. Manch einer mag eine Moral aus dieser Geschichte ziehen, doch am Ende bleibt alles daran hängen, ob man Glück auf der Flucht hat oder einfach hofft, sich in einem Berg zu verschanzen und auf das Unabwendbare zu warten.

Das Meer im 3. Stock

Das Meer im 3. Stock

Er erwachte vom einem einzelnen »Pling«, das in der sonst so stillen Wohnung wie ein Paukenschlag wirkte. Vermutlich hatte er es nur geträumt, so tief in seine Decke gewickelt wie nur irgend möglich. In diesen Stunden des Träumens von vergangenen Dingen war alles möglich. Auch ein »Pling«.

Es folgte ein weiteres. Dann ein drittes. Er schlug die Augen auf. Die Decke über ihm funkelte verwirrend grün, wie eine alte Bierflasche, nur viel fader, als wäre sie von langen Jahren Sonne ausgebleicht worden.

»Pling«

Er richtete sich auf. Sein Nacken schlug wieder zu. Feuer brannte seinen Rücken hinab und er musste ächzen. Für Fluchen war immer noch Zeit. War jemand eingebrochen? Er hatte doch an alles gedacht, um sicher zu sein. Aber …

»Pling«

Er senkte seinen Blick wieder und traf das Fenster, das sonst die Bäume vor dem Hochhaus zeigte, die Kronen jedenfalls, jetzt im Frühling, hier im 3. Stock. Statt dessen starrte er auf ein grünblaues Flimmern, hinter dem sich die Welt versteckte.

»Pling«

Nach einer gefühlten Ewigkeit rutschte er von der Matratze und setze seine Brille auf, die er nur einen Schritt weiter auf dem Tisch hatte liegen lassen. Endlich konnte er klar sehen. Es änderte nichts an dem, was hinter der Glasscheibe lauerte. Vorsichtig trat er näher heran. Seine Füße waren kalt und seine Beine zitterten. Näher und näher kroch er an das Fenster. Dahinter war nichts, nur eine dicke Masse, die sich wie Schleim bewegte, nein, wie, er konnte das Wort kaum aussprechen »Wasser«.

Aus der Ferne schoss etwas heran und knallte gegen die Scheibe, schüttelte sich, blickte ihn an. Ein Fisch. Ein Fisch? Hier? Alles wurde ihm klar. Er war im Wasser. Er schaute hinauf zum Himmel, doch da war keiner, nur ein paar ferne Lichtstrahlen, die sich durch die flüssigen Massen schoben. Unerreichbar war die Welt da oben. Er zitterte. Eine Träne löste sich.

»Pling«

Er schaute ihr nach, verlor sie aus den Augen. Etwas anderes hatte seinen Blick festgehalten. Der Topf mit den Orchideen war übergelaufen und um ihn herum hatte sich eine Pfütze gebildet und wenn man ihr folgte, dann konnte man erkennen, dass ein einziges Rinnsal unter dem Fensterrahmen entlang kroch.

»Pling«

Seine Hand berührte mit aller Vorsicht das Fenster, doch hastig zog er sie zurück. Er hatte sie fühlen können, die Macht des Ozeans. Wo war er? Woher kam das Wasser? Tausende Fragen schossen durch seinen Kopf, doch sie alle verhallten in der Panik, die sich wie eine finstere Hand um seinen Verstand gelegt hatte, die ihren Griff stetig verstärkte, bis irgendwann nur noch ein wimmerndes Etwas in der Ecke liegen würde.

Doch noch war es nicht so weit. Seine Beine hatten aufgehört, zu zittern, und mit der größten Mühe gelang es ihm, einen Schritt zurückzutreten. Er drehte seinen Kopf hinüber zum anderen Fenster. Auch hier hatte sich bereits das Wasser einen Weg verschafft. Er raste durch das Schlafzimmer in die Küche. Dasselbe. Seine Füße rissen knöchelhohe Wellen in den Schleim aus alten Zeitungen und den Essensresten, die vom Fensterbrett gespült worden waren. Da waren sie wieder. Die alten Bilder. Die alten Schmerzen, die man nie vergisst, die man nur freigibt. Nur heute waren sie zurückgekommen. Er taumelte, musste sich festhalten. Seine Hände glitten am Türrahmen ab. Lackreste schälten sich vom nassen Holz, blieben an seinen Fingern hängen. Die ganze Küche schien bereits aufgegeben zu haben. Doch er nicht.

Er rannte ins Wohnzimmer, riss den Wandschrank auf und holte alles heraus, was er in den letzten Jahrzehnten gesammelt hatte. Bücher. Hefte. Anzüge. Alles konnte helfen, alles hatte einen Sinn. Mit wütender Panik durchwanderte er die Zimmer, drückte, presste, stopfte mit dem Elan eines jungen Menschen Lücken zu, durch die das Wasser, der unendliche Ozean, kommen konnte. Jede Sekunde war ein Leben. Jeder Atemzug kostbar.

Die letzten Anzüge, die er nie getragen hatte, rammte er in die Lücken unter dem Küchenfenster. Jetzt musste er nur noch saubermachen. Dann konnte er überleben. Er schlurfte, ausgebrannt von der harten Arbeit, zum Kühlschrank. Eine einsame Dose Fisch starrte ihn an. Er riss sie auf, zerrte die Filets mit den Fingern in seinen Mund, warf die Dose in den Mülleimer.

»Pling«

Noch nie war ein Ton lauter gewesen, in seinem ganzen Leben nicht. Er wirbelte herum. »Nein!«, keuchte er. Diesmal war es kein Tropfen gewesen. Er starrte den Riss an, der sich quer über die Scheibe gezogen hatte; eine Linie, die sich vorsichtig, einer Baumwurzel gleich, über das Glas kroch.

»Nein, nein, nein«, seine Worte waren nur noch ein sinnloses Wimmern, ohne jeglichen Verstand dahinter. Es knackte im Schlafzimmer, krachte, dann hörte er ein Plätschern, das sich über den Teppich ergoss. Raus! Raus!

Nur Augenblicke später blickte auf die Wohnungstür. Hinter ihr lag … was? Schritte näherten sich über den Treppenstufen. Die Stimme zweier Nachbarn? Halluzinationen?

»Hey!«, hörte er sich brüllen. »Helft mir! Bitte … bitte … bitte …« Seine Stimme wurde zu einem Wimmern, kaum lauter als das Kratzen seiner Fingernägel auf dem Holz. Er drehte seinen Kopf zu den Schlössern, die ihn schützen hatten sollen, vor den Gefahren da draußen … er begriff und er lachte.

Sein Lachen überflutete seinen Verstand. Augenblicke danach brach der Ozean durch und überflutete auch den Rest.

Winternacht

Winternacht

In dieser Nacht war es so kalt, dass selbst die Gaslaternen an den Straßen mißmutig flackerten, als ob Ihre Seelen im Eis verhungerten, das über den Glaskugeln hing, die sonst wie winzige Sonnen in der endlosen Finsternis wirken sollten. Freudige Menschen bedachten dieses Flimmern kaum, denn Ihre Gesichter waren auf die immer neuen Attraktionen gerichtet, die die Schaufenster der Kaufhäuser belebten. Nur noch 2 Wochen, dann wäre wieder einmal Weihnachten und Schwärme rotbäckiger Kinder und Erwachsener belagerten jeden freien Winkel, der einen Einblick in die magischen Welten der Spielzeughändler und Kaufleute suchten, besonders jene, die fremde und verwirrend seltene Lebensmittel in samtenen Kissen ausstellten.

Doch nicht wenige, die ihre Hände in ihre Jackentaschen steckten, waren jene, deren Augenmerk mehr auf die braun-goldenen Flaschen richteten, deren Inhalte mit fremden schottischen Namen bemalt waren, die schon mehr magische Wirklichkeiten versprachen als die üblichen Flaschen, die man nur in papiernen Tüten aus den rauchdurchzogenen Kneipen tragen konnte, die etwas verkauften, was nicht ohne Grund “Feuerwasser”genannt wurde, billigsten Brandwein aus Ecken des Landes, in denen sich kein Mensch freiwillig getraut hätte. Ja, hier lagen und standen sie, die Tränke, die »Aqua Vitae«, die das Leben verlängern oder wenigstens verbessern sollten, zumindest für jene, die es es sich leisten konnte, die von den Preisen nicht zurückschrecken mussten wie Schafe vor Wölfen.

Hände und Nasen pressten sich gegen die Scheibe, verschmolzen mit dem Glas, dass es ein Vergnügen war, sie aus ihren Träumen zu reißen. Jeder wollte einmal genau dort stehen, wo man die Reichsten der Stadt sehen konnte, die in ihren Automobilen vor dem Eingang hielten, von behandschuhten Chauffeuren aus dem wohlig warmen Innenraum zur Tür geführt und von ebenso ausstaffierten Portieren unter hunderten winziger Verbeugungen ins Innere des Palastes geführt wurden, wo sie sich wie echte Könige und Königinnen fühlen durften, begafft von den zitternden Bauern, die jede Sekunde ihres Daseins den Träumen opferten, doch einmal einen Schatz zu finden und ebenso ein gern gesehenes Mitglied des Geldadels zu sein.

Doch nicht alle waren so erpicht darauf, ein Teil der Gruppe zu sein. Nein, denn dort an eben jenem gegenüberliegenden Laternenpfahl lehnte eine Gestalt, deren halbes Gesicht durch einen breitkrempigen Hut verdeckt war, deren Augen man doch erkennen konnte, erleuchtet vom Licht der Gier, die den Mann augenscheinlich seit Stunden warmhielt, denn dem aufmerksamen Betrachter wäre aufgefallen, dass der Mann im Wesentlichen nur einige Schritte gewandert war, seit er beim frühen Sonnenuntergang vor dem Kaufhaus eingetroffen war. Ein Dutzend bis zum Filter gerauchter Zigarettenstummel warteten neben seinem Trampelpfad darauf, von unaufmerksamen Fußgängern in das Flick-Muster aus Schnee und schwarzbraunen Grasresten gestampft zu werden.

Wieder leuchtete hinter dem Rauch eine neue Zigarette auf, wieder wischte er sich die Stirn. Wieso war er so aufgeregt? Doch auch wir können ihn nicht mehr fragen, sein Mund hätte ihn nicht verraten. So vergingen die endlosen Minuten, wurden zu Stunden. Schneeflocken legten ihr Gewicht auf die bereits niedergeschlagenen Scharen der halberfrorenen Träumer. Die Tür öffnete sich ein letztes Mal für diesen Abend. Eine bezaubernde Dame trat ins Freie, nieste entzückend in ihre Seidentaschentuch und rückte ihren Nerzmantel zurecht, bevor mehrere junge Männer im Livree dem Fahrer dabei helfen sollten, den weihnachtlichen Einkaufsrausch in den deutlich zu kleinen Kofferraum zu packen, was zu ermüdenden Diskussionen geführt hätte, wenn der Direktor des Hauses seine Augenbraue nicht gehoben und verkündet hätte, dass man selbstverständlich den Einkauf völlig kostenfrei in das herrschaftliche Haus am Stadtrand bringen würde, »innerhalb einer Stunde!«

Mit kaum merklichem Nicken entließ ihn die Angesprochene und stieg in ihr Gefährt, welches Augenblicke später stotternd zum Leben erwachte und sich vorsichtig den Weg durch die Schneedecke bahnte.

Nachdem er einige Befehle gebellt hatte, zwirbelte der Herr über 37 Angestellte und zwei Mätressen seinen Schnauzbart, bevor er sich nicht mehr mit den weiteren Schritten der Lieferung auseinandersetzte, stattdessen ins Haus eilte, das er nur wenige Minuten später vollständig bemantelt verließ. Auf seine Anweisungen hin wurde die Meute, die sich bereits in Auflösung befand, von den Fenstern vertrieben, welches seine Männer mit großer Freude jeden Abend tun, bevor metallene Fensterläden nach unten rasseln und einem unaufmerksamen Betrachter durchaus Nasen oder Hände kosten können.

Füße wanderten, zogen unbekannte Muster in den jungfräulichen Schnee, der in Böen vom Himmel fiel. Ein Sturm kündigte sich an; seine Finger tanzten durch die breiten Straßen der müden Stadt. Bald fand man hier nur noch das nikotinfarbene Licht der Gaslaterne und in seinem Schatten die Augen der wartenden Gestalt. Erst jetzt, als wäre er aus einem Schlaf erwacht, schüttelte sich der Mann und liess den noch brennenden Stummel seiner Zigarette fallen, betrachtete und zerdrückte die leere Schachtel, die er aus der Jackentasche gezogen hatte. Er schob eine Handvoll Schnee von seinem Hut; der Rest folgte von allein, als er sich langsam vom Laternenpfahl löste.

Zu behaupten, die Pakete der Einkäuferin würden schlecht behandelt, ist schamlos übertrieben, denn trotz der Eile, in der jene in den Lieferwagen gepackt wurden, waren die Angestellten des Kaufhauses überaus diskret und vorsichtig. Die Konzentration auf ihre Aufgabe blendete den Fremden aus, der um die Ecke wanderte, sich dem Tor näherte, dessen warmes Licht Muster in die peitschende Flockenflut malte. Das Leopardenmuster, das die Geduld auf den Mantel des Mannes gemalt hatte, wäre auch im Sonnenlicht kaum erfasst worden, doch jetzt, inmitten des Treibens, verschob sich der Hintergrund der unaufmerksamen Arbeiter kaum merklich.

Der Mann wurde zum Teil der schwarzfleckigen Tür, wandt sich um die Ecke, ging im richtigen Moment in die Knie, bevor ein weiterer namenloser Mitarbeiter an ihm vorbeiwanderte. Flüche knirschten in der Luft. Sie alle wollten nach Hause, ins Warme, ins Trockene, in die Arme der Frauen und Geliebten, wollten essen und trinken, vielleicht sogar wärmende Umarmungen erhalten in dieser Dezembernacht.

Lautes Knattern bestätigte endlich, dass die Arbeit getan ist. Die Pakete waren auf dem Weg und wenn es der Herr Direktor versprach, dann ohne Zweifel innerhalb einer Stunde in jenem Viertel, das man nur aus Romanen kennt. Der Fremde musste nicht lang warten, bis der vielstimmige Chor sein Lied beendet hatte, denn das Tor entließ ein erleichtertes Knarren, als es endlich zufallen durfte. Stille griff um sich wie die Hand eines Riesen.

Schlüssel sangen leise im Hintergrund, Schritte marschierten, besser, sie schlurften über den Boden. Man kannte den bärtigen Wächter, dessen Namen so unaussprechlich geworden war wie sein ausgeblichenes Namensschild, nur aus Erzählungen. Manch einer behauptete, er wäre der Gründer des Kaufhauses gewesen, andere, er sei ein verwirrter Spross des Vorbesitzers. All diese Dinge waren jedoch sinnlos, denn der Fremde hatte nicht vor, ihn zu betrachten.

Monate waren ins Land gegangen, seit diese staubige Flasche in seinen Augenwinkel gewandert war. Ein Zufallsfund, möchte man behaupten, doch für ihn war es Schicksal gewesen. Sie stand am Rande eines Regals, weit entfernt von den übrigen glitzernden Flaschen, die ihren Ruhm vor sich hertrugen wie ordenbehängte Generäle. Doch nur ein Vermögen hätte sie ausgelöst. Deshalb stand sie noch immer dort, am Rand des Regals, aufmerksam betrachtet von vorbeiwanderten Augenpaaren, die vollständige Macht über dieses Kaufhaus hatten. Ja, jeder hier wusste, was sie wert war, seit der Fremde sie aus dem Regal gezogen und betrachtet hatte. Sein Blick hatte ihre Aufmerksamkeit erregt, hatte für den Bruchteil eines Augenblicks ihren wahren Wert erfasst. Damals hatte er sie ins Regal zurückgestellt, sie sogar nach hinten verschoben, weil sie teuer war, doch der nächste Besuch, nur wenige Stunden später, hatte den Rahmen seines Verdienstes gesprengt, selbst wenn er ein Jahrhundert gespart hätte. Er hatte das Lachen des Herrn Direktor in seinem Büro hören können, als dieser eine Audienz ablehnte. Dass er sich ja nicht getrauen sollte, einen weiteren Versuch zu tätigen, sie für einen lächerlichen Preis zu erwerben. Ein Lachen, das Dankbarkeit verspottete.

Diese Nacht war magisch. Die Welt heulte im Rausch des Schneesturms und nur ein einzelner Wachmann wartete darauf, den Morgen zu erleben. Der Fremde huschte von Regal zu Regal, übersah die Schatten nicht, die sich bewegten. Jeder Augenblick war ein Zeichen des Schicksals. Die Schritte des Wachmanns polterten in der Ferne, ein Stuhl rutschte über die Fliesen, knarrte wie ein schlafender Hund. All die Lichter und Gerüche waren nur Abglanz der magischen Flasche.

Das Regal erschien ihm wie der Palast eines vergessenen Königreichs und die Flasche musste befreit werden. Sie war einzigartig und ihre Magie brannte in seinem Herzen. Mit jeder Faser seines Körpers streckte er sich ihr entgegen. Wogen von Feuer rollten durch seinen Körper. Schnee vermischte sich mit seinem Schweiß, verbrannte seine Augen, doch dies war nicht wichtig. Seine Fingerkuppen fühlten den Staub auf dem Glas, als wäre er eine Landkarte in eine fremde Welt.

»Hey!«

Der Fremde musste seinen Kopf nicht drehen. Doch mit einem alten Mann würde er fertig werden, wenn er es wollte. Doch dies war nicht wichtig. Seine Augen brannten, sein Wille war unaufhaltsam!

Das Preisschild riss unter dem Sturm seiner Fingernägel, doch die Flasche löste sich nicht von ihrem Platz, kämpfte gegen ihn, gegen ihren Retter! Er musste näher heran. Seine Fußzehen bohrten sich in die dünnen Schuhsohlen, die die Kälte bisher kaum erträglich gemacht hatten. Als wäre das Schicksal ein Hofnarr und der Mensch nur ein hilfloser König, merkte der Fremde erst jetzt, was er versäumt hatte. Er blickte nach unten, starrte in den Spiegel einer Pfütze, die sein verzerrtes Gesicht in Wellen herumwarf.

Der Boden, als wäre er ein Feind, nahm ihm mit einem Schlag das Gleichgewicht. Er taumelte, versuchte, irgendeinen Halt zu finden, doch seine Hand fand in diesem Augenblick nur das einzig falsche. Der Staub aus Jahrzehnten verschmolz mit in seine Haut. Die Augen des Fremden öffneten sich in beneidenswerter Langsamkeit, während er zu Boden rutschte. Es knackte so laut, als würde sich die Erde öffnen und der Geruch generationenalten Whiskys überflutete die zimttrunkene Luft des vorweihnachtlichen Kaufhauses.

Die Flut aus Alkohol und Glas traf ihn wie der Hieb eines urzeitlichen Monsters, einer vergessenen Legende aus seinen Alpträumen. Bilder von Gefängnis schossen durch seinen Kopf, doch nur im Hintergrund seines Verstandes, der leise gurgelnd unter dem Rauschen seiner Panik ertrank. Weitere Flaschen prasselten auf ihn nieder, zerbarsten um ihn herum, tränkten seinen Mantel und Hut mit den Träumen der namenlosen Betrachter, die ihre Nasen und Gesichter auch morgen wieder an das Glasscheibe pressen würden.

Der Fremde, dessen Namen niemand erfuhr, übersah dankbarerweise die Hände, die ihn aus dem Haus zerrten. Was aus ihm geworden ist, steht in den Sternen, denn keine Zeitung hat je sein Bild oder Namen veröffentlicht. Manch einer behauptet sogar, dass er diese Nacht nicht überlebt hätte, dass man nur eine Leiche aus dem Haus gezerrt hätte, zermalmt von dutzenden Flaschen billigsten Alkohols, die ihm Kopf und Gesicht zerschlagen hätten, doch dies gehört wohl nur ins Reich der Legende, ebenso wie die Tatsache, dass kein Mensch jemals für eine so teure Flasche verstaubten Whiskys geopfert hätte.

Dada. Theatralischer Verfall.

Dada. Theatralischer Verfall.

Z: Zauberer
K: Krieger
D: Zwerg

======================================

Z: Wo waren wir stehengeblieben?

D: Beim …

K: Punkt 3.

D: Hey, du kannst mich doch nicht …

Z: Danke

K: Unterbrechen, nicht wahr?

D: Unterbrechen!

<Z lacht>

<K schlägt D auf den Kopf>

K: Musst wachsen, bis du bei den Erwachsenen mitspielen kannst.

D: Fick dich!

K: Du bist gerade in dieser Position. Danke für dein Entgegenkommen.

Z: Die Herren, bitte.

<Z seufzt, rückt sich den Hut zurecht>

Z: Wir sind also bei Punkt 3 stehengeblieben.

<D zeigt K den Mittelfinger. K packt diesen, verdreht ihn>

D: Hey, fick dich!

K: Nicht mit diesem Finger

Z: Leute. Bitte. Männer. Lasst uns mit Punkt 3 weitermachen, ja?

D: Der hat angefangen!

K: Natürlich. Immer der Mann in der silbernen Rüstung. Nicht wahr? Wie alt bist du? Deinem Bart nach bist du vielleicht sogar 5 Jahre alt.

D: Ich bin 92 Jahre alt.

K: Also 6 Jahre alt.

D: Ey. Sag doch was!

<D deutet auf Z>

<Z zuckt mit den Schultern>

Z: Du bist schon recht bartlos für dein Alter. Selbst ich mit meinen 845 Jahren bin deutlich …

D: Maul. Du weißt gar nichts. Das ist eine genetische Mutation.

K: Du meinst, deine DNA ist dafür programmiert, brüllend in die Höhle eines Drachen zu rennen?

Z: Eines Drachen?

K: Eines echten Drachen. Wie war das noch? Der Drache lebte auf einer Insel, die normalerweise von Rumschmugglern genutzt worden war?

D: Ja, genau, hoooorch mal. Schreit da nicht irgendeine Prinzessin? Willst du nicht losrennen, sie zu retten?

K: Wo?

`

<K dreht sich im Kreis, reckt seinen Kopf aus seiner Rüstung>

Z: Lass dich nicht verarschen. Der hatte heute Hofnarr zum Frühstück.

<K stoppt. Seine Faust packt den Griff seines Schwerts>

K: Wichser!

D: Selber!

Z: Die Herren, bitte … also. Punkt …

K: Wer lässt sich also in einem halbvollen Fass voller hochprozentigen Rums schmuggeln? Nur ein kleiner Mann mit mehr Mut als Verstand. Oder sagen wir: stockbesoffen?

Z: Ach bitte, lassen Sie doch diesen …

K: Bartlosen, der blöd genug war, sich sein halbes Gesicht von einem Drachen wegbrennen zu lassen. Muss ziemlich nach Rumpunsch gerochen haben!

<D hämmert K seinen Kopf den Bauch. Es scheppert laut. Einige Zahnräder lösen sich, poltern zu Boden>

Z: Die Herren … bitte ….

K: Da siehst du mal wieder, was du angerichtet hast. Wer soll das denn reparieren?

D: Vielleicht der Herr Zauberer?

Z: Bitte … ich flehe Sie an …

K: Auf keinen Fall. Diese Kreatur weiß gar nichts von …

Z: Punkt 3! Punkt 3!

D: Toll. Jetzt ist er kaputt.

<K zerrt sein Schwert aus der Scheide und hämmert D den Griff auf den Kopf. D verliert seinen Unterkiefer. Eine Metallfeder springt summend ins Freie>

D: aaaohoohhrrrkkrrrr

K: Hahaha. Siehst du das, du Wicht?

<K lässt sein Schwert fallen. Sein Arm bleibt daran hängen. K hebt seinen Kopf, seine Augen blitzen rot auf>

Z: Punkt 3! Punkt 3!

K: Also, ich weiß jetzt nicht, was ….

<Der Kopf von K fällt herunter, trifft sein Schwert, rollt davon. K hebt seinen verbleibenden Arm>

D: hahahahahaaaaa

Z: Punkt 3! Punkt … 3! Punkt ….

<Aus dem Mund von Z schießt eine Stichflamme. Sie setzt seinen Bart in Brand.>

D: haaaaaaaaaaaaaaa

Z: tttttttttdrrrrrr

K: ……….

<Der Vorhang schließt sich. Ein Mann mit einem Feuerlöscher eilt heran, löscht die Feuer. Er tritt den Kopf des Kriegers. Dieser schießt unter dem Vorhang davon. Es knallt. Der Mann mit dem Feuerlöscher verneigt sich. Keiner klatscht.>

Jason und die Finsternis

Jason und die Finsternis

Er sagte, dass er um exakt 23:30 Uhr da sein würde. Mit einem Koffer voller Geld. Ja, das hatte er gesagt. Koffer und Geld in einem Satz.

Er ist nicht da. »Ich komm mir verarscht vor«, sagt Jason immer und immer wieder. Seine Worte hallen von den kahlen Wänden der ehemaligen Fabrik wider. Einzelne Kabel schwingen umher, erinnern an Saiten einer zerbrochenen Harfe. Es ist kalt. Der Wind schleicht durch die Löcher, dort, wo einst Fenster waren. »Verarscht«, lacht er, »VERARSCHT!« Nikotingelbe Straßenlichter brennen Schattenspiele auf den Boden; direkt neben der Tasche. Diese verdammte Tasche. Wiegt gefühlt nen Zentner, doch was tut man nicht alles. Warten.

»Fuck!«, Jason braucht die Erinnerung an sich selbst. Hier kann man verlorengehen. Es gibt genug bessere Orte in Berlin, doch das war nicht der Plan. »Pläne sind Regeln und Regeln sind gut.« Doch das bringt jetzt nichts, dieses ganze Gejammere. »Verfickte dreiundzwanzigunddreißg!« Seine Fäuste knirschen. Seine Handfläche brennt noch immer, der Puls rast durch unter der Haut entlang. Er hätte Handschuhe mitnehmen sollen. Das wäre besser gewesen. Für eine Mainacht ist es ziemlich kalt. Er hätte auch ne andere Jacke mitnehmen sollen. Er hätte, hätte, Fahrradkette.

Hätte auch den Typen nicht killen sollen. Ist aber nunmal passiert. Hat sich blöderweise mit seiner eigenen Pistole in den Bauch geschossen. Hätte das Ding einfach loslassen sollen. Aber dann kam der Schuss und die Augen des Wachmanns starrten ihn an, als wäre er der Weihnachtsmann oder so in der Art und dann war er weggekippt. Die Alternative wäre gewesen, ach was, Alternative Walternative, Blut überall und es suppte raus und auf Jasons Klamotten. Gut, in Berlin interessiert es eh keine Sau, wenn man aussieht wie ein Zombie.

Museumskram ist immer so ne Sache. Es gibt genug Idioten, die wollen Zeug haben, das dem »Staat« gehört, als ob der Ahnung hätte, was etwas wert ist. Für teure Sachen gibt’s einen Wachmann, der auch noch blöderweise ne eigene Schusswaffe dabei hat. Ist das nicht illegal?

Wieder lacht Jason. Der Schock wird irgendwann kommen. Reine Erfahrung. Bis dahin hat er schon die gute Flasche Wodka aufgemacht oder Rum oder Tequila, die er sich von einem Bruchteil seiner Belohnung kaufen kann. Fünftausend Euro. 5.000 Stücke Metall oder Scheine, was auch immer. Es würde den Typen nichts ausmachen, wenn er sich nicht an absolut alle Vorgaben gehalten hätte. Kein Mensch interessiert sich für den Weg, alle wollen nur das Ziel. Und das Ziel heißt: Bring uns ein Stück Holz.

Kein normales Stück Holz natürlich. Das wäre wertlos. Genauso wertlos wäre es, wenn er den Typen gekillt hätte und keine Sau vorbeikommt mit der Kohle. Nicht, das Jason sich Sorgen machen würde, ob man ihn töten würde. Nein. Jason ist kein Idiot. Jason zeichnet alles auf. Jason ist vorsichtig. Der Schatten von Jasons Kopf nickt im Staub. »Fuck!« Der Staub wirbelt auf, als Jason zutritt, »verfickte Scheiße!«

In der Ferne dröhnt eine Bahn, doch hier bewegt sich nichts. Flocken von Blut flattern, als Jason seine Hand ausstreckt. Er hätte den Schlüssel nicht anders bekommen könne, doch, wie schon gesagt: In Berlin kann man jede Maske tragen. Die hat er weggeworfen, als er aus dem Museum kam, welches auch immer nicht offiziell offen ist. Noch nicht. In einer Woche, sagte sein Auftraggeber, ein stiller Mann. Ein Mann mit Joggingklamotten und Dackel. Dafür hatte seine Brille Goldrand und seine Finger waren lang. Ein Mensch, verwirrend neben der Spur. Hat der die Zeit vergessen beim Gassiführen? Was für ein Wichser.

»Genau 23 Uhr und 30 Minuten.« Der Zettel war eindeutig. Ort und Zeit des Diebstahls. Codes für die Hintertür. Ort und Zeit der Abgabe. Für schlappe 5.000 Euro. »Wenn das so weitergeht, nehme ich 10 Riesen«, hört sich Jason flüstern. Seine Stimme wirkt fahl hinter der Stille, als wäre seine Angst ein Teil der Wirklichkeit geworden.

Knackt was? Sind das Schritte? Jasons Füße verfangen sich in der Tasche, er taumelt kurz. Der Balken hält ihn auf. Seine Hände knirschen, als er sich abstößt. Der Kupfergeruch des Toten hängt an ihm wie ein Fluch. Die Waffe liegt in der Spree, aber nicht der Ausdruck des Entsetzens über seine Tat. Pah. Alles Luschen.

»Ich will mein Geld!«, brüllt er. »Nimm den Pfahl, du Wichser!« Seine Angst ist wieder da, ein Kissen über seinem Mund. Eine Faust, die sein Herz zusammendrückt. Ist er vielleicht schon hier, dieser Typ mit Hund und Goldrandbrille? Wartet er, bis Jason wahnsinnig wird?

Es ist nicht das erste Mal, dass er allein ist, hier, in einer solchen Halle. Das letzte Mal war es einfacher. Er war angeheitert, nein, besoffen. Die anderen waren verschwunden, hatten sich in Ecken zurückgezogen, die er nicht einsehen konnte, hatten ihn einfach alleingelassen. Das war erst letztes Jahr gewesen. Oder vielleicht doch vor 10 Jahren?

Seine Füße treiben ihn herum, während die Muster, die er sich herumschleppt, ins Gruselige wandern, eine Landkarte malen, die keinen Sinn hat und trotzdem was bedeuten müssen. Alles Linien wickeln sich um die Tasche mit dem Holz drin. Das dumme Holzstück. Damit kann man jemandem beide Augen ausstechen! Oder das Ding einfach verbrennen. Schade, dass Jason nicht mehr raucht. Das wär was. Fünftausend Euro einfach verbrennen. Und dann kommt der Typ. »Sorry, aber mir war kalt.«

Erst eine gefühlte Ewigkeit später merkt er, dass er die Tasche anschaut, dass er geradewegs besessen ist von ihr. Nicht von ihr, sondern vom Inhalt. Wer zahlt soviel Geld für Holz? Es muss was Besonderes sein. Es gab schon ein Problem, doch das liegt irgendwo in den Ecken von Jasons Kopf, hat sich versteckt, weil es falsch ist. In dem Augenblick, in dem er es aus dem Zimmer holte, mit dem blutigen Schlüssel des Wachmanns, hatte sich etwas getan.

»Es hat gebissen.«

Nein, hatte es nicht. Es hatte ja keinen Mund oder sowas. Trotzdem hatte es sich so angefühlt, als wäre das Ding mit Leim behandelt worden oder so, Säure und Leim. Fast hatte er sich die Haut von der Handfläche gerissen, doch es ging dann doch, mit viel Mühe, als hätte es sich freiwillig entschlossen, loszulassen.

Er hätte was trinken sollen. Aber heute wollte er nüchtern sein. Nein, er ist pleite. Ja, Jason ist pleite. Deshalb wartet ein dummer Jason auf Geld von einem Mann mit Hund. Dummer, dummer Jason.

Es rappelt. Nicht die Welt. Nicht jemand, der vor dem Gebäude steht und durch das Tor will. Es ist offen. Es … rappelt. Es bewegt sich. Es wartet. Das liegt am Entzug. Ganz sicher. Stress und Entzug und Hunger. Verdammter Hunger. Ja. Das ist es. Hunger. Ein Feuer, das Jason bisher ignoriert hat, wird zu einem Problem. Magen. Will. Essen. Jetzt!

Vielleicht ist in der Tasche was. Hat er da nicht …? Nein, sicher nicht. Doch er sieht seinen Schatten, wie dieser auf die Knie geht und er folgt dem Ruf. Kann ja nicht schlecht sein, nicht wahr? Der Reißverschluss der Sporttasche öffnet sich langsamer als gedacht, als würde er mit sich selbst kämpfen. Aber wozu das?

»Hallo, ist da jemand? Ich bin spät dran. Sorry!«, ein Lichtkegel wandert über die Wände hinweg, doch Jason hört es nicht. Er sucht. Findet. Lächelt.

Eine Hand schießt aus der Finsternis empor, packt sein Gesicht. Nein! Sie biegt seine Nase zur Seite. Es knackt. Die Schmerzen brüllen ihren Weg durch seinen Kopf. Keine Luft! Die Hand wird eins mit seinem Schädel, kochender Teer aus den Tiefen der Hölle schiebt sich in seinen Mund, füllt ihn vollständig aus, bis seine Zunge zerfällt, Millionen Nervenzellen, die gleichzeitig ihren Geist aufgeben, nicht ohne einen letzten Schrei in sein Hirn abzugeben, das bereits völlig aufgegeben hat, als sich eine Gestalt an ihm emporzieht, aus dem Inneren einer Tasche, die bis auf das Stück Holz völlig leer war. Jason wirbelt herum, sein Körper weiß nicht, dass er bereits fast tot ist.

Fast schon upassenderweise zerrt er sein Handy aus der Tasche, schlägt mit seiner freien Hand immer wieder auf die Kreatur ein. Es hilft nichts. Knöpfe werden gedrückt. Eine Stimme ertönt aus dem Lautsprecher.

»Fassen Sie den Pfahl nicht an. Nehmen Sie Handschuhe mit.«

Dann die andere, die eigene: »Ja, sicher. Wie Sie wollen.«

»Ich meine das ernst. Seien Sie vorsichtig. Es ist älter als alles, was Sie bisher gesehen haben. Bitte.«

Dann ein Lachen. Ein dummes Lachen, das zerrinnt, als das Wesen das Telefon verschluckt, ebenso, wie es Jasons Ohren und Kehlkopf schmilzt. Jason fühlt, wie sein rechtes Auge zerrissen wird, doch es ist unerheblich. Bahn um Bahn, als würde jemand aus einem Wasserfall hervortreten, schiebt sich ein Bild in die Wirklichkeit, nein, ein Zwilling. »Das bin ich«, flüstert sein Verstand, ist er fort.

»Hey«, ruft der Mann mit der Goldrandbrille, »Ist da jemand? Jason? Ich hab das Geld dabei.«

»Sicher«, ruft Jason und schließt die Tasche. »Hast dir ja Zeit gelassen.« Er richtet sich auf. Es klickt.

»Fassen Sie den Pfahl nicht an. Nehmen Sie Handschuhe mit.«

»Ja, sicher. Wie Sie wollen.«

»Ich meine das ernst. Seien Sie vorsichtig. Er ist älter als alles, was Sie bisher gesehen haben. Bitte.«

Jemand lacht. Der Mann mit der Brille reißt die Augen auf.

»Er ist nicht von dieser Welt. Er ist fremdartig. Er ist sicherlich gefährlich. Vielleicht ist er sogar böse.«

 

Blumenmuster und Zigarettenrauch

Blumenmuster und Zigarettenrauch

In der Ferne übt ein Kind Saxophon. Es kann auch ein Roboter sein, ein Anfänger in Sachen »Ich kann Musik machen«, doch es ist fraglich. Ich starre in den Rauch meiner letzten Zigarette, bevor ich aufhöre. Regentropfen zischen in der Glut, versuchen, die letzten Reste des Tabaks zu vernichten, bevor ich es tun kann. Rinnsale glänzen, den Spuren von Klauen gleich, auf der Tapete, soweit sie sich noch nicht von der Wand gelöst hat. Manchmal ziehe ich lange Streifen vom Holz, Blumenmuster, die in meiner Hand zerfallen. Bald werden die ganzen Wände hier grau von Schimmelpilzen und Resten des Leims sein. Ich hasse mein Büro.

Meine Füße zucken, als jemand an die Tür klopft. »Herein«, sage ich, hoffe, dass mich niemand hört. Der Schatten vor dem Fenster bewegt sich, dann tritt ein Skelett ein. Nein, es ist nur eine Frau. Metall glitzert an dort, wo andere Menschen Gelenke haben. Sie ist echt, kein Zweifel, kein Roboter wäre blöd genug, sich halb menschlich zu verkleiden. Dafür sind sie zu intelligent … oder zu dumm.

»Was kann ich für Sie tun?«

Ihre Augen leuchten, Scheinwerfer im Halbdunkel meines Büros schweifen umher. Es ist nicht sie, sondern eine Drohne, die nach freien Wohnungen sucht. Der Wohnungsmarkt ist scheiße, aber die ganzen Reformierten brauchen Platz und kein Gesetz verbietet es, freie Zimmer zu vermieten.

»Ich suche meinen Vater.«

Sanft wie Rosen, ihre Stimme erinnert mich an geschmolzenen Samt. Ich nicke.

»Setzen Sie sich doch.«

»Hier?«

Sie sucht nach einem Stuhl. Ich habe keinen zweiten. Das fällt mir erst jetzt ein, aber gut, sie ist auch meine erste Klientin. Ich zucke mit den Schultern. Ziehe an der Zigarette.

»Dann nicht. Wie Sie wollen.«

Sie schweigt, weiß augenscheinlich nicht, was sie sagen soll, also spreche ich für sie.

»Ich suche meinen Vater… weiter? Informationen geben weiteren Informationen Geburt, Basis, Grundlage.«

»Tropft es hier immer so stark?«

»Sie sind neu hier, nehme ich an, Miss …«

»Montague. Ja, ich bin neu hier. Mein Schiff ist gestern hier gelandet.«

»Mein …«

»Mein Schiff. Wissen Sie, Sie sind ganz schön reizbar, glaube ich.«
»Schätzchen, ich bin nur eine Projektion Ihres Verstandes«, sage ich, ziehe die Asche bis zum Filter der Zigarette, lasse den Stummel fallen, während ich den Rauch betrachte der sich zwischen mich und Miss Montague legt. Die Glut zischt, dann ist sie tot. Ich ziehe aus meiner Manteltasche eine weitere Zigarette. Die letzte. Sie sieht aus wie ein abgestürztes Raumschiff.

Die Frau betrachtet mich schweigend. Reformierte reden nicht viel. Reden ist Zeitverschwendung. Genau wie Sex oder Rauchen.

»Möchten Sie eine?«, frage ich. Sie schüttelt den Kopf. Hab ich mir gedacht.

»Mein Vater ist Ludwig Montague. Ich habe ihn seit Jahren nicht mehr gesehen. Nicht, seit ich mich entschlossen habe, den Mars zu besuchen.«

»Sie meinen Mond …«

»Mars. Der rote Planet. Das hat nur nicht geklappt und ich bin nur bis zum Mond gekommen.«

Mars ist heretisch angehaucht, Tod und Krieg leben dort Hand in Hand. Außerdem lebt dort kein Mensch, nur ein paar Roboter, die Schach spielen. Tod und Krieg halt.

»Ihr Vater hat das nicht gemocht?«

»Mein Vater hat mich immer unterstützt und unterschätzt. Ein klassischer Akademiker. Dann ist er abgedriftet, Tabak und Roboter, Alkohol und Bücher. Detektivromane. Taschenbücher. Jazzmusik.« Sie schüttelt den Kopf. Ihre Gelenke quietschen.

»Und ich soll ihn suchen, weil …«

Sie fällt mir ins Wort. »töten. Seine Seele ist Teil meiner Seele und ich muss frei werden von ihm. Verstehen Sie?« Ihre Hände knallen auf den Schreibtisch. Brocken von Holz platschen in den See unter meinem Sessel.

»Was ist schon eine Seele, Frau Montague? Nur eine Ansammlung von Erinnerungen, von Träumen, von Wünschen. Sie müssen ihn nicht finden. Sie müssen ihm nur vergeben. Lehrt das nicht ihre …«

»Ich bin keine … ich bin nur ein Mensch.«

»Mit Roboterteilen an sich.«

»Alles unter der gesetzlichen Regelung. Reden Sie nicht. Finden Sie ihn.«

»Kann ich nicht, sorry.«

Ich ziehe an meiner Zigarette. Sie schmeckt nach Tabak und Jazzmusik. Ich spucke aus. Hier ist eh alles im Arsch.

»Wieso nicht?«, fragt sie, ihre Augen brennen. Ich merke, dass sie mir nicht glaubt.

»Weil ich einfach nicht existiere, Miss Montague.«

Sie reißt ein Stück aus dem Tisch, riecht daran, wirft es weg.

»Sie sind echt!«

»Leider nicht, junge Dame. Sehen Sie sich um. Kann ein Mensch so überleben?«

»Dann sind Sie ein Roboter!«

Ich lächele. »Nein. Ein Roboter darf kein Detektiv sein.«

»Was sind Sie dann?« Sie tritt nach vorn, schlägt zu. Holz zerbirst unter ihren Metallknochen. Noch ein Schlag und mein Schreibtisch klappt auseinander wie eine alte Zeitung. Meine Füße schweben weiterhin in der Luft.

»Ich bin nur ein Konstrukt aus ihren eigenen Wünschen. Sie sind vermutlich gar nicht die Tochter Montague, eher der Vater. Hier …«, sage ich und fummle in meiner Jacke herum, ziehe eine Pistole hervor. Schwarzglänzendes Metall brennt in meiner Haut, dann werfe ich ihr die Waffe zu. Sie fängt sie. »Versuchen Sie es.«

»Was?« Ihre Stimme zittert, das ferne Saxophon heult auf, die Drohne draußen flattert weiter, Enttäuschung quält ihre Maschinen.

Sie packt den Griff, hält sich die Pistole an den Kopf, das Kinn, die Brust, Metall kratzt an Metall. »Sie lügen«, stellt sie fest, deutet mit der Waffe auf mich, drückt ab. Ein Schuss löst sich. Es knallt, Echos überlagern sich. Es platscht. Die Waffe liegt im See unter mir, Wellen verweilen an der Stelle, wo »Miss Montague« gestanden hat, doch die Erinnerung verfliegt sofort wieder.

Ich ziehe eine Zigarette aus meiner Jacke, die letzte, die ich habe und lausche, wie ein Kind Saxophon übt, irgendwo hinter den Wänden, an denen gemalte Blumen verfaulen.

Unter dem Berg liegt ein Schatz

Unter dem Berg liegt ein Schatz

Etwas geschieht

mit mir und mit Stefan. Oder Stephan. Ich kann den Namen nicht aussprechen, nicht denken. Ich weiß, er steht dort, in der Mitte der Kammer, direkt unter dem Kreis, der sich einem Himmelsgewölbe gleich über unsere Köpfe stülpt. Er schweigt. Nur mein Herz lebt noch.

Die Fackel flackert in meiner Hand, verlischt bald. Zu tief, viel zu tief, liegt diese Kammer. Hier muss der Schatz sein. Ich fühle den Berg über meinem Kopf, die Kraft seiner Schwere presst die Luft aus meiner Lunge und die Worte aus meinem Kopf.

Erinnerungen flackern auf, sterben und werden davongeweht. Unheilig ist der Ort, sagte Großmutter auf ihrem Sterbebett, dort, wo das Gewebe von Leben und Tod, von Hier und Dort sich auflöst, wo Fäden gezogen werden, die die Engel abschneiden werden. Verboten, sagte sie, ist die Gruft der Kutsche. Ihr Atem ging schnell. Der Berg, flüsterte sie. Geh nicht dorthin. Dort erwartet dich nur der Tod.

Damals war ich 10 oder 11 Jahre alt. Was weiß ich …, nur dass ihre Worte eine Welle auf meiner Haut malten, als wäre ich eine Leinwand und sie der letzte Pinselstrich, der notwendig war, um das Gemälde meines Lebens vollständig zu zerstören. Nun stehe ich hier, 30 Jahre später. Natürlich wurde ich Bergmann, wie so viele andere. Nun stehen mein Schwiegersohn und ich unter der Kuppel, ich neben ihm und wir beide sind nicht gewillt, aufzuhören, sind nicht bereit, uns zu opfern.

Die anderen haben uns verlacht. Selbst der Herr Pfarrer hat uns beiseite genommen und gefragt, ob wir es ernst meinen mit unseren nächtlichen Wanderungen in die verborgenen Tiefen unter der Stadt. Der Berg hat seine Kraft verloren, flüstert der Steiger. Er fühlt es in den Wänden, die um uns herum in den Himmel wachsen, voller Silber und Zinn … er stirbt, der Berg.

Lang hatte ich vergessen, wie sehr mich die Worte der sterbenden Frau beeindruckt hatten; hatte ein Leben geführt, das weniger ist, als es hätte sein können. Ich habe geheiratet. Ich habe gezeugt. Doch die Groschen fallen mir aus den Taschen, schneller, als ich sie einsammeln kann. Der Schatz ist die Rettung. Woher er kommen mag? Gerüchte sind wie Wellen, sie kommen und sie gehen. Sie sagen, die goldene Kutsche wäre im Moor versunken, damals, vor wie vielen Jahren? Dort, beim Heideteich, sagen sie. Nichts da, die Gerüchte sind wie die Luft, die die Flammen fressen, damit sie leben und wir sterben. Ich würde lachen, aber ich kann nicht mehr.

Doch unter dem Berg, dort, sagte sie, die Großmutter, dort ist Platz. Seit vielen hundert Jahren graben sie dort, Leute, die kommen und gehen, die geboren werden, die sterben. Fliegen auf dem Antlitz der Erde, wie lächerlich. Großmutter war klug, nein, weise. Deshalb hat sie mir all das hinterlassen, was wichtig war. Worte. Ratschläge. Wissen.

Ich weihte ihn ein. Ich kenne seinen Namen nicht mehr. Er hat meine Tochter geheiratet. Er nickte, als er verstand. Ich brauche seine Hilfe. Noch nie waren wir so tief unter dem Berg. Hier gibt es Plätze, an die sich keiner traut, Wände, denen man ansieht, dass sie fehl am Platz sind, doch alles gilt als verboten, als teuflisch, als verflucht.

Heute Nacht sind wir allein. Die anderen sind fortgegangen. Der Steiger hat gewarnt, hat gemeint, dass etwas droht. Er hat Unrecht. Der letzte Sturz war vor fast 100 Jahren. Ich würde lachen. Ich kann es nicht.

Die Kammer ist leer. Hier ist keine Kutsche. Hier ist keine Truhe voller Gold. Hier sind nur der Mann mit dem Namen meines Schwiegersohns und ich. Ich fühle etwas, eine Bewegung, ein fernes Jammern, als würde die Erde um uns herum weinen. Ich möchte rufen, dass wir umkehren sollten, denn die Fackeln sterben und wir mit ihnen, doch er hört nicht. Er hebt seine Hand, deutet auf eine Wand, die ebenso grau aussieht wie jede andere. Ich möchte rufen, doch mir fehlt die Luft. Die Hacke frisst sich in den Felsen hinein. Das Weinen ist mein eigenes, doch es ist keine Freude, die meine Augen überfließen lässt, es ist … Großmutter, deren Schatten an meinem Nacken vorbeizieht und ihre toten Worte flüstert, immer und immer wieder. Unheilig. Verboten.

Der Steiger hatte Recht. Im Licht der dahingeworfenen Fackel glitzert das Gold hinter den Brocken aus Stein, doch das Loch, das die Spitzhacke gebrochen hat, wächst auch ohne ihr Zutun. Der Steiger hatte Recht. Wir sind zu spät. Heute ist ein schöner Maitag im Jahre des Herrn 1803. Als die Wand einbricht und ihn, der meine Tochter verwitwet, begräbt, erkenne ich die wunderschönen Einzelheiten der verlorenen Kutsche. Mein Körper weiß, was er tun soll. Der Gang hinter mir bricht nun völlig zusammen. Ich muss nicht daran glauben, dass ich sterben werde. Die Türen der Kutsche stehen offen und ich springe hinein, lasse mich vom Staub der Jahrhunderte bedecken und lache bei dem Gedanken, dass ich in wenigen Augenblicken in einem goldenen Wagen hinauf an die Himmelspforte fahren werde.