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Monat: Mai 2017

Die Lawine – eine Gegenfabel

Die Lawine – eine Gegenfabel

Es hing ein Echo über den Bergen. Steine polterten noch immer über die trockenen Hänge, unaufhaltsame Schläge, die Sträucher und Bäume mit sich rissen, als wären sie einfach nie dagewesen. Splitter schwebten für Augenblicke über die brodelnde Landschaft, erinnerten an winzige Schiffe, die ankerlos über ein Meer aus Zerstörung und Wut geworfen wurden. Die Luft war erfüllt vom Brüllen der Erde, die sich wie eine Schlange häutete, ob sie wollte oder nicht.

Blanker Felsen leuchtete unter den frischen Wunden. Sonnenlicht kroch nur langsam durch die Wolken, die sich immer weiter in den einst so blauen Himmel schoben. In der Ferne jaulte Wolf, das Rudel Wölfe, panisch in ihrer Flucht, beachtete ihn nicht weiter. Ihre Läufe verloren sich im Tumult der Panik. Hunderte, wenn nicht sogar tausende Tiere rannten um ihr Leben. Eine Flut aus Geröll bahnte sich ihren Weg, als wäre sie lebendiger als die Kreaturen, die ihr entkommen wollten. Doch nur der Blick konnte ihnen noch helfen. Jeder Blick zurück war ein Urteil, vom Schicksal verhängt, »Schuldig im Sinne der Anklage«. Und so taumelten Wellen aus Fell und Pfoten über die staubumnachteten Hänge hinab ins Tal.

Hier warteten sie. Zusammengepresste Augen, die durch Fernrohre starrten, Linien zwischen Kimme und Korn erdachten, fixierte Augen, die nur ein Ziel hatten. »Töten«, wimmerte ein Mann, sehnsüchtig zusammengesunken hinter seiner Doppelläufigen, die Zigarette am Filter zerkaut, halbblind vom Rauch, der sein Blickfeld verschwimmen ließ. Andere taten es ihm gleich, nahmen noch einen Schluck aus der gemeinsamen Flasche, spuckten ihren Abscheu und ihre Gier auf den Boden. »Geld«, flüsterte jemand, »soviel Geld für ihn.«

Dutzende Augenpaare starrten auf den kommenden Sturm, suchten einen Schatten, der sich ihnen offenbaren sollte, die die Gestalt eines Mannes haben sollte, der sowohl gefürchtet als auch verehrt wurde. Doch es war viel zu spät, sich daran zu erinnern, dass er als Fremder in die Stadt gekommen war. Stadt, ha! In das Dorf, ein Dutzend Häuser, eine Kneipe, eine Kirche, eine Straße. Er hatte Geld mitgebracht und Hoffnung, hatte alles getan, was er hatte tun können, damit sie ihn mochten. Ein Fremder, der zum Freund geworden war. Doch alles war vorbei, jetzt nach fast 7 Jahren hatte das Unglück die Kleinstadt besucht und hatte andere Fremde angespült und sie hatten ihren Freund als einen Feind erkannt, als Schurken unvergessener Verbrechen, als Kopf hinter unzähligen Raubzügen. Manch einer sang heimlich Lieder über ihn und seine Gang, aber nur heimlich, nur in seinem neuen Bett, unter der Decke, wo man allein sein konnte mit seinen Träumen. Als er erkannt worden war, hatte er zwei Tote zurückgelassen und eine Karte. Die Fremden sagten, es wäre ihr Gold und jeder, der ihnen helfen würde, könnte reicher werden als ein Rockefeller. Allerdings wäre auch jeder tot, der sich ihren Wünschen verweigern würde.

Doch Gründe versickerten im Donner des Weltuntergangs vor ihren Gewehren, die wie Verrat brannten. Er war auf dem Berg. Er musste runter vom Berg. Hätte er sich nicht verschanzt, wäre alles in Ordnung gewesen. Wäre er nur weit weg geflohen, hinunter in die endlosen Ebenen dieser neuen Welt, aber nein. Er musste in die Mine, dort, wie die Fremden ihnen versicherten, wo er das Gold versteckt hatte. Garantiert, eine sichere Sache. Prügeln wir ihn raus aus seinem Loch wie einen Fuchs.

Der erste Mann wich zurück. Seine Augen brannten, Panik kreischte seinen Weg in die Welt hinaus. Jemand schoss. Er fiel. Feigling. Die anderen starrten auf die wirbelnde Mauer aus Tieren und Bäumen. Da. Da war jemand. Ein Mensch rannte, wie von der Hölle verfolgt, hinunter ins Tal. War er es? Konnte er es sein? Sein Gesicht, so völlig unsichtbar, absolut winzig im Schauer, der ihm folgte. Wie konnte er so schnell sein? War er schon vorher losgelaufen? Hatte er sich geopfert? War er blödsinnig geworden? Niemand wagte, diese Fragen zu stellen, doch viele dachten wohl dasselbe. Ein Hagel aus Blei raste durch die Dämmerung, winzige Sterne blitzten an den Läufen der Waffen auf, vergingen wieder, doch er rannte weiter, als wäre nichts gewesen. Wellen von Schüssen folgten, verfehlten oder trafen, was auch immer passierte, bleibt unbekannt.

Der Tod überrollte nicht nur die Menschen, die sich einst in seinem Licht und Geld gesonnt hatten, sondern auch ehemalige Kameraden auf der Suche nach Abenteuer und Gold und manch einer sagt, dass der Fremde bereits von der unterschätzten Wirkung des Dynamits umgekommen war, die jemand ohne echte Kenntnis in den Mineneingang geworfen hatte und von der Lawine danach bis ins Tal getragen wurde, zu seinen Freunden, die sein Schicksal teilen sollten. Manch einer mag eine Moral aus dieser Geschichte ziehen, doch am Ende bleibt alles daran hängen, ob man Glück auf der Flucht hat oder einfach hofft, sich in einem Berg zu verschanzen und auf das Unabwendbare zu warten.

Das Meer im 3. Stock

Das Meer im 3. Stock

Er erwachte vom einem einzelnen »Pling«, das in der sonst so stillen Wohnung wie ein Paukenschlag wirkte. Vermutlich hatte er es nur geträumt, so tief in seine Decke gewickelt wie nur irgend möglich. In diesen Stunden des Träumens von vergangenen Dingen war alles möglich. Auch ein »Pling«.

Es folgte ein weiteres. Dann ein drittes. Er schlug die Augen auf. Die Decke über ihm funkelte verwirrend grün, wie eine alte Bierflasche, nur viel fader, als wäre sie von langen Jahren Sonne ausgebleicht worden.

»Pling«

Er richtete sich auf. Sein Nacken schlug wieder zu. Feuer brannte seinen Rücken hinab und er musste ächzen. Für Fluchen war immer noch Zeit. War jemand eingebrochen? Er hatte doch an alles gedacht, um sicher zu sein. Aber …

»Pling«

Er senkte seinen Blick wieder und traf das Fenster, das sonst die Bäume vor dem Hochhaus zeigte, die Kronen jedenfalls, jetzt im Frühling, hier im 3. Stock. Statt dessen starrte er auf ein grünblaues Flimmern, hinter dem sich die Welt versteckte.

»Pling«

Nach einer gefühlten Ewigkeit rutschte er von der Matratze und setze seine Brille auf, die er nur einen Schritt weiter auf dem Tisch hatte liegen lassen. Endlich konnte er klar sehen. Es änderte nichts an dem, was hinter der Glasscheibe lauerte. Vorsichtig trat er näher heran. Seine Füße waren kalt und seine Beine zitterten. Näher und näher kroch er an das Fenster. Dahinter war nichts, nur eine dicke Masse, die sich wie Schleim bewegte, nein, wie, er konnte das Wort kaum aussprechen »Wasser«.

Aus der Ferne schoss etwas heran und knallte gegen die Scheibe, schüttelte sich, blickte ihn an. Ein Fisch. Ein Fisch? Hier? Alles wurde ihm klar. Er war im Wasser. Er schaute hinauf zum Himmel, doch da war keiner, nur ein paar ferne Lichtstrahlen, die sich durch die flüssigen Massen schoben. Unerreichbar war die Welt da oben. Er zitterte. Eine Träne löste sich.

»Pling«

Er schaute ihr nach, verlor sie aus den Augen. Etwas anderes hatte seinen Blick festgehalten. Der Topf mit den Orchideen war übergelaufen und um ihn herum hatte sich eine Pfütze gebildet und wenn man ihr folgte, dann konnte man erkennen, dass ein einziges Rinnsal unter dem Fensterrahmen entlang kroch.

»Pling«

Seine Hand berührte mit aller Vorsicht das Fenster, doch hastig zog er sie zurück. Er hatte sie fühlen können, die Macht des Ozeans. Wo war er? Woher kam das Wasser? Tausende Fragen schossen durch seinen Kopf, doch sie alle verhallten in der Panik, die sich wie eine finstere Hand um seinen Verstand gelegt hatte, die ihren Griff stetig verstärkte, bis irgendwann nur noch ein wimmerndes Etwas in der Ecke liegen würde.

Doch noch war es nicht so weit. Seine Beine hatten aufgehört, zu zittern, und mit der größten Mühe gelang es ihm, einen Schritt zurückzutreten. Er drehte seinen Kopf hinüber zum anderen Fenster. Auch hier hatte sich bereits das Wasser einen Weg verschafft. Er raste durch das Schlafzimmer in die Küche. Dasselbe. Seine Füße rissen knöchelhohe Wellen in den Schleim aus alten Zeitungen und den Essensresten, die vom Fensterbrett gespült worden waren. Da waren sie wieder. Die alten Bilder. Die alten Schmerzen, die man nie vergisst, die man nur freigibt. Nur heute waren sie zurückgekommen. Er taumelte, musste sich festhalten. Seine Hände glitten am Türrahmen ab. Lackreste schälten sich vom nassen Holz, blieben an seinen Fingern hängen. Die ganze Küche schien bereits aufgegeben zu haben. Doch er nicht.

Er rannte ins Wohnzimmer, riss den Wandschrank auf und holte alles heraus, was er in den letzten Jahrzehnten gesammelt hatte. Bücher. Hefte. Anzüge. Alles konnte helfen, alles hatte einen Sinn. Mit wütender Panik durchwanderte er die Zimmer, drückte, presste, stopfte mit dem Elan eines jungen Menschen Lücken zu, durch die das Wasser, der unendliche Ozean, kommen konnte. Jede Sekunde war ein Leben. Jeder Atemzug kostbar.

Die letzten Anzüge, die er nie getragen hatte, rammte er in die Lücken unter dem Küchenfenster. Jetzt musste er nur noch saubermachen. Dann konnte er überleben. Er schlurfte, ausgebrannt von der harten Arbeit, zum Kühlschrank. Eine einsame Dose Fisch starrte ihn an. Er riss sie auf, zerrte die Filets mit den Fingern in seinen Mund, warf die Dose in den Mülleimer.

»Pling«

Noch nie war ein Ton lauter gewesen, in seinem ganzen Leben nicht. Er wirbelte herum. »Nein!«, keuchte er. Diesmal war es kein Tropfen gewesen. Er starrte den Riss an, der sich quer über die Scheibe gezogen hatte; eine Linie, die sich vorsichtig, einer Baumwurzel gleich, über das Glas kroch.

»Nein, nein, nein«, seine Worte waren nur noch ein sinnloses Wimmern, ohne jeglichen Verstand dahinter. Es knackte im Schlafzimmer, krachte, dann hörte er ein Plätschern, das sich über den Teppich ergoss. Raus! Raus!

Nur Augenblicke später blickte auf die Wohnungstür. Hinter ihr lag … was? Schritte näherten sich über den Treppenstufen. Die Stimme zweier Nachbarn? Halluzinationen?

»Hey!«, hörte er sich brüllen. »Helft mir! Bitte … bitte … bitte …« Seine Stimme wurde zu einem Wimmern, kaum lauter als das Kratzen seiner Fingernägel auf dem Holz. Er drehte seinen Kopf zu den Schlössern, die ihn schützen hatten sollen, vor den Gefahren da draußen … er begriff und er lachte.

Sein Lachen überflutete seinen Verstand. Augenblicke danach brach der Ozean durch und überflutete auch den Rest.

Winternacht

Winternacht

In dieser Nacht war es so kalt, dass selbst die Gaslaternen an den Straßen mißmutig flackerten, als ob Ihre Seelen im Eis verhungerten, das über den Glaskugeln hing, die sonst wie winzige Sonnen in der endlosen Finsternis wirken sollten. Freudige Menschen bedachten dieses Flimmern kaum, denn Ihre Gesichter waren auf die immer neuen Attraktionen gerichtet, die die Schaufenster der Kaufhäuser belebten. Nur noch 2 Wochen, dann wäre wieder einmal Weihnachten und Schwärme rotbäckiger Kinder und Erwachsener belagerten jeden freien Winkel, der einen Einblick in die magischen Welten der Spielzeughändler und Kaufleute suchten, besonders jene, die fremde und verwirrend seltene Lebensmittel in samtenen Kissen ausstellten.

Doch nicht wenige, die ihre Hände in ihre Jackentaschen steckten, waren jene, deren Augenmerk mehr auf die braun-goldenen Flaschen richteten, deren Inhalte mit fremden schottischen Namen bemalt waren, die schon mehr magische Wirklichkeiten versprachen als die üblichen Flaschen, die man nur in papiernen Tüten aus den rauchdurchzogenen Kneipen tragen konnte, die etwas verkauften, was nicht ohne Grund „Feuerwasser“genannt wurde, billigsten Brandwein aus Ecken des Landes, in denen sich kein Mensch freiwillig getraut hätte. Ja, hier lagen und standen sie, die Tränke, die »Aqua Vitae«, die das Leben verlängern oder wenigstens verbessern sollten, zumindest für jene, die es es sich leisten konnte, die von den Preisen nicht zurückschrecken mussten wie Schafe vor Wölfen.

Hände und Nasen pressten sich gegen die Scheibe, verschmolzen mit dem Glas, dass es ein Vergnügen war, sie aus ihren Träumen zu reißen. Jeder wollte einmal genau dort stehen, wo man die Reichsten der Stadt sehen konnte, die in ihren Automobilen vor dem Eingang hielten, von behandschuhten Chauffeuren aus dem wohlig warmen Innenraum zur Tür geführt und von ebenso ausstaffierten Portieren unter hunderten winziger Verbeugungen ins Innere des Palastes geführt wurden, wo sie sich wie echte Könige und Königinnen fühlen durften, begafft von den zitternden Bauern, die jede Sekunde ihres Daseins den Träumen opferten, doch einmal einen Schatz zu finden und ebenso ein gern gesehenes Mitglied des Geldadels zu sein.

Doch nicht alle waren so erpicht darauf, ein Teil der Gruppe zu sein. Nein, denn dort an eben jenem gegenüberliegenden Laternenpfahl lehnte eine Gestalt, deren halbes Gesicht durch einen breitkrempigen Hut verdeckt war, deren Augen man doch erkennen konnte, erleuchtet vom Licht der Gier, die den Mann augenscheinlich seit Stunden warmhielt, denn dem aufmerksamen Betrachter wäre aufgefallen, dass der Mann im Wesentlichen nur einige Schritte gewandert war, seit er beim frühen Sonnenuntergang vor dem Kaufhaus eingetroffen war. Ein Dutzend bis zum Filter gerauchter Zigarettenstummel warteten neben seinem Trampelpfad darauf, von unaufmerksamen Fußgängern in das Flick-Muster aus Schnee und schwarzbraunen Grasresten gestampft zu werden.

Wieder leuchtete hinter dem Rauch eine neue Zigarette auf, wieder wischte er sich die Stirn. Wieso war er so aufgeregt? Doch auch wir können ihn nicht mehr fragen, sein Mund hätte ihn nicht verraten. So vergingen die endlosen Minuten, wurden zu Stunden. Schneeflocken legten ihr Gewicht auf die bereits niedergeschlagenen Scharen der halberfrorenen Träumer. Die Tür öffnete sich ein letztes Mal für diesen Abend. Eine bezaubernde Dame trat ins Freie, nieste entzückend in ihre Seidentaschentuch und rückte ihren Nerzmantel zurecht, bevor mehrere junge Männer im Livree dem Fahrer dabei helfen sollten, den weihnachtlichen Einkaufsrausch in den deutlich zu kleinen Kofferraum zu packen, was zu ermüdenden Diskussionen geführt hätte, wenn der Direktor des Hauses seine Augenbraue nicht gehoben und verkündet hätte, dass man selbstverständlich den Einkauf völlig kostenfrei in das herrschaftliche Haus am Stadtrand bringen würde, »innerhalb einer Stunde!«

Mit kaum merklichem Nicken entließ ihn die Angesprochene und stieg in ihr Gefährt, welches Augenblicke später stotternd zum Leben erwachte und sich vorsichtig den Weg durch die Schneedecke bahnte.

Nachdem er einige Befehle gebellt hatte, zwirbelte der Herr über 37 Angestellte und zwei Mätressen seinen Schnauzbart, bevor er sich nicht mehr mit den weiteren Schritten der Lieferung auseinandersetzte, stattdessen ins Haus eilte, das er nur wenige Minuten später vollständig bemantelt verließ. Auf seine Anweisungen hin wurde die Meute, die sich bereits in Auflösung befand, von den Fenstern vertrieben, welches seine Männer mit großer Freude jeden Abend tun, bevor metallene Fensterläden nach unten rasseln und einem unaufmerksamen Betrachter durchaus Nasen oder Hände kosten können.

Füße wanderten, zogen unbekannte Muster in den jungfräulichen Schnee, der in Böen vom Himmel fiel. Ein Sturm kündigte sich an; seine Finger tanzten durch die breiten Straßen der müden Stadt. Bald fand man hier nur noch das nikotinfarbene Licht der Gaslaterne und in seinem Schatten die Augen der wartenden Gestalt. Erst jetzt, als wäre er aus einem Schlaf erwacht, schüttelte sich der Mann und liess den noch brennenden Stummel seiner Zigarette fallen, betrachtete und zerdrückte die leere Schachtel, die er aus der Jackentasche gezogen hatte. Er schob eine Handvoll Schnee von seinem Hut; der Rest folgte von allein, als er sich langsam vom Laternenpfahl löste.

Zu behaupten, die Pakete der Einkäuferin würden schlecht behandelt, ist schamlos übertrieben, denn trotz der Eile, in der jene in den Lieferwagen gepackt wurden, waren die Angestellten des Kaufhauses überaus diskret und vorsichtig. Die Konzentration auf ihre Aufgabe blendete den Fremden aus, der um die Ecke wanderte, sich dem Tor näherte, dessen warmes Licht Muster in die peitschende Flockenflut malte. Das Leopardenmuster, das die Geduld auf den Mantel des Mannes gemalt hatte, wäre auch im Sonnenlicht kaum erfasst worden, doch jetzt, inmitten des Treibens, verschob sich der Hintergrund der unaufmerksamen Arbeiter kaum merklich.

Der Mann wurde zum Teil der schwarzfleckigen Tür, wandt sich um die Ecke, ging im richtigen Moment in die Knie, bevor ein weiterer namenloser Mitarbeiter an ihm vorbeiwanderte. Flüche knirschten in der Luft. Sie alle wollten nach Hause, ins Warme, ins Trockene, in die Arme der Frauen und Geliebten, wollten essen und trinken, vielleicht sogar wärmende Umarmungen erhalten in dieser Dezembernacht.

Lautes Knattern bestätigte endlich, dass die Arbeit getan ist. Die Pakete waren auf dem Weg und wenn es der Herr Direktor versprach, dann ohne Zweifel innerhalb einer Stunde in jenem Viertel, das man nur aus Romanen kennt. Der Fremde musste nicht lang warten, bis der vielstimmige Chor sein Lied beendet hatte, denn das Tor entließ ein erleichtertes Knarren, als es endlich zufallen durfte. Stille griff um sich wie die Hand eines Riesen.

Schlüssel sangen leise im Hintergrund, Schritte marschierten, besser, sie schlurften über den Boden. Man kannte den bärtigen Wächter, dessen Namen so unaussprechlich geworden war wie sein ausgeblichenes Namensschild, nur aus Erzählungen. Manch einer behauptete, er wäre der Gründer des Kaufhauses gewesen, andere, er sei ein verwirrter Spross des Vorbesitzers. All diese Dinge waren jedoch sinnlos, denn der Fremde hatte nicht vor, ihn zu betrachten.

Monate waren ins Land gegangen, seit diese staubige Flasche in seinen Augenwinkel gewandert war. Ein Zufallsfund, möchte man behaupten, doch für ihn war es Schicksal gewesen. Sie stand am Rande eines Regals, weit entfernt von den übrigen glitzernden Flaschen, die ihren Ruhm vor sich hertrugen wie ordenbehängte Generäle. Doch nur ein Vermögen hätte sie ausgelöst. Deshalb stand sie noch immer dort, am Rand des Regals, aufmerksam betrachtet von vorbeiwanderten Augenpaaren, die vollständige Macht über dieses Kaufhaus hatten. Ja, jeder hier wusste, was sie wert war, seit der Fremde sie aus dem Regal gezogen und betrachtet hatte. Sein Blick hatte ihre Aufmerksamkeit erregt, hatte für den Bruchteil eines Augenblicks ihren wahren Wert erfasst. Damals hatte er sie ins Regal zurückgestellt, sie sogar nach hinten verschoben, weil sie teuer war, doch der nächste Besuch, nur wenige Stunden später, hatte den Rahmen seines Verdienstes gesprengt, selbst wenn er ein Jahrhundert gespart hätte. Er hatte das Lachen des Herrn Direktor in seinem Büro hören können, als dieser eine Audienz ablehnte. Dass er sich ja nicht getrauen sollte, einen weiteren Versuch zu tätigen, sie für einen lächerlichen Preis zu erwerben. Ein Lachen, das Dankbarkeit verspottete.

Diese Nacht war magisch. Die Welt heulte im Rausch des Schneesturms und nur ein einzelner Wachmann wartete darauf, den Morgen zu erleben. Der Fremde huschte von Regal zu Regal, übersah die Schatten nicht, die sich bewegten. Jeder Augenblick war ein Zeichen des Schicksals. Die Schritte des Wachmanns polterten in der Ferne, ein Stuhl rutschte über die Fliesen, knarrte wie ein schlafender Hund. All die Lichter und Gerüche waren nur Abglanz der magischen Flasche.

Das Regal erschien ihm wie der Palast eines vergessenen Königreichs und die Flasche musste befreit werden. Sie war einzigartig und ihre Magie brannte in seinem Herzen. Mit jeder Faser seines Körpers streckte er sich ihr entgegen. Wogen von Feuer rollten durch seinen Körper. Schnee vermischte sich mit seinem Schweiß, verbrannte seine Augen, doch dies war nicht wichtig. Seine Fingerkuppen fühlten den Staub auf dem Glas, als wäre er eine Landkarte in eine fremde Welt.

»Hey!«

Der Fremde musste seinen Kopf nicht drehen. Doch mit einem alten Mann würde er fertig werden, wenn er es wollte. Doch dies war nicht wichtig. Seine Augen brannten, sein Wille war unaufhaltsam!

Das Preisschild riss unter dem Sturm seiner Fingernägel, doch die Flasche löste sich nicht von ihrem Platz, kämpfte gegen ihn, gegen ihren Retter! Er musste näher heran. Seine Fußzehen bohrten sich in die dünnen Schuhsohlen, die die Kälte bisher kaum erträglich gemacht hatten. Als wäre das Schicksal ein Hofnarr und der Mensch nur ein hilfloser König, merkte der Fremde erst jetzt, was er versäumt hatte. Er blickte nach unten, starrte in den Spiegel einer Pfütze, die sein verzerrtes Gesicht in Wellen herumwarf.

Der Boden, als wäre er ein Feind, nahm ihm mit einem Schlag das Gleichgewicht. Er taumelte, versuchte, irgendeinen Halt zu finden, doch seine Hand fand in diesem Augenblick nur das einzig falsche. Der Staub aus Jahrzehnten verschmolz mit in seine Haut. Die Augen des Fremden öffneten sich in beneidenswerter Langsamkeit, während er zu Boden rutschte. Es knackte so laut, als würde sich die Erde öffnen und der Geruch generationenalten Whiskys überflutete die zimttrunkene Luft des vorweihnachtlichen Kaufhauses.

Die Flut aus Alkohol und Glas traf ihn wie der Hieb eines urzeitlichen Monsters, einer vergessenen Legende aus seinen Alpträumen. Bilder von Gefängnis schossen durch seinen Kopf, doch nur im Hintergrund seines Verstandes, der leise gurgelnd unter dem Rauschen seiner Panik ertrank. Weitere Flaschen prasselten auf ihn nieder, zerbarsten um ihn herum, tränkten seinen Mantel und Hut mit den Träumen der namenlosen Betrachter, die ihre Nasen und Gesichter auch morgen wieder an das Glasscheibe pressen würden.

Der Fremde, dessen Namen niemand erfuhr, übersah dankbarerweise die Hände, die ihn aus dem Haus zerrten. Was aus ihm geworden ist, steht in den Sternen, denn keine Zeitung hat je sein Bild oder Namen veröffentlicht. Manch einer behauptet sogar, dass er diese Nacht nicht überlebt hätte, dass man nur eine Leiche aus dem Haus gezerrt hätte, zermalmt von dutzenden Flaschen billigsten Alkohols, die ihm Kopf und Gesicht zerschlagen hätten, doch dies gehört wohl nur ins Reich der Legende, ebenso wie die Tatsache, dass kein Mensch jemals für eine so teure Flasche verstaubten Whiskys geopfert hätte.

Dada. Theatralischer Verfall.

Dada. Theatralischer Verfall.

Z: Zauberer
K: Krieger
D: Zwerg

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Z: Wo waren wir stehengeblieben?

D: Beim …

K: Punkt 3.

D: Hey, du kannst mich doch nicht …

Z: Danke

K: Unterbrechen, nicht wahr?

D: Unterbrechen!

<Z lacht>

<K schlägt D auf den Kopf>

K: Musst wachsen, bis du bei den Erwachsenen mitspielen kannst.

D: Fick dich!

K: Du bist gerade in dieser Position. Danke für dein Entgegenkommen.

Z: Die Herren, bitte.

<Z seufzt, rückt sich den Hut zurecht>

Z: Wir sind also bei Punkt 3 stehengeblieben.

<D zeigt K den Mittelfinger. K packt diesen, verdreht ihn>

D: Hey, fick dich!

K: Nicht mit diesem Finger

Z: Leute. Bitte. Männer. Lasst uns mit Punkt 3 weitermachen, ja?

D: Der hat angefangen!

K: Natürlich. Immer der Mann in der silbernen Rüstung. Nicht wahr? Wie alt bist du? Deinem Bart nach bist du vielleicht sogar 5 Jahre alt.

D: Ich bin 92 Jahre alt.

K: Also 6 Jahre alt.

D: Ey. Sag doch was!

<D deutet auf Z>

<Z zuckt mit den Schultern>

Z: Du bist schon recht bartlos für dein Alter. Selbst ich mit meinen 845 Jahren bin deutlich …

D: Maul. Du weißt gar nichts. Das ist eine genetische Mutation.

K: Du meinst, deine DNA ist dafür programmiert, brüllend in die Höhle eines Drachen zu rennen?

Z: Eines Drachen?

K: Eines echten Drachen. Wie war das noch? Der Drache lebte auf einer Insel, die normalerweise von Rumschmugglern genutzt worden war?

D: Ja, genau, hoooorch mal. Schreit da nicht irgendeine Prinzessin? Willst du nicht losrennen, sie zu retten?

K: Wo?

`

<K dreht sich im Kreis, reckt seinen Kopf aus seiner Rüstung>

Z: Lass dich nicht verarschen. Der hatte heute Hofnarr zum Frühstück.

<K stoppt. Seine Faust packt den Griff seines Schwerts>

K: Wichser!

D: Selber!

Z: Die Herren, bitte … also. Punkt …

K: Wer lässt sich also in einem halbvollen Fass voller hochprozentigen Rums schmuggeln? Nur ein kleiner Mann mit mehr Mut als Verstand. Oder sagen wir: stockbesoffen?

Z: Ach bitte, lassen Sie doch diesen …

K: Bartlosen, der blöd genug war, sich sein halbes Gesicht von einem Drachen wegbrennen zu lassen. Muss ziemlich nach Rumpunsch gerochen haben!

<D hämmert K seinen Kopf den Bauch. Es scheppert laut. Einige Zahnräder lösen sich, poltern zu Boden>

Z: Die Herren … bitte ….

K: Da siehst du mal wieder, was du angerichtet hast. Wer soll das denn reparieren?

D: Vielleicht der Herr Zauberer?

Z: Bitte … ich flehe Sie an …

K: Auf keinen Fall. Diese Kreatur weiß gar nichts von …

Z: Punkt 3! Punkt 3!

D: Toll. Jetzt ist er kaputt.

<K zerrt sein Schwert aus der Scheide und hämmert D den Griff auf den Kopf. D verliert seinen Unterkiefer. Eine Metallfeder springt summend ins Freie>

D: aaaohoohhrrrkkrrrr

K: Hahaha. Siehst du das, du Wicht?

<K lässt sein Schwert fallen. Sein Arm bleibt daran hängen. K hebt seinen Kopf, seine Augen blitzen rot auf>

Z: Punkt 3! Punkt 3!

K: Also, ich weiß jetzt nicht, was ….

<Der Kopf von K fällt herunter, trifft sein Schwert, rollt davon. K hebt seinen verbleibenden Arm>

D: hahahahahaaaaa

Z: Punkt 3! Punkt … 3! Punkt ….

<Aus dem Mund von Z schießt eine Stichflamme. Sie setzt seinen Bart in Brand.>

D: haaaaaaaaaaaaaaa

Z: tttttttttdrrrrrr

K: ……….

<Der Vorhang schließt sich. Ein Mann mit einem Feuerlöscher eilt heran, löscht die Feuer. Er tritt den Kopf des Kriegers. Dieser schießt unter dem Vorhang davon. Es knallt. Der Mann mit dem Feuerlöscher verneigt sich. Keiner klatscht.>

Jason und die Finsternis

Jason und die Finsternis

Er sagte, dass er um exakt 23:30 Uhr da sein würde. Mit einem Koffer voller Geld. Ja, das hatte er gesagt. Koffer und Geld in einem Satz.

Er ist nicht da. »Ich komm mir verarscht vor«, sagt Jason immer und immer wieder. Seine Worte hallen von den kahlen Wänden der ehemaligen Fabrik wider. Einzelne Kabel schwingen umher, erinnern an Saiten einer zerbrochenen Harfe. Es ist kalt. Der Wind schleicht durch die Löcher, dort, wo einst Fenster waren. »Verarscht«, lacht er, »VERARSCHT!« Nikotingelbe Straßenlichter brennen Schattenspiele auf den Boden; direkt neben der Tasche. Diese verdammte Tasche. Wiegt gefühlt nen Zentner, doch was tut man nicht alles. Warten.

»Fuck!«, Jason braucht die Erinnerung an sich selbst. Hier kann man verlorengehen. Es gibt genug bessere Orte in Berlin, doch das war nicht der Plan. »Pläne sind Regeln und Regeln sind gut.« Doch das bringt jetzt nichts, dieses ganze Gejammere. »Verfickte dreiundzwanzigunddreißg!« Seine Fäuste knirschen. Seine Handfläche brennt noch immer, der Puls rast durch unter der Haut entlang. Er hätte Handschuhe mitnehmen sollen. Das wäre besser gewesen. Für eine Mainacht ist es ziemlich kalt. Er hätte auch ne andere Jacke mitnehmen sollen. Er hätte, hätte, Fahrradkette.

Hätte auch den Typen nicht killen sollen. Ist aber nunmal passiert. Hat sich blöderweise mit seiner eigenen Pistole in den Bauch geschossen. Hätte das Ding einfach loslassen sollen. Aber dann kam der Schuss und die Augen des Wachmanns starrten ihn an, als wäre er der Weihnachtsmann oder so in der Art und dann war er weggekippt. Die Alternative wäre gewesen, ach was, Alternative Walternative, Blut überall und es suppte raus und auf Jasons Klamotten. Gut, in Berlin interessiert es eh keine Sau, wenn man aussieht wie ein Zombie.

Museumskram ist immer so ne Sache. Es gibt genug Idioten, die wollen Zeug haben, das dem »Staat« gehört, als ob der Ahnung hätte, was etwas wert ist. Für teure Sachen gibt’s einen Wachmann, der auch noch blöderweise ne eigene Schusswaffe dabei hat. Ist das nicht illegal?

Wieder lacht Jason. Der Schock wird irgendwann kommen. Reine Erfahrung. Bis dahin hat er schon die gute Flasche Wodka aufgemacht oder Rum oder Tequila, die er sich von einem Bruchteil seiner Belohnung kaufen kann. Fünftausend Euro. 5.000 Stücke Metall oder Scheine, was auch immer. Es würde den Typen nichts ausmachen, wenn er sich nicht an absolut alle Vorgaben gehalten hätte. Kein Mensch interessiert sich für den Weg, alle wollen nur das Ziel. Und das Ziel heißt: Bring uns ein Stück Holz.

Kein normales Stück Holz natürlich. Das wäre wertlos. Genauso wertlos wäre es, wenn er den Typen gekillt hätte und keine Sau vorbeikommt mit der Kohle. Nicht, das Jason sich Sorgen machen würde, ob man ihn töten würde. Nein. Jason ist kein Idiot. Jason zeichnet alles auf. Jason ist vorsichtig. Der Schatten von Jasons Kopf nickt im Staub. »Fuck!« Der Staub wirbelt auf, als Jason zutritt, »verfickte Scheiße!«

In der Ferne dröhnt eine Bahn, doch hier bewegt sich nichts. Flocken von Blut flattern, als Jason seine Hand ausstreckt. Er hätte den Schlüssel nicht anders bekommen könne, doch, wie schon gesagt: In Berlin kann man jede Maske tragen. Die hat er weggeworfen, als er aus dem Museum kam, welches auch immer nicht offiziell offen ist. Noch nicht. In einer Woche, sagte sein Auftraggeber, ein stiller Mann. Ein Mann mit Joggingklamotten und Dackel. Dafür hatte seine Brille Goldrand und seine Finger waren lang. Ein Mensch, verwirrend neben der Spur. Hat der die Zeit vergessen beim Gassiführen? Was für ein Wichser.

»Genau 23 Uhr und 30 Minuten.« Der Zettel war eindeutig. Ort und Zeit des Diebstahls. Codes für die Hintertür. Ort und Zeit der Abgabe. Für schlappe 5.000 Euro. »Wenn das so weitergeht, nehme ich 10 Riesen«, hört sich Jason flüstern. Seine Stimme wirkt fahl hinter der Stille, als wäre seine Angst ein Teil der Wirklichkeit geworden.

Knackt was? Sind das Schritte? Jasons Füße verfangen sich in der Tasche, er taumelt kurz. Der Balken hält ihn auf. Seine Hände knirschen, als er sich abstößt. Der Kupfergeruch des Toten hängt an ihm wie ein Fluch. Die Waffe liegt in der Spree, aber nicht der Ausdruck des Entsetzens über seine Tat. Pah. Alles Luschen.

»Ich will mein Geld!«, brüllt er. »Nimm den Pfahl, du Wichser!« Seine Angst ist wieder da, ein Kissen über seinem Mund. Eine Faust, die sein Herz zusammendrückt. Ist er vielleicht schon hier, dieser Typ mit Hund und Goldrandbrille? Wartet er, bis Jason wahnsinnig wird?

Es ist nicht das erste Mal, dass er allein ist, hier, in einer solchen Halle. Das letzte Mal war es einfacher. Er war angeheitert, nein, besoffen. Die anderen waren verschwunden, hatten sich in Ecken zurückgezogen, die er nicht einsehen konnte, hatten ihn einfach alleingelassen. Das war erst letztes Jahr gewesen. Oder vielleicht doch vor 10 Jahren?

Seine Füße treiben ihn herum, während die Muster, die er sich herumschleppt, ins Gruselige wandern, eine Landkarte malen, die keinen Sinn hat und trotzdem was bedeuten müssen. Alles Linien wickeln sich um die Tasche mit dem Holz drin. Das dumme Holzstück. Damit kann man jemandem beide Augen ausstechen! Oder das Ding einfach verbrennen. Schade, dass Jason nicht mehr raucht. Das wär was. Fünftausend Euro einfach verbrennen. Und dann kommt der Typ. »Sorry, aber mir war kalt.«

Erst eine gefühlte Ewigkeit später merkt er, dass er die Tasche anschaut, dass er geradewegs besessen ist von ihr. Nicht von ihr, sondern vom Inhalt. Wer zahlt soviel Geld für Holz? Es muss was Besonderes sein. Es gab schon ein Problem, doch das liegt irgendwo in den Ecken von Jasons Kopf, hat sich versteckt, weil es falsch ist. In dem Augenblick, in dem er es aus dem Zimmer holte, mit dem blutigen Schlüssel des Wachmanns, hatte sich etwas getan.

»Es hat gebissen.«

Nein, hatte es nicht. Es hatte ja keinen Mund oder sowas. Trotzdem hatte es sich so angefühlt, als wäre das Ding mit Leim behandelt worden oder so, Säure und Leim. Fast hatte er sich die Haut von der Handfläche gerissen, doch es ging dann doch, mit viel Mühe, als hätte es sich freiwillig entschlossen, loszulassen.

Er hätte was trinken sollen. Aber heute wollte er nüchtern sein. Nein, er ist pleite. Ja, Jason ist pleite. Deshalb wartet ein dummer Jason auf Geld von einem Mann mit Hund. Dummer, dummer Jason.

Es rappelt. Nicht die Welt. Nicht jemand, der vor dem Gebäude steht und durch das Tor will. Es ist offen. Es … rappelt. Es bewegt sich. Es wartet. Das liegt am Entzug. Ganz sicher. Stress und Entzug und Hunger. Verdammter Hunger. Ja. Das ist es. Hunger. Ein Feuer, das Jason bisher ignoriert hat, wird zu einem Problem. Magen. Will. Essen. Jetzt!

Vielleicht ist in der Tasche was. Hat er da nicht …? Nein, sicher nicht. Doch er sieht seinen Schatten, wie dieser auf die Knie geht und er folgt dem Ruf. Kann ja nicht schlecht sein, nicht wahr? Der Reißverschluss der Sporttasche öffnet sich langsamer als gedacht, als würde er mit sich selbst kämpfen. Aber wozu das?

»Hallo, ist da jemand? Ich bin spät dran. Sorry!«, ein Lichtkegel wandert über die Wände hinweg, doch Jason hört es nicht. Er sucht. Findet. Lächelt.

Eine Hand schießt aus der Finsternis empor, packt sein Gesicht. Nein! Sie biegt seine Nase zur Seite. Es knackt. Die Schmerzen brüllen ihren Weg durch seinen Kopf. Keine Luft! Die Hand wird eins mit seinem Schädel, kochender Teer aus den Tiefen der Hölle schiebt sich in seinen Mund, füllt ihn vollständig aus, bis seine Zunge zerfällt, Millionen Nervenzellen, die gleichzeitig ihren Geist aufgeben, nicht ohne einen letzten Schrei in sein Hirn abzugeben, das bereits völlig aufgegeben hat, als sich eine Gestalt an ihm emporzieht, aus dem Inneren einer Tasche, die bis auf das Stück Holz völlig leer war. Jason wirbelt herum, sein Körper weiß nicht, dass er bereits fast tot ist.

Fast schon upassenderweise zerrt er sein Handy aus der Tasche, schlägt mit seiner freien Hand immer wieder auf die Kreatur ein. Es hilft nichts. Knöpfe werden gedrückt. Eine Stimme ertönt aus dem Lautsprecher.

»Fassen Sie den Pfahl nicht an. Nehmen Sie Handschuhe mit.«

Dann die andere, die eigene: »Ja, sicher. Wie Sie wollen.«

»Ich meine das ernst. Seien Sie vorsichtig. Es ist älter als alles, was Sie bisher gesehen haben. Bitte.«

Dann ein Lachen. Ein dummes Lachen, das zerrinnt, als das Wesen das Telefon verschluckt, ebenso, wie es Jasons Ohren und Kehlkopf schmilzt. Jason fühlt, wie sein rechtes Auge zerrissen wird, doch es ist unerheblich. Bahn um Bahn, als würde jemand aus einem Wasserfall hervortreten, schiebt sich ein Bild in die Wirklichkeit, nein, ein Zwilling. »Das bin ich«, flüstert sein Verstand, ist er fort.

»Hey«, ruft der Mann mit der Goldrandbrille, »Ist da jemand? Jason? Ich hab das Geld dabei.«

»Sicher«, ruft Jason und schließt die Tasche. »Hast dir ja Zeit gelassen.« Er richtet sich auf. Es klickt.

»Fassen Sie den Pfahl nicht an. Nehmen Sie Handschuhe mit.«

»Ja, sicher. Wie Sie wollen.«

»Ich meine das ernst. Seien Sie vorsichtig. Er ist älter als alles, was Sie bisher gesehen haben. Bitte.«

Jemand lacht. Der Mann mit der Brille reißt die Augen auf.

»Er ist nicht von dieser Welt. Er ist fremdartig. Er ist sicherlich gefährlich. Vielleicht ist er sogar böse.«