Aus der Ewigkeit

Aus der Ewigkeit

Jeremya tastet sich vorsichtig um die Ecken seines gerade vor ihm aufgetauchten Schreibtisches herum. Winzige Staubpartikel fühlen sich durch seine Anwesenheit gestört, fliegen durch die abgestandene Luft und landeten in seiner Nase. Das donnernde Niesen fegt mit halber Schallgeschwindigkeit durch den Raum, wirft ein Echo. Er nickt. Metall überall. Sachlichkeit ersetzt stets Luxus. Fetzen von Luftballons schweben gravitationslos wie dunkle Flecken durch das trübe Licht einer beginnenden Dämmerung. Stille, nur unterbrochen vom sinnlosen Rauschen der kataraktartigen Informationsströme.

Knisternd setzt sein Fuß auf, drückt Papierklumpen zusammen, voller sinnloser Gleichungen, dahingeworfen von sich auflösender Tintenpartikel. Das Rascheln erinnert ihn an Finger, die durch Blätter streichen, an den Herbst, wann er auch immer das letzte Mal gewesen war. Gefühlte Jahreszeiten, das Sakrileg der Energieverschwendung. Genau wie zerfallende Pigmente und der Duft von Zimt, der aufsteigt, wenn man durch altes Biomaterial driftet. Nichts hält einen davon ab, Erinnerungen zu haben, doch auch hier: Energieverschwendung.

Jeremya ist sich nicht sicher, was zum Verlust des Lichts geführt hat. Protonen fallen nicht einfach aus. Licht verschwindet nicht einfach. Er tippt an die Decke, greift nach dem Streifen, aus dem bis vor wenigen Augenblicken nikotinfarbenes Licht strahlte. Nichts. Kein Licht, keine Wärme, nur Rauschen. Rauschen seines Pulsschlags, direkt im Ohr. Etwas schrammt an seinem Oberarm vorbei. Er greift danach, mehr Reflex als bewusste Entscheidung. Nur der Fetzen eines Luftballons, dessen fahle Erscheinung ihm augenscheinlich faszinierend und furchteinflößend vorkommt.

Stimmen „Glaubst du, dass wir in die Kabine können?“ „Nein. Du weißt doch, das Fenster.“

Erinnerung. Das Zimmer dreht sich vor seinem Auge, fokussiert den glitzernden Punkt in der Wand. Einige Augenblicke später wandern seine Augen über die haarfeinen Risse im metallverstärkten Glas, folgten seine Finger den herausgebrochenen Kanten, die in einem scharfzackigen Loch enden. Dahinter ein unendlich scheinendes Nichts. Leere ohne Horizont. Lichter flackern auf, vergehen wieder, erinnern an Sandkörner, die vom Meer verschlungen werden. Lichter von tausenden Sonnen, die eine ewige Nacht durchdringen.

„Ja. Das Fenster. Ich verdränge es noch immer. Jeremyas 31 Geburtstag. Meteoriteneinschlag im Fenster. Explosive Dekompression. Ich habe ihn gemocht.“

Die Stimmen entfernen sich. Und die schattenhafte Gestalt steht noch immer am zerborstenen Fenster, starrt hinaus in Rauschen der Ewigkeit.

© Emanuel Mayer (24.03.2011)

Musik dazu: http://www.youtube.com/watch?v=GX6siSHzJXY

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