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Monat: September 2015

eine letzte Aussprache am See um Mitternacht…

eine letzte Aussprache am See um Mitternacht…

Von der Summe her war es recht einfach:

Weg und Zeit ergibt kalkulierte Wut.

Diese Gedanken trugen Johannes P. Lattrek, genannt „Johnny“, auch auf Grund seiner Lederjacke und seiner Vorliebe für die Hits der 60er, die er in seinem Autoradio laufen liess, während er hinter sich die Tür schloss und den Weg zum See hinunterwanderte.

Herbstregen hatte die letzten Blätter auf dem Pfad verstreut, hatte sie durchweicht wie altes Semmelbrot, das die Rentner, die im Sommer auf den Bänken vor dem abfallenden Ufer verbrachten, nicht weit genug werfen konnten, damit die wenigen Enten, die es bis hierher geschafft hatten, es wenigstens irgendwie mitbekommen hätten. Sagen wir so: Es war glitschig.

Johnny blieb stehen. Hinter ihm erstreckte sich die Siedlung, in der er aufgewachsen war, ein fahler Block, der in den mitternächtlichen Himmei hinausragten, die wenigen Sterne überdeckten, die es schafften, durch den Smog der Großstadt zu dringen. Er steckte sich eine Zigarette an. Sie schmeckte illegal importiert. Johnny spuckte aus, dann drehte er die glühende Spitze ab und verfrachtete den Rest wieder in seiner Lederjacke. Es war kalt. Irgendein Hit der Beatles drang aus dem halbheruntergelassenen Fenster seines Scirocco und verteilte sich um ihn herum. Er stampfte weiter.

Er konnte sie sehen. Sie hatte angefangen, sich für ihn und seine Vorliebe für die Monroe, die Haare blondzufärben. Sie hatte viel getan, damit er glücklich war. Sie hatte noch mehr getan, damit er nicht unglücklich war. Er war schnell unglücklich und seine Hand war schnell. Er rieb seinen Daumen an seinem Ledergürtel; die blanke Stelle war wie ein Muster in seiner Persönlichkeit, die auf ihrer Haut einen deutlichen Abdruck hinterließ… wie in seinem Kopf.

Er spuckte wieder aus. Eine letzte Aussprache hatte sie ihm bewilligt, war ihm ausgewichen, so weit sie es konnte, aber auch Therapeuten oder irgendwelche Richter konnten nicht verhindern, dass er sich beleidigt fühlte. Musste er alles auf der Welt ertragen? Hatte er nicht schon früh gelernt, dass das Weinen der anderen ihm Erlösung versprachen, wenigstens für einen Augenblick?

Sein Herz fühlte sich an wie das Eis, das über dem See gewachsen war… diese letzte Aussprache war seine Möglichkeit, das finale Wort zu haben. Er würde gewinnen, in sein Auto steigen und davonfahren. Sie wäre… erledigt. Er fühlte den Wagenheber an sein Bein lehnen, sich durch seine Hose brennen. Sie würde ihn schmecken. Sie gehörte ihm. Er atmete schwer. Nicht unterschätzen, Johnny. Heute war der Tag der Abrechnung. MIt ihnen allen. Und er würde mit ihr anfangen.

Das Metall brannte sich in seine Hand, verschmolz mit seinem Fleisch. Er lief los. Das helle Ziel blieb in seinem Blick. Der Abhang wurde steiler. Die Zeit blieb stehen, als sein Herzschlag eine magische Grenze übersprang und in die Unendlichkeit abdriftete. Sein Verstand nahm nur einen Teil der echten Welt wahr: Sie drehte sich um. Sein Blick schrumpfte. Ihre Augen wuchsen. Er fühlte, wie sein Arm sich hob, sein Mund sich öffnete, um einen Schrei auszustoßen. SIe hob ihre Hände, ihr Gesicht wurde zu einer Maske aus Porzellan.

Als er an ihr vorbeitaumelte , blieb sie für einige Augenblicke stehen. Das Eis verlor unter seinen Metallabsätzen seine Kraft und liess zu, dass sich ein Riss bildete, einen jener winzigen Schluchten, die genau bis zum Wasser hinunterreichen, die sich in mathematisch verwirrenden chaotischen verteilen, bis sie ihr Ziel erreicht haben.

Als sie Johnny aus dem eiskalten Nass zogen, irgendwo in der Mitte des Sees, wohin ihn die schwache Strömung befördert hatte, fiel es nur der jungen blonden Frau mit den großen Augen auf, das ein Stück Toastbrot unter einem seiner Stiefel klebte. „Enten“ flüsterte sie“ Enten konnte er nie leiden.“ Im Hintergrund verebbte das Autoradio und eine einzelne dankbare Träne benetzte den Raureif eines neuen Tages.