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Monat: Mai 2012

Wo die Welt aufhört

Wo die Welt aufhört

Achtung, es handelt sich hierbei um die Gesamtausgabe Kapitel 1-27. Sollte jemand so wahnsinnig sein und ein PDF/Mobi/EPUB haben wollen *hust* einfach schreiben… -.-‘

Kapitel 1

In dem Nichts, das in seinem Kopf hauste, bohrte sich aus weiter Ferne ein Geräusch. Es schien, als sei ein Punkt lebendig geworden, würde eine fadenartige Linie durch ein dreidimensionales Stück unerforschtes Stück Universum ziehen. Das Geräusch wurde lauter, verwandelte sich in nervtötendes Surren, zerrte an den Grenzen seiner Wahrnehmung und schließlich landete das Objekt direkt neben seinem Ohr. Er zuckte. Ein brennender Schmerz, hervorgerufen vom brennenden Geschmack seiner Hand, die reflexartig in die Höhe geschossen war und die Mücke, oder was auch immer dieses Insekt gewesen sein mochte, zu Brei zerquetscht hatte, ließ ihn die Augen aufschlagen.

Zuerst blieb sein Blick so dunkel wie vorher, dann jedoch, gleich einem Gewittersturm, der vorbei ist, begann sich seine Sicht zu lichten. Er starrte in den Himmel. Um ihn herum stießen Bäume ihre Wipfel majestätisch nach oben, ein ewiger Kampf nach mehr Licht und mehr Regen als ihre kleinen verkrüppelten Konkurrenten in Bodennähe. Sonnenlicht glitzerte durch die Zweige hinunter auf die Erde und er erkannte, auch durch das drückende Gefühl von Wurzeln und Gras, dass er auf dem Rücken lag. Vorsichtig bewegte er seinen Kopf, um noch mehr von der Umgebung aufzunehmen. Seine Sicht war begrenzt; die Baumstämme hielten wie dunkelbraune Mauern die Festung, die ihn einschloss, zusammen. Er bemühte sich, seine Extremitäten, Arme und Beine, zum Arbeiten zu bringen. Zuerst fühlte er nichts. Einen winzigen Augenblick geriet er in Panik, starrte verzweifelt in der Luft hin und her, doch dann, als hätte er einen unhörbaren Befehl erhalten, begann sein Körper zu zittern, Nervenbahnen begannen ruckartig zu arbeiten, er fühlte, wie sein Herz schlug, wie sich sein Blut durch träge Muskeln presste, hörte das Knacken von Gelenken in seinen erwachenden Ohren und bemerkte, dass er vor Freude schrie.

Dunkelheit schob sich über seine Seele. Die Panik kam wieder, diesmal weniger aggressiv, subtiler als er es in Erinnerung hatte. Er bäumte sich auf, fühlte, wie sich seine Handflächen in das harte Gras schmiegten, packte ein Büschel, riss es aus. Erneut öffnete er die Augen. In das Licht über ihm hatte sich der graublaue Schleier einer beginnenden Dämmerung gelegt. Als wäre es nicht schon schlimm genug, öffnete sich mit einem Ruck ein bisher nur dumpf dahin-pochendes Loch in seinem Schädel und das heiße Gefühl von Blut, das seinen Körper verlassen will, erschreckte ihn so dermaßen, dass er seine Hände hob und sie an die Oberseite seines Schädels presste.

Leise blubberten Fäden von gerinnendem Blut über seine Finger, als er sie über seine Augen führte. „Steh auf, schlaf nicht ein!“ Wer war das? War das echt? Er wälzte seinen Kopf hin und her, ließ seinen Blick schweifen, doch er erkannte nach wenigen Augenblicken, dass er allein war. Allein in einem Wald, ja, Wald, so hieß es, wo er war. Doch die Stimme kam nicht zur Ruhe. „Steh auf! Schlaf nicht ein!“, sie wurde immer drängender, ein Flehen mischte sich hinein, verwandelte es in einen verzweifelten Befehl und als ein Tropfen Blut seine Hand verließ und auf seine Lippen traf, merkte er verwirrt, dass es seine eigene Stimme war.

Er schloss die Augen, fühlte, wie seine Kräfte sich aus einer unbekannten Quelle generierten, zerrte sie aus dem Nichts und mit einem Ruck stieß er sich vom Untergrund ab und stand auf. Ein Schwindelgefühl nahm den Platz in seinem Kopf ein, wo vorher gar nichts gewesen war. Es schien so, als hätte sein Körper nur aufstehen wollen, denn nun, als das erledigt worden war, begann er wieder zu schwanken, nach hinten zu fallen. Er vollführte den ungeschickten Versuch einer Drehung, um sich nach dem drohenden Fall mit den Armen abzustützen, doch das war nicht nötig. Seine Schulter rammte einen Baumstamm. Er schrie auf. Er fühlte, wie sich die Wellen von Schmerzen durch seinen Körper schoben, fühlte, wie die Muskeln sich verkrampften und wieder entspannten und hörte, wie ein klarer Schrei, sein Schrei, sich aus seinem Mund entfernte und durch den Wald schwang, gleich einer Sehne einer Violine.

Er atmete schwer und wurde gewahr, dass er noch immer die Augen geschlossen hielt. Vorsichtig begann er, sie zu öffnen, um die Gegend zu betrachten.Das erste, was ihm auffiel, war der Mangel an Bewegungen um ihn herum. Es schien, als ob die Bäume die einzigen Lebewesen waren, groß genug, um ihm aufzufallen. Er schob sich von dem Baum weg und rieb sich die Hände. Sie fühlten sich merkwürdig rau an. Er hob sie vor sein Gesicht. Drehte sie. Befühlte mit ihnen sein Gesicht. Er schüttelte den Kopf. Unfähig, seine Gedanken zu artikulieren, begann er, hin- und herzuschwanken. Stampfte auf den Boden, hielt sich den Kopf fest. Er fühlte, wie sich Geräusche in seinem Inneren manifestierten, Klirren und ferne Schreie Schreie und dann, als wäre nichts dabei gewesen, schlug ein dumpfer Hammer zu, stoppte alles, was ihm die letzten Augenblicke präsentiert hatten und ließ es verschwinden.

Und dieses Nichts war schrecklich. Denn aus dem Nichts drängte sich eine Frage nach draußen, bohrte sich förmlich durch seine Gedanken, bis es diese vollkommen ausfüllte und mit einem Mal war er hinaus geeilt, segelte durch die Luft wie ein furchtbarer Vogel. „Wer, wer, wer bin ich?“

Er war nicht real, er war nicht wirklich hier und er existierte nur in der Fantasie einer anderen Person, die vermeintlich genau wusste, was er da tat. Er hatte keinerlei Erinnerung mehr. Er fühlte, wie sich die Fragen, eine bohrender als die andere, manifestierten. „Wer bin ich?“ Erneut diese Frage. Er hob seinen Kopf, fühlte ein Knacken in seiner Schulter,  in seinem Nacken, blickte zum Himmel und irgendwo da oben kreuzte eine ferne Sonne das Firmament, doch das war nicht wichtig, denn alles hatte sich auf eine Sache zusammengezogen, jeder Rahmen einer Erkundung begann sich nur noch auf ein Ding zu konzentrieren. „Wer bin ich?“

Er versuchte, einige Schritte zu gehen. Zuerst fiel es ihm schwer, als hätte er, wie seinen Namen, wie seine Vergangenheit auch sein Gehvermögen verloren, doch die automatischen Erinnerungen alter Bewegungen griffen schnell zu und er fühlte, wie es immer leichter wurde, je weiter er sich fortbewegte. Er musste fort, eine Macht schob ihn fort, als wäre hinter ihm etwas Böses, das nur darauf wartete, ihn an diesem Platz, in einer Fremde, derer er nicht habhaft werden konnte, zu vernichten.

Die Schritte, die er machte, wurden immer länger, fühlten sich kraftvoller an, mit jedem Augenblick. Er passierte die dicken Baumstämme, die sich in der beginnenden Finsternis in Wände verwandelten, Sträucher, deren rote kleine Früchte ihm wie Blutstropfen vorkamen. Immer weiter brachte ihn sein Körper weg von dem Ort, an dem er erwacht war. Das Licht um ihn herum entfernte sich, brachte das Gefühl von Leere immer mehr zur Geltung. Doch da, eine Bewegung!

Er stoppte, lehnte sich an einen Baum und starrte in die Richtung, die ihm seine erschrockene Reaktion gezeigt hatte. Da wieder, ein Schatten von fast übermenschlicher Geschwindigkeit, zwischen den Bäumen. Er drückte sich so fest an den Baum, dass die Rinde begann, schmerzhaften Druck auf seinen Körper auszuüben. Er fror. Erneut wandte er seinen Blick um. Doch da war nur der wartende Wald.

Der Geruch von Rauch, würzig und fein, legte sich in seine Nase. Er begann zu schnüffeln. „Wo Rauch ist, da ist Feuer und wo Feuer ist, da sind…“ Er stoppte die leise Litanei; die Furcht vor einer Entdeckung saß ihm im Nacken. Dennoch, ihm war kalt und das Gefühl von Hunger, das sich plötzlich bemerkbar machte, fühlte sich an wie ein Zwang und da war sie wieder, diese unsichtbare Hand, die ihn nach vorn stieß, ein Schlag mit einer unbekannten Macht, ein Befehl.

Als der Rauch stärker wurde, sah er auch, irgendwo hinter einem Busch, oder was auch immer in dieser Dunkelheit Busch oder Stein war, das dazu passende Feuer. Es war nur Licht, das zwischen den Zweigen und Blättern auf dem Boden glitzerte.  Er trat näher heran. Schwarze Gestalten hüpften um das Feuer, auf und nieder, in einer Stille, die ihn vor Angst zurücktreten ließ. Es waren lange und hagere Wesen, die Hände entweder in die Luft erhoben oder sie schlugen lange Stöcke in der völligen Ekstase ihres beginnenden lauten Gesanges auf den Boden. Dann stoppten sie, erstarrten völlig.

Er glaubte, seinen Sinnen nicht zu trauen, als plötzlich Bewegung in die Gruppe kam. Dann hörte er das Kreischen. Eine junge Frau, über der Schulter eines der Wesen gelegt, wurde in die Mitte der Gruppe geworfen. Sie kreischte wieder, als sie in das Feuer schaute.

Er kroch näher heran. Dann erkannte er, wieso sie ihre Stimme nicht mehr unter Kontrolle hatte. Mehrere Stäbe waren in verschiedenen Höhen über dem Feuer drapiert und, er schluckte, ihm wurde schlecht, waren menschliche Körperteile, Arme und Beine, Stücke von Schädeln und durchstoßene Rippenbögen aufgespießt und von irgendwo her hörte er weitere Menschen schreien und um Gnade winseln. Er würgte. Er wusste nicht, was er tun konnte. Die Frau kreischte noch immer, während die Wesen in ihrer unmenschlichen Art und Weise ihre Augen auf sie gerichtet hielten. Es war wie ein Gericht oder eher, wie ein Fest, das von Wahnsinnigen angerichtet wird, bevor irgendeine Macht sich erbarmte und sie auslöschte. Er schüttelte den Kopf. Er musste etwas tun. Noch war er zu weit weg, um einen möglichen Ausweg zu erkennen. Vorsichtig kroch er näher. Etwas knackte hinter ihm. Er ignorierte es. Dann rauschte es und ein furchtbarer Schmerz in seinem Nacken machte sich noch breit, bevor es schwarz wurde, er sein Bewusstsein verlor.

II

Neru wusste nicht, wie er hierhergeraten war. Seine Erinnerungen spielten ihm immer wieder Streiche, als hätte er sich nie daran gewöhnt, an das ständige Halbdunkel, an die kurz aufflackernden Lichter, an die Bewegungen der Leute um ihn herum, langsam, fast apathisch. Er schüttelte den Kopf, versuchte, Bilder der letzten Minuten wieder in sein Gedächtnis zurückzurufen, fühlte, dass er  keine Chance hatte. Er beugte sich über den Tisch vor ihm, betrachtete das verschwommene Etwas, das ihn ebenso anblickte. Er schnitt eine Grimasse.

„Spielst du wieder mit dir selbst?“ Neru blickte auf. „Was soll ich denn sonst hier tun, Salara?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Dich mit jemandem treffen? Etwas essen?“ Er schaute auf seine Uhr. Die Zeiger strahlten beunruhigend. „Es ist schon 10? Ich bin irgendwie nicht richtig da, nicht wahr?“ Sie warf ihr Gesicht zurück. „Du bist nie richtig da, Neru Pasol.“ Er grinste.

Salara beugte sich zu ihm hinunter und er konnte sie schon riechen. Ganz egal, wie eingesperrt sie hier waren, wie eingeschränkt die Möglichkeiten, die Produktion von Hygieneartikeln war, sie roch immer, soweit er sich erinnern konnte, wie eine Erinnerung an schmerzlich vermisste Licht, süß und leicht. „Schnüffelst du an mir, Neru?“ Er öffnete die Augen. „Entschuldige, aber du hast sicher ein Geheimnis. Wer kann hier“, er fuhr mit den Händen durch die Luft, „denn so gut riechen.“ Selbst im Halbdunkel konnte er erkennen, dass sie rot wurde. Brüsk drehte sie sich um und stampfte nach draußen.

Dort, in irgendeinem Abstellraum, würde sie sie sich an eine Wand lehnen und weinen, das wusste er. Er hatte sie vor einigen Tagen dabei ertappt. Was ist das bloß mit Frauen, fragte er sich. Langsam drang die Realität wieder in seinen Kopf. Das Rauschen, das er bisher hintergründig ignoriert hatte, entpuppte sich als eine Gruppe von jungen Techniker, die in einer hinteren Ecke des Speisesaals saßen und sich laut über irgendeine Sendung im Fernsehen unterhielten.

„Hast du das gesehen, Ja-Lib hat dem Drachen einige kräftige Wunden beigebracht?“ Einer der Techniker war aufgestanden und fuchtelte mit irgendeinem Werkzeug, das Ähnlichkeiten mit einem Zollstock hatte, herum.

„Nein, er war chancenlos. Ich habe meine Wetten auf den Drachen platziert.“ Der Mann grinste. Neru fühlte, wie sich seine Hände verhärteten.

„Wie meinst du das?“ fragte der erste wieder, „man kann doch gar nicht auf den Drachen wetten?“

Der Angesprochene lehnte sich nach vorn. „Nicht offiziell.“

„Aber, aber das lohnt sich doch gar nicht!“

„Nun…“wies ihn sein Kollege zurecht“selbst wenn die Quoten für einen Sieg gegen den Drachen oder was auch immer dieses kleine Tier ist, dort in der Arena… denn der Drache ist es eindeutig nicht, dann muss ich sagen, dass dein Geld verschwendet und meines langsam, aber sicher steigt.“

„Aber stell dir die Quoten vor, wenn wirklich einer den… Drachen besiegt, auch wenn du nicht glaubst, dass es ein Drache ist.“

„Genug!“ ein dumpfer Ruf aus der Ecke. Neru war aufgesprungen, die Fäuste geballt und war innerhalb weniger Augenblicke am Tisch dieser vermaledeiten Techniker. „Genug!“ Er packte einen Stuhl, wirbelte ihn herum und warf ihn an die Wand über den vor Angst erstarrten Männern.

„Aber“, fing der Mann, den Neru unter dem Namen Jamses erkannte, an und zuckte mit den Schultern. „Ja?“ Nerus Augen leuchteten förmlich in der Dunkelheit und drückte mit jeder Sekunde mehr und mehr Hass aus. „Nichts. Es… tut…“ „euch leid. Ich weiß.“ Neru hob seine Schultern. „Aber davon können wir nicht leben. Ihr wisst…“ er drehte sich um, um festzustellen, ob noch jemand anderes mithörte „Der Kampf ist wichtiger als der Sieg. Das wisst ihr… nicht wahr?“ Sie nickten. Gut. „Es ist die Kraft, die sich in uns manifestieren muss, Männer.“ Er streckte den Rücken durch. Zeit, die alte Sprüche aufzufahren.

„Es ist nicht so, dass wir uns gewünscht haben, hier, in der Finsternis zu hausen. Wir hausen nicht, wir warten. Es ist kein einfaches Warten, Männer. Wir bauen etwas auf, etwas neues, etwas großes, etwas unaussprechliches. Wir haben keine Angst mehr, nur noch den Willen, uns dem zu stellen, was auf uns wartet. Und ich verspreche euch, es wird ein großer Kampf werden und wir werden ihn gewinnen. Es geht nur aufwärts, auch hier. Hier, wo wir wenigen Verbliebenen auf das Signal warten, nach draußen zu stürmen und ihm entgegenzutreten. Glorreich, voller Macht werden wir uns unser Land wiedererobern. Und er wird untergehen. Er wird vernichtet werden. Seine ganzen kleinen Anhänger werden vernichtet werden und die Sklaven, die ihm nie dienen wollten, aber es nicht geschafft haben, zu flüchten, werden wir befreien.“

Er war außer Atem. Er bemerkte, wie seine Fingerknöchel unter der dünnen Haut hervortraten, als würden sie nach draußen wachsen. „Herr Pasol… aber wieso sind Wetten erlaubt und auf den Drachen nicht?“ Ein Neuer, Neru kannte ihn noch nicht, aber er ihn nun schon. „Weil der Kampf gegen einen Drachen, wie man ihn in der Arena sieht, Motivation ist. Es ist gleich, dass der Drachen“ er rollte mit den Augen „grundsätzlich gewinnt. Aber nicht ewig, je öfters er kämpft, desto schwächer wird er und einer, vielleicht, wenn ihr Nachkommen habt, wird genau eines dieser Kinder den entscheidenden Stoß durchführen.“

„Das ist doch…“ Jamses stand auf, „unter uns, das ist eine Ewigkeit…“ Er sprang zurück, als Nerus Faust auf den Tisch prallte. Die Teller klirrten vom Einschlag. „Es gibt kein Heute, Mann! Es gibt nur den Glauben an das Morgen. Was nützt es denn, zu träumen… von was willst du träumen, Mann? Von einer magischen Kraft, die plötzlich in einem Lichtstrahl die Aufgabe einfach so löst? Wir sind doch keine Zauberer. Es gibt keine Magie, keine Zauberer, keine Erlösung aus Zufall oder Schicksal.“ Er nickte. Er erhielt einen Schlag in den Nacken, wirbelte herum, sah niemanden. Er griff nach seinem Hinterkopf, nickte. Dann drehte er sich wieder  um. „Leute, bevor ihr hier weiterredet“ er deutet nach oben. Sie folgten seinem Blick „kümmert euch mal um die Belüftungsanlage. Kondenswasser ist schlecht für die Technik. Wir sind hier auf euch angewiesen, Männer!“

„Ja, Chef.“ flüsterte Jamses. Neru beugte sich zu ihm herunter. „Ich danke dir“, dann blickte er die anderen an. Sie hatten die Augen gesenkt, starrten auf ihre Teller, auf denen noch immer eine Art grüne Paste in einer gelber Flüssigkeit schwamm, „aber esst erstmal euer Mittagessen auf. Bleibt gesund. Nur so könnt ihr uns allen helfen!“

Minuten später, als die Männer gegangen waren, schweigsam wie alle zurechtgewiesenen Kinder, hatte er angefangen, zu würgen. Ihm war alles hochgekommen. Sojapaste. Er hatte das Zeug schon gehasst, als er noch ein kleines Kind gewesen war, als man ihm das Zeug vorgesetzt, dann in den Mund gestopft hatte, mehr Strafe als wirkliche Notwendigkeit, dass er am Leben blieb. Doch jetzt, in seiner Position, war es nicht mehr nötig gewesen, sich diesem Gefühl auszusetzen. Aber wer sonst konnte einer Horde dummer Techniker entgegentreten, wenn die nicht in der Lage waren, moralisch korrekt zu handeln? Moralisch? Das falsche Wort. Notwendigerweise korrekt, auf eine Zukunft hin, die sie in ihrer Kleingläubigkeit verschmähten. Dennoch, Neru konnte sie etwas verstehen. Wie wäre es, fragte er sich, wenn die schwarzen Löcher in den Wänden, in dessen Glas er sich spiegelte, nicht nur Versuche wären, Fenster zu imitieren, sondern das echte Licht von draußen, viel heller als das, was ihn und die anderen umgab, plötzlich hereinströmen würde. Er grinste. Sie würden dieses Licht gar nicht aushalten, weder verstehen noch irgendwie damit umzugehen wissen. Techniker lebten noch mehr im schummrigen Halbdunkel als der Rest der Leute, gingen in den Ebenen bis zu Nummer -10 ans Werk, wenn dort irgendein Problem auftrat und, Neru zuckte, als habe er kurz vergessen, was er damals, zusammen mit Salara und anderen Verrückten seiner Studiengruppe, weiter unten erlebt hatte. Nerus Hände schmerzten und er wurde gewahr, dass sie sich so stark an die Kanten des Tischs pressten, dass seine Muskeln fast kollabierten. Er versuchte, seine Hände zu lösen. Erfolglos. „Hallo Panik, alter Freund“, flüsterte er und wie aus dem Nichts trat die Wand aus Angst vor den Vorhang seines Unterbewusstseins. Er versuchte nicht, sie aufzuhalten. „Sie leiden noch immer an   Klaustrophobie?“ Er konnte sich die Worte seines Psychologen förmlich ins Ohr rufen. Er schüttelte den Kopf. „Es ist keine Angst, Doc. Es ist das Treffen mit einem schlechten Nachbarn, der Stücke seiner Wohnung in deine Wohneinheit schiebt und vergisst, sie wieder abzuholen. Und während man darauf wartet, dass dieser Mensch, der mehr Besitz hat als man selbst, kommt der Tag, an dem der von von draußen lächelnd die eigene Türe schließt und davonrennt, während man, umgeben von unzähligen nutzlosen Dingen, erstickt.“

Immer, wenn Neru diese Geschichte einfiel, war es zu spät gewesen, um sie anzubringen. Irgendwann im Laufe der Jahre hatte sich seine Angst vor den Tonnen von Gestein über seinem Kopf in eine irrationale Sache verwandelt; er war selten wirklich panisch, nur manchmal, wenn er sich solchen Sachen wie schlechte Messergebnisse, unpassenden Sprüche seines Vorgesetzten oder allgemein nicht nachvollziehbarer Kritik gegenübersah, konnte es geschehen, dass die Mauer, die er um das schlechte Gefühl herum aufgebaut hatte, Risse bekam und er auf einmal wieder spürte, dass die Decke, so nass vom Kondenswasser sie auch war, wieder einige Zentimeter nach unten gedrückt worden war.

Dann, als hätte es die letzten Augenblicke nicht gegeben, fiel ihm ein, wieso er hier war. Er schluckte. Er musste zu Dr. Salus, seinem Vorgesetzten. Auch wenn der Doktortitel sinnlos war, hatte er doch Hochachtung vor diesem Mann und Kritik, Neru stöhnte auf, konnte seiner Laufbahn einen Dämpfer, wenn nicht sogar  eine Abweichung von mehreren Grad geben, denn er wusste, die Nachricht, die er zu überbringen hatte, war eindeutig schlecht.

III

Rauch biss sich in seinen Augen fest, presste sie zusammen wie Stücke glühender Kohle und das Geräusch von tanzenden Füssen um ihn herum wurde mit jeder Sekunde lauter und lauter. Eine Stimme in seinem Inneren flüsterte: „Bleib liegen“,  doch diese Position, er fühlte, wie er hier auf dem Boden lag, und wie die Erde um seinen Körper herum hervorquoll, ihn förmlich einsaugen wollte, und so musste er versuchen, sich aus dieser Umarmung zu lösen. Er bewegte seine Hände, um seine Augen freizubekommen und musste erkennen, dass sie gefesselt waren.

Er schüttelte seinen Kopf und riss, vorsichtiger als er gedacht hatte, die Augen auf. Der Rauch war überall. Er schloss Augen, fühlte, wie die Tränen versuchten, seine Augäpfel von dem schwarzen Schmerz freizuschwemmen, und blickte sich erneut um. Da war sie wieder, die Frau. Ihr Gesicht verzerrt von Abscheu, blickte ihn an. Sie hatten ihn doch tatsächlich ihr gegenüber in den Schmutz vor dem Feuer geworfen und das hatte nur eines zu bedeuten. Verzweiflung machte sich breit, füllte ihn vollständig aus. Der Tanz schien in eine neue Phase einzutreten, die dumpfen Rhythmen waren schneller geworden und aus den gutturalen Lauten um ihn herum musste er schließen, dass sie sangen. Und es war kein gutes Lied. Er drehte seinen Kopf, um mehr zu sehen. Konnte es sein? Nein, das war eindeutig nicht nachvollziehbar. Was zur…

Er wusste, dass er sein Gedächtnis verloren hatte, aber aus irgendeinem Grund meinte er, dass solche Wesen, die begonnen hatten, immer heftiger zu stampfen und Stöcke in den Boden zu rammen, gar nicht echt sein konnten. Er glaubte nicht, dass es so etwas geben konnte. Oder konnte es sein, dass diese Dinger allesamt keine Augen hatten? Er fühlte, wie die Tränenflüssigkeit gegen den Rauch, der ihn umgab, langsam aber sicher aufgab. Schmerzhafte Zuckungen seines Unterkiefers, das Gefühl, dass er dem sicheren Tod entgegenblickte, Menschen ohne Augen. Konnte das sein? War er nur dem Wahnsinn nahe? Nein. Die Wesen um ihn herum, auch wenn sie wie Menschen ausgesehen hatten, aus der Ferne, hatten sich in noch scheußlichere Kreaturen verwandelt, denn dort, sonst Augenpaare in die Welt blickten, war nur ein langer Schlitz zu sehen, der von der Mitte des Schädels bis hinunter zum Ansatz der Nase führte. Ein Schlitz, der sich, er musste sich konzentrieren, dort aufspaltete und die beiden Linien bis hinunter zum Kinn führte. Ihm wurde schlecht. Bei jedem Laut, den sie um ihn herum machten, öffnete sich der Spalt ein wenig und er war sich nicht sicher, dutzende ob winzige Fäden, Augenpaaren einer Schnecke gleich für den Bruchteil eines Augenblicks zu sehen waren. Oder Pilze, die lang genug in dunklen Ecken geruht und sich ausgebreitet hatten. Er konnte nichts dazu sagen. Ihm war… ihm war schlecht. Und er musste sich eingestehen, dass er all diese Gedanken nur hatte, um sich vor der Erkenntnis zu schützen, dass er sterben würde und sein Körper, er roch den speckigen Geruch des Fleisches um ihn herum, auch bald an einem der Stöcke vor sich hinschmoren musste. Er fühlte, wie sich ihm der Magen zusammenzog, die kochende Flüssigkeit aus seinem Inneren emporschoss. Er schloss die Augen. Dann kotzte er.

Die Geräusche um ihn herum verstummten. Nur noch das Prasseln des all-ausfüllenden Feuers war zu vernehmen und das Schluchzen der jungen Frau, die ihm gegenüber im Dreck lag. Verwirrt öffnete er die Augen. Die Gestalten standen im Kreis um sie beide herum, hatten ihre Köpfe gehoben, hatten ihre Köpfe in die Luft erhoben, als… die Frau plötzlich, absolut grundlos anfing zu lachen. Er starrte sie an. Ihre Augen waren hell und klar, ihr Mund eine Wand aus elfenbeinfarbenen Zähnen. Er sah, wie ihre Muskeln sich spannten, wie sich ihr Nacken zusammenzog. Sie war auf bestimmte Art und Weise hübsch, doch in diesem Augenblick, so dachte er, war das Lachen das Dümmste, was man sich hatte vorstellen können. Dann schwieg sie. Aus der fast meditativen Ruhe dieser Situation heraus beugte sich eines der Wesen zu ihnen beiden hinunter. Aus dem Spalt in seinem Gesicht trat die weiße Masse der winzigen Würmer heraus, schob sich zuckend in seine Richtung. Ein Surren ertönte aus der Ferne und stoppte plötzlich. Die Gestalt stieß einen Schrei aus und kippte herum. Plötzlich war die Luft erfüllt von einem Regen von Pfeilen, die sich in den anderen der Kreaturen manifestierten, indem sie deren Körperteile durchstießen. Es war ein stilles Abschlachten, die dumpfe Agonie der eigenen Vernichtung hatte sie in eine Wand aus Fleisch verwandelt, die nun eingerissen wurde. Pfeil um Pfeil raste aus dem dunklen Wald heran, bohrte sich in Körper und in den Boden um ihn und die Frau herum. Sie hatte die Augen geschlossen, atmete schwer. Ihr Körper war angespannt, Abscheu lag in ihrem Gesicht, Abscheu und Akzeptanz des eigenen Todes.

Der Regen stoppte und Stille trat ein. Aus der Ferne drang Gemurmel an sein Ohr, das immer näher kam, zu menschlichen Worten wurden. Die Schritte waren gedämpft, durch das Gras, durch das die Angreifer kamen als auch durch die Tatsache, dass sie wissen mussten, wen sie hier vernichtet hatten, denn ihre Füße, wie er er erkannte, waren in dicke Felle gewickelt, um so leise wie nötig zu sein.

„Sie sind tot“ sagte eine Stimme, knurrend wie die eines Anführers, der es gewohnt ist, keine Wiederworte zu erhalten. „Na endlich“, antwortete die Frau und er war verblüfft, ihre Stimme zu hören. Sie war auf spezielle Art und Weise melodisch und zart, aber er konnte den scharfen Unterton nicht ignorieren. Die Gruppe trat an das Feuer heran. Ihre Gesichter waren verhüllt, ihre Augen starrten  jedoch umher und er konnte Wut und Trauer in ihnen erkennen. Sie waren in dunkle Stoffe gehüllt, nicht ganz schwarz, eher wie dunkle Erde. Er konnte Helme entdecken, bei einigen der Männer Schilde aus Holz. Nur der Anführer trug ein Wappen auf seinem Schild. Es war die Zeichnung eines, er überlegte, eines Wildschweins? Die Männer begannen leise zu diskutieren. Dann nickten sie, lehnten ihre Bögen an nahe Baumstämme und begannen, die bratenden Fleischstücke der unglückseligen Toten in das Feuer zu werfen.

„Wer ist das?“ fragte einer der Männer. „Olaf, frag nicht soviel. Der Mann ist kein Snalus. Der ist ein Mensch. Also wirst du ihm keinen Pfeil in den Kopf schießen, ist das klar?“ Die Männer lachten. Der Angesprochene zuckte mit den Schultern.

„Snalus?“ Er hörte seine eigene Stimme wieder als wäre sie etwas Fremdes. Die Männer schwiegen und starrten ihn an. Dann beugte sich der Mann, der Olaf genannt wurde, zu ihm hinunter.

„Ach, er kann reden? Wie nett.“ Die Männer lachten, „aber nur mit einem hässlichen Akzent. Wo kommst du denn her?“ Olaf griff nach ihm, packte ihn an den Schultern und zog ihn nach oben. „Danke“ sagte er. „Nicht der Rede wert. Wir wollen doch nicht, dass du dreckig wirst.“ Sie lachten. Irgendjemand hatte der Frau auf die Füße geholfen. Sie zitterte. Einer der Männer legte ihr ein Tuch um die Schulter. Sie nickte dankbar. Und dann, wie aus heiterem Himmel begann sie zu sprechen.

„Ihr habt sehr lang gebraucht. Das ist verdammt mies gewesen, wisst ihr das? Irgendein Snalu hätte mich bereits aufgefressen, wenn ich ihn nicht vorher schon getötet hätte.“ Ihre Mimik sprach Bände. „Ihr solltet ruhig dankbar sein, dass ich noch immer bei euch bin, so oder so.“ Sie war kleiner als die Männer, doch wie er feststellte, hielten sie ihre Gesichter gesenkt, starrten wie kleine Kinder zu ihr hinunter. Aus einem unbestimmten Grund musste er grinsen. Sie sah es.

„Was ist daran zu lächeln, Fremder?“ Sie trat zu ihm hin. Er konnte sie nun richtig erkennen und musste sich eingestehen, dass unter der Fassade des Opfers, mit zerrissenen Kleidern und verdreckter Haut, hinter der schreienden Person, die vor dem Feuer gelegen hatte, eine kleine, wenn auch harte Frau stand. Die Adern an ihrem Hals pulsierten vor Zorn und ihre Augen, diese Augen, meine Güte, so voller Gier nach Leben. Das Feuer spielte Schattenspiele in ihrem Gesicht und er war sich nicht sicher, ob sie ihn hasste oder doch nur einen Witz auf ihre Kosten machte. Doch er musste…

„Liara, Vorsicht!“ einer der Männer brüllte. Sie wirbelte herum, wurde von einer dunklen Wand gepackt und weggestoßen, auf den Boden geschleudert. Einer der Snalus, den Pfeil in seinem Hals steckend und keuchend, beugte sich über sie, während die Männer sich beeilten, ihre Waffen zu packen. Sie starrte das Ding an.

Er war schneller. In seinem Körper pulsierte es. Er wusste nicht, was geschah, als sich ohne sein Zutun ein Bild in seinem Kopf manifestierte und dem Körper den reflexartigen Befehl gab, zu agieren. Sein Fuß traf das Wesen unvorbereitet und abgelenkt von seiner Gier nach Fleisch, ein Tritt zwischen die Beine der Kreatur ließ sie zusammenzucken, ein sehr hoher Tritt auf den Brustkorb brachte es keuchend zu Boden und während es sich dort in Agonie wand, trat er noch einmal zu, fühlte, wie seine Füße die Luft durchstießen und auf den Widerstand des fremden Halses traf und wie hier die ganze Energie seines Zorns landete, wie der Aufschlag eines Blitzes in Fleisch. Er hörte das Knacken von Wirbeln, dann war da nur noch das Rauschen von Blut, unterbrochen von Knacken des Feuers in Hintergrund.

„Wer bist du?“ fragte eine leise Stimme. Die Frau, die sie Liara genannt hatten, ihren Blick, dann stand sie auf und trat wieder vor ihn hin. „Wer bist du?“ fragte sie erneut und ihre Augen durchschlugen seine Fassade und bohrten sich wie Fackeln in sein finsteres Bewusstsein. Er fühlte, wie er sich langsam beruhigte, sein Herz langsamer schlug, wie das Rauschen in seinen Ohren abklang. Er hörte, wie die Männer sich auf die Schulter schlugen und leise miteinander sprachen.

„Mach mich los“, meinte er und hob seine Hände. Sie nickte. Einer der Männer trat heran, zog sein Messer aus dem Gürtel und wandte sich ihm zu. Vorsichtig taxierend legte er die Klinge an das Seil oder was immer auch die Wesen benutzt hatten, ihn zu fesseln. Einige Schnitte später war er frei.

„Jetzt, wo ich frei bin“, sagte er und starrte in die Runde, endete mit einem Blick in den Augen der Frau namens Liara, „ich bin hier in diesem Wald erwacht und“ er stockte, während er fühlte, wie sein Gesicht sich verhärtete, als würde sich diese eine unlösbare Frage in seinem Körper manifestieren „ich weiß. nicht, wie ich hier hergekommen bin. Was noch schlimmer ist, ich weiß. nicht, wie ich heiße.“

IV

„Ist das denn die Möglichkeit?“ Neru hörte die Stimme von Oberst Jablowski laut und deutlich bereits mehrere Dutzend Schritte weit entfernt. Er stoppte seinen Marsch und reckte sich. Wenn der Alte heute schon so drauf war, dann konnte seine Meldung das Todesurteil seiner Karriere sein. Er musste laut atmen, damit er überhaupt wusste, dass er am Leben war, bevor ihn eine Panikattacke dahinraffte. Eine Tür knallte und eine junge Frau stürzte mit Tränen in den Augen an Neru vorbei. Er kannte sie, nur ihr Name war ihm entfallen, aber das war normal, bei dem Verbrauch an Sekretärinnen, die der Alte vorzuweisen hatte, konnte man sich nicht alle merken. Er nickte seinem Spiegelbild zu, ging die wenigen Meter bis zur stählernen Tür und blieb erneut stehen. Er schaute sich um. Die Wände waren hier genauso aus Stahl gefertigt wie überall, jedoch hatten der unwahrscheinlich starke Wille von Jablowski und natürlich seiner Vorgänger diese paar Quadratmeter in blitzblanke Perfektion verwandelt. Alles glänzte, als hätte man die Umgebung in Chrom getaucht. Dennoch, diese eine Sache half ihm jetzt auch nicht. Er seufzte laut und klopfte an. „Ja?“ fragte die Stimme des Alten, noch immer verärgert, fast wütend; er hatte wohl keine Zeit gehabt, sich abzuregen.

„Ich bin es, Herr Oberst, Neru Pasol.“ „Dann kommen Sie herein und verschwenden nicht meine Zeit vor der Tür.“ Neru nickte, drückte die schwere Türklinke nach unten und trat ein.

Gleisendes Licht ließ das Halbdunkel verwandelte das Halbdunkel hinter ihn in finstere Nacht. Neru musste kurz die Augen schließen, in seinem Kopf rauschte es. Er hatte, wie so oft vergessen, dass der Oberst strikten Wert auf Licht legte. „Mit Licht kann man besser arbeiten, finden Sie nicht auch?“ Ja, dieser alte Spruch kam Neru ins Gedächtnis, wie jedes Mal, wie eine Maschine, die auf eine Eingabe reagiert. Er freute sich, dass der alte Mann mit dem Rücken zu ihm stand und aus dem Fenster starrte. Dort draußen, nachdem sich seine Augen gewissermaßen an das Licht gewöhnt hätten, hätte er winzige Bewegungen gesehen, ein erleuchtetes Oval von brauner Farbe mit schwarzen Punkten durchzogen, kleinen Lichtern, Lampen, von Arbeitern getragen, die eine Kreatur beleuchteten, die für alles hier, zumindest metaphysisch, verantwortlich war.

„Pasol. Was wollen Sie?“

Die Stimme des Oberst war schneidend wie immer und Neru konnte sich nicht beherrschen, zuckte zusammen. Körperlich hatte der alte Mann ihm fast nichts mehr entgegenzusetzen; war der Mann nicht bereits über 70 Jahre im Dienst? Neru hatte bisher nur Gerüchte gehört.

„Oberst Jablowski, ich bin hier, um Ihnen gewisse Nachrichten zu überbringen. Ich weiß. nicht…“

Neru stoppte. Die fast übermenschlich scheinende Gestalt dieses alten Mannes in der dunkelblauen Uniform, eine Person, die ohne offiziellen Grund hunderte Männer in den Tod schicken würde, und dies auch bereits getan hatte, drehte sich um. Die Augen, die Neru anstarrten, sprachen von Tod. Mehr noch, von sinnlosem Leiden, gefolgt von einem endlosen Sterben. „Also Pasol? Sie müssen sich vermutlich keine Sorgen machen. Ich bin heute auf besondere Art und Weise positiv gestimmt.“

Neru wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Die erbarmungslosen Augen seines Gegenübers rissen ihm förmlich die Kleider vom Leib, das Fleisch von den Knochen, jede noch sinnlose Information aus dem Kopf, so dass er für sich selbst gesehen dastand wie nackt jenseits der Vorstellungskraft. Er schüttelte sich, um den Druck, den der kleine Mann ausübte, abzuschütteln. Vergeblich.

„Herr Oberst… wissen Sie…“ er deutete aus dem Fenster, nach unten, doch der Alte reagierte nicht; er zuckte mit den Schultern. „Ja-Lib ist verschwunden.“

Der Oberst lächelte milde. „Wie oft waren Sie schon bei mir und haben mir genau diese Sache mitgeteilt?“ Neru wusste nicht zu reagieren. Der Alte hatte zwar Recht, aber… „…Aber diesmal ist es anders, Herr Oberst.“ Jablowski drehte sich wieder um und Neru fiel wieder einer der alten Sprüche ein, den die Vorfahren benutzt haben sollen: „die kalte Schulter zeigen.“

„Herr Pasol“, fing er an, „Was also diesmal?“

Neru wusste nicht, was er sagen sollte. Eine Beleidigung brannte ihm förmlich in der Kehle, das Aufbegehren vor einer übergeordneten Macht, das ihn hin und wieder streifte, aber auch diesmal war es nur Luft, die blieb.

„Ja-Lib ist verschwunden und ich gehe aus sicherer Quelle davon aus, dass er nicht zurückkommt. Ich werde Ihnen einen Abriss davon geben, was er getan hat, wenn Sie wünschen.“

Er sah den alten Mann nicken, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Die Wände des Raums schienen auf magische Art und Weise zusammengewachsen zu sein und er  fühlte sich noch unwohler als sonst. „Dummes Zeug“, flüsterte er und begann dann zu sprechen.

„Ja-Lib wurde beim letzten Kampf mit der Kreatur schwerer verletzt, als vermutet. Sie haben es ja selbst gesehen: als das Wesen plötzlich begann, Feuer zu speien, waren wir alle sehr überrascht. Noch mehr Ja-Lib, der direkt vor ihm stand und, so bizarr das klingt, der erste Mensch gewesen wäre, der sich gegen das Wesen behauptet hatte.“

„Sagen Sie den Begriff Drachen, sonst muss ich mich fragen, ob Sie vielleicht nicht daran glauben. Kreatur könnte alles sein.“ Neru fühlte, wie sich in ihm der Magen aufplusterte, als wöllte er explodieren und die letzten echten Mahlzeiten, kaum 2 Stück in den letzten 48h freigeben und alles würde das Büro in einer Art blutigen Brei enden und… „Aber natürlich, Herr Oberst.“

„Gut.“ erwiderte der Alte.

„Ja-Lib war in diesem Augenblick daran, dem Drachen das Schwert in die Brust zu rammen oder in den Hals, genauere Informationen konnten wir bisher nicht erfahren. Als die Krea… der Drachen sein Maul aufriss, erwarteten wir alle einen Angriff mit diesem, einen Biss, ein schnelles Hervorspringen des Kopfes und so weiter, aber wie wir alle wissen, war dieser… Wunsch falsch.“
„Ja, wir wissen jetzt, dass der Drachen Feuer spucken kann.“

„Genau, Herr Oberst. Und Ja-Lib war trotz seiner überragenden Reflexe ebenso überrascht wie wir. Der Feuerball, den wir dank Sensoren mit einer Hitze von ca. 800°C ermitteln konnten, war groß. Es scheint fast so, als hätte der Drachen ihn aufgespart. Sie wissen ja selbst, wie sehr wir ihn am Leben halten und wie alt er ist. Man hätte vor dem Kampf gesagt, wir haben ihn gezähmt. Doch diese Vermutung war eindeutig falsch.“

Jablowski nickte.

Neru fuhr fort. „Sie wissen, dass Ja-Lib in den darauffolgenden Wochen von Krankenstation zu Krankenstation weitergereicht wurde. Irgendwann waren seine Wunden geheilt, die Verbrennungen hatten Narben hinterlassen, aber er schien auf besondere Art und Weise glücklich zu sein. Vielleicht ein Übermaß an Endorphinen oder die Krankenschwestern haben ihm heimlich Serotonin gegeben oder irgendeine Quelle hat Morphium ausgepackt, wir wissen es nicht. Es war der 15. August 347. An diesem Tag wurde er entlassen. Die wenigen Reporter, die staatlich genehmigt sind, hatten sich vor der Tür versammelt, die Kameras gezückt. Doch er kam nicht. Man rief mich an. Sie wissen ja, dass es meine Aufgabe ist, in dieser Hinsicht etwas zu tun, ein bisschen, sagen wir Propaganda hier und da… jedenfalls habe ich meine Frau und die Kinder daheimgelassen, habe meine weiteren Termine auf der Herfahrt abgesagt und war kurz nach 12 Uhr beim staatlichen Krankenhaus. Die Meute war missmutig und… sie ließ mich wissen, dass sie auch andere Dinge zu tun hätte als nur zu warten. Ich bemühte mich, deeskalieren zu wirken und betrat das Gebäude.

Die Krankenschwestern waren in heller Aufregung, hintergründig. Vordergründig waren ihre Gesichter genauso leer, freundlich, unbestimmt wie immer. Ich fragte nach Ja-Lib. Sie nickten, freundlich, leer und teilten mir mit, dass er bereits fort sei.

„Wie bitte?“ fragte ich. Sie nickten wieder. „Ja, der große Ja-Lib hat sich entschieden, heute allein nach Hause zu fahren.“ „Unauffällig?“ Sie lächelten. „Er ist aus der Hintertür in einen Wagen gestiegen und davongefahren.“ Eine der Schwestern lächelte mehr als die anderen. „Er hat mir ein Autogramm gegeben.“ Sie zog einen Zettel aus ihrem Kittel. Der Zettel hatte dieselbe Farbe wie das verwaschene, fast filigran wirkende Kleidungsstück. Sie sah meinen Blick, wurde unglücklich. „Ich habe bereits neue Arbeitskleidung angefordert, aber Sie wissen ja… die Produktion kommt nicht nach.“ Ich nickte. Jedenfalls war Ja-Lib nicht mehr da. Ich ging also wieder aus dem Haus, nachdem ich natürlich tief durchgeatmet hatte, und trat vor die Menge. Ich bedauerte die Wartezeit und teilte mit, dass im Büro irgendwas dazwischengekommen war, die Daten Ja-Libs falsch im System erfasst worden waren und der Champion des Volks bereits am Vortag entlassen worden war. Wir planten natürlich eine Art Pressekonferenz und würden uns schnellstens melden.

Ja-Lib war tatsächlich daheim. Ich bin, nachdem ich die Leute davongeschickt und mir ein paar hintergründige Beleidigungen angehört hatte, zu ihm gefahren.“

„Eine nette Erzählung, Pasol. Und?“

„Ich wusste, dass seine Kamera auf meine Anwesenheit reagiert und nach meinem Klingeln öffnete sich tatsächlich die Tür. Einen anderen Menschen hätte man nicht eingelassen. Ja-Lib ist, wie Sie wissen, ein sehr zurückgezogen lebender Mensch, fast scheu, hat sein Leben nur dem Kampf gewidmet und wir kennen uns schon ewig.

Ich bin durch den Flur, vorbei an seinem Butler, sagen wir eher, Haushälter, habe mir beim Gehen die Pokale angeschaut, die Bilder, auf denen wir zu sehen waren, Körper toter Feinde und so weiter. Waren Sie schon einmal in seiner Wohnung? Sie ist sehr geschmackvoll eingerichtet, fast spartanisch. Aber was will ein Krieger auch mit Blumen?“ Neru lachte nervös.

„Ich setzte mich also auf den Stuhl, den mir Ja-Lib anbot und starrte ihn an. Er stand noch immer am Fenster, so wie Sie dies immer tun und schaute hinaus. Die Straßen waren wie immer sehr belebt, dennoch war es sehr ruhig bei ihm daheim. Irgendwo im Hintergrund wuselte sein Haushälter herum. Ich schaute mich um, bemerkte winzige Einzelheiten, die mir vorher nicht aufgefallen waren. Sie wissen,  ich war schon öfters in seiner Wohnung, aber meistens für Termine und dann bekommt man nicht alles mit. Jedenfalls machte ich einen Kommentar zu einem Buch, das aufgeschlagen auf dem Tisch lag. „Es ist ein schönes Buch, Ja-Lib. Wovon handelt es?“ Seine Antwort kam langsam und schleppend, als wäre er sehr müde. „Die Grundpfeiler unseres Lebens, geschrieben von einem mir unbekannten Mann.“ sagte er. Ich beugte mich hinüber und hob es hoch. „Drachenzahn – eine Erzählung“ las ich laut vor. Ich musste mir das Lachen verkneifen. Meine kleine Tochter liest das Buch gerade und sie ist 5 Jahre alt. Es ist ein Kinderbuch, mehr nicht. „Ich höre dich grinsen, Neru. Du hältst das Buch zu klein für mich, oder mich dumm genug, es zu lesen und in ihm eine der universalen Wahrheiten zu finden.“ Ich stand auf und hob die Arme beschwichtigend. „Das habe ich nicht gemeint, Ja-Lib.“ Er drehte sich um, den rechten Arm noch immer in einer Schlinge, die Augen zusammengekniffen, Brandnarben leuchteten rot im Wohnzimmerlicht. „Für solche Dinge, mein Freund, lasse ich mich von einer Kreatur verwüsten, von der wir nicht einmal wissen, woher sie kommt. Und dann hat sie auch noch Feuer gespuckt. Du siehst hier ein Beispiel von gnadenloser Unterschätzung des Gegners. Wie lang leben wir schon unter der Kreatur?“

„Laut unserer Geschichtsschreibung und laut unserer Jahreszahl 347 Jahre.“ war meine Antwort.

„Genau. 347 Jahre und auf einmal wäre ich der erste, der es schaffen könnte, den Drachen zu besiegen. Als ob jemand wie ich nur alle 347 Jahre geboren wird. Als ob nicht irgendwelche anderen, stärkeren, klügeren Menschen auch schon vorher erfolgreich gewesen wären.“

„Du bist auserwählt, Ja-Lib. Wir kennen uns schon ewig, ich bin immer ehrlich zu dir gewesen. Und du weißt, dass niemand der Lösung näher gekommen ist als du. Fast hättest du ihn geschafft.“

Er setzte sich, streckte seine Beine aus, legte die Füße auf den Tisch. „Fast… ein wunderbares Wort. Fast. Ich möchte, dass dieses Wort verboten wird. Es bringt die Menschen dazu, es immer wieder zu versuchen, immer wieder zu versagen, bis sie eines Tages sterben. Und nicht nur normal sterben, sondern im Versuch, etwas, das „fast“ geschafft wurde, hinzubekommen.“

Ich stand auf. „Weißt du, Ja-Lib. Irgendwie nervt mich dieses ganze Geseiere. Sprich dich ruhig aus, aber jammer nicht so rum. Die Leute brauchen deine Kraft, weil du der Stärkste bist, den sie kennen. Wie sollen sie denn sonst weitermachen? Sollen sie aufgeben?“ Ich zeigte aus dem Fenster. „Menschen wie du halten sie am Leben. Du bist eine Sonne, die sie nie gesehen haben.“

„Sonne“ sagte er. „Sonne, was für ein Blödsinn. Als ob wir hier unten wissen, was eine Sonne ist. Vermutlich ist das Ding, diese Kugel am Himmel, die „draußen“ existieren soll, zu hell und zu heiß für uns und genauso fühle ich mich. Weißt du, dieser Feuerball aus dem Mund des Drachens, der hat mir etwas gezeigt: Hitze und grelles Licht verträgt sich nicht mit unserem Leben. Wir sind nicht dafür geschaffen, draußen zu existieren. Und der Drache, nun ja, wir alle wissen, dass das Ding, gegen das wir kämpfen, nicht der echte Drache ist, nur ein Symbol, nur ein Abkömmling des großen Drachens, der vor 347 Jahren unsere Welt übernommen, erobert hat und dass das, was wir hier haben, eines seiner Kinder, Nachkommen ist. Ein echter Drache ist nicht nur 5x so groß wie ein normaler Mensch, so wie ich es bin und selbst 5x so groß ist gigantisch für mich. Überlege es dir, Neru, was du den Menschen hier unten antust, in dem du ihnen Dinge in den Kopf pflanzt, die sie nie wirklich ausarbeiten können.“

„Ausarbeiten?“ fragte ich, „meinst du, die Leute sollen mit Gedanken arbeiten? Dafür sind sie nicht geschaffen. Ich bin dazu da, sie am Leben zu halten, ihnen zu zeigen, dass du das Licht bist, ein Held, auf den sie sich verlassen können, wenn alles andere versagt. Ich glaube, dass du dein Bild in der Öffentlichkeit falsch auffasst. Du bist kein Lehrer, du bist ein Ideal. Du bist ein Ritter in goldener Rüstung, ein Superheld, einer jener Lebewesen, die wir in den Comicheften verehren lassen. Aber ich weiß… dass du das auch weißt.“

Ich hatte genug vom Bauchpinseln. „Was willst du? Wieso also hast du dich den Fragen der Öffentlichkeit nicht gestellt?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich bin nicht in der Lage, vor Menschen zu treten. Irgendwie hast du schon Recht. Wenn ich ein Held, ein Ideal bin, so dürfen sie nicht wissen, wie ich im Moment aussehe; nicht wie ein strahlender Held, sondern wie ein Häuflein Fleisch und Knochen, weniger glorreich als sonst wie.“

Ich schüttelte den Kopf. „Ein Ideal ist doch nicht körperlich perfekt, Ja-Lib. Der Geist eines Ideals ist stärker als sein Körper. Sein Glauben macht einen Ritter zum Ritter, nicht sein blendendes Aussehen. Ich habe Vertrauen in dich, und ich bin so wahnsinnig stolz auf dich.“

Er starrte mich an und ich zurück. „Ja, ehrlich. Du hast die Leute da draußen in der Zeit, die du im Krankenhaus verbracht hast, noch mehr inspiriert als vor dem Kampf, als sie deine Trainingsfortschritte zeigten, wie du mit überlebensgroßen Automaten gekämpft hast, verletzte wurdest, weitergemacht hast. Sie haben deine Menschlichkeit gesehen bei diesem Kampf und deinem Ideal gegenüber haben sie genau gewusst, dass du kein Überwesen bist, nur ein menschlicher Paladin, „nur“ dieses dumme kleine Wort, denn nur ist mehr als das, was sie je sein werden. „

„Was soll ich denn tun?“ fragte er mich. Wir hatten lange geschwiegen, auf den Boden geschaut; ich musste dafür sorgen, dass meine Worte auf guten Boden trafen und hatte ihn grübeln lassen.

„Was du tun sollst? Ich weiß. es nicht. Aber die Menschen wollen deine Stimme hören und dich sehen. Ich kümmere mich darum.“

Einige Stunden später, nachdem ich mich verabschiedet hatte, ihn empfohlen hatte, sich auszuruhen, war er verschwunden.“ Neru atmete unsicher aus.

„Verschwunden?“ fragte Jablowski. Neru nickte. „Hat sich in Luft aufgelöst. Ich habe bei ihm, also vor seiner Wohnung und was geschieht? Sein Butler, ich meine, sein Haushälter öffnet die Tür und begrüßt mich. „Der Herr ist in seinem Schlafgemach. Ich werde schauen, ob er zu sprechen ist.“ Ich warte auf ihn, als der alte Mann zurückkommt, den Blick gesenkt, als hätte er was zu verheimlichen; er traut sich nicht, mir in die Augen zu schauen. „Ich bin mir nicht sicher, was ich tun soll, Herr Pasol, denn ich weiß. nicht, wie ich Ihnen das sagen soll.“ Ich dränge mich an ihm vorbei, in das Zimmer, das Ja-Lib immer als sein Allerliebstes bezeichnet hat (liegt nicht unzufällig an der Tatsache, dass er sehr viele weibliche Fans hat, Frauen stehen nun mal auf den jungen Mann) und sah: nichts. Das Zimmer sah noch immer so chaotisch-liebenswert aus, wie man es im Fernsehen einst gesehen hatte, aber es war leer. Da war kein Ja-Lib, auch der Schrank mit seinen Kleidungsstücken stand offen und einige Teile waren nicht mehr vorhanden.

„Er hat einen Koffer genommen, Herr Pasol“ sagte der alte Mann und nickte mir zu. Ich schüttelte den Kopf „Wie meinst du?“

„Herr Ja-Lib ist heute morgen nicht zum täglichen Termin aufgestanden, hat nicht seinen morgendlichen Tee getrunken. Ich habe mir Sorgen gemacht. Sie wissen, auch wenn er sehr beschäftigt ist, mit Fans, dann kommt er dennoch jeden Morgen in die Küche, trinkt einen Tee und geht dann trainieren. Hat der Unfall mit dem Drachen etwas damit zu tun, dass er verschwunden ist?“

„Wer weiß, wer weiß. Hat er irgendetwas hinterlassen?“

Der Alte kratzt sich das Kinn. Ich kenne ihn auch schon seit über 20 Jahren, er war der Hausmeister des Waisenhauses, in dem Ja-Lib die ersten 15 Jahre seines Lebens verbracht hatte, nachdem seine Eltern, wer auch immer diese waren, sich nicht im Stande gesehen hatten, ein Kind aufzuziehen. Auch wenn das heutzutage einfacher ist, aber damals, nur 35 Jahre in der Vergangenheit, da sah es…schlecht aus.“

„Die Unruhen in den letzten 50 Jahren, ja ja“ Jablonski nickte zerstreut, „keine Zeit für Systemkritik.“

Neru lächelte kleinlaut. „Natürlich, Herr Oberst. Meine letzte Frage war an den Alten gerichtet gewesen und während er noch immer grübelnd da stand und ich unsicher war, ob er ernsthaft nachdachte oder… das nur spielte, sah ich auf dem Tischchen, das neben Ja-Libs Bett stand, ein Stück Papier. Ich ging die paar Schritte bis zum Bett und nahm mir den Zettel. Ich bin danach sofort hier hergefahren. Hier“ er griff in seine Brusttasche und zog ein Stück Papier hervor, „ist es.“

Er reichte es dem Oberst. Das Dokument wurde ihm brüsk aus den Händen gerissen und Neru war sich sicher, dass die Sache weitere Auswirkungen haben würde, als er sich jetzt vorstellen konnte.

Sein Gegenüber setzte sich wieder an seinen Schreibtisch, legte den Zettel vor sich und las. Neru vermisste in diesem Raum das jetzt plötzlich immer poetischer werdende Halbdunkel der Welt da draußen; das Licht um in herum begann, eine gleißende, ja schon schmerzhafte Intensität anzunehmen, die sich in jeder seiner Nervenzellen zu bohren schien; er hasste es, hier zu sein. Ja, er hasste sogar, nur jetzt, in dieser Situation, die ganze Sache mit dem Drachen, seine Arbeit als Polit-Offizier und Wissenschaftler; Wissenschaftler, lachhaft. Er wollte zurück in sein kleines Labor, wollte sich um die Möglichkeiten kümmern, Menschen zu helfen; seine Ruhe haben.

„Stellen Sie eine Gruppe zusammen. Suchen Sie Ja-Lib. Bringen Sie ihn zurück.“

Diese Worte prasselten auf Neru, prallten ab, erzeugten Echos um ihn herum, die Neru nur schemenhaft wahrnahm; wie ein Schock, der sich erst nach der Realisierung in den Zusammenbruch… „wie, Herr Oberst? Was soll ich…?“

„Ein Team. Gehen Sie hinunter. Sie und einige andere Leute, die Sie für fähig halten, in der Tiefe längere Zeit zu überleben. Bringen Sie Ja-Lib zurück.“

„Herr Oberst, ich…“

Der alte Mann trat näher. Neru konnte das schlechte Parfüm riechen, für das sein Vorgesetzter bekannt war, eine Mischung aus Altmetall vermischt mit dem dumpfen Geruch vergammelter Blumen; eine Notwendigkeit im Alter, wenn der eigene Körper anfängt, noch schlimmer zu riechen. Er versuchte sich abzuwenden, aber Jablonskis Augen folgten ihm. Er packte Neru bei den Schultern, zerrte ihn förmlich nach oben, starrte ihn an. „Herr Pasol. Ich kann verstehen, dass Sie nicht glücklich mit dieser Sache sind. Aber das“ er drehte sich um, deutete auf den Brief, „das ist wichtiger als ihre kleine Furcht, kleiner als mein Ruf, kleiner als die Dinge, die die Menschen da draußen zu tun haben. Das hier ist lebensnotwendig, genauso wie die Arbeit der Techniker, die versuchen, die Welt, in der wir seit 347 Jahren leben müssen, am Leben zu erhalten oder die Wissenschaftler, Sie sind ja selbst nun einer, die uns mit Nahrung aus der Retorte versorgen oder die Leute, die sich um den ganzen Rest kümmern. Ja-Lib ist mehr als der ganze Rest und auch das müssen Sie begreifen. Ohne den Jungen gehen wir unter. So einfach ist das.“

Er ließ Neru los, der wie befreit für die Schwerkraft nach unten sackte. Er fühlte, wie sich seine Eingeweide versuchten, einen Weg nach draußen zu bahnen; erfolglos.

„Herr Oberst, ich…“

„Kümmern Sie sich darum. Stellen Sie ein Team zusammen. Und machen Sie schnell. Ich möchte nicht, dass irgendjemand davon Wind bekommt. Sie sind ein Profi, wenn es darum geht, Leute zu manipulieren: Hier wird aber mehr verlangt. Wir alle, wir müssen von Ihnen verlangen, dass Sie mit einigen Menschen, denen Sie vielleicht nicht vertrauen, nach unten gehen. In die Tiefe, dorthin wo Ja-Lib seine „Erlösung“ sucht.“ Er hielt den Zettel in der Hand, seine Brille fest auf die Nase gedrückt; erschien er jetzt mehr als sonst wie ein Anführer, ein Krieger-Philosoph, dennoch war er nur ein alter Mann. „Der Drache ist nicht von Menschenhand besiegbar“ las er vor, „deshalb muss ich mehr werden als ein Mensch. Ich habe andere kennengelernt, im Krankenhaus, die mit mir gehen. Wir gehen in die Tiefe. Es gibt eine Sage und wir alle wissen, dass diese einen wahren Kern haben müssen. Folgen Sie mir nicht. Ich werde wiederkommen und ein Held sein. Herr Pasol, Neru, ich bitte Sie inständig, diese Sache geheimzuhalten. Geben Sie mir Zeit, geben sie uns Zeit, mir und meinen Freunden. Wir sind bald wieder zurück.“

Neru zuckte mit den Schultern. Er kannte diesen Brief schon fast auswendig. „Ich habe den Brief schon zu oft gelesen, Herr Oberst.“

Dieser nickte. „Können Sie sich vorstellen, was passiert, wenn diese Info in die falschen Hände gerät? Nein. Das können Sie nicht. Ich kann es. Deshalb sage ich Ihnen noch einmal: Bauen Sie ein kleines Team auf, dem Sie vertrauen und folgen Sie Ja-Lib. Sie waren bereits da unten, haben überlebt und sind wieder hierhergekommen.“

„Ja, ich habe… überlebt“ flüsterte Neru, „aber überleben zu wollen reicht nicht da unten.“

V.

Der Weg durch den Wald war um diese Zeit, während der Mond und die wenigen Sterne, deren Licht es durch die hohen und düsteren Wipfel schafft, ein Zeichen für die Bewegungen waren, sehr lang und mühsam. Er drehte sich noch einmal um, sah im Hintergrund noch das Glühen des Feuers. Er zuckte mit den Schultern. Diese Sache fühlte sich so unecht an wie das Bild eines bizarr verformten Menschen, der andere Menschen frisst. Es war nicht normal.

„Wir könnten ihn…“ sagte einer der Männer, den er als Oska identifizierte. Man hatte sich nicht förmlich vorgestellt, dafür war die Zeit zu knapp und die Männer zu ungeduldig und die Frau namens Liara hatte entschieden („Ich entscheide, was richtig oder falsch ist“) ihn mitzunehmen. Wieder erhob Liara die Stimme. „Natürlich könnten wir ihn mitnehmen und einen guten Preis für ihn verlangen… aber ich bin ihm etwas schuldig und deshalb wird er nicht, ich wiederhole, nicht angerührt. Sagen wir so“ sie drehte sich während des Gehens um, als hätte sie noch Augen im Hinterkopf; „er gehört mir“ Sie lächelte ihn an, wandte sich wieder in Gehrichtung und die Gruppe schwieg wieder. Oska stieß Olaf an und grinste. „Los, sag was, Fremder.“

Er wusste nicht, was er sagen sollte. „Wo sind wir eigentlich?“ fragte er. Erneut lachten die Männer. Er wusste nicht, was daran so lustig gewesen wäre. „Du, werter Fremder, dessen Leben gerettet wurde und der du ein Leben gerettet hast… nun gut… du bist im Wald von Askara. Reicht das?“

„Askara, das kenne ich nicht.“ antwortete er. „Namenloser Fremder, ich rate dir, jetzt etwas leiser zu sein. Auch wenn die Männer hier lustig sind und über dich reden, so sind wir noch immer im Wald, im Wald von Askara. Hier lauern Gefahren.“ meinte Liara leise. Die Männer schwiegen nun auch und jeder Schritt wurde mit sichtlichem Ernst kontrolliert durchgeführt. Er fühlte, wie sich die Panik in seinem Nacken aufbaute. Er hörte leises Rascheln in den Büschen um sie herum. Da, war da eine Bewegung. Er wirbelte herum. Nein, die Männer waren noch immer konzentriert, kein Blick ging nach oben, sie starrten auf den Boden, als wäre dort eine Schnur, die sie durch ein verwirrendes Labyrinth führen würde.

„Theseus“ flüsterte er. Es klatschte und eine Hand, winzig und stark hatte sich über seinen Mund gelegt. Er schaute auf. Liara schüttelte den Kopf. Ihre Augen brannten, Zorn und das Erleben bodenloser Dummheit konnte er daraus lesen. Er hob beschwichtigend die Augen. Die Männer waren stehengeblieben, begannen, einen Kreis zu bilden. Er fühlte, wie jemand seinen Nacken packte und ihn zurückzog. Jemand gab ihm ein Schwert, es fühlte sich schwer an; der Griff alt und vergammelt, die Klinge schartig und dumpf; er hob es auf, ließ es einige Male um die eigene Achse drehen, um ein Gefühl für die Kraft dieser Waffe zu bekommen. Er lächelte in sich hinein. Eine Hand schlug ihn auf die Schulter, ein Finger deutete in eine Richtung, vorbei an zwei größeren Büschen zwischen einer Handvoll hochgewachsener Bäume.

Bewegungen wurden sichtbar, erst zögerlich, dann direkt. Die Blätter rauschten, als eine Handvoll Gestalten, Männer, einer größer als der andere in sein Blickfeld rauschten. Ihr Gebrüll ließ die Dunkelheit erzittern. Die Waffe in seiner Hand fühlte sich plötzlich lebendig an, eine Verlängerung seines Willens, ein weiteres Körperteil seines Geistes. Er packte das Schwert fester.

„Hey, Olaf. Noch immer so schreckhaft?“

Die Stimme aus der Gruppe der Angreifer lachte laut. Die Männer, in seinen Augen plötzlich genauso gewandet wie jene, mit denen er durch die Nacht ging, stoppten ihre Bewegung. Misstrauisch betrachtete er das Geschehen. Was war hier los?

Die Gruppe lachte. „Ihr macht soviel Lärm wie eine Gruppe Snalus beim Gehäutetwerden.“

Eine Hand fiel auf seine Schultern. „Hier, ein Neuer. Dieser Mann war anscheinend noch nie im Wald gewesen, bewegt sich wie eine Steinkugel durch eine Gruppe Fledermäuse.“

Sie lachten.

Aus der Gruppe der Angreifer trat ein Mann hervor; die Haare in der Dämmerung leuchtend; ein Auge hinter einer Klappe verborgen, betrachtete ihn das andere mit Misstrauen. „Nun, wer bist du Fremder?“

Er zuckte mit den Schultern. „Er weiß. es nicht, Vater“ Liara ging an ihm vorbei und legte ihre Arme um den Fremden, „es ist jetzt nicht Zeit, Fragen zu stellen. Die Männer, die du zu meinem Schutz abgestellt hast, verbrennen stückchenweise im Feuer einer Gruppe Snalus. Man hätte mich auch fast gefressen, wenn nicht meine Freunde“ sie drehte sich zur Gruppe um, schwenkte ihre Hand über die Menge „und wenn nicht dieser Fremde gewesen wäre. Ich schulde ihm mein Leben. Die anderen bekommen ja sowieso Gold für mein Überleben.“

Die Männer grölten laut und er fühlte, wie der Wald auf diese donnernden Stimmen reagierte, wie die Bäume die Wellen des Triumphs widerhallen ließen. „Nehmen wir ihn mir. Er braucht… anständige Kleidung.“

Der Alte nickte. „Gut. Kommt. Es sind nur wenige hundert Schritte bis zu unserem Lagerplatz. Dort werden wir sehen, ob wir nicht etwas Anständiges für den Fremden finden.“

Langsam gingen die Leute weiter und er konnte sich nicht beherrschen, sie nicht anzustarren. Es ging einfach nicht. Er musste hinschauen. Der alte Mann, mächtig in Aussehen und Bewegung, richtete hin und wieder seinen Blick auf ihn, als ob er ihn prüfen wollte, oder schlimmeres. Dieses eine verbliebene Augen brannte sich förmlich in seinen Kopf hinein, versuchte, die Gedanken des Fremden zu beleuchten, vergeblich. Der Alte schüttelte den Kopf.

Er wusste nicht, wie lang sie durch die Finsternis gingen. Es fühlte sich alles ähnlich an, die Bäume, die ihn streiften, die Büsche, die um ihn herum rauschten oder das Gras, Holzstücke, die knackend seiner Fähigkeit, still zu sein, Lügen straften. Er fühlte sich verloren.

Eine Hand packte die seine. Er blickte auf. Liara. Sie lächelte. „Nur noch wenige Augenblicke, dann sind wir in Sicherheit“ flüsterte sie, kaum hörbar hinter dem Rauschen des Bluts in seinen Ohren. Er nickte.
Wie eine Blinde, die einen Sehenden in tiefster, schwärzester Nacht durch die Welt führt, in Fähigkeiten ihm übergeordnet, so waren auf ihre Bewegungen sanft und doch zielgerichtet. Er musste sich fragen, wer hier wen retten musste. Dabei kam ihm erneut das Geschehen in den Sinn und er wunderte sich. Woher kannte er diese Bewegungen, den Zeitpunkt des Angriffs, wie konnte er die Schwachstelle im Stil des Snalus erkennen und erfolgreich kontern?

„Wir sind da.“ sagte der Alte und deutete nach vorn. Aus der dunklen Wand bohrte sich eine hellere Ebene hervor, der Geruch von Feuer begann langsam seine Nase zu kitzeln und er musste sich beherrschen, nicht zu niesen. Metallene Bewegungen um ihn herum, das Klappern von immer lauter werdenden Schritten, leichtes Quietschen, das eine Art Tür andeutete, die geöffnet wurde. Und tatsächlich. Die Wand vor ihm wurde zur Seite geschoben und das Feuer und die Menschen zur Realität. Er wusste nun, wo er war. In einer riesigen Wagenburg glimmte noch immer Reste eines abendlichen Feuers. Sie traten ein. Er schaute sich weiter um. In den Wagen, die mit Gittern besetzt waren, blickten ihn Augen an, Gesichter, ausgezehrt, schwach; er erkannte Ketten, die um ihre Hälse gelegt worden waren. Sklaven also. Er erinnerte sich.

Eine Hand fuhr auf seine Schulter. „Fast wärst du auch dort gelandet.“ Er drehte sich um. Der Mann namens Olaf lächelte milde. „Aber du bist das Spielzeug von Liara geworden. Ich meine, es gibt schlechtere Schicksale.“ Sein Lächeln war falsch ; er konnte dies erkennen. Nur ein lächelnder Mund, keine lächelnden Augen. Er nahm sich vor, weiterhin so vorsichtig zu sein wie… nun ja, seit er eben erwacht war. „Hey Namenloser, wie gefällt dir unsere Behausung?“

Er lächelte. „Es ist nett, Liara.“ „Nett? Das ist eine großartige Behausung. Zumindest nicht schlecht, hier im Wald von Askara.“Er zuckte mit den Schultern. „Es… ich kenne mich nicht aus.“

Sie führte ihn zu Feuer. „Hunger?“ Er nickte. Sie nahm einen der Stöcke, die in der Asche steckten, zerrte kurz daran und hielt bald ein Stück Fleisch in Händen. Sie putzte es nur kurz ab und reichte es ihm. Noch nie, er konnte sich eh nicht erinnern, hatte er eine solche großartige Mahlzeit. Das Fleisch war grandios. Man warf ihm aus der Dunkelheit einen weichen Sack zu. „Wein. Trink. Fleisch ohne Wein ist wie ein Mann ohne Weib. Erträglich, aber nicht gerade gut.“ Er nickte dem unbekannten Spender zu. Der Wein schien ihm sehr schwach zu sein, aber er merkte bereits nach wenigen Schlücken, dass ihm das Geradeaussehen schwer fiel, wie die Aufregung des Tages und der Alkohol seine Gedanken in eine Richtung schob, die er nicht wollte: Bisher hatte er die Zeit mit Überleben verbracht, versucht, sich in eine Rolle, in eine Position einzulassen, aber genau jetzt brach es zusammen. Ihm wurde schwarz vor Augen und seine Gedanken verstummten. Nur wenige Augenblicke später fühlte er, wie Hände ihn packten, wie seine Füße über den Boden streiften, doch alles ohne Gedanken, ohne ordnendes Gefühl. Er hörte Worte in der Sprache, die er bereits gesprochen hatte, ohne überhaupt zu wissen, ob er einer von ihnen war. Es waren schlechte Gefühle, denen er sich aussetzte, hier, wo die Stärke der Kontrolle seiner Gedanken nicht mehr vorhanden war. „Du hast mir versprochen, dass du nicht fliehst.“ „Ich musste. Das weißt. du.“ „Und fast hätten dich die Snalus verspeist.“ „Das wäre es wert gewesen, Vater.“ „Sicher“, er lachte, „ich habe gehört, dass du geschrien hast.“ „Nur ein Zeichen meiner Stärke, Vater. Der Fremde…“ „Ja, ich werde ihn, nur für dich, nicht als Sklaven verkaufen. Bleibst du dafür dabei, bis wir nach Somorant kommen?“ „Ja. Aber dann gehe ich meine eigenen Wege. Und ich nehme den Fremden mit.“

VII.

„Als der vierte Tag noch immer kein Licht brachte, wussten sie, dass etwas geschehen war. Die Kinder in den Betten weinten sich in den Schlaf und auch die Erwachsenen, die viele Jahre älter waren, standen atemlos und zitternd an den Fenstern und starrten nach draußen. Die Energie, die für die Menschheit so überlebenswichtig, übergroß geworden war, verschwand. Draußen tobten die Stürme, die der große Drache mit seinen mächtigen Flügeln  ausgelöst hatte; ließen. die ganze Welt erzittern; trennten Dächer von den Häusern und jede Form von Pflanzen aus der Erde. Die Welt wurde immer leerer. Mit jedem Tag verschwand mehr.

Noch immer fragten sich die großen Wissenschaftler, woher das Wesen gekommen war. Der Himmel hatte plötzlich, im schönsten Sonnenschein, einen Riss bekommen, hatte gebebt. Aus dem Riss wurde ein Loch, durch das sich erst ein bizarrer Kopf, mehr Echse als alles andere, mit mächtigen Hörnern lehnte, sich umschaute und dann ein Gebrüll ertönen ließ, dass den Planeten in seinen Grundfesten erschütterte.

Die Arme und Beine, sogar die Flügel, waren von so unglaublicher Größe, dass wir, die Menschheit, erst, spät, den Drachen angriffen, als er schon über unserer Welt war wie ein Feuer, das alles auslöscht. Wir nutzten alles, jede Form von Waffe, die wir in den letzten Jahrhunderten erfunden und zu unserer eigenen Vernichtung benutzt hatten. Doch nichts half gegen das übermächtige Wesen.

Selbst die Benutzung der großen Bomben, die noch immer in den Lagerhallen der alten Länder gelegen hatten, unverändert; auch sie halfen nichts. Und mit jeder Explosion wurde ein Stück der Menschheit vernichtet, aber der große Drache kümmerte sich nicht darum. Er war unverwundet. Er flog um die Welt, als wären wir, die Menschen, nicht real. Und die Menschheit litt.

Dann entschlossen wir uns, zu fliehen. Doch wohin? Wir konnten nicht nach draußen fliehen; unsere Wissenschaftler hatten die letzten Jahrzehnte damit verbracht, sich über Theorien zu streiten, statt die Welten um uns herum zu erforschen oder sogar umzuformen. Deshalb flohen wir nach innen.

Die letzten Wochen der Menschheit auf der Oberfläche unseres einst so schönen Planeten waren angebrochen. Sie alle, Krieger, Wissenschaftler, Techniker setzten sich ein Ziel. Die Welt da unten war in Sicherheit. Große Transportschiffe sammelte die letzten Überlebenden ein, fuhren durch mächtige Tore in den Gebirgen der Welt und waren verschwunden. Erst zusammengedrängt in monumentalen Hallen, dann immer weiter und tiefer in die Erde reichend wurden die Menschen wieder zu Höhlenbewohnern. Und so leben wir, arbeiten wir, erschaffen wir uns eine eigene Welt, bis dereinst einer kommt, der weiß., wie man dieses Wesen, unsterblich oder nicht, in seine eigene Welt zurückbringen kann.

Woher es kommt, weiß. keiner. Was es will, ebenso wenige Personen. Aber wir wissen, dass es von einer Aura umgeben ist, die alle Formen von Energien in sich aufnehmen kann und so ist es müßig, festzustellen, dass ein erneuter, großer Angriff, erfolgreich sein wird.

Deshalb leben und arbeiten wir im Halbdunkel unserer Lampen und auch wenn die Sonne nicht über uns scheint, so werden wir sie doch nie vergessen, werden unsere industriell gewachsene Nahrung essen, so schlecht wie sie auf schmeckt, werden kämpfen für den einen großen Tag, an dem wir wieder das Licht der Welt sehen werden.“

„Das ist ein so schlechter Propagandatext, Neru, da kommt mir das Kotzen.“

„Ein Kinderbuch, aber du hast Recht. Leider kann man damit nichts weiter machen, als es weiter zu verbieten. Ja-Lib ist an ein Exemplar gekommen und… sonst hätte ich dich nicht geweckt… ist verschwunden.“

„Was will er denn überhaupt mit seinem Verschwinden bezwecken?“

„Rede über ein Kind und du weißt. nichts über die Gründe seiner Entscheidungen. Ja-Lib ist so ein Kind im Körper eines ausgewachsenen Mannes.“

Neru lehnte sich zurück, fühlte das leichtes Zurückschwingen der Rückenlehne seines Sessels. Er war still. Im Hintergrund hörte man das Rauschen irgendeiner Toilette, die in einem Stockwerk über ihm ausgelöst wurde. Er hatte das Konzept von Mehrfamilienhäusern nie verstanden, aber ihm war bewusst, dass sie nötig waren. Der Platz war begrenzt und, er hoffte, er würde dies nie einem anderen Menschen sagen müssen, Luxus war eine Sache, die man sich leisten konnte, aber nicht musste.

„Salara, was hältst du denn nun davon?“ Sie blickte auf. „Du brauchst eine bessere Wohnung. Du könntest dir sogar eine größere leisten. Mit mehr Licht, als du dir vorstellen kannst.“

„Das hat nichts mit der Sache zu tun. Ich muss ein Vorbild sein. Woher sollen die Leute sonst ihren Glauben nehmen, dass wir alle gleich sind? Nein, ich meine, was tun wir? Jablonski hat mir befohlen, ein Team aufzustellen.“

„Jemand einen Tee?“ Sie blickten auf. Nota Pasol stand mit einem Tablett in den Händen in der Tür, immer lächelnd, die perfekte Gastgeberin. Neru wusste, dass unter ihrer sanften Oberfläche ein Vulkan lag, der nur darauf wartete, auszubrechen. Ihr Problem hieß Salara. „Nota, vielen Dank, aber ich muss….“ „Papperlapapp, Salara. Nehmen Sie doch einen Tee. Neru wird Sie ja nicht grundlos eingeladen haben.“ Ein feines Zucken durchlief Salaras Gesicht. Neru erkannte, dass sie sich jede Sekunde unwohler fühlte. Er bereute seinen Schritt, sie eingeladen zu haben, aber wo hätte er sie denn sonst treffen sollen? Es ging hier nicht um irgendein Beziehungsgeschwafel, um Ehebruch oder Ähnliches. „Sie will keinen Tee, Nota. Wir besprechen hier Geschäfte.“

Sie drehte sich brüsk um und schlug die Türe zur Küche hinter sich zu. Neru zuckte mit den Schultern. „Frauen.“ Dafür erhielt er einen Schlag auf die Schulter. Er blickte auf. Salara funkelte ihn böse an. Er seufzte. „Denkst du, Sie weiß., dass wir nichts mehr miteinander haben? Sie weiß. es. Aber sie glaubt mir nicht. Selbst wenn wir uns auf der Straße begegnen würden, würde sie eine Panikattacke bekommen und mich auf die andere Seite schleifen, weit weg von dir.“

„Sie hat schlechte Erfahrungen gemacht, kannst du ihr das Verhalten übelnehmen? Was soll ich denn sagen? Immerhin hätten wir beide ja geheiratet.“

„Oh Mann“, Neru lehnte sich wieder zurück und das Knarren des Stuhls war heftiger als vorher. Er entschloss sich, einen neuen zu ordern, falls er die Sache überleben sollte.

„Reden wir von was anderem, in Ordnung?“ Sie nickte.

„Jablonski will, dass wir ihm folgen. Und seine Bewegungen, wie wir sie erfassen können, sprechen ein böses Wort aus Abschnitt G13.“

Stille. Im Hintergrund erneut eine Toilette, weiter vorn im Soundteppich das wütende Gerede von Nota, die vermutlich gerade ihre Freundinnen anruft und von den schlimmen Dingen, die ihr Gemahl da vorhat, erzählt. „G13?“ Salaras Augen sind geschlossen und Neru möchte wissen, was sie in ihrem Inneren betrachtet. Er glaubt, es zu wissen. „Ist das wirklich nötig?“ fragt sie. „Ja. G13. Die Tiefe.“ „Scheiße.“
„Ja, da hast du Recht, Salara.“ Neru rieb sich die Augen. Das Licht heute war zu viel für ihn gewesen, er sehnte sich danach, im Dunkel der schattenlosen Ecken zu verschwinden, aber die Tiefe… das war schon zu hart.

„Und du willst, dass ich mitkomme.“ sagte Salara mit fragendem Unterton. Neru konnte nicht anders als zu nicken. Beide schwiegen. Neru konnte höre, wie unter dem Boden, 15 Stockwerke unter ihnen beiden die Bahn herumrumpelte, wie jeden Tag 20 Mal, jede Stunde einmal. Er fragte sich, wie man früher die Zeit gemessen haben mochte. Er zuckte mit den Schultern.

„Die Tiefe. Scheiße. Wir sind damals nur mit sehr viel Glück herausgekommen.“

„Ja, ich weiß. Ja-Lib ist wichtig. Vielleicht die wichtigste Person hier?“

„Und wenn er entführt wurde?“

„Von wem denn?“ fragte Neru. Salara stoppte in der Bewegung, etwas unpassendes zu sagen, er konnte das sehen. „Nicht der Rede wert“, sagte er.

Sie sah noch immer zu gut für diese Welt aus und Neru ertappte sich dabei, dass seine Gedanken abschweiften, weg von dem Projekt, wie aufregend, nein, gefährlich es war.

„Konzentrier dich, Neru“ Salara schüttelte den Kopf. „Ich seh doch, dass du wieder abgelenkt bist. Soll ich gehen?“

Er stand auf und ging zum Fenster, betrachtete seine Spiegelbild, im Hintergrund die wenigen Lichter, die um diese Uhrzeit brannten. „Was ich noch immer faszinierend finde, Salara, ist der Umstand, dass trotzdem wir kein natürliches Licht mehr besitzen, wie die Sonne, von der wir gehört haben… jedenfalls ist es interessant, dass wir noch immer an den alten Bezeichnungen Tag und Nacht hängen. Nur die Leute, die in Schicht arbeiten, arbeiten in der Nacht und doch… da ist kein Unterschied. Nur die Unterhaltungsmedien spielen unterschiedliche Dinge.“

„Wovon sprichst du, Neru?“ Salara klang genervt. Neru hob die Arme. „Ach ich weiß. auch nicht. Es ist alles Scheiße. Große Scheiße. Ich wollte hier mit meiner Familie ein normales Leben führen, wie du auch. Ich wollte meine Tochter großziehen, versuchen, dass sie ein gutes Leben führt, hin und wieder einen vergeblichen Kampf anschauen, wenn wieder ein Idiot sich in die Klauen  des unausweichlichen Todes stürzt… ich wollte alt werden, vielleicht sogar 50 Jahre alt, und dann wollte ich sterben und meine Seele ins große Reich da drüben transportieren lassen. Statt dessen… bin ich hier, habe mein Leben damit verbracht, Dinge zu suchen, die keiner verloren hat, meine Tochter wächst bald ohne ihren Vater auf, weil ich schneller weg sein werde als Pilzpaste vor einer Horde hungriger Kinder… ich bin einfach unzufrieden. Entschuldige, dass ich dich damit störe, Salara. Leider… ist Ja-Lib so verdammt wichtig.“

„Wichtig? Wichtig dabei, den Status Quo beizubehalten. Wichtig, dass die Leute hier unten wie Ratten aufeinander hocken, sich fortpflanzen, statt mal wieder einen Blick auf die Oberfläche zu riskieren und sich ein Bild zu machen, ob es tatsächlich so schlimm aussieht, wie man es vor… oh ja… über 300 Jahren verlassen hat.“

„Salara… das grenzt an Blasphemie!“

„Nein, das ist Menschenverstand. Sind wir wirklich so dumm und einfallslos, dass wir alles 1:1 übernehmen, was man uns beibringt? Anscheinend schon.“

Neru fühlte sich leer. Er deutete nach draußen. „Das hier ist die Realität, Salara, nicht irgendein Glaube, an den du nicht glaubst. Denkst du, wir leben hier unten aus Freude, essen und trinken, was die Fabriken herstellen? Ich würde wirklich gerne erleben, wie es ist, die Sonne zu sehen…“

„…die würde dich verbrennen, wenn sie existieren würde….“

„an die ich mich gewöhnen würde. Wir sind Menschen, Salara, keine Tiere, die unfähig sind, an andere Umstände zu gewöhnen. Nein, das ist auch nicht ganz richtig. Wir sind eingeschlossen in diese Welt. Und Ja-Lib hat sich entschlossen, seine Umgebung zu verlassen und in die Tiefe zu gehen. Warum auch immer. Eigentlich sollte mich die Sache nicht kümmern. Er kommt eh nicht weiter als G9. Aber er ist ein Krieger, die Soldaten sind vermutlich Fans, lassen ihn vielleicht durch. Ich weiß. auch nicht. Er hat 2 Tage Vorsprung. Wir müssen schnell sein, Salara.“

Sie lehnte sich zurück und Neru versuchte zu ergründen, was sie fühlte.

Sie kannten sich beide seit Jahren, aber in diesem Augenblick hätte er gerne gewusst, was sie über ihn dachte und besonders, ob sie noch immer so verliebt in ihn war wie er in sie und ob die Expedition…

„Okay, ich mache mit. Aber… ich brauche Sicherheiten. Ich habe Leute zu ernähren und sollte ich sterben, dann weiß. ich nicht, was ich mit ihnen machen soll…“

„die Standardversorgung….“

„… die reicht doch vorne und hinten nicht, Neru. Schau dich doch um…“

Er schaute sich um und nickte. „Eine winzige Wohnung in einem Tausenderblock, Lebensmittelscheine…“

Sie nickte. „Das ist kein Leben. Du hast etwas besseres als die anderen und ich auch, dank meiner Reputation als Expertin für die Tiefe, aber wie sollen meine Eltern und Geschwister leben? Sollen sie untergehen, nur weil ich so blöd war, mich erneut einem Risiko auszusetzen, was nicht wirklich nötig war…“

„Aber….“

„Aber was? Ja-Lib interessiert mich einen Dreck, Neru. Diese widerwärtige Ausnutzung der menschlichen Angst und der Gier nach Rache gegenüber einem Drachen, der es wie auch immer hier herunter geschafft hat; diesem Ding die Unmöglichkeit auferlegen, wieder nach oben zu kommen. Vielleicht haben wir es nicht mehr verdient, nach oben zu gehen. Hat man uns vertrieben oder sind wir freiwillig hier nach unten gegangen, weil wir…“ sie zuckte mit den Schultern, den Blick zornig auf Neru gerichtet.

„Ich werde das regeln, Salara. Ich freue mich, dass du mitkommst. Ohne dich wäre es… gefährlicher für uns alle.“

„Und wer kommt noch mit? Ich meine: 2 Leute, die nach unten gehen, bedeutet, dass 1 zurückkommt.“

„Ich weiß. noch nicht, Salara. Ich werde mit Jablonski reden. Wir brauchen einige Leute mit Erfahrung im Kampf und auch Techniker, die sich mit der alten Technik auskennen. Weißt du noch? Dieser Techniker, Zwokas? Der sich einbildete, durch das Fernsehen genug technische Daten aufgenommen zu haben, dass er sich ohne Probleme bis nach G13 durcharbeiten könne?“ Ihr Blick war starr und er fühlte, nur durch ihre Mimik, dass sie sich fürchtete. Sie hob ihre Hände, zitternd… „ich bräuchte jetzt einen Tee. Einen starken Tee. Irgendwie muss ich jetzt wieder damit anfangen.“

VII.

Was ihn erwachen ließ, wusste er nicht mehr. War es das Rumpeln von Rädern in der Finsternis um ihn herum, das dumpfe Hämmern auf dem Grund, über den die Wagen fuhren oder war es der Geruch von Feuer und Rauch in seiner Nase. Er schlug die Augen auf. Die Welt um ihn herum war grau und nass, er versuchte sich den dumpfen Schlaf aus den Augen zu reiben, doch… das war nicht möglich. Er schüttelte den Kopf und versuchte es erneut. Nichts. „Was ist mit mir?“ fragte er und seine Stimme klang schmerzhaft. Er konnte seinen Mund nicht öffnen, als wäre sein Mund zusammengefügt worden.

Der trocken-kupfrige Geschmack von Blut, der seinen ganzen Mund ausfüllte, ließ die Panik über ihn kommen. Er brüllte, doch seine Lippen waren fixiert; der grandiose Schmerz, der ihn ausfüllte, lag jenseits seiner Fähigkeit, sich zu artikulieren. Etwas übernahm seinen Körper, ließ ihn hin und herkreisen, winden wie ein Insekt, das auf dem Rücken liegt und sich verzweifelt daran versucht, wieder auf die Beine zu kommen. Doch er schaffte es nicht. Sein Mund machte ihn verrückt. Was hatten diese Wahnsinnigen mit ihm getan?

Seine Handgelenke brannten; er konnte, wenn er seine Hände bewegte, ein leichtes Rascheln hören, während das Seil oder irgendein roher Stoff, sich immer weiter in seine Haut rieben. Er bäumte sich auf… als er bemerkte, dass er trotz seiner offenen Augen nichts sah. Er merkte, sie sich seine Augen versuchten, an die andauernde Dunkelheit zu gewöhnen, wie sich Tränen bildeten, den Schmerz aus seinem Körper zu spülen versuchten, nach unten rollten. Winzige Lichter bohrten sich durch die Nacht um ihn herum. Ein Sack, man hatte ihm einen Sack über den Kopf gezogen. Man hatte ihn gefesselt und, er krümmte sich bei dem Gedanken, man hatte ihm den Mund, die Lippen, zusammengenäht. Er musste ein Würgen unterdrücken. Nur in den Mundwinkeln konnte er seine Lippen noch fühlen, bewegen, doch in der Mitte war alles ein Schmerz, Blut, Ohnmacht.

Er schüttelte sich und fühlte, wie sich der Sack, der um seinen Kopf gewunden war, auf einmal an einer Kante, an einem Stück Holz oder was auch immer hängenblieb, wenn er daran vorbeischrammte. Er schloss die Augen trotz der Finsternis um ihn herum, schob seinen Kopf mit dem Sack wieder in die entsprechende Richtung und langsam, nach einem Dutzend Versuche, in denen er alles andere ausblendete, rutschte es immer weiter nach oben, öffnete sein Blickfeld und landete endlich hinter ihm.

Das Licht brannte in seinen Augen, er fühle, wie die Tränen nun ungehindert flossen. Es schmerzte, dieses ungewohnte Licht, mehr als er sich dies hatte vorstellen können. Er schüttelte den Kopf, bäumte sich gegen die ungewöhnliche Umgebung auf, fühlte, wie ihn der Schmerz verließ, wie in Wellen, anschwellend und abklingend. Endlich konnte er sich umschauen. Es war heller Tag, die Welt um ihn herum hatte Farben angenommen, die er nicht kannte, nicht erklären noch benennen konnte, doch da, hinter dem Vorhang seiner Tränen erwartete ihn das Grauen.

Gebrochene Augen, die ihn anstarrten, Münder, in Schreien geöffnet, die nie entkommen waren aus der sterbenden Hülle, Blut, das am Trocknen war, eine tiefe Wunde im Bauch,in dem noch immer eine Klinge steckte; aufgerissene Muskeln, die sich mit dem Stoff um sie verbunden, eine groteske Form erzeugt hatten. Er versuchte, sich zurückzuhalten, doch er übergab sich und sein Mund gab die Masse aus seinem Mund nicht frei, nur ein wenig entkam aus den Mundwinkel und aus dem sauren Geschmack erzeugte sich erneut das Gefühl, dass er sich übergeben musste, ein Kreislauf des Ekels. Es verging eine Ewigkeit, bis er sich wieder so unter Kontrolle hatte, sich ablenken konnte. Ein Plan musste her, schnell. Wo bin ich? Seine Gedanken kreisten erneut, wie erst… gestern? in seinem Kopf. Der Geruch überwältigte ihn. Hier stank es nach jahrelangen Folterungen, Schmerzen und Qualen, nach Überbleibseln einer düsteren Vergangenheit. Metall funkelte spröde in den Gitterstäben, die um ihn herum im Licht hinauf in eine tiefe Decke ragten. Die Welt, so er sie erkennen konnte, fuhr an ihnen vorbei. „Ein Wagen.“ Er fluchte. Seine Gedanken setzen ein Bild zusammen. Der Wein, den man ihm gegeben hatte, musste stark oder vergiftet gewesen sein. Er hatte die Wagen gesehen, die in letzter Nacht um das Lagerfeuer gestellt gewesen waren, aber sie waren abgedeckt gewesen, als sollte man nichts sehen. Vielleicht hatte er es aber auch wissentlich ignoriert.

„Sie haben mich ausgetrickst.“ fluchte er. Dieser alte Mann und seine Gruppe und sogar diese junge Frau „Er gehört mir…“ alles Gerede, das sein schwacher Verstand als Zeichen von Zuneigung sehen hatte wollen. Natürlich war sie sehr attraktiv, grob, aber auch leidenschaftlich… zumindest hatte er das geglaubt. Doch nun, in Anbetracht seiner Situation musste er über seine Vernarrtheit fast lachen. Seine Hände waren gefesselt, sein Mund gewaltsam verschlossen, das konnte nur bedeuten: Man wollte ihn verkaufen. Aber wohin? Das Land war ihm so unbekannt wie sein eigener Name, aber die wenigen Fetzen von Wissen, die nicht ausgelöscht worden waren, formten Bilder von Gewalt, Demütigung, Schmerzen und das, nein, das wollte er nicht. Er fühlte, dass sein Weg genau jetzt eine Entscheidung abforderte, die ihn…

Die Wagen stoppten. Der Rauch, der bisher lediglich schwach gewesen war, hatte sich in eine Form verwandelt, die er nun greifen und, so sein Mund ein wenig Luft hineinließ, schmecken konnte. Er sah, dass am Wagen Leute vorbeigingen, aufgeregt nach vorn eilten. Stimmen wurden laut. Klong… jemand hämmerte an einen der Gitterstäbe. Er schüttelte den Kopf. Erneut ein Klong. Er schaute hin. Sie. „Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, dass wir dich so mitnehmen. Vater meinte, du würdest einen guten Preis abgeben.“ Sie lächelte. Er bemühte sich, sich nicht umzudrehen und ihr den Mittelfinger zu zeigen. Sie lachte, als sie sein Gesicht sah. „Wir tun doch nur alles, um zu überleben. Du hättest dasselbe auch getan, Fremder.“

„Hey, Liara, schau dir das mal an.“ Sie wandte sich ab und folgte dem Ruf. Er legte sich auf den Rücken und begann, wie er es vor Ewigkeiten einmal gelernt haben musste, hin- und herzuschwingen, und genau am Scheitelpunkt die Bewegung durch all eine Kraft zu beschleunigen und rollte zur Seite. Die Gitterstäbe bremsten ihn hart. Er schüttelte sich und schaute nach draußen.

Rauchwolken am Horizont. Die Sonne nur ein Schatten ihrer selbst, schwarze Brocken dampfenden Verderbens vor ihrem strahlenden Gesicht. Verbrannte Häuser, wo sein Blick hinreichte.

Der Geruch von brennendem Fleisch in der Nase ließ ihn wieder würgen, aber er wusste, dass sein Mund ein Schlachtfeld war. Aus seiner Kehle kam nur dumpfes Rauschen… „Weiter geht’s, wir haben hier nichts zu schaffen. Und macht schnell, sie könnten noch in der Nähe sein.“

Ruckelnd setzte sich der Wagen wieder in Bewegung. Unbeholfen rollte er weiter, krachte gegen einen Baumstamm. Die Leute fluchten. Etwas klirrte hinter ihm. Er wusste, was es war, und was er zu tun hatte.

„Du Esel, wie kannst du nur hier vom Weg abkommen. Hier ist der Weg…“ ein Hieb, „und dort ist der Wald.“ Noch ein Schlag. Ruckeln an den Wänden. „Das sitzt fest, da brauchen wir mehr Leute.“

„Wozu haben wir denn Gefangene?“
Das Lachen ebnete schnell ab. „Wir haben keine Zeit. Schnappt euch ein paar Leute und bringt die Sache wieder in Ordnung. Wir fahren weiter. Ihr solltet euch anstrengen, denn allein auf weiter Flur….“ Grummeln. Dann Pferdegetrappel und leise Stimmen. Eine Tür öffnete sich, Licht bricht einen dicken Streifen aus dem Halbdunkel. „Hier sind nur dieser Fremde und Lang-Sheng.“ „Lang-Sheng? Der ist doch tot, was habt ihr denn…“ „Wir wollten ihn seiner Frau zeigen, bevor wir es ihr…“ „Ihr seid Schweine.“ „Und du ein Feigling. Immerhin hat er mit deiner Schwester…“ „Halts Maul!“ „Siehste, getroffene Hunde bellen!“

„Sheng ist tot? Dann haben wir nur noch den Fremden. Ist der schon wach? Gebt ihm ein paar Tritte und holt mein Messer. Ich habe es, glaub ich, im Bauch von Sheng vergessen“ Sie lachten wieder. Ein Fuß hob sich, um auf den Fremden einzutreten. Eine kurze Bewegung und der Mann fiel, wie von einer unsichtbaren Faust getroffen um, hielt sich den Schritt. Blut strömte an seiner Hose und Hemd herunter. Er blickte noch einmal auf, dann entschwand seine Seele. Im Dunkel des Wagens war niemand zu sehen. „Wo ist er hin?“ fragten sie. „Hey, Oska, was ist los?“ keine Reaktion. Der erste beugte seinen Kopf hinein. Ein Tritt in seinen Nacken lässt seinen Hals an der Kante der Tür hart aufschlagen und das Knacken wirkt befriedigender als alles in den letzten Stunden. „Verflucht! Er ist….“ Eine Gestalt schoss aus der Tür, ging beim Aufprall in die Knie, wirbelte herum, ein Blitz aus Stahl surrte in der Luft, ein Streifen glitzernden Schmerzes und erneut ein Mann am Boden. Die Gestalt war schneller weg als sie ihren Blick hinausheben konnten.

„Hat man Lang-Sheng zum Leben erweckt?“ fragte Liara, während sie sich die Situation einige Minuten später erzählen ließ. Der letzte Überlebende, ein junger Mann mit dem Namen Sotep aus dem Süden, schüttelte schweigend den Kopf. „Also doch der Fremde.“ Er nickte. Sie packte seinen Hals, drehte seinen Kopf, so dass sie ihm ins Ohr flüstern konnte: „Du erzählst davon nichts. Es war ein Überfall und du hast als Einziger überlebt, ist das klar? Ich werde diesen Wahnsinnigen persönlich zur Strecke bringen.“

Der junge Mann nickte. Liara schaute sich noch einmal um, sprang auf ihr Pferd und ritt davon in die Dämmerung. Der Zurückgebliebene ging auf die Knie und begann zu weinen. Er hielt seine Knie umklammert, versuchte, sich an den Befehl seiner Herrin zu erinnern, doch sein Kopf war leer. Er sah nicht, wie sich hinter ihm der Wald zu bewegen begann.

Liara tobte. Die Äste der Bäume hingen in dieser Gegend des Waldes noch tiefer als sonst, als wären sie erst vor einigen Jahren gepflanzt worden. Doch das war nicht möglich. Sie war schon als kleines Kind durch den Wald geritten, hatte hier gelernt, wie man geflohene Sklaven fand und einfing. „Du musst vorsichtig sein, Liara“, hatte ihr Vater gesagt, „sie sind schnell und gefährlich. Und dennoch: ihre Freiheit versetzt sie in einen Rausch, in dem sie alles ignorieren, selbst die Gefahren, die der Wald ihnen vorsetzt. Nur: ein toter Gefangener bringt kein Geld und wir brauchen das Geld, um zu überleben. Ein junger Gefangener, den wir als Diener verkaufen, als Knecht, bringt vielleicht 20 bis 100 Silberstücke, eine junge Frau allerdings“, er grinste anzüglich, „dasselbe in Gold, wenn sie gut aussieht. Lass dich also nicht wegfangen, meine hübsche Tochter.“ Sie hatte genickt, unfähig, dem gesagten zu folgen. Zu sehr machte die Jagd ihr Sorgen.

„Er sucht sich vermutlich eine Höhle“, wiederholte sie die Worte ihres Vaters, „Höhlen sehen sicher aus. Höhlen haben meistens nur einen Eingang, den sie überwachen, und wenn sie lang genug gewartet haben und nichts passiert ist, schlafen sie ein.“

Liara ließ ihr Pferd vorsichtig weitertraben, ihren Blick umherschweifen. „Gefangene, die Leute getötet haben, um zu entkommen, sind gefährlich. Sie haben einen Plan. Du kannst niemanden aufhalten, der einen Plan hat. Bringe einen eigenen Plan mit, um sie zu überzeugen.“

Der Wind spielte ein trauriges Lied und dies, zusammen mit den Bildern des brennenden Dorfs ließ sie seufzen. Opasta war immer eine Herberge gewesen und ihr Vater hatte sich dort mehr als einmal betrunken, hatte versehentlich Gefangene freigelassen, um sie hinterher zu jagen. Sie kannte die Gegend gut. Die Horden dieses verrückten Königs Arib, “König? Nicht mehr als ein Bettler mit Krone, die er selbst geschmiedet hat“ brandschatzten jeden Ort, der sich ihnen nicht ergab. Damit kam er meistens durch, die anderen Dörfer und Städte wurden…

Oh, eine Bewegung. Liaras Pferd schnaubte; „shhh“ flüsterte sie in sein Ohr. Vorsichtig, ohne einen Laut von sich zu geben, zog sie das Kurzschwert aus der Scheide. „Du bist kein Krieger auf dem Kriegsfeld, du bist eine Kriegerin im Wald. Eine Waffe muss immer zum Kämpfer und zum Umfeld passen.“

Sie rutschte von ihrem Pferd, glitt zu Boden und robbte vorsichtig bis zum nächsten Busch. Vorsichtig beugte sie einige Zweige zur Seite. Da war er. Der Fremde. Er war auf Knien, die Füße frei von Fessel, „sonst wäre er nicht entkommen, dummes Kind“ den Rücken ihr zugewandt, starrte er ins Innere einer Höhle. Liara grinste. So vorhersehbar, wieder einer dieser dumpfen Kreaturen, die kämpfen kann, aber zu durchschaubar ist. Sie zuckte mit den Schultern. Eigentlich wollte sie ihn für sich haben, aber nun war er entkommen, hatte drei Männer ermordet und dies würde ihr Vater garantiert nicht tolerieren.

Er stand auf, noch immer unaufmerksam, dann ging er einige Schritte und verschwand im Innern der Höhle. Liara hörte ein Lachen aus der Dunkelheit, dann, als wäre es verschluckt worden, erstarrte die Welt um sie herum. Sie wagte es nicht, sich umzudrehen. Das Kurzschwert gepackt, kroch sie vorsichtig nach vorn, in das Gebüsch hinein. Ihr Pferd schrie kurz auf, dann hörte sie, wie es sich aufbäumte, versuchte, sich zu lösen. Doch der Gurt war fest an einen der Bäume gewickelt, so dass sie sich sicher sein konnte, dass sie hier nicht festsaß. Hier in der Dunkelheit, sie fühlte ein Zittern aufsteigen, war falsch, war gefährlich. „Sich zweimal in Gefahr begeben in weniger als zwei Tagen, das ist dumm“ flüsterte sie;  ihre Worte ging im Rauschen von Schritten hinter ihr unter.

„Na, wen haben wir denn da?“ Die Stimme war heißer, brannte förmlich vor Verlangen. Liara wusste, was sie erwartete, wenn sie in die Hände der Männer fiel. Es war ein halbes Dutzend und sie hatten ihren Gestank bereits vor mehreren Augenblicken gerochen. Sie drehte sich um. „Ja“ sagte sie. Die Gesichter der Männer waren mit Stofftüchern bedeckt, standen vor Dreck und Liara war sich sicher, dass sie durch diese Sache noch mehr an Gefährlichkeit gewinnen wollten. Und, man sollte wohl nicht sehen, dass sie… „Geht weg, steckt mich nicht an.“ flüsterte sie, „der Fluch!“ Der größte unter ihnen, fast zwei Köpfe näher am Himmel als die anderen, hob seinen linken Arm und griff in seine Maske. Dann riss er sie herunter. Ein Schrei drängte sich aus Liaras Verstand, doch „ich habe euch schon einmal gesehen. Ihr seid die Verwandelten. Verschwindet hier. Ihr habe hier keinen Platz. Dies ist nicht eure Welt.“

Das Wesen beugte sich zu ihr herunter. „Die Welt der Gräber und der Nacht ist nicht mehr genug für uns, Liebchen.“ Die Bewegungen seines Gesichts waren von so grotesken Ausmaßen, dass sie nicht wusste, wohin sie blicken sollte, also wandte sie ihren Blick ab. Er folgte ihr, griff nach ihrem Schwert. Sie kreischte und ließ die Klinge nach oben sausen. Stahl traf Muskeln, Sehnen, Knochen. Staubige Hautfetzen flatterten zu Boden. Er lachte. „Euer Stahl kann uns langsamer machen, aber“ Er schüttelte sich. Liara fühlte, wie sich ihr Gesicht verzerrte. Namenloses Grauen machte sich breit, als wäre der Horror einer Kindergeschichte wahr geworden. „Ihr seid die Toten. Ihr habt zu gehen!“ Er grinste. Sein Gesicht sprach vom Tod, ein Urteil, dem sie sich nicht ergeben wollte. Die anderen Wesen, bis vor wenigen Augenblicken stumm und starr, traten näher. „Es ist Zeit, uns zu folgen.“ „Wohin?“ Ihre Stimme war nur noch ein Flehen, ihre Augen begannen, sich dem unausweichlichen Ende zu stellen. „Wir gehen nach Bramant, junges Fleisch. Es gibt einen neuen…“ Ein Schrei aus der Tiefe der Höhle, eine Gestalt aus dem Dunkel fliehend, vorbei an der Gruppe von Toten, dann eine Gewalt, die über die Gruppe hereinbrach. Schnelle Bewegungen, sausten durch die Luft und brachten faulendes Fleisch unter grotesken Zuckungen zum Zerbersten. Liara schloss ihre Augen.

VIII.

Die Dunkelheit nahm alles gefangen, was sich in der Umgebung Nerus abspielte. Er schüttelte den Kopf. Das Surren um ihn herum wurde immer lauter. Er hasste den morgendlichen Weckruf. Die Systeme waren so programmiert, dass das Pfeifen und Kreischen im diese Uhrzeit, tief in den menschlichen Erinnerungen die Panik auslöste, die sonst ein Bär oder ein Berglöwe den vor Jahrhunderttausenden  lebenden Höhlenmenschen von seinem erloschenen Feuer aufschrecken und hinauslaufen ließ. Er wusste, dass er weiterschlafen würde.

Es klingelte. Ein schriller Ton fräste sich durch das dunkle Zimmer, direkt in sein Ohr. Er fluchte. Neru setzte sich auf, versuchte zu genießen, wie sich die Kälte durch seinen Halbschlaf bohrte, erfolglos. Es klingelte wieder. Er taumelte zur Tür, schob den Riegel zur Seite und schaute vorsichtig nach draußen.

„Herr Pasol? Mein Name ist Leutnant Sposka, Marian Sposka.“

„Oh“, er zuckte. „Sie sind eine… Frau?“

Sein Gegenüber nickte. „Marian ist sowohl ein Frauen- als auch ein Männername. Ich hoffe, Sie sind nicht enttäuscht.“

Neru schüttelte den Kopf. „Nur… ich bin müde.“ Er öffnete die Tür. Sein Gast trug ihre Ausgehuniform, eine Mischung aus dunkelgrauer Jacke und ebenso-farbiger Hose. Es kam ihm in den Sinn, dass er diese Kombination lange nicht mehr gesehen hatte, oder er war einfach zu müde „kann auch sein“ murmelte er. „Verzeihung?“ fragte Leutnant Sposka. Sie trat näher an ihn heran. „Herr Pasol, ich habe Sie mir auch anders vorgestellt.“ Sie versuchte zu lächeln, aber diese Art von Mimik musste ihr vor Jahren aus dem Gesicht trainiert worden sein.

Neru drehte sich um und taumelte in die Küche. „Tee?“ fragte er. Sie trat näher. „Nein danke, ich habe bereits gefrühstückt.“

„Was ist denn los, Liebling?“ Nota. Neru hatte sie komplett vergessen. Er fühlte, wie Scham aufstieg. „20 Jahre verheiratet und ich vergesse, dass sie neben mir liegt.“

„Nota, das hier ist Leutnant Marian Sposka.“

„Die Armee bei uns im Haus? Das finde ich furchtbar, nichts gegen Sie, Frau Sposka. Oder bestehen Sie auf diese martialische Anrede ihres Dienstgrads?“ Notnas Stimme hatte einen schärferen Unterton, als Neru es sich vorstellen konnte. Aber gut, Sie hatte sich vor vielen Jahren einer Einziehung entzogen, war einer Kommune in G6 beigetreten und hatte die Zeit, in der sie hätte den Dienst ableisten sollen, grandios benutzt, um sich mit Alkohol, Drogen und… Neru schüttelte sich, der Liebe zu widmen. Er verstand seine Frau nicht, aber das war nicht nötig, denn im Herzen war sie ihm egal.

„Für Sie gerne Marian, Frau Pasol. Ich bin nicht immer im Dienst, auch wenn ich“, sie fuhr mit den Händen an ihrem Körper herunter, was Neru ungemein  verwirrend und aufregend fand, „diese Uniform trage. Ich komme gerade von einem Treffen mit meiner Einheit, als mich Oberst Jablowski anrief und den Wunsch äußerte, ich solle mich mit Ihnen hier treffen. Ungeachtet der Zeit.“

„Ihre Einheit?“

„3. Bataillon,  Spezialoperationen.“

„Die wilden Tunnelratten?“

Neru hörte, wie sich ihr Mundwinkel nach oben schoben, eine Art Kraft, die seit Monaten nicht mehr in Leutnant Sposkas Gesicht gezeigt haben musste.

„Ja, die wilden Tunnelratten. Sie haben“, sie lächelte, was Neru auf verwirrende Art und Weise abstoßend und dennoch anziehend fand, „von uns gehört?“

„Eine, wenn die DIE eine Eliteeinheit. Wer hat nicht von ihr gehört. Die Aufstände in G10, als diese eine Sekte vorhatte, eine Art Tor zu G13 zu sprengen und sich in die Tiefe zu begeben.“ „Und die Gefahren aus G11 und weiter unten, sollte es so was geben, hier nach oben bringen. Ja, ich war dabei. Auch wenn ich nicht, wie Sie, bereits in G13 war. Es war sicher…“ sie stoppte, überlegte. Ihre Augen richteten ihren Blick hinter ihn, hinauf an die Decke. „…Sie meinen „aufregend?“ Nato blinzelte den frühen Besuch in einer Mischung aus Zorn und mildem Verständnis an. Leutnant Sposka nickte. „Aufregend, das wollte ich sagen. Und Gefährlich. Ich meine, wenn ich daran denke, wie es in G10 schon aussah, dann waren die weiteren Ebenen darunter garantiert noch befremdlicher, nicht zu sagen, gefährlicher.“

Neru nickte. „Ich vermute, Sie haben mein Buch darüber gelesen. Ich möchte hier nicht arrogant oder angeberisch erscheinen, falls sie es nicht haben.“ „Sie sind sehr höflich, Herr Pasol, aber ich habe es bereits gelesen. Es ist sehr verwirrend, wenn Sie diesen Ausdruck gestatten.“

Er lächelte. Dabei handelt es sich nur um die zensierte Fassung. Wenn die Leute alles wüssten, würden sie sich zwar immer noch von G13 abgestoßen fühlen, aber es würde viel mehr dieser Schatzjäger, Plünderer, wie sagte man früher, Banditen, auftreten und sich ihren Weg nach da unten freikaufen oder freikämpfen.“

Er sah in der Mimik von Leutnant Sposka genau den Gesichtsausdruck, den er zwar befürchtet hatte, aber dieses besondere Leuchten ihn genau hier sagte, dass die Klinge den Weg zu ihrem Herzen gefunden hatte.

„Also“ sie richtete sich auf, „ich möchte die Sache nicht weiter verzögern, deshalb… wie kann ich helfen.“

„Frau Leutnant, es geht hier um Fragen der Sicherheit, die größer ist als unserer beider Leben.“ Sie winkte ab. „Herr Pasol“, ihre Stimme hatte plötzlich einen dieser scharfen Untertöne, die seine Frau hin und wieder auspackte, wenn er ihrer Meinung nach eine Sache emotional oder moralisch falsch anpackte. Er versuchte zu lächeln. „Verzeihen Sie, ich bin zu sehr den Kontakt mit Politikern und der Presse gewöhnt. Also“ er zog die Luft scharf ein, „Ja-Lib ist verschwunden und es gibt Anzeichen dafür, dass der nach G13 unterwegs ist. Vermutlich befindet er sich bereits kurz davor. Wir brauchen ein kleines Team, 6, maximal 8 Personen, die verschwiegen sind wie ein Grab, natürlich unabhängig davon, ob G13 überlebt wird oder nicht.“ Er versuchte zu lächeln. Ein grauer Schleier hatte sich über Leutnant Sposkas Gesicht gelegt, nur für einen Augenblick, dann fand sie die Selbstbeherrschung wieder. Sie stand auf. „Ich freue mich, Ihnen helfen zu dürfen. Haben Sie bereits andere Personen involviert?“

Er schwieg. „Nicht um diese Uhrzeit. Ich dachte mir…“

Sie nickte. „Ich verstehe. Wenn Sie Hilfe brauchen, zählen Sie auf mich.“

„Wir werden uns in 6 Stunden treffen. Kennen Sie das „Vergangene Träume?““

„Der Raum der Kleinigkeiten. Eine Art Museum, das keiner mehr kennt, weil es kaum noch etwas besitzt, das von Wert ist.“ Er grinste. „Dort war ich als Kind immer gerne. Jedenfalls, der Kurator ist ein persönlicher Freund von mir. Er hat gewisse Ausrüstungsgegenstände von unserer letzten Expedition. Ich gehe davon aus, dass sie erfolgreich wieder eingesetzt werden können. Weiterhin ist man dort sicher und allein. Schlagen Sie noch 2 oder 3 weitere Leute ihrer Einheit oder anderer Einheiten vor, denen Sie Vertrauen. Vertrauen ist das, was uns da unten zusammenhält.“

Sie nickte. „Habe Sie, Herr Pasol, sich auch schon Leute überlegt? Nicht, dass wir in einen Konflikt kommen.“

Er setzte sich, deutete auf den Tisch vor ihm. „Eigentlich würden hier die Unterlagen liegen, aber…“ er deutete auf die Küche, „meine Frau muss ja nicht alles wissen“. Sein Lächeln schien Leutnant Sposka traurig zu stimmen. „Und Sie, sind Sie irgendwie verbandelt? Ich meine, falls da unten etwas passiert, dann…“

„Nein. Ich war, aber ich bins nicht mehr. Wir haben uns einvernehmlich getrennt. Sie wissen schon, Karriere für ihn, Tod und Verstümmelung für mich.“ Sie schüttelte den Kopf. „Jeder geht seinen eigenen Weg.“

Er nickte. „Gut. Dann suchen Sie sich ein paar Leute raus und ich auch ein paar und am Ende treffen wir uns. Es muss aber schnell gehen. Die Medien werden hellhörig, wenn zugesagte  Erklärungen nicht eingehalten werden.“

Sie lächelte kurz. „Ich verstehe. Wir treffen uns in 6 Stunden?“ Nun musste er wirklich lachen. „Großartig. So jemanden wie Sie hätten wir damals auch gebrauchen können.“ „Dann wäre ich aber vielleicht tot.“ Seine Reaktion war verwirrend. „Nein, ich meinte, mit Ihnen hätten mehr Leute überleben können. Ich bin mir da ganz sicher.“

„Sie sind ein rechter Aufschneider, Herr Pasol, Oberst Jablonski hat mich schon gewarnt, aber diesmal bin ich sogar geneigt, Ihnen zu glauben.“

Kaum war sie fort, ging er in sein Arbeitszimmer und schloss die Tür. Die Geräusche ihm ihn herum verstummten im selben Augenblick fast vollständig. Er verbrauchte die nächsten Minuten Lebenszeit, in dem er einfach nur im Raum stand und das Nichts, das ihn umfloss, genoss. Dann nickte er und ging zu seinem Schreibtisch. Er drückte einen versteckten Knopf auf der Unterseite der Platte, dann schob der diese zur Seite. Gleißendes Licht schob sich in den Raum, auf sein Gesicht. Erst klickte es, dann hörte er ein leises Surren, als der Monitor im Innern des Tisches herausfuhr und sich automatisch auf Nerus Sitzposition einstellte. Er setzte sich und begann auf der Tastatur vor ihm einige Befehle einzugeben, die ihn authentifizierten. Diese Schritte, er konnte sie schon auswendig, waren absolut notwendig. Auch wenn Spionage durch das erzwungene Miteinander fast ausgestorben war: eine gesunde Paranoia war absolut notwendig.

Er startete die Datenbanken. Klickte sich durch Namen, Bewegungen, Vergangenheiten. Erfolglos. Er hielt keinen für geeignet oder dumm genug, sich auf den Weg in die Tiefe zu machen. „Da unten sind Dinge, die ihr nicht versteht.“

Er merkte, wie er mit sich selbst sprach. Erneut. „Eine Sache, den Kopf freizubekommen.“ sagte er sich. „Doch… was brauchen wir, wenn wir wissen, was wir nicht brauchen. Wir brauchen keinen Menschen mit klarem Verstand, der an feste Dinge glaubt. Wir brauchen Menschen, die das Chaos überleben können.“ Das Bild von Paul, schreiend in eine Ecke, gezerrt wie ihm die Haut… Neru würgte.

„Vorsichtige Menschen, verrückte Menschen, all diese haben es leichter Und… wer es schonmal überlebt hat…“ er nickte.

„Salara“ er tippte. „Gut. Du bist dabei, auch wenn du es noch nicht weißt.“

IX.

Die Bewegungen waren so schnell, dass sie sich nur als Schatten in Liaras Geist brannten. Die Toten starben noch einmal, diesmal vermutlich auch nicht endgültig, aber dennoch beeindruckt von der Naturgewalt, die sie überrollte. Krallen zerfetzten graues, von verstörender Magie zusammengehaltenes Fleisch, brachen Knochen wie dünne Zweige und dazu kam noch diese Art verzehrendes Feuer im Auge des urzeitlichen Bären, den Liara nur aus Kindergeschichten kannte. Noch immer träumte sie in sternenlosen Nächten von den Klingen, die diese Kreatur als Klauen haben sollte, an die Zähne, die… aber das war nicht wichtig. Der Bär kümmerte sich nicht um sie, sondern um die Toten, die weit weg von ihrer Heimat im Norden, dahingemetzelt wurden. Aber irgendwann würde er fertig sein und sich dann um sie, verletzbar, fast unbewaffnet kümmern. Weg, sie musste weg. Sie rutschte vorsichtig nach hinten, den Kampf im Blickfeld, vorbei an dem Baum und dann hinter den Busch. Gut, dachte sie, nun bin ich erst einmal…

Eine Hand packte sie an ihrer Schulter und sie fühlte kaltes Metall an ihrem Hals. Vorsichtig drehte sie ihren Kopf. Der Fremde. Seine Augen loderten in kaltem Feuer, sein Mund noch immer blutig vom Brauch, die Lippen von Sklaven zusammenzunähen, bis sie bei ihrem neuen Herrn und Meister waren. Doch er hatte sich schon davon befreit, dank des Messers, das er in Händen hielt. „Lang Shengs Messer“ flüsterte sie. Sie fühlte, wie sich ihr Kopf in Eis verwandelte, während ihr Herz jedes Blut aus ihrem Verstand zog. „Was… was willst du?“ sagte sie. Er schüttelte den Kopf, deutete auf die Geräusche hinter dem Strauch, das Klirren von Rüstungen, das Dröhnen der mächtigen Kreatur, das dumpfe Hämmern von Fäusten und Schwertern auf Körper. „Nicht hier.“ sagte er. Er beugte sich über sie. Sie wurde erst, als er ihr das Kurzschwert entriss gewahr, dass sie es noch immer in Händen gehalten hatte. Fetzen von totem Fleisch glitzerte grau auf der Klinge. „Komm endlich. Willst du durch ein solches Wesen sterben?“ Plötzlich hatte sich sein Zorn in Ungeduld verwandelt. Er wusste nicht, wieso, aber er konnte sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass sie, trotz ihrer Tagen, hier sterben würde. „Komm mit, wenn du leben willst.“ Ein dumpfer Spruch. Er musste fast lächeln, aber sein Mund brannte wie Feuer. Wenigstens konnte er ihn wieder öffnen, aber hier zu sagen, dass damit alles wieder in Ordnung war: Nein. Er brauchte Antworten.

Bewaffnet mit beiden Klingen ging er tiefer in den Wald, Liara direkt vor ihm. „Solltest du verschwinden, solltest du fliehen, werde ich mich bemühen, dich sofort zu töten. Es kann natürlich auch sein, ich verletzte dich nur soweit, dass du, nachdem du meine Fragen beantwortet hast, zwar noch atmest, aber… ich weiß. ja nicht, was für Kreaturen in dieser Welt noch weiter existieren, aber noch einmal rette ich dich nicht vor diesen Snalus oder vor einem Bären. Dann musst du, allein, verlassen und kaum noch lebend hier draußen langsam sterben. Ich bin der Meinung, dass das schlecht ist.“

Sie hatte bei der Ansprache geseufzt und auch wenn er nicht wusste, wer er war; aus irgendeinem Grund, der ihm aus der Tiefe seiner nicht bekannten Vergangenheit anstrahlte, wusste er, dass er sie damit gut unter Kontrolle hatte.

Der Wald wurde mit jeder Minute dichter. Sonnenstrahlen schafften es nur selten bis zum Boden, dem es immer mehr an dichtem Gras mangelte, blanke Steine und Moos der Umgebung trotzten. Glitzernde Tautropfen auf Blumen, die nicht innehielten, unvorsichtige Insekten in ihren Bann zu ziehen und dann langsam lebendig zu verdauen. Er betrachtete all diese Dinge um ihn herum mit einem naiven Staunen, so dass Liara verwirrt innehielt. „Du… kennst das hier wohl nicht?“

Er antwortete nicht, packte die Klingen lediglich fester und stampfte voran. Er drehte sich nur kurz um „Komm mit.“ Sie wollte ihm nur sagen, dass es gefährlicher wurde, aber er schüttelte den Kopf. „Nicht jetzt.“ Seine Augen betrachteten die Umgebung. Die Bäume rückten näher, nur mit Gewalt schafften sie es, sich durch die engen Reihen zu pressen, die dicken Rinden der seit Jahrzehnten unberührt scheinenden Riesen rissen schmerzvoll in ihrer Haut, selbst durch die Kleidung war es…

„Halt“ sagte er und blieb stehen. Er ging in die Knie. Sie folgte seinem Beispiel. „Da vorn“ deutete er an. Sie folgte seinem Zeichen. Er beugte einen Busch beiseite. Dort muss ich hin.“ sagte er. Vor ihnen erstreckte sich eine größere Fläche, es schien fast, als wäre sie künstlich in den Wald hineingebrannt worden. Die Bäume standen wie drohende Wächter schwarz um ein quadratisches Stück Erde, die zu einer Masse zusammengeschmolzen war. Knochen ragten aus dem Boden; unglückselige Tiere, die sich im Augenblick ihres Verderbens noch gegenseitig gejagt hatten, lagen nun friedlich vereint unter der harten Schicht.
Eine einsame Gestalt  lehnte an einem Stück Felsen, der nicht natürlichen Ursprungs sein konnte. Er war so hell, dass er fast leuchtete, weiß. mit sonnigem Glitzern überzogen, mathematisch korrekt, ein künstliches Geschenk einer Welt, die Liara nicht kannte. Sie schüttelte den Kopf. Was wollte der Fremde hier?

„Wer bist du?“ fragte der Fremde, nachdem er lange überlegt und sich dann vorsichtig auf dem Weg zu dieser Art Altar gemacht hatte. Die Augen seines Gegenübers leuchten kurz auf. „Ich? Wer bist du?“ die Stimme des Mannes war erschöpft. „Ich weiß. nicht, wer ich bin. Also… wer bist du?“

Sein Gegenüber grinste. „Dann bist du weit gekommen für einen Mann ohne Namen. Ich muss sagen, dass ich entzückt bin.“ Er stand auf. „Sogar eine eigene Frau hast du dir schon geholt. Ich habe mir schon gedacht, dass du gut bist, aber so gut…“ er nickte. „Ich bin… ein Bote.“

„Dann weißt. du?“ „Wer du bist?“ Er schüttelte den Kopf. „Man hat mir keine Informationen gegeben. Weißt du, ich bin hier aufgewacht und wusste nur, dass jemand vorbeikommt, dem ich etwas geben soll. Mehr weiß. ich nicht.“

„Und wenn du mir dann die Sachen gegeben hast?“

„Dann bin ich tot. Versteh mich nicht falsch. Geben ist so ein freundlicher Ausdruck. Ich bin hier, um dich zu testen. Solltest du versagen, bist du tot. Solltest du gewinnen, bin ich tot. Sieh es als Prüfung an.“ Er kratzte sich am Hinterkopf, wandte sich um und griff nach einem Objekt, dass Liara als eine Art Speer erkannte. Ein Speer, das nur aus Licht zu bestehen schien und das zwei Klingen hatte. Zwei Klingen gegen zwei Klingen. Sie fühlte, wie sie die Luft anhielt.

Die Luft war zum Schneiden dick, als der Fremde Liara in eine Ecke schob, außerhalb dieser bizarren Arena. Er beugte sich zu ihr hinunter. „Bleib dort.“
Sie nickte. Er wandte sich um und betrachtete sein Gegenüber mit starrem Blick. Liara fielen nun weniger die Unterschiede, mehr die Gemeinsamkeiten der beiden auf. Beide waren sehr groß, größer als sie es kannte. Selbst gebeugt, wie ihr Begleiter, dessen Gefangene sie war, der ihr das Leben gerettet hatte, mehrfach, ging sie ihm maximal bis zur Schulter. Auch der andere Mann, der sich nun mit dem Blick eines Raubtiers auf ihn zubewegte, war groß und schlank, aber dennoch sehnig. Es waren Krieger, sie war sich ganz sicher, auch wenn sie das am Anfang nicht gedacht hatte, so unschuldig wie der Fremde ausgesehen hatte.

Ganz gleich, wer hier gewinnen würde, sie würde mit ihm gehen. Als wäre der Gedanke ein Funke gewesen, der ein Feuer auslöst, warfen sich die beiden Männer in den Kampf. Da waren nur noch die blitzenden Funken der Klingen, die versuchten, sich wie Zähne in das Fleisch des anderen zu bohren. Beide kämpften um ihr Leben und sie erkannte, dass der Fremde zusätzlich noch um ihr Leben stritt. Ihr wurde kalt bei dem Gedanken, was passieren würde, wenn der andere… aber sie durfte sich nicht einmischen, das war nicht ehrenhaft.

Die Klingen glitten aufeinander zu, das Gegenüber wich aus, wirbelte herum, startete selbst einen Angriff. Wie leuchtende Kreise, Blitzen gleich, prallten die Mächte aufeinander und das Geräusch von Metall auf Metall surrte in Liaras Ohren.

Wie lang ging dieser Kampf schon? Stunden? Immer wieder toste der Angriff, prallte an der grandiosen Verteidigung ab, zog sich zurück, musste sich selbst verteidigen, ein Spiel von Ebbe und Flut. Doch die Schläge wurden langsamer, wie sie feststellte. Müdigkeit setzte ihnen anscheinend zu. Keiner hält einen…

oh…

Ein Hieb von oben, gehalten von den beiden Klingen ihres Begleiters, der beim zurückziehen des Speeres dieser Bewegung folgte, eine Klinge verlor, so dass der Gegner triumphierend erneut zustieß… der Stoß, siegessicher, zu siegessicher durchgeführt, der sich durch die Schulter ihres Begleiters bohrte, ein Jubelschrei seines Gegners, der nicht erkannte, dass die zweite Klinge auf dem Weg war, ihn zu durchbohren und als er dass erkannte, zog er seine Waffe zurück, doch durch das verletzte Fleisch im Zaum gehalten, schaffte er es nicht; zu spät, sein Gesichtsausdruck erst voller Schrecken, dann zitterte er und brach zusammen. Ihr Begleiter wandte sich um, seine Haut war fahl, die Augen flackerten, er fiel auf die Knie. „Nimm das Schwert.“

Sie gehorchte, ohne eigenen Willen.

„Schlag den Speer durch.“ Auch hier… Hiebe um Hiebe prasselten auf das Holz und irgendwann, nach dutzenden Malen, löste sich endlich der Stab auf.

„Und nun…“ er konnte seinen Schmerz kaum unterdrücken, sein Atem war schwer von der Gewalt, die in seinem Körper tobte, „Zieh ihn raus.“

Sie wandte sich um, packte die Klinge, die aus seinem Rücken ragte und zog.
Mit einem satten Schmatzen schob sich der abgebrochene Stab aus dem Loch im Fleisch. Er blutete stark. „Danke…“ Sein Flüstern war schwach. Dann fiel er um.

Liara fühlte die Verantwortung in sich steigen, Verantwortung für ihn. Immerhin… aber das war ihr nun gleich. Sie musste die Blutung stoppen. Sie fühlte sich hier völlig allein, sie brauchte ihn, das wusste sie.

Diese Art des Kampfes war ihr bekannt vorgekommen, auch wenn sie nicht wusste, woher. Es war verwirrend, schnell, unfassbar bizarr gewesen, Bewegungen, die kein Mensch sonst ausgeführt hatte, den sie kannte. Sie packte das Kurzschwert, das er noch in Händen hielt und rannte hinüber zu dem sterbenden Gegner. Sie packte seinen linken Arm, hob ihn hoch und schnitt den Ärmel ab, dann tat sie dasselbe mit dem linken. Sie lief zurück, formte eine primitive Pressbinde aus dem einen Ärmel und packte sie auf die beiden Löcher in der Schulter des Fremden. Dann band sie den anderen Ärmel um die Schulter und hoffte, dass es helfen würde. Sie war sich nicht sicher. Er wimmerte vor Schmerzen, wachte kurz auf, nickte und fiel dann wieder um. Mehr konnte sie nicht tun. Sie hatte schon zu viele Männer sterben sehen, im Kampf, in Krankheiten, verraten und verkauft. Eigentlich hätte ihr dieser Mann absolut gleich sein müssen.

„Wer bis du?“ fragte die Stimme hinter ihr? Sie wirbelte herum. Der Sterbende hatte die wenigen Augenblicke der letzten, aufbäumenden Lebenskraft genutzt und sich aufgerichtet. Blut tropfte von der Klinge, die in seinem Leib steckte. Er taumelte rückwärts, rammte mit dem Rücken den Steinblock, an dem sie ihn gefunden hatten und rutsche an ihm herunter.

„Ich bin Liara…“ stammelte sie. „Li…ara. Das bedeutet Frau… des Mondes?“ Sie nickte und trat näher. „Wieso… habt ihr gekämpft?“ fragte sie ihn. Sie beugte sich zu ihm hinunter, betrachtete sein schmales, ja, zartes Gesicht. „Es war… notwendig. Hätte er nicht überlebt… wäre es meine Aufgabe gewesen, seinen Weg zu gehen.“ „Und was wäre mit mir gewesen?“ fragte sie zornig. „Du… Liara, Frau des Mondes, ich…“ er stockte, während eine Welle von Schmerz über sein jungenhaft scheinendes Gesicht zog. „ich hätte dich mitgenommen. Du kennst diese Welt. Ich komme von weit her, genauso wie er.“

„Wie heißt er denn?“

Er zuckte mit den Schultern. „Er hat keinen, ich habe auch keinen. Wir haben viel verloren, als wir hier angekommen sind. Nur unsere Fähigkeiten zu kämpfen, haben ….“ Er gurgelte, holte aus, spuckte einen dicken Schwall klumpigen Blutes aus, betrachtete es stirnrunzelnd. „Ihr seid nicht von dieser Welt?“ fragte sie ihn. Das war Blasphemie. Das war Sünde, aber… es war die einzige Möglichkeit… „Ja. Habt ihr nicht viele Götter in dieser Welt? Oder zumindest einige? Was wäre wenn sie von anderen Welten kamen? Aber ich… schweife ab. Ich sterbe und er wird hoffentlich leben. Gib ihm einen Namen. Und sage ihm, er findet seine Aufgabe auf der großen Straße nach Bramant. Sag ihm…“ seine Augen begannen glasig zu werden „sag… ihm… er muss das… Ovpar… das Ov…“ Er zuckte noch einmal kurz, seine Arme und Beine zitterten in einem unendlich scheinenden Krampf, er streckte sich und dann, Liara wandte ihren Blick ab, war er tot.

X.

„Professor Notna, nehme ich an?“ Neru schaute hinauf zur Decke, um die großgewachsene Gestalt seines Gegenübers besser sehen zu können. Der angesprochene Mann nickte. Es schien so, als wäre er sich nicht sicher, ob er es wirklich sei, seine Bewegungen waren sorgfältig geplant, als wäre nichts, außer seiner Existenz, wichtig und dennoch, Neru konnte sich nicht daran gewöhnen, dass sein Gegenüber ihn nicht lächelnd anschaute.

„Ein mysteriöser Bursche“ sagte eine Stimme hinter ihm. Er wandte sich um. Salara trat näher heran und begrüßte den Professor herzlich. Und wie durch ein Wunder lächelte der Mann. „Ich freue mich, dass Sie an unserer Expedition teilnehmen“ meinte Salara und drehte sich zu Neru um. „Professor Notna ist eine Notwendigkeit auf dieser Reise hinunter.“

„Ich…“ der Professor zuckte mit den Schultern, „bin mir in dieser Hinsicht nicht wirklich sicher, aber ich… bin bereit, das zu tun, was man von mir verlangt, wenn ich nachfolgend die Mittel habe, mich wieder meinen Forschungen zu widmen.“

„Ihre Forschungen sind doch bereits jetzt legendär und die Ergebnisse, die Sie damit erreicht haben, phänomenal.“ Neru versuchte, nicht auf der Pfütze auszurutschen, die er virtuell auf den Boden geschleimt hatte. „Sie sind ein witziger junger Mann, Herr Pasol und ich kenne Ihre Arbeiten im Bereich der Medienkunde. Jedoch sind diese „ er lächelte „Bereiche für das gemeine Volk wichtiger als für uns. Unter uns, dass die Drachentopologie für die quasireligiösen Kämpfe notwendig ist, ist den wenigen klar, die sich hinreichend damit beschäftige haben. Damit möchte ich Ihre Kenntnisse, ihre Werke nicht schmälern…“ Er schwieg.

Neru wandte sich wieder zu Salara um. „Ein recht… faszinierender Mann.“ Sie nickte. „Ich habe ihn ausgewählt, weil er seine Forschungen über das Altertum und die Wiederentdeckung der technischen Gegebenheiten genau in diesem Bereich, G10 und G11 durchgeführt hat. Sie wissen, die Verknüpfung der aktuellen Hardware mit der damaligen, doch viel weiterentwickelten Elektronik, eine sinnvolle Alternative zum Immer-wieder-Neuerfinden.“

Professor Notnas Hand fuhr auf Nerus Schulter. „Mein Freund, wieso das Rad neu erfinden? Ich freue mich auf die Möglichkeit, in den tieferen Ecken unserer immer kleiner werdenden Welt neue Dinge zu finden und für uns alle nutzbar zu machen.“

Salara nickte. „Und ich glaube, dass wir beim Kontakt mit unbekannten Fallen, sagen wir eher, technischen Gegebenheiten jemanden, ein Genie, brauchen, um die  möglichen Gefahren zu überleben.“

Neru seufzte. Er hätte im Herzen eher eine größere Armee von Soldaten gebraucht. Wenn er daran dachte, dass… aber gut. Salara hatte ihr Wahl getroffen und er würde sich damit einverstanden erklären. Sie war ein wichtiger Teil des Teams und es war notwendig, die Stimmung in der Gruppe positiv zu halten.

„Wann kommen die anderen?“ hörte er. Salara hatte diese Frage gestellt. „Ich habe sie für heute und jetzt eingeladen. Hierher. Gewisse Leute sind einfach unpünktlich.“ Salara trat näher. „Ich weiß., dass du diese Aufgabe ungern übernommen hast. Und ich hätte sie abgelehnt, ehrlich, aber du bist ein guter Mensch, auch wenn du dich der falschen Sache geopfert hast.“

Er hatte sich die Diskussion vorher allerdings genauso schwer vorgestellt, wie sie gewesen war.

„Du kannst doch nicht einfach…“ sie war atemlos gewesen, aber das hatte eher daran gelegen, dass sie gerade ihren täglichen 5 Meilen Sprint auf dem Laufband absolviert und danach direkt auf ihn getroffen war. „Salara, es ist wichtig!“

Sie hatte den Kopf geschüttelt. „Es ist immer wichtig, wenn es ja nur um dich geht, Neru Pasol.. Du denkst nur an dich.“

„Nein.“ Seine Stimme war zornig gewesen, mehr als er es sich vorgenommen hatte. „Es geht um Tausende Menschen, die darauf angewiesen sind, dass Ja-Lib ihnen Hoffnung gibt und es geht um mich, denn ich werde mich wieder nach G13 begeben und vielleicht sterben. Ist das egoistisch?“

„Ja“ sie hatte genickt. „Egoistisch. Den Status Quo aufrecht erhalten. Aber du lässt dich nicht davon abhalten, du Idiot.“ Er hatte gelächelt. In seiner dumpfen Art war er intelligenter als manch anderer, was ihnen beiden aber nichts brachte.

„Wer wird noch teilnehmen?“ hatte sie später gefragt, während sie sich im Umkleideraum die nassgeschwitzten Sportklamotten auszog und er sie, prüfend, fast liebevoll anstarrte wie ein Schulkind, das das erste Mal den Drachen von nahem sieht. Sie hatte auf ihn reagiert. „Gierst du noch immer nach mir, Neru Pasol?“ Sie hatte ihn das immer gefragt, auch damals, vor dem letzten und schlimmsten Marsch ins G13, als nur sie beide überlebt… „Ja. Immer. Ewig.“ war seine Antwort gewesen und heute? Heute hatte er sich dasselbe eingestehen müssen. Aber… „Ich bin verheiratet. Ich liebe meine Frau.“

Falsche Antwort, dumme Lüge, hatte ihn sein Verstand ausgelacht, während er noch die Worte aussprach, doch sie hatte gelächelt und genickt. „Also?“

„Oh, ja. Bisher hat mich ein Leutnant Marian Sposka besucht. Sie war direkt von Oberst Jablonski zur Sache berufen worden.“

„So so, eine Sie?“

„Ja, und du fang auch nicht davon an. Nota ist sehr verärgert. Immer diese Eifersucht.“ Er hatte versucht zu lächeln, aber es war eher der Blick eines traurigen verletzten Kindes geblieben, wenn nicht schlimmer.

„Leutnant Sposka also. Sonst noch jemand?“

„Nein.“ Er hatte den Kopf geschüttelt. „Nur dich bisher. Sie wollte auch einige Leute, vermutlich reines Kanonenfutter, Soldaten halt, befragen und anwerben. Wir müssen das Team klein halten.“

„Klein genug, um zu verschwinden, wenn die Sache zu groß wird?“

„Klein genug, um ungesehen rein und raus zu kommen. Vielleicht müssen wir auch gar nicht so weit runter, Salara. Ich bin guter Hoffnung, dass er es vielleicht nicht nach G13 geschafft hat. Selbst G11 ist schon extrem gefährlich für uneingeweihte Menschen.“

„Aber er ist ein Krieger, zumindest sagen das ja deine Medien-Typen, er hat den Drachen fast besiegt und er hat den Kampf überlebt.“

„Gegen ein großes Ding zu kämpfen ist noch immer besser als gegen irgendwas, was er nicht kennt oder was ihn geistig zu sehr fordert. Erinnerst du dich an Agent Lagvas?“ Sie hatte sich zu ihm umgedreht, nackt, so wie eine übermächtige Kreatur Lebewesen schaffen konnte und er musste sich beherrschen, nicht auszurasten. Eine große Narbe, noch heller als ihre fast ebenholzfarbene Haut, lief gezackt von ihrer Schulter an ihrer rechten Brust vorbei bis hinunter an ihre Hüfte, gezackt und groß. Er wusste, wie sie damals geschrien hatte, dann apathisch geworden war. „Ja, Agent Lagvas. Er dachte auch, er könne alles und wie du siehst….“ Sie hatte geschluchzt. Er war nähergetreten, doch sie war zurückgewichen, wie eine Katze, die einem Straßenköter ausweicht. „Es tut mir leid, Salara.“

„Jedenfalls“ Professor Notna hatte sich einen Stuhl gesucht und seinen massiven Körper gekonnt platziert, „bin ich kein Freund des Militärs. Und ich möchte Ihnen das auch erklären.“ Neru schaute auf seine Uhr. Er war voreilig gewesen, eine halbe Stunde zu früh im Museum gewesen und hatte hier nun Salara und den Professor gefunden; die Leute von der Armee waren da genauer.

„Das Militär ist berechenbar, Herr Pasol. Und Berechenbarkeit war schon immer sein größtes Übel gewesen. Schon vor Jahrtausenden konnte man zwei Armeen aufeinandertreffen lassen und zu einem Großteil davon ausgehen, dass die reine Quantität entschied. Dann kam der technische Vorteil zum Tragen. Töten wurde effektiver. Aber noch immer, trotz des Untergangs der Zivilisation und der Aufbau unserer kleinen Welt hier unten wird der Kampf, gegen wen auch immer, durch Masse und dann durch Technik geklärt. Sie selbst, Herr Pasol, waren bereits mit Salara in G13. Hilft dort nicht eher ein aufgeklärtes, nein, sagen wir, offenes Denken, eine Reaktion auf Dinge, die nicht in unserem Verstand existieren, sondern lediglich wüste Träume unseres Unterbewusstseins? Ich weiß. nicht, was das Militär ausrichten kann.“

Salara verdrehte die Augen. „Neru, Professor Notna hat sich dennoch bereiterklärt, uns zu folgen. Und es“ sie schaute den Professor an, „hat nicht lang gedauert, bis er zugesagt hat.“ Er nickte. „Ja, Salara. Ich finde, es ist Zeit…“ er stockte, eine Art grauer Schleier überzog sein Gesicht, ein kurzes Aufblitzen eines unbekannten Schmerzes, der wieder verging. „Gehts Ihnen nicht gut?“ fragte sie. Er lächelte. „Ich bin tapfer genug, nichts zu sagen. Unabhängig davon… es ist Zeit, etwas Großes zu tun. Etwas Neues zu tun.“

„Und dafür brauchen Sie uns!“

Wie ein Donnerschlag ragte Leutnant Sposkas Stimme, militärisch präzise, einen Hauch von Metall, in der Luft, rauschte durch das Museum. Die vollgestellten Wände brachen die klaren Linien für ein Echo und erzeugten winzige Verzerrungen, die die Worte in eine Art virtuellen Singsang verwandelten. Neru schaute auf.

„Leutnant Sposka, willkommen.“ Neru versuchte seine Stimme so positiv wie möglich klingen zu lassen, was ihm auch teilweise gelang.

Die beiden Männer, die hinter dem Leutnant standen, kamen aus dem Halbdunkel des Türrahmens ins Licht getreten. „Klassisches Kanonenfutter“ Neru musste seine Gedanken zügeln, aber er konnte sich nicht beherrschen. Zwei Personen, beide um die Mitte 20, die Augen misstrauisch umherschweifend, Muskelmasse, die nur durch jahrelangen Sport und, es gab Gerüchte, Gebrauch leistungsfördernder Drogen gewachsen sein konnte. Aus der Entfernung sahen sie aus wie ihre eigenen Spiegelbilder.

„Brüder. Oder Klone. Oder Beides.“ Professor Notna war aufgestanden und hatte mit sie aus dieser Entfernung eindeutig beurteilen können. Neru schätzte schon jetzt seine offenen Worte. Auch er war kein Fan dieser Art von Verschwendung von Protein und Lebenszeit.

„Das sind die Leutnants Maskov. Zwillingsbrüder, die sich bereiterklärt haben, unserem Weg nach unten zu folgen. Sie sind…“

„dumm wie Brot?“ Professor Notna kicherte leise. Neru musste sich beherrschen.

„…hoch-ausgebildete Spezialisten für Kämpfe auf unbekanntem Territorium sowie Überlebensspezialisten. Und sie sind Kameraden in meiner Einheit. Wir würden unser Leben gegenseitig verwetten.“ Leutnant Sposka beendete ihre kurze Einführung mit einem militärischen Hackenschlag. Die anderen nickten lediglich.

„Ich bin Boris Maskov und das ist mein Bruder Pjotr. Wir sind Brüder.“

Neru nickte. Salara versuchte, nicht zu kichern. Leutnant Sposka rieb sich auffällig die Augenbrauen. „Wie ich schon sagte, sie sind gut.“

„Also… das ist unsere kleine Gruppe?“ fragte sie. Neru nickte. „Anscheinend. Das hier ist Salara Silber.“

„Oh, deutsche Vorfahren?“

„Wir haben alle unsere Vorgeschichte. Sie wissen, dass es keine Zuordnung mehr gibt zu Ländern, die seit Jahrhunderten nicht mehr existieren. Darf ich annehmen, dass Sie slawische Vorfahren haben?“ Ihre Augen waren verengt, als hätte man einen Knopf gefunden, auf dem „Tod“ stand. Leutnant Sposka nickte. „Wer hat die nicht.“

„Ganz ruhig, meine Damen. Wir werden uns doch jetzt nicht in historischen Sachverhalten ergeben, oder?“ Nerus Hand senkte sich. „Ganz ruhig, Leute. Wenn wir jetzt noch anfangen, über Religionen zu sprechen.“ Er wirbelte herum. Professor Notna grinste in der Dunkelheit, seine Zähne glitzerten wie weiße Punkte in der Nacht. „Lassen Sie das, Professor. Es ist weder Zeit noch Platz, Glaubensfragen zu klären. Lassen Sie uns also….“ er zuckte. „Lassen wir diese Sachen beiseite und gehen wir daran, den Weg in die Tiefe zu besprechen.“

Sie rückten näher.

XI

„Atmen Sie noch?“ Stille in seinem Kopf. „Atmest du?“ eine andere Stimme, die gleich der ersten verweht. Er fühlt einen Sturm in seinem Kopf, der durch Bäume heult, die nie existiert haben, er fühlt den Druck des Windes, der ihn auf seiner Reise durch das Nichts in Ecken drängt, die ihn packen wollen, fallenlassen in die Ewigkeit des Abgrunds. Er fühlt, wie sich seine Füße in den Boden krallten, nass und kalt; schleimige Buckel auf einem sich bewegenden Untergrund. Ihm wurde schlecht bei dem Gedanken, aber wie kann einem schlecht werden, wenn man tot ist? Er bäumte sich auf. „Atmest du?“ Er hatte darauf keine Antwort. Seine Fragen an das Nichts verhallten dumpf. Es war… es war, als würde eine Faust auf seinen Kopf prallen, ihn zurückwerfen, ihn packen und schütteln. „Verdammt! Atme!“

Der Hieb war mörderisch. Er fühlte, wie ihm das Gehirn entwich, wie eine Blase aus Luft, unfähig, apathisch. Dann öffneten sich seine Augen. Starrte in ein unbekanntes Gesicht. Sorge strahlte es aus, Sorge und eine Art von Angst, die er kannte, die Angst, dass jemand wichtiges gestorben sein könnte. „Ich bin… am Leben.“

„Gut. Dann versuch, dich zu bewegen.“

Er strengte sich an, nahm zumindest den Anschein, dass er es konnte, denn sein Körper fühlte sich an wie ein Sack voller Steine, den man auf den Weg geworfen hatte und der sich nun selbstständig vor einer Armee wegrollen musste, um nicht zu Staub getreten zu werden. Nichts. Sie starrte ihn an, ihre Augen groß, ein Kind, das Angst hatte. „Na komm. Na komm. Mach schon. Es wird Nacht, bald.“

„Aber… es war doch erst…“

„Du warst bewusstlos.“

„Wie… wieso?“

„Du erinnerst dich schon wieder nicht?“ Ihr Lächeln kam wieder. Schmerzvoll.

„An dich schon… und an dein…“ Er atmete schwer. „Als Sklaven verkaufen, wie… mittelalterlich.“

„Ich kenne das Wort nicht. Steh auf. Versuch, zu gehen.“

Er rollte sich weiter hin und her und bei jedem weiteren Versuch wurde seine Schulter mit einem dumpfen Donnergrollen aus seinem Mund unterlegt. Sie half ihm aufstehen. Er taumelte. „Ich kann.. meinen linken Arm nicht richtig bewegen.“ Sie nickte. „Schau hin. Da steckte bis vor kurzem auch ein Speer drin.“ Er drehte seinen Kopf. Stoffreste, kaum sauberer als der Boden, um die Schulter gewickelt. Er sah sie an. „Ja, ich habe dich nicht verbluten lassen. Kann ich damit rechnen, dass du mich nun…“

„Du hättest fliehen können, Liara. Es wäre besser gewesen.“

„Wir müssen zurück. Du hast Männer getötet. Ich habe einen Neuling an der Kutsche zurückgelassen. Wenn du gut genug bist, kannst du ihn aus dem Weg schaffen. Ich flüchte dann verletzt meinem Vater hinterher. „Ein Angriff…“ kann ich sagen, während ich abgekämpft zu Boden sinke. Er glaub mir das.“

Sein Atem ging schwer. Er löste sich von den helfenden Händen seiner Gefährtin und schlurfte auf dem noch immer verbrannt scheinenden Boden zu dem anderen Mann, der ihn herausgefordert hatte. Der Tote lag auf dem Boden, die Klinge in der Brust, die Augen gebrochen, das Gesicht verzerrt. Er hasste den Tod, aber er wusste nicht… Er beugte sich hinunter. Der Mann trug eine Art grauen Anzug und ihm wurde bewusst, dass er dasselbe getragen hatte, bevor man ihn betäubt, den Mund zugenäht und ihn zusammen mit einem Toten in einen Wagen geworfen hatte. Er drehte sich um, sein Gesichtsfeld verkleinerte sich, als er die Augen zusammenkniff. „Meine Kleidung… „ flüsterte er, dann drehte er sich wieder um. Er hatte eine Brusttasche entdeckt. Vorsichtig, um den Toten nicht zu stören, griff er hinein und holte ein metallisches Objekt heraus, einen halben Finger hoch und breit, genauso dick wie sein Finger. Ein Riss in der Seite, sein Fingernagel griff hinein und hebelte einen Deckel aus. Eine verwirrende mechanische Einheit lag vor ihm. Er kratzte mit seinem Daumen an dem winzigen Rädchen, es drehte sich und auf einmal blitzte eine Flamme in seiner Hand auf. Augenblicke später lag das fremde Objekt auf dem Boden, er stand einige Schritte entfernt, verwirrt, zitternd. Irgendwie… hatte sich das bekannt angefühlt, doch der Schock, der Schreck hatte ihn zu dieser Reaktion gezwungen. Erneut näherte er sich vorsichtig, hob es auf. Es fühlte sich warm an. Erneut klappte er das Oberteil ab, drehte an dem Rädchen. Eine Flamme entsprang dem Mittelpunkt dieses „Dings“. Er klappte es zu, wieder auf. Die Flamme war weg. Noch ein Versuch, es brannte wieder. „Feuer… zeug.“

„Wie? Was? Ist das Zauberei?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich kenne so etwas. Ich bin mir sicher, dass es… Feuerzeug geheißen hat, wo ich hergekommen bin.“ Er schüttelte es. Es fühlte sich schwer an. „Und es ist voll.“

„Voll was?“ Liara trat näher. Er zuckte mit den Schultern. „Ich weiß. nicht. Ich weiß. nur, dass es voll ist. Frag mich nicht weiter.“

Sein Kopf begann zu kreisen, ihm wurde schwindlig. „Ich muss…“ er setzte sich, seine Zähne knirschten, als der Aufprall seine Schultern zum Beben brachte. „Verdammt.“

„Wir müssen weiter, zurück, meine ich“ sagte sie. Er versuchte aufzustehen, ein vergeblicher Versuch. „Nein, wir bleiben hier.“ sagte er mit der Entschlossenheit eines zum Tode verurteilten Mannes. „Nein, hier sind wir nicht sicher.“

„Wir werden sicher sein. Schau dich um. Siehst du hier irgendwo Leben?“

„Nein…“ sie starrte in die Dämmerung, „aber…“

„Deine Snalus trauen sich sicher nicht hier her. Diese Dinger, die dich verfolgt haben, auch nicht. Hier ist ein Platz, der nicht für sie reserviert worden ist. Wieso sonst konnte er, der gewartet hatte, den ganzen Tag damit verbringen, sich vorzubereiten und auszuruhen und nun… nun ist er tot.“ Er seufzte. Liara drehte sich um. „Aber…“

„Bleib hier. Ich muss mehr wissen, damit ich meine Aufgabe hier erfüllen kann.“

„Ich weigere mich, hier zu warten, während mein Wagen unbewacht herumsteht. Du hast genug Leute getötet und nun…“ sie stoppte, strich sich die Haare von den Augen. Er seufzte. „Wenn du gehen willst, dann geh, ich bleibe. Ich muss einfach bleiben. Vielleicht bin ich einfach zu starrköpfig.“ Er zuckte mit der Schulter, was seinem Gesicht einen erneuten Schub an Schmerz bescherte. „Verdammt…“

„Du  bist zu schwach. Und es gibt nichts zu essen. Findest du das…“ Er winkte ab.  „Es geht. Ich habe vermutlich vorher, bevor ich mich selbst im Wald gefunden habe, genauso wenig bekommen wie jetzt. Vielleicht hat mein toter Freund etwas mitgebracht?“

Liara stand auf und ging vorsichtig um den Toten herum. Sie blieb vor dem weißen Konstrukt stehen, das noch immer weißer, reiner, schien als die ganze Welt um sie herum.Sie berührte es vorsichtig. „Es ist kalt“ flüsterte sie, „kalt wie der Winter in den Bergen.“ Sie fuhr mit den Fingern an den Kanten entlang, sie waren rund, nicht scharf. Das Ding vor ihr war eindeutig nicht gewachsen, sondern erschaffen worden,  geformt von Wesen, die sie nicht kannte. Vielleicht… war dieser Mann ohne Namen eines dieser Wesen. Sie begann, sich zu fürchten. Es klickte, als sie an der Ecke stehenblieb. Ein rotes Licht leuchtete auf. Sie sprang zurück. „Das ist Magie!“ Sie kreischte. „Dunkle Magie!“

„Nein!“ er saß auf dem Boden und deutete auf sie. „Das ist keine Magie. Das ist… nur nicht aus dieser Welt. Diese Sache kommt mir bekannt vor. Es ist ganz einfach, wenn man…“ er stoppte, schüttelte den Kopf. „Wenn ich mich nur erinnern könnte.“

„Du bist ein Zauberer!“ rief Liara. „Ich, ich….“

„Vertrau mir, ich bin kein Zauberer. Es gibt doch….“ er stockte. „Bin ich in einer Welt, in der es Zauberei gibt?“ Er musste grinsen. „Zauberei… nein. Wo ich herkomme, gibt es das nicht. Aber…“ er atmete schwer, „meine Welt ist ja nicht die eure.“ Plötzlich fühlte sich alles noch fremder an als vorher und er begann, am ganzen Leib zu zittern.

„Dann war es wohl dein Eintritt von da draußen hierher, der dich verändert hat?“ fragte sie, noch immer verwirrt, noch immer ängstlich.

„Ich weiß. nicht, aber ich glaube, ich kann dem… zustimmen.“ Seine Augen zuckten. „Vertrau mir einfach, auch… wenn es hier nach Magie aussieht.“

Das rote Licht leuchtete noch immer, ein filigraner Strahl schoss in den Himmel. Er schlurfte näher, begann nun auch die Kanten abzusuchen. Erneut schossen rote Lichter hinaus in die immer dunkler werdende Weite hinaus. „Wir müssen das abschalten“, sagte er, „sonst findet… man uns. Dann sind wir nicht sicher.“

Er drückte noch einmal gegen den weißen Kasten, als sich mit einem Klick der Deckel verschob und schier unhörbar auf den Boden glitt. „Eine magische Truhe“ flüsterte Liara. Er überhörte es, griff hinein. Es raschelte, dann holte er eine glänzende Form heraus, einen Behälter. „Ein Beutel aus Silber.“ Liara trat näher. „Kein Silber. Es sieht nur so aus.“ Er legte ihn auf den Boden, griff noch einmal hinein. „Nun…“ Einige Augenblicke später lagen 3 weitere dieser Hüllen unbekannten Inhalts auf dem schwarz-verbrannten Boden. Die rotglühenden Pfeile waren erloschen. Er atmete auf. „Vermutlich war die Energie zu schwach…“

„Wie?“

Liara verstand nicht, sie starrte noch immer auf den Schatz, der vor ihr lag.

„Nichts. Ich weiß. nicht, woher die Worte gekommen sind.“

Er griff nach einem der Beutel, fühlte ihn in seinen Händen umherwandern und dann… fand er die Stelle, die er unbewusst nur gesucht hatte, zerrte daran und ein Riss bildete sich, aus dem verwirrende Objekte auf den Boden fielen. Dies vollführte er mit allen Beuteln, bis der Boden bedeckt war von fremden Dingen, die Liara noch nie gesehen hatte, außer

„Ist das ein Messer?“

Er nickte. „Ja, sieht so aus.“

„Aber das ist… so…“

„Du meinst neu, glatt, sauber; es hat noch kein Blut gesehen. Das stimmt. Und deshalb nehme ich es. Du verstehst“ er hustete, „ich kann dir nicht… ver…“ er setzte sich, atmete schwer. „Kannst du Holz holen? Nur einige Zweige… einige Äste… bitte. Es wird Nacht und ich kann nicht garantieren, dass…“

Sie nickte. Ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken, brachte die Haare in ihrem Nacken zum Vibrieren. „Ja.“

Als sie wenige Minuten später zurück war, die Hände voller Holz, starrte er auf eine Karte. „Oh…“ sie reagierte, ließ die Äste fallen und trat näher. „Was…“

„Das ist eine Karte… ich weiß. nicht. Woher soll ich denn wissen…“

Das Papier unter seinen Händen war glatt, als wäre es nie beschrieben worden. Liara fühlte die winzigen Erhebungen der Farbe. Es fühlte sich falsch in dieser Welt an.

„Was ist denn.. Bramant?“

Er deutete auf ein größeres Objekt in der Mitte der Karte.

„Das ist die Hauptstadt von Gradorien. In Gradorien lebten sonst nur wir Menschen, weißt. du? Unser Land war groß und reich, bis vor einiger Zeit ein… neuer Herrscher auf den Thron kam.“

„Ich verstehe.“ Er nickte. „Bring bitte das Holz her.“

Sie bauten eine Feuerstelle auf, dann machte er mit dem Zauberkästchen Feuer. „Gib es zu, du bist doch ein Zauberer.“ Sie starrte ihn an. „Nein, Liara, das ist alles Menschenwerk. Das sind Dinge, die man lernen kann.“

„Darf ich…?“

Er schüttelte den Kopf. „Lass uns hier überleben und ich werde mich dir erkenntlich zeigen.“

„Wie?“ fragte Liara. „Du hast Dinge heute gesehen, die nicht sein können und eigentlich könnte ich dich töten, aber ich werde es nicht tun, Liara. So heißt du, glaube ich. Ich habe mich zurückgehalten. Es ist wichtig, dass du am Leben bleibst. Das klingt jetzt hart.“ Seine Stimme klang gepresst. „Aber ich finde keine anderen Worte dafür. Ich habe dich gerettet und du wolltest mich in die Sklaverei verkaufen. Ich komme… nur darauf zurück, weil… ich weiß. auch nicht.“ Er verstummte.

„Niemand hätte dich gesucht. Wenn du, Herr Namenlos, schon nicht weißt., wer du bist, dann vermutlich auch kein anderer. Schau dir deine Kleidung an, du gehörtest einfach nicht hierher. Ich habe..“ Sie stand auf, weg vom Feuer, ihr Rücken dem flackernden Licht zugewandt; sie hörte sich so leise an, dass das Knacken des brennenden Holzes sich in den Vordergrund schob. „… ich habe Angst vor dir. Und Vater meinte, dass es besser wäre, wenn du schnell.. fort wärst. Dann wäre ich außer Gefahr.“ Sie wandte sich wieder zu ihm um. Tränen hatten Spuren hinterlassen, ihre Wangen glänzten. „Ich freue mich dennoch, dass du geflohen bist. Ich habe dich verfolgt, weil ich ahnte…“ sie atmete schwer, „weil ich ahnte, da ist etwas an dir, Fremder, das wichtig ist. Sehr wichtig. Ich kann nicht einfach fernbleiben. Weißt du, ich habe davon geträumt, jemanden wie dich zu treffen, einen…“ sie zuckte, schüttelte den Kopf. „Nein. Lassen wir das.“

Er nickte. „Sicher.“ Seine Augen starrten weiter in die Flammen, als versuchten sie dem Flackern ein Geheimnis zu entlocken. Er war schwach. Er konnte niemanden beschützen, nicht heute Nacht. Er hoffte, dass die Gewissheit, hier sicher zu sein, gerechtfertigt war. Und dann schlug der Hunger zu, wie eine Faust in seine Magengrube. Er keuchte. Sie ging auf die Knie, hob ihren Blick in sein Gesicht. „Was ist?“

Er drehte sich um, betrachtete die kleinen Kisten und Dosen, die er aus den Verpackungen genommen hatte. „Diese…“ er deutete auf eine runde Dose. „..bring sie her. Bitte.“

Er packte das Kurzschwert und ließ es auf den metallenen Körper der Dose niedersausen. Dann besann er sich, sägte vorsichtig den Deckel ab. „Nichts verschütten. Wir haben nicht unendlich viel zu essen bei uns.“ Wieder eine Stimme aus seiner Vergangenheit, die er nicht zuordnen konnte.

Er stellte die offene Dose ins Feuer, betrachtete, wie sie zu brodeln begann.

„Koste mal, ob es gar ist.“

Liara nickte.

„Es ist… was ist das?“ fragte sie. Ihre Augen weiteten sich, „das ist wohl die Nahrung der Götter…“

Er konnte sein Grinsen nicht verbergen. „Ich weiß. nicht, was es ist. Aber wir beide werden es uns schmecken lassen.“ Sie aßen mit Appetit, Liara noch immer verwirrt ob des Geschmacks, den sie nicht kannte; er mit dem Wissen, dass es etwas aus seiner Vergangenheit war, die er versuchte, zu entdecken.

„Weißt du nun“, Liara redete mit offenem Mund, kaute auf einem Brocken eines weißen Materials, das sie verwirrt an Pilze und Fleisch erinnerte, „wer du bist?“

„Nein. Und das ist im Moment auch nicht wichtig, denn mein Name kommt wieder, so wie“ er hob seine Hand, das silberne Ding glitzerte, „ich weiß., dass das ein Feuerzeug ist. Aber.. du musst mir erklären, wo ich bin. Sag mir, wer die Herren in diesem Land sind und ich werde mich irgendwie entscheiden.“

Sie nickte, wischte sich die Reste von Essen aus den Mundwinkeln. „Wo soll ich denn anfangen…“ Sie verzog ihr Gesicht, dann nickte sie, ihre Augen auf das Feuer gerichtet.

„Wir nennen unsere Welt Premiar. So haben es die Alten, die Weisen genannt, weil unsere Welt die erste ist.“ Sie grinste. „Premiar, ja. Ich weiß. nicht, wie die Welt geformt ist, auch wenn die einen sagen, es wäre eine Kugel, andere sagen, es ist eine Fläche mit Ecken, von denen man hinunterfallen kann. Ich war nie an den Ecken und ich bin auch nicht um diese Welt herumgelaufen. Du bist in Forret gelandet, hier, wo große Wälder das Land beherrschen, im Wald von Askara, so heißt die Provinz, in der wir normalerweise leben. Es gibt so viele Provinzen, dass man sie gar nicht zählen will, aber es sind schon mehrere dutzend. Wer sich so etwas ausgedacht hat… jedes Land hat eigenes Geld und eigene Soldaten und wenn man nicht aufpasst, wird man von den einen Leuten gemocht und von den anderen gejagt und getötet oder landet in Gefangenschaft und Sklave des Fürsten, den man verärgert hat.“ Sie zuckte mit den Schultern.

„Und eure Hauptstadt?“

„Hauptstadt? Hmm…“ Liaras Augen schauten ins Leere. „Es gibt die große Stadt im Süden, Bramant. Das ist eine Ansammlung von Tempeln, Hurenhäusern, Kasernen; dort waren lange Zeit die Magier, bis sie sich entschieden, zu fliehen, weil die Menschen dort unten begannen, sie mit finsteren Augen anzusehen, wenn einmal wieder ein Monster in den Straßen auftauchte und Kinder erschreckte. Aber das ist lang her, das hat der Vater meines Vaters wohl als Kind gesehen. Ich weiß. es nicht selbst. Im Norden von Forret findest du, solltest du dich dorthin begeben wollen, die großen Klippen von Iskaya, die nur an wenigen Punkten unterbrochen werden, um einige Städte an den Rand des Meeres setzen zu können. Du musst dir das mal vorstellen. Riesige Felsen, gigantische Klauen, die hinauf ragen und zwischen diesen Krallen Städte mit tausenden Leuten, die nur davon leben, dass sie dem wilden Meer trotzen  und Schiffe hinaus schicken. Ich… war dort auch noch nie, aber es muss…“ sie schwieg. Er ahnte, dass sie damit etwas verbergen wollte, aber wusste nicht, was es war; atmete leise ein und aus, konzentrierte sich, den immer wiederkehrenden Schmerz in seiner Schulter zu ignorieren.

„Über dem Meer, das wir Iskayisches Meer nennen, wegen der Klippen“ sie lächelte „ fahren tausende von Schiffen hinaus. Weiter im Norden, hinter Tagen einer wilden Fahrt kommen wir ins Land der Barbaren, einem wilden Volk von Seefahrern, die sich dadurch hervortun, dass sie anderen Schiffen auflauern, sie überfallen und ausplündern. Sie sind die Skolden, so nennen sie sich selbst, weil das in ihrer Sprache Krieger heißt. Sie haben keinen Könige oder Fürsten, dafür sind sie zu eitel und zu kriegerisch. Narren, hätten sie einen König, könnte er sie vereinen und dann…“ Sie stoppte.

Still brannte das Feuer weiter. In der Luft lag der würzige Rauch verkohlten Essens aus dem metallenen Topf. Der Wind wiegte die Bäume in einer unwirklichen Art und Weise. Er wurde müde. Seine Schulter musste ruhiggestellt werden, für längere Zeit als er vorhatte, hierzubleiben. Sein Blick glitt über die Geschenke der unbekannten Macht aus den Folienbeuteln, blieb an einer winzigen Schachteln hängen. „Bitte, gib mir das.“ flüsterte er. Sie nickte, griff hinüber und reichte sie ihm. „Kein Wasser hier…“ einige wenige Tropfen in der Dose. Er holte eine Pille aus der Verpackung und schluckte sie hinunter. Er würgte. Sie löste sich schon in seinem Hals auf. Er atmete schwer und betrachtete stirnrunzelnd, wie das Pochen in seiner Schulter immer winziger wurde, ein Tropfen in einem Meer aus Watte, in den sich sein Körper verwandelte.

„Im Norden… hinter dem Meer, Skolden. Bramant. Die Stadt der Tempel und des Königs.“

Sie nickte, aufgeschreckt von seinen Worten. Sie starrte zu Boden. Mit dem Finger begann sie Linien in den Dreck zu zeichnen. „Im Norden, ja.“

„Und sonst?“

Sie blickte auf. „Warum willst du das wissen? Es ist gefährlich. Du bist gefährlich, also passt das natürlich zusammen.“ Sie kicherte, aber voller Unruhe, ein Kichern unter dem Galgen, so nannte man es, Galgenhumor. Wieder ein Wort, das ihm wieder einfiel.

„Im Süden… leben die Toten. Sie sind nicht wie unsere Toten. Wenn in Forret jemand stirbt, dann ist er wahrhaft tot. Aber sie…“ Ihre Mundwinkel zuckten, ihre Zähne knirschten leise. Dann richtete sie sich auf. „Sie nutzen eine verbotene Macht, sich am Leben zu erhalten. Seit Jahrhunderten existieren sie. Sie haben sich in Experimente gestürzt, die kein Lebewesen ertragen könnte. Doch… sie sind lebendig und doch… Sie erschaffen sich. Ich weiß. nicht. Ich habe von Dingen gehört, Geschichten, die mein Vater erzählt hat. Sie sollen eine Höhle haben, in denen sie sich erneuern müssen, sonst fallen sie auseinander.“ Wieder kicherte sie auf diese Art, die ihm Angst machte. Ein seltsamer Klang lag in der Luft. „Ich darf nicht zu viel davon reden. Hast du sie gesehen? Wo einige sind, sind noch mehr. Du hast sie durch deine Flucht aus der Höhle in Gefahr gebracht, einige sogar für längere Zeit aufgehalten… wobei… Gefahr.“ Sie schwieg. „Sie können nur durch Feuer sterben. Alles andere hält sie nur auf. Zerhacke sie, verteile ihre Körper über das Land und sie werden sich wieder zusammenfügen. Wirf sie ins Meer, lass sie von den Fischen fressen… es dauert nur länger, bis sie wieder eins sind. Sie sind wie Würmer, die sich auch dann vermehren, wenn man sie teilt. Nur Feuer… Feuer kann sie verbrennen und, so sagen es die Priester… erlösen. Was sie nun hier machen?“ Sie lachte. „Ich weiß. es nicht.  Man sagt, es wäre ein Fluch, wie sie zu werden, wenn man ihnen zu nahe kommt. Als würde der Staub, den sie berühren, sterben. Nein. Ich…. ich“

Sie schwieg wieder. „Sie müssen vom Meer her kommen. Niemand geht nach Bramant, außer er kommt über das Meer. Es ist eine unüberwindliche Mauer im Süden, Berge, die bis in den Himmel ragen. Es dauert für sie Monate, um darüberzukommen. Sie sind unaufhaltsam, aber sie sind langsam. So langsam, wie totes Fleisch, verfallende Knochen, von dunkler Macht zusammengehalten, eben braucht…“

„Aber das ist doch nicht möglich“, sagte er. Seine Augen hatten im Licht des flackernden Feuers eine dunkle Farbe angenommen, fand sie. Sie schaute ihn an. „Dort, wo ich lebe, ist das möglich.“
„Und… wie ist der Osten? Was ist dort?“

Sie lächelte. „Das ist einfach. Da ist nichts.“

Er biss sich auf die Zunge. Zorn strahlte in ihm auf.

„Nichts?“

„Nichts.“

„Also wenn ich mich jetzt aufmache und nach Osten gehe, dann werde ich an einem Punkt einfach so verschwinden?“ Seine Augen wurden zu Strichen, die Welt verschwand um ihn herum, verschwamm in einem Meer aus Flimmern aus Schwarz und Feuer.

„Wenn du… nach Osten gehst, hörst du auf, zu sein. Du bist einfach, du hast es schon gesagt, weg.“

„Ich will nicht…“

„Du verstehst es nicht, du bist neu hier.“ Liara nickte. „Es gibt eine Grenze im Osten, einen Punkt in der Landschaft, hinter der alles normal aussieht, aber das ist es nicht. Du siehst eine weite Ebene, flaches Land, du siehst aber nichts am Horizont, keine Berge, keine Bäume, nichts. Das Gras ist dort auch sehr schwach, als würde es etwas spüren. Je näher man kommt, desto weniger ist dort. Es ist dort, als würde die Melodie des Lebens langsam verhallen. Und dann… einen Schritt weiter ist man einfach verschwunden. Keine Explosion, kein Rauch, kein… einfach weg. Niemand weiß., was im Osten ist, weil da eben nichts ist.“

Er atmete schwer; dennoch, sie konnte recht haben, wenn er darüber nachdachte… aber er konnte…

„Und im Westen sind die Steppen, die großen Ebenen, da wohnen auch viele Menschen, sie reiten und kämpfen untereinander um die Vorherrschaft. Aber sonst… ich weiß. nicht. Es kommen öfter Wanderer, Reiter, Krieger aus diesem Land, aber der König hat keine Probleme mit ihnen. Wir als Volk auch nicht. Sie fürchten sich vor den Wäldern.“

„Und wenn du einmal eingedrungen in die düstere Nacht der Riesen um dich herum, dann wirst du schreiend nach der Freiheit rufen, die du aufgegeben hast, doch da ist niemand, der dich hört. Und dann wird die Welt dich vergessen.“

Liara blickte auf. Er winkte ab. „Nur ein altes Gedicht, das mir in den Sinn gekommen ist.“

„Dann kannst du dich doch erinnern?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Ich fühle nur Fetzen, Bilder in meinem Kopf, wie die Blitze in einem Gewitter, die kurz gewisse Gedanken beleuchten und dann wieder verschwinden.“

„Du brauchst einen Namen“ sagte sie entschlossen. „Wenn du hier überleben, nicht auffallen willst, brauchst du einen Namen und Kleidung, die dich nicht als Fremden auszeichnet. Dass du unsere Sprache kannst, ist ja schon ganz schön; aber dein Akzent und das, was du trägst, macht dich zu einem Spielball der Menschen, denen du begegnest. Denn du  hast eine Aufgabe.“

Er schaute von den Flammen auf. „Aufgabe? Ich weiß. nichts.“

„Du musst das Ovpar beschützen.“ sagte sie, „ Dein toter Freund“, sie deutete auf den schwarzen Gegenstand, der einige Meter entfernt lag, „hat es mir gesagt, kurz bevor er verstorben ist.“

„Das Ovpar? Was ist das?“

Sie gähnte. „Das sag ich dir, wenn die Sonne aufgegangen ist und ich geschlafen habe. Du brauchst auch Schlaf, Namenloser aus der fremden Welt.“

„Aber…“

„Was? Ich sehe, dass wir alle nur Menschen sind und du ein Mensch mit Zauberfähigkeiten. Das ist jedoch… wir müssen schlafen. Wirklich.“

Er nickte. „Du hast Recht.“ Er packte die Klingen, legte sie auf seine Beine. Sie schüttelte den Kopf. „Immer mit dem Schlimmsten rechnen…“

„Wenn ich morgen aufwache und wieder in einem Wagen liege, der mich in die Sklaverei verschleppen will, habe ich nicht genug aufgepasst.“

Sie schwieg. Leise brannte das Feuer herunter.

XII

„Er muss große Schmerzen gehabt haben“ sagte Professor Notna, während er stirnrunzelnd das Ende des Kampfes in der Arena betrachtet.

„Wir haben genug Schmerzmittel, um selbst dem Drachen zu helfen.“ Neru starrt ins Dunkel der Ecke, die sich über ihm auftut, wie immer, hier im Zwielicht der winzigen Lampen. „Er war geheilt. Er sollte entlassen werden.“

„Hat die Berührung mit dem Feuer des Wesens vielleicht etwas in ihm ausgelöst?“

„Danke für das Offensichtliche“ wollte Professor Notna sagen, aber ein Blick Nerus verhinderte dies. „Heute keinen Streit; diesen können Sie fortsetzen, sobald wir wieder in Sicherheit sind, hier oben.“ Diese Worte schwangen noch immer in der Luft wie schlecht gestimmte Saiten.

„Ja, wir glauben, dass er sich durch den Kontakt mit dem Feuer eine Art Geistesvirus eingefangen hat. Das klingt irgendwie komisch. Ich weiß. nicht… als hätte Magie angefangen, auf seine Psyche zu wirken.“

„Magie…hmm.“ Leutnant Sposka versucht, ihre Mundwinkel unten zu halten, aber die Lippen geschürzt, beginnt ein leises Kichern aus ihrem Mund zu dringen.

„Magie… ist… keine… Erfindung“ Professor Notna starrt sie an. „Der Unterschied ist, dass es kaum korrekte Unterlagen dazu gibt. Aber… woher sollte denn der Drache kommen? Wir haben es nicht geholt, es ist nicht in einer Art Transporter gelandet, der vom Himmel gefallen ist, um uns auszulöschen.“

„Aber Magie… Herr Professor, ich finde, dass Sie da etwas zu siegessicher sind. Magie ist Abrakadabra, sind Männer mit spitzen Hüten und Sternen auf ihren Mänteln, das sind…“

„Das sind Märchen, Leutnant. Das sind Märchen und keine Magie, Geschichten. Magie ist viel mehr als das, was man Ihnen erzählt. Jedenfalls forsche ich bereits seit Jahren damit. Es hat damit angefangen, dass…“

„Bitte, keine Diskussionen, zumindest nicht jetzt. Es wird bald Zeit, aufzubrechen, deshalb halten wir uns nicht mit metaphysischen Diskursen auf.“

„Boris und Pjotr sind ausgezeichnete Fährtenleser in der Dunkelheit, sie haben das von ihrem Vater geerbt, den es leider auch nach G13 verschlagen hat, wo er verschwunden ist. Auch deshalb sind sie dabei. Nur so, falls sie etwas fanatisch wirken sollten. Sonst, in Friedenszeiten sind sie friedlich…“

„Wenn gleich ein bisschen“ Notnas rotierender Finger wurde übersehen. Leutnant Sposka sprach weiter, nun etwas lauter.

„Wir bekommen genug Nahrungsmittel für 2 Wochen mit. Spezialpackungen. Wir lassen uns bis G10 fahren, weiter reichen die Fahrmöglichkeiten nicht. Ab dort wird zu Fuss weitergegangen. Den technischen Unterlagen zufolge befinden sich die Lastentransporter in ausreichend guter Verfassung, um…“

„uns nach unten zu transportieren und falls wir Glück haben, auch wieder hinauf. Ja, ich kenne das“ Salara hat ihre Gedanken mehr gezischt als ausgesprochen.

„Sie waren also unten. Schön. Und Sie haben überlebt. Mit jedem Menschen, der dies geschafft hat, steigen unsere Chancen dramatisch an, diese Sache zu überstehen und Ja-Lib herauszuholen.“

„Ja-Lib war allerdings nie dort, er hat sein Leben auf der Ebene G7 begonnen und hat sich durch seine Taten einen Platz ins G3 verdient. Ich weiss nicht, wie es in G1 oder G2 aussehen soll. G3 ist doch angenehm, oder?“

„Diese Diktatur der Ebenen ist doch Schwachsinn…“

„Professor, wir sind nicht hier, um politische Themen zu diskutieren“ Leutnant Sposka zerrte an ihrem Gürtel. Neru machte sich Sorgen, dass sie ihre Waffe ziehen und den Professor damit erschießen könnte, aber sie hatte sich mehr unter Kontrolle als andere. Neru wurde laut. „Genau. Danke Leutnant. Ich mache Sie noch einmal gerne über die Lage der bekannten G-Ebenen bekannt.“

Er griff in seine Tasche und holte ein rundes Objekt von der Größe einer Faust heraus. Er drückte auf mehrere Stellen gleichzeitig. Gleißendes Licht schoß heraus, bohrte sich in die dicke Luft, liess die Menschen in Schock zurückzucken.

„Das haben wir, Salara und ich, von G13 mitgebracht. Es ist ein sogenannter holografischer Projektor mit einer Energiequelle, die wir nicht haben erklären können. Wir haben uns entschieden, diese virtuelle Karte intakt zu lassen, weil es klar war, dass irgendjemand sich wieder in Gefahr begeben würde und wir es brauchen würden.“

Er klickte. Das Bild flackerte und veränderte sich. Strukturen wurden sichtbar, winzige schwebenden Objekte verklumpten sich zu Häusern und Straßen.

„Das ist Ebene G10, vor einigen Jahrhunderten vermutlich. Sie kennen das ja, was man nicht abreißt, verfällt hier unten auch nicht. Zumindest nicht so schnell. Wir werden hier, „ er griff in das Licht“ ankommen, diesen Weg nehmen, vorbei an den  Zisternen des Friedens, an der Kaserne und hier einige wenige Kilometer durch das Arbeiterviertel. Zumindest nannte man es so.“

„Früher. Herr Pasol, es ist doch bekannt, dass seit den Aufständen im Jahr 290 diese Gegend nicht wirklich sicher ist. Hier hausen Banden, die alles tun, um sich Objekte zu erschleichen, nein, zu erobern, die sie brauchen. Und die Kaserne, die ist ja wohl ein Witz. Dort lebt, soweit ich weiss, einer dieser kleinen Diktatoren, der…“

„Sie meinen Ursa Minor?“

„Der kleine Bär, ja. Ich verstehe nicht, wie man so naiv sein kann, zu versuchen, dort unten zu überleben, bei solchen Aussichten.“

„Sagen wir so…“ Neru lächtelte. „Was wäre, wenn Minor eine Marionette wäre für eine übergeordnete…“

„Wie meinen Sie das?“

Notna war aufgesprungen. „Meinen Sie, dass alle meine Versuche, nach G11 und darunter zu gelangen, nicht nur von einem winzigen Diktator beeinflusst wurde, sondern auch… von euch?“

Beschwichtigend hob Neru die Arme. „Verstehen Sie doch. Der Zugang zu G13 war so hart erkauft, sowohl finanziell als auch durch menschliche Verluste, dass man sich entschlossen hat, eine Art… wie nennt man das, Zerberus-Wächter zu installieren. Jemanden, der auf Lohn angewiesen ist, nicht nur durch das bisschen Macht da unten. Minor hat uns nie enttäuscht. Er mag zwar auf den ersten Blick ein Idiot sein, aber er ist unser Idiot.“

Sie schwiegen und von draußen klang der Lärm eiliger Schritte durch die Fenster herein. Als wäre ein Startschuss fällig gewesen, hämmerte  Professor Notna auf den Tisch. „So. Und? Wie geht’s weiter? Sollte dieser Arena-Kämpfer, dieses Drachenfutter, wirklich an diesem Minor vorbeigekommen sein…“

„Er ist es.“ Neru seufzte. „Wir haben erst vor kurzem die Information erhalten, dass Minor ein großer Fan dieser Veranstaltung ist und hat ihn freundlicher begrüßt als seine anderen Gäste, die meistens verprügelt und ausgeraubt werden. Ich habe ihn informiert, dass Ja-Lib fortgelaufen ist, zumindest inoffiziell. Er hatte ihn dann, nach einem Essen, in sein Zimmer bringen lassen, aber am nächsten Tag war er nicht mehr da. Ob er nun durch die Hilfe einer anderen Person weglaufen konnte oder ob Minor ein bisschen zicken wollte, wissen wir nicht. Minor spricht offiziell, so man dies offiziell nennen kann, von einem bedauerlichen Fehler.“

„Na super.“ Leutnant Sposka zischte mit der Gewalt eines Wasserwerfers. „Den Leuten da unten können Sie also auch nicht vertrauen.“

Neru zuckte mit den Schultern. „Vertrauen kann man den Leuten nicht, nur bezahlen, unterstützen, bis jemand kommt, mit dem man es leichter hat. Und dann gibt’s eine kleine Revolte und bald sitzt ein neuer Mensch auf dem Chefsessel. So einfach ist das. Minor weiss das. Vermutlich kann er sich nur nicht daran erinnern, wie er an die Macht gekommen ist.“

„G10 ist also durch. Wir fahren mit dem Transportmittel eine Ebene tiefer zu G11.“ Salara hob die Augenbraue und schaute in die Runde. „G11 ist bereits ein anderes Kaliber. Sie alle wissen, in den letzten Jahrhunderten haben sich die oberen Ebenen gesellschaftlich und technisch weiterentwickelt, während durch irgendeine Sache die unteren Ebenen nicht weiter benutzt wurden. G11 war ein Beispiel für den Aufbau einer Art Bauern-Ebene, wie soll ich das beschreiben. Man versuchte dort, laut unseren Erfahrungen, Nahrungsmittel nicht in Fabriken herzustellen, sondern direkt, durch eine Art Mutterboden und durch große Lampen, die eine Art Tag-Nacht-Zyklus erschaffen sollten. Man kann nur vermuten, dass die Ergebnisse nicht ausreichend waren, so dass man anfing, Züchtungen durchzuführen, die zum einen die Getreidesorten als auch die Nutztiere ergiebiger machen sollten. Tja, anscheinend sind die Experimente furchtbar schief gelaufen. Als unser kleines Team vor den langen Jahren dort unten war, sind gewisse Merkwürdigkeiten aufgetreten. Der Tag-Nacht-Rhythmus funktioniert noch immer, deshalb war es für uns einfacher, in der Dämmerung voranzukommen. Die Lichter zu Tageszeiten sind sehr hell, unglaublich hell und durch die künstlichen UV-Strahlen, die beigefügt wurden, um die Sonne in all ihrer Pracht zu simulieren, hatten wir mit Dingen wie leichten Hautverbrennungen und Schwindelgefühlen zu leben. Deshalb benötigte das Überqueren dieser Ebene auch eine Woche. Wir müssen natürlich auch sagen, dass wir Zeit hatten; ein Marsch wird uns in vermutlich 2 Tagen zum Transportmittel für G12 führen. Wenn wir nicht auf Mutationen treffen.

„Mutanten?“ fragte Notna. Salara nickte. „Vermutlich 200 Jahre an Sonneneinstrahlung, dazu die Experimente an Pflanze und Tier haben zu recht unschönen Ergebnissen geführt.“

„Wie meinen Sie das?“ fragte Leutnant Sposka.

„Da unten werden Sie Tiere sehen, die nicht existieren dürften. Wir vermuten eine rudimentäre Intellienz, Schwarmdenken für Wesen, die gar nicht in Schwärmen agieren dürften. Sie haben keine eigene Intelligenz, sondern eine Art Meta-Intelligenz, die ihre Gedanken so steuert, dass sie nicht allein unterwegs sind, niemals, sondern immer in Gruppen zu 10 oder mehr. Manchmal bekämpfen sich auch Gruppen. Nur deshalb haben wir dort unten beim letzten Mal überlebt: Wir waren eingekreist und plötzlich drehten die Schweinoden, so nennen wir die Nachkommen der mutierten Schweinen mittlerweile, vollkommen durch und rannten in alle Richtungen davon. Wir haben uns dann verzogen, sind schnell weitergezogen, denn im Hintergrund hörten wir die Schreie der Wesen, die uns vor Sekunden noch hatten töten und fressen wollen. Rinoden, die Nachkommen von Rindern hatten wir noch gesehen; falls Sie schonmal ein normales Rind gesehen haben, deren jetzige Schulterhöhe da unten liegt bei ca. 2,30m-2,50m. Wir haben auch festgestellt, dass die Tiere meistens zu Fleischfressern geworden sind. Nur wenige Wesen überstehen den Kontakt mit den Pflanzen. Durch die Menge an Strahlung, die um ein Vielfaches größer ist als jene, welche die Sonne bieten soll, damals, als wir noch draußen leben durften… jedenfalls gibt es dort nicht nur Pflanzen, die durch Pollen oder Kontakt Verbrennungen oder Vergiftungen erzeugen können, nein, sie haben sich an das karnoviere Verhalten aller Spezies da unten angenommen und das heisst: komm ihnen zu nah und sie verdauen dich lebendig.“

Leutnant Sposka schüttelte den Kopf. „Sie führen uns in die Hölle, ist es nicht so?“

Neru nickte. „Ja. Und das ist erst G11. Wir haben G10 noch in Benutzung, weil wir wissen, dass Dinge, die von unten kommen, weiter oben nicht überleben dürfen. Jede unserer Marionetten auf G10 war direkt darauf geeicht, jede Form von Übernahmeversuch aus den tieferen Ebenen zu melden und zu bekämpfen. Das Schwarmverhalten der Tiere da unten ist nur auf Jagen, Töten und Fressen ausgelegt. Aber wir können die Zukunft nicht vorhersehen. Vielleicht suchen sie irgendwann einmal den Feind, das neue Futter, bei uns.“ Er grinste. Leutnant Sposkas Gesicht glich einer Wand aus Feuer. „Das ist ein bisschen mehr, als ich wissen wollte. Nun gut…“ Sie atmete schwer. Die beiden anderen Soldaten starrten sich an und nickte. „Alles, was man töten kann, werden wir töten.“

„Sollten wir Ja-Lib vorher finden, werden wir natürlich umkehren, mit ihm. Oder mit seiner Leiche. Da er den direkten Weg nach G13 sucht, glauben wir, dass auch er seine Zeit nicht in den oberen Ebenen verschwendet. G11 bietet dem geneigten Bewohner, so er vor 200 Jahren dort gelebt hat, eine hübsche Landschaft mit Bergen an den Seiten. Sie wissen schon: ein Mensch lebt untern,“ Salara blickte sich um, „ständig umgeben vom Druck von Mauern, Stahl und hunderte Meter Stein über ihm. Deshalb ist der Übergang zu G12 in einer Art Höhle. Zumindest wurde der Transporter in virtuell hübschen Stein eingebaut, umgeben von Tropfsteinen und so weiter. Falls dort Tiere leben, müssen wir sie alle ausschalten.“

„Also töten. Und was gibt Ihnen das Recht…“

„Professor Notna, das Überleben-Wollen gibt mir immer Recht.“

Leutnant Sposka starrte den Professor an. Er wich ihrem Blick aus, zuckte mit den Schultern. „War nur eine metaphysische Frage… wir haben immer Zeit für grundsätzliche Fragen. In G12 sollen die Maschinen stehen… nur deshalb bin ich bereit, mich in Gefahr zu begeben.“

Salara nickte. „Aber es lohnt sich.“

„Das Bild sieht schön aus, aber es ist gefährlich“, sagte Leutnant Sposka, ihrer Rolle als Frau plötzlich bewusst. „Ja,  das sage ich auch immer“ Salara lächelte. „Das hier ist G12. G12 wurde früher als G11 verlassen. Warum, was wurde uns klar, als wir G11 überlebt hatten, zumindest die meisten von uns; einige Leute hatten Biss-Spuren von Schweinoden und Lichtverbrennungen, leider gab es einen Toten.“

„Leutnant Makers“ Sposka blickte auf. „Sie…“ Der Leutnant nickte. „Er war in meiner Einheit… ich war noch neu, kein Leutnant wie jetzt. Wir kannten uns… ich habe erst gelesen, dass er auf ihrer Expedition mitgewesen war, als Sie zurückkamen und Ihre Informationen sofort unter Verschluss waren. Jedenfalls, sprechen Sie bitte weiter…“

Salara nickte.

„Die Fahrt von G11 auf G12 dauert ca. 12 Stunden. Sie ist die letzte Möglichkeit, sich wirklich auszuruhen. G12 ist ein anderes Kaliber als alles, was darüber liegt. Während auf G11 die Gegner noch irgendwie sichtbar und angreifbar sind…“ sie stoppte. Der Raum lag in tiefem Schweigen. Neru räusperte sich „G12 ist gefährlich. Richtig gemeingefährlich. Es ist so gefährlich, dass, wenn wir dort sind, die Möglichkeit von Schlaf und Erholung extrem eingeschränkt ist, dass ein falscher Weg bereits den Tod bedeutet.“

Er klickte und das Hologramm wechselte die Farbe; Linien bildeten sich, flimmerten im fahlen Licht einer allumfassenden Dämmerung. Sie starten auf das Bild.

„Das ist G12 und es ist genauso gefährlich, wie es aussieht.“ Er hörte förmlich, wie die Leute um ihn herum den Atem anhielten. Zorn wallte in ihm auf, als er sich erinnerte, wie fröhlich alle damals gewesen sein mussten; in einer Zeit, die keinen echten Schrecken mehr kannte, außer den Drachen, irgendwo da draußen.

„G12 kennen die Leute nur, weil sie von ihren Eltern die Geschichten beigebracht bekommen haben, Gruselgeschichten in der Schule, Alpträume, Filme für junge Erwachsene. Sie wissen, dass es existiert, aber was dort unten lauert, lauert bei ihnen nur im Unterbewusstsein… G13 ist noch tiefer, das kennen nur eingeweihte Menschen und Computer. Ich bin der Meinung, da… ich weiss nicht… man darf es nicht wissen.

G12 war die Industrieanlage, die Maschinen für uns hier oben lieferte, während des ersten Aufbaus… nach dem Untergang… nach dem Verlust unserer Welt da oben. Sie bestand zum großen Teil aus Menschenwerk, wurde jedoch nach vermutlich einem Jahrhundert von den Maschinen übernommen. Oder freiwillig übergeben. Wir wissen nichts wirklich, jedenfalls produzieren die Maschinen weiter, wir mischen uns nicht in ihre Angelegenheiten ein, eine Art Friedensabkommen… eine Win-Win-Situation. Deshalb mögen sie es nicht, wenn wir zu ihnen kommen… oder versuchen, sie zu überwältigen. Es gibt immer einige Leute, die G11 überleben und in G12 verschwinden. Religiöse Fanatiker, die ihre Gottheit in der Tiefe suchen…“

„Wie meinen?“

Leutnant Sposka zischte zusammengebissene Laute aus ihrem Mund. Neru blickte auf. Notna grinste. „Haben wir etwa eine wunde Stelle erwischt? Religiöse Fanatiker, die in den Maschinen oder noch weiter unten eine Lösung suchen, eine Art Erlösung von dem da oben?“

Sposka spuckte aus. „Ihr technokratisches Geseier kotzt mich an.“ Sie blickte sich um „Muss der wirklich mit?“ Notna lächelte. „Ich werde mich gerne zurückhalten, wenn Sie sich aufregen. Oder auch nicht. Es liegt ganz in meinem Ermessen.“

Die beiden anderen Soldaten sagten nichts, starrten betroffen zu Boden. Schamesröte stieg in Sposkas Gesicht auf. Neru kratzte sich die wenigen Haare auf seinem Kinn. „Leutnant, wir wissen, wieso Sie sich so aufregen. Seien Sie sich sicher, alles wird sich aufklären.“

„Notna, lassen Sie die Kommentare, wir werden hier alle gebraucht und das ist kein Witz. Wir sind wenige und haben eine große Aufgabe, schauen Sie…“

Gewaltige Linien zogen sich durch die Luft, verschwammen im dumpfen Hagel der Staubflocken dieses Raums.

„Diese Ebene ist mehrere Kilometer hoch, bevölkert von Maschinen, die uns zwar nicht unbedingt töten wollen, aber auch Selbstschutz praktizieren. Sie können riesig sein, wie hier, „Neru deutete auf ein Rechteck, das sich rot vom Hintergrund abhob, „Ist eine einzelne Maschine. Kann sich bewegen. Uns zertreten wie Maden. Oder andere Maschinen dazu bringen, uns zu töten… jedenfalls müssen wir dort unten vorsichtig sein. Das Problem sind schlimmer mit… den kleinen Maschinen, gefährlich… Schwarmwesen. Wir haben einige Leute verloren… wichtige Leute. Sie wurden…“

Neru schwieg, schüttelte den Kopf. „Es ist gefährlich da unten.“

„Und weiter unten?“

Einer der Zwillinge, Neru konnte sich nicht erinnern, wer auf welchen Namen hörte, hatte gefragt.

„Da unten wurden Experimente durchgeführt. Ob sie gut oder böse waren… die Ergebnisse sind verschollen, aber… die Menschen brauchen eine Art Erlöserfigur, eine Art Himmel und dort unten sollen die Dinge sein, die uns retten können. Dort unten sollte ein Computer leben, der die Macht hat, uns zu befreien, oder irgendsowas.. wir waren unten… sind nicht weit gekommen. Konnten uns mit Mühe zurückschlagen. Verletzt, fast tot… Nur Salara und ich.“

Salara starrte ins Licht. „Ja… fast tot.“

Neru hob seine Hände, um ihr sanft auf die Schulter zu schlagen, aber ihr Blick hilet ihn davon ab. Er kannte ihre aktuelle Stimmung: mörderisch mit Hang zur totalen Vernichtung.

„Sollte man also G12 überleben… irgendwie, wenn man nicht in den Recycling-Anlagen der Maschinen landet, was passiert, wenn man stirbt…“

„Es gibt einen geheimen Weg nach G13. Dieser ist aber geschlossen worden, durch uns selbst, damals, als wir die Flucht angetreten sind. Es war ein Einwegticket, das wir gelöst hatten.“

„Die Frage lautet doch“, Professor Notna, kratzte sich am Hals, „Wieso Sie noch leben. Sie beide. Ich meine, es ist einfach sehr schwer denkbar, dass 2 Menschen, die ihr komplettes restliches Team verloren haben… die durch Ebenen von Tod und Verdammnis gewandert sind, am Ende dort landen, wo sie hinwollten und dann… wie soll ich sagen, wieder hier herkommen.“

Stille, erneut diese magisch-dumpfe Stille, die alle Gefühle in sich selbst verlaufen lässt, wie dieser Käseersatz, den man bekommen konnte.

„Es… ist schwer…. wir können uns tatsächlich kaum noch erinnern, wie wir es geschafft haben, herzukommen.“

Niemand antwortete.

„Wir sollten losmachen. Je länger wir hier rumstehen, desto…“

„Ja. Wir fahren nun zur Kaserne. Dort holen wir Waffen und Ausrüstung. Ich hoffe, wir alle haben letzte Nacht gut geschlafen. Es wird ein sehr langer Tag werden.“

„Gut. Nur noch eine Sache… glaubt ihr wirklich, dass Ja-Lib den Weg nach  unten überlebt hat? Wir sind zu sechst und unsere Chancen sind schon sehr schlecht. Wie kann ein einzelner Mann…“

„Frau Leutnant… Sie kennen Ja-Lib aus dem Fernsehen oder sie waren schon einmal in der Arena?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Aber ich weiss…“

„Ja-Lib kämpfte mehrfach gegen den Drachen. Er war immer sehr erfolgreich… konnte, wie auch immer, das Tier, das Wesen, nicht besiegen, aber… verletzen. Allein die Möglichkeit, dass er der große Meister ist, von dem die Alten gesungen haben, ein Mensch, der die Fähigkeit hat, dieses extradimensionale Ding, das hier unten haust, zu bekämpfen, zu verletzen, vielleicht zu töten, das macht ihn zu etwas besonderem. Haben Sie letzte Woche Buterman gesehen? Er war der Ersatz für Ja-Lib… und er war erfolglos. Nur mit größter Mühe war es möglich, ihn zu retten, aber er wird nicht mehr kämpfen können. Vermutlich wird er den Rest seines Lebens damit verbringen, am Schreibtisch zu sitzen und Dinge zu unterschreiben… Wenn er körperlich wieder voll genesen ist, dann ist der Geist das Problem. Der Geist, wie bei Ja-Lib, der verbrannt wurde, ist geschädigt, aber mit genug Möglichkeiten können wir ihn retten. Er ist einfach gegangen, weil er einen tieferen Sinn in seinem Kampf erkannt hat und weil das Feuer, das ihn verletzt hat, ihn verändert hat.“

„Gut, noch einige Worte, die wir loswerden, bevor wir uns auf den Weg machen?“

„Ja… ich.“

Professor Notna hatte sich in der Zeit, in der Salara gesprochen hatte, von der Gruppe entfernt. Er wirbelte in eine Ecke, es rumpelte, quiekte, dann kam er wieder herein, in seinen Händen der grau-blaue Anzug eines Technikers, der versuchte, strampelnd seinen Körper zu befreien. Notna warf ihn zu Boden. Salara blickte Neru an „Ich sagte dir schon einmal, der Professor ist kein Schreibtischhengst, wie man früher sagte. Er kann auch…“ sie deutete auf die wimmernde Beute „handgreiflich werden.“

Man trat näher. „Sie sind es?“ fragte Neru. „Du kennst ihn?“

Er nickte. „Ich bin ihm gestern begegnet. In einem dieser Restaurants, wo er sich mit seinen Freunden über die Wetten in der Arena amüsiert hat. Ihm schien es nichts auszumachen, etwas Geld zu verdienen, in dem er sich über Gesetze hinwegsetzte… er wettet auf den Drachen.“

Starre Blicke kreuzten sich, bohrten sich in den Übeltäter. „Hey, ich…“ er schwieg.

„Jamses ist sein Name und wenn er nicht unter Freunden ist, dann ist er sehr kleinlaut… wie mir scheint, ein klassischer Fall von großen Mundwerk…“ Nerus Gesicht schien eingeschlafen zu sein. Er räusperte sich. „Was machst du hier, Techniker?“

„Ich…“ Seine Schultern sanken zusammen. „Ich… wollte mich rächen. Sie haben mich vor meinen Freunden lächerlich gemacht. Ich wollte mich rächen, ja.“

„Und wie? Mit einem Zollstock in einer dunklen Gasse auflauern und niederschlagen?“

„So…“ er zuckte „so etwas in der Art.“

„Grandios… Was tun mir nun mit einem solchen… Menschen?“

Sposka trat vor.

„Wir sollten ihn in ein Gefängnis werfen und den Schlüssel in G13 vergessen.“

Jamses kreischte auf.

„Leutnant, eine gute Idee. Aber dann wird man ihn dennoch finden. Irgendwann…. wir sollten uns etwas anderes überlegen. Ihn dem Drachen zum Frass vorwerfen…“

„Nein!!!“ Jamses zuckte. „Ich… kann Ihnen helfen. Ich…. habe Ahnung von Technik. Ich könnte Ihnen helfen. Wenn Sie da runter gehen… könnte ich…“

Sie schwiegen.

„Ist das eine Idee?“ fragte Salara Neru. Er schaute sich in der Runde um, betrachtete die zusammengekniffenen Augen seiner baldigen Gefährten in den Abgrund der Hölle, den sie nicht kannten. Außer Salara, aber… sie war härter als so mancher Mann, der ihm je begegnet war.

„Und dabei… könnte er uns wirklich nützlich sein…“

„Er wird uns verraten, wenn wir ihn hier lassen und er ist eher unser Kriegsgefangener als ein offiziell zu verurteilendes Mitglied der normalen Menschheit da draußen. Wir glücklichen wenigen… wir werden Dinge erleben, die andere Leute nicht in ihren Träumen durchleben wollen.“ Professor Notna liess Jamses fallen. Er schlug hart auf, keuchte, wimmerte. „Kommen Sie mit, Sie Feigling, machen wir einen Mann aus Ihnen…“

XIII

Brüllend brach die Gruppe von Snalus durch das Gebüsch und stoppte verwirrt. Gerüche hatten die Existenz von Nahrung, von Fleisch angezeigt, doch nun, da sie hier waren, wo auch immer das war, waren sie verschwunden. Nur Asche, so weit ihre Sinne reichten. Die Luft war gesättigt vom Tod.

Langsam zogen sie sich zurück, schweigend wie immer. Nur ihre Gedanken blieben bei diesem Ort.

Er erwachte, schaute sich um. Dieser Ort, so merkwürdig vertraut und doch so fremd, es konnte nicht sein. Sein Mund war trocken wie der Staub um ihn herum; grau lagen die Flocken auf seinem Gesicht. Er wischte mit seiner Hand den Dreck von seinen Augen und konnte endlich klar sehen.

„Snalus. Sie waren hier.“ Liara hatte einen Gesichtsausdruck, als wäre sie dem Tod gerade von der Schippe gesprungen. Er schüttelte verwirrt den Kopf. „Ja? Komisch.“ Er schaute sich um. Fussabdrücke auf dem verbrannten Boden vor ihm und sonst nichts. „Sie haben uns einfach übersehen oder… ich weiss nicht, sie waren plötzlich hier, schreiend und laut und dann haben sie sich einfach umgedreht und sind weggegangen.“

„Ein Traum, Liara?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ganz sicher nicht.“ Sie flüsterte. Langsam begann, irgendwo hinter dem Bäumen, ein neuer Tag. Die Dämmerung legte sich über den Wald, der  anfing, zu erwachen. „Was tun wir?“ fragte sie. Er hob seinen Arm. Noch immer pochte dieser, aber nicht mehr so schmerzhaft. Die Mittel, was auch immer er genommen hatte, die nicht von dieser Welt gewesen waren; sie hatten ihn ein Stück weiter in Richtung seiner vollständigen Genesung geführt.

„Wir müssen zum Ovpar. Ich weiss, es ist… gefährlich. Aber irgendwas ist mit diesem Ding, dass wir es  uns anschauen müssen.“

„Ovpar… wir müssen in einen Tempel. Die Priester wissen, wo wir es finden. Ich selbst habe es noch nicht gesehen. Gefährlich…“ sie starrte zu Boden. „Du bist gefährlich. Der Wald ist gefährlich. Ob die Reise zu einem Gegenstand gefährlich ist, das weiss nicht nicht. Kannst du gehen?“

Er nickte. Vorsichtig drehte er sich zur Seite, zog seine Beine an und drückte mit dem unverletzten Arm aufwärts.

„Diese Dinge, die in diesen magischen Säcken sind… die nehmen wir doch mit…?“

Er lächelte. „Eigentlich nicht. Aber…“

„aber wir brauchen Geld. Wir brauchen etwas zu Essen, wir brauchen Kleidung für dich. Du fällst hier auf. Du bist bleicher als die anderen, du trägst Dinge, die keiner tragen würde, du bist ein Fremdling und die werden in diesen Zeiten sehr ungern gesehen.“

Schweigend packten sie alles ein, was sie tragen konnten. Liara hatte eine Idee, die er kopfschüttelnd akzeptieren musste. „Tote brauchen keine Kleidung.“ und so stampfen sie, wenige Minuten später, mit einem blutbefleckten Sack aus verknoteter Kleidung fort von diesem Platz. Er drehte sich noch einmal um. „Danke Freund, wer auch immer du gewesen bist.“ Er rieb sich die Schulter.

„Was wird hier wohl geschehen?“ fragte Liara. Er schüttelte den Kopf. „Ich weiss nicht. Mit genug Glück wird in einigen Jahrzehnten jemand diese Stätte finden und eine göttliche Anwesenheit vermuten und einen Tempel bauen.“

Sie nickte. „Ich war auch schon fast daran zu denken, dass hier etwas Großes geschehen ist.“

„Alles, was wir nicht verstehen… ist größer als wir.“

Sie half ihm, den Beutel auf seinen Rücken zu binden. Er nahm dankbar an. Dennoch, das ungute Gefühl blieb, sie hatte ihn schon einmal verraten.

Sie wusste, was er dachte. „Würde ich den Fehler noch einmal machen, hättest du jedes Recht der Welt, mich zu jagen und zu töten. Ich… ich weiss, wie mächtig du bist.“ Er schüttelte den Kopf. „Und doch so unwissend.“

„Nur weil du keinen Namen hast.“ Sie versuchte zu scherzen, merkte aber, dass er sich peinlich berührt fühlen musste; seine Augen starrten ins Leere.

„Du hast die Wahl, Namenloser. Du hast Männer getötet, als du geflohen bist. Nimm einen ihrer Namen und ehre sie. Sie hatten keine Familie, so weit ich weiss.“

Er nickte. „Wie hießen sie?“

„Joras hieß der eine. Er war ein mächtiger Krieger gewesen, aber hatte sein späteres Leben nicht mehr auf die Reihe bekommen. Der Wein und seine Vorliebe für leichte… Frauen haben es geschafft, die letzten Kräfte seines Körpers zu vernichten. Und dann kamst du und hast seine Seele nach Navogard geschickt.“

„Navo…?“

Sie lächelte. „Eine Art magisches Leben nach dem Tode für die Skeld. Du weisst schon…“ er schüttelte den Kopf, sie atmete schwer. „… Tafeln mit den großen Göttern, Kampfspiele, hunderte junge Frauen…“

Sie wurde rot. Er fühlte sich unwohl. „Und der andere?“

„Ein Bursche namens Seramus. Hatte sein Leben noch vor sich, wenn man denkt, man hat es vor sich, meine ich. Er war ein Gelehrter gewesen, hatte an der Akademie in Bramant zu studiert, aber es war ihm zu langweilig gewesen und er wollte die Welt sehen. Er war kein schlechter Mensch, aber..“

„Er war kein Krieger…“

Sie nickte. „Ich mochte ihn. Er war klug. Er hat sich die falsche Art ausgesucht, die Welt zu erleben. Erst in einem dieser Türme sitzen, in denen man lernt und dann sich den doch gefährlichen Platz in einer… Sklavenkarawane sichern. Und durch die Wälder fahren und bei einem Fluchtversuch eines offenkundig leicht zu meisternden Gefangenen sterben.“

„Ich nenne mir Seramus.“

Liara grinste. „Ich wusste, dass du das sagst. Du siehst nicht aus wie ein alter Krieger, auf den Loblieder gesungen werden. Ich schlage vor, wir gehen vorsichtig in Richtung des Wagens und schauen nach, ob die Wache, die ich zurückgelassen habe, noch lebt oder, ob sie Klugheit bewiesen hat, und geflohen ist.“

„Gut.“ Er stampfte los, Liara hinter sich lassend. Als er die Grenze in den Wald übertrat, drehte er sich noch einmal um. „Danke, Freund.“ Dann wandte er sich wieder dem Grün zu, das ihm zeigte, dass der Weg zur Lichtung noch lang genug war, um gefährlich zu sein.

Mit der Zeit begann, seine Schulter wieder zu schmerzen. Er versuchte, dies zu unterdrücken, aber irgendwann wurde es zu viel.

„Einen Augenblick.“ Er atmete schwer.

„Die Wunde?“ fragte Liara. Er lächelte. „Ja. Das Fleisch ist schwach und der Geist leidet genauso.“

Liara lachte hell auf, das erste Mal, seit er auf dieser Welt war.

„Das hätte Seramus nicht besser sagen können. Er war auch einer dieser Sprücheklopfer.“

„Ich muss mich an meine neue Rolle gewöhnen.“ Er griff in seine Tasche und holte die kleine Box hervor. Vorsichtig schüttete er eine Pille in seine Hand und schluckte sie. „Aaaah, ich weiss… dieses Mittel sollte man mit Wasser zusammen einnehmen…“ er würgte. „Zumindest eine Erinnerung…“

Irgendwann, nach gefühlten Stunden eines aufmerksamen Marsches, immer bedrückt von den Gedanken an einen Tod, den eigenen und auch den seiner Bekannten, begann Seramus endlich eine Lücke in den Bäumen zu sehen. Er lächelte. Liara sah es. „Du lächelst. Du bist also doch ein Mensch.“ Seramus schaute sich um. „Ich bin ein Mensch, ja. Aber ich weiss noch immer nicht, was ich sonst noch bin.“ Sie berührte seinen Arm. „Aber du wirst.“

Er griff an seinen Gürtel und befühlte die beiden Klingen, die er mitgebracht hatte, dachte an den Toten, der da hinten, auf dem harten, verbrannten Boden lag und sprach ein kurzes Gebet an irgendeine Macht, an die er wohl geglaubt haben musste, bevor er hier aufgewacht war.

„Du denkst an ihn, was?“ Liara sprach ihn wieder an. „Ja, ich fühle mich schuldig.“

„Wieso? Weil du ihn getötet hast? Weil er mit dir kämpfen musste und verloren hat? Ich verstehe dich nicht…. Seramus. Ich meine, das ist eine harte Welt, wo die Starken überleben und die Leute, die einen Krieger herausfordern, sterben, wenn sie nicht besser sind als ein Mann, der mit Waffen umzugehen weiss.“

Er zuckte mit den Schultern. „Es ist nicht recht und ich bin nicht wirklich geeignet, um das Ovpar… zu schützen.“

„Du hast mehr Leute getötet als jeder den ich kenne. Bis auf die Skelden, die ein kriegerisches Volk sind und die Toten, die jedes Leben hassen… der Tod hier fast überall. Deshalb…“ sie blickte sich um, „deshalb müssen wir hier schnell raus. Die Snalus sind unterwegs.“ Er beschleunigte seinen Schritt. Kratzen und Schleifen in den Büschen, ein Stampen weit in der Ferne, als würden Trommeln geschlagen, die keine andere Aufgabe haben „Sie kommen. Laufen wir.“ Sie rannte los, er hinterher. Seine Lunge schmerzte von der ungewöhnlichen Belastung, er kannte sie nicht, aber sie fühlte sich so an, als wäre er in den letzten Tagen nur durch die Welt gelaufen, auf der Flucht vor etwas. Er fühlte, wie sich sein Magen zusammenzog, wie er sich verkrampfte und dann, als wäre ein eisernes Band in seinem Körper gerissen, brach all die Kraft heraus, die er noch hatte. Dort, nur einige hundert Schritte weiter, war die Lichtung, ein Platz, an dem die sicherer Rettung lag. Das Trampeln hinter ihm wurde immer schlimmer. Er beschleunigte weiter. Liara war bereits aus dem Wald gelaufen, schnell wie ein junges Reh hatte sie ihn einfach stehen lassen können.

Und draußen. Er versuchte, sich nicht umzudrehen, dennoch musste er seinen Kopf zum Boden neigen, weil das Licht, so hell wie es ihm direkt in die Augen schien, so grell war, das er fühlte, es würde direkt durch seine Augen in seinen Kopf scheinen. „Sonne.“ Die Bilder verschwammen vor ihm und er musste sich beherrschen, nicht stehenzubleiben und den Schock erst einmal zu überwinden. Noch immer waren da diese Schritte und er dachte mit Schrecken an die Snalus und woher sie wohl gekommen sein mussten, wie sie überhaupt überleben konnten ohne Augen und Ohren, nur mit Hilfe ihrer Nasen und der Fähigkeit, ihre gegenseitigen Gedanken zu lesen.

„Komm, du Schlafmütze. Willst du gefressen werden?“
Liara, nur noch eine Fingerbreit groß, weiter hinten auf der Straße. Eine Straße, Menschen. Er versuchte zu lächeln.
Pfeile bohrten sich durch die Luft, sausten surrend an ihm vorbei, schlugen ein. Dumpf krachten die Körper seine Verfolger auf den Boden. Er rannte weiter, durch den Hagel der Geschosse, in Richtung Liaras. Sie hob die Hände. „Bleib stehen. Es ist in Ordnung.“

Er stoppte. Verwirrt drehte er sich um. Da lagen nur noch 4 Leichen am Boden.

„Ich kenne diese Leute. Komm mir.“ Er starrte sie verwirrt an. Sie kam zu ihm herüber. „Keine Sorge, diesmal wird dir nichts geschehen.“

Er nickte.

„Liara, seid ihr das?“ Die Stimme war markant, hatte einen metallischen Unterton.

„Sir Randor, es ist mir ein Vergnügen, euch und eure Männer zu sehen.“

„Was macht ihr denn in solchen Tagen in den Tiefen des Waldes?“

Sie schwieg. Seramus begann, seine Arme zu senken, fühlte den Griff der Klingen.

„Wir waren auf der Jagd nach einem geflohenen Sklaven, ein gefährlicher Mann. Weiter hinten im Wald konnten wir ihn stellen, er griff mich an und Seramus musste ihn töten.“ Sie schüttelte den Kopf. „Dann kamen die Snalus und ihr und ich muss mich bei euch bedanken, dass Ihr eure überragende Treffsicherheit einem so noblen Ziel geopfert habt, uns zu retten.“

„Retten? Nun gut, ich bin dankbar, dass Ihr nicht in die Flugbahn meiner Pfeile gekommen seid.“ Die Gruppe lachte, Liara ebenso. „Sir Randor, es lässt sich doch eher eurer grandiosen Kunst des Bogenschießens zu verdanken, als dem Glück. Wir haben einige Männer verloren und versuchen nun, uns zu dem Wagen durchzuschlagen, der von unserer kleinen Karawane getrennt wurde. Würdet ihr…“

„Keinesfalls. Meine Männer und ich sind auf einer heiligen Mission und eine Ablenkung, bis auf das hier, was unsere Pflicht ist, ist keinesfalls notwendig.“

Seramus blickte auf. Dumpf glitzerndes Metall überzog den Körper des Mannes, den Liara als Sir bezeichnet hatte. Diese Rüstung musste gut und gerne soviel wiegen wie der Mann selbst, den man vermutlich schon vor Tagen hineingepresst hatte. Seine Männer waren nicht so gut geschützt, doch trugen sie Lederrüstungen, mit Eisen verstärkt, Helme mit farbenprächtigen Symbolen und Waffen, deren genaue Kenntnis Seramus noch immer versagt blieb. Es waren ein Dutzend Reiter und dahinter noch mehrere Wägen mit Menschen und allerlei notwendigen Dingen; er sah Stoffbahnen, die vermutlich Zelte sein sollten; er sah Töpfe und Kleinwerk, es erinnerte ihn an den Begriff „Kreuzzug“, aber dies war zu klein und außerdem…

„Mein Herr, Euer Marsch… wohin führt dieser, wenn ich mich erdreisten darf, zu fragen.“

Sir Randor hob seine Augenbrauen unter dem aufgeklappten Visir. „Ich und meine Männer sind auf dem Weg nach Bramant. Das Ovpar muss geschützt werden auf seinem Weg in die Hauptstadt. Wisst ihr nicht, dass rebellische Bauern versucht haben, dieses Objekt zu stehlen?“

Seramus schüttelte den Kopf. „Verzeiht, Sir Randor, ich war zu lang… mit meinen Büchern beschäftigt.“

„Dann tut etwas und schließt euch uns an. Ich sehe, Ihr seid verletzt, aber ich sehe auch, dass ihr zwei Klingen führt. Dies lässt mich vermuten, dass ihr damit kämpfen könnt. Das Ovpar zu schützen, ist eine heilige Aufgabe für alle von uns.“

Er drehte sich um. „Wie geht es eurem Vater, Liara?“

Sie lächelte, während sie sich auf ein Pferd schwang, das man für sie bereitgestellt hatte. „Er ist beschäftigt, Sir, wie immer. In solchen Zeiten hat er noch mehr zu tun als sonst.

„Und?“

„Und was?“

„Und euer Freund hier, er sieht krank aus. Ihr seid unterwegs mit einem kranken Mann, mitten im Wald und versucht, unauffällig zu wirken?“

Sie stockte in der Bewegung. Seramus konnte ein feines Lächeln im Mundwinkel von Sir Randor erkennen. Ertappt.

Sie setzte sich auf den Sattel, dann gab sie dem Pferd die Sporen und kam nah herangeritten.

„Ihr möchtet doch nicht ausdrücken, dass ich euch anlüge, Sir Randor?“

Er hob die Arme. „Nein, natürlich nicht. Aber Ihr und Euer Vater, ihr wart doch immer ein Herz und eine Seele. Es ist mir nicht geheuer, euch hier zu sehen.“

„Lasst meinen Vater aus dem Spiel. Es gab…“ Sie verzog ihr Gesicht. „Es gab Schwierigkeiten.  Ich möchte nicht darüber reden.“

Er verstand. „Gut. Kann euer Freund reiten? Oder hat er die Zeit in einer Höhle zugebracht? Oder, wie er aussieht, in einem Gefängnis?“

Seramus schaute hoch. „Sir. Mein Umgang mit Menschen ist untadelig. Ich habe viele Jahre damit verbracht, in Bücher zu schauen, während das Leben vorbeizog. Manchmal bedauere ich es, aber…“

„Genug. Das Geschwätz von Zauberern und Alchemisten ist mir zu kompliziert. Ein wenig mehr Zurückhaltung mir gegenüber würde euch gut stehen.“

Sir Randor starrte auf ihn herunter, das Lächeln hatte sich aufgelöst und Seramus konnte förmlich hören, wie die Kiefernknochen mahlten.

Er nickte schweigend.

„Liara, euer Freund lässt sich gut belehren. Vielleicht kann er doch zu einem echten Mann werden.“

Sie lächelte. „Irgendwann, wenn er die ersten Schlachten überleben sollte.“

„Ausgezeichnet. Nun. Gebt unserem Freund ein Pferd. Ich glaube, das von, wie heißt er noch, ach, egal… es ist ohne Reiter. Wir haben einen Überfall einige Meilen von hier überlebt. Kennt Ihr Opasta?“

Sie schaute auf. Ärger blitzte auf. „Wir waren in der Nähe von Opasta, als uns der Gefangene floh. Wir rochen Rauch und sahen auch die ersten Gebäude, schwarz wie die Nacht, von den Flammen ausgezehrt.“

„Die Toten waren auf einem Marsch. Wir versuchten sie aufzuhalten, schafften es sogar, sie zu vernichten. Es gab etliche Schwerverwundete und natürlich auch Todesfälle.“

„Tote? Denen sind wir auch im Wald begegnet, waren fast schutzlos, bis es meinem Freund Seramus gelang, sie mit Hilfe eines Bären zu vertreiben.“

„Ein Bär?“ Sir Rangor schmunzelte. „Vielleicht seid ihr gar nicht so verkehrt. Vielleicht brauchen wir doch mehr Magie, als wir uns vorgestellt haben.“

Seramus starrte auf das Pferd, das vor ihm hin und hertänzelte, doch wie alles andere war hier nur Leere zu finden. Doch dann griff er nach dem Zügel und schwang sich hoch, immer höher hinauf, bis er sicher im Sattel war.

„Du bist nicht oft geritten, was?“ Liara grinste. „Sir Rangor, diese Sprüche lassen mein Gesicht erglühen. Sie seid ein alter Schwerenöter.“ Sein Lachen war vermutlich noch Meilen entfernt zu hören. „Verzeiht, ich versuche, mich zurückzuhalten. Aber Ihr kennt mich. Und Ihr, Seramus, seht tatsächlich aus, als hättet ihr mit den Toten gekämpft und verloren. Wenn wir in der nächsten Ortschaft sind, wird man sich um euch kümmern müssen.“

Der Tross setzte sich in Gang. Schwerfällig wie eine Armee von Ameisen begannen die Hufen der Pferde auf dem Waldboden aufzuschlagen, Räder rollten vorsichtig los und das Gemurmel der Leute wurde leiser, verstummte fast völlig. Der Weg war kaum einige Schritte breit und man musste sich behelfen, in dem fast alle Reiter und Wagen in einer schnurgeraden Reihe fuhren, ein guter Angriffspunkt von außen. Seramus konnte erkennen, wie die Blicke der Männer aufmerksam in alle Richtungen reichten, eine Hand immer in der Nähe ihrer Waffe. Das Pferd war ungewohnt, er wusste, er war noch nie geritten, aber das Gefühl, es war einzigartig. Als wäre das Pferd eine Verlängerung seiner Beine; Muskeln die für ihn arbeiteten, ohne dass er dies steuern musste. Liara betrachtete ihn schweigend. Sonnenstrahlen schwangen sich aus der Höhe durch die lichten Baumwipfel, die rechts und links an der Gruppe standen, wie schweigende Wachposten. Einige der Bäume mussten Jahrhunderte alt sein, andere schienen von umsichtigen Menschen oder anderen Wesen gepflanzt worden sein. Sie waren jung, jünger als das, was er bisher gesehen hatte in dieser ganz eigenen Welt namens Forret.

Liara ritt näher an ihn heran. „Was ist denn, Seramus? Abgelenkt?“

Er nickte zerstreut. „Diese Bäume…“ er deutete nach rechts. „Die sind doch noch neu, oder?“

Liara schwieg minutenlang. Dann blickte sie auf, während sie beide auf die vorbeiziehende Landschaft schauten. Als ich ein Kind war… gab es hier einen kleinen Ort, ich weiss nicht, wie er hieß. Hier lebten einfache Menschen, Bauern, Holzfäller… eines Tages waren sie verschwunden. Einfach so. Niemand wusste von etwas. Statt dessen war hier alles verbrannt. Jedes Haus… Brunnen… alles zu Asche geworden. Die Menschen haben wir nicht mehr gefunden. Dann, eines Tages kamen sie zu uns… sie waren lang und dünn, feingestaltig wie der Wind… sie nannten sich Albara, das heisst in ihrer Sprache „die Weisheit der Welt“… sie hatten Kräfte, die wir nicht kannten. Sie hatten das Leid gehört, welches über diesen Ort gekommen war. Eine Woche später sollen hier Bäume gepflanzt gewesen sein, die die Bitterkeit des Bodens, die Asche… auf irgendeine Art, Magie, ich weiss es nicht, in sich aufnahmen und wachsen konnten. Sie sind nun dort, am Wegesrand. Die Albara sind verschwunden, wieder und nur Sagen sprechen noch von ihrem Erscheinen. Aber das hören die Leute nicht gerne, denn wenn ein Ort ausgelöscht werden kann, dann kann auch ihr eigenes kleines Dorf, ihr kleines Leben vernichtet werden durch einen unbekannte Macht. Und unsere Welt ist beileibe nicht ungefährlich.

Schau dir Sir Rangor an. Er ist ein Krieger, nicht, weil er es sein will, sondern sein muss. Ich kenne ihn. Er mag die schönen Dinge im Leben. Sein Burg, seine Ländereien liegen alle weiter nördlich, dort, wo der Wald licht, wo das Land  flach ist, wo man schon fast das Rauschen des Meeres hört. Er ist ein friedlicher Mensch, aber er ist ein ehrenhafter Mensch, solche Leute gibt es nur noch wenige. Sie sterben aus.“

„Hört nicht auf Sie, Seramus.“ Sir Rangor hatte sich umgedreht und bedachte Liara mit einem Blick aus Spott und Verstehen. „Sie ist ein junges Ding und hat nichts von der Welt gesehen.“

„Ach Ihr…“ Sie kicherte, wandte sich aber Seramus zu, als der alte Ritter seinen Kopf wieder gedreht hatte.

Sie tippte sich an die Stirn und schaute nach vorn. „Dinge wie das Beschützen des Ovpars sind schon immer Angelegenheiten von Ruhm und Ehre gewesen.“ Sie flüsterte. „Und dennoch habe ich Recht. Mit dem ganzen Hofstaat in den Krieg ziehen, der keiner ist, nur weil man glaubt, man sei dazu verpflichtet… das ist das alte Denken.“ Sie ritt nach vorn. „Glaubt Ihr, Sir, dass das Ovpar wirklich in Gefahr ist?“

Er nickte und hob das Visier, das gerade zugefallen war. „Mein liebes Kind, das Ovpar ist in Gefahr. Ich habe vor einem Monat die Nachricht bekommen, dass man es nach Bramant schaffen wöllte. Dort, wo man es versteckt hatte, gab es keine Sicherheit mehr. Du weisst, es gibt Kräfte und Mächte, die es vernichten wollen, auch wenn ich nicht wirklich glaube, dass man es überhaupt vernichten kann. Es ist gesegnet bei den Göttern, wurde bewacht von den Besten, eine Gemeinschaft aus Skelden und Menschen aus diesem großartigen Königreich Forret. Man kann sagen, es war eine Bruderschaft im Geiste. Und das Ovpar wurde versteckt von den Klügsten aller Landen… leider, nach all den Jahrhunderten, musste es so kommen, dass irgendeiner die Sache verrät… Einer der Gemeinschaft, wir wissen nicht wer es war… machte es bekannt und wie du siehst, sind die Toten nicht untätig geblieben, sondern sind auf dem Weg, es für sich zu benutzen.“

„Das Ovpar ist magisch?“

„Natürlich, was denkt Ihr denn?“ Sir Rangor lächelte unter seinem Visir. „Nur weil die Leute von heute nicht mehr daran glauben, sich für klüger halten als die Menschen in grauer Vorzeit, heisst das nicht, dass damit alle Dinge von damals falsch sind. Ihr kennt das Ovpar aus Sagen und Märchen… aber Ihr könnt mir glauben, es ist real und es hat Kräfte. Und durch die Kräfte ist es gefährlich. Niemand weiss wirklich, was in ihm steckt… zumindest weiss es kein Lebender mehr. Einer meiner Ahnen hat es gesehen und hat es beschrieben…“ Er beugte sich nach hinten, bäumte sich auf und griff in seine Satteltasche. „Na wo ist denn das Tagebuch?“ Er wühlte. „Nein, hier ist es nicht. Dann ist es in einem der Wagen. Seid getrost, ich werde es euch zeigen. Nun zu euch… Ist Seramus sein richtiger Name?“

Seramus fühlte, wie sie erbleichte. Ein Klumpen Pech stieg aus seinem Magen hervor und bäumte sich auf. Sie schüttelte den Kopf. „Ich schulde ihm viel und ein Name war das Mindeste, den ich ihm geben konnte.“ Sir Rangor schwieg. Einige Meilen später, als die Sonne begann, den Horizont zu berühren, sprach er wieder. „Ihr seid eine Frau von Ehre, auch wenn Ihr dies nie zugeben würdet. Ihr wart ehrlich.“ Sie ritten gemeinsam weiter. „Woher wusstet ihr…?“

Er lächelte. „Ihr hattet ihm den Mund zugenäht, das kann man sehen. Euer Vater tut dies immer mit Sklaven. Und seine Kleidung ist auch nicht von hier.“

Sie drehte sich zu ihm um. „Er hatte einen Snalu getötet und statt ihn dafür zu belohnen, war ich kindisch genug, ihn als Sklaven haben zu wollen. Als er floh, habe ich ihn verfolgt und bin in einen Hinterhalt von Toten geraten. Auch hier hat er mich gerettet. Das Schicksal fragt nie ein drittes Mal.“

„Tote?“

„Ja, eine Gruppe von Toten war unterwegs nach Bramant, wie sie mir sagten… bevor zuschlagen wollten.“

„Dann ist es wahr und mein Marsch nicht vergebens.“

„Glaubt ihr, dass es wirklich so schlimm wird?“

„Mein Kind, schlimm ist nur ein Wort. Und die Toten sind auch nur Wesen, die zu erlösen sind.“

Seramus ritt näher an die beiden heran. „Verzeiht… aber dieses Ovpar… was immer es auch ist…“ Sir Rangor hob die Augenbrauen. „… ich bin vermutlich sehr vergesslich… aber wie gefährdet ist es denn? Ich meine, Ihr seid mit Männern und Wagen unterwegs.“

Sir Rangor nickte. „Euch fehlt Vertrauen, junger Mann. Man merkt, dass Ihr nicht aus dieser… Gegend kommt. Ich bin nicht der einzige, der unterwegs ist, dieses heilige und mächtig Symbol unserer Kraft, nein, unserer Welt, zu schützen. Der Ruf ist vor einiger Zeit erfolgt und hunderte, wenn nicht tausende Kämpfer sind unterwegs, nur zu diesem einem Zweck. Unsere Bruderschaft ist in die Weite und in die Ferne zerstreut worden, aber…“

„Trotz eures Alters?“

„Seid nicht auch so vorlaut wie Liara. Das Alter hat nichts damit zu tun, wie gut man kämpfen kann. Wir jung seid Ihr?“

Seramus schwieg. Eine Frage, die er sich nicht gestellt hatte. Genauso wenig, wie ihm nun einfiel, wie er überhaupt aussah. Er konnte nur auf seine Hände herunterstarren. Weiss und bleich, fast filigran und dennoch hatten sie die Macht, zu töten. „Wenn ich euch etwas raten darf…“

Er blickte auf. „Ja, bitte?“

Sir Rangor räusperte sich. „Wenn Ihr mit anderen Menschen zu tun habt, versucht nicht so auffällig zu sein. Wir haben vor einer halben Stunde die Weggabelung zwischen Eisenberg und Lohringen überschritten, das heisst, wie sollten nach Einbruch der Nacht in Lohringen sein. Ihr solltet euch bereithalten, ein Zimmer zu suchen. Oder unsere Liara wird sich darum kümmern. Habt ihr überhaupt geschlafen?“

Seramus schüttelte vorsichtig den Kopf. „Dann müssten die Schmerzen, die euer Körper nun aushält, milde gesagt, extrem groß sein. Ihr habt eine verletzte Schulter.“

Liara berührte ihn vorsichtig. Er zuckte zusammen. „Du hast nichts gesagt-…“

„Es geht schon…“ Er fühlte, wie sich seine Schulter ihrer Hand entziehen wollte, aber sie war stärker. „Ihr müsst mehr auf euch aufpassen.“

Die Dunkelheit begann, die Umgebung zu verdrängen. Die Pferde senkten ihr Köpfe, um dem Geräusch ihrer Hufen zu lauschen. Fackeln wurden angezündet und einige Männer begannen, eine unterbrochene Mauer aus Licht um den Zug zu bilden. Der Wald war still, bis auf das Klappern der Wagen. Seramus’ Schmerzen wurden immer größer. „Habt Ihr Wasser?“

„Wasser, Wein… all diese Dinge sind immer hier, junger Mann“ Sir Rangor hob einen Arm und winkte. Von einem Wagen rannte ein Knecht heran mit einer Kanne. Sir Rangor hob sie „Auf euer Wohl“ und reichte sie Seramus.

Eine Pille aus der kleinen Schachtel und einige Schlucke dumpfen Wassers später fühlte er, wie sich das Brummen in seinen Knochen in ein leises Säuseln verwandelt hatte. „Ah, Ihr habt vorgesorgt.“ Sir Rangor lachte leise. „Ist es wirklich so gut?“ fragte er. „Möchtet Ihr?“ fragte Seramus. Sir Rangor schüttelte den Kopf. „Echte Schmerzen habe ich nur, wenn das Wetter umschlägt und wie es aussieht, wird es heute nacht nicht regnen.“

Er zeigte nach vorn. In der Ferne blitzten winzige Lichter auf, die schnell größer wurden. „Ah Lohringen, hier haben ich interessante… ich meine man kennt mich hier.“ Seramus versuchte, ein Lächeln im Gesicht des alten Mannes auszumachen, aber vergebens.

Bei Lohringen handelte es sich nach einigen Minuten um eine Ortschaft, die Seramus nicht zuordnen konnte. Es waren wohl Häuser vorhanden, aber so etwas wie einen Markt gab es nicht und er wunderte sich, wie diese Menschen in der Nähe eines so gefährlichen Waldes wohl leben mochten. Lohringen bestand lediglich aus 10 Häusern, die jeweils entlang der Straße aufgebaut worden waren; alte Häuser, die vom Ruhm vergangener Tage zu träumen schienen. Sie stiegen ab. Die Schmerzen hatten sich wieder in den dumpfen Druck verwandelt. Seramus versuchte gar nicht, seinen Arm zu bewegen. Er rutschte zu Boden, taumelte und fiel auf die Knie. Kräftige Hände hoben ihn hoch. Licht ergoß sich über ihn.

„Sir Rangor und zu diesen ungünstigen Zeiten? Natürlich haben wir für euch Zimmer frei.“

„Gut… und für meinen verletzten Freund auch ein Zimmer. Und für uns alle Essen und Wein. Ihr wisst, ich mache gute Werbung für euch.“

„Aber sicher“, eine lispelnde Stimme, einen Hauch von Verrat in den Mundwinkeln. „Alle seid Ihr willkommen bei mir.“

Seramus fühlte, wie er hochgehoben wurde. Einige Stufen später, die er mit Mühe und nur durch fremde Hilfe erklimmen konnte, wurde er in ein halbdunkles Zimmer gebracht. Er versuchte, sich umzuschauen. Eine einsame Kerze flimmerte im Dunkel der einbrechenden Nacht. „Nicht hinlegen…“ seufzte er und deutete auf einen Stuhl. Die Männer gehorchten. Vorsichtig liessen sie ihn nieder, wandten sich um und gingen.

Es war kühl um ihn herum. Schatten an der Wand flimmerten von seinen Augen. Er fühlte sich so müde an. Wie einer dieser gefühllosen Automaten, die ihm gerade einfielen, zog er seine Habseligkeiten heran. Er wunderte sich auch nicht über die Bewegungen, die sein Körper nun ohne seinen Willen tat. Seine schmutzige Kleidung, in ein Muster von Blut und Asche gehüllt, glitt zu Boden. Mit seiner gesunden Hand griff er nach dem Verband.

„Ihr seht nicht gut aus…“ eine Stimme aus weiter Ferne. Er nickte. „Ich bin verletzt.“

„Ich weiss das, Seramus.“ Er blickte auf und starrte in Liaras Gesicht. „Ihr seht dennoch nicht gut aus.“ Er versuchte, auf dieses Spiel einzugehen, erfolglos. „Ich habe Wein, um eure Wunde zu waschen.“

Er schüttelte den Kopf. „Ich habe… etwas… mitgebracht.“ Er hob eine winzige Flasche hoch. „Ein Mittel aus meiner Heimat vermute ich.“ Lächelnd öffnete er sie. Der Geruch von Brandwein legte sich in die Luft, ein scharfes metallisches Gefühl schien von dieser Flasche aufzusteigen. „Lasst mich euch wenigstens die Wunde waschen. Oder seid ihr zu schüchtern?“

Er versuchte, den Sinn dieser Worte zu ergründen, aber genau jetzt in diesem Augenblick schien es ihm besonders schwerzufallen. Irgendwo im Hintergrund seines Verstandes erhielt er die Erlaubnis. Er nickte.

„Eure Wunde heilt gut… habt Ihr ein besonderes Geheimnis?“ flüsterte sie, während ein Schwamm mit dem dumpfen Geruch von Wein über die Wunde geführt wurde. Er verzog sein Gesicht. „Ich weiss nicht, wer ich bin. Vielleicht habe ich unfassbare Kräfte in mir, die nur darauf lauern, eingesetzt zu werden.“ Sie schwieg, doch er konnte ein Lächeln erahnen.

Vorsichtig wickelte sie den Verband, so weiss wie Schnee, um die Wunde. Er schaute sich um, betrachtete das Bett, das in der Ecke wartete, ihn zu rufen schien. Doch… „Ihr solltet schlafen“, sagte Liara zu ihm. Er schaute sie an, betrachtete ihr Gesicht im flackernden Licht der einsamen Kerze. „Was werdet ihr tun?“ fragte Seramus.

„Ich werde mich zu Sir Rangor begeben und werde mich betrinken, nachdem ich mich frischgemacht habe. Ihr jedoch, ihr solltet schlafen.“

Es klopfte, dann öffnete sich die Tür. „Wie geht es eurem Freund?“ Sir Rangors Kleidung, jetzt, nachdem er die Rüstung abgelegt hatte, war farbenfroher, eine Mischung aus rotem Wams, weissem Hemd, eine braune Hose und schwarze Stiefel. Seramus musste zweimal hinsehen, um ihn zu erkennen, denn ohne die Panzerplatten, die seinen Körper umgeben hatten, war er eine sehr schmaler, ja fast filigraner Mann, den Seramus unter anderen Umständen eher einem Dichter oder einem Denker zugeordnet hätte.

Sir Rangor lächelte, als er die Blicke spürte. „Herr Seramus, seid versichert, dass in diesem schmalen Körper der Geist eines Kriegers lebt.“ Er trat näher heran und legte seine Hand auf Liaras Schulter. „Wie geht es ihm?“

Sie nickte geistesverloren, starrte ins Halbdunkel des Zimmers. „Ihm geht es entsprechend gut. Er braucht Ruhe. Mehr kann man nicht tun. Es liegt nicht in unseren Händen, Sir Rangor.“

Sie stand auf und ging zum Fenster, schaue hinaus in die Finsternis.

„Das mit eurem Vater… falls ich euch damit verletzt haben sollte, tut es mir leid.“

Sie drehte sich um. „Was?“ Er lächelte. „Entschuldigt. Vermutlich habe ich gar nicht von ihm gesprochen. Ich bin zu zerstreut derzeit. Kommt ihr mit? Wir trinken etwas auf die verlorene Jugend und auf unsere Kämpfe.“

Liara wandte sich wieder um. „Ich komme gleich mit.“ Sie beugte sich zu Seramus herunter und strich ihm sanft über das Gesicht. Er fühlte, wie ihre Finger stehenblieben… warteten. Er lächelte. Sie lächelte zurück. „Keine Sorge, ich verlasse euch nicht. Ihr braucht Ruhe.“
Dann schloss sich die Tür und er war allein. Irgendwo im Hintergrund hörte er die dumpfen Gespräche von Menschen und das Klappern von Geschirr. „Was mach ich hier nur“. Seine Stimme war heiser und gepresst.

Es klopfte. Er reagierte erst nicht, packte dann eine Klinge. „Ja, bitte?“

Eine junge Frau trat ein, den Blick scheu zu Boden gerichtet. „Herr, ich habe euch Brot und Käse und Wein gebracht. Man hat mir aufgetragen, euch zu sagen, dass ihr auch gerne allein essen könnt, wenn eure Verletzung euch aufhält.“

„Danke. Bitte stellt es…“ er deutete auf einen Tisch unter dem Fenster „auf den Tisch.“ Sie nickte, tat was ihr geheißen wart und wandte sich wieder um. „Falls Ihr etwas braucht, dann lasst nach mir rufen. Ich bin Laura.“ Sie blickte auf und er konnte sehen, wie sie rot im Gesicht wurde. Dann drehte sie sich um und war verschwunden. Vorsichtig füllte er einige Schluck Wein in den Becher aus Keramik. Der Geschmack war dumpf, aber er fühlte förmlich, wie die Kraft zurück in seinen Körper strömte. Er liess sich auf sein Bett nieder und dachte nach.

XIV

Die Straßen schienen unfassbar leer zu sein, als die Gruppe vor die Tür trat. Neru atmete laut auf. Er hatte bereits erwartet, dass irgendein Informationsleck die Sache bereits im Keim ersticken würde. In seinem Kopf bildete sich eine Animation, wie sehr die Leute ihn verachten würden, nur weil er Ja-Lib hatte gehen lassen; wie sorglos er mit dem Volkshelden umgesprungen war. Fast würde die komplette Menschheit im Zorn dem jungen Mann folgen wollen, hinter zu G10, was noch überlebbar war; ein schlechtes Schicksal für Ursa. Auch wenn er die Art verachtete, die dieser „Räuberhauptmann“ da unten an den Tag legte, es war notwendig. Damals wie heute bewunderte Neru solche Menschen, die ihr ganzes Leben einer Sache opfern konnten.

„Sie schweigen?“

Leutnant Sposka stand in ihrer dunklen Uniform bewegungslos im Schatten des Gebäudes und hätte sie nichts gesagt, wie wäre mit dem Hintergrund verschmolzen. Ihr Gesicht war unsichtbar; dennoch hätte Neru wetten können, dass sie konzentriert lächelte.

„Es ist zu ruhig, Leutnant Sposka.“

Im Hintergrund glimmte ein Licht auf. Würziger Geruch breitete sich aus. Neru drehte sich herum. „Salara, seit wann rauchst du?“

Sie trat an ihn heran. Er konnte förmlich sehen, wie die Rauchfetzen über ihr Gesicht zogen. „Seit wir da unten waren… hast du nichts davon mitgebracht.“ Ihre Stimme wurde zornig. „Außer dein Buch und die Karriere im Medienkontrollapparat.“ Ihre Augen waren schmale Risse in ihrem Gesicht. Er nickte. „Es war… doch… kein Angriff.“

Sie wandte sich wieder um. Die beiden Maskov-Brüder standen wie Statuen herum, während Professor Notna unruhig von einem Fuss auf den anderen stampfte. „Ich will aber nicht…“ flüsterte der junge Mann namens Jamses, der sich unruhig in seiner Kleidung wandt. „Ich will nicht mit?“ fragte Neru sorgfältig. Der Mann nickte. Notna grinste. „Am Besten, wir vergessen ihn in G13. Falls wir dort ankommen. Ich meine… einer muss ja übrigbleiben und die Sache erzählen. Das werde dann wohl ich sein…“ Sie starrten ihn an. Notna hob beschwichtigend die Arme. „Das war… ein Scherz. Wir werden sicher alle überleben.“ Seine Art der Kommunikation schien für Neru eher in Richtung herausfordernde Scherze zu gehen, dennoch hoffte er, dass das Versprechen, das ihm Salara hinsichtiglich der Kompetenz dieses Mannes gemacht hatte, richtig war.

Es klickte und zwei Lampen glimmten auf. „Das ist unser Transport zur Kaserne. Bitte einsteigen.“ Der Wagen schien so geräumig zu sein, dass er eine vermutlich eine komplette Einheit bewegen konnte. Sie stiegen ein. Der Geruch von Das kalte Metall schien zu atmen und der Geruch von Waffenöl dazu, eine Art Erinnerung für all jene, die ihren Dienst geleistet hatten, Neru wollte nicht daran denken. Er schloss die Augen, als die flackernden Neonröhren im Inneren des Wagens ansprangen. Ja, eindeutig ein Truppentransporter. Die Sitzbänke waren abgerieben, als wäre der Wagen schon Jahrzehnte in Betrieb, dabei kannte selbst Neru nicht alle Schauplätze, für die Soldaten in den letzten Jahren eingesetzt worden waren. Krieg war hier unten eher eine Art Unterhaltungsprogramm, denn lebensvernichtende Realität. Leutnant Sposka schien auf einmal zu lächeln.

Etwas quietschte in einer Ecke. Der blitzende Pfeil, der an Neru vorbeischoss, schien aus dem Nichts zu kommen. Ein kurzes schnappendes Atmen, dann war es vorbei. Einer der Brüder ging sichtlich entspannt hinüber, packte sein Messer und zerrte eine Ratte ins Licht. Sie war etwas kleiner als die üblichen, aber dennoch beeindruckend, einige Handbreit lang, das Gesicht in Todesqualen gefangen, aber die Augen gebrochen; nur das dritte, am oberen Rand des Schädels schien noch zu flackern.

Ein zweiter Pfeil fuhr durch die Luft und landete im Kopf des toten Tiers. Es zischte, als sie das Messer entfernten. „Man müsste euch Maskov-Brüder unterscheiden können.“ sagte Neru, um die Atmosphäre aufzulockern.

Der Bruder mit der Ratte im Gesicht blickte auf. „Ich bin Pjotr. Das müsste doch zu sehen sein.“ Er kniff seine Augen zusammen. „Aber ich male mir gerne ein großes „P“ auf die Brust.“ Er schüttelte den Kopf. „Boris, was sagst du?“ fragte er sein Ebenbild, als er ihm das Messer reichte. Dieser nickte. „Na gut. Ich sehe zwar keinen Sinn darin, aber…“

Neru beugte sich über die Ratte. „Sie kommen wieder, nicht wahr?“

Leutnant Sposka nickte. „Es gab eine kleine Epidemie vor kurzem in den Lagerhäusern. Wir haben viele von den Dingern gegrillt. Aber es wird immer schwieriger. Irgendwie müssen sie sich einen Weg aus G11 genagt haben. Anders kann ich mir das nicht erklären.“ Notna gab dem toten Tier einen Tritt. „Ich hasse diese Viecher. Scheißintelligent, schnell und das dritte Auge gibt ihnen einen Vorsprung, den wir noch nicht wirklich erfassen konnten. Aber…“ er fühlte das Messer“ aber in Sachen Werkzeuge sind wir noch immer besser. Und im Drang, Dinge zu töten, die wir nicht verstehen“

„Egal. Werfen wir das Ding raus und fahren wir endlich zur Kaserne. Jede Minute ist Verschwendung, wenn sie nicht unserer Aufgabe dient.“ Leutnant Sposka musterte die Runde. Sie schwiegen.

Die Fenster in diesem Wagen waren klein, eher dazu geeignet, Feuerwaffen nach draußen zu richten und zu warten, bis sich ein dummer Feind im Angriffsfieber vor den Wagen stellte. Neru musste grinsen.

Die Welt da draußen schien noch düsterer zu sein als sonst. Nur wenige Gesichter leuchteten auf, eher zu Boden als zum beleuchteten Himmel gerichtet, der mehrere hundert Meter höher in Abzugsröhren, in Metall und Stein überging. Er schaute auf das Thermometer. „25°C“ sagte er, „die Kühlaggregate arbeiten gut.“ Jamses, der bisher nur zu Boden gestarrt, nur gezittert hatte, blickte auf. „Das glauben Sie…“ flüsterte er.

Salara stieß ihn an. „Wie meinst du das?“ fragte sie. Er schaute sie an.

„Die Maschinen sind alt. Ein kleiner Fehler und eine Maschine fällt aus, die anderen kommen nicht hinterher und versagen nacheinander. Und dann steigt hier alles auf das Doppelte. Und dann werden alle Leute ausrasten und sich gegenseitig umbringen.“ Nun war er in seinem Element. „Deshalb sollten Sie mich gehen lassen. Ich bin wichtiger als das, was ihr hier alle tut. Ich werde auch nichts sagen. Ich will nur zurück. Ich will nicht nach unten. Dort lauert der Tod.“

„Der Tod?“ fragte Neru. „der Tod ist etwas, auf das Sie gewettet haben. Sie haben sich entschieden, auf den Drachen zu tippen.“

„Ich tippe nie auf den Verlierer.“ flüsterte der Angesprochene. Sie schwiegen. Die Straße wurde langsam ungemütlich; der Straßenbelag hatte eindeutig schon bessere Zeiten gesehen. Die wenigen Bewegungen wurden nur durch blitzende Lichter in den Augenwinkeln hergestellt. Sie waren außerhalb des Stadtkerns, die Ebene, in der die meisten Leute lebten, die etwas zu sagen hatten. Weiter oben lebten nur die Karrieristen, die Wissenschaftler, die von der Regierung auserwählt waren, besser zu sein als alle anderen. Neru blickte nach oben, trotzte dem Dach, das ihn von dem da draußen trennte. Salara sprach zuerst. „Das wird ein langer Marsch werden.“ Niemand antwortete. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Und dennoch… e sschien so, als wäre keiner wirklich aufgeregt; als wäre diese ganze Sache lediglich ein Abenteuer aus einem Buch oder aus einem Film. Sogar Jamses hatte sich beruhigt; vielleicht saß er auch nur apathisch in der Ecke und phantasierte die Möglichkeiten seines Todes aus.

Sie sahen nicht, wie sie in der Kaserne ankamen. Irgendjemand öffnete die Tür als der Wagen stoppte. Eine Gestalt, so groß, so massig, dass Neru dachte, er wäre bereits wieder auf G12 und man hätte sie alle ausgetrickst. Aber dann lächelte der Koloss. „Die Dame und die Herren, bitte aussteigen. Sie befinden sich nun an Ihrem Ziel.“

Sie stiegen aus. Der namenlose Riese stampfte vorneweg, zwischen dunklen Gebäuden hindurch, die kaum Licht auf den Boden liessen. Männer salutierten schweigend, Sposka und die Zwillinge nickten, mehr auch nicht. Sposka drückte einige Knöpfe auf einem Brett neben einer stählernen Tür. Mit lauten Surren öffnete sich vor ihnen ein Raum. Sie traten ein.

„Unser Ausrüstungsexperte hat die Gegenstände schon so angeordnet, wie es benötigt ist. Sie können gleich anfangen.“

Notna hob einen Rucksack. „Verdammt. Damit sollen wir durch die Botanik robben?“ Sposka nickte. „Keine Sorge, Herr Professor, auch Sie gewöhnen sich daran, spätestens nach dem 3. Tag wird Ihnen alles andere viel schwerer vorkommen als Ihr Gepäck.“

Sie trennten sich, Männer und Frauen, um ihre Kleidung zu prüfen. Nach einer Viertelstunde trafen sie sich wieder. „Schick, Salara.“ Neru konnte seinen Blick nicht abwenden. „Nicht jedem passt ein Outfit so gut… wie… äh…“

„Das sind die Waffen, die wir mitnehmen. Sie sind entsprechend kompakt gehalten, weil wir zu Fuss unterwegs sein werden.“

„Sind Waffen nötig?“

Neru wandte sich um. „Jamses, Sie haben doch mitgehört, oder? Da unten ist es gefährlicher als hier.“

Der Angesprochene starrte zu Boden. „Ich weiss, aber… ich bin gegen Gewalt.“

„Und dennoch setzen Sie auf den Drachen?“

„Hey, das ist einfach nur ein Spiel, okay? Ich tue keinem was, ich schau mir die Sachen nur an und dann lande ich in einem Verein, der hinunter in die verbotene Abteilung geht, um einen Mann zu suchen, den ich eh nicht leiden kann.“

„Hören Sie“, Notna trat näher, „Wir haben Ihnen schon einmal gesagt, die Alternative lautet: In einen Bunker werfen und den Schlüssel in G13 vergessen. Wollen Sie das?“ Seine Augen funkelten wütend.

Leutnant Sposka räusperte sich. „Die Waffen sind hier. Wir haben hier eine verkürzte Version der PG41, ein halbautomatisches Schrotgewehr. 20 Schuss in der Box, zum Nachladen einfach eine neue Box einsetzen. Verwandelt Feinde in Reichweite von 10 Meter zu Brei. Oder zu Schrott, je nachdem. Die Pistole ist eine DH72, für kleinere Ziele. Auch hier, einfach den Ladestreifen entfernen und einen neuen einsetzen.“

„Reicht das denn?“ fragte Salara. Sposka lächelte. „Das ist hier die Frage. Wir müssen mit leichtem Gepäck reisen, um schnell zu sein. Die wenigsten von uns haben eine militärische Ausbildung. Da kann man nicht einfach jeden einen 20kg Rucksack auf den Rücken schnallen.“

„Wir haben noch zwei spezielle Gewehre, die werden ich und mein Bruder mitnehmen. Diese sind sehr gefährlich.“ Einer der Maskov-Brüder hatte gesprochen. Neru starrte ihn an. Er nickte. Sehr gut. „Pjotr, schön, dass Sie sich entschieden haben, ein P zu tragen.“ Pjotr nickte. „Ich und mein Bruder, wir tragen ein Spezialmodell, das man erst vor kurzem entwickelt hat. Ich möchte Sie nicht langweilen, aber die Gewehre sind wirklich einzigartig. Leider auch schwer. Aber sie haben genug Feuerkraft, um eine kleine Armee aufzuhalten.“

Neru versuchte zu grinsen. Immer diese militärisch Eigenart, so großen Schaden wie möglich anzurichten. Doch ihm war bewusst, wie gefährlich die ganze Sache war und nickte statt dessen.

„In einer halben Stunde geht es los. Falls jemand gläubig ist und noch einen Priester braucht… die Kapelle ist geöffnet. Man ist bereit.“

Salara lächelte, während sie im Gedanken die Schritte nachverfolgte, die sie getan hatte, um hierherzukommen. Neru kannte sie besser als sie sich selbst. Es war einfach eine Notwendigkeit, den Weg, den sie beide vor all den Jahren begonnen hatte, zu beenden, nein, zu vervollständigen.

Notna betrachtete seine Umgebung stirnrunzelnd. Er war sich sicher, dass er da unten entweder sterben oder das epochale Ergebnis seiner jahrelangen Forschungen finden würde. So oder so, er hatte sein Leben einer Sache gewidmet, die es wert gewesen war. Ein leises Seufzen entfuhr seiner Seele. Er griff in seine Brusttasche und holte eine winzige Schachtel hervor, öffnete sie und zwang sich, eine der Kapseln so, trocken, zu schlucken. Er fühlte, wie sein Herzschlag in geordnete Bahnen gelenkt wurde, fühlte, wie sein Körper sich entspannte. So oder so, es war wichtiger, Antworten zu finden, als hier oben, in mitten dieser Schwachköpfe zu vergammeln.

Leutenant Sposka musterte die Gruppe. Sie fühlte sich mehr oder weniger stolz, in der kurzen Zeit zwei ausgezeichnete Männer für den Job gefunden zu haben. Sollte sie die Sache überleben: Eine Karriere wartete. Sie freute sich auf das Hinterher, wie immer, wenn sie einer solchen Aufgabe zugeteilt wurde. Mit wohligem Seufzen berührte sie die Ausrüstung. Sie fühlte sich unwohl, aber sie vertraute auf die Brüder und auf die Waffen. Sie war bisher nie enttäuscht gewesen.

Jamses zitterte am ganzen Leib. Er rutschte hin und her, betrachtete sowohl seine Füsse als auch die Ausrüstung. Sein Körper schien in eine Art Rausch geraten zu sein, nur aus panischen Reaktionen zu bestehen. Neru trat an ihn heran. „Möchen Sie zu einem Priester? Sie sehen nicht gut aus.“ Jamses schüttelte den Kopf. „Dort wo wir hingehen, dort kann er auch nicht helfen.“ Neru nickte.

Die Maskov-Brüder schauten sich an. Dann nickten sie. „Es wird Zeit.“

Wieder stiegen sie in den Wagen. Das Schweigen füllte ihr ganzes Sein aus. Ihre Gedanken schienen zu fließen, zu fliegen, sich auszubreiten, über den steinernen Himmel hinaus. Neru fühlte nichts mehr. Seine Angst hatte alles in seinem Körper in Beschlag genommen. Sein Magen war ein finsteres Loch, so dunkel, wie die Welt, in die sie nun hinabzugehen gedachten. Er schaute die anderen an, versuchte zu lächeln. Jeder war in sich gekehrt, starrte zu Boden. Nur Leutnant Sposka erwiderte seinen Blick. „Wie hat Ihre letzte Reise nach G13 begonnen, Herr Pasol?“

Irgendwo im Hintergrund klingelte ein Telefon. Leutnant Sposka wandte sich um und folgte dem Ruf. Schweigend lag der Raum im Halbdunkel. „Herr Pasol, es ist für Sie.“ Seine Nackenhaare stellten sich auf und seine Beine begannen zu schwimmen. Irgendetwas war geschehen, setzte die Sache auf eine neue Bahn.

„Pasol?“ fragte er am Telefon. Einige Augenblicke später sahen die anderen, wie ihm die Farbe aus dem Gesicht wich, wie er scheinbar um Jahre alterte. Sie traten näher heran. „Ja. Das ist… schlecht. Wir beeilen uns. Ja. Wir tun alles, um die Sache zu regeln. Ja.“

Sie schwiegen.

Er legte auf, drehte sich um. „Wir müssen los. Es ist etwas Furchtbares geschehen.“

Eilig begann er, seine Sachen zu packen. Starr beobachteten ihn die anderen. „Leute. Es ist wirklich wirklich wichtig. Wir müssen los.“

Notna fluchte. „Auf einmal keine Zeit mehr, was?“ Niemand hörte auf ihn. Draußen donnerte der Motor des Transporters sein dröhnendes Lied hinaus in die abgeschottete Welt. Gemeinsam schafften sie die Ausrüstung in den Wagen. Noch einmal drehten sie sich um, erwartungslos –  es würde niemand kommen und sie verabschieden –  dann fuhren sie schon davon.

„In 2 Stunden haben wir den Abstieg nach G11 geschafft. Ab dann gibt man uns 70 Stunden. Wir haben keine andere Möglichkeit mehr.“

„Was ist denn los, Neru?“ fragte Salara. Verwirrung und Angst zeigte sich in ihrem Gesicht stets am leichtesten, wie er fand. „Ja, wie kommen Sie denn jetzt auf 72 Stunden?“ Notna lächelte. „Vermutlich eine nicht aufzuschiebende Sache, nicht wahr?“

Neru stand auf, hielt sich an einer Haltestange fest und starrte hinaus in die dumpfe Welt.

„Ich habe die Information erhalten, dass man eine Nachricht von Ja-Lib bekommen hat. Kennen Sie das Prozedere, das vor einem Kampf mit dem Drachen durchgeführt wird?“

XV

Der Marsch der toten Wesen war faszinierend. Wie eine graue Einheit, ohne die gewöhnlich vorhandenen Farbklekse einer normalen Armee, rollte sie unaufhaltsam durch die Nacht. Das Dröhnen ihre Füsse im selben Takt hörte sich an wie eine immer höher werdende Welle, die keine Möglichkeit findet, sich zu ergießen. Seramus starrte aus dem Fenster, fasziniert und angeekelt. Er konnte ihren fauligen Geruch förmlich schmecken., die Welt war gefüllt von ihrem groteskem Dasein. „Wir können sie nicht aufhalten“, sagte Sir Rangor, der ohne zu  klopfen eingetreten war, „und ich sehe, Ihr seid schon wach. Ja, ein Mensch muss fliehen, wenn er morgen noch kämpfen können soll.“ Seramus nickte. „Ihr seht besser aus, vermutlich liegt das an dem Schlaf, den ihr fast hattet.“

Erneut beugte sich die Nacht dem Licht der aufgehenden Sonne und die von den unzähligen Toten aufgewirbelten Staubsäulen flimmerten blutrot.

„Wir müssen los. Es wäre ehrenhafter, zu sterben, aber ich bin erstens ein Feigling und zweitens sind mehr Kämpfer ein ernstzunehmenderer Gegner für unsere Feinde. Findet Ihr nicht auch?“

Seramus atmete schwer. Seine Augen traten aus ihren Höhlen, er begann, zu hecheln. „Ganz ruhig, mein junger Freund. Ihr habt dem Tod erst vor kurzem ins Auge geblickt, nicht wahr?“

Er nickte. Sir Rangor lächelte milde. „Der Schock kam wohl jetzt erst. Ihr seid körperlich am Genesen, aber eure Seele dürstet nach Heilung. Vertraut mir, wenn ich euch sage, dass eine Narbe zurückbleiben wird. Sie wird einige Zeit lang jucken, bei schlechtem Wetter schmerzen, aber sie wird euch schützen. Wenn ihr es nicht schafft, die Wunde zuwachsen zu lassen, dann dringen böse Geister ein und dann werdet ihr daran sterben. Ihr seid jung, ihr werdet es überleben. Nicht wahr?“ Er lachte.

„Nun brechen wir auf. Wir haben auf euch gewartet. Es wird Zeit.“

Sie schritten die Treppe hinunter. Ein Schrei hallte durch die geöffneten Fenster. Schatten zuckten in den Ecken des großen Raums. Sie stürmten nach draußen.

„Sie kamen aus dem Nichts,“ einer der Knechte kam angelaufen. Er atmete schwer. Sein Messer war so staubig wie er selbst. „Es waren 3, sie waren von da hinten“, er deutete zurück, der Wald lag schweigend, fast grinsend da. Kein Lebenszeichen. „Sie ritten. Ist das nicht…“ er atmete schwer. „Sie haben diese junge Frau mitgenommen!“

„Nein“, Seramus fiel auf die Knie. „Sie werden ihr nichts tun, glaube ich.“ Er fühlte die Hand von Sir Rangor auf seinen Schultern.

„Wie meinen Sie das?“

„Tote reiten nicht. Tiere, Pferde besonders, sind viel zu empfindlich für ihre dunklen, abgründigen Seelen. Sie machen einen großen Umweg um diese Wesen.“

„Aber Herr, der Staub, diese Wesen, die waren doch nicht…“

„Menschen, die sich wohl verkleidet haben.“

„Sie ritten heran, zerrten die Frau auf ein Pferd, und waren so schnell verschwunden, dass ich sie nicht mehr sehen konnte.“

„Vermutlich ist dennoch Magie im Spiel. Ich hasse diese vermaledeiten Magier. Kein ehrlicher Mann nutzt Zauber. Feige Hunde.“ Sir Rangor wandte sich zu Seramus um. „Ihr seid ausgeschlossen, aber nur, weil ich vermute, dass ihr gar kein Zauberer seid.“ Er lächelte bitte. „Wir können sie nicht verfolgen. Gegen Magie bin ich machtlos. Wir werden unseren Weg fortsetzen. Und keine Sorge, ihr werdet sie wieder sehen.“
„Oder auch nicht“, sagte Seramus. „Ich muss mich auf den Weg machen, sie zu suchen.“

Sir Rangor schüttelte den Kopf. „Ihr kommt nicht von hier, euer Leben ist verwirkt, sobald ihr allein in diesem Land unterwegs seid. Weder habt Ihr Geld noch Wissen, was in diesen Zeiten noch schlimmer ist als sonst. Ihr bleibt bei mir und das bleibt so.“

Seramus starrte zu Boden, wo die Schatten den Staub des letzten Tages benetzten. „Den Schatten des Todes habt Ihr schon mehrfach überlebt, Sir Rangor?“

Dieser nickte. „Es ist nicht einfach. Man verliert jede Form von Achtung vor dem Leben; gleich einem Tier kämpft man sich durch die Massen von Fleisch, Knochen, Rüstungen. Steigt auf. Wir müssen weiter.“ Der letzte Satz war in einer solch unerbittlichen Härte gesprochen, dass Seramus das Gefühl verlor, es handele sich bei Sir Rangor um einen Menschen.

Knirschend setzten sich die Räder der Wagen hinter ihnen in Gang. Das Pferd war ausgeruht, doch nervös und Seramus, der sich auch nicht daran erinnern konnte, überhaupt jemals geritten zu sein, war genauso aufgeregt. Er zitterte, seine Hände hüllten sich in den Zügel. Die Wunde in seiner Schulter zuckte erneut. Der Wald wurde mit der Zeit lichter. Irgendwo im Hintergrund stampften die tausenden Toten in einem unaufhaltsamen Zug nach Süden.

Sir Rangor schwieg. Nur selten blickte er vom Horizont auf, nahm einen Schluck aus seiner Flasche, die an seinem Sattel hing. Es roch verdächtig sauer.

„Wein aus meiner Heimat. Importierter Wein, der durch meine Stadt geführt wird, um bis zum König nach Bramant zu gelangen. Ich habe selten genug keinen Gast, der mich darum beneidet, dass ich die ersten und letzten Weine eines Volkes genießen kann. Ich rate Ihnen, lassen Sie die ersten und letzten Weine einfach aus. Mit den ersten haben sie keine Erfahrungen und mit dem letzten sind meistens die Weinberge erschöpft. Trinke gute Weine und übereile dich nicht, exzentrische Weine auszuprobieren. Meistens endest du bei einem Bader, einem Quacksalber und einem Totengräber.“ Er lachte. „Welches Jahr schreibt Ihr, Sir Rangor?“ fragte Seramus. Der Angesprochene  blickte hinüber.

„Wir schreiben das Jahr 5977. In 23 Jahren beginnt das 7. Jahrtausend. Die Erntezeit ist vorbei. Schon beginnt der Frost an den Bäume zu nagen; schon steht die Sonne wieder so niedrig wie im Frühling. Wir nennen diesen Teil des Jahres Herbst.“

Seramus lächelte. „Also habe ich nicht alles vergessen.“ Sir Rangor starrte ihn an. „Herbst, ich kenne dieses Wort. Eine Zeit der Ernte, des Feierns, bevor die Welt unter Bergen gefrorenen Wassers versinkt.“

„Ihr meint Schnee. So weit im Süden ist das schwieriger zu erblicken, aber in den Bergen liegt er das ganze Jahr. Dort oben, im tiefen Süden, fast schon…“ Er stockte, schüttelte den Kopf. „Schaffen wir es erst einmal weiter. Bramant ist eine große Stadt und Ihr solltet sie sehen, bevor wir in den Kampf ziehen.“

Der Tag verstrich und mit dem dumpfen Stampfen der Toten im Ohr erreichten sie eine Brücke. Hinter dieser erstreckte sich eine weite Ebene, doch noch waren sie getrennt. „Eigentlich müssten wir die Brücke hinter uns abreißen.“ sagte Seramus. Sir Rangor nickte. „Die Toten können hier eh nicht aufgehalten werden. Einige werden in die Schlucht springen, ihre morschen Knochen werden knacken, aber das wird sie nicht wirklich aufhalten.“ Sie stoppten. Sir Rangor stieg ab und deutete Seramus an, ihm zu folgen. Beide stellten sich an den Rand des Abgrunds und blickten hinunter.

„Einst war dies ein wichtiger Ort. Hier gab es vor vielen Jahren eine Schlacht zwischen den Menschen und den Toten. Die Brücke, die ihr seht, wurde in Gedenken an die vielen vernichteten Menschenleben erbaut. Sie war damals wohl aus Holz und als wir Menschen uns zurückzogen, brannte man sie nieder. So wurden die Toten vernichtet. Nicht mit Gewalt, nur mit Feuer. Dass man dachte, sie würden nie wieder hier entlangmarschieren, war nur ein törichter Traum.

Der Weg über die Brücke ist, wie Ihr wisst, kürzer als nach unten zu springen oder zu klettern.“

Er drehte sich um. „Bringt Holz heran für zwei Haufen, 10 Schritte breit.“ Dann wandte er sich um. „Wir können sie eine Zeitlang aufhalten. Helft mit.“

Es war kaum mehr als eine Stunde vergangen, als die vereinten Kräfte der Leute dieses Werk vollendet hatten. Eine Schneise hatte man gelassen, also stampften, ritten oder fuhren die Menschen hindurch. Sie wandten sich um und schlossen die Lücke. Das Metall auf dem Stein, Funkenflug, winzige Flammen auf trockenem Stroh, dann eine Wand aus Hitze, die sich in den Himmel schob. Sie machten sich auf den Weg. „Hoffe, dass es etwas nützt.“ Sir Rangor grinste. „Es ist nicht einfach, Dinge aufzuhalten, die kein Leben mehr haben, findet ihr nicht auch?“

Seramus nickte. „Es ist eine fremde Welt, Sir Rangor und ich bin mir nicht sicher, ob ich sie je begreifen werde.“

„Das stimmt. Sie ist faszinierend und bietet immer wieder Ausblicke auf mehr. Schaut.“ Seramus starrte hinaus in die Welt. Aus der Ferne kroch der Nebel in Wellen heran, der Himmel schien einen Hauch von Violett zu haben, der sich durch die graublaue Hintergrundbeleuchtung schon. Hintergrundbeleuchtung? Was für ein Wort. Seramus schreckte auf. „Ihr seid wieder in euch selbst versunken, Seramus. Eure Gedanken drehen sich schon wieder um eure Begleiterin. Wie ich euch bereits sagte, ist sie nicht von den Toten entführt worden.“

Er wandte sich um. „Ist das denn besser?“

Sir Rangor nickte. „Man hat sie entführt, nicht umgebracht. Das heißt, sie ist am Leben und wo Leben ist, da kann man hoffen. Ihr habt schlimme Dinge erlebt, auch wenn ihr sie im Moment vergessen habt. Ihr seid von Furcht erfüllt über Dinge, die ihr nicht kennt; Furcht, die selbst den eigenen Tod in den Schatten eines schwarzen Lebens stellt. Ihr seht den Schatten aus tausenden sterbenden Wesen um euch herum und wenn ihr euch umschaut, dann werdet ihr euren Schatten nicht finden. Ihr seid nicht tot. Sie ist auch nicht tot, zumindest gehe ich davon aus. Wir befinden uns auf einer Mission. Ich kann euch nicht versprechen, dass ihr heil aus dieser Sache herauskommt. Aber sie ist es wert, sage ich euch.“

Sie ritten weiter. Stille hatte sich über die dahin rollenden Wagen gelegt, nur unterbrochen von dem klappernden Hufen der Pferde. Die Sonne war immer höhergestiegen und stand nun in der Mitte des Himmels. Sie war ein kaltes, berechnendes Licht auf die Welt unter ihr hinunter, ihre Schatten waren hart und schmerzhaft. Immer wieder griff Sir Rangor zur Flasche. „Ihr möchtet wirklich keinen Schluck?“ fragte er. Seramus brauchte einige Augenblicke zu reagieren, er fühlte, wie er aus seinen Gedanken hinauftauchte in die Realität. „Nein. Aber ich danke euch. Was ist so besonders an diesem… Ding, diesem „Ovpar“?“

Sir Rangor wurde langsamer, ritt nun neben Seramus, dem diese ungewöhnliche Fortbewegungsart langsam Freude bereitete. „Das Ovpar ist das Zeichen für das Werden in dieser Welt. Es gleicht einem Ei, in dem das Universum steckt, es ist ein Symbol. Es ist sehr groß, viele Jahrhunderte, vermutlich Jahrtausende Alt. Es gibt die Legende, dass es einst viele dieser Eier gab und dass jedes eine eigene Welt erschaffen hat. Und deshalb wollen alle es haben. Es ist das letzte der Eier und hat die Macht, zu schaffen und zu zerstören. Denn wenn eine Welt erschaffen wird, muss eine alte Welt zerstört werden. Anders geht es nicht. Wir können ja nicht“ er lachte, deutete nach oben, hinauf in den Himmel. „unsere Welt verlassen und dort oben ein neues Forret gründen.“

„Und man glaubt daran?“ fragte Seramus stirnrunzelnd.

Sir Rangor nickte. „Wieso nicht? Es ist nicht abwegig und ich würde nichts tun, um es zu beschützen, wenn ich nicht daran glauben würde. Für eine Sache, die es nicht wert ist, geschützt zu werden, werde ich nicht meine Männer sammeln, sie von ihren Familien trennen und nach Süden ziehen. Dazu bin ich nicht imstande.“ Er schwieg.

„Und das Ei? Wo ist es?“

„Das Ovpar ist auf dem Weg nach Bramant. Dort werden es die Priester in die Tiefen unter dem Katarakt von Sengal einschließen und es wird auf lange oder besser ewige Zeit geschützt sein.“

„Katarakt? Ich kenne das Wort, sind das nicht ein Wasserfall?“

Sir Rangor nickte. „Nicht nur ein Wasserfall, mein junger fremder Freund. Das Katarakt von Sengal beginnt als mächtiger Strom in den Bergen und je tiefer er kommt, desto schneller wird das Wasser. Der Katarakt von Sengal ist ein tödliches Ergebnis dieser Wassermassen. Nur mittels unbekannter Mittel kommt man durch ihn hindurch; Feinde werden nicht nur aufgehalten, sondern zerrissen, wenn sie sich dem Wasser nähern. Es ist so schnell, es reißt einem Menschen das Fleisch von den Knochen!“

„Und dort gibt es eine Höhle, in der man das Ovpar aufbewahren kann? Und dort ist es sicher?“

„Sicher vor dem Feind von draußen ja. Der Feind von innen ist eine andere Sache, aber ich vertraue darauf, dass die Priester ihre eigenen Männer so ausbilden, dass diese lieber sterben als einem Feind zu helfen, die heiligen Objekte zu finden oder zu stehlen. Das Ovpar ist dort in Sicherheit. Aber erst, wenn es in Bramant ist, dann kann ich wieder ruhig schlafen. Ich habe die Nachricht erhalten, dass die Armee, die es beschützt, zwei Tagesritte entfernt sein soll. Es gab wohl schon einige Gefechte mit Angreifern. Nicht nur mit Toten, auch… Menschen, Magiern und Banditen hatten sie es wohl zu tun. Bedenke dies, mein junger Freund: Das Ovpar ist soviel wert, dass mancher Räuber sich nicht mehr beherrschen kann.“

„Und die Toten möchten damit die Welt vernichten?“

Sir Rangor lächelte. „Dann wären sie aber ziemlich dumm, nicht wahr? Wenn keine Welt mehr vorhanden ist, was wollen sie denn damit beherrschen? Nein, sie möchten das Geheimnis erfahren, die Kraft möchten sie kennenlernen, die dem Ovpar innewohnt. Damit könnten sie vielleicht noch mächtiger werden als sie schon sind. Schau es dir doch an.“

Sie drehten sich um und die graue Wand, die sich hinter ihnen befand, war noch immer in Bewegung, trotz des Rauches und des rotglühenden Feuers, dass weiter hinten, in fast unsichtbarer Ferne lodernd brannte. „Was kann sie aufhalten? Nur Feuer. Aber Feuer verlöschen. Und wenn der Anführer der Toten die Idee hat, schneller voranzukommen, in dem er einige seiner Krieger in den endgültigen Tod schickt, in dem er sie dazu zwingt, das Feuer mit ihren eigenen vergammelten Körpern zu löschen, dann ist er ein kluger Mann. Oder Frau, je nachdem. Den Toten ist es egal, welchem Geschlecht sie einst angehörten. Sie hören nicht auf zu jagen.“

„Eure Welt, ich meine, Forret ist wirklich faszinierend, Sir Rangor.“

„Ihr kommt eindeutig nicht von hier, junger Mann.“ Sir Rangor starrte ihn an. Dann grinste er. „Vielleicht kommt ihr aus dem Westen, dort, wo die Steppe beginnt, die monatelang nicht verschwindet, nur bevölkert von Nomaden, die ihre kriegerischen Gefühle auf dem Rücken von Pferden austragen, die sich gegenseitig bekämpfen und umbringen. Und ihr wisst dies nicht mehr, ein Schock…“

„Liara hat mir ein wenig davon erzählt, aber ich habe kaum etwas gehört. Meine Schmerzen waren wohl zu groß, um die Welt um mich herum erfassen zu können.“ Seramus befühlte seine Wunde. Noch immer war sie da, ein Druck auf sein Fleisch, aber es wurde besser. Wenn er lang genug überlebte, konnte er sich sicher sein, dass er wieder vollständig hergestellt war.

„Ihr grübelt schon wieder, Seramus. Wisst ihr nicht, dass Grübeln eine Krankheit ist? Sie hält uns davon ab, etwas zu erringen.“ Sir Rangor deutete nach vorn. „Wir werden heute Nacht unser Lager in Zelten aufstellen. Morgen treffen wir auf den Zug, der das Ovpar nach Bramant bringt. Ihr werdet dabei als mein Knappe auftreten, wenn ihr nichts dagegen habt. Leider hat es mein echter Knappe nicht geschafft, herzukommen. Er ist tot. Ich vermisse ihn.“ Sein Kopf sank in seine Schultern. Sie schwiegen wieder.

Die Sonne warf noch immer ihre herbstlichen Strahlen auf die Erde und das Gras an den Seiten der Straße war von einem fahlen Grün. Um sie herum bildeten sich  goldfarbene Felder. Männer und Frauen arbeiteten hier, um die Ernte einzubringen. Es war eine hastige Arbeit, wie Seramus sehen konnte. Er konnte sich daran erinnern, wie er Bilder gesehen hatte von Ernten, von Familien, die gemeinsam ein Lied singend die Früchte der Erde einsammelten; aber das hier war wohl eher eine Reaktion auf die nahenden Toten. Er fühlte Mitleid.

„Sehr ihr das Holz an den Rändern der Felder liegen?“ fragte Sir Rangor. Seramus nickte. „Sie wissen, dass die Toten kommen. Was sie nicht ernten können, müssen sie verbrennen. Und in ihnen lebt die Hoffnung, dass diese Wesen gleich mit zu Asche werden.“

„Haben sie auch Angst, dass sie… Wesen wie diese werden?“

„Du meinst, Menschen zu Toten, die durch die Welt wandern und Tod verbreiten? Nein, bedenken musst du, dass sie durch ihre eigene Art und Weise, geboren zu werden, schon dazu gemacht worden sind, am Ende nicht zu sterben. Sie sind nicht gebunden an den Kreislauf von Geburt und Tod; sie gehören nicht in unsere Welt. Und dennoch; etwas würde fehlen, wenn sie alle nicht mehr da wären.“

Seramus fühlte, wie sein Körper der Müdigkeit trotzen versuchte und dennoch, nach dem sie alle stundenlang geritten waren, wurde die Sehnsucht nach Schlaf immer größer. Seine Augen begannen zu zittern und sein Kopf  im Takt des Pferdes auf- und abzuwippen. Trübe Gedanken schossen in sein Hirn, vermengten sich mit den Bildern vor ihm, die Geräusche der Menschen um ihn herum, all das verursachte ihn ihm das Gefühl von Fremdartigkeit, als wäre das alles nur ein Traum und er würde irgendwann wieder erwachen, so bald wie möglich und er wäre dann auch tatsächlich wieder er selbst, mit seinem richtigen Namen, ohne die Wunde in seiner Schulter, in einer Welt, die er begreifen konnte. Er fühlte, wie die Welt an ihm vorbeikippte, wie sich der Horizont verschob, der Himmel seinen angestammten Platz verließ und…

die Hand an seiner Seite. „Ihr schlaft doch nicht etwa ein, Seramus?“

Die Welt war wieder da, so klar und hell, dass sie kein Traum sein konnte und Seramus fühlte, wie ihn die Hoffnung verließ, es wäre nur ein Sprung hinaus aus dem Schlaf notwendig, um wieder… „Ja, ich war…“ Er gähnte. Jede Sehne, jeder Muskel seines Körpers fühlte sich an, als wäre er schon Jahre unterwegs auf diesem Pferd. Dem konnte er die Müdigkeit nicht ansehen. Pferd, was für ein Wort. Ein Vierbeiner. Muskeln. Mehr nicht. In dieser Phase kam ihm alles so falsch vor; besonders die Blicke der Leute um ihn herum.

„Ihr wisst schon, dass ihr schief auf dem Pferd hängt. Eigentlich müsstet ihr jeden Augenblick zu Boden fallen.“ Sir Rangor stieß ein halsbrecherisch nasales Lachen aus. Es war faszinierend, zu sehen, wie man hier mit der Anwesenheit des Todes umging. Man musste sich schon eine bizarre Version von Humor angewöhnt haben.

„Ich bemühe mich, Sir Rangor, nicht in den Dreck zu fallen. Aber ich vermute, ich bin tatsächlich noch nie auf einem Pferd unterwegs gewesen. Und es wird…“ er gähnte, „es wird Abend. Dieser Tag beendet sich schneller, als man denkt.“

Sir Rangor nickte. „In der Dämmerung werden wir mehrere Dutzend Meilen von den wandelnden Toten entfernt sein, dann können wir uns ausruhen und dann am Morgen weiterreiten. Es wird eine kurze Nacht werden, eine harte Nacht. Aber ihr seid schon mehr gewöhnt als manch anderer. Es wäre Wahnsinn, länger zu warten. Und morgen treffen wir auf den Zug.“

„Die Toten ruhen nie aus?“

„Ja, wozu auch? Sie sehen zwar nichts im Dunkeln wie wir aber das brauchen sie nicht. Ihre Magie treibt sie voran; das Ovpar ist für sie wie ein Leuchtfeuer, das bis in den Himmel strahlt. Und sie brauchen keinen Schlaf. Sie sind schier unaufhaltsam. Deshalb sind wir in Eile.“

Die Straße schien noch immer endlos zu sein, doch als der Abend hereinbrach, hielt der Tross an. Eilig und unsagbar still, ohne dass Kommandos ausgerufen werden mussten, wurden Zelte am Straßenrand aufgeschlagen, geflüsterte Befehle vergeben, so dass die Männer in Rüstungen sich formierten und der eine Teil schlafen ging, während der andere begann, Wache zu halten. Seramus bekam davon nicht viel mit. Er lag in einem Zelt, auf einem Fell, das über einem Haufen Stroh gelegt worden war und sein Blick verschwamm. Bald würde es weitergehen; sagte er sich, gähnte und blickte nach oben in die graue Zeltwand, die über ihm einen sehr nahen Himmel bildete. Und dann verschwamm alles in einem Hauch von Nichts. Die Sterne über ihm kreisten in unbestimmbaren Bahnen in einer Welt, die er noch immer als zu fremd für sich selbst fand. Und dennoch, irgendwie hatte er das Gefühl, daheim zu sein.

Das Surren weckte ihn und er fühlte, wie sich im dünnen Stoff kurz über ihm ein Riss bildete und in unsagbarer Langsamkeit eine metallene Spitze eindrang, der Pfeil eine Linie bildete, kaum eine Handbreit über ihm und dann gegenüber stecken blieb. Ein zweiter Pfeil folgte, schneller als der erste. Er erwachte, atmete schwer. Erst dann hörte er, wie Männer schrien; das Hämmern von Metall auf Holz oder Knochen; hörte Rufe, gebellte Kommandos. Er fuhr auf, kaum einen Augenblick zu früh, die Klinge krachte bereits hinunter, dort, wo sein Kopf sich bis vor einigen Augenblicken befunden hatte. Fluchend versuchte der Angreifer sie aus der Erde zu ziehen. Seramus wirbelte herum, schneller als er denken konnte und bohrte ihm eine seiner beiden Klingen in ein Knie. Zuckend brach der Mann zusammen, hielt sich am Stiel der Axt fest und betrachtete erschrocken das Blut, das aus seinem Bein sprudelte.. Dann sah er Seramus. „Er ist hier…“ brüllte er, verstummte jedoch, als die zweite Klinge in seinen Hals drang. Er verdrehte die Augen, zuckte und brach nun endgültig zusammen. Seramus blickte sich um. Niemand hatte den toten Mann gehört.

Er rollte sich ins Licht der Flammen, die aus einem der Wagen loderten. Wie Kreaturen aus Metall, ruckhaft, schier unmenschlich kämpften die Männer um Sir Rangor um ihr Leben. Ihre Gegner waren viele, Menschen, denn sie bluteten, fluchten und brachen unter der Schwertern und Äxten der kampferprobten Männer zusammen. Sir Rangor hieb gerade einem der Angreifer den Schild in den Hals, da erhielt er einen Schlag mit einer Keule in den Rücken. Er krümmte sich von dem Einschlag, ein zweiter sollte folgen, als

aus der Hand seines Gastes beschleunigte eine rotierende Scheibe, ein weißer Riss in der Nacht und die Klinge fraß sich in den Kopf des barbarischen Angreifers. Sir Rangor sah, wie er fiel. Seramus war innerhalb weniger Augenblicke zur Stelle, riss sein Kurzschwert aus dem Fleisch des noch zuckenden Mannes. Sir Rangor grinste. „So retten wir uns nun die Leben, was?“ Er parierte einen Schlag von unten und stieß mit dem Schwert zu. „Wieder zwei feige Bastarde einer Hure und eines Esels weniger.“ Er brüllte Kommandos in die Finsternis. „Feige Hunde, sag ich euch.“ Das Gemetzel ging weiter. Klingen trafen auf Fleisch und Sehnen, durchtrennten, schlachteten förmlich die Gruppe der Angreifer auf ein unansehnliches Stück Existenz zusammen. Pfeile flogen, prallten an den metallenen Rüstungen ab oder blieben im Gewebe stecken. „Holz und Steine“ sagte Seramus zu sich selbst; er fühlte sich wie ein Tiger in einer Herde von Schafen, deren dumpfe Hufen ihm nichts antun konnten. Seine Kleidung troff von Blut und er musste sich bemühen, nicht auszugleiten, der Boden war voller menschlicher Überreste. Die wenigen Überlebenden, Männer, die Teile ihres Körpers zurücklassen mussten, krochen hinaus in die Finsternis oder wurden gnädigerweise von Sir Rangor und seinen Männern von ihrem unseligen Leiden erlöst. Der Tag dämmerte bereits, als Ruhe einkehrte.

„Ich habe 4 Männer verloren“, sagte er kopfschüttelnd, „2 Pferde und einen Wagen mit wichtigen Dingen. Sehr wichtigen Dingen. Ich bin ein rachsüchtiger Mensch, Seramus.“

„Wer war das?“

„Narren, angeregt vom Geld, das man ihnen zu zahlen versprochen hatte für einen Hinterhalt… Feige Hunde. Schau dir das an.“

Er griff sich eine Leiche und zerrte sie ins Licht des brennenden Wagens. Die Augen weit aufgerissen, starrte der tote Mann in den Himmel. Seine Wange zierte ein vernarbtes X. „Hiermit markieren wir unsere Verbrecher. Er ist ein Räuber. Ein schlechter, nehme ich an, denn das X erhält man direkt am Anfang, wenn man erwischt und verurteilt wird. Nach einigen Jahren in den Minen werden sie freigelassen oder sie fliehen vorher und dann schließen sich sich Banden an, plündern, brandschatzen… oder lassen sich bezahlen, um zu töten. Normalerweise sind es mehr, aber hier hatte wohl jemand keine Zeit. Wir kommen näher, mein Freund. Näher an das, was man uns erlaubt, zu sehen. Aber man merkt auch, dass wir angreifbar sind.“

Er wandte sich um, brüllte Befehle. Innerhalb weniger Minuten waren die Leichen von den Straßen gebracht worden. Sir Rangor warf Seramus einen Beutel zu. „Das sind die gesammelten Münzen von unseren Angreifern. Ich bin euch etwas schuldig und glaube, damit kann ich euch durchaus helfen.“ Er lachte. Dann stiegen sie auf die Pferde und langsam setzte sich der Tross wieder in Gang.

„Habt ihr etwas von ihren Auftraggebern erfahren?“

Sir Rangor schüttelte den Kopf. „Nur einen Zettel mit einem Symbol.“

Es war eine Kurve mit mehreren gerade kurzen Strichen durchzogen, an dessen oberem Ende ein Dreieck befestigt war, dessen dünnste Spitze nach links reichte. „Es sieht aus wie das Skelett eines Wesens, das wir nicht kennen“. Sir Rangor nickte. „Es sieht aus wie der Tod.“

XVI

„Die Natur gibt uns Regeln vor, nach denen wir zu leben haben. Mit einem Ding wie dem Drachen in unseren Händen, das von uns lebt, das uns braucht, wie wir hoffen, mehr als Hoffnung ist es nicht, jedenfalls mit dem Drachen. Er wird alle paar Monate, wir ihr alle wisst, in die Arena geleitet, wo man gegen ihn kämpft, verliert, sich opfert. Währenddessen sind die Wissenschaftler dabei, den Kampf auszuwerten, Anweisungen in Mikrofone zu schreien und dann… zu sehen, wie der arme Mensch, der denkt, er tut einen großen Dienst und schafft es vielleicht… zu Grunde gerichtet wird.“

„Aber die Ehre!“

Neru lächelt. „Ja, die Ehre. Die Familie des Mannes wird eine Zeitlang unterstützt, kommt in neusten Sendungen im TV oder im Radio; aber das wars schon. Aber ich schweife ab. Die Masse an Menschen wird immer kleiner. In der Tiefe sind die Bedingungen nicht gegeben, viele Kinder zu haben. Der Drache ist jedenfalls nach dem Kampf auch erschöpft und wird durch bestimmte Gase zum Einschlafen gebracht und dann durch Maschinen in sein Gehege, in sein Gefängnis zurückgefahren. Irgendwann wacht er wieder auf. Und dann hämmert er gegen die Türen, die so dick sind, dass nur Maschinen selbst sie öffnen können. Und dann wartet der Drache.“

„Aber er ist schon so lang darin, was frisst er denn?“

„Nichts. Er frisst nichts. Unsere Wissenschaftler sind noch immer auf dem selben Stand wie vor hunderten Jahren. Wir vermuten, dass er die Fähigkeit hat, seine Energie aus der Quelle zu beziehen, die uns vor 347 Jahren in die Erde getrieben hat.“

„Aber er ist doch nicht der Drache, der uns…“

„Nein.“ Leutnant Sposka richtete sich auf. Sie hatte die letzten Minuten damit verbracht, ihr Gewehr auseinanderzunehmen und wieder zusammenzusetzen. Sie lud durch, es klackte. „Wäre der Drache, der hier ist, der eine große Drache, dann wäre er hier und wir da oben und es würde uns nicht kümmern, was er macht.“

Neru lächelte. „Das Tier hier unten… es ist nur ein winziger Drache im Vergleich zu dem da oben. Wir haben Gerüchte gehört, dass der Große über hundert Meter hoch ist; mehr ein Berg als ein Wesen ist. Und er kann fliegen. Wie wir alle wissen, wissen wir nichts. Vermutlich ist also der große Drache eine Art Elterntier und der kleine Drache hier unten eines seiner Nachkommen. Wir wissen auch nicht, ob es oben noch mehr von dieser Spezies gibt. Vielleicht sind da oben dutzende Tiere und verbrannte Erde, Asche, geschmolzene Berge… worauf ich hinaus will: Diese Tiere, Dinger, sie brauchen nicht wirklich Nahrung; sie leben von einer Energie, die wir nicht verstehen. Und so sind wir in einer prekären Lage. Worauf ich hinaus will: Der Drache wartet immer wieder auf den nächsten Zeitpunkt, wenn die roten Lampen anspringen, die Sirene ertönt, ein Kampf folgt. Ja-Lib hat überlebt und ist verschwunden, aber er hat etwas hinterlassen. Eine Nachricht, Erpressung, Warnung, was auch immer.“

Es klickte und ein Bild wurde an den Wänden des Wagens projiziert. Die Stimme war all zu bekannt.

„Meine lieben Freunde, bekannte und unbekannte Menschen; wir leben seit so ewig langer Zeit hier unten in diesen verrottenden Mauern, die uns die Angst aufdiktiert hat. Wir selbst sind nur Figuren in einem Spiel der Menschen, die da oben, auf den Ebenen näher der Erde. Doch, wieso leben sie nicht weiter unten, noch weiter entfernt von der offenkundigen Gefahr, die auf der Erde lauern soll? Ich weiß es nicht und dennoch, genau dieses Nichtwissen ärgert mich; macht mich wütend.

Ich bin Ja-Lib und ihr alle habt mich kämpfen sehen. Diese Gestalt, die man einen Drachen nennt, ist jedoch nicht einmal der wahre, große Gegner, den man euch in euren Kindergeschichten präsentiert. Nein, es ist nur ein kleiner, winziger Feind, den man benutzt, um eure Aufmerksamkeit aufrecht zu halten. Ein Mensch, der in Angst lebt, hat keine anderen Sorgen; er kümmert sich nicht um die Welt um ihn herum. Er macht seine Arbeit, immer darauf bedacht, bald seinen kleinen Vergnügen wieder nachgehen zu können. Dann seht ihr die Kämpfe in der Arena, seht zu, wie Männer wie ich selbst dem Tod versuchen zu trotzen. Doch damit hat es jetzt ein Ende.“

Das Bild flackerte, als sich die holografische Gestalt umdrehte. „Ich gehe jetzt nach G13. Dort muss es eine Antwort geben. Man hat mir und euch viel zu viele Geschichten erzählt, dass dort das Böse lauern soll, doch das Böse, werte Mitbürger, Mitleidende: es ist nicht in den Tiefen unserer Welt zu finden, sondern in den Höhen. Doch wenn das Böse über uns lauert, dann findet man das Gute viel weiter unten. Ein guter Freund von mir war einst da unten und er hat nur sehr knapp überlebt. Doch er war schwach. Er hat diese Reise völlig falsch angefangen und wurde bestraft.

Ich selbst, Freunde,  habe die Arena so oft verlassen, dass der Schmerz, den mir diese Reise bereiten wird, nur begrüßen kann: Er ist klein, fast winzig im Vergleich zu den Wunden, den mir die Bestie bereitet hatte. Schaut sie euch an: Sie ist groß und dumm und nur dazu geeignet, Menschen in die Schranken zu weisen. Doch man kann sie überleben.

Damit man mir aber nicht folgt, denn ich weiß, das wird man, dafür bin ich zu bekannt, habe ich ein Geschenk für euch.“ Ja-Libs leuchtendes Gesicht grinste.

„Ich habe einen Computervirus erworben. Es gibt genug kriminelles Denken auf dieser Welt, das auch nach fast 350 Jahren in der Dunkelheit nicht verschwunden ist. Dieser wird in 72 Stunden, in 3 Tagen, den Käfig öffnen, in dem der kleine Drache leben muss. In dieser Zeit werde ich mich nach unten begeben und vielleicht zurückkommen, wenn ich das habe, was ich will. Und falls nicht, so wird es mir ein Vergnügen sein, zuzuschauen, wie das Monster meine Zivilisation in ihren Grundfesten erschüttert. Seid gewarnt! Wenn ihr mich verfolgt, wenn ihr mich verfolgt, dann habt ihr keine Zeit mehr für die notwendigen Reaktionen auf meinen kleinen Plan. Rettet euch, wenn ihr könnt. Flieht nach oben. Holt euch euer Recht zurück, Menschen zu sein.“ Das Licht erlosch.

„Was für ein kindisches Geschwafel.“ Leutnant Sposka hatte den Kopf in ihren Händen versenkt. „Was für ein Idiot. Und wir sollen ihn retten.“

„Ja, Retten und zurückbringen und das in weniger als 72 Stunden, sonst blüht uns etwas, das wir uns nicht vorstellen können. Der Drache wird freigelassen und…“

„Aber kann man ihn nicht wieder einfangen? Oder irgendwie so?“

Einer der Zwillinge schaut auf. Neru nickt. „Sicher… aber wir wissen nicht wirklich, wie man ihn damals gefunden und gefangen hat. Es gibt kaum Unterlagen und die Möglichkeit, ihn zu betäuben, wie wir es in der Arena oder in seiner normalen Unterkunft tun, ist nicht überall vorhanden. Nur in der Arena und in seinem Gefängnis… sonst kann er sich überall ungehindert bewegen.“

„Und Sie können die Menschen auch nicht warnen, weil man sonst… 1. weiß, dass er freigelassen wird und 2. die Leute in Panik geraten und versuchen, sich in die oberen Stockwerke zu flüchten und man weiß, das dann geschehen wird… ein Aufstand. Das Militär wird gerufen und wird die Menschen unsanft darauf hinweisen, dass sie Ruhe bewahren sollen. Und dann wird es Krieg geben und es werden viele Leute sterben. Währenddessen wird der Drache seine große Reise beginnen und … naja, der Rest wird Geschichte sein.“

Neru nickte. „Ich sage es nicht gerne, aber Notna hat Recht. Jedes Verbreiten dieser Nachricht bringt mehr Opfer als die böse Alternative. Dennoch, wir müssen genau deshalb Ja-Lib finden und zurückbringen. Er mag naiv sein, aber… nein, er ist einfach naiv, zu denken, dass der Drache befreit werden muss. Ich mag ihn, wirklich, aber in dieser Hinsicht muss ich hart sein. Hart genug, das Wohl der Leute, die in gewisser Sicherheit leben wollen, weit mehr zu schätzen als ihn.“

Man hörte förmlich, wie seine Kieferknochen knackten. Salara legte ihm die Hand auf die Schultern. Der Wagen ruckelte und hielt an. „Es wird Zeit. Wir gehen hinunter. Gewalt wird nur im äußersten Notfall eingesetzt. Wir sind zu wenige, um einen echten Kampf überleben zu können.“

Die Tür öffnete sich, sie stiegen aus, betrachteten die Umgebung. In der Ferne blitzten die Lichter winziger Fenster aus den zum Himmel ragenden Häuser. Doch hier, Neru fühlte fast, wie der Wind heulend um die Ecken fuhr und diesen Ort in die Unwirklichkeit schob, hier draußen war alles anders.

„Das Tor zur Unterwelt“ sagte Jamses und zitterte förmlich. Neru drehte sich um. Das schwarze Gebilde mit den Riegeln und Schlössern, größer als ein einzelner Mensch, durch Maschinen gesteuert, die weder Angst noch Tod kannten, vermochte den Betrachter in Panik zu versetzen, in einen Rausch versetzen, an die Hölle zu glauben, eine bittere Erfahrung, die er und Salara bereits geteilt hatten.

Er drückte einen verborgenen Knopf, der eine versteckte Platte aus dem metallenen Ungetüm herausfahren ließ. Rotes Licht glimmte schwach aus den Ritzen zwischen den Zahlentasten hervor. Vorsichtig, fast zärtlich, legte er seine Hand auf die hervorstehenden Tasten, dann seufzte er und tippte einen Code ein. Begleitet von einem lauten Pling begann sich das Tor zu öffnen, Riegel wurden zurückgeschoben, Maschinen erwachten brüllend zum Leben, langsam schob sich die Wand in einem Halbkreis zur Seite. Dampf schoss aus den Öffnungen, die sich bildeten, eine Wand aus Gestank, Menschlich und tierisch… all diese Kakophonie aus Geruch und Lärm, es wirkte, als wäre die Tür zur Unterwelt aufgestoßen worden.

„Tretet ein und lasst alle Hoffnung fahren“, flüsterte Leutnant Sposka. Notna wandte sich um, die Augenbrauen erhoben. „Sie kennen Dante?“ Sie nickte. „Ich mag das Buch, gerade hier unten brauchen wir etwas… passendes.“

„Nun denn“, teilte Neru mit, „die Tür ist für 2 Minuten offen, dann schließt sie sich wieder. Nehmen wir unser Gepäck und die Waffen und begeben wir uns auf eine fantastische Reise…“ Er versuchte zu lächeln, vergebens.

Genau nach den versprochenen 120 Sekunden heulten die Maschinen wieder auf und ließ die Menschen allein zurück, abgeschnitten von ihrer Welt. Der Geruch, der sie empfangen hatte, begann sich betäubend auf ihre Nerven auszuwirken.

„fast 300 Jahre Gestank auf einmal“, sagte einer der beiden Brüder, mit dem P gekennzeichnet, Piotr, „das ist mal heftig.“ Jamses nickte. „Das passiert, wenn man sich nicht um die Wartung kümmert. Aber ich müsste doch eigentlich zurück, sonst passiert es…“ er zuckte, als der Boden sich in Bewegung setzte. Die ganze metallene Fläche von mehreren dutzend Schritten fuhr langsam nach unten. „Es gibt kein zurück, mein junger Freund“ Notna trat näher. „Wir gehen zur Hölle und du kommst mit uns.“ Wieder begann der Techniker zu zittern.

„Wie wird wohl Ja-Lib heruntergekommen sein?“ fragte Salara. Sie hatte es sich auf ihrem Rucksack so bequem wie möglich gemacht. Neru zuckte mit den Schultern. „Es gibt genug Schmuggler, geheime Wege, unveröffentlichte Gänge… und wenn man Kontakte hat oder ein Star ist, dann kommen Leute auf einen zu, die man sonst nicht kennt. Glaubt ihr, dass die Welt sich nur um euch dreht? Diese kleine, finstere Welt, so halbdunkel wie das Licht am Himmel und graue Gedanken jeden Menschen befallen, der hier lebt? Nein, es gibt mehr als das Leben hier und das müsst ihr lernen. Sicher hat Professor Notna einige Dinge erforscht, aber das war nur ein kleiner Teil, denn je mehr wir wissen, desto mehr sind wir fokussiert auf unser kleines Dasein.“

Sie starrten ihn an. Neru bemerkte, wie er sich in Wut redete. „Wir sind die letzte beschissene Hoffnung dieser winzigen Welt. Vor 347 Jahren… da gab es 8 Milliarden Menschen auf der Oberfläche, die sind alle tot. ALLE“ Neru sah auf den Boden, betrachtete, wie sein Fuß Schlieren, Muster, im Staub der letzten Jahre zeichnete. Er lächelte. „Wir haben unser Leben da unten riskiert. Und dieser Vollidiot, den ich Freund nenne, Ja-Lib, geboren vor 30 Jahren, aufgezogen vom Staat… er setzt noch mehr als sein Leben aufs Spiel, er setzt unseres und das der wenigen Menschen in einen stählernen Käfig, den er dann in die glühende Lava unter unseren Füßen sinken lässt. Aber hey, wir sind hier und er ist auch irgendwo da… aber ich gehe nicht davon aus, dass wir es schaffen werden.“

Das Dröhnen der Maschinen unter ihren Füssen begann, zu stören. Neru setzte sich an den Rand der runden Fläche und starrte ins Nichts. Salara nahm Professor Notna an die Hand, er erstarrte, blickte sie an. „Was? Das ist doch… wie kann er.“

Sie seufzte. Worte waren überflüssig. Sie mochte ihn und im Rahmen ihres gemeinsamen Todes wollte sie eigentlich etwas Wichtiges mit ihm besprechen, aber hier, genau hier unter den Augen der versammelten Kandidaten eines unnachahmlich grandiosen Todes, eines Fehlschlags, der die Welt ein zweites und letztes Mal in den Abgrund… sie schüttelte den Kopf. Hirngespinste, Salara hasste sie mehr als alles andere. Mehr als die Arbeit, mehr als die Narbe, die noch immer schmerzte, wenn sie keuchend aufwachte, allein in ihrem Zimmer im mittleren Stockwerk eines standardisierten Hochhauses, über ihr eine Familie mit 3 Kindern, unter ihr eine alte Frau, die einfach nicht sterben wollte und sich über jede Möglichkeit, den Nachbarn zur Last zu fallen, vermutlich vor Jahren informiert hatte, doch das war jetzt egal. Mit zornigem Grinsen stellte Salara sich vor, wie der Drache an diesem Haus vorbeischwanken würde; einen kurzen Schlag mit dem Schwanz und die brechenden Gerüste, die das Gebäude zusammenhielten, ein Ton, den sie zu gerne hören würde. „Das Kranke ist, dass ich es genießen würde, hier unten zu überleben, während die anderen da oben draufgehen.“ Erneut die Stimme aus ihrem Inneren, die sie erst entdeckt hatte, als…

„Aber was ist denn los? Warum geht es nicht weiter?“

Dieser kleine Techniker, Jamses, starrte verzweifelt die Decke an.

„Wir haben angehalten, weil wir schon da sind, kleiner Mann.“ Notna zog seine Hand aus Salaras und deutete auf ein Signal, das die meisten Leute übersehen würden, verdeckt von Fäden aus Staub und Spinnweben. „Wir sind auf Ebene G10 und bald werden wir mit dem großen Bären sprechen müssen.“

Die Tor öffnete sich genauso laut wie die vorherige und ein Schwall übelster Luft prügelte sich förmlich in den Raum. Die Zwillinge grinsten. „Das riecht hier wie Eintopf unserer Großmutter“, lachte Boris. „Nein, das ist der Gestank von 300 Jahren halb funktionierende Umweltkontrolle, 100.000 Menschen, die sich nicht waschen und ihre Exkremente in selbstgebauten Deponien zum Reifen bringen um ihre Nahrungsmittel darauf aufzubauen.“ Leutnant Sposka rieb sich die Augen. „Ich habe von den Menschen hier unten gehört. Es sind eher Affen als intelligente Lebewesen. Vergessen wir es einfach. Der Geruch gehört dazu. Wir werden jetzt unser Marschgepäck anzuschnallen und losgehen.“

„Nein“ rief Neru, der sich noch immer nicht bewusst war, dass die Maschinen angehalten hatten. „Wir müssen warten, es ist sonst zu..“ doch Sposka war schneller. Er konnte noch ihre Gestalt am Rahmen der Tür sehen, eine kleine muskulöse schattige Figur, die dann bereits nach rechts abgetaucht war.

„Verdammte Militärtypen“ Notna fluchte. „Sie ist immer so, wenn sie aufgeregt ist“, sagte Pjotr und kaute auf seiner Zunge, während ihm sein Bruder half, das Maschinengewehr zu schultern. „Sie ist nicht weit fort, nur außerhalb unserer Sichtweite. Sie war wohl schon einmal hier unten.“

Salara seufzte und begann, Leutnant Sposka zu folgen, weiter hinten liefen die Zwillinge, dann Notna und Jamses, dem Neru versucht war, einen Tritt zu geben. Jamses taumelte fast unter dem Ansturm der neuen Gerüche, die um ihn herum auftauchten und bedauerlicherweise nicht mehr versiegten. Er hielt sich die Nase zu. „Atme, mein Junge, irgendwann gewöhnst du dich dran“. Neru stampfte auf. „Noch wenige Stunden, dann ist alles vorbei. Ich hoffe, du hast keine Familie da oben, Kleiner, sonst sind die schneller tot als wir G12 gelandet sind. Dann ist alles vorbei. Willst du das?“ Jamses schüttelte den Kopf, als wollte er damit seine Angst vertreiben. Ihm gelang es offenkundig nicht.

Ein Knall durchfuhr die Luft, ein Klirren. Ein zweiter Knall, als würde jemand einen stockenden Motor anwerfen und hoffen, er würde beim Tritt auf das Gas irgendwann wieder funktionieren. Es knatterte lauter als alles, was sie gehört hatten. Projektile schlugen hinter ihnen ein, prallten ab, landeten auf dem Boden. Neru starrte sie an. „Verdammte Scheiße“, brüllte er und warf sich in den Staub, drückte auch den jungen Techniker, von dem er hoffte, dass sich der nicht in die Hose machte, hinunter. Sie robbten aus der Tür.

Kreuzförmige weiße Explosionen über dem Abgrund, vielleicht einige Dutzend Schritte das sie von einer sicheren Einkehr trennte. Eine Tür, die Neru im Schlaf erkannt hätte. Sicherheit.„Wir werden angegriffen“, schrie Leutnant Sposka. Neru hob die Augenbraue. „Na, das kann ich mir aber nicht vorstellen“, versuchte er… doch der Sarkasmus, der ihm sonst in den Knochen steckte, drang nicht aus seinem Mund.

Dann verstummte das Gewitter. Schreie wallten auf, als sich die Angreifer in einer Zange zwischen schreienden Menschen und dem Abgrund, der in eine unfassbare Tiefe reichen musste, wiederfanden. Die wenigsten sprangen freiwillig. Neru lächelte. „Ursa ist noch immer ein Mann weniger Worte.“

Aus der Menge der wenigen Menschen, die sich auf dem Balkon ihnen gegenüber versammelt hatte, tauchte ein Gesicht auf, grimmig und doch… „Ich kenne ihn“, sagte Notna, „Aber ich kann mich nicht an seinen Namen erinnern. War er nicht…“

Sie lächelten, als er zu ihnen trat, über die schmale Brücke, die den Eingang in die G10 und sein Reich zusammenhielt. „Ich dachte schon, es dauert länger, bis Sie alle hier unten sind, in meinem kleinen Paradies.

Ja, das ist faszinierend: Menschen, die sich nie kannten und doch zusammenarbeiten müssen und ihren Glauben auf eine neue Stufe transportieren müssen.“

Notna blickte auf. „Ich kenne Sie. Sie sind doch…“

Neru schlug ihm auf die Schulter. „Lassen Sie das. Möchten Sie, dass er hier all seine Autorität verliert? Hier unten sind die Leute etwas unbeherrschter.“ Er flüsterte nur.

Ursa war ein großgewachsener Mann, vom Alter her kaum einschätzbar, voller Narben, ein Auge zusammengesunken in der Höhle, das andere leuchtend und hell, dass es nicht echt sein konnte. Es strahlte förmlich seine Gäste an. „Ja, ich bins, aber lassen wir das. Je schneller wir wieder in der Stadt sind, desto besser für euch. Man hat euch erwartet. Euer Freund hat vermutlich Leute angeheuert, die euch abhalten sollten, hierherzukommen.“

Sie setzen sich in Marsch, Ursa voran, wie ein Held. Seine Männer, mehr als zwei Dutzend, in primitive Kleidung aus Leder und Metall gewandet, Waffen auf den Schultern; einige mit Verbänden, aus denen noch immer Blut tropfte, starrten zu Boden, neigten ihre Häupter, als die Abgesandten von oben ihre Blicke trafen.

„Sie haben Angst vor uns“, flüsterte Jamses. Pjotr neigte seinen Mund zu ihm. „Sie haben Angst vor ihm.“ sagte er, zackig, militärisch und doch mit einem Hauch von tiefem Respekt. „Er ist der geborene Anführer.“

„Geboren oder gemacht, was spielt das für eine Rolle.“

Sie hatten die Brücke überquert, als sich eine Tür öffnete, eine Gestalt, klein, schnell wie ein Wiesel durch die staubige Landschaft bewegte, sich vor Ursa auf den Boden warf und zitternd liegenblieb.

„Meister, wir haben sie gefunden.“

Der Angesprochene blieb stehen, wandte sich an seine Gäste und lächelte finster. „Oh, das müsst ihr euch ansehen.“

Zwei jämmerliche Gestalten wurden an die Luft befördert. Sie zitterten am ganzen Leib, als wüssten sie… „Ihr da, steht auf. Erklärt euch!“

Wie von unsichtbaren Fäden geleitet, zogen sich die beiden auf ihre Beine und kamen näher.

„Wir…“

„Ruhe! Erst rede ich, dann ihr, vielleicht.“

„Ihr werdet gleich erleben, wieso er so beliebt ist.“ Neru seufzte und schaute in die Runde.

„Ihr habt hinter meinem Rücken mit einem Neuankömmling konspiriert. Ihr habt ihm freie Bahn geboten für Geld, habt ihn zur verbotenen Stätte geführt und habt Leute angeheuert, die diese feine Herrschaft, die gerade heruntergekommen ist, ermorden sollten. Ist das feige? Ist das geldgierig? Ist nicht zu erwarten gewesen, dass ich von dieser Sache Wind bekomme und die Sache selbst regele?“

Sie hielten die Blicke gesenkt, Staub legte sich auf ihre Kleidung nieder. „Und nun wolltet ihr fliehen? Wohin denn? Nach G11, wo die mächtigen Tiere lauern oder doch nach oben, in der Hoffnung, dass ihr dort Arbeit und Unterkunft findet? Seid ihr denn noch dümmer als ihr ausseht?“

Er trat näher heran. „Und von dir hätte ich das wirklich noch weniger erwartet als von den anderen.“ Ein Hieb von seiner Faust traf den Magen seines Gegenübers und trieb ihn förmlich nach hinten. Er kreischte und hielt sich an der angebotenen Hand seines Angreifers fest. „Bitte, es war…“ Erneut ein Schlag; diesmal fühlte Neru ihn förmlich aus dem Rücken würgenden Mannes hervortreten.
Der Schrei, der ertönte, als der Mann über die Ecke des Abgrunds getrieben wurde, war mörderisch, eine Mischung aus Panik und Auflösung. Sie alle starten der verschwindenden Gestalt hinterher, während sich Ursa die Hand an einem Tuch abwischte. Er nickte, als er die Gesichter seiner Gäste betrachtete. „Nur ein Exempel, das statuiert werden musste.“

Notna trat näher. „Das war wirklich nötig?“ fragte er laut. Der Anführer von G10 nickte. „Wenn ich es nicht getan hätte, was wäre dann geschehen, vielleicht wäre ich morgen früh aufgewacht mit einer Klinge im Hals. Hier unten laufen die Sachen anders als da oben im Licht.“

Er richtete sich auf, seine Knochen knackten laut. Neru versuchte zu lächeln, aber es gelang ihm nicht. Salara trat an ihn heran. „Neru, er ist noch schlimmer als damals.“ Neru zuckte mit den Schultern. „Anscheinend ist es notwendiger, hier unten so zu tun, als wäre man der schlimmste Mensch von allen, um Respekt zu verdienen.“

Kreischend öffnete sich eine Tür in der Wand. „Es ist soweit. Wir können die Fahrt nun beginnen.“ sagte eine junge Frau. Neru schätzte sie auf kaum mehr als 20 Jahre, was jedoch durch die Mengen an Bemalungen auf ihrem Körper sehr schwierig war. Er dachte an das, was er damals zurückgelassen hatte.

„Herr Neru, es ist schön, Sie zu sehen.“ Die Frau verneigte sich bis auf den Boden. Ursa grinste. „Nun denn, kommt mit. In meiner Gegenwart seid ihr sicher.“

Sie traten durch die Tür in einen langen Gang. Rechts und links starrten Kabel, Lüftungsrohre aus den Wänden, gespickt mit gebleichten Knochen, Schaubilder einer verwirrend bösartigen Lebensweise, die besonders Jamses zum Zittern brachte. Er hielt sich den Magen, taumelte in der Gruppe hin und her und konnte nur mit Mühe davon abgehalten werden, sich zu verletzen. Ursa drehte sich um. „Euer Freund ist krank?“

Neru schüttelte den Kopf. „Es ist seine erste Reise ins Innere der Bestie.“

Ursa nickte. „Er wird sterben. Hier unten gibt es keine Chance, zu überleben, wenn man nicht an sich selbst glaubt.“

„Ursa, Ihr habt mir diesen Rat damals schon gegeben.“

Der Angesprochene lachte laut auf. „Seht ihr, ich hatte damit Recht.“

Schweigend setzten sich den Marsch weiter. Winkel folgten auf weitere Gänge; das Gefühl, durch das Innere eines Wesens zu marschieren, wurde immer stärker. Der Geruch begann, sich in den Köpfen der Gruppe festzusetzen. Hin und wieder begegneten ihnen Blicke aus Kammern, deren Nutzung man nicht erfragen sollte; dumpfe, kleine Blicke, die eine Ewigkeit kaum anderes Leben gesehen hatte als das von Insekten oder Muster im Staub. Ursa bemerkte die fragenden Gesichter seiner Gäste. „Sie wollten fliehen. Nun, das ist nicht gestattet.“

„Werden sie freigelassen?“ fragte Leutnant Sposka, wusste jedoch, was die Antwort sein würde. „Sie werden ihr kümmerliches Leben hier beenden, so wie sie es angefangen haben. Vielleicht gebe ich ihnen eine Chance, um ihre Freiheit zu kämpfen, aber da muss schon ein recht guter Anlass dazu bestehen. Ah, wir sind gleich da.“

Die Öffnung in der Wand war groß, mit einem dicken Tuch bedeckt. Neru erkannte das Symbol wieder, eine Faust, die in den Himmel ragte. Er zitterte.

Jemand schlug das Tuch beiseite und vor ihnen ergoss sich förmlich die Ebene, von denen die meisten nur in ihren Träumen gehört hatten. Ein dampfender Kessel, sowohl sichtbar als auch so voller Lärm, dass man sich überlegen musste, wie ein Mensch hier unten mehr als einige Stunden aushalten konnte. Es roch wie der Tod, eine Mischung aus Blut, Staub, Exkrementen. Was man weiter hinten, am Ausgang zu G9 riechen konnte, war nichts im Vergleich zur der Kakophonie, die sich hier in die Köpfe bohrte. Der Lärm war grotesk. Sicher, sie hatten hier unten keine Autos, zumindest konnte man sie nicht sehen, aber das Gewimmel von Menschen, die sich durch die belebten Straßen drängten, schien eher einem Haufen von virtuellen Ameisen zu gleichen als…

„Hier ist soviel Leben“ sagte Notna mit erhobenen Augenbrauen und Jamses trat näher an das Licht heran. „Ich habe so viele Dinge gehört, und sie alle sind wahr.“ Er fürchtete sich förmlich. Die Häuser waren nicht so hoch wie er gedacht hatte, eher waren ihre Dächer abgetragen worden; sie waren kaum mehr als 10 Stockwerke hoch. Überall lagen, sorgfältig arrangiert, Häufen von Steinen herum. Man konnte erkennen, wie einige Leute diese von den Resten von Mörtel befreiten.

„Kommt, es wird Zeit. Ich will meine Untertanen nicht so lang warten lassen.“

Sie setzen sich wieder in Gang. Männer in Uniformen blieben stehen, so sie sie sahen und salutierten mit erhobener Faust, den Blick zu Boden gerichtet. Ursa kümmerte sich augenscheinlich nicht darum. „Sie sind hier, um zu dienen, nicht.. um sich mit mir zu unterhalten.“

Die Menschenmenge teilte sich, eine Lücke entstand, so dass das Team problemlos hindurch marschieren konnte.

Die Stadt oder was auch immer vor ihnen lag, musste in einer Art Tal liegen, denn sie liefen so lang bergab, dass sie vermutlich bald eine Ebene weiter unten hätten landen können. Sie begannen sich zu fragen, was denn hier unten die Menschen zusammenhielt, neben der Angst. Denn Angst, so sagte sich Notna, ist nur ein notwendiges Übel, aber keine Lebensaufgabe, selbst hier unten nicht.

Dann leuchtete vor ihnen ein Symbol auf. Erneut die Faust, diesmal in grellen Farben, maßlos erhöht an einer Säule. Und sie hörten das Brüllen von Menschen. Sie traten um eine Ecke, als sich vor ihren Augen eine Mauer aus Stein aufbaute. „Ich habe noch nie so etwas mächtiges gesehen“, sagte Jamses und die anderen mussten genauso geschaut haben wie er, denn Ursa blieb stehen. „Das ist die Mauer der Arena. Dort kämpfen die Menschen um Macht und Ruhm. Aber beeilen wir uns, ich hörte, es ist wenig Zeit vorhanden.“

Ein Mann rannte an ihnen vorbei, ohne darauf zu achten, wem er hier begegnet war. Er schien gehetzt zu werden, verlor keinen Blick auf seine Umwelt. Ursa stieß kurz zu. Der Mann keuchte auf, sein Körper krachte zu Boden. Er wurde vom Gefolge Ursas einige Male getreten, dann gingen sie weiter.

„Warum habt ihr das getan?“ fragte Leutnant Sposka. Ohne ihr einen Blick zu würdigen, schritt Ursa weiter auf dem Weg zu dem unbekannten Ziel. „Er hatte keinen Respekt vor mir.“ sagte er ruhig.

Sie schwiegen. Jamses zitterte wieder. Notna überlegte sich, ob der den jungen Mann gleich hier lassen sollte. Aber das wäre sein Todesurteil gewesen, vielleicht ein Schlimmeres als auf den Ebenen weiter unten.

Neru schaute sich um und noch immer starrten die Leute auf den Boden, wenn ihr großer Anführer an ihnen vorbeischritt. Er erinnerte sich an damals, als Ursa noch nicht der große Chef hier im Ring war, als er einen der Adjutanten des damaligen Herrschers spielte, Befehlen gehorchte, ganz gleich, wie grausam sie schienen und auch waren. Doch dann musste etwas geschehen sein, ein Augenblick der Schwäche und Ursa hatte mit Hilfe einiger Männer die Oberhand gewonnen und einen Staatsstreich eingeleitet und den alten Mann, wie alt mochte er gewesen sein, 50 oder 60 Jahre, von dem Thron befördert, der im martialischen Palast stand. Der Alte war verschwunden und Platz für etwas Neues war geschaffen worden, also hatte sich Ursa der demütigen Bitte seiner Mitverschwörer förmlich gebeugt und hatte die Herrschaft übernommen. Und wie jedesmal musste auch hier eine rigide Säuberung stattgefunden haben. Neru erinnerte sich an die Dokumente, die er daheim gelesen hatte. Immerhin war es nicht zu Plünderungen gekommen, zu einem Aufstand, wie bei dem Machtwechsel davor. Ursa wusste, wie er sein Charisma gewinnbringend einsetzen konnte. Er war nicht der erste, der seine Jugendjahre auf den höheren Ebenen verbracht hatte. Neru lächelte, als ihm das Wort „Königsmacher“ einfiel.

Der Palast schien still zu sein wie in einem Puppenspielerkabinett. Alles war so voller Ausschluss von Lärm, dass die Neuankömmlinge sich fragen musste, ob sie noch immer unter der Erde waren. Selbst in den anderen Ebenen war stets ein leises hintergründiges Rauschen zu hören; seien es die Klimaanlagen oder die regelmäßig fahrenden Bahnen, die die Arbeiter von der Arbeit nach Hause oder umgekehrt beförderten. Doch hier schien dem Lärm nicht erlaubt zu sein, herzukommen. Das einzige Geräusch war das Knacken der Tür, die sich hinter ihnen geschlossen hatte. Sie bemerkten den weichen Teppich, der unter ihren Stiefeln so nachgiebig schien wie alles auf dieser Ebene. Dienerinnen kreuzten ihre Pfade, die Blicke zu Boden gerichtet, wie Geister, die auf Befehle waren. Ursa beachtete sie nicht. Seine Augen waren nach vorn gerichtet, auf die Flammen, die rechts und links neben einem hölzernen Tor ihren Ruß an die niedrige Decke schoben. Einige Schritte vor dem Tor wurde es sachte geöffnet und ein Thronraum erstrahlte im hellen Glanz. Notna bekreuzigte sich unbewusst. „Mein Gott, wo sind wir denn hier gelandet.“ Sposka drehte sich mit fragendem Blick zu ihm um. „Es erinnert mich an Filme, die ich in meiner Kindheit gesehen habe.“

Der Raum war so weiß wie nichts anderes auf der Welt, das sie je gesehen hatten. Wie konnte etwas so lang so hell gehalten werden, gerade hier unten, wo Dreck sich überall ablagern musste, ohne Luft von draußen, die alles reinigte, so sie ungehindert fliegen konnte. „Dienerinnen.“ Ursas Antwort war leise aber bestimmt. „Und genug Druck.“ ER lächelte in sich hinein. Salara fühlte,  wie sich ihre Haare im Nacken von Angst kräuselten, als sie seinen Blick bemerkte. Er war schlecht. Ein schlechter Mensch, und grausam wie die Nacht. Genauso wie damals, als sie sich das erste Mal begegnet waren. Hier. Sie starrte zu Boden.

Neru betrachtete sie schweigend. Dann seufzte er. Er hätte sie nicht mitnehmen sollen. Alte Gefühle lassen sich zum Schweigen bringen, aber nie wirklich auslöschen.

„Wir müssen bald weiter, Ursa“ sagte er, stoppte aber, als er die erhobene Hand seines Gegenübers sah. „Nichts da, Freunde. Wir haben doch Zeit. Ich habe extra für euch eine kleine Willkommensfeier geplant. Einige Stunden habt ihr doch Zeit.“

Salara wollte gerade etwas entgegnen, als sie Nerus Hand an der ihren spürte. Sie schaute ihn an, er schüttelte vorsichtig den Kopf. „Wir bleiben gerne für diese kurze Zeit hier. Bitte, ihr habt unser Vertrauen.“

Ursa grinste. Er klatschte zwei Mal und einige Dienerinnen kamen aus Ecken, die Neru bisher nicht gesehen hatte. „Ruht euch aus, macht euch frisch, Freunde, ich werde euch rufen lassen.“

Er wandte sich um und ging aus dem Raum. Die Dienerinnen deutete mit gesenktem Blick auf die Öffnungen in der Wand. Sie traten in einen Gang, der sich in mehrere Räume verzweigte.

„Ist das eine gute Idee?“ fragte Notna, doch Neru schwieg, deutete nach oben und zur Seite. Notna schaute sich um und erkannte kleine rote Lichter, kaum wahrnehmbar in der Helligkeit, die ihn umgab. Lautlos sprach er die Worte aus, die die anderen zum Nicken veranlassten: „Kameras und Wanzen“. Sie versuchten so unauffällig wie möglich weiterzugehen, doch plötzlich war diese ganze Umgebung von einem unscheinbaren Druck hinterlegt, den sie nicht kannten. Es schien so, als würde jemand auf ihre Seele zusammenpressen, von allen Seiten stürmte förmlich die Angst der Menschen auf sie ein. Die Leute, die hier unten leben mussten unter dem Zwang… Neru seufzte. Er konnte sich nicht vorstellen, dass er der einzige war, dem es so ging. Gedanken rollten auf und brachen herab. Aber ein anderer als Ursa wäre laut seiner Information vielleicht noch schlimmer gewesen. Diese Angst war notwendig, um die Massen hier unten am Zittern zu halten. Angst war die einzige Möglichkeit. Seine Gedanken brachen ab. Er setzte sich auf das Bett, das man ihm mit einem Fingerzeig, wie immer schweigend anbot. Er hoffte, dass die Frauen in Besitz ihrer Zunge waren, nur angewiesen, nicht zu reden, er hatte von Dingen gehört, unsagbaren alten Dingen, die weiter oben die Runde machten. Aber Ursa war bei auf den oberen Ebenen ausgebildet worden, man konnte also davon ausgehen… Er brach wieder ab, als er erkannte, dass die Tür sich geschlossen hatte. Er stand auf und versuchte sie zu öffnen. Sie öffnete sich, doch starrten ihn innerhalb von Augenblicken zwei Augen an, in einem Gesicht gelegen, das eine gewisse dumpfe, doch sadistische Art aufwies: ein junges Gesicht, bärtig, die Wangenmuskeln rollend, als würde der Unterkiefer fortwährend kauen. Alte Narben, vermutlich aus der Kindheit dieser armen Kreatur verzerrten den Blick. Der Mann schüttelte den Kopf und schloss die Tür, so energisch wie notwendig mit einem Hauch von Arroganz. Neru seufzte. „Wir sind gefangene. Ich hoffe, Ursa weiß, wie wichtig unsere Aufgabe ist. Oder…“ Ein Gedanke stieg in ihm auf, aber nur ein Hauch von Wissen. Er hatte vor ewigen Zeiten… Nein, das konnte nicht sein. Er setzte sich wieder auf das Bett, den Rucksack hinter sich geworfen. Er schaute sich um. Der Raum war so karg wie der Rest der Burg mitten im unmenschlichsten Land, das er sich vorstellen konnte.

XVII

Das Reiten schien immer mehr zu einer Last zu werden, je länger Seramus sich damit bemühte. Doch irgendwann gaben seine Muskeln auf und begannen zu schmerzen. Die letzten Stunden hatten sich tief in sein Sitzfleisch gebrannt und mit jeder Bewegung des Pferdes unter ihm schoss eine Welle durch seinen Körper und verebbte nicht, sondern musste gleichermaßen neu entfacht werden, denn sie ritten nicht wie vorher, ruhig, konzentriert, einem Ziel entgegen, sondern es hatte sich durch den nächtlichen Angriff eine Art Unruhe gebildet, mehr als die, welche sich nur auf die Toten bezog. Die Toten waren langsam, aber wenn hier noch Banden von Briganten oder ähnlichen Mördern ihren Weg durch die Welt suchten, auf der Jagd nach Sir Rangor oder vielleicht sogar ihm selbst, dann war jede Minute, die sie nicht im Sattel, der viel zu klein schien, gefährlich. Er versuchte, sich aufzurichten, um den Druck auf seinen Körper ein wenig zu verringern, doch erfolglos. „Wie weit ist es noch?“ fragte er, während die Nacht und die Welt an ihnen vorbeizog, eine Spur aus dunkler Masse ohne Anfang und ohne Ende. Sir Rangor wurde etwas langsamer vor ihm. „Das kann ich nicht sagen, junger Freund. Es ist nun mal gefährlich hier draußen. Wir reiten einfach und schauen nach, wie weit wir gekommen sind.“

„In welche Richtung reiten wir?“ fragte Seramus. Sir Rangor lächelte. „Immer in Richtung Bramant, die liegt im Süden. Aber die Straßen sind tückisch und führen manchmal in die falsche Richtung.“

Seramus fühlte, wie sich der alte Mann entspannte. „Ich bin dankbar, dass euch nichts geschehen ist. Wobei…ihr habt mein Leben gerettet. Ich habt wohl die Angewohnheit, solcherlei Dinge zu tun. Das Ovpar wird euch mit Freuden empfangen.“

Sie ritten weiter. Düster lauerte die Welt um sie alle herum, nur das Stampfen der Rösser und das Knarren der Wagen war zu hören, Geräusche, die ein kundiger Mensch irgendwo im Gebüsch hören und übersetzen konnte. Doch diese Töne waren gefährlicher als das leise Lachen und Reden, das Seramus jetzt vermisste, was immer im Hintergrund zu hören gewesen war, als sie in Ruhe ritten. Wer jetzt lauschte, der wusste, dass der Tod in dieser Gruppe lauerte.

„Ihr seid verwundbar“, sagte Sir Rangor. Seramus blickte an sich herunter und nickte lächelnd. „Ich weiß, aber ich bin es nicht gewohnt, in Rüstung zu kämpfen. Ich befürchte, ich wäre euch nicht mehr so dienlich, wenn man mich in Stahl steckt und mir ein Schwert und einen Schild gibt.“ Sie nickten beiden wissend einander zu. Seramus Gedanken schweiften ab. Alles war so unwirklich, als wäre es eine Simulation, der er erlegen würde, einem Traum… Simulation? Welch faszinierendes Wort. Es schien ihm mehr zu liegen als diese Welt. Kannte er das Wort? Er war unschlüssig, was er denken sollte. Wieso fiel ihm nicht mehr ein und besonders, wieso war er so gut mit den Waffen und die eindeutigste Frage nach einem Sinn in dieser Sache: Wieso rettete er Menschen das Leben und war auf einem Kriegszug, um ein religiöses Objekt zu schützen, das er nicht kannte. Seramus seufzte. „Ich hoffe, dass sich die Sache bald auflöst.“ flüsterte er. Es kostete ihm Kraft, in die Welt zurückzufinden.

„Kennt Ihr den Begriff „Märchen“?“ fragte er. Schweigend ritt der Angesprochene neben ihm. „Ich… kann mich nicht wirklich erinnern. Ist das eine Geschichte?“ fragte dieser.

„Es ist eine Art Geschichte, ja, Fantasie und Magie vermischt mit einem moralischen Zweck.“

Sie ritten weiter. „Ich habe Geschichten gehört. Aber ob es echte Erzählungen oder Träume sind, das weiß ich nicht.“

„Ich fühle, dass ich in ein Märchen geraten bin, Sir Rangor. Es ist einfach… so…“

„In eurer Welt muss es dann vielleicht noch faszinierender sein, wenn ich das mal so sagen darf. Denn ihr seid nicht verrückt geworden. Ihr sitzt nicht weinend auf dem Boden, kreischt nicht wie ein Weib, sondern ihr sitzt hier auf dem Pferd, zusammen mit mir und habt mir das Leben gerettet. Ist das nicht mehr wert…“

„Es gibt in dieser Welt Tote, die zum Leben erweckt worden sind. Es gibt eine magische Grenze im Osten…“

„Schweigt!“ Sir Rangor starrte ihn an, die Augen aufgerissen. Sein Mund war zu einer dünnen Linie zusammengesunken. „Seit still. Ihr… dürft das nicht wissen!“

„Wie?“ Seramus starrte zurück.

Sir Rangor atmete auf. „Verzeiht, ich bin…“

„Ihr müsst euch nicht entschuldigen, es ist eine Zeit, in der wir alle… aber wieso seid ihr so aufgebracht?“ Seramus lächelte. „Ich habe von ihr gehört, von der Mauer, aus dem Munde meiner verlorengegangenen Freundin.“ Er seufzte nun, reckte sich.

Sir Rangor ritt näher an ihn heran. „Um Himmelswillen, sprecht nicht davon. Die Leute sind schon aufgeregt genug, auch wenn sie sich zurückhalten und nicht in Panik weglaufen.“ Er stöhnte leise. „Aber wieso darf niemand davon wissen? Ist das nicht bekannt hier im Land? Wenn sogar ich davon weiß…“

Sie schwiegen. Das Getrampel der Pferde begann sich langsam in seinen Kopf hineinzudrängen. Er versuchte, nicht einzuschlafen. Sir Rangor ritt noch immer neben ihm. „Ihr sprecht von der Grenze, als wäre es etwas natürliches, als wäre es eine Art hohe, leuchtende Wand irgendwo im Osten, die bis zum Himmel ragt und wer sich ihr nähert, wird sanft aufgehalten oder sogar weggestoßen; es sei eine Art Wasserfall hinauf bis zu den Sternen. Nein, so ist das nicht.“

Er neigte sich zu seinem Gast hinüber.

„Ich war dort, als der letzte Hofzauberer versuchte, durchzudringen. Es war vor fast 20 Jahren. Diesen Tag vergesse ich nicht.“

„Was ist geschehen?“

Sir Rangor starrte in den Himmel.

„So hört. Seit Ewigkeiten bestand die magische Mauer zwischen den Mächten des Lichts und der Dunkelheit. Dann wurden wir Menschen erschaffen, auf der Seite des Lichts. Einige Menschen versuchten, sich mit dem Bösen in Verbindung zu setzen, das hinter der Wand lag. Eine Wand, Ewigkeiten hoch.“

Wieder machte er eine Pause. Seramus konnte sich vorstellen, wie anstrengend das war, aber dennoch musste er wissen.

„Es war vor 30 Jahren, als die Vereinigung von Magiern einen endgültigen Schritt vollziehen wollte. Vielleicht war es Hybris, das Denken, dass sie alles schaffen konnten, wenn sie sich nur anstrengten… vielleicht war es eine Flucht nach vorn, nachdem so viele Menschen bei ihnen vorstellig wurden… Ich weiß es nicht. Ich meine, wen stört eine blaue Mauer, die strahlt, Tag und Nacht, die Verbrecher anlockt, Nekromanten und andere Gestalten… ich meine, wer erwacht gerne am Morgen und stellt fest, dass sein Haus, nur eine Tagesreise von der Mauer entfernt, davongeweht wurde von einem selbstsüchtigen Zauberer, der alles daran setzt, ein Opfer zu haben für eine Macht, die er weder versteht noch beeinflussen kann. Ja, es war nicht möglich, dass sie Erfolg hatten, aber es musste ein Schritt in die richtige Richtung getan werden. Nachdem die Magier vom Hofe seiner Majestät Schriften gewälzt und sich mit Orakeln auseinandergesetzt hatten, machten sie sich auf, um die Mauer zu beeinflussen, ich möchte nicht sagen, zu entfernen.“

Seramus nickte. „Eine Mauer ist immer aus gutem Grund da. Sie hält jemanden anderen davon ab… oder sagen wir so, sie hält etwas davon ab… anzugreifen.“

„Ja, mein junger Freund“, Sir Rangor seufzte, „Ihr sprecht weise. Wir ritten lang damals, von Süden bis hinauf in den Norden. Die Magier schwiegen die ganze Zeit. Wir hörten sie nur nachts in ihren Zelten auf und ab schreiten, verbotene alte Worte sprechen, kreischen, es war bizarr, es war böse. Ich zittere noch immer, wenn ich daran denke. Jeden Morgen trugen sie neue Kleidung, die alte war auf einem Haufen zusammengeworfen worden, brennend vor Sonnenaufgang. Es stank nach Blut und Eingeweiden, schlimmer als nach jedem Kampf, den ich überlebt habe. Und ich war damals noch jung, so jung, so naiv, ich träumte von einem Ideal, von einem Kämpfer in einer Rüstung aus reinem Stahl, von den Mächten des Himmels gesegnet, ein Ritter, der sein Leben damit verbringt, anderen zu helfen und dann war ich dort, einer von drei oder vier Dutzend verwirrten, schmutzigen, hungrigen Lebewesen. Als wir im Norden ankamen, in einem Dorf namens Klaston, ich erinnere mich so sehr, dass es mir schwerfällt, zu reden…“

Seramus blickte den alten Mann an, der sich sichtlich anstrengen musste, um überhaupt auf den Beinen zu bleiben. Er spannte sich an, als müsse er seinem Gegenüber helfen, nicht vom Pferd zu fallen.

„Es war ein Gemetzel. Die Männer und Frauen rannten wie Tiere durch die Finsternis, während ein glutäugiger Zauberer seine Hände ausstreckte und wortlose Befehle erteilte; Dutzende Gehilfen stürmten auf seinen Wunsch umher, töteten und verstümmelten, als würde es kein Morgen geben und als die Erde in der Morgendämmerung aufleuchtete, war sie so rot wie das Blut, das vergossen worden war. Keiner traute sich, etwas zu sagen. Der Erzmagier starrte auf den Haufen von Toten, als würde er es selbst nicht glauben. Er stocherte mit einem Stock zwischen den Leichen hin und her, in sich versunken, als würde er die Opfer selbst gar nicht sehen, sondern ein Muster suchen, das sie alle miteinander verband. Dann blickte er auf und nickte.

Hinter uns brannte das komplette Dorf ab und niemand hat jemals wieder von Klaston gesprochen. Bis jetzt. Niemand traut sich, die Erinnerung von Damals hervorzuholen.“

„Wieso hat…“

„Was weiß ich. Wer kennt schon Magier? Sie sind ein verschworener Haufen von Kreaturen, denen ich jedes menschliche Gefühl abspreche, als hätten sie es aus ihren Körpern gebrannt, mit Licht und Feuer, die nicht von dieser Welt sind. Ich hatte immer die Vermutung, in dem Opfer, das das Dorf Klaston darstellte, hätte sich etwas gezeigt, eine Art Karte, die diese Wahnsinnigen weiterführen sollte, als sie nicht mehr wussten, was sie noch tun konnten. Wir ritten schweigend.“

Einige Augenblicke später wurde aus dem Trampeln, das nur im Hintergrund lag, eine Gestalt. Sie hielt an, schwer atmend. Das Pferd kam hinterher.

„Sir, wir haben sie gefunden. Sie sind im Augenblick noch 3 Meilen vor Sagornia, auf einer Nebenstraße nach Bramant. Nur die Götter wissen, warum sie nicht die Hauptstraße nehmen.“

Sir Rangor nickte, wandte sich zu Seramus um. „Das Ovpar. Wenn wir uns beeilen, sind wir vor dem Morgengrauen dort und können die Woche, die das Ovpar noch nach Bramant braucht, nutzen, um es zu beschützen.“

„Sir, eine Woche ist eine kurze Zeit, ich habe das Objekt gesehen und es ist…“

Der Mann schwieg, sein Kopf musste vor Gedanken förmlich schwirren. „Das Ovpar ist so groß wie ein Haus und wird in einem Wagen mit winzigen Rädern gezogen. Ich habe es gesehen. Es ist so groß, dass Pferde es nicht ziehen können; sie haben Ochsen dabei, mächtige Tiere, die aber so erschöpft zu sein scheinen…“

„Benial, Ihr seid ein kluger Mann…“ Er wandte sich um, schaute Seramus in die Augen. „Benial, ein Meister der klugen Sprüche.“ Dann schaute er zurück. „Hat man euch bemerkt?“ fragte er. Der Angesprochene schüttelte den Kopf. „Ich war leiser als eine Schlange im Gras und genauso unsichtbar wie ein Rabe in der Nacht.“

Sein Gegenüber nickte, winkte einen Mann heran, der von einem der Wagen stieg und sofort zu Sir Rangor eilte. „Gebt dem Mann 10 Goldstücke und helft ihm, seine Kleidung zu wechseln.“ Benial lächelte und folgte dem ungeduldigen Winken des namenlosen Mannes.

„Wisset, dass man es nicht gern hat, wenn Leute sich dem Ovpar nähern. Doch es war notwendig, herauszufinden, wo es ist. Dass sie keine Hauptstraße nehmen, kann bedeuten, dass sie nicht wollen, dass die üblichen… wage ich es zu sagen… Raubritter ihre Dienste anbieten und am Ende mit Waffen und Schmuck verschwinden, wie dies so oft geschehen ist. Es ist nicht die erste Reise des Ovpars.“

„Es muss gewaltig sein“ Seramus rieb sich die Stirn, „Wenn es so groß ist wie ein Haus.“

„Nicht nur so groß, sondern auch so schwer“, teilte ihm Sir Rangor mit. „Es ist ein spezielles Objekt, nichts, was man einfach in einem Sack oder in einem Geldbeutel transportieren kann. Die Sache mit den Ochsen macht mir allerdings Sorgen. Nun gut, wir werden es morgen sehen. Lasst uns weiterreiten, denn sobald die Dämmerung hereingebrochen ist, werden sich eure Augen öffnen.“

Sie ritten, bis ihre Pferde von Schweiß bedeckt waren und Seramus erkannte, dass es sich um ihn selbst handelte, verkrampft, bedenkt mit Wasser. Er schautet auf. Dampf quoll an ihm herauf. Es regnete in Strömen. Keiner sagte ein Wort.

Aus der Ferne ertönte eine Trompete, fraß sich durch die Nacht. Seramus schreckte auf. Um ihn herum erwachten die anderen scheinbar ebenso. Er schüttelte den Schlaf ab, dankbar, dass das Pferd ihn weitergetragen hatte. Er fror, als er den kalten Wind durch seine nassen Sachen spürte. Winzige Flammen leuchteten von allen Seiten auf.

„Absteigen“ brüllte eine Stimme.

„Nein!“ Sir Rangor hob seine Arme. „Wir sind in friedlicher Absicht hier.“

„Das ist mir gleich, absteigen! Ist das klar?“ die Stimme schien noch härter geworden zu sein. Sir Rangor schüttelte den Kopf. „Auf mein Alter hin. Ihr seid ein Idiot, Benoras. Ich erkenne doch eure Stimme.“

Eine Gestalt löste sich und trat näher heran. Sie hob die Fackel, die ihr Gesicht hinter einen Vorhang aus Feuer versteckt hatte. „Rangor? Was…“

„Muss ich wirklich absteigen? Wollt ihr mich entehren?“

Sein Gegenüber runzelte die Stirn und kam noch näher. „Es ist ein Befehl, dass sich jeder….“ Dann lachte er plötzlich auf. „Ach, was solls.“ Er reckte seinen rechten Arm hinauf, umfasste die die Hand des alten Mannes. „Willkommen!“ Dann wirbelte er herum. „Geleitet die Wagen und die Männer in das Lager.“ Er schaute zu Seramus. „Ist das euer neuer Liebhaber?“ fragte er. Sein Gesicht war von Spott durchzogen. „Ihr seid noch immer ein Idiot. Dieser Mann hier, Seramus, hat mein Leben gerettet. Er bleibt bei mir. Solche Freude braucht man in meinem Alter, findet ihr nicht auch.“

Der Mann, den Sir Rangor Benoras genannt hatte, verlor für einen Augenblick die Fassung. „Man wollte euch umbringen? Schon wieder? Und dennoch lebt ihr immer noch.“

„Mein Bundesgenosse Seramus ist ein guter Kämpfer. Wir sind hier, um das Ovpar zu beschützen.“ Sir Rangor schaute in die Ferne, als versuchte er, das heilige Objekt zu finden. „Es ist unter einer Plane, Rangor, ihr seht es nicht. Keine Sorge, ihr seid nicht der Einzige, vor dem es verborgen ist.“

Langsam schälte sich ein dumpfes Glühen aus der Nacht heraus. Seramus schüttelte den Kopf. „Ist es das?“ er deutete auf eben jenes Leuchten. Sein Begleiter hustete. „Ihr könnte es sehen?“ grummelte er. Seramus grinste. „Ich sehe es. Es ist…“ Seine Pause war länger als erhofft, „groß. Gigantisch.“ Sie kamen näher. Der Geruch von Tier und Mensch, seit Wochen unterwegs, rollte sich vor ihm aus. Und da war es. Es war so hoch wie 5 Männer und lag auf der Seite, gleich einem. „Ein Ei?“

„Natürlich ein Ei. Es ist das Ovpar. Seid ihr…“ Benoras reagierte auf die Handbewegungen Sir Rangors erst spät. „Ihr kennt es also nicht.“ Seramus konnte seine Augen nicht abwenden. „Nein. Es ist unfassbar groß. Ich kannte es nicht.“

„Ihr seid wahrscheinlich von so weit weg, dass ihr… nein, jeder kennt es in Forret. Und auf der Welt, so weit die Füße oder Hufe tragen, ist es gefürchtet. Es hat große Macht!“ Die letzten Worte hatte er fast geschrien.

Die Menschenmenge, die sie umgab, war die größte Anzahl von Leuten, die Seramus gesehen hatte. Er schätzte sie auf über 100 Personen, Krieger in Uniformen, die vor fantastischen Symbolen nur so leuchteten; Metallrüstungen, die durch wie von Nebel angelaufen waren, sah ernste Gesichter, die schon viele Schlachten gesehen hatten, doch eine Sache fiel ihm stärker auf: Das Leuchten in den Augen der Leute. Er fühlte, wie sich seine Hände am Geschirr des Pferdes verkrampften. Das Lächeln der Leute um ihn herum machte ihn nervös. Er fühlte förmlich, wie er in einen Bann gezogen wurde, dessen Grund er nicht habhaft werden konnte. Oder doch? „Es ist das Ovpar“ sagte Benoras und deutete auf die Menge, „Wie ich schon sagte, hat es Kräfte. Ich fühlte, wie ihr euch dagegen zu sträuben versucht, doch… irgendwann fängt seine Liebe auch euch und dann seid ihr einer von uns. Aber bis dahin: Seid dennoch willkommen.“

Sir Rangor wandte seine Augen ab. „Ich bin nicht würdig. Ich hätte es wissen müssen.“ Sein Pferd trottete weiter, auch ohne den Befehl seines Herren. Seramus versuchte, nicht zu lachen. Er fühlte, dass die Situation ernster war als er es sich hätte träumen lassen. In seinem Kopf formte sich ein Befehl, kristallisierte sich förmlich aus dem Hintergrundrauschen seines Verstandes heraus: „Es hat keine Macht über dich!“

Er beugte sich herunter. „Ich fühle eine große Anziehungskraft in diesem Ovpar.“

Benoras lächelte. „Ich wusste, dass ihr euch zu ihm hingezogen fühlt. Es ist älter als die Zeit und größer als die Welt… in seinem Inneren ist der ganze Kosmos zusammengefasst, jedes Gefühl, jedes Leben, jedes einzelne Blatt an einem Baum, jedes Atmen einer Kreatur. Und deshalb müssen wir es beschützen und nach Bramant bringen. Dort wird man es verstecken, vor den Augen der Unheiligen und der…“ er stoppte. „Ihr meint die Toten?“ Seramus konnte den Schrecken in den Augen seines Gegenübers erblicken. „Diese unheiligen Kreaturen! Diese Verwirrungen der obszönen Kräfte der Nacht und des Todes. Ja, sie wollen es haben, weil sie damit alles verwandeln können… alles…  sie könnten damit die Welt in einen riesigen Grabstein verwandeln, voller Toter und keiner würde sie mehr aufhalten können. Oder… falls sie dies nicht tun wollen, dann können sie sich selbst soviel Macht geben, dass sie unsterblich werden. Unangreifbar von Feuer und Wasser.“

Sie stiegen ab. Benoras lächelte Sir Rangor zu. „Kommt mit uns, die Herren der einzelnen Abteilungen sind im Hauptzelt.“

Sie folgten ihm. Schmutzige Gesichter folgten ihren Bewegungen. Seramus fühlte sich unwohl, versuchte, den Blicken auszuweichen, doch am Ende musste er sich eingestehen, dass sie nicht ihn anschauten, sondern das Ovpar: Es strahlte eine unheilvolle Kraft aus. Ein Schauer durchlief die Menschenmasse, dann wandten sie sich wieder um und Gespräche, die vermutlich vor Stunden geendet hatten, wurden wieder aufgenommen. Bald waren sie umhüllt von einer Masse, die sich scheinbar wieder um die Angelegenheiten kümmerte, die wichtig waren.

Das Hauptzelt war leicht zu erkennen. Zum einen erwarteten sie blitzblank polierte Krieger vor dem Eingang, deren Gesichter man nicht sehen konnte, zum anderen war ein Teppich ausgerollt, der unter dem Schmutz scheinbar rot gewesen war, bevor man ihn in den Einöden dieses Landes ausgerollt hatte. Der dritte und entscheidende Punkt war einfach, dass es hier anders roch. Wo draußen die Menschen in ihrer eigenen Welt des Geruchs leben musste, eine Mischung aus Dreck, Schweiß und getrocknetem Blut, roch es hier… angenehm süß und nach einem Gewürz, an das sich Seramus erinnern konnte.

„Das ist Timt, das ihr da riecht. Ist es nicht ein Traum?“

Bilder schossen durch Seramus’ Kopf. Vergeblich versuchte er, eines festzuhalten, sie waren zu schnell, zu unaufhaltsam. Er starrte zu Boden. „Es ist nicht in Ordnung. Wer bin ich?“ flüsterte in den Schlamm, der seine Füße zu bedecken drohte.

„Kommt herein und lasst die Nacht draußen.“ Er schüttelte sich aus dem Schlaf, der ihn versuchte einzuholen, und blickte in die Runde. Wohlgenährte Männer in Rüstungen, die Gesichter voller misstrauischer Augen und dünner Münder. Sie schienen keine normalen Krieger zu sein. Ihre Gewänder waren aus schweren Stoffen, mit Symbolen bedeckt, die Seramus, wie so vieles hier, einen Hauch von Erinnerung vorsetzten, sich ihm aber bei näherer Betrachtung vollkommen versagten. Hier ihm schloss sich flatternd die dicke Zeltwand, ließ alle unwürdigen Figuren dieses Spiels draußen.

„Sir Rangor, welch eine Freude euch zu sehen.“ Wer diese Worte aussprach, konnte Seramus zuerst nicht erkennen, aber dann rollte eine Wand aus Fleisch und Stoff in den Vordergrund, die rechte Hand in einem goldglänzenden Gürtel gesteckt, in der Linken ein Stück Fleisch, noch dampfend.

„Ihr seid auch hier?“ fragte der Angesprochene und trat näher. Die Wand lachte laut, dann zog sie ihre Hand aus dem Gürtel und reichte sie dem alten Ritter. „Ich vermute, wir alle sind hier versammelt, ohne Furcht und Tadel.“ Sir Rangor drehte sich um, die Augen nach oben gerollt zu ihm um. Er flüsterte. „Die Sache stinkt mir…“

„Und das muss ihr Freund sein…“ sagte der Riese und beugte sich vor. „Ich bin Sir Achbad, Beschützer des Ovpar, Sieger von Klamot, Bewahrer der heiligen Steine..:“ „und ein Lustmolch!“ seufzte eine Stimme von hinten. Die Leute brachen in helles Gelächter aus. Er schüttelte den Kopf. „Nana, Sir Butal, wir wollen mal nicht übertreiben. Ihr weist auch keinem Menschen das Bett.“

Sir Rangor nickte und trat näher heran. „Haltet euch aus den Dingen raus, die ihr hier sehen werdet. Diese Männer sind gute Kämpfer, aber außerhalb ihrer üblichen Aufgaben sind sie verderbte Gestalten, die dafür leben, immer schlimmere Exzesse…“

„naaaa, redet ihr wieder schlecht über uns?“ Sir Rangor blickte nach links, und drückte die Hand, die ihm auf den Schultern lag, weg. „Wir sind hier, um das Ovpar zu beschützen. Nichts anderes hat mich aus meinen Ländereien weggeführt.“

„Oh, kein Sinn fürs Abenteuer? Ihr habt euch nicht verändert.“ Sir Achbad lächelte milde. „Nun, da ihr keine Lust habt, ein wenig Spaß zu haben, tretet näher. Wir besprechen gerade die heutige Etappe. Habt ihr Hunger oder Durst? Oder euer Gefährte?“

Seramus konnte nicht umhin, zu nicken. „Immerhin kann er sich verständlich machen.“ Sir Butal war nähergetreten. Seine Kleidung war ausnahmslos schwarz, machte sein schmales Gesicht noch fahler. „Sir Butal ist unser religiöser Anführer hier, er kümmert sich ausschließlich um das Ovpar… und um seine Seele.“

Sir Achbad schüttelte den Kopf. „Solch eine Verschwendung von Lebenszeit.“

„Zum Thema Verschwendung“, Sir Rangor räusperte sich, „Ich bin gerne hier und werde der Sache helfen. Zu aller erst: Die Toten sind nur wenige Stunden, vielleicht einen oder zwei Tagesmärsche hinter uns. Eher weniger. Und das andere… wir sind überfallen worden. Und unsere Angreifer trugen ein Zeichen.“

Er griff in seine Tasche und warf ein Stück Stoff auf den großen Tisch vor ihm. Das Stück rutschte über die ausgebreitete Landkarte, die Seramus versuchte, zu betrachten. Eine rote Spur, dumpf riechend, fast schien es ihm, als

„Ist das Menschenhaut?“ die Stimme zitterte etwas. „Ich habe einem unserer Angreifer etwas vom Leib geschnitten. Ihr wisst, was das bedeutet.“

Sie starrten mit großen Augen auf den Fetzen. „Sie sind wieder da. Ich wusste, dass man die Sache nicht lang genug geheimhalten würde, sie haben noch immer überall ihre Augen und Ohren.“

„Verdammt, gerade jetzt…“

„Es hätte schlimmer kommen können, nämlich, dass wir davon nichts wissen.“ Sir Rangor räusperte sich. „Und wir dürfen die Toten nicht vergessen.“

„Wie sind die Toten denn überhaupt hier hergekommen?“ Sir Butal schüttelte den Kopf. „Ich will doch nicht annehmen, dass es Menschen gibt, denen Geld so wichtig ist, dass sie sich mit diesen Kreaturen der Nacht einlassen…“

„Sir Butal“, antwortete eine ferne Stimme, von solcher Sanftheit, dass Seramus in genau diesem Augenblick nirgendwo anders hätte sein wollen. Die Gruppe der Krieger teilte sich, bildete einen Gang und langsam, als sei die Zeit zu Sand geworden, erschien eine Gestalt und bewegte sich mit solcher Leichtigkeit durch diese Welt, als wäre sie… nun, nicht von dieser Welt. Seramus schüttelte den Kopf, um die drohende Bewusstlosigkeit abzuschwächen.

Dieses ätherische Wesen lächelte ihn an und er musste einfach antworten. Er fühlte, wie die Worte förmlich aus ihm herausgezogen wurden. „Ich stehe zu euren Diensten.“

Sie nickte ihm zu, dann wandte sie ihren Blick ab. Er versuchte, ihr zu folgen, doch fühlte, dass er langsam zu Stein wurde. Sie hatte Mächte um sich herum, die er nicht erkennen konnte.

„Ihr seid von weit hergekommen, um dem Ovpar zu dienen, Sir Rangor. Wir danken euch und hoffen, ihr könnt etwas Respekt und Ordnung in diese Gruppe bringen. Wisset, dass, wenn viele unterschiedliche Leute an einem Strang ziehen, dies nicht bedeutet, dass man stärker ist. Man muss gleichzeitig ziehen, um seine Kraft sinnvoll einzusetzen. Leider merke ich immer wieder, dass es den Männern und Frauen hier nicht gelingt. Helft uns.“

Sie hatte diese Worte fast geflüstert, dennoch war sich Seramus sicher, dass sie jeder gehört hatte. Sir Rangor nickte. „Ich werde mein bestes tun.“

„Wenn gleich ich euch schätze, Sir Butal, werden jedoch bestimmte Schritte notwendig sein, damit wir das heilige Objekt schnell in Sicherheit bringen. Kommt  mit mir, wir haben Dinge zu besprechen.“

Sir Butal nickte in den Raum, wandte sich um und ging ihr nach. Seramus konnte erkennen, wie seine Hände zitterten. Dann waren sie verschwunden.

Ein Raunen ging durch das Zelt. „Ihr seid gesegnet oder verflucht, Sir Rangor.“ Sir Achbald nickte mit leerem Blick, die Augen zum Boden gerichtet. „Das war Lady Oksana, die…“ „Die Herrin des Ovpar, Hohepriesterin seiner Reinheit und Schwester des Kaisers.“ Sir Rangor versuchte, nicht zu lächeln, doch es schien ihm nichts auszumachen, diese Kraft nicht zu besitzen. „Sir Achbald“, Seramus kam nicht umhin, die Angst zu spüren, die die anderen ausstrahlten. „Ihr seid nicht freiwillig hier, nehme ich an.“

Sie starrten auf die Karte, die ausgebreitet vor ihnen lag, bespickt mit winzigen roten und schwarzen Flaggen. „Es ist nicht so, dass wir gerne hier sind, junger Mann. Doch wir wurden zur Pflicht gerufen und folgen ihr. Lady Oksana hat ihre Mittel und Wege.“

Von draußen wurden Rufe laut. „Ah“ Sir Rangor reckte sich, „Morgenstund… ich vermute, der neue Tag bringt viel Freude. Informieren Sie mich, meine Herren, was wir werden wir heute tun?“

XVIII

Ein Bogen aus Licht brannte am oberen Ende der Zimmerdecke, entfernt von Neru und den anderen, die in diesem Raum zusammengepfercht saßen. Sie starrten einander nicht an, ihre Blicke trafen den grauem, unbedeckten Boden.

„Wir sind hintergangen worden.“ sagte der Professor und alle nickten wissend. „Das ist nicht wirklich… ach, egal. Man hat uns gelinkt und nun…“

Schritte kamen aus der Ferne, stoppten kurz vor der metallenen Tür, dann öffnete sie sich und Ursa trat herein. Seine Augen glänzten, sein Mund verzogen, voller Abscheu und Zorn. „Ihr seid hier, weil ich euch aufhalten muss. Ich werde euch aber nicht töten, zumindest jetzt noch nicht. Ihr könnt ihn nicht aufhalten, dafür sorge ich.“

Dann wandte er sich um und verließ das Zimmer. Hinter ihm konnte Neru sehen, wie die Schakale seiner Wachmannschaft Kreise um ihre Ausrüstung drehten. Dann schloss sich die Tür wieder.

Die Zwillinge lehnten mit geschlossenen Augen an der Wand, schweigend, als erwarteten sie den Tod. Jamses zitterte am ganzen Leib, Stöße von Panik rollten über ihn hinweg. Die anderen waren apathisch, fast schon dahingerafft von der Unmöglichkeit des Entkommens. Neru lächelte. „Er ist klug… wenn er uns tötet, dann hat er die Armee hier unten und er wird schneller ersetzt als er „Hilfe“ sagen kann. Ich weiß nicht, worauf er spekuliert, aber….“

„Er hofft, dass Ja-Lib ihn belohnt, wenn er von G13 zurückkommt.“ Salara nickte vor sich hin. „Aber das wird er nicht, denn er wird nicht zurückkommen“, meinte Leutnant Sposka, worauf Neru seine Augen hob. „Was da unten ist, bleibt da unten und entweder wird Ja-Lib sterben auf seinem Weg und wir verrotten hier unten oder Ja-Lib findet etwas grandioses und wird seine Macht einsetzen wollen. Dann sterben wir auch, denn wieso sollte er wieder hier herkommen? Er ist verantwortlich, dass der Drachen bald wieder durch die oberen Eben ziehen und wir sitzen hier.“

In der Ferne rauschte Wasser, Schritte kamen und gingen. Dann wurde es ruhig. Nerus Gedanken kreisten um den Verrat, doppelten Verrat und der nahm sich vor, seine angeborene Paranoia voll auszuschöpfen. Er sah Bilder in sich aufsteigen, brennende Städte, blutbesprenkelte Wände; Seufzer, die von den Sterbenden aufstiegen, fraßen sich in sein Ohr. Er schüttelte den Kopf, es verblasste um ihn herum. Dann stand er auf. „Pjotr, Boris, herkommen.“

Er betrachtete die Zwillinge. „Was schlagt ihr vor?“ fragte er . „Plastiksprengstoff an den Scharnieren der Tür könnte die Flucht ein wenig beschleunigen.“

Neru schüttelte den Kopf. „Zu laut und wir haben nicht genug.“

Jamses schaute hinauf. „Die Decke.“

„Wie meinen?“ fragte Notna, aufgeschreckt aus unhörbaren Gedanken.

„Die Decke. Ich kenne solche Gebäude.. je älter sie sind, desto weniger wurde in die Zwischenwände investiert. Ich habe in einigen Häusern weiter oben gearbeitet und nicht nur einmal ist ein Kollege durch den Boden gebrochen. Nach unten lohnt sich aber nicht, denn dann sitzen wir vermutlich bei dem Typen auf dem Thron… nein, über uns sollte das Dach sein.“

„Auch die Guten werden gefangen, aber die Besten entkommen…“ Boris schaute seinen Bruder an und nickte. Pjotr öffnete seinen Gürtel, drehte ihn um und zog die Rückseite ab. Sein Zwilling tat es ihm gleich; beide zerren ein graues, gummiartiges Etwas heraus. „Plastiksprengstoff.“ Leutnant Sposka rappelte sich  auf, ihre Augen zusammengekniffen. „Wieso weiß ich davon nichts?“ Ihre Stimme war von weiblichem Zorn durchdrungen. „Frau Leutnant, ein Befehl. Wir können niemals sicher sein, dass man uns alle Waffen abnimmt.“

„Hört ihr das?“ fragte Jamses und sie stoppten mit offenem Mund. „Ja, da sind Leute, draußen… und sie schreien.“

Wellen von Schreien brandeten auf die Mauern der Burg und verebbten. Dann Jubel. Ein Mikrofon wurde eingeschaltet, die Rückkopplung zurückgefahren.

„Mein Volk! Mein Volk! Hört und staunt und jagt heiligen Zorn durch eure Adern, euer Fleisch, eure Herzen. Hört mein Volk!“

Der Jubel war atemberaubend. Professor Notna war der erste, der dagegen anbrüllte „Wir müssen hier raus, schnell. Ich habe ein ganz schlechtes Gefühl.“ Die Zwillinge starrten hinüber zu Jamses. Er nickte. „Legt die Streifen zusammen.“ Er nahm sich den Streifen, legte ihn auf den Boden und rollte ihn. „Sieht aus wie ein fetter Wurm!“ Salara wandte ihr Gesicht ab. Jamses verband die beiden Enden miteinander und deutete nach oben. „So, die Herren bitte an die Decke und den Sprengstoff in Kreisform anbr…“ Worte von draußen ließen diese Köpfe der Gefangenen erzittern.

„Wir sollen überwältigt werden. Wir sollen schwach bleiben. Wir sind die Ausgestoßenen der Welt da oben. Man hat uns unterdrückt, hat uns die Ehre genommen, hat uns in die Dunkelheit hinuntergejagt, doch wir werden nicht aufgeben.“

Sie tobten.

„Ich habe einen Menschen kennengelernt, der von da oben herabgestiegen ist, zu mir und er hat mir eine Botschaft verkündet. Eine Botschaft des Zorns und der Kraft, eine Botschaft des Willens und des Kampfes. Es ist Ja-Lib, der Krieger der oberen Welten. Und er sagte zu mir: „Ursa, mein Freund, ich bin auf dem Weg in die Finsternis, aber ich habe euch ein Geschenk zu machen. Ihr hier unten seid stark und die da oben sind so schwach, dass sie euch nur stärker vorkommen, weil sie euch kleinhalten, weil sie euch Lügen erzählen. Siehe, ich werde den großen Drachen auf sie hetzen und sie werden zu euch kommen und euch anflehen, ihnen zu helfen und dann…“ Ursa schwieg, die ganze Welt lag gebannt an seinen Lippen „dann werdet ihr sie und den Drachen vernichten. Ihr seid die Zukunft. Ihr seid die Macht. Ihr seid alles, was dieser Welt bleibt.“

Erneut brandete das Gefühl der Masse an die Wände des Gefängnisses. Jamses schaute sich um. „Und nun alle in eine Ecke des Raums drängen. Wo ist der Zünder?“ Boris reichte ihm einen dünnen silberfarbenen Zylinder. „10 Sekunden, dann zündet es?“ fragte Jamses. Boris nickte. „Standardausrüstung.“

Jamses ging hinüber in den nun leeren Teil des Raums… „am besten, wir alle gehen in Richtung Tür, denn ich werde das Loch gegenüber sprengen lassen. Die Chance ist damit geringer, gehört zu werden. Und, die Decke ist bei den Mauern und Türen vermutlich etwas dicker.“

Stirnrunzelnd bewegten sich die anderen hinüber zur Tür.  Neru vermutete stark, dass Jamses diese Situation ausnutzte, sagte aber nichts. Irgendwann später würde er mit dem jungen Mann reden müssen.

Die Soldaten drückten den Ring an die Decke und Jamses presste den Zünder hinein. Dann klickte es kurz und ein rotes Leuchten ging von dem winzigen Zylinder aus. Das Team drängte sich auf den Boden.

„Unsere Feinde haben es geschafft, hier herunterzukommen. Wir werden sie aufs Herzlichste empfangen. Und dann werden wir zusehen, wie diese ganze Welt zusammenbricht, wie sie uns anschreit, dass wir sie retten und wir werden den Kopf schütteln und lachen und uns aus den Resten ihres verkommenen Lebens ein neues Zeitalter erschaffen, unser Zeitalter.“

Genau in diesem Augenblick zündete der Sprengstoff. Es war ein lautes Zischen, gleich einer Dampfexplosion, dann donnerte es auf dem Boden. Sie husteten, während sich die Reste aus Staub und zerstörtem Mauerwerk auf dem Boden verteilten. Jamses drehte sich um. „Hmm… Eigentlich habe ich mir das anders vorgestellt.“

Neru nickte. Statt eines kreisrunden Ausschnittes hatte der Sprengstoff ein größeres Loch erzeugt, mit mehr als einem Meter Durchmesser. Risse liefen durch die Decke, die sich anscheinend immer weiter ausbreiteten. Leutnant Sposka stand auf. „Schicken Sie mich voran. Ich weiß, wo sie unsere Ausrüstung haben.“

Neru schüttelte den Kopf „Das weiß ich auch, dennoch, es ist…“ Salara schnitt ihn ab. „Lass sie gehen. Sie ist dafür vermutlich besser geeignet als wir alle.“

Notna lauschte an der Tür. „Nichts zu hören.“

Boris half Leutnant Sposka durch das Loch in der Decke. „Hier oben ist sehr wenig los“ Sie schaute noch einmal herunter. „Wenn alles gut geht, bin ich bald wieder da.“

Dann war sie verschwunden.

„Was also werden wir tun? Wir werden uns befreien. Doch die Frage ist: „Wann?“ Ich sage euch, jetzt gleich. Unsere Gäste, so wie wir sie nennen wollen, sind hier, in diesem Gebäude. Sie werden euch präsentiert werden, so wie sie es verdienen, als Opfer ihrer eigenen kleinen Welt, unfähig, die Welt so zu erfassen, wie sie wirklich ist: ein harter Ort für harte und starke Menschen. Doch diese Stärke wird nicht spurlos an uns vorbeigehen, nein! Sie wird uns dorthin führen, wo wir es verdienen: nach oben. Und dann, wenn wir stark genug sind, werden wir die Welt zurückerobern!“

Die Menge tobte und Neru fragte sich, mit welchen demagogischen Kräften Ursa wohl ausgestattet sein mochte. War er nicht einer der Besten aller Zeiten gewesen, oben auf G10 oder höher? Zumindest von der Kraft her war er geschaffen gewesen, um auf den unteren Ebenen die Lage im Griff zu behalten.

„Ich habe das Licht gesehen und ich habe die Kraft gesehen, die sich da oben in den Händen der Einfallslosen und Schwachen befindet. Sie sind nicht geeignet für die Welt. Ja-Lib, ihr großer Krieger ist zu mir gekommen und hat mir gesagt: „Gehe hinauf und hole dir, was du willst.“ Und ich sage euch: „Folgen wir ihm, gehen wir hinauf, holen wir uns was wir wollen!““

Im Donnern des Beifalls hörten sie nicht, dass die Tür sich öffnete. Erst eine Hand auf seiner Schulter ließ Neru herumfahren. Leutnant Sposka lächelte ihn an, Blut an ihren Händen und Schultern. Er starrte sie an, sie schüttelte den Kopf.
Vorsichtig huschten sie nach draußen. Auf dem Buden eine dunkle Flüssigkeit, die im Halbdunkel schon schwarz und ölig wirkte. Salara keuchte, als sie erkannte, dass es aus den beiden leblosen Gestalten vor der Tür stammte. Leutnant Sposka zuckte mit den Schultern. „Freiwillig hätten sie mich nicht hereingelassen.“ Sie deutete auf das offene Fenster. „Schaut mal nach draußen.“

Vor ihnen lag ein Platz mit dutzenden Lautsprechern, schwarz und groß. Oberhalb des Platzes sahen sie Gestalten auf einer Art Balkon stehen, heftig gestikulierend mit einem Hauch von Wahnsinn in den Bewegungen. „Das sind Ursa und seine Berater. Irgendwas ist da faul.“

Vorsichtig, die Fenster weiträumig umgehend, glitten sie den dunklen Flur entlang, bis sie zu einer Tür kamen, unter der die Schritte von Männern zu erkennen waren. Salara hob eine Augenbraue. „Das sind maximal 3-4 Leute, also jammert nicht.“ Neru starrte sie an, dann schüttelte der den Kopf. Das Licht unter der Tür erlosch, dann öffnete sie sich. Fäuste schlugen auf die Männer ein, die ihren Weg hinaus in den Flur machen wollten, ließen nur ein dumpfes „Argh“ zu, dann lagen sie am Boden. Sie schleppten die Bewusstlosen zurück in den Raum.

„Hier ist unsere Ausrüstung“ Leutnant Sposka lächelte. „Vermutlich wollten sie uns damit der Meute vorführen.“

Draußen auf dem Gang wurden Schritte laut. „Es ist notwendig, dass wir das Team trennen. Zusammen sind sie vermutlich weit mehr wert als ein Dutzend Krieger.“ Leutnant Sposka lächelte und nahm ihr Gewehr. Die anderen folgten ihrem Vorbild, dann rissen sie die Tür auf. Ursa stand wie angewurzelt direkt vor ihnen und starrte auf die Mündungen der Waffe, die auf ihn gerichtet waren.

„Hallo.“ Neru versuchte, seinen Zorn nicht auszuweiten, dennoch fühlte er, wie sein Zeigefinger mit dem Abzug lebhaften Kontakt aufzunehmen versuchte. „Ursa, du Verräterschwein.“

Der Angesprochene schaute auf. „Ich weiß nicht, was du meinst.“

„Du kommst jetzt rein und deinen Berater oder was auch immer dieser Mann ist, auch. Los, Marsch.“

Die Tür schloss sich hinter ihnen.

Im Hintergrund begannen das Team, seine Ausrüstung wieder anzulegen. Ursa hielt ihren Blicken stand, sein Berater, wie auch immer man diese Person nennen konnte, die Augen gesenkt, als erwartete er ein Todesurteil.

„Neru, ich habe dir doch gesagt, dass ich nicht weiß, was du meinst.“ Ursa versuchte zu lächeln. Neru schüttelte den Kopf. „Deine kleine Ansprache war wohl laut genug, dass es die ganze Etage gehört hat, findest du nicht auch?“

Der Anführer von G10 lächelte. „Das war doch nur eine Übung. Findest du nicht, dass du übertreibst?“ Neru schüttelte den Kopf. „Im Angesicht des Todes kann man nicht übertreiben. Man kann lediglich entsprechend reagieren. Und nun auf, du führst uns zur Passage nach G11.“

Der Berater wurde bleich. „Eure Hoheit, die verbotene Passage?“ Ursa schlug ihm ins Gesicht, so nebenbei wir nur möglich. „Wenn die Herrschaften es so wollen?“
Salara trat näher. „Und er kommt mit. Nur so können wir sicher sein, dass uns keiner seiner Generäle oder was auch immer hier unten so rumläuft, folgt.“

„Vielleicht will ich einfach nur nicht reden…“ teilte Ursa mit und deutete auf seinen Berater oder was auch immer der Mann war. „Wer bist du?“ fragte Salara. Der Mann starrte in die Mündung der Waffe, als erwartete er den Tod. Sie zuckte mit den Schultern. „Töten wir ihn. Aber tun wir es leise.“ Er ging zu Boden. „Das ist Rodax. Er heißt so, weil er sich so nennt. Er ist mein Großwesir.“

Sie mussten sich zurückhalten, nicht zu kichern. Notna war der erste, der etwas sagte. „Ihr wollt nicht andeuten, dass ihr ein mittelalterlicher Herrscher seid, der mit Gottes Gnade ein Reich beherrscht und den Pomp nötigt habt, einen Großwesir zu bezahlen?“

Ursa starrte ihn an. „Ich zahle ihn nicht. Leute wie er sind dankbar, überhaupt leben zu dürfen. Tötet ihn ruhig, wenn ihr wollt, aber lasst mich mit dem Geschwafel zufrieden.“

Neru schüttelte den Kopf. „Wir nehmen dich mit, Ursa, alles andere liegt nicht in unserer Hand. Wo finden wir den Ausgang nach G11?“ Der Angesprochene zuckte mit den Schultern und erhielt prompt einen Hieb mit dem Gewehrkolben. „Nein, Boris, lass das.“ Zorn stand in den Augen Leutnant Sposkas. „Frau Leutnant, in dieser Lage war es notwendig….“ „Ich entscheide, wann wie was notwendig ist, klar?“ Sie schwiegen, dann nickte der Mann. „In Ordnung.“ teilte die Offizierin mit, „und nun gehen wir. Wir brauchen seine Hilfe nicht.“

Neru lächelte. „Das Problem ist eher, dass Ursa nicht weiß, wo der Gang nach G12 ist. Dieses Gebäude ist kaum älter als 100 Jahre und ich könnte mir vorstellen, dass er trotz seiner Ausbildung auf den oberen Ebenen keine Ahnung hat, was ihn weiter unten erwartet.“

Salara nickte. Sie konnte fühlen, wie die Persönlichkeit Ursas, dem Anführer einer kompletten Ebene, zusammenfallen würde, gleich einem Kartenhaus bei einem winzigen Luftzug. Doch noch… „Ich werde nichts tun. Ich rate Ihnen, sich zu ergeben. Gegen meine Wachen und ihre Waffen haben Sie keine Chance.“ Seine Augen blitzten trotzig.

„Keine Sorge, wenn Sie ein guter Herrscher sind, werden die Leute sie beschützen wollen, aber falls nicht… gut, dann sind Sie in unseren Händen sicherer als in der Masse der Menschen, die Ihren Tod wollen. Ich habe übrigens gehört, dass ein Nachfolger bereits auf dem Weg ist…“ Nerus Gesicht war ohne Ausdruck, kalt und unberechenbar. Salara fühlte einen Schauer über ihren Rücken laufen.

„Sperrt ihn in den Raum. Wir können uns keinen Verlust von Munition leisten.“

Neru nickte und packte diesen Rodax bei den Schultern. Der Wesir quiekte kurz und fiel dann in Ohnmacht. „Ursa, ihr habt recht eigenartige Mitarbeiter.“

„Du meinst Sklaven. Ja. Sie haben Angst. Und das aus gutem Grund, ich…“

„Haltet den Mann bei der Leine, er wird uns gleich die Haut vom Gesicht labern. Wo ist der Weg nach G10?“

Ursa, Anführer und oberster Herrscher von G9 starrte sie an. „Ihr meint das wirklich ernst? Aber Ja-Lib ist auf dem Weg und ihr könnt doch nicht…“ Der Hauch eines Gewehrkolbens streifte ihn. Er zuckte zusammen und musste weggezerrt werden. „Recht leer hier für einen König, findet ihr nicht auch?“ fragte Jamses. Er deutete auf die Wände und auf den Boden. „Keine Teppiche, keine Gemälde und keine Kronleuchter. Ich habe vielleicht zu viele Kinderbücher gelesen, aber…“ er schien enttäuscht zu sein. Ursas Gesichtsausdruck blieb starr, seine Augen auf den Boden gerichtet. Neru antwortete für ihn. „Das Leben hier unten ist nicht so glanzvoll wie das eines Königs. Es sind mehr Verwaltungsaufgaben und die Leute in einer ständigen Angst zu halten, etwas anderes zu tun als ihr Leben auf die am wenigsten auffällige Art und Weise hinter sich zu bringen. Hin und wieder treten Revolten auf, irgendwelche Leute, die sich gegen das System kämpfen wollen und wenn die nach G9 kommen, dann gibt’s aber mächtigen Ärger. Hier leben auch 2x so viele Leute wie weiter oben, sie haben Hunger und sind verärgert, wenn sie wüssten, wie gut es uns da oben gibt.“

„So gut? In welcher Welt leben Sie denn?“ Jamses starrte Neru an. „Naja, im Vergleich zu hier unten… schon.“ Neru lächelte kurz. „Wo ist der Weg nach G10? Ich frage nicht noch einmal.“ Zornig warf Ursa seine Hand nach vorn. „Hier entlang. Ihr werdet eh nicht entkommen. Meine Wachen sind auf dem Weg!“

Notna lächelte, bevor er dem Mann eine Ohrfeige verpasste. „Ich musste mich bisher zurückhalten, aber irgendwann…“

„Keine Zeit für Gewalt.“ Boris schlug Notna auf die Schulter. „Glauben Sie, dass er in G11 überleben würde, wenn wir ihn mitnehmen?“

Pjotr lachte. „Das ist eine perfekte Idee, Bruderherz.“

Ursa schüttelte den Kopf. „Nein, das ist eine furchtbare Idee, hier wird alles untergehen ohne mich.“

Ein Donnern ließ sie auffahren. Durch der Decke, von den Felsen hoch über ihnen drang ein gefährliches Knacken, ein Riss deutete sich an, als Neru durch das Fenster schaute, schwarz, mit Auswüchsen gleich einem Blick, der an dutzenden Orten gleichzeitig einschlägt. „Was ist da los?“ Salara rannte zu ihm hinüber.

„Entweder wir sind schon länger hier als Ja-Lib es angekündigt hat, oder er hat gelogen oder…“
„oder man hat uns angelogen…“ Jamses starrte durch ein weiteres Fenster hinauf, wirbelte herum und packte Neru an dessen Hemd. „Eine Lüge! Eine verdammte Lüge und ich gehe hier unten drauf. Wir alle gehen drauf!“

„Nein“, sagte Leutnant Sposka. „Wir leben noch und ich weiß nicht, wie es den da oben geht, aber ich vermute, dass es ihnen schlechter geht.“

Staubkörner flogen in scheinbarer Schwerelosigkeit an ihnen vorbei, Flocken rieselten in unsagbarer Langsamkeit durch die Luft, dann kamen die ersten Steine.

„Hier unten werden alle draufgehen, Ursa, wir müssen zu G11!“

Sie folgten dem verwirrten Mann durch die Gänge, die sich in immer mehr Abzweigungen aufteilten, trafen auf Soldaten, die panisch herumliefen, Diener und Dienerinnen, die noch immer den Blick zu Boden gerichtet, dem Untergang eine weitere Sekunde abtrotzten. „Hier ist es.“ sagte Ursa und drückte einen versteckten Knopf in einer Wand. Boris drückte ihm die Mündung des Gewehrs tiefer ins Fleisch. „Ich hoffe, du verarschst uns nicht!“

Eine unscheinbare Tür öffnete sich. Dahinter lag Dunkelheit. „Los!“ Sie folgten ihm. Lampen leuchteten auf. Staub lag dick auf den Armaturen, nur hier und da waren Abdrücke zu sehen. „Ja-Lib wusste, wie man es bedient.“

Neru lächelte bitter. „Ich auch. Keine Sorge.“

Er bediente die Knöpfe, als wäre ihm schon alles mit der Muttermilch eingegeben worden. Es knarrte, als sich die Lichter über der Plattform einschalteten. Ein sanftes Vibrieren floss durch die Luft. „Das ist nicht sehr groß, Neru.“ Salara hatte ihre Augenbrauen gehoben.

„Die Tiere da unten sind größer… wir wollten verhindern, dass sie durch Zufall…“
Ein Beben ging durch das komplette Gebäude, Schreie wurden laut, Befehle, die keiner beachtete, wurden irgendwo gebellt, das Knacken der Welt um sie herum wurde lauter. „Alle auf die Plattform!“ brüllte Neru und hieb auf einen Knopf. Ruckend, langsamer als erwartete rutschte sie in die Tiefe. Sie sprangen.

„Jemand verletzt?“ fragte Neru, als er Salara aufrichtete, die beim Aufkommen liegenblieben war. „Ich glaube, ich habe mir den Fuß geprellt“. Jamses hielt sich den Knöchel. Salara hob sein Hosenbein. „Hier ist nichts zu sehen.“ Sie schüttelte den Kopf.

Die Geräusche über ihnen verebbten und dann, als ob das Kreischen eine neue Dimension erhalten hatte, brach die Welt zusammen. Die Wände vibrierten vom Aufprall der Felsbrocken. „Etwas Furchtbares ist geschehen.“ Leutnant Sposka schluchzte plötzlich. Neru fühlte, wie sein Herz zusammensank, als er an seine Familie dachte, das erste Mal, seit sie aufgebrochen waren. „Ich hoffe, sie leben, hoffe, dass sie in die übergeordneten Bereiche gerettet werden konnten.“

Die Plattform glitt dem unbekannten Ziel entgegen und während Ursa, noch vor kurzem Anführer und furchtbarer Gesandter einer unbekannten Welt starr auf den Boden starrte, versuchte Jamses seine Augen zu schließen.

XIX

Gleich einer Herde, die einen langsamen Aufstieg auf einen Berg in Betracht zieht, zog sich die große Menge an Menschen durch die Landschaft. Pferde und Wagen stampften, rollten, knarrten ihren Weg über die unbefestigten Straßen und Wege. Seramus nickte, als er das schneckenhafte Gleiten des Ovpar auf dem ebenso mächtigen Wagen aus Holz wahrnahm. Es waren einige Dutzend Ochsen in fantastische Geschirre gelegt worden, geschmückt mit Edelsteinen, die Tiere bekränzt mit Efeu und Blumen, die die Ochsen oft genug versuchten, zu erreichen und zu fressen. Diener beeilten sich, sprangen hin und her, um sie davon abzuhalten und den Weg beibehalten zu lassen.

„Jetzt weiß ich, wieso es so lang dauert, das Ovpar nach Bramant zu bringen.“ Seramus nickte Sir Rangor zu. Dieser wurde aus einem Gespräch mit Benoras aufgeschreckt, der neben den Pferden lief, sich hin und wieder verabschiedete und einige Diener aufschreckte, die ihrer Pflicht nicht nachkamen.

„Es gibt keine guten Wege in Bramant, wollt ihr sagen.“ Sir Rangor lächelte. Seramus nickte. „Ich kann mir vorstellen, dass dieses Land nicht dafür ausgelegt ist, das Ovpar zu transportieren.“

„Da müsstet Ihr Lady Oksana fragen.“ Sir Rangor deutete auf die Gestalt, die auf einem Stuhl saß, direkt vor dem Ovpar, den magischen Kräften des Eies ausgesetzt. „Ein anderer Weg wäre noch weiter. Die Toten sind schneller, als wir angenommen haben. Es ist schon traurig genug, dass die Ochsen langsam müde werden, aber irgendwann muss man sie vielleicht essen.“ Er lächelte.

Ein Diener, kaum sicher, mit wem er sprechen sollte, so starr war sein Blick auf den Boden geheftet, kam herangelaufen. „Lady Oksana will mit Ihnen sprechen, Herr…“ er stoppte; während er vorsichtig neben den Männern herlief, die vom Pferd hinunterstarrten, begann sich sein Blick zu lichten. „Der Mann, der aus der anderen Welt kommt.“ Dann rannte er zurück.

„Seramus, damit seid sicher Ihr gemeint.“ Sir Rangor starrte auf die Straße vor ihnen. „Nehmt das Pferd mit, man weiß ja nie… vielleicht müsst ihr bald fliehen.“

Seramus nickte, wandte sich um und ritt hinüber zur Plattform, auf der das Ovpar stand, gewandet in Seide und Gold. Ein Aufmerksamer Blick lag auf ihm, als er hinauf zu Lady Oksana schaute. Eine Handbewegung bat ihn, auf hinaufzusteigen. Das Pferd nahm ein Diener, wie jeder andere, die Augen zu Boden gerichtet.

Seramus schaute die Frau an. „Müssen alle Leute den Blick senken, wenn sie das Ovpar sehen?“ Sie schüttelte den Kopf. „Wenn die Menschen denken, dass es ihnen das Leben aussaugt, wenn man es betrachtet, dann müssen sie dies tun.“

„Und was glaubt Ihr, Lady Oksana?“

„Ich habe euch nicht gerufen, weil ich wollte, dass ihr mir Fragen stellt, sondern weil ich…“

„Verzeiht, ich war lediglich aufgeregt.“ Er schaute auf. Lady Oksana lächelte. „Immerhin wagt ihr es, so mit mir zu sprechen. Das traut sich sonst keiner.“

„Wie lang wird es noch dauern, Lady Oksana, bis das Ding… ich meine, das Ovpar an einem sicheren Platz ist?“

Sie starrte in die Ferne. „Vielleicht eine oder zwei dutzend Tage, wer weiß das schon?“ Ihr Blick war starr. „Ihr kommt nicht aus dieser Welt?“ sie deutete auf sein Gesicht. „Es ist heller als eines, das ständig der Sonne ausgesetzt wäre und es gibt hier keine Zwerge mehr, die in Höhlen leben und ihr Leben damit verbringen, Gold und Silber zu schürfen.“ Er lächelte verwirrt. „Zwerge? Sie meinen Menschen, die…“

„Keine Menschen, kleine Wesen, Zwerge. Sie sind vor einigen Jahrzehnten ausgestorben oder geflohen oder was auch immer. Sie hatten geheime Bündnisse mit den Toten. Mein Mann, der leider verstorben ist, das Ovpar habe ihn selig, war auf einer Mission zu ihnen, als er zurückkam, ohne dass er sie jemals gefunden hätte. Obschon er geheime Wege und Türen kannte, um zu ihnen zu gelangen.“

„Es ist eine seltsame Welt hier, Lady Oksana. Ich weiß nicht, woher ist komme. Vielleicht könnt Ihr mir helfen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich bin keine Magierin, auch wenn die Leute glauben, ich sei eine. Ich diene nur dem Ovpar. Ich kann nicht in Eure Vergangenheit schauen, ich… sehe dort nur Leere.“

„Ich auch.“ Sie war alt, scheinbar, doch ihre Augen waren jung und strahlen und mit einer Art Leuchten, so dass sie kaum in diese Wirklichkeit passte.

„Ihr werdet noch vor Ende eurer Reise in dieser Welt herausfinden müssen, wer ihr seid, um eure Welt zu retten. Dies ist eine Warnung. Seit vorsichtig und aufmerksam. Nicht jeder ist so gut oder so schlecht wie es scheint.“

Seramus nickte. „Ich bin Sklavenhändlern in die Hände gefallen, obwohl ich der Tochter des Anführers geholfen habe, vor den Snalus zu entkommen. Dann bin ich geflohen und….“ „Genug. Ich bin müde, verzeiht mir. Ich kann jetzt nicht weiterreden.“ Sie hatte die Stimme gesenkt und ebenso ihren Kopf. Er lächelte, kletterte vom Wagen und auf sein Pferd, das noch immer von einem Diener gehalten wurde.

„Was hat sie euch gesagt?“ Sir Rangor hob seine linke Hand, um ihn zu begrüßen. Er schaute in die Ferne. „Nichts… nichts, was ich schon wusste.“

„Ja, so sind die Frauen.“ Sir Rangor grinste ihn an. „Und dennoch… dieses Ding, dieses Ovpar, macht mir Sorgen. Ich fühle…“ er machte eine Pause, bewegte den Kopf hin und her, „ich fühle, damit ist etwas zu Großes in diese Welt gekommen, etwas, das wir nicht wirklich… kontrollieren können.“

Seramus lächelte den alten Mann an. „Ich will nicht sagen, dass ich dieses Gefühl auch hatte, aber, so ihr es sagt, könntet ihr Recht haben.“

„Hört nicht auf den alten Mann, er ist berüchtigt dafür, dass er überall den Tod sieht.“ Sir Achbad hatte sich mit seinem Pferd unhörbar neben die beiden gesetzt und starrte in die Ferne. „Es wäre besser, wenn ihr verschwindet. Nicht, dass ich euch hier nicht haben will, bei der Macht des Ovpars, nein, aber es ist der gefährlichste Platz in diesem Land, vielleicht sogar in dieser Welt!“

„Wenn ihr glaubt, ihr könntet meinen Freund hier mit Geschichten vertreiben, dann seid ihr, mit Verlaub, getrieben von unvollständiger Information oder von einer Angst, die größer ist als euer Mut.“

„Wie könnt ihr es wagen!“ Sir Archbads Kopf drehte sich fast vollständig herum, damit er Sir Rangor in Augenschein nehmen könnte. Fast hatte Seramus ein Knacken gehört, aber dies war vermutlich nur eine Täuschung gewesen. „Sir Achbad, dieser Mann hat mehrfach an meiner Seite gekämpft. Glaubt ihr wirklich, ihr könntet ihn mit euren Geistergeschichten fortjagen?“ Seramus schüttelte den Kopf. „Würdet ihr mir erklären, wie ihr meine Flucht in einen Kontext setzen könntet für die anderen? Ich weiß, dass diese Welt fremd ist, fremder als alles andere, das ich kenne, aber… es ist eine verstehbare Welt, der man mit offenen Augen entgegentreten muss. Außerdem fühle ich, dass das Ovpar wichtiger ist als viele andere Dinge. Ich bleibe hier. Bitte entschuldigt, dass ich mich nicht entferne.“

„Pff“ Sir Achbad zerrte am Zügel und ritt nach hinten. Er brüllte einen Diener an, der pflichtbewusst seinen Blick senkte.

„Sir Achbad ist ein furchtbarer Mensch, findet Ihr nicht auch?“ Seramus ließ seinen Blick schweifen. „Er war einst anders… deshalb habe ich ihn noch nicht verprügelt.“ Sir Rangor schüttelte seinen Kopf und das Klirren seiner Rüstung verstärkte den Effekt. „Ich weiß einige Dinge, die ihn haben so werden lassen. Es geht um Verrat… er ist der letzte in seiner Familie, der noch am Leben ist. Die anderen…“ er schwieg. „Da hinten ist der Fluss. Das wird interessant.“

Das Rauschen kam immer näher. Weißer Schaum spritzte über die gesprenkelten Steine, die wie Mauern in den Himmel ragten. Irgendwo in der Ferne ließen sich Bäume blicken, düster wie eine Felsenlandschaft, ohne Zeichen von Leben. Sie hielten. Die Pferde schnaubten unruhig.

„Wo ist denn eure versprochene Fähre?“ Sir Achbad hatte sich an einen der Männer der Vorhut gewandt, die genauso ratlos schienen wie der Tross hinter ihnen. „Sie haben zugesichert, am vereinbarten Treffpunkt zu sein.“

„Geben wir ihnen noch etwas Zeit?“ Sir Rangor ritt nach vorn, hielt kaum einen Schritt entfernt vom Wasser.

„Der Fluss ist unruhig. Es kann etwas dauern…“ Der Mann in der Vorhut zuckte mit den Schultern. Lady Oksana kam nach vorn geschwebt. „Geben wir Ihnen noch etwas Zeit. Sie werden kommen.“

„Je länger wir warten, desto näher sind die Toten!“ Sir Achbads Gesicht war eine einzige Maske. „Und wenn wir auf dem Fluss sind, sind wir schneller.“

„Auf dem Fluss?“ Seramus hob seinen Blick zu Sir Rangor, der wieder neben ihm stand. „Es ist schneller. Das Ovpar ist stabil genug, nicht auseinanderzubrechen wie ein Hühnerei, wenn es etwas holpriger wird. Ich habe schon gesehen, wie Männer, wahnsinnig vor Wut mit Äxten darauf eingeschlagen haben… einer dieser alten Zauberer hatte es mit Macht versucht, mit Feuerbällen, mit Eisregen, mit Blitzen… erfolglos. Stabil wie es ist wird es uns und noch weitere Generationen überleben.“

„Da vorne sehe ich Bewegung…“ Seramus hatte sich aufgerichtet und starrte den Fluss hinauf. Er deutete mit den Fingern darauf. „Sie kommen. Ob wir da alle draufpassen?“ Sir Rangor grinste. „Nur die wichtigsten. Die anderen reiten voraus. Der Fluss ist, wenn wir diese Stelle ausnehmen, groß und ruhig. Bis zur Hauptstadt dauert es trotzdem noch einige Tage.“

„Die Toten! Sie kommen! Ich habe sie gesehen!“

Ein Reiter, bedeckt mit dem grauen Staub der unheiligen Armee, ritt hechelnd an ihnen vorbei, direkt zu Lady Oksana. Er warf sich auf den Boden. „Seit gewarnt, Priesterin des Ovpar. Sie kommen und es sind Horden. Sie sind langsam, aber unaufhaltsam. Die Feuer, die wir gelegt haben, wurden von Regenstürmen gelöscht, vermutlich auch durch Magie erschaffen.“

„Gebt dem Mann etwas zu trinken und frische Kleidung.“ Sir Achbad kam herangeritten, die Augen fest auf den Horizont gerichtet. Die Sonne stand nicht mehr an ihrer höchsten Stelle. „Benoras?“ Der Mann trat hervor. „Ihr habt gerufen, Sir Achbad?“

„Bereite das Ovpar vor, es muss schnell auf die Plattform. Hier. Wir schaffen es kaum vor morgen, aber…“

„Sicher, Sir Achbad.“ Der Mann verneigte sich, seine Augen blieben jedoch auf ihn gerichtet. „Jedoch wird es wohl notwendig sein… dass alle mit anpacken.“

„Du Hund!“ brüllte Sir Achbad, doch Seramus hob seine Hände. „Sir Achbad, wenn das Ovpar wirklich so wertvoll ist, dann wird es notwendig sein, einige starke Arme mehr zu haben, um es zu retten. Davon sind wir alle nicht ausgeschlossen!“

„Wie könnt Ihr es wagen…“

„Sir Achbad, mein Freund hat recht. Wollt ihr, dass das Ovpar den Toten in ihre zerlumpten Hände fällt, nur weil Ihr lieber in eurem Zelt bei einer Flasche Rotwein trübsinnig auf den Boden starrt?“ Sir Rangor grinste. „Natürlich nicht…“ Sir Achbad zuckte mit den Schultern, unfähig, sich anders zu bewegen.

Aus der Nähe erschien die Schwimmende Plattform als viel zu klein für das Ovpar und die Mannschaft, die es bewachte. Die Männer warfen ihre Seile hinüber an das trockene Land und die Diener fingen es, machten sich mit Eifer ans Werk, banden sie an die Bäume, die sie noch finden konnten. Der Fluss zerrte an dem Schiff, doch glücklicherweise waren die Seile stark und die Bäume tief in der Erde verwurzelt.

Sie spannten die Ochsen aus und kommandierten sie an das andere Ende des Wagens, so dass sie mit ihren mächtigen Köpfen das Ovpar und seine Hohepriesterin schieben konnten. Die Männer hielten den Atem an, drückten an den Seiten des Wagens, so dass er in winzigen Schritten den Weg zum Fluss fand.

„Wie weit ist es noch?“ rief Seramus, während er sich den Schweiß von den Augen rieb. Sein Körper fühlte sich an, als wäre er bereits tagelang am Schieben, pressen und Drücken. Das Gebrüll der Tiere und das noch viel lautere Stöhnen der Männer um ihn herum brachte seine Ohren zum Summen. „Weit genug, damit Sir Achbad versuchte, zu fliehen, um in einem Wirtshaus den Kopf in Rotwein zu versenken!“ Sir Rangor lachte brüllend, dann schob er weiter. Eine Hand fiel auf Seramus Schulter. Er wandte sich um. Benoras starrte ihn an. „Lady Oksana will mit euch sprechen.“ Seramus nickte und ging, den Wunsch zu folgen. Benoras nahm seine Stelle ein. Im Hintergrund hörte er die Männer fluchen.

Sie stand wie eine Statue aus Marmor vor dem Ovpar. Ihre Augen waren dunkel in ihrem bleichen Gesicht und schienen alles zu überblicken. „Seramus. Schön, dass ihr meinem Wunsch gefolgt seid.“ „Lady Oksana, ich bin neu in diesem Land, aber ich weiß, dass ich dem Befehl einer Dame zu folgen habe.“ Sie wandte ihren Blick. „Ihr sprecht kühn, dafür, dass Ihr nicht wisst, was ich alles tun kann.“

Er nickte. „Vermutlich spreche ich nur deshalb so kühn, weil ich euch nicht kenne. Ich vermute jedoch, dass Ihr mich gerufen habt, weil Ihr etwas mit mir besprechen wolltet.“

Sie schwieg und er fühlte das Rucken des Wagens um sie beide herum. „Geht mit mir auf das Schiff. Ich habe einige der besten Männer ausgesucht, die das Ovpar direkt beschützen. Die anderen werden neben dem Fluss reiten, Wege suchen und finden müssen.“ Sie lächelte milde. „Ihr habt keine Angst vor dem Ovpar, ist es nicht so?“

Er nickte. „Ich weiß nicht, es kommt mir vertraut vor, aber Angst…“ „Ihr wendet euren Blick nicht zu Boden. Das ist mir sofort aufgefallen. Die anderen…“ Sie schwieg. „Die anderen Leute kennen es… es lauert in ihren Träumen, in ihren Erzählungen und Märchen. Doch Ihr, Seramus, seid wie ein leeres Blatt Papier. Das ist schlecht für euch, aber gut für mich.“ Er neigte seinen Kopf in stiller Zustimmung.

„Es dämmert, Seramus. Es wird Zeit, dass Sie noch einmal mithelfen. Dann werden die wenigen Männer und Frauen, denen ich vertraue, auf die Plattform gebracht. Als letztes werden Sie mit an Bord gehen. Verabschieden Sie sich ruhig von Sir Rangor, Sie werden sich sicher wiedersehen.“

Er sprang auf die Erde hinunter. Staub wirbelte um ihn herum auf. Sir Rangor betrachtete ihn stirnrunzelnd. „Was hat euch diese Frau denn wieder in den Kopf gesetzt?“

Stumm reagierte er auf die Mitteilung ihrer baldigen Trennung. „Einen so kurzen Weg sind wir gemeinsam geritten und noch immer habe ich euch nicht danken können für eure Hilfe.“

„Hätte eure Pfeile nicht nicht ein paar Snalus getötet, wäre ich auch nicht hier. Ich sehe die Sache ausgeglichen.“ Seramus lächelte.

Es war finsterste Nacht, als die letzten Leute im flackernden Licht der Fackeln auf die nun schwimmende Plattform, die aufgeregt im reißenden Fluss hin- und herschwankte, sprangen. Pakete von Nahrungsmitteln wurden nach drüben geworfen, Decken und Felle, damit die Menschen die Nächte überstehen konnten, ebenso. Band erinnerte die Plattform mit dem Ovpar an ein riesiges Lager.

Befehle wurden gebrüllt. Seramus sprang hinüber auf die Plattform, ging in die Knie, als das Holz unter seinen Füssen schwankte. „Nicht so aufgeregt, junger Freund.“ Sir Rangor winkte ihm zu. „Wir sehen uns in Bramant.“

Die Seile wurden durchtrennt und das Boot setzte sich in Bewegung. Bald waren die Geräusche fort, mit Ausnahme der gemurmelten Befehle der Bootsführer, die mit den hölzernen Stangen die Plattform in der Mitte des Flusses hielten. Da war nur noch das Rauschen des Wassers um sie herum. Seramus machte sich auf, einen Platz zum Schlafen zu finden. Er beobachtete, wie die Fackeln in der Finsternis verschwanden.

Dann, als wäre es das erste Mal seit Ewigkeiten, vernahm er eine tiefe Ruhe, eine Art Vergessen, tief in seinem Körper. Sie kam aus dem Nichts. Er fühlte sich, als wäre nicht nur er, sondern auch seine Seele auf dem Wasser treiben, in einer grenzenlosen Weite, ohne ein Ufer, auf dem Kreaturen lauerten, ihn in ihre Fänge zu bekommen.

„Was ich bin, ist das Einzige, das ich sein kann. Ein dunkler Schatten treibt auf meiner Seele wie eine Wolke, ein düsterer Spruch zu meinen Ungunsten ausgesprochen, ein Fluch, mich vergessen zu lassen, wer ich bin, was ich bin. Ich bin der Anfang und das Ende, ich bin die Entstehung und der Untergang, ich bin so weit gewandert wie niemand anders davor. Wer  ich auch immer war, ich bin es nicht mehr, doch werde ich immer das sein, was du fürchtest. Es steht mir nicht zu, dir zu sagen, was du zu denken hast, doch ich weiß, was du fühlen musst: Angst. Zweifel. Tod.“

Diese Worte, kaum mehr geflüstert denn gesprochen mit einer Stimme, die tausend Meilen weit weg schien, stoppten. Seramus öffnete die Augen. Lady Oksana hatte sich neben ihn gesetzt und hielt ein kleines Buch in ihren Händen, flackernd beleuchtet von einer Fackel, die auf einem metallenen Ständer hinter ihr  befestigt war. „Trauere nicht um mich, denn du selbst hast vergessen, wer du bist. Was kümmert dich dein kleines Leben, wenn du meines siehst. Wie groß und stark musst du werden, um zu begreifen, dass deine Endlichkeit der größte Segen ist, dessen du habhaft werden kannst. Nichts ist schlimmer als die Ewigkeit. Und siehe, ich warte. Auf dich, Fremdling.“

Sie schlug das Buch zu. „Diese Worte stehen in unserem heiligen Buch. Nur wenige Menschen haben das Vorrecht, es zu hören.“ Sie hob ihren Blick. „Ich wusste, dass Ihr dieser Fremdling seid, als ich euch das erste Mal sah. Ihr seid in diese Welt getreten als ein Fremdling und euer Name ist auch nicht Seramus.“

Er nickte. „Ich bin ein Fremder, das stimmt. Ich höre auf den Namen, weil man ihn mir gegeben hat.“

„Du bist hier, um das Ovpar zu beschützen.“ teilte ihm Lady Oksana mit. Sie stand auf und wandte sich um. „Ihr müsst es beschützen! Es sind nicht nur die Toten, die es besitzen wollen. Etwas Größeres ist hinter ihm her! Was passiert, wenn die Menschen erkennen, was das Ovpar wirklich bedeutet? Sie werden es vernichten wollen.“ Ihre Stimme bekam langsam aber sicher einen flehenden Unterton. „Sie werden es zerstören wollen. Und irgendwann werden sie es schaffen. Sie werden es zertrümmern und dann wird die Welt, wie wir sie kennen, nicht mehr sein. Sie erden sie vernichten, hörst du? Sie werden nicht nur ihre Gegenwart, sondern auch die Vergangenheit ändern!“

Sie brach ab. Schweißtropfen rollten von ihrer Stirn. Sie keuchte. „Geht es euch gut?“ fragte Seramus mit besorgtem Blick. Sie nickte zögerlich. „Es… ich… ja…“ Sie drehte sich um und ging hinüber zu einem der Zelte, das die Diener in hastiger Arbeit zusammengebaut hatten. Dann war nur noch Stille.

Seramus lehnte sich zurück und versuchte die Sterne zu betrachten, die über seinem Kopf aufgegangen sein mussten. Es war das erste Mal, seit er hier war, dass er sich seiner Umwelt wirklich bewusst wurde.

Flockige Wolken schoben sich langsam über den Himmel und ließen nur Fetzen von nächtlichem Himmel durchdringen. Lichtpunkte, unbekannte Bilder, leuchteten auf und verschwanden wieder. Es war das Fremde und doch Vertraute, dass seinen Geist in Bewegung hielt, ihn Muster suchen und finden ließ, das Namen von Sternbildern in seinen Verstand schob und wieder vergessen ließ. Er hörte sein eigenes Gemurmel durch das Plätschern des Flusses.

Aus der Ferne, ein leichtes Tönen, ein sanfter Ton, wie von Wolken getragen, legte sich über die Stille. Er erlosch, um danach wieder aufzuwallen und zu verebben. Seramus schaute auf. Der Ton erscholl noch einmal, dann war es vorbei. Die anderen, konnte er sehen, hatten auch ihre Augen gehoben, in eine Finsternis, die nur von den  schwachen Fackeln erleuchtet war, um das Ufer zu sehen. Der Mond ging auf, so schnell, dass Seramus vermutete, dass er immer wieder kurz einschlief. Und da war diese Stille wieder, dieses Nichts in seinen Ohren.

„Was war das?“ fragte er. Sie schüttelten den Kopf, doch eine der Knechte flüsterte ihm ins Ohr, dass dies die große Glocke sei, die jede Nacht, wenn der Mond am höchsten steht, die Menschen daran erinnert, dass sie leben. „Das Ovpar muss zu dieser Glocke… ich…“ Er schüttelte den Kopf. „Ich habe zu viel erzählt.“

Seramus schlug ihm auf die Schulter. „Erzähl mir mehr!“ Er schaute sich vorsichtig um. „Erzähls mir. Ich verrate es nicht weiter.“

Der junge Mann nickte. „Es ist so, dass die Toten nicht unbedingt das Ovpar haben wollen. Sie wollen… sie… werden immer mehr und sie müssen das Ovpar retten, denn wenn sie…“ Wie von einem Strick gefesselt, riss ihn eine unsichtbare Macht nach oben. Fassungslos musste Seramus mitansehen, dass der Knecht sich bog, wie ein Ast… das Geräusch, als seine Glieder und Knochen sich in unwirkliche Formen pressten, er drückte seine Hände auf die Ohren, unfähig, seine Augen abzuwenden. Dann erstarrte der Mann, stolperte einige Schritte nach vorn und fiel, ohne sich wieder zu bewegen, von der Plattform und verschwand im tobenden Wasser.

Niemand sagte etwas. Seramus drehte sich herum und sah im Licht des Zeltes eine filigrane Gestalt, deren Schatten sich bewegte, als wäre es nicht nur eine Person, sondern ein dutzend, verschlungen wie eine Horde Schlangen, die um ein Opfer kreisen.

Die Stimme, die sich in seinem Kopf abbildete, schien Worte aus dem Nichts zu saugen und aus ihrem Schweigen erschuf sie Bilder von Schmerzen. Er bäumte sich auf. Doch wie aus dem Nichts traf ein vierter, letzter Glockenton seinen Kopf und wie durch ein Wunder war dieser, er wusste nicht, wie er es sagen sollte, Angriff vorbei. Er hörte sein Keuchen, dann fiel er in einen so unruhigen Schlaf, dass er sich nicht vorstellen konnte, dass er sich jemals wirklich erholen würde.

Er fühlte, dass ein Teil seines Kopfes den Tag herbeisehnte, der andere Teil aber sagte ihm, dass etwas mit der ganzen Sache nicht stimmen konnte. Er sah Bilder aufflackern von seiner Ankunft, von irgend etwas, was er hier tun sollte, doch nicht mehr wusste. Er schüttelte den Kopf, als könne er damit die Gedanken länger halten, sie betrachten, sie einfach anders zusammensetzen, dass sie einen Sinn ergeben würden. Wieso war er hier? Ein Kichern lief durch seinen Verstand, dann schlief er, endgültig, ein.

XX

„Es ist vorbei. Es ist alles vorbei.“ Der Mann, der vor einigen Stunden noch ein großer Anführer einer Ebene gewesen war, Herrscher von hunderten, nein, tausenden Untergebenen, weinte wie in kleines Kind. Neru nickte hilflos, konnte sich aber nicht des Gefühls erwehren, das er nicht weinte, weil ihm die Menschen am Herz lagen. „Der Verlust von Macht schmerzt, nicht wahr?“ fragte Jamses und versuchte, nicht zu lächeln. Doch die Falten in seinem noch jungen Gesicht sprachen Bände. „Salara, was ist passiert?“ fragte er. Die Angesprochene zuckte mit den Schultern. Sie sah erschöpft zu Boden. „Egal, was es war, es ist zu spät.“

„Das weißt du doch gar nicht!“ Notna stampfte auf. „Es können noch immer Menschen überleben.“

„Wenn die Erde bebt, hier unten, wenn die Decke sich senkt, wenn Steinbrocken so groß wie Häuser herunterfallen, nach all den Jahrhunderten, dann ist etwas großes im Gange!“

„Aber der Drache ist doch nicht so groß, dass er Mauern, Ebenen aus Granit unter seinen Füssen zertrümmert!“

Neru stand auf und starrte auf den Ausgang des Fahrstuhls, der noch immer schwarz vor ihm lag. „Wir müssen hier raus. Ich habe das Gefühl, dass die Antwort in G13 liegt. Und wir können den Menschen da oben eh nicht helfen, zumindest jetzt nicht.“

Die Soldaten kauerten in einer Ecke. Sie hatten ihre Waffen ausgebreitet und das laute Klicken und Knacken deutete an, dass sie sich auf eine Schlacht vorbereiteten.

„G11 ist eine gefährliche Ebene. Ernsthaft, es ist nicht so, dass da ein paar große Marienkäfer herumspazieren, auf denen man reiten kann oder so. Es geht hier um genetisch veränderte Tiere, die sich in Jahrhunderten einer Welt angepasst haben, die schlimmer ist, als so manche Gruselgeschichte. Es geht um den Tod. Dort unten lauert Schrecken….“

„Sprich nicht immer so von der Hölle, Neru. Es reicht, wenn wir wissen, dass wir dort unten vorsichtig sein müssen.“ Salara schüttelte den Kopf. „Es ist gefährlich, ich war auch schon hier unten, vergisst du das immer?“

Die Maschinen donnerten, dann verhallten sie. Ein Rucken ging durch die Plattform, knirschend kam sie zum Stillstand. Leutnant Sposka schaute auf. „Wir sind da.“

Sie mussten sich erst an das grelle Licht gewöhnen, das durch die Tür drang. Mit zusammengekniffenen Augen traten sie ins Freie.

„Was sagtest du? Lichtpunkte, die die Sonne simulieren sollen?“

Neru starrte zu Boden und betrachtete seinen Schatten. „Es ist wirklich sehr hell hier. Ja, wir sollten uns beeilen. Das Portal liegt einige Stunden entfernt und ich möchte nicht…“

Ein Brüllen ragte in die Luft und ließ das Team zusammenzucken. Weitere Wesen antworteten, mindestens genauso laut. „Das… ist gefährlich.“ sagte Jamses. „Keine Sorge“, teilte ihm Boris mit, „Wir sind bewaffnet.“ Er trat einen Schritt hinaus und war verschwunden. „Boris!“ brüllte sein Bruder und rannte hinterher. Die anderen folgten ihm.
Schatten eines körperlosen Wesens rollten über die grell-grüne Fläche. Sie hörten den Verschwundenen in der Ferne schreien. Schwarzweiß gefleckte Hufe wurden sichtbar, auf dürren Stelzen, darüber ein Körper und ein Maul, in dessen Mitte der kreischende  Soldat hing. Augen, die wie Satelliten an Drähten hingen, betrachteten die Schar der Eindringlinge, dann knackte es. Etwas krachte auf den Boden. Neru wandte seinen Blick ab. „Leute, nehmt euch seine Waffen!“ Sie zerrten an dem noch vor Augenblicken lebendigen Soldaten herum, bis sie alles hatten.

„Dorthin.“ Leutnant Sposka deutete auf eine Höhle in einem der künstlichen Felsen, kaum 100 Schritte entfernt. Sie rannten. Hinter ihnen hörten sie, wie das Wesen den Rest des Soldaten fraß.

Pjotr erwachte aus seinem Schock. Er drehte sich um und begann, zu schießen. Sie achteten nicht darauf; nur bestrebt, die rettende Tiefe zu erreichen. Nur Leutnant Sposka machte eine Ansage, brüllte ihm zu: „Lassen Sie es!“ Doch im Herzen wusste sie, dass er sich nicht aufhalten ließ. Das Tier, das über ihren Köpfen an seinem Opfer kaute, achtete kaum auf die Gewehrkugeln, die unkontrolliert um es herum rasten, doch kaum trafen die ersten Projektile, starrte es verwundert umher. Seine Augen, kaum mehr als schwarze Beulen auf einer Wand aus Haut, begannen sich zusammenzuziehen. Es stampfte unruhig hin und her, versuchte, den schmerzhaften Blitzen auszuweichen, die langsam aber sicher in seinem Körper für Schaden, für Schmerzen sorgten.

Die anderen waren bereits bei der Höhle angelangt, ungehindert von anderen Lebewesen.

Neru atmete schwer. Er schaute auf und sah, dass Salara leise weinte. Zorn brach über ihn zusammen wie eine Welle. „Verdammte Mistviecher. Wir waren… wir waren viel zu unvorsichtig. Ich hätte…“

Er hörte das Tier brüllen. Ein Schatten schob sich in die Höhle. Er drehte sich um. Pjotr stampfte, die Augen zusammengekniffen, durch den Eingang und blieb stehen. Hinter ihm brach ein Berg aus Fleisch zusammen, zuckte noch einmal und starb. Leutnant Sposka stand auf, schaute den verbleibenden Soldaten an. Er starrte, ohne eine Reaktion, in den Abgrund. Sie schlug ihn ins Gesicht. „Machen Sie das nicht noch einmal!“ sagte Sposka leise. „Ich werde es nicht noch einmal tun. Ich kann nicht noch einen Bruder rächen.“ flüsterte Pjotr. Dann ließ er die Waffen fallen und sank auf die Knie.

Jamses trat zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter. Der Soldat zuckte leise zusammen. „Ich weiß, wie es ist.“ Pjotr blickte auf. „Ja?“ Jamses nickte. „Ein Unfall, oder wie man es sagen will. Eine Explosion in einer Kammer während einer Routinereparatur.  Am Ende kam heraus, dass irgendein Idiot vorher geraucht und seine brennende Zigarette weggeworfen hatte… Gas und Feuer ist eine tödliche Kombination.“ Pjotr schluchzte leise. Jamses blickte auf. „Wir haben ihn gefunden… den Mörder meines Bruders.“ Dann schwieg er, starrte aus der Höhle in das noch immer grelle Licht der künstlichen Sonnen da draußen.

Leutnant Sposka rappelte sich auf. „Über uns sterben Welten. Wo ist der Ausgang nach G12?“ Neru blickte auf. „Ich…“ Er ging zum Rand der Höhle. „Ich kann mich kaum noch erinnern, wie es damals war.“ Er drehte sich um. „Salara, kannst du vielleicht?“

Sie war nicht da. „Salara?“ Alle drehten ihren Kopf, taxierten den Hintergrund der  immer finsterer werdende Höhle. „Was ist los? Wo ist sie?“ Professor Notna stand auf und wankte in die Finsternis. Kurz darauf kehrte er zurück. „Ich weiß nicht, wo sie ist.“

Panik wallte in Neru auf. Er rieb seine Hände über die Augen. „Wann ist sie verschwunden?“ Seine Stimme summte vor Panik. Die anderen starrten ihn an. „Sie ist doch hergerannt. Haben wir sie nicht gesehen?“ fragte Leutnant Sposka. Sie nickten. „Natürlich… aber…“ Professor Notna berührte die Wände. „Das hier ist Beton. Es ist Menschenwerk… es ist nicht natürlich.“

„Natürlich ist es nicht natürlich.“ Jamses lachte leise. „Hier unten gibt es nichts mehr, das wir nicht gemacht haben.“ „Es geht nicht um die Höhle, wo ist Salara?“ fragte Neru. Seine Stimme versagte. Er wandte sich um. „Wo ist sie?“
Sie gingen zum Eingang der Höhle und verschwanden im Licht.  Neru blieb allein. Gebrüll von allein Seiten, Geräusche von Jubel und Schmerzen, Knacken und Brechen um ihn herum. Er hielt sich die Ohren zu, konnte jedoch das Gefühl nicht ausschalten, dass alle wahnsinnig geworden waren. Und dann war nur noch Stille und das Stampfen sich entfernender Pfoten. Er war allein. Schluchzend rappelte er sich auf, schaute sich um und fühlte, dass die Wände um ihn herum zusammenschrumpften, wie in diesem… „Märchen… Märchen… ich werde größer? Nein… Nein…“

Er schrie.

Eine Hand berührte ihm im Gesicht und er fühlte Kälte auf seiner Haut. Er öffnete die Augen. „Du warst weggetreten, mein Kleiner.“ sagte die Frau. „Salara?“ Sie nickte. „Du bist noch da?“ Fragte er. „Wo soll ich denn sonst sein?“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich… war fort. Und du warst da. Wo war ich?“

„Wir haben dich in die Höhle geschleppt. Du bist schwer.“ Sie verzog ihr Gesicht. Er wandte sich um. Draußen schien noch immer die Sonne. „Du hattest einen Sonnenstich oder so etwas in der Art. Du bist umgekippt wie ein Sack voller Sand, hast Dinge gesagt, die ich nicht nachvollziehen kann: „Die Tiere draußen brüllen noch immer meinen Namen“. Was meinst du damit?“

Er richtete sich auf. „Ich weiß nicht. Wie spät ist es?“
Sie schaute auf ihre Uhr. „Du hast fast 6h lang geschlafen. Es ist zu spät.“

„Nein!“ Er sprang auf, rannte zum Eingang. Eine Wand aus Staub lag über dem Portal. „Die Decke ist zusammengebrochen, an ihrer dünnsten Stelle. Wir kommen so nicht mehr nach oben.“

Er fühlte, wie ihm der Boden unter den Füssen bebte. „Es wird schlimmer.“

„Wie meinst du das?“ fragte Salara, die in der Sicherheit der Höhle hinter ihm geblieben war. Er zuckte mit den Schultern. „Wenn die Höhlen, wenn die Felsen, seit über 300 Jahren halten, wieso brechen sie jetzt zusammen? Irgendwas ist im Gange und ich bin nicht erfreut darüber. Ich finde das zum Kotzen.“ Bilder seiner Familie brandeten auf, er schüttelte sie ab. Er fühlte rein gar nichts.

„Wir müssen weiter.“ Leutnant Sposka stand nun auch neben ihm. Hinter ihm hörte er das Klopfen von Stiefeln. Er drehte sich um. Notna und Jamses halfen sich gegenseitig den Rucksack auf den Rücken. Neru lächelte in sich hinein. Wenigstens Freunde gab es hier noch. „Wie geht es Pjotr?“ fragte er leise. „Er nimmt es wie ein Mann. Vermutlich irgendwelche Drogen, die sie im bei der Ausbildung eingepflanzt haben oder so.“ Salara schlug ihm an die Seite. „Es geht mit dir?“ Er wandte sich um. „Wir müssen weiter.“

„Das wissen wir, oh edler Anführer.“ Ursa Minors Körper bewegte sich nicht. „Ich komm nicht mit. Ich bleibe hier. Ich bin nicht für ein solches Abenteuer ausgerüstet.“

„Du kommst mit!“ Pjotr warf ihm die Überreste des Rucksacks seines Bruders zu. „Du wirst das tragen und du wirst dich nicht beklagen. Sonst werden wir dich den Dingern vorwerfen, klar?“

Sie schwiegen. Schatten dürrer Beine ragten in die Höhle, ein Gesicht, halb Kuh, halb irgendetwas anderes von der Größe eines Menschen beugte sich herunter, betrachtete sie und stampfte dann weiter. „Es ist wohl ein Pflanzenfresser.“ sagte Notna. „Nein, es sucht nur seine Herde, um ihr von uns zu berichten. Sie sind intelligenter als sie aussehen. Und wenn da hinten ein totes Tier liegt, dann ist das erstens ein Zeichen von Nahrung und zweitens sagt es: „diese Dinger in der Höhle sind gefährlich.“

„Laufen wir. Könnt ihr?“ fragte Neru und die anderen nickten. Er blickte in erstarrte Gesichter. „Dann los!“

Sie eilten, die Blicke nach oben und vorn gerichtet, hinaus. Irgendwo in der Ferne hörten sie ein Trompeten, doch Neru wusste, dass sie sich keine Pause gönnen durften, bis sie in Sicherheit waren. Die Hitze war überwältigend, so dass sie versuchten, im Schatten zu bleiben, um wenigstens dem Licht auszuweichen. Bäume standen wie erstarrte Schlangen da, bewegten sich langsam im künstlich erzeugen Wind. Es war heiß, so heiß, dass sie hofften, dass ihre Stiefel nicht schmelzen würden. Das Korn stand in heller Blüte, dunkel und gelb und sein Duft war überwältigend. Die Luft von Sporen gesättigt, bohrte sich in ihre Lungen und ließ sie hecheln.

„Wie weit noch?“ fragte Jamses keuchend. Neru schaute sich nicht um, um zu antworten. „Es ist nicht mehr weit. Da vorn ist ein Farmhaus, verlassen. Dort haben wir das letzte Mal….“ Er kam nicht weiter. Das Brüllen, sonst nur in der Ferne, schwang sich in eine Lautstärke auf, die sie erzittern ließ.  Es waren mehrere Tiere, eine kleine Gruppe. Ihre Köpfe baumelten hin und her an Hälsen, die sich nur ein Verrückter ausdenken konnte.

Das Team lief schneller. Das Gebäude kam immer näher, man konnte bereits die Türen und Fenster erkennen in den graubraunen Wänden, voller Lücken abgerissener Schindeln. Das Dach schien in Ordnung zu sein, aber man konnte nie wissen. Der Geruch von Verwesung schlüpfte in ihre Nasen.

Die Tür wurde aufgestoßen, Staub wirbelte auf und die seelenlosen Gesichter früherer Besitzer tauchten kurz auf und verloren sich wieder in der Zeit. „Sind die Fenster dicht?“ Sie durchsuchten das Haus, fanden keines der Fenster offen und versammelten sich wieder im großen Hauptraum, der seit Jahrzehnten keinen Menschen mehr gesehen hatte, bis auf.. „Weißt du noch, Salara?“ Sie nickte. „Wir waren hier, genau in diesem Raum. Hier ist…“ Neru schwieg. Die anderen hatten ihre Sachen auf einen Tisch geworfen und sich einen Platz gesucht. „Haben wir hier Wasser?“

„Da hinten“, Salara deutete in eine Ecke. „Eine direkte Leitung, sollte… ich sage bewusst, sollte, in Ordnung sein.“ Der Wasserhahn ließ sich öffnen und nach einigen Minuten brauner Brühe wurde das Wasser endlich klar und rein. „Wer traut sich?“ Keiner tat es. Neru trat heran und nahm einen Schluck. „Es ist gut. Wir haben damals auch getrunken und Salara und ich leben noch.“

„Last uns etwas essen und trinken. Ein wenig Ruhe ist notwendig.“ Notna nickte und lief zu seinem Rucksack. „Ich verhungere.“ Seine Mitteilung wurde von den anderen begrüßt und neben Grübeln und Essen, in der Stille dieses alten Hauses verging die Zeit.

Ursa hämmerte auf den Tisch, Staubflocken wirbelten auf. „Was ist los mit euch? Wieso…?“ dann schwieg er wieder. „Gibs zu, da oben hat keiner auf dich gehört, so wie du dich gebärdest.“ Jamses grinste lustlos, während er sich einen Brocken Ersatzfleisch in den Mund schob. Ursa schaute auf. „Wie?“

„Wir haben gesehen, wie du laut gesprochen hast, aber nicht vor einer Menschenmenge, sondern mit Lautsprechern… so ist denn dein Volk gewesen, um dir, oh großmächtiger Herrscher zu lauschen?“

„Schnauze!“ Ursa sprang auf und rannte auf den jungen Mann zu. Nur ein Arm, ausgestreckt, hielt ihn auf, rammte ihn zu Boden. „Es ist keine Zeit zum Streiten, Mann.“ Leutnant Sposka wandte sich wieder ihrem Essen zu. Die anderen starrten sie an.

„Wie weit ist es bis zum nächsten Portal?“ Notna hatte sich vor ein Fenster gestellt, sein Schatten reichte tief in das Zimmer. Neru fummelte in seinem Rucksack und holte die elektronische Landkarte heraus. Flimmernd erwachten die dreidimensionalen Muster zum Leben

„Das ist nicht einfacher als unser Weg hier herunter.“ teilte Salara mit. „Schau.“ Zwischen einigen kleinen Erhebungen, die verlassene Häuser sein sollten, bahnte sich eine kurvige Linie flackernd den Weg durch die Luft. „Das ist ein Fluss. Er wurde damals gegraben, um ein ständiges Wasserangebot zu haben.  Hier unten hat nicht jeder die Möglichkeit, ein Feld mit Wasserhähnen zu bewaffnen. Das Problem ist, zur Mittagszeit sind die meisten Tiere dort, um zu trinken und da die Umweltkontrollen ausgefallen sind, gehe ich stark davon aus, dass es dort von diesen Monstern nur so wimmelt.“

Sie seufzte und reckte sich. „Ich bin so müde.“ Ihre Worte klangen fern, ihr Geist wanderte vermutlich durch alte Geschichten und Bilder und ihr Körper beugte sich vor der Last die hinter ihr lag.
„Wie kann ich dir helfen?“ Neru legte ihr seinen Arm um die Schultern. Sie drehte sich um. „Es ist wie damals. Wir sitzen hier und sprechen. Weißt du noch, letztes Mal ist auch nur eine Person gestorben, hier, genau in diesem Haus. Wir haben ihn draußen vergraben.“ Neru nahm seine Arme weg und ging zum Fenster. „Ich erinnere mich nicht mehr.“ Er wandte sich um. „Und auch, wenn ich mich erinnern könnte, damals war alles anders. Wir hatten Zeit. Wir waren nicht in Eile, wir waren eher Wissenschaftler als ein Rettungsteam.“

„Wenn Ja-Lib sich retten lassen will.“ Neru wirbelte herum. Jamses starrte zu Boden. „Wenn er sich nicht retten lassen will, dann werden wir Gewalt anwenden.“ teilte der Techniker mit, bevor er sich erneut seinem Essen widmete.

Es roch nach Verfall. „Wie lang sind die Leute hier bereits fort?“ fragte Notna, während er sich umschaute, mit den Händen an den Wänden entlangstrich. Neru blieb stehen.

„Wir… sind einem Mann begegnet, als wir hier das letzte Mal waren. Er war alt, konnte kaum noch seinen Namen aussprechen und lief in alten Klamotten herum. Er war vollkommen erschrocken, als er uns hier sah, hielt uns wohl für Geister aus der Vergangenheit oder Dämonen, die dieses lichtverseuchte Land zu Dutzenden hervorzubringen scheint.“

Draußen muhten die Tiere, lauter als vorher und ihr Schreien formte einen solchen Krach, dass die Teammitglieder ihre Ohren zuhalten mussten. „Was ist los?“ Leutnant Sposka versuchte, etwas zu sagen, aber es war vergeblich. „Es ist bald vorbei“ brüllte Neru, die Augen weit geöffnet. Dann knackte es draußen und die Lampen, bis auf eine einzige, unscheinbar hinter Wänden aus Glas gefangen, gingen aus. Stille legte sich über die Welt. Salara atmete auf. „Wie das letzte Mal.“

„Was ist los?“ fragte einer Stimme. Vermutlich Jamses. „Die Lichter sind ausgegangen. Es ist Nacht. Du kennst das Wort. Es ist alt. Es bedeutet..:“

„Danke Notna, ich weiß, was Nacht ist, ich bin doch nicht blöd!“ Jamses schien zornig zu sein. Durch das Halbdunkel der letzten Lampe stampfte er zu dem Professor. „Was ist los mit Ihnen? Glauben Sie, dass ich ein ausgemachter Idiot bin?“ Der Angesprochene legte den Kopf zur Seite. „Ich bin unsicher, mein junger Freund…“ Dann schwieg er wieder und wandte sich dem hell erleuchteten Atlas zu. „Nein! Was ist los?“ fragte Jamses und seine Stimme wurde lauter. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet, so schien es. Nur Neru lag da, die Augen in sich gekehrt, gleich einem Mönch, der meditiert.

Jamses schlug krachend an die Wand. Das Team starrte auf die Faust, die Notnas Körper nur Sekundenbruchteile zuvor verlassen hatte und an das Kinn des jungen Technikers geschossen war. Notna stand, wie gelähmt, vor dem bewusstlosen Mann und schüttelte den Kopf. Dann setzte er sich hin und beugte sich nach vorn, die Ellenbogen auf den Oberschenkeln, griff sich in die spärlichen Haare und seufzte laut. Stöhnend erwachte Jamses wieder zum Leben. „Was….“ Er spuckte Blut, das von seiner gerissenen Unterlippe tropfte. Notna warf ihm ein Taschentuch hin. „Sau nicht alles voll, Kleiner.“

„Was sollte das?“ Salara baute sich vor dem Professor auf, die Hände in die Seiten gestemmt, gleich einem uralten Klischee über zänkische Frauen. Sie erinnerte ihn an ein Huhn.

„Der Kleine nervt. Eigentlich hätten wir ihn nicht mitnehmen sollen.“

„Dazu hättest du ihn nicht schlagen sollen!“

„Oha, unsere Herrin begehrt auf.“ Er hob die Augenbraue. „Du bist keine Chefin. Du bist eine von uns und hast keine besonderen Rechte.“ Notna war aufgestanden, ragte einen Kopf über allen. Neru wurde jetzt erst bewusst, wie groß der Professor war.

„Ich hatte dich damals gewarnt, mitzugehen. Doch du hast alles verlassen, was du dir aufgebaut hast für was? Für Schmerz, Tod… du hast dein Talent verbrannt für was? Nein, besser, für wen. Für ihn. Für deine große Liebe… und was ist geschehen? Er ist verheiratet, nicht mit dir, sondern mit…“

Der Aufprall ihrer Hand auf seiner Wange schallte noch länger, als sein Aufschrei. Sie wirbelte herum und ging nach draußen. Ihr Schatten verschwand. „Sie ist in Gefahr, da draußen.“ Leutnant Sposka hatte ihr Augen geöffnet. Neru  schüttelte den Kopf. „Es gibt keine nachtaktiven Tiere auf G11. Ihr Tagesrhythmus ist sonnenlichtabhängig.“

„Und wieso gehen wir nicht jetzt?“ frage sie erneut.

„Wir sehen auch nichts. Wir sind nicht darauf vorbereitet, dass wir so lang brauchen. Theoretisch sollten wir kurz vor Tagesbeginn aufbrechen, wenn die Lampen langsam hochgefahren werden. Die meisten Tiere benötigen volles Licht, um zu überleben.“

„Oder sie fressen uns auf.“ teilte der verbliebene Zwilling mit. Seine Stimme fiel auf, sie war noch matter als die der anderen. „Vermutlich werden wir hier unten alle sterben.“

„Oder überleben. Wie hat es Ja-Lib überhaupt geschafft, hier zu überleben?“

„Wir wissen nichts mehr von ihm, seit er bei uns abgehauen ist.“ Neru hatte nicht bemerkt, dass Notna neben ihn getreten war. Seine Wange brannte noch immer dunkel vor dem hellen Gesicht, das so wie alle Gesichter der Leute um ihn herum niemals die echte Sonne gesehen hatten. „Vermutlich vermisst Ja-Lib die gute alte Welt, die soviel größer war als das, was wir ihm anbieten können.“

„Nein, der Drache hat andere Kräfte als ihn mit Hoffnung zu erfüllen oder mit Träumen. Ich denke noch immer, es war ein Schock. Und Ja-Lib ist, wie ich schon irgendwann irgendwelchen Leuten sagte, ein Kind in Körper eines Mannes, der Kräfte hat, die man nicht jedem geben kann.“

„Er ist ein Freund“, Ursa Minor bäumte sich auf. „Ihr Idioten verfolgt ihn, obwohl er nur das Beste im Sinn hat.“ Neru wirbelte herum. „Das Beste? Für wen? Für sich selbst… ich war so lang sein Freund, aber wenn ich etwas festgestellt habe, dann, dass er seine Seele für einen Auftritt verkaufen würde, wenn nur genug Menschen dastehen und ihn bewundern. Vielleicht hatte er für einen kurzen Augenblick einen lichten Moment, aber das reicht nicht, um über ihn zu sagen, dass er wirklich gut ist.“

„Er ist ein Idealist“ tönte der Schatten in der Tür. Salaras Schatten ragte weit in das Zimmer hinein. „Er hält sich noch immer für einen Kreuzritter aus den alten Zeiten, auf der Erde über unserer Welt. Ich habe ihn betreut, damals…“

„Wen kümmert es, was seine Gedanken sind?“ fragte der Mann namens Ursa Minor, der noch immer zusammengekauert in der Ecke saß, den Rücken gegen eine Wand gelehnt. Immer wieder schien ihm der Gedanke gekommen zu sein, sich daran zu erinnern, was er alles verloren hatte. „Macht und Erfolg und das Leben tausender Untertanen unter ihm, der Verlust macht ihn noch mürrischer als er schon vorher war.“

„Nein“, Minor sprang auf. „Ihr vernichtet Leben und macht mich verantwortlich für diese Sachen. Ich habe mich in eurem Auftrag gekümmert, um die Menschen und um die Energie auf G10. Ich habe mein Leben dem gewidmet. Und ihr habt es vernichtet.“

„Wow, einmal ganz ruhig junger Mann.“ Notnas Kiefermuskeln arbeiteten, während er sich Minor näherte. „Wir sind nicht verantwortlich, dass deine Welt untergegangen ist. Und ja, ich fühle Verständnis für den Schmerz, den Leute in ihrem Herzen tragen. Aber nicht, weil Leute, die man versklavt hat, sterben, sondern weil Leute, die ein Leben hatten, vernichtet wurden. Aber, und hier sage ich zornig aber: Es waren nicht wir, die diese Dinge verursacht haben, sondern euer Freund Ja-Lib.“

„Sklaverei, mein werter Herr… nein, das war keine Sklaverei. Das war die Stärke des Anpassungsfähigen. Ein Aufstieg war immer möglich. Je nachdem, ob man wirklich geeignet war. Hier gab es keine Erpressung, keine Bestechung, hier gab es…“

„Nun halten Sie doch den Mund…“ Salara kam herangetreten. „Dieses Ding, das Sie Staat nenne, war ein groteskes Abziehbild einer Welt, die vor tausenden Jahren aktuell war. Wie viele Konkurrenten haben Sie in die Schlucht befördert? Wie viele Leute sind gefolgt, nur um zu sehen, wie der göttliche König oder was auch immer, seinen Weg beschreitet… doch du warst übermäßig.“

„Neru, sagen Sie doch was.“ Minor wankte durch den Raum. „All die Dinge, die ich getan haben soll: Das war alles geplant, wurde mir beigebracht. Von denen da oben!“ Seine Stimme wurde schrill. „Ich kann nichts dafür.“

Neru hatte versucht, das leise Knacken über ihnen zu ignorieren, doch nun fiel es auch anderen auf. „Was war das?“ fragte Salara, doch ihr Blick verriet bereits, was die anderen dachten. „Die Erde gibt nach. Wir müssen fort.“

„Durch die Dunkelheit? Seid ihr wahnsinnig?“ Jamses stammelte durch seine aufgeschlagene Lippe, Fetzen getrockneten Bluts sprühte er damit heraus. „Wir haben Lampen dabei!“ Leutnant Sposka nickte, dann schüttelte sie den Kopf „Wenn wir auf eines der Tiere treffen, dann gibt’s eine Menge Ärger. Aber…“ Sie schaute in Richtung ihres Anführers, Neru, der sich sichtlich schlecht in seiner Haut fühlte. „Wenn Chef das so sagt.“

„Bewegen oder wie Ameisen zerquetscht werden.“

„Und von den Robotern vernichtet werden, was?“ fragte Jamses.

„Wir sind nicht im Krieg mit ihnen. So, sind alle da?“ Der erste Stein löste sich aus der Decke und schwebte für einige Augenblicke scheinbar schwerelos durch die Finsternis, warf einen Schatten, während er durch den Lichtstrahl der mondlichtigen Lampe schoss und prallte mit einem solchen Getöse auf den Boden, dass

„Sie sind wach. Wir können nur rennen.“ Salara nickte. Sie packten alles ein, was sie tragen konnten und eilten davon. Nur ein paar Augen ragte aus der Dunkelheit. Pjotr richtete sich auf. Das Metall klirrte leise, als er beide Gewehre schulterte.

XXI

Er kauerte an einem der Pfosten, die aus dem tosenden Fluss ragten. Er war erst vor wenigen Augenblicke erwacht, den Mund voller Wasser, die Kleidung so schwer, dass sie ihn nach unten gezerrt hatte. Er krachte mit dem Kopf gegen einen Stein, langsam genug, dass er nicht noch einmal das Bewusstsein verlor, der Schmerz weckte ihn endgültig. Fetzen von Gedanken flossen an ihm vorbei und wie ein Tier klammerte er sich an allem fest, dessen er habhaft werden konnte. Die Strömung ließ nicht von ihm ab, drängte ihm ihren Willen auf, ließ ihn nicht zu Atem kommen, selbst als er das erste Mal wieder den Himmel über sich hatte. Wolken, düster, fast schwarz, tanzten in seinem Blickfeld, der Geruch verkohlenden Fleisch brannte sich in ihn. Er senkte seinen Blick wieder in das Wasser, um etwas zu erkennen, denn hier draußen, inmitten von alle dem…

„Achtung!“ Ein Pfeil raste heran. Nur der dahingeworfene Schrei eines Unbekannten ließ ihn so aufschrecken, dass er um Haaresbreite dem Pfeil entrinnen konnte.

Er ließ sich wieder fallen, ließ das Wasser sein Schild sein. Pfeile prallten auf die Oberfläche, aber er war sicher, eine Art Erinnerung, die ihm sagte, dass selbst schnellere Objekte als ein Pfeil ungefährlicher werden, je tiefer man kommt. Nur musste er im Halbdunkel, das von Flammenflackern beleuchtet war, die Steine umgehen; es gelang ihm nur schwer. Immer wieder prallte er auf die von der Strömung abgenagten Ecken, unfähig, sich festzuhalten, doch das wollte er auch nicht. Er wollte nur weg.

Die Bewegung ließ ihm keine Ruhe. Hin und wieder tauchte er auf, um zu schauen, was ihn da oben erwartete. Doch noch immer waren die Pfeile gefährlich nah, der Geruch und…

Eine Hand packte ihn, zerrte an ihm wie ein Wahnsinniger. Sprudelnd wurde er aus dem Fluss gefischt. „Seid Ihr für oder gegen das Ovpar?“ brüllte ihn eine Stimme an, dann wurde es dunkel um ihn. Im Schatten eines einzelnen Hauses, vermutlich Meilen von dem Ort weg, von dem er ins Wasser geworfen war, wie auch immer, konnte Seramus sich umschauen und erkannte, dass er alles verpasst hatte. Einige Ritter lagerten auf dem Platz vor einem zweistöckigen Haus. Der Keller hatte eine Tür zum Wasser hin und aus diesem hörte man Klirren und Fluchen. Teile der Rüstungen lagen verstreut auf dem Boden und die Männer beeilten sich, sie ins Wasser zu werfen.

„Für oder gegen das Ovpar?“ Der Mann, dessen Stimme Seramus gehört hatte, beugte sich zu dem am Boden sitzenden Mann hinunter. „Na los. Oder sollen wir dich in den Fluss zurückwerfen?“ Er drohte nicht zu Unrecht. Auf der Oberfläche des Gewässers sah man des Öfteren Arme und Beine vorbeifließen, auftauchen und wieder untergehen. „Wieso?“ Seramus schüttelte sich und stand auf. „Wieso ist das wichtig?“ Seine Stimme hörte sich falsch an, müde und krank. Es war etwas im Gange. „Weil das Ovpar ein widerliches Konstrukt ist, um uns zu vernichten. Es muss selbst zerstört werden!“ Die Stimme war von hinten, aus dem Schatten gekommen. Der Mann drehte sich um. „Halt doch den Rand.“

„Ich bin mit Sir Rangor geritten, um das Ovpar zu beschützen. Ich war auf dem Floß mit der Priesterin unterwegs gewesen und dann…“

„Wir haben euch angegriffen. Eure Vorhut haben wir erledigen können. Ich bin Malab. Und du wirst sterben.“ Er grinste. Seramus wirbelte herum, als er das Klicken von Metall hörte. Er griff an seinen Gürtel. Seine Klingen waren fort, vermutlich bereits Stunden weit entfernt. „Lasst von ihm ab, er kann uns hilfreich sein.“

„Du?“ Er stand auf, starrte auf die Gestalt, die in der Kellertür aufgetaucht war.

„Ich.“ Sie nickte. Ihre Augen waren noch immer die selben, auch wenn ihr Gesicht um Jahrzehnte zu gealtert zu sein schien. Er schüttelte seinen Kopf, das war doch nicht möglich. „Du hast dich also von Sir Rangor und seiner Bande trennen können?“ Sie trat noch näher heran. Er wurde den Gedanken nicht los, dass sie versuchte, seine Gefühle zu lesen. Die blanke Angst fraß sich aus seiner Wirbelsäule nach oben bis in sein Gehirn. „Ich…“ Er stotterte ratlos vor sich hin. „ich…“

„Du bist vermutlich erschöpft. Malab, bring ihm Kleidung und etwas zu essen. Er wird uns lebendig und munter um einiges hilfreicher sein, als in diesem Augenblick und Zustand.“ Sie wandte sich wieder um und ging zurück ins Dunkel des Kellers. Kurz vor der Tür blieb sie stehen, nickte und sagte mit der alten süßen Stimme, die er gekannt hatte. „Unsere Feinde sind nun auch deine Feinde geworden. Traue ihnen nicht, auch wenn sie dir etwas anbieten, das du nicht ablehnen kannst.“

Dann war sie fort und mit ihr das Gefühl, alles zu wissen, was es zu wissen gab. Malab schlug ihm auf die Schulter. „Komm mit.“ Später, inmitten der müden Krieger eines verlorenen Krieges in Kleidung, die “nur ein wenig” blutbespritzt war und in den Händen ein Stück Brot und einen Brocken Fleisch, konnte er langsam wieder aufatmen. Er war nicht tot. Das war entscheidend.

„Du hast gekämpft?“ fragte einer der dahinkauernden Fremden. Er nickte. „Ich weiß nicht, ob ich hier mitgekämpft habe, aber ein wenig habe ich mitgemacht.“ Er versuchte zu lächeln. „Ich war auf dem Floß.“ Sie schauten ihn an wie ein Überbleibsel aus einer fremden Welt. Er konnte Furcht und Abscheu erkennen, und als dies vorbei war, Verachtung. Er zuckte mit den Schultern. „Und was ist eure Ausrede?“ Er deutete auf ein Symbol, das bei einigen der Männern auf der Brust gemalt war. „Das sieht aus wie das Ovpar.“

Sie blickten an sich herab, ihn dann wieder an. „Das ist unser heiliges Zeichen. Das Ovpar muss gerettet werden!“

Er versuchte es auf die direkte Art. „Das Ovpar muss vermutlich tatsächlich gerettet werden. Deshalb ist es ja auf dem Weg nach Bramant. Dort bekommen es die Toten nicht. Aber was ihr da macht, das ist…“

„In Bramant ist es zu spät. Es darf die Stadt nie erreichen. Niemals!“ Malabs Stimme flachte wieder ab. Dann sprach er weiter.

„Das Ovpar ist durch das gefährlich, was in ihm lauert. Es ist nicht nur ein Symbol oder eine Kraftquelle, es ist“

„Ein Ei. Ja, es sieht aus wie ein Ei.“

„Nein, es sieht nicht nur so aus, es ist eines. Was auch immer darinnen ist, es ist böse. Du warst dort, du hast es gefühlt, nicht wahr?“

Er nickte gedankenverloren. „Es fühlte sich wirklich an wie…“

„Sie kommen!“ Die Schreie um sie herum wurden lauter. „Bist du für oder gegen das Ovpar?“ fragte ihn Malab und sein Blick wurde verfinsterte sich noch weiter.

„Nehmt in mit.“ Ihre Stimme war laut und klar und von einem inneren Klirren durchsetzt, das ihr unzweifelhaft weitere Autorität verschaffte. Die Männer nickten nur. „Euer Pferd. Kommt mit uns.“ „Wohin denn?“ fragte er. Sie wandte sich um und der Umhang der bisher ihr Gesicht halb verhüllt hatte, glitt beiseite. Er musste einen Schrei unterdrücken. Ihre Augen brannten in einem Feuer, das er bisher noch nie gesehen hatte. „Wir müssen zur Glocke. Das ist unsere einzige Chance. Nur sie hat die Macht, das Ei zu brechen und das große Übel herauszulassen.“

„Und das wollen wir?“

Sie wandte sich um. „Auf keinen Fall! Wir haben dutzende Männer verloren bei dem Versuch, das Ovpar zu bekommen. Das hier ist keine Sage, keine Geschichte, die man kleinen Kindern vor dem Einschlafen erzählt. Das ist das echte Leben, echte Gefahr. Das sind Wesen, von denen man lieber nichts hören würde. Dinge, die zu gefährlich sind, dass man Witze über sie reißt.“

Sie preschte los. Malab lachte leise. „Sie ist die Härteste von uns. Wo sie hintritt, da wächst kein Gras mehr. Ich habe noch nie eine Frau gesehen, die mit solcher Leidenschaft kämpft… als wäre ihr Leben ein einziger Krieg gewesen.“

Sie folgten ihr. Ihre Pferde hoben ihre Häupter unter dem Klang der Trommeln, die um sie herum zu dröhnen schienen. Er wunderte sich, wo seine Waffen geblieben waren. Dann kam die Erinnerung hoch: Auf dem Floss, die Klingen tief in menschliche Körper gegraben, Schreie, die unmenschlicher nicht sein können. Augen, die aufgerissen werden, dann brechen, Münder, die nach Stimmen suchen, mit denen sie nie wieder schreien werden. Er schüttelte sich, versuchte, die Gedanken loszuwerden, deutete auf die Wand, die sich hinter ihnen aufbaute und rief „Was ist das?“

Sie ritten, ohne Worte, weiter. Fort von dieser Stelle, die ihn fast das Leben gekostet hatte. Er wollte doch nur wissen, was geschah, als ein Donner die Welt um ihn zum Beben brachte.  Die Pferde scheuten, wieherten, als sei etwas Wahnsinniges unter ihnen, das nur aus…

„Da ist etwas“, schrie Malab und deutete auf auf den Boden. Winzige Risse wurden sichtbar, die sich mit jedem Augenblick zu vergrößern schienen. Sand und Schmutz rieselte in die schier endlos scheinenden Spalten, die sich ihnen entgegenöffneten. „Die Erde bricht auseinander!“ Sie taumelten um die Löcher herum, aus denen nun Dampf zu steigen schien, der bis in den Himmel ragte. Glitzernde Linien, die an Saiten erinnerten, schossen in den Himmel, immer höher hinauf, bis in die Sonne, die sich düster aus dem Himmel schob. „Was geschieht hier?“ fragte er, doch niemand hörte ihn. Sie waren alle zu beschäftigt, ihre Pferde davon abzuhalten, davonzugaloppieren. Aus den Saiten wurden Fäden, Seile, Stricke, sie wuchsen in einer Geschwindigkeit, die an Magie grenzte. „Die Toten haben einen Weg gefunden!“ Malab peitschte auf sein Ross ein, das sich immer wieder aufbäumte, einen Weg durch den bald undurchdringlichen Wald zu suchen schien. Dann ein harter Schrei, der Mann fiel zu Boden. Er zuckte wie ein Besessener, dann schob sich auch durch seinen Körper einer dieser grotesken Fäden und wuchs mit jedem Augenblick. Unfähig, seinen Blick davon abzuwenden, packte er es, wurde dann nach oben mitgerissen und verschwand kreischend in der Weite des Himmels.

Er ritt davon, den Kopf voller Bilder, die er nicht einordnen konnte, die Schreie der Männer hinter sich im Ohr. Er wurde eines anderen Reiters gewärtig, der zu ihm aufschloss. Sie war es. „Sie kommen. Die Wesen aus der Unterwelt. Sie wollen das Ei öffnen!“ Er wollte sich umdrehen und ihr ins Gesicht blicken, doch sie schien so weit weg zu sein, dass er es sich nicht traute.

Er erwachte, den Rücken voller Schmerzen, Steine, die sich in sein Fleisch bohrten, den Mund voller Blut und Staub. In der Ferne sah er sein Pferd davonreiten, sie hatten den Zügel in der Hand und ihm fiel das Wort wieder ein, das er oft genug gehört hatte: „Schande auf dich, wenn du dich 2x verarschen lässt.“ Er stand auf und wischte sich den Schmutz von der Kleidung. Dann folgte er ihnen.

XXII

Neru konnte die anderen nicht hören, sie schienen fern und nah gleichzeitig vor und hinter ihm zu sein, es war mehr ein Tapsen in den verschieden Gegenden dieses düsteren Stockwerks zu sein. Er grübelte, während sein Atem durch ihn hindurchrauschte, wie lang G11 noch existieren würde. G10 war tot, vermutlich. Er fühlte einen Hauch von Schuld, seine Familie zurückgelassen zu haben. Doch hätte er sie mitnehmen können? Nein, es wäre zu… und außerdem, wer konnte denn ahnen, dass… Bilder blitzten auf und erleuchteten seinen Weg. Eine Hand schlug ihn auf die Schulter. „Du schluchzt wie ein kleines Kind“ Leutnant Sposka. Mit einer zornigen Bewegung schüttelte er ihre Hand fort. „Familie verlassen auf einer Mission in den Tod?“ Er wirbelte herum, die Faust erhoben. Sie trat ihn. Der Schmerz überwältigte ihn, der sich von seinem Magen aus in alle Richtungen ausbreitete. Ihre Faust war schnell und effektiv. Sein Gesicht fühlte sich innerhalb von Sekunden an wie eine Tomate, die von allen Seiten geschlagen, zermatscht wird. Tomate, was für ein Wort…

Er bäumte sich auf, schlug zurück in die Finsternis, die um ihn herum Wellen warf, traf nicht. Als wäre seine Gegnerin fähig, ihn zu sehen, doch das war nicht möglich… sie schlug erneut zu. Trat zu. Lises ihren heißen Atem über sein übel zugerichtetes Gesicht fließen. „Du wirst hier sterben. Wie Max. Dein Grab wird hier sein, auf ewig wird dein Geist in dieser Ebene umherwandern.“

Sie richtete sich auf, brüllte gegen den nahenden Untergang an, kreischte ihre geifernde Wut hinaus in die Weite. Tiere rollten sich im Schlaf umher, ließen ihre spinnendürren Beine zucken, als wären sie zu Alpträumen fähig. „Max“ sein Mund schien vollzubluten. Er beugte sich vornüber und spuckte aus. „Max“ Sie trat ihn wieder. „Max. Mein Verlobter, der einzige Freund, den ich je hatte. Du hast ihn gezwungen, nach unten zu gehen, in sein Verderben. Du und diese, diese Hexe, mit der du erneut nach unten gekommen bist. Oben sterben Menschen, doch du feiges Lebewesen, du Schleim, du Kröte, du…“ sie überwarf sich. „Ich werde dich hier unten liegen lassen, wie du ihn hast liegen lassen. Er hat sich in das Haus geschleppt, in dem wir vorhin waren, hat einen letzten Spruch gesandt und ist dann verreckt. VERRECKT!“ Max, wer war das? Nerus Gedanken quälten sich durch die Abgründe seiner verdrängten Erinnerungen. Ein Bild kam herangeeilt. Ein junger Mann, gerade erwachsen geworden, die Augen in Angst getränkt und genau im falschen Augenblick von der Panik überrascht. Dieser kleine Mann… er konnte es nicht sein. Denn der hatte überl…. ein Hieb auf seinen Nacken ließ zerstörte die Reste seines Bewusstseins.

Gestalten eilten, jede einzelne für sich, in ihren eigenen kleinen Universen, durch die „Nacht“. Salara stürzte, rappelte sich wieder auf in der Hoffnung, dass sie nichts verloren hatte. Notna und Jamses, jeder den anderen in Hörweite, stampften, die schweren  Waffen in ihren Händen schmerzten bereits, ebenso wie nun erneut Leutnant Sposka, ihre Hände grimmig in die Seiten gestemmt, doch ein Grinsen von teuflischen Ausmaßen im Gepäck, das niemand sehen konnte. Die Tiere waren unruhig geworden, doch noch immer lagen sie herum, bewegungslos wie Bäume, die auf den Wind warten. „Vermutlich brauchen sie wirklich das Licht“, sagte sich Salara und wunderte sich, dass sie keine Erinnerung mehr zu haben schien, Erinnerungen an damals. Sie konnte sich an Therapiestunden erinnern, an die Schmerzen, die sie nach der Operation hatte, doch das, was vorher geschehen war, war mehr Wahn als echtes Erkennen. Sie hielt an einem der Bäume, große Objekte, die weit in den Himmel ragten. Sie erinnerte sich an das Gefühl, als sie die dicke Rinde mit den Händen berührte, dass sie das letzte Mal, mit mehr Zeit, als sie gebrauchen konnte, diese Objekte, von denen sie vorher nur in Büchern gelesen hatte, während sich fragte, ob für sie richtig entschieden worden war, dort oben, unter tausenden von stinkenden, nein, sie schüttelte den Kopf, sie musste da oben leben, auf den höheren Stockwerken, um ihren Dienst zu tun. Sie hatte keine Zeit, darüber zu sinnieren, was falsch war, was ein besseres Leben gewesen wäre. Hier unten zu leben, unter diesen Tieren und vielleicht einige Jahrhunderte früher, als sie noch kleiner waren, diese Dinger, keine Mutanten von fantastischen Ausmaßen. Szenen begannen sich in ihrem Kopf abzuspielen, so dass sie ihn schütteln musste, um wieder klar zu sehen. „Neru?“ fragte sie laut in die Finsternis. Keiner antwortete. Sie war allein, allein unter diesen Lebewesen, die sie schon einmal… doch das war nicht das Schlimmste. „Hier vorn!“ brüllte Jamses und Salara, dankbar für den Hinweis, für ein Ziel, hob ihren Kopf und folgte der Stimme.

Es war ein noch finsteres Tor als die Welt um sie herum. Die Schwärze ließ sich förmlich schmecken, aber wo war Neru. Ein Licht flammte auf, schoss in breitem Strahle aus diesem mechanischen Mund, beleuchtete Menschen und nun auch wieder Tiere, die aufgeschreckt durch den plötzlichen Tagesbeginn in Bewegung gerieten. Dutzende Facettenaugen blinzelten wütend durch die Nacht, vor ihrer Zeit geweckt. „Ist das der Eingang“, schrie Sposka. Jamses brüllte zurück. „Das hier ist nur eine Art Bahnhof: Der Weg nach G12 ist einige Stunden weg. Wo ist Neru?“ Sposka schubste ihn beiseite. „Vermutlich hat er sich verlaufen“, sagte sie ihm keuchend, während das Team sich ins Innere des Gebäudes flüchtete. „Weg?“ fragte Salara.

„Ist er hier? Nein!“ Leutnant Sposka drehte sich um die eigene Achse. „Ist er hier irgendwo? Ich sehe ihn nicht.“ Jamses trat näher und flüsterte „Wir müssen weiter.“ Salara schüttelte den Kopf. „Nein… wir brauchen ihn.“ Sie setzte sich auf einen Stuhl, der so mutterseelenallein auf weiter Flur stand, dass er schon gar nicht mehr real schien. Hinter ihr blitzten metallene Streifen, Linien auf, die im Hintergrund verschwanden. Eine eiserne Maschine, staubflockenbehangen, wartete im hinteren Teil der Halle auf seine Gäste. „Mit einer ähnlichen Maschine sind wir damals gefahren. Glaub ich.“ Salara schüttelte den Kopf. „Aber wurden Sie damals nicht hier oben verletzt?“ fragte Notna. Salara hob ihren Blick. „Ich… ich weiß es nicht mehr.“ Sie hob ihre Hände vors Gesicht. „Es ist so lang her. So viele Menschen sind gestorben.“

Jamses trat näher. „Wer ist Max?“ Salara hob ihre Augen. „Wie meinen?“ Er zuckte mit den Schultern. „Die Frau Leutnant hat da was erwähnt, aber…“ Sposka trat näher heran. „Max?…ich…“ Salara starrte auf den Boden. „Da war einer… glaub ich.“

Notna trat an sie heran. „Salara, wir kennen uns schon lang. Habt ihr keine Listen gehabt? Gelesen oder sowas?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich… ich wollte alles nur hinter mir haben. Wirklich… ich…“

Ihr Gedanke riss sich los und flog in die Ferne, in eine Welt, die aus Blut und Schmerz zu bestehen schien und dann noch weiter zurück, wie ein Film, rückwärts, sprunghaft, mit Wortfetzen bespickt. „Max…“ Ein Mann, der vor einem Bildnis kniet, der Rücken voller Blut, den Kopf hin- und herschwankend, die Stimme einer Frau, ihre eigene, „Max, los, wir dürfen keine Zeit verschwenden.“ Es klickt. Salara blickt auf, das Dunkel einer Mündung füllt ihr Gesichtsfeld aus. „Salara, du und Neru, ihr habt als einzige überlebt. Damals habt ihr ihn…“ Sposkas Gesicht zuckte nervös, ihre Augen schienen sich verselbständigt zu haben; Salara fühlte förmlich das schwache Keuchen der Waffe auf ihrer Haut. „Jetzt? Wir sind alle hergekommen, um jetzt zu sterben?“ fragte Jamses. Salara war fixiert, fühlte sich wie in einem dieser Experimente, die eine Maus einer Schlange vorsetzt; sie war hilflos. „Werden wir jetzt sterben?“ fragte Jamses erneut. Sposka grinste. „Ich weiß nicht. Ich…“ Der Lauf der Waffe begann fast unsichtbar zu zittern. „Ich..“ Sie brach ab. Auf ein Geräusch hin wirbelte sie herum. Notna versuchte, die Wucht bremsen, doch seine Hand glitt fort und der Stahl traf seine rechte Schläfe. Wortlos brach er zusammen. Jamses stürzte zu ihm hinüber unter dem wachsamen Auge der Soldatin. Salara wich zurück. Erneut hatte Sposka sie ins Auge gefasst. „Du müsstest… du wirst… hier sterben.“

Schreie und Stürze aus der Ferne. Das Donnern von Schüssen, das durch die engen Behausungen dringt… eine Wand, die bebend nachgibt. Kreischen von zerfetzten Pfoten, Körpern, wahnsinniges Lachen und immer wieder das Hämmern von Schlagbolzen auf Patronen; Mini-Explosionen, die sich so anhören, als wäre jede einzelne ein Weltuntergang. „Der verbliebene Zwilling“ flüstert Jamses. Notna stöhnt. Sein Gesicht verwandelt sich in ein dumpfblaues Stück Fleisch. „Immer… auf… die gute Seite. Mit… Respekt, das war nicht nötig.“ „Und was wollen Sie nun tun?“ Fragte Jamses, während er die Soldatin mit ängstlichem Blick bedachte. Sie reagierte nicht. Nun trat auch er näher. „Was wollen Sie hier?“

„Ihr sollt sterben. Ein Opfer für meinen toten…“ Sie stoppte, schob die Augenbrauen nach oben, „Liebsten.“ Die Luft wurde von einem Klirren erfasst, das der Aufprall von Projektilen auf Stahlbeton mit sich bringt; faustgroße Löcher, mit Gewalt in die Wände gestanzt, ließen die Struktur erbeben. „Leutnant!“
Sposka wirbelte herum, die Finger tanzten am Abzug. „Ich bins.“ Sie trat der Stimme entgegen. „Max? Bist du es?“ Im Hintergrund beugte sich Jamses über die beiden Niedergestreckten; während er etwas murmelte, glitten unsichtbare Türen zur Seite, ließen eine Art Ausgang entstehen; Schienen, die sich mit fast magischer Präzision in den Abgrund zwängten. Unfähig, dies alles zu erblicken, fixiert auf die Stimme, die ihren Namen zu rufen schien, denn… „Du bist du tot?“

Eine Hand, von getrocknetem Blut bedeckt, so dass sich glitzernde Flocken lösten, hielt sich im Türrahmen fest. Sposka trat näher. „Max!“ „Sie sind doch wahnsinnig!“ Sie wirbelte herum, die Waffe nun auf Jamses gerichtet, der seine Hände, zu Fäusten geballt, erhoben wie eine dieser Preisboxer aus den alten Filmen, hin und her schwang. „Du Idiot!“ Salara bewegte sie zaghaft, flüsterte diese Worte nur, „du dummes Kind.“

Hände hielten Sposka fest, umfassten sie von hinten, vorbei an ihren Schultern, im Versuch, die Waffen zu packen, sie nach oben zu reißen, unmenschlicher Kraftaufwand. „Neru!“ Salara lächelte, doch ihr Blick änderte sich, als sie erkannte, dass sie nicht außer Gefahr waren. Sein Gesicht hatte die Form eines zerschlagenen Eies angenommen, fast war sie geneigt, Schuhabdrücke zu erblicken.

Neru musste die Kräfte eines Bären oder anderen Wesens aus der Vergangenheit angenommen zu haben, denn Leutnant Sposka schaffte es nicht, ihn abzuschütteln. Vom Schock, diesen verachtenswerten Menschen nicht draußen auf dem Boden herumkriechen zu sehen, oder zumindest das Gefühl zu haben, er sei unter die Hufen mutierter Riesenkühe oder anderer wilder, früher domestizierter Wesen gekommen. Genauer gesagt, der Schock, dem sich Leutnant Sposka ausgesetzt sah, lag jenseits ihrer Vorstellungskraft.

„Max“ Nerus Lippen knackten leise „Max lebt. Er…“ Sposka riss sich los, die Waffe schoss nach vorn, weggedrückt vom Aufprall auf die Erde, denn dort landete sie, Notna packte das Gewehr und hielt es fest. „So nicht.“ Sein Gesicht sprach Bände.

„Max…. lebt?“

„Nein… er ist tot!“ Sposka hatte den Atem angehalten, presste ihre Worte aus der Tiefe hinauf in die Luft, um … „das kann nicht sein.“

„Doch, wie Notna sagt…“ Salara versuchte, sich aufzurichten, doch die Kräfte, die sie auf den Boden zurückholten, waren übermächtig. „Es… ich weiß nicht.“

Neru fühlte, wie sich die Muskeln der Soldatin verhärteten, er konnte erkennen, was sie vorhatte und versuchte, dagegenzuhalten, doch schlussendlich warf sie ihn über ihre Schulter, als wäre er ein Sack Mehl oder Sand oder einfach ein Spielzeug, dessen sie überdrüssig geworden war. Sie konnte nicht anders, als auf die Knie zu fallen, die Augen zur Decke gerichtet. „Was…“

Neru richtete sich auf, fühlte, wie die Knochen in seinem Körper an den richtigen Platz zurückwanderten; zumindest kam es ihm so vor; und sagte kein Wort. Sie schwiegen. Ein Donnern erschütterte die Welt. Sposka richtete sie auf. „Lüge!“ brüllte sie und warf sich auf die Waffe. Notna erwartete sie.

XXIII

Tief in den Eingeweiden der Nacht folgte Seramus, der nun seinen Namen wieder kannte, woher auch immer, einem Licht. Es schien immer genau dort zu sein, wo er nicht war, entzog sich seiner Fähigkeit, es zu fangen oder noch wichtiger, zu wissen, wo er war. Hin und wieder prallte er auf einen Baum, dann blieb er an einem Busch hängen, der träge auf dem Boden stand gleich einem Stein, genauso hart und unnachgiebig, ein Trotz von schier unendlicher Zeit. Er suchte zumindest einen Weg.

Seramus wusste, dass er nun nah dem Ziel sein musste, denn die Bewegungen des Lichts wurden plötzlich langsamer und statt der nächtlichen Geräusche, die ein Wald von sich gibt, ein Knacken und Schnarren, Tiere, die von nah und fern ihre Botschaften von sich geben und… das eigene Keuchen, sie wurden weniger.

Er stieß durch das Dickicht und sah… wie aus heiterem Himmel, eine Karawane, die sich heulend und klagend einen Weg durch die Finsternis bahnte, gleich einem Trauerzug oder noch schlimmer, Gefangene auf dem Weg zum Schafott. Er zuckte mit den Augen. Hier war kein Mensch, der sich mit Waffen auskannte, es waren mehr oder weniger ausschließlich alte Menschen in rohen Kleidungsstücken, zerfetzte und wieder zusammengenähte Kleider, Hosen, dicke Hemden, die einstmals einem besseren, höheren Ziel gedient hatten als jenem, schmutzstarrend unterwegs zu sein. Seine Neugier brachte ihn nah heran. Sie blickten nicht auf, starrten auf den von Schatten durchzogenen Boden, auf ihre eigenen Füße. „Ist hier jemand, der sprechen kann?“ Seine Stimme scholl über ihre Köpfe hinweg, wie Wasser über Steine, mit genau derselben Reaktion: keiner. „Bitte. Ich muss nach Bramant!“

„Mein Kind“ die Stimme war düster und von einem melancholischen Knacken durchzogen. „mein Kind. Wir alle müssen nach Bramant.“ „Wer war das?“ Seramus wirbelte herum, die Gestalten wanderten unbeeindruckt weiter. „Ich.“ Eine Hand fuhr aus der Masse heraus und zerrte ihn tief in die wandernde Gemeinschaft. „Ich… kenne euch nicht.“

Verwirrt ließ die Person Seramus los. Der Mann taumelte zurück, als hätte man ihn aus einem Traum geholt, um ihn danach noch tiefer hineinzuprügeln. Es schien so, als könne nichts auf der Welt ihn soweit aufwecken, um

„Komm mit uns, Seramus.“ Die Stimme erscholl wieder, diesmal aus einer anderen Richtung. Er war sich unsicher, was hier geschah, denn diese Menschen waren mehr als unfähig, ihn in irgendeiner Art und Weise zu zwingen, ihnen zu Willen zu sein. „Bramant. Es wartet. Bramant, es wartet auf dich!“ Hände wurde zu Fäusten, Hämmern, Keulen, Äxten. Schläge prasselten auf ihn ein Hieben Stücke aus seinem Körper gleich einer Statue aus Fleisch, die er zu sein schien. Immer wieder versuchte er sich aus den Fängen zu befreien, ohne Erfolg. Die Schreie wurden immer lauter, bis ihn ein Hieb nach draußen beförderte.

„Die Sonne steht hoch. Ihr solltet in den Schatten gehen, findet Ihr nicht auch?“ Eine Stimme so sanft wie der Regen, der letzte Nacht über sie gekommen war, sie, eine Gruppe von Pilgern, in deren Mitte er sich befand, eine Gruppe von mehr als mitfühlenden Erwachsenen und Kindern, in der Ferne ein Wagen, auf dem die Nahrungsmittel für die mehr als 50 Leute gelagert waren, misstrauisch betrachtet von einigen Soldaten. „Sie verdienen Geld mit unserer Unsicherheit“ hatte eine Frau geflüstert, bevor sich ihr Blick dem seinen anschloss, sich zu Boden richtete. „Sie denken daran, dass sie ihr Geld verdienen, wenn sie uns nach Bramant geschafft haben.“ kicherte eine Alte, bevor sie unter dem giftigen Blick ihrer Nachbarin, mindestens genauso alt wieder zum Schweigen gebracht wurde.

Die Erde bebte wieder. Seramus erinnerte sich daran, dass die Schläge bereits vor einigen Stunden angefangen hatten, dann immer dichter wurden. „Es kommt“ sagten die einen, leise, die anderen murrten nur und sagten nichts weiter, sondern stampften auf den Boden, als müssten sie sich abstützen, um nicht in die bodenlose Leere zu stürzen, die sich jederzeit auftun konnte. Seramus fühlte, wie die Verwirrung, die in in den letzten Stunden unglücklicherweise verlassen hatte, wiederkehrte. Er fühlte, dass er nicht einmal wusste, wo er war, noch was er tat oder warum er es tat. Er sah die Menschen um ihn herum, aber sie schienen so fremd, so falsch an diesem Ort zu sein, wie er selbst.

Er wollte die Sache schnell hinter sich bringen, wenn er gewusst hätte, was „die Sache“ war. Er war hier, hier in dieser Welt, zu der er augenscheinlich nicht gehörte, trug Kleidung Fremder, hatte Wesen getötet, sogar Menschen, doch es fühlte sich so natürlich an, so klar, dass er nicht einen verdammten Moment überlegt hatte, was er hier machte. War er nicht aufgewacht irgendwo im Wald? Er hob seine Hand und fühlte noch immer Reste des Aufpralls, den irgendein Objekt seinem Schädel angetan hatte… noch bevor er auf die Snalus getroffen war, auf die Frau, diese Frau… an deren Namen er sich nicht mehr erinnern mochte; tatsächlich flossen alle Gedanken fort und er versuchte sie einzufangen. Er kam sich vor wie in einem… er wagte nicht, es auszusprechen.. Traum. Doch dann fingen die Schmerzen wieder an…

„Hey, was tust du?“ fragt er und ich fühle, wie sich die Stimme in meinem Kopf verselbständigt hat. „Wie… meinst du das?“ frage ich zurück, finde das so lächerlich, dass ich lachen möchte, doch die Musik, die durch meine Kopfhörer dröhnt, ist leise genug, dass er weiterbrabbeln kann. „Was tu ich hier? Was ist deine Intention?“

„Äh“, sage ich nur, „es ist nicht deine Aufgabe, mich herauszufordern. Ich weiß schon… was…“

„Du weisst gar nichts. Ernsthaft.“ Seramus klingt böse und ich weiß, was er meint. Aber zwischenzeitlich gebe ich mich schulterzuckend. „Du bist auf dem Weg nach Bramant, um…“

„um was zu tun? Das Ovpar zu retten. Du erzählst keinem Menschen was. Was ist mit den Leuten, auf die ich getroffen bin? Du benutzt keine Namen mehr, weil sie… dir nicht mein einfallen?“

„Ich bin ein guter Erzähler!“ bricht es aus mir heraus. „Ich… versuche nur, nach den Regeln zu spielen.“

„Deine Regeln interessieren mich nicht. Eigentlich wäre ich schon aus Langeweile gestorben. Hier passiert anscheinend nichts, und das versuchst du durch Dialoge und andere Sachen auszugleich.“

Ich versuche, ihm mit der Faust zu drohen, aber ich weiß nicht, wohin ich deuten soll. „Wer bin ich?“ fragt Seramus und ich versuche nicht zu grinsen. „Du bist etwas besonderes.“

„Das bringt mir nichts. Bring die Sache zum Abschluss… oder nicht.“

Seramus erwachte aus seinem Traum und seine Füße fühlten sich an, als wäre er ohne Schuhe über stählerne Böden gelaufen, blutig. Worte hallten in seinem Kopf, genauso schwarz wie die Lücken in seiner Erinnerung. Er drohte, sinnlos, dem Nachthimmel, bevor er weiterwanderte, allein mit Gedanken, die nicht die seinen zu sein schienen.

Niemand bemerkte die winzigen Risse, die sich unter seinen Schuhen auftaten und wenn, dann hätten sie es ignoriert. Es war die Finsternis, die alle befallen hatte; sich zurückzuziehen als einzige Alternative zu einer Welt, in der sie nicht wussten, was sie zu tun hatten. Das einzige war: Geh nach Bramant.

Sie hörten das Traben der Reiter, als diese bereits so nah waren, dass man den Schweiß ihrer Pferde riechen konnte und das Blut, das auf den Rüstungen der Reiter lag, angetrocknet. „Seramus!“ brüllte einer der Männer. Er hielt den Kopf gesenkt. „Seramus, wir benötigen eure Hilfe!“

Der Wagen hielt an, die Pilger, denn mehr als das waren sie nicht, verharrten auf der Stelle. „Wo ist Seramus?“

„Wir kennen keinen solchen Mann!“ erlaubte sich einer der Pilger zu sagen und erhielt dafür einen Tritt mit dem besporten Stiefel eines der Reiter. „Sollen wir wirklich alle töten?“ fragte ein anderer laut. „Vermutlich. Wir können nicht erlauben, dass sie wissen… dass… sie….“

Er hatte sich umgedreht und war mit offenem Blick auf sie hingetreten. Die Reiter blickten sich an und nickten vorsichtig. Der Hieb kam aus dem Nichts. Die Finsternis folgte auf dem Fuß.

Äonen kamen und gingen. Bilder von Bäumen tauchten auf, die von einem Samen in der Erde bis zum Niedergang, zum schwarzen Stumpf durch die Zeit wanderten. Menschen kam und gingen, auch sie von der Jugend bis zum Karren, der ihre vergangenen Leiber durch die Gegend rollte; und über allem, über all jenem das weiße Ovpar, glänzend, fast strahlend, eine Art Gottheit, angebetet von Generationen, dann, in einem Akt der Rache, ein Erdrutsch oder besser, eine Handvoll Gelehrter und Sklaven, mit Schaufeln, Stangen bewaffnet, die Welt um dieses Ding zu erleichtern. Zu spät wurden die Priester, jene Wesen aus Welten, die niemand gesehen hatte, dessen gewahr und mit Schreien ging ihre Macht von dannen. Zurück blieb das Ovpar, vergraben, während die Welt da draußen in Feuer und Asche verging und ein neues Volk aufstand aus den kümmerlichen Resten der einst so mächtigen Völker, schwächer, aber anpassungsfähiger, das die Kraft der Menge erkannte  und es sich zu nutzen machte. Dafür waren Bilder notwendig, tief in den Köpfen der Menschen versteckt. Das Ding, das einstmals Ovpar genannt worden war, msste nur warten, bis, ja, bis der letzte seiner Feinde verstorben war. Dann begann es erneut, seine unheilvollen Kräfte auszustrecken, bohrte sich durch Lücken und winzige Risse nach draußen und dann, als hätte man nur darauf gewartet, erreichte es den ersten Verstand, der sich ihm völlig auslieferte.

Qualvolles Erwachen. Seramus fühlte sich so furchtbar wie noch nie hier… hier in dieser Welt, deren Namen er erst gelernt hatte. Der Schmerz kam aus seinem Gesicht und während er seinen Körper befühlte, in der Hoffnung, dass nichts gebrochen war, öffnete er die Augen. Er lag auf dem Boden, um ihn herum das dumpfe Geschwätz von Männern und Frauen. Er fühlte alle Blicke auf sich liegen. Dann öffnete er die Augen.

„Er ist erwacht!“ sagte ein kleines Kind, nahm einen Stein und warf ihn ungeschickt. „Sünder, wie konntest du nur!“ eine Frau packte den Kleinen und zerrte ihn in ein Haus. Niemand sonst bewegte sich. Die Sonne stand hell und klar, bis auf… „Ein Zauber liegt auf dieser Welt! Die Sonne ist dunkel geworden! Sehet, der Untergang ist nah.!“

„Schnauze, Priester. Wir haben keine Zeit für dein Geschwafel.“ Der Mann im dunklen Gewand wurde hin- und hergeworfen und erhielt einen Tritt  in den Rücken, so dass er neben Seramus auf den Boden prallte. Ächzend richtete er sich auf. „Und doch!…“ er spuckte Dreck aus, „und doch habe ich recht!“
„Er ist erwacht.“ sagte jemand und sie zerrten Seramus nach oben. Nun konnte er, so er den Dreck aus den Augen wischte sehen, dass er in einem kleinen Dorf war, so klein, dass er mit einem Blick alle Häuser erfassen konnte, es waren 8. Vermutlich war die ganze Gegend aufgebrochen, um ihn zu sehen. „Nur 2 Tage bis Bramant.“ teilte ihm eine Stimme mit. Er wandte sich um. „Du?“ fragte er. Sir Rangor versuchte zu lächeln, doch es musste ihm ausgesprochen schwer fallen, dies zu tun, denn sein Kopf war mit einer dicken Bandage umwickelt und sein Kiefer war merkwürdig verschoben. „Sir Rangor, was ist…“ Der alte Ritter hob eine Hand. „Wir reden später. Wir müssen uns beeilen.“ Pferde donnerten vorbei, der Staub legte sich über die ganze Gemeinschaft. „Die Toten haben das Ovpar!“ teilte er grimmig mit und deutete auf eines der Rösser. „Wir haben lang nach dir gesucht!“ Schmerzen durchliefen sein Gesicht. „Wir brauchen deine Fähigkeiten… glaube ich.“ „Ich habe Dinge gesehen, Sir Rangor, das…“

Er erhielt einen Hieb auf den Rücken, der metallene Klang einer gezogenen Waffe hinter ihm. „Wir besprechen das später, mein Junge. Kommt, oder möchtet ihr hier sterben.“ Der letzte Satz enthielt eine beißend scharfe Note, so dass er sich bemüßigt fühlte, der Anweisung zu folgen. „Reiten wir.“ Er schob sich vorsichtig in den Sattel eines der Pferde, hörte das knackende Nicken eines Kopfes hinter ihm, Sir Rangors und dann setzten sie sich in Trab. Noch immer brummte ihm der Kopf und er musste sich bewusst festhalten, sonst wäre er heruntergefallen; zumindest glaubte er, dass er sich mehrfach aufrappeln musste. „Abspringen verboten“ knurrte Sir Rangor, „Ihr habt uns verraten.“

Seramus schüttelte den Kopf. „Ich? Ich… nein. Niemals.“

„Ihr wart auf dem Floß. Es kam nie an. Im Fluss waren mehr Leichen als man zählen konnte, Ihr wart nicht darunter.“

Seramus nickte. „Ich, ich habe gekämpft, glaube ich.“ Er starrte auf den Boden, der sich noch immer krampfhaft zu erheben suchte. „Ich landete irgendwie im Wasser und dann, später, hat man mich gerettet. Zumindest glaube ich das. Und seitdem ist alles noch schlimmer geworden als vorher.“

„Schlimmer? Davon könnt Ihr ausgehen. Wenn das Ovpar und die Priesterin in die Hände der Toten fallen…“ Sir Rangor spuckte aus. „Es waren Menschen, die uns angegriffen haben. Ihr seht das falsch, es wäre vernünftig, wenn Ihr dem Ovpar nicht so sehr vertraut, wie Ihr..“ Ein Schlag auf den Rücken. Seramus beugte sich gegen den Schmerz an. „Ich habe euch vertraut und nun seid Ihr gegen mich. Wir konntet Ihr nur.“

Durch den Schmerz hörte Seramus seine Stimme. „Ich… habe euch nie verraten. Euer blinder Glaube führt euch und mich in den Tod.“ Der alte Mann antwortete mit einem lauten Lachen. „Und Ihr glaubt, Ihr könntet mich mit schönen Worten überzeugen.“

Das Pferd wieherte laut, als es auf die weißglühenden Stacheln traf, die noch immer, wachsend, auf den Himmel trafen, die Erde in ein verwirrtes Tier verwandelten. „Wir müssen herum.“ Sir Rangor rief dies lauf aus und ließ sein Tier weiterjagen, tiefer hinein in die beginnende Nacht. Seramus versuchte, einen Ausweg zu finden, aber… dann wieder ein „Warum?“ in seinem Kopf. Hier hineingeworfen, einem Schicksal unterworfen, das er nicht ergründen konnte, er musste einfach aufgeben. Alles trieb ihn zu einem gewissen Punkt hin, so oder so, auf die gute oder auf die schlechte Art. Er fühlte, dass das, was ihm das Ovpar nicht verraten, nur angedeutet hatte, einer Wahrheit entsprach, für die er sich entscheiden musste. Er fühlte, dass die Macht, die sich vor ihm befand, größer war, als alles andere. Und er fühlte, dass er aus einem bestimmten Grund hierhergekommen war. Seine Gedanken verloren sich im Raum, als unnahbare Stimmen seine Aufmerksamkeit suchten, an seinem Gehirn ihre Münder anlegten, flüsternd Botschaften zu überbringen suchten. Er konzentrierte sich, doch nun, als ob man sie zurückgerufen hatte, verschwanden sie. Er schaute auf. Sie standen da. Vor ihnen… „Bramant. Siehe, das Ovpar vor seinen Toren!“ Seramus strengte seinen Blick an und tatsächlich, wie ein weißes Licht in der Dunkelheit: Das heilige Objekt. „Es hat euch gerufen, findet ihr nicht auch?“ fragte Rangor, dessen Gesicht Seramus nicht sehen konnte. „Wir sind Euch gefolgt“, eine andere Stimme aus dem Hintergrund, „Ihr wusstet es nur nicht. Ihr habt eine Gabe. Seid stolz!“ Er bekam einen erneuten Stoß von hinten und landete… wie so oft, im Dreck.

„Du bleibst nun hier, du bist zu nichts mehr nütze.“ Sir Rangor lachte lauf auf und ließ sein Pferd los, stürmte vorwärts in die grauen Massen. Pfeile, Dutzende, wurden angezündet, Sehnen surrten und fliegende Sterne stürmten über den Himmel. Das Knistern der Fackeln um Seramus herum wurde immer lauter, die Hitze breitete sich aus… fühlbar, denn was Seramus nun endlich erkannte war, dass die Sonne so stark an Glanz verloren hatte, dass sie nur noch dumpfweiss durch den Rauch schien… eine Art Münze, mehr dem Mond gleich, als… „Mond…“

Mond, ein Wort, das er nie gekannt hatte. Nun, gekannt schon, irgendwo erlesen, aber hatte er ihn je gesehen? Er hielt sich den Kopf. Es musst einen Grund haben, dass er so reagierte, dass ihn das Ovpar so sehr anzog. Er konnte nicht anders, als sich den Kopf zu halten, während um ihn herum streitbare Männer einen Kampfgesang anstimmten und an ihm vorbeistürmten, er dann doch den einen oder anderen Tritt abbekam. Er versuchte, sich hochzustemmen. Seine Knie gaben nach. Erneut ein Versuch und Stiefel trampelten seine Hände in den Boden. Er brüllte vor Schmerzen. Eine Lücke tat sich auf. Eine Hand reichte sich ihm. Er packte sie, ließ sich hinaufziehen. Dort, in einer bizarren Stille, erkannte er sie wieder. „Liara“ flüsterte er. „Endlich erkennt Ihr meinen Namen wieder. Es sollte mir leidtun, was mit euch geschah… dass ihr im Staub enden musstet, aber… ich musste einige Männer holen, die… nun… wie soll ich sagen: einen anderen Weg beschreiten. Irgendwann erzähle ich euch die ganze Geschichte, wenn wir das überleben. Bis dahin… bleibt zurück. Ich weiß, ihr könnt kämpfen, aber wenn ihr einmal tot seid, gibt es keinen Weg für euch zurück.“

Er nickte. Sie rief einige ihm unbekannte Worte, Befehle und erneut donnerten links und rechts an ihm Wesen vorbei und diesmal, er wagte es nicht zu sagen oder zu sehen, es waren Wesen ohne Augen und er wusste mit einem Mal, dass seine Flucht und ihre Rettung von den Snalus nicht wirklich eine echte Rettung gewesen war sondern nur das Verzögern eines Bundes, den sie vermutlich hatte besprechen sollen und es, sei es Unfähigkeit in diesem Augenblick gewesen oder seine Sorge, die ihn zu jener kurzfristigen Reaktion, einer Rettung einer holden jungen Dame in Not gedrängt hatte… sie stanken nach Fleisch und Wut und nach Dingen, die man nicht beschreiben konnte. Er kam auf die Idee, dass sie nicht von dieser Welt sein konnten, doch auch er selbst schien nicht von hier zu kommen… wie ihm nun doch, endgültig, die Gedankenwelt umwarf: er war nicht von hier. Er war ein Wesen aus einer Welt, die dem, was er hier erlebte, keinerlei Aufmerksamkeit zu widmen schien: er war allein.

XXIV

Sie sprang wie ein Tier, das seine gesamten Kräfte in diese Aktion gelegt hatte. Notna atmete tief ein, dann sprang auch er. Seine Augen leuchteten in panischer Ergriffenheit. Sein Fuß rammte die Angreiferin in den Boden. Doch auch er, vom Schwung der Gewalt mitgerissen, fühlte, dass der Aufprall mehr getan hatte, als sie nur davon abzuhalten, anzugreifen. Seine Knochen knackten. Dann flog auch er in Richtung Boden und beim Aufprall staubte es mächtig. Er stöhnte. „Verdammte Scheiße“ Seine Flüche waren schonmal besser gewesen, dennoch deutete alles darauf hin, dass er körperlich noch in besserer Form war als einige Jahre zuvor, denn „Komm doch, nochmal, du…“ Sposkas Stimme schien mächtiger geworden zu sein. Notna hob den Kopf. Sie schüttelte sich den Dreck von der Uniform. „Netter Versucht, Professor. Jetzt bin ich dran.“ Sie griff erneut an.

„Max lebt“ brüllte Neru und Sposka wurde ein wenig langsamer, abgelenkt von der Stimme. Ihr Augen glitzerten. „Er hat überlebt. Er wollte nur…“ Eine schattenhafte Gestalt schob sich Sposka in den Weg. „Es tut mir leid.“ Ihr Schwung war viel zu stark, so dass sie sich selbst nicht aufhalten konnte. Der Gewehrkolben war eine Art Erlösung.

„Sie fesseln? Und hierlassen? Bist du irre?“

Jamses stemmte seinen Fuß gegen ein Stück Felsen, das in der Gegend herumstand. „Nur weil eine Art Großer Weltenerzeuger es dir eintrichtert? Was ist denn nun mit Max?“

Er deutet auf mich. Ich zucke, wie üblich, mit den Schultern. „Es wir gemacht, was ich sagen, ist das klar?“ Er hebt seine dürren Finger und winkt ab. „Nur weil du keine Ideen hast.“ Ich schneide ihm das Wort ab. „Überraschungen müssen geplant werden. Man kann nicht einfach so sagen „tatata“ und der Rest der Menschheit wird in ergriffener Panik jubeln.“

„Müssen wir sie wirklich hierlassen?“ fragte Jamses erneut. „Wir können sie mitnehmen, sicher, aber sie ist absolut nutzlos geworden, seit sie auf ihrer Geschichte mit Max herumkriecht. Wer passt auf sie auf?“ Neru hob die Augenbraue. Ursa trat aus dem Nichts. „Überraschung“ seine Augen waren verborgen und seine Bewegungen fahrig, als würde er schweben. „Ich passe auf sie auf.“

„Woher kommst du?“

„Ihr rennt durch die Gegend wie Hühner, während ich einen langsamen, aber sicheren Weg gehe. Nun befinden wir uns an derselben Stelle. Es wir Zeit, gemeinsam weiterzugehen.“

Sie nickten. „Fesseln wir sie, bis sie wieder zu Verstand kommt“; schlug Salara vor. „Ich hoffe, sie kommt wieder zu sich… wir verlieren sonst eine Möglichkeit, zu Überleben.“ Sposkas Hände wurden gefesselt und man zerrte sie hoch. Sie erwachte verdutzt, starrte auf nach vorn. „Ihr…“ „Sollen wir dich knebeln?“ fragte Salara sanft, doch nachdrücklich. Sposka verstummte und schüttelte den Kopf. Ihre Augen schweiften hin und her und ihre Arme beugten sich vor der Last des Gürtels, der ihre Hände umschlossen hielt. „Hier vorn ist es“, Jamses deutete auf einen halbverschütteten Eingang. Seine Ränder sahen aus, als wären sie in Handarbeit aus dem Stein geschlagen worden. Aus seiner Tiefe strahlte ein beunruhigendes Licht. Eine Ewigkeit hörte man keinen Ton, während Neru den Knopf drückte. Dann ertönte ein Klirren und eine Scheibe wurde herabgelassen, von irgendwoher startete ein Strahl und malte Zeichen an das Glas. Jeder seiner Fingerdrücke wurde mit einem leisen Pling beantwortet.

„Der Weg nach G12 ist kürzer… wir fahren geradewegs nach unten. Dort… nun… ich weiß nicht, ob wir dort lebend herauskommen.“

„Ein paar Männer sind schon gestorben“, brüllte Sposka plötzlich los und Salara musste die keifende Soldatin festhalten, sonst wäre sie schreiend in den sich öffnenden Abgrund gesprungen.
Sie trat um sich, ein knapper Treffer auf Salaras Knie, sie schrie auf. Sposka sprang lachend in die Dunkelheit. Der Aufprall kam kurz danach. Sie beobachteten die sich windende Frau. „Die Plattform war wohl schon knapp unter der Sichtlinie“, sagte Neru. Sein Grinsen war müde.

„In den Fahrstuhl, schnell.“ Hände wurden gereicht, Hilfen gegeben… „Was ist das?“ fragte Jamses, als das Licht erwachte und ein Schatten sich über die Landschaft hinter ihnen legte. „Schau dich nicht um… es ist…“

Die Plattform schoss in die Tiefe. „Der Drache.“ Notna nickte. Jamses begann zu keuchen. „Was tut er?“ „Er folgt uns“. Neru grinste noch immer. „Aber wieso?“ „Ich weiß es nicht. Vermutlich folgt er nicht uns, sondern unserem kleinen Freund, der sich bereits auf G12 oder schlimmer, auf G13 befinden könnte.“

Der Druck der Gravitation ließ ein wenig nach. „Immerhin kann mein Magen wieder etwas zu sich nehmen“, ließ Notna verlauten und öffnete einen der Rucksäcke. Die anderen nickten. „Wie lang sind wir eigentlich schon unterwegs“, fragte Jamses, während er sich umschaute. „Neru starrt auf seine Uhr.“ ließ Salara verlauten. Der Angesprochene schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht. Vermutlich sind es magnetische Turbulenzen, meine Uhr ist ausgefallen.“ Er zeigte auf das nutzlose Stück an seinem Handgelenk. Notna beugte sich kauend zu ihnen hinüber. „Wir sind seit ca. 36h unterwegs.“ Er deutete auf seine mechanische Uhr. „Etwas über 350 Jahre alt, glaube ich. Eine der letzten… ich habe sie von irgendeinem Studenten erhalten, weil er sie für Schrott hielt. Tja,“ er lehnte sich zurück, „nicht immer heißt neu, dass es besser ist. Auch wenn ich,“ er kaute genüsslich, „eher ein Freund des Fortschritts bin…“

„Was machen wir, wenn wir in G12 sind?“ fragte Salara. „Dasselbe wie letztes Mal, vermutlich“, teilte Neru mit, die Augen geschlossen, in Gedanken versunken. „Wir bleiben unter dem Radar und hoffen, das wir nicht zuviel Aufregung verursachen.. je nachdem, ob man bei künstlichen Lebensformen von Aufregung sprechen will, sie sind halt mehr oder weniger das Gegenteil von progressiv.“

„Wie meinen Sie das?“ fragte Ursa, die Augen starr auf Sposka gerichtet, bereit, die Waffe einzusetzen, die er sich heimlich genommen hatte.

„Wir leben jetzt fast 350 Jahre hier unten… und sie haben laut unserer Forschung keine Weiterentwicklung durchgemacht, seit sie ein gewisses stabiles Level erreicht haben. Es gib die großen Roboter, die größer sind als ein Haus auf der oberen Ebene und… es gibt die kleinen Roboter, die sie wohl benutzen, um lästigen Schmutz zu entfernen… oder sowas in der Art.“ Neru zuckte mit den Schultern. „Sie leben von der Hitze, die aus dem Erdkern aufsteigt, zumindest vermuten wir das. Wir ich schon sagte, sie sind etwas verschlossen und unsere Berichte sagen immer dasselbe aus.“ Er lächelte müde.

Salara hob ihren Kopf. „Damals sind wir mit Mühe und Not bei den Herrschaften aufgetaucht, verletzt und auch andere Dinge, doch wir mussten uns kaum wirklich fürchten, denn sie sehen uns nicht direkt als Feinde an, sondern eher als Eindringlinge, die man studieren könnte, wenn man nicht bereits alles von ihnen wüsste. Solang man keinen großen Schaden anrichtet und schnell wieder verschwindet, ist man eigentlich sicher. Eigentlich… so ein Hochhaus in Bewegung ist eine Sache, die man nicht gerade schnell vergisst, wenn es neben einem in den Boden donnert. Und die Kleinen, nun… sagen wir so: sie sind flink und kaum dümmer als eine dieser alten Stubenfliegen. Sie machen einem keine Angst, aber sie sind die Gefährlichen. Ein Schwarm von diesen Wesen kann dich in deine Einzelteile aufspalten, bevor dein Gehirn es mitbekommt. Du willst den Mund auftun, um zu schreien, aber da ist kein Mund mehr, und keine Augen und kein Gehirn, nur noch die letzten Überreste einer Erinnerung… und das Licht am Ende des Tunnels ist nur eine Art Verbrennung. Wir müssen schnell nach G13, um ihn aufzuhalten. Ich vermute aber, dass es zu spät ist.“

Ursa wandte seinen Blick nicht von der Stelle, fixierte Sposka weiterhin. „Wie meinen Sie, zu spät?“

Salara schwieg. Dafür redete Neru.

„Wenn er G12 überwunden hat, wie auch immer, dann hängt alles davon ab, ob er die Kombination für G13 kennt. G13 hat, nicht wie die übrigen Etagen, eine Standardkennung mit entsprechenden Passwörtern, sondern sie reagiert auf sensorische Erkennung. Grundsätzlich kommt dort jeder durch, der die anderen Abteilungen überstanden hat, aber…“

Notna trat näher heran. „Sie meinen, da er Kontakt mit dem Drachen hatte, ist dies möglich?“ Neru nickte. „Da unten ist etwas anders. Wie soll ich es beschreiben? Wir haben zu viele Männer verloren, um nach unten zu kommen, aber, sobald wir an den mechanischen Wesen vorbei waren, war das auf groteske Art und Weise egal, gleich, es…“ er starrte auf Sposka, die mit ihrem Blick eine Legion Soldaten hätte auslöschen können, „es tut mir leid, Leutnant… wir waren nicht mehr viele, nur ein paar, kaum eine Handvoll, die es nach dort unten geschafft haben. Dort unten müssen im Laufe der Jahrhunderte Experimente stattgefunden haben, die wir uns nicht mehr vorstellen können. Stellen Sie sich vor, schwebende Steine. Wände, die atmen und leben. Existenzen, die wir hier oben nicht überleben würden, weil sie so unbegreiflich wären, dass… ich weiß nicht. Je näher ich dem komme, desto mehr fühle ich es wieder. Meine Vermutung ist noch immer, dass der Drache, der sich von oben nach unten durch…frisst, unbedingt nach G13 will. Vielleicht folgt er auch Ja-Lib. Ach, ich weiß nicht.“ Er zuckte mit den Schultern.

„Gehe ich Recht in der Annahme, dass der Drache nicht von der Oberfläche kommt?“ fragte Notna. Sein Gesicht verwandelte sich im Licht der auftauchenden und verschwindenden Lampen in ein Meer aus Emotionen. „Das ist Blasphemie, Notna!“ Jamses keuchte auf. Seine Augen erstarrten. „Es widerspricht all dem, was wir sind und glauben. Glauben Sie, dass wir in der Dunkelheit leben, nur weil jemand uns verschweigt, dass wir…“ Er schwieg. Der Professor lächelte müde. „Nur Gedankenspiele, mein junger Freund. Eine Kreatur, die sich, wenn befreit, nicht in die Freiheit bewegt, sondern tiefer hinein in das Gefängnis, das ihn, nein, das uns alle auf irgendeine Art und Weise beeinflusst…das hat eine Bedeutung. Wir sollten sie nicht außer Acht lassen, denn wir wissen nicht, was passiert, wenn sie dort ankommt, wo sie hin will. Dort, wo wir hinwollen. Hat Ja-Lib noch etwas anderes hinterlassen als seine Warnung?“ Er blickte auf Neru. Der Angesprochene hatte den Kopf zum Boden gesenkt, schüttelte ihn. „Nichts. Er hat nur gesagt, dass er etwas hier unten zu erledigen hat oder in der Art…“ Er rieb sich das Gesicht. Salara trat an ihn heran und legte ihm die Hand auf den Kopf. „Ich bin schuld. Ich habe…“

„Du hast dich von ihm verarschen lassen…“ zischte Sposka. Sie blickten auf, Überraschung in den Gesichtern. „Verarschen, nicht nur von ihm, sondern von denen da oben, von denen, die euch Befehle geben, die ihr einfach so ausführt, ohne Verstand, mit eurem bisschen an Rückgrat, das ihr noch habt.“ Sie spuckte aus. Sie versuchten, die Frau zu ignorieren. „Ihr habt es nicht anders verdient, Ihr Narren, ihr Vollidioten. Ihr hört, dass euer großer Star abgehauen ist, nach unten, in die ach so gruselige Finsternis, dort, wo die Schatten leben… dann flieht ihr, nein, entschuldigt, ihr stellt ein schlagkräftiges Team zusammen, um ihn zu fangen. Und dann ist der Drache schon hinter euch her und ihr vergesst, dass ihr da oben Freunde und Familie hattet, während das Ding eine Spur aus Tod und Vernichtung hinter sich herzieht. Ist das normal? Vermutlich seid ihr euch nicht bewusst, dass egal, wo dieser dumme Kämpfer nun auch ist, es absolut egal ist, weil das, woran ihr euer Leben lang geglaubt habt… oder was ihr geliebt habt, bereits vernichtet wurde. Ihr seid fixiert… aber… ihr könnt gerettet werden.“

„Gerettet… so wie du uns umbringen wolltest für deinen Exfreund…“ Neru schüttelte den Kopf, hörte das Knacken von Sposkas Kiefermuskeln. „Nein… es ist…“ er stoppte, dann nur ein Hauch hinter dem Dröhnen der Motoren, „es ist wichtig..“

Sie schwiegen, in Träumen, die ihre Vergangenheit einschlossen… eine Welt, in die sie nicht zurückkehren konnten. „Wieso so kalt?“ fragte Jamses vorsichtig. „Wie?“ Neru blickte auf. „SO unemotional, so kalt, so unnatürlich… wir… ist denn alles, was wir verloren haben, nichts wert?“ Notna beugte sich nach vorn, starrte den jungen Mann an. „Wir haben dir dein Leben gerettet. Ohne uns wärst du da oben.“

„Wer weiß, ob der Drache sich nicht direkt nach unten durchgefressen hat, statt die Welt zu verwüsten. Immerhin, so riesig ist er nicht, dass er eine komplette Etage zusammenbrechen lassen kann.“ Salara hatte einen Finger gehoben, den sie wild hin- und herschwenkte. „Ich weiß nicht, wie groß er werden kann. Das Kraftfeld hat ihn auf einer gewissen Größe gehalten. Ja-Lib hat gegen ihn gekämpft, da war er um die 4 oder 5 Meter hoch… lang, wie auch immer. Aber ich vermute, dass er damit eigentlich, und ich sage dieses Wort höchst ungern, mit unseren Waffen hätte getötet werden können oder zumindest so schwer verletzt, dass  er sich nicht hätte hierher durchbeißen können. Es liegt eine Macht in ihm, nach all den Jahrhunderten, dass etwas ihn anzieht… und gelöst vom Kraftfeld seine wahre Macht offenbart wird. Auch wenn ich das Konzept des Auserwähltseins nicht nachvollziehen kann: Es ist etwas dran.“

„Beschönigst du damit nicht den Untergang der Welt. Nur damit irgendein Typ, wenn er auch Ja-Lib ist, seine Reise antreten kann wie einer dieser Helden aus den alten Büchern? Was sind wir dann? Die Bösen? Die dunklen Gestalten, die von Schatten zu Schatten springen, um ihm einen Dolch in den Hals zu rammen?“ Ursa räusperte sich.

„Wir sollten nun langsam nach G12 kommen.“ Salara deutete auf das Zeichen, das laut und deutlich das Ende ihrer Reise andeutete. Die Plattform wurde langsamer und stoppte dann. Finsternis umgab sie.

„Haben wir nicht irgendwo Taschenlampen dabei?“ fragte Notna. Neru nickte. „Im Rucksack.“ Fahl-blaue Kreise aus Licht spiegelten sich an den glatten Oberflächen der Wand wider. „Hier, das Tor.“ Jamses trat näher heran. Ein Riss zog sich über die Oberfläche des Eingangs nach G12, gerade, wie mit einem Lineal gezogen. Er klopfte daran. Nichts geschah. Neru trat näher. Auch er versuchte sein Glück. „Salara, schau dir das mal an.“ Das Klopfen hatte einen Eindruck hinterlassen. „Als wäre die Wand nicht mehr aus Eisen sondern…“ Die Beule in der Wand begann sich zu verändern, die wuchs mit jeder Sekunde und als sie eine Art magisches Maximum erreicht hatte, zerbarst die Wand in einem Nebel aus metallenem Staub. „Rost?“ fragte Jamses. „Diese Wand bestand aus extrem winzigen Maschinen, deren einzige Aufgabe es war, sich vielleicht alle paar Jahrzehnte zu öffnen, doch… die sind jetzt wohl tot.“
Notna leuchtete in die Finsternis hinter dem Loch. „So tot wie dieser Platz hier.“

Ihr Schritte hallten in der trostlosen Halle laut auf, während sie sich vorsichtig durch die Dunkelheit tasteten. Der Boden war auch hier bedeckt vom Staub Milliarden toter Kleinstmaschinen, der in Wolken aufstieg und sich auf die Kleidung des Teams legte. „Atmet das Zeug nicht ein“, keuchte Notna, „Ihr würdet an einer Metallvergiftung sterben oder schlimmeres.“

Sie schwiegen und gingen weiter. Bald begannen sich Strukturen abzubilden, Rechtecke und Kreise; beim Näherkommen mehrere Dutzend Schritte hoch und lang. „Das sind wohl die größeren Modelle“, Jamses trat näher an sie heran. „Vorsicht, sie könnten noch aktiv sein.“ Notna stellte sich neben ihm, schüttelte den Kopf. „Aber sicher doch“, die Stimme des jungen Mannes wurde mit einem Mal arrogant. Er trat erneut näher, legte sein Ohr an das Metall und schloss die Augen. „Es vibriert“, teilte er den Leuten mit, während er sich umdrehte. Das hintergründige Dröhnen wurde lauter. „Ich sagte, geht weg von dem Teil!“ Notna packte den jungen Mann und riss ihn von der Wand weg.

Keiner wusste, wie schnell sich die Klingen bewegt hatten, denn sie blieben unsichtbar. Da war nur ein Flackern in der Realität, als sie die Grenzen der Sichtbarkeit überschritten. Notna räusperte sich, während Jamses erstarrte.

Die dunklen Linien, die sich im Licht der Taschenlampen auf Notnas Körper gebildet hatten, wurden immer größer. Er räusperte sich noch einmal. Ein Fleck, von von Blut, löste sich von seinem Mundwinkel und fiel zu Boden. „Idiot“, war das Wort, das er noch immer flüsterte, als sein restlicher Leib, in quadratischen Brocken geteilt, langsam auseinanderrutschte. Jamses fühlte den Druck einer Hand, doch es waren nur die letzten Zuckungen der Nervenbahnen seines Lebensretters. Eines der Augenlider blinzelte noch, dann brach das Licht.

„Er ist….“ Jamses starrte auf den Boden.

„tot“ beendete Sposka seinen Satz.

XXV

Die erste Reihe der Toten lichtete sich unter dem Ansturm der Krieger. Staub stieg in grauen Wolken auf, vermengte sich mit Rauch der Fackeln und brennenden Pfeile. Sie starben, ohne zu schreien, ein zweites, nun endgültiges Mal. Die anderen wehrten sich. Ihre Schwerter mochten zu alt sein, um Rüstungen zu durchdringen, doch die Kanten bohrten sich in Fleisch, ganz gleich, ob Mensch oder Tier. Es war ein Gemetzel. Die Schreie der Verletzten verhalten im Lärm der Schlacht.

Er lehnte sich an einem Baum, die Hände hinter den Rücken verschränkt und mit der kalten Agonie des bereits verurteilten Kriegers, der auf seine Hinrichtung wartet. Dieser Kampf bedeutete nichts. Ganz gleich, wer gewann, er war ein Opfer der nachfolgenden Spiele; mehr als das war es nie. Er erinnerte sich an andere Kämpfe, nur wusste er nicht, ob sie wirklich gewesen waren oder nur in seinem Kopf stattgefunden hatten.

Die Sonne senkte sich über die Festung hinab in eine erneute Nacht. Er fragte sich, ob sein Verständnis von Zeit so sehr gelitten hatte, schon wieder Finsternis, kaum geritten, kaum gekämpft. „Ist diese Welt soviel kleiner als die, an die ich mich nicht mehr erinnern kann?“ Seine Stimme klang heiser. Er taumelte nach vorn. Bald erreichte er die Leichen, trockene Wesen, die zuckten, Puzzleteile, die sich zusammenfügen wollten… zitternde kleine Stücke. Körper, durchtränkt von Blut und Pech, Schwefel, er erkannte nun, wie die Fackeln so lang hielten, ihre Macht in den staubigen Armen und Beinen, Köpfen und Rümpfen der lebenden Toten ausleben konnten, wie taumelnde Gestalten, selbst zu Fackeln, zu Unglücksbringern gemacht, in neue Gruppen fuhren. Die Toten wichen zur Seite, um nicht verbrannt zu werden, gerieten dann doch in ein anderes Feuer. Sie starben zischend… und doch, bis zum letzten Erlöschen nahmen sie Menschen und Tiere mit in die Verdammnis.

„Eine Ewigkeit, nicht wahr?“ Das Raunen war kaum vernehmbar vor dem Knacken der Brände. Er nickte. „Es ist zuviel… mir zuviel. Ich will fort.“ Das Raunen war wieder da. „Ich sterbe hier und Ihr erzählt etwas von fortlaufen?“ Er blickte sich um. Ein offenes Auge starrte ihn an. „Wer seid ihr?“ fragte er. „Nicht… mehr wichtig.“ aus den Mundwinkeln tropfte Blut, vermengte sich mit dem der anderen Leichen. Dann zitterte er und schloss sich seinen Nachbarn an.

Er fühlte, wie der Zorn über ihn kam, wie eine Welle, zu lang zurückgehalten, in Bahnen gebracht, die er nicht hatte erleben wollen. Wie an jenem Tag, als der sich mit dem Mann im Wald anlegte, diesem unbekannten, doch vertraut wirkenden… aber der war nun auch tot. Um ihn herum starben die Menschen wie Fliegen. Das Brennen ging von seinen Fäusten aus und bildete lodernde Linien durch seine Muskeln, bis hinein in sein Herz. Ein Ruck ging durch seinen Körper und wie eine Art geistlose Maschine beugte er sich über den Toten, zerrte die Klinge, die in dessen Körper steckte, heraus und stampfte wie eine geistlose Maschine in die Richtung der belagerten Stadt. Schon trafen die ersten Gegner ein. Seine Bewegungen wurden zu einem Tanz des Todes. Er wich zwei Männern aus, die sich verbündet hatten, um den Gegner in die Zange zu nehmen, tauchte unter ihren Schwerter hindurch und teilte rechts und links schnelle Schnitte aus. Die Männer brachen zusammen, ihren Bauch haltend, dann bewegten sie sich nicht mehr. Ein Toter kam auf ihn zu, hob seinen Speer. Die Macht des Aufpralls ließ das morsche Holz des Schafts splittern, dann brach die ehemals mächtige Waffe entzwei. Der Tote stürzte zu Boden.. Seramus packte ihn, kaum ein Gedanke über die auffallende Leichtigkeit des Wesens fähig und stieß ihn in eines der Feuer, die noch immer loderten. Er machte keinen Unterschied zwischen Mensch und totem Fleisch. Sein Wirbelwind der Gewalt war überall und nirgends, gleich einem tödlichen Schatten. Köpfe glitten von Körpern, erstaunte Gesichter, als sie sich gegenseitig trafen, meterhohe Flammenberge, als erneut einige Tote den Flammen überantwortet wurden.

Doch auch Seramus war nicht verschont geblieben. Sein Körper blutete aus dutzenden winziger Wunden und der Staub des Todes lag auf seinem Gesicht. Das Atmen fiel immer schwerer, doch noch immer loderte der Zorn in ihm. „Stopp“ brüllte ihm einer der Männer zu, irgendjemand, den er einst gekannt haben musste, doch zu spät. Seine Klinge prallte am harten Metall der Rüstung ab und bohrte sich in den Nachthimmel. Klirrend fiel sie zu Boden, während Seramus, auf den Knien, auf seine zitternden Hände starrte. „Es ist vorbei, mein Freund.“ Er schaute auf. „Sir Rangor“ der Mann nickte. „Ihr seid ein viel zu gefährlicher Mann in diesem Land. Ihr solltet das für Geld machen. Aber nun werdet ihr sterben.“ Er hob sein Breitschwert, als sich eine Hand an seine Wange legte. „Lady Oksana“ seufzte der alte Krieger und ließ seine Waffe fallen. „Er ist uns nicht mehr von nutzen“ deutete Sir Rangor an. Sie schüttelte den Kopf „Jeder ist auf irgendeine Art nützlich, auch wenn man es nicht sofort erkennt. Ihr kleiner Freund kann noch wahre Wunder vollbringen.“ Ihr Lächeln wirkte bösartig. Ein kalter Schauer ließ Seramus plötzlich erzittern. „Die Reste der toten Armee zieht sich zurück.“ Sir Rangor lachte. „die kommen nicht wieder. Die wollen nicht nochmal was aufs Maul bekommen.“

„Es ist Zeit. Wir werden morgen mit dem König sprechen. Bringt Seramus in eines der Zimmer…“

…“es ist je genug Platz!“ beendete Sir Rangor den Satz. Sie lachten, begleitet vom dumpfen Stöhnen der Männer um sie herum, die sich sammelten, herbeihumpelten oder sich tragen ließen. Seramus blickte sich um. Ihre Blicke waren starr und hart, mit dem Hauch von Triumph in ihren Herzen.

Zwei leichtverletzte Männer packten ihn, warfen seine Klinge zu Boden und schoben ihn durch die schattenhaften Leichenberge, die sich rechts und links von der Straße zu stapeln begannen. „Wohin bringt ihr mich?“ flüsterte Seramus, noch immer in Gedanken, unfähig, die Welt zu erkennen, die sich um ihn herum aufgebaut hatte. „Du bist ein besonderer Gast, wie Lady Oksana gesagt hat.“

Das Tor nach Bramant war von einer Größe, dass Seramus sich fragte, welche Lebewesen hier sonst aus und eingegangen waren, denn es war höher als 10 Männer und von derselben Breite. Er konnte sich nicht erinnern, etwas so großes gesehen zu haben, bis auf… Bilder flammten in seinem Kopf auf und vergingen wieder. Er hörte Schreie und dumpfes Pochen um ihn herum und das Zischen von Metall in Fleisch, doch dieser kurze Traum war zu schnell wieder fort, als dass er sich hätte daran festbeißen können. „Wir haben auch ein paar dieser Befreier des Ovpar gefangen… zickige kleiner Menschlein, sag ich euch.“ Sir Rangor deutete auf eine Gruppe von Männern und… Liara. Er hustete. Sie blickte auf und starrte ihn an. Sir Rangor grinste. „So so, Ihr kennt euch, was?“ Er schüttelte den Kopf, blickte zu Boden. Ihr Gesicht, als er das seine wieder erhob, war starr vor Hass. „Sie wollte euch wohl auch einspannen. Nun, ihr seid ein gefragter Mann, findet ihr nicht auch.“ Sein Mund sprach mit einem Lächeln, aber seine Augen waren zusammengekniffen und man blickte durch sie in eine Seele, die Seramus nicht wiedererkannte. Doch dann fiel es ihm ein: Der Blick des Ovpars, den die Menschen auf dem Floss, vor Ewigkeiten, auch hatten, dumpf und zornig und bereit, Gewalt zu säen und zu schauen, was daraus erwächst. „Sir Rangor, irgendwann kommen wir wieder und dann werden wir das Ovpar befreien. Wir wissen“ Ein Hieb von der Seite ließ den jungen Mann, der diese Worte ausgesprochen hatte, keuchend zu Boden gehen. „Tötet ihn nicht. Wir hatten heute genug Leichen. Vielleicht lässt er sich umstimmen!“

Das Tor öffnete sich und ein Spalt von Fackelflackern schnitt eine Schneise in die Finsternis. Er fühlte sich mehr getragen, als auf den eigenen Beinen. Das Metall der Rüstungen schnitt in in seine Achselhöhlen und er wollte schreien, doch er war zu müde dafür. Die Welt war schneller als die seine, das wusste er nun. Die Leute hier hatten eine Art ständige Panik in ihren Augen, auch ohne das Ei. Das Ei. Er wollte lachen, doch er traute sich nicht. Sie hätten ihn vermutlich geschlagen oder schlimmeres. Er wollte aber sehen, wohin sie ihn trugen, irgendeinen Winkel außerhalb ihrer Augen versuchen zu finden, eine… er zuckte mit den Schultern. Er war schon zu lang hier und wusste nichts über diesen Ort.

Die Gebäude rechts und links von der Straße waren mit Lichtern gesäumt. An allen Ecken flackerten Fackeln und versuchten, die Finsternis zu vertreiben. Aus den Fenstern starrten Frauen und Kinder, so er es erkennen konnte. Die Männer standen vor den Türen und murmelten ihre sinnlosen Flüche auf seinen Kopf herab oder redeten über Belanglosigkeiten. Er wusste es nicht, eigentlich war es ihm auch egal. Die Häuser waren meistens sehr flach, kaum mehr als 3 Stockwerke hoch und hatte spitze Dächer, die in den Himmel ragten, sie glitzerten bedeutungslos in die Nacht hinaus. Das Tor schloss sich hinter ihm, genauso lautlos, wie es sich geöffnet hatte. Er seufzte.

Sie zerrten ihn weiter. „Mach schnell, sonst kommen die Leute und lynchen ihn.“ kicherte einer der Soldaten. „Nee“, teilte ihm der andere mit. „Die wissen doch eh nicht, was da draußen los ist. Könnte auch einer der Leute sein, die sich freiwillig gemeldet und rausgeschlichen haben. Solche Idioten gibts immer wieder. Hast du das gehört, dass am Tor der Tausend Ameisen, kurz nach Sonnenaufgang, ein paar Männer geklopft haben und mitkämpfen wollten? Partus hat dann das Tor geöffnet und als die letzten nach draußen wollten, haben die ersten schon wieder versucht, sich in die Stadt zu drängeln? Feige kleine Idioten, sag ich dir.“

„Wie viele hast du erwischt? Ich habe aufgehört, zu zählen. Diese Toten waren übel, haben sich ausgebreitet wie die Heuschrecken und alles niedergemäht, was sie zwischen die staubigen Finger bekommen haben. Ich glaube langsam, ihre Tödlichkeit liegt eher im Dreck, den sie mit sich herumschleppen als in ihrer Kampfkunst.“

„Sag das nicht, sie haben Gladius und seine komplette Einheit in den Tod gerissen…“

„Gladius“, der Mann schnaubte in sichtlicher Empörung, „der Mann hat doch keine Ahnung zu kämpfen, ich habe gehört, dass seine Familie…“

Sie hielten vor einem weiteren Tor, das sich nun öffnete, erneut geräuschlos. Er wunderte sich über die notwendige Technik, irgendetwas kam ihm seltsam vertraut vor.

„Jedenfalls hat seine Familie seinen Aufstieg eher bezahlt, als dass er sich in Kämpfen und Übungen hervorgetan hat. Er ist und war ein kleiner Aufsteiger, der nun“ er lachte leise, „sein passendes Ende gefunden hat.“

„Aber immerhin hat er gestern noch eine Lage im westlichen Wirtshaus ausgegeben.“

„Wie?“ Der Mann links von ihm stoppte plötzlich, „und ich war nicht eingeladen?“

Der andere nickte. „Er mochte dich genauso wie du ihn: gar nicht. Außerdem warst du auf Wache.“

Er fühlte sich von den Stimmen um ihn herum belästigt. Die Menschen an den Straßenrändern starrten ihn an, die Augen hart, mit unverhohlenem Hass. Sie sahen anders aus, als er sie sich vorgestellt hatte, wenn überhaupt. „Eine Art modernes Mittelalter“ kam ihm in den Sinn.

Die Burg, wie man das Gebäude auch nennen durfte, lag an einem Hang. Seine Beine schmerzten, als man ihn hinauftrieb. „Marschiere gut, Verräter!“ Einer der Männer trat ihn. „Lass das!“ bemerkte der andere, „er ist offiziell ein  Gast.“ „Wenn Lady Oksana ihn mit bösen Blicken anstarrt, dann ist er sicher kein netter Mensch!“

„Deine Naivität ist beeindruckend“ wollte Seramus flüstern, ließ es aber bei einem kurzen Zischen.  Die Tore der Burg öffneten sich vor ihnen, Männer strömten heraus, die Waffen fest gepackt. In ihren Gesichtern war Zorn zu lesen und noch etwas anderes, aber Seramus fühlte sich zu weit fort, als dass er sich noch mehr Gedanken gemacht hätte, als notwendige „Fuß vor Fuß“.

Ein plötzlicher Blitz riss ihn aus seiner Versenkung. Leute, die ihn angestarrt hatten, blickten auf, die Augen zusammengekniffen, die Gesichter in der Momentaufnahme ungläubigen Staunens gefangen. „Was war…“ Stimmen wurden wach. Die Soldaten ließen. ihren unerwünschten Gast kurz  los, als sie sich umdrehten. Er krachte zu Boden. Erneut ein Blitz, der den Hintergrund in grelles Blau tränkte, Schatten in einer nie gesehenen Schärfe an die Wand zeichnete, so dass er atemlos japste. „Was ist da los?“ eine andere Stimme, getränkt mit Panik, begehrte auf. „Holt den König oder den Kanzler oder was auch immer!“ sagte eine unbekannte Stimme. „Was soll der denn machen?“ fragte eine eine andere.“

„Ich werde mich um das Problem kümmern.“ Die Menschenmenge teilte sich, die Männer und Frauen verneigten sich zu einem Zentrum, das durch die Reihen wanderte. Eine Bahn öffnete sich und eine Gestalt, größer als alle Menschen, die er hier gesehen hatte, beugte sich zu ihm hinunter und er konnte den Geruch von billigem Wein in dessen Atem riechen, doch über all den Gerüchen lag ein weiterer, unbekannter und doch seltsam alter Geruch. Seramus schüttelte den Kopf. Er fühlte, dass hier und jetzt eine Reise endete und vermutlich keine neue begann.

„Du bist also Jamses.“ die Stimme war trocken und mit einem Hauch von Lächerlichkeit bezogen und dennoch hatte sie eine Macht, die nicht von dieser Welt stammen konnte, eine Art Wissen, die er hier… „Ich bin Seramus!“ er protestierte. Der Riese lächelte, die Augenbrauen erhoben. „Du bist Jamses, ich habe von dir gehört.“

Seramus schüttelte den Kopf. „Sind denn hier alle wahnsinnig?“ seine Stimme begehrte auf und der Zorn, der ihn so selten wie möglich packte, ließ auch hier nicht auf sich warten. Er schüttelte sich. „Bringt in in die große Halle.“ sagte der Mann, in dessen Augen der Wahnsinn zu toben schien, „bringt ihn in die Halle, damit er herausfindet, wer er wirklich ist.“

XXVI

Neru berührte sanft die Überreste des Professors. Dann stand er auf und wandte sich an das Team. „Augenscheinlich ist hier noch immer Leben vorhanden, wenn gleich die Maschinen still geworden sind.“ Salara wischte sich die Tränen von den Wangen. „Er war ein guter Freund.“ flüsterte sie, „und diesen Tod hat er nicht verdient. Nicht hier, nicht… so“. Sposka grinste in die Finsternis hinaus. „Die Rache des Herrn kommt langsam, aber sie kommt. Ihr habt bereits drei Leute verloren, drei wichtige Leute, aber Hauptsache, das Jüngelchen lebt noch, was?“ Sie lachte laut und der Hall ihrer Stimme verlor sich in den immer dünner werdenden Echos. Neru fühlte, wie der Zorn von ihm Besitz zu greifen schien, aber er versuchte, ruhig zu bleiben. „Wir müssen weiter. Wir können nichts mehr für ihn tun.“ Jamses starte wie gebannt auf den Berg, der ihm das Leben gerettet hatte. Er schien mit den Gedanken eine Ewigkeit weit entfernt zu sein. Salara packte seine Hand „Du… bist… schuld.“ Ihre Bewegungen waren hastig und Neru ging davon aus, dass der Schlag auf Nerus Gesicht landen würde, doch dann drehte sie sich zu ihm herum. „Wieso haben wir ihn nochmal mitgenommen? Er hat keinerlei Erfahrungen… Oh ja, er ist ein Techniker! Was kann er denn, dieser Techniker? Außer dumm in der Ecke stehen und nichts tun? Wo sind seine Fähigkeiten für das Team? Hat er denn schon etwas geleistet? Aber ja doch: Er bringt den Tod.“

„Ich wäre nicht hier, wenn ihr mich nicht gezwungen hättet.“ Seine Stimme war weniger ein Flüstern denn ein Hauchen. Sposka stampfte grinsend zu ihm hinüber. „Du bist der Sendbote des Todes. Du bringst meine Rache.“ Sie senkte den Kopf und hob ihn wieder, die Augen verdreht. „Ich danke dir.“

„Dunkelheit erfüllt mein Herz und dort, wo ein Licht war, ist es nun gegangen. Du hast es genommen, Meister Drache. Ich bin dein willfähriges Wesen, deine Gedanken gehören zu mir wie deine Macht zu mir gehört.“

Sie zuckte mit den Augen, schaute sich um. „Was auch immer hier sein mag, ist fort. Lasst mich frei und ich führe euch zu G13 und zu eurem Freund.“ „Sicher“ Neru zuckte mit den Schultern und beugte sich erneut hinunter zum Toten, „sicher lassen wir dich frei und dann fliehst du wieder…“

Sie spuckte aus, „ oder besser“, er schaute nach oben „du versuchst mich wieder zu erschlagen.“ Die Lampen flackerten, als die Erde bebte. „Sie grinst dich wieder an“, deutete Ursa an. Sie hob ihren Blick. „Und du hast hier gar nichts zu sagen, Mini-Diktator!“ Er hob die Hand, senkte sie dann wieder. „Ich bin doch zu nett.“ flüsterte er. Er drehte sich um und starrte in die Finsternis hinaus. „Neru, lassen Sie mich frei und ich schwöre Ihnen, bei allem, was mir heilig ist, dass ich Sie nach G13 führen werde.“

Salara winkte ab. „Welchen Grund sollten wir haben, Ihnen zu glauben?“ Sie deutete auf den Professor. „Wieso ist er tot und nicht du?“ sie wirbelte herum. Ihre flache Hand erwischte Jamses und ließ ihn japsend aus seiner Apathie fallen. Er starrte umher, mit wildem Blick, dann hob er die Arme und rannte los. Innerhalb von Augenblicken war er verschwunden.

„Wo auch immer er hinrennt, dort wird er sterben“, Sposkas Stimme blieb unheilvoll. „Lasst mich frei.“

„Wieso…“

„Weil ihr bisher nie auf Ebene G13 wart. Euer Buch ist ein… Schwindel, eine Farce, eine Erfindung für die Massen!“ Sposka grinste. Neru fühlte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich. Er schaute Salara an. Sie versuchte zu lächeln, doch es fiel ihr sichtlich schwer. „Du hast keine Beweise!“ Salara explodierte. Neru ging einige Schritte auf sie zu und legte seinen Arm auf ihre Schultern. „Hier unten hört uns keiner… und es ist auch nicht…“

„Wir müssen auf G13 gewesen sein, verstehst du nicht? Es gibt keine Ausrede für das, was mit uns geschehen ist, weshalb wir erneut  hier unten gelandet sind, weshalb wir… überlebt haben.“ Sie begann zu schluchzen. Die Gestalt in der Ferne war bereits verschwunden, als Salara wieder auf Jamses zu sprechen kam. „Er  schuld, dass…“

Neru zog sie zu sich heran. „Wir gehen jetzt da runter und überleben das und bringen die Sache in Ordnung.“ Er nickte. „Ich verspreche es.“ Er drehte sich um. „Lass sie frei.“ Ursa zuckte mit den Schultern und ließ die Klinge seines Messers aufschnappen. Sposka rieb sich wenige Augenblicke wieder die Handgelenke. Ihr Blick schweifte über die kleine Gruppe. „Dann wollen wir mal. Hier entlang.“

Sie folgten ihr in vorsichtigem Abstand, doch nur einige Schritte entfernt, damit die Dunkelheit die Soldatin nicht verschluckte. Sie hatte ihr Augen in die Ferne gerichtet, als durchsuche sie die Weite, doch ihr Blick blieb starr. Sie stampfte über den staubigen Boden und riss mit jeder Bewegung Milliarden winziger Maschinen in die Luft, die sich auf der Kleidung der anderen ablegten. Neru hustete.

„Wohin sind sie alle verschwunden?“ fragte Salara. „Anscheinend gab es nicht mehr genug Energie und sie sind geflohen.“ teilte Neru mit, „oder umgezogen.“ Sposka blieb stehen. „Die Maschinen haben vom Drachen gelebt. Oder gibt es hier Licht, um sie zu ernähren? Gibt es hier Generatoren oder seht ihr Löcher im Boden, aus denen heiße Luft aus dem Erdinneren strömt? Ihr seid solche Idioten.“ Sie spuckte aus. „Sie sind fort, weil sie Hunger hatten.“

„Woher weisst du das?“ Salaras Stimme schien kaum spürbar zu sein. Sposka hielt ihre Augen in die Ferne. „Weil ich nicht so verblendet bin wie ihr. Glaubt ihr, dass der Drache sich nur nach unten gräbt, weil er das so gerne macht? Oder wieso will er denn nach G13? Er sucht etwas hier unten und, verdammt, er ist schon fast so nah, dass ich ihn höre.“

Ecken und Kanten, Objekte von der Größe einer Maus bis zu einem gigantischen Haus taten sich auf, schoben sich ins Licht der Taschenlampen und verschwanden wieder. Diese Welt schien schon seit Ewigkeiten tot zu sein.

„Maschinen reagieren viel schlechter auf den Verlust von Lebensenergie als wie anderen. Wir können vom Dampf oder was auch immer unseren Strom ziehen, aber…“ Neru blickte sich um.

„Philosophie ist fehl am Platz“, teilte ihm Ursa Minor mit. „Es ist… absolut unwichtig.“ Salara schüttelte den Kopf. „Es ist absolut essentiell. Was willst du hier sonst tun? Hier ist alles verschwunden, vorbei, alles ist doch sinnlos…“

„Sposka ist weg“ Ursas Stimme war dunkel und trocken wie der Staub, der sich auf seiner Kleidung  abgelagert hatte. „Bereits seit Minuten“, deutete Neru an. Salara lächelte bitter. „Es war klar, dass sie flieht… aber wohin, das war uns nicht klar. Beleuchten wir den Boden.“

Lichtkegel tanzten über die dicke Schicht aus unzählbaren toten Maschinen. Wie Dünen an einem endlosen Meer zogen sich die Haufen hin. Ursa schien verwirrt zu sein. „Sie wussten alles?“

Neru lächelte bitter. „Nicht alles, nur Einiges. Man würde uns nicht herschicken, mit jemandem, der wahnsinnig ist, ohne uns Informationen dazu zu geben. Leider sind ein paar gute Männer gestorben… damit sie uns hier her führt. Aber… ich hoffe, es war das wert.“

Ursa trat an ihn heran, die Augen ungläubig verzogen. Er flüsterte. „Wie bitte?“

Neru blieb stehen und deutete auf den Boden. „Ihr Spuren. Sie kennt den Weg.“ flüsterte er zurück. Sie folgten den Eindrücken im Staub. „Sie war damals mit uns hier unten. Sie hatte eine leidenschaftliche Affäre mit einem Soldaten hier unten… zumindest bis G11. Sie hatte es uns verschwiegen, dachte, wir würden es übersehen. Doch man merkt sowas.“

„Aber wie…“

Salara nickte. „Eigentlich hätte sie mich umbringen sollen, wenn sie gewusst hätte, dass er starb, weil er versuchte, mich zu retten.“ Sie berührte die Stelle, unter der die Narbe lauerte. Neru blickte hinüber zu Ursa. „Sie hatte einen Zusammenbruch… nachdem sie auf G13 war. Salara musste auf G11 bleiben, so dass ich und sie nach G12 weiterwanderten. Hier trafen wir auf die Maschinen, die uns zu ignorieren schienen, bis ich in eine Wolke von Mikrowesen trat, die mich, ob sie es wollten oder nicht, paralysierten. Sposka ging weiter, unbehelligt, als würden die Maschinen ihr aus dem Weg gehen.“ Er lächelte bitter. „E s verging eine schier endlose Zeit, bis sie zurückkam, die Augen leuchtend und ihr Blick genauso irre wie heute. „Ich habe es gefunden“, sagte sie und wanderte an mir vorbei, wie eine Heilige, die die Göttlichkeit gesehen hat.“ „Sie ist bescheuert“, sagte Ursa und sein Gesichtsausdruck verstärkte es.

„Als wäre sie in einer Wand gefangen und die Wand wäre verschwunden, um sie herum. So war ihr Gesicht. „Ich habe es gefunden!“ Doch ich traute mich nicht.“ Neru nickte. „Ich… war nicht soweit. Und sie hat es nicht verstanden. Ursa, verstehst du nicht? Sie hat den Eingang gefunden und ich war zu dumm… zu…“ „Verantwortungsvoll“ Salaras Stimme hallte vorsichtig an ihren Köpfen vorbei. Sie kam einen Schritt näher, legte ihm die Hand auf eine Schulter. „Ich war verletzt und ein weiterer Schritt in die falsche Richtung, weg vom rettenden Aufgang… nein.“

„Kommt ihr?“ die Stimme der Soldatin hallte wie ein Donnerschlag zwischen den toten Kreaturen aus Metall.

Neru flüsterte weiter. „Das, was nun geschehen wird, dürfte eurer Aufmerksamkeit sicher sein.“ Er brüllte zurück. „Wo bist du?“ Stille. Dann Schritte aus der Finsternis. „Hier entlang.“ Licht flackerte auf. „Für euch.“

„Die Maschinen waren unvorsichtig….“ deutete Salara an und zeigte auf  auf die Taschenlampen. „Es ist Blut daran. Mein Blut.“ Salara seufzte leise. „Sie ist von unserem letzten Besuch hier.“

Sposka war bereits weg, als sie der Schock sich löste. Nur aus der Ferne zeigten sich Signale. „Wieso ist sie so… was ist wohl passiert?“ fragte Ursa. „Du meinst, wieso sie mich für den Tod ihres Freundes verantwortlich macht? Wieso gute Männer sterben mussten? Schicksal, sagen die einen, andere meinen, es gäbe so etwas wie einen freien Willen. Leutnant Sposka setzte sich ab, desertierte, nachdem sie Salara und mich an der Grenze von G12 nach G11 abgeliefert hatte. Dann verschwand sie wieder. Ihre Augen waren verwirrt, als sie zurückkam, es müssen Stunden gewesen sein.“ Er lächelte bitter. „In den Händen hielt sie einige zerrissene Kleidungsstücke und ihre Waffe. Wir hatten keine Schüsse gehört, es muss also weiter unten gewesen sein, G12 oder doch G13… Die Maschinen sind da ein bisschen eigen. Oder schon am Sterben… ich weiß es wirklich nicht mehr.“ Er zog eine Grimasse.

Sposka deutete auf eine Klappe im Boden. „G13.“

Die Gruppe trat näher heran und begutachtete den Übergang. „Istn bisschen enttäuschend“, flüsterte Ursa. Sposka grinste. „Da gehen nur Vollidioten und Mörder hinunter.  Vermutlich ist euer Freund bereits tot.“ Sie blickte auf. „Wer geht zuerst?“

Ursa beugte sich herunter. „Wie kann ein einzelner Mensch nur diese Klappe öffnen?“  Er befühlte das Metall. „Es ist warm“. Er stand auf. „Es ist Ja-Lib. Dinge, die ein normaler Mensch nicht schafft… nun, fragen wir ihn, falls wir ihn sehen.“

„Es ist wirklich warm darunter.“ teilte Salara mit. „Öffnen wir es und schauen wir nach.“ Nerus Empfehlung wurde nachgekommen und mit einem unscheinbaren Quietschen wurde die Klappe ihrer Aufgabe entledigt. Sie starrten in ein schier endloses Loch. „Sind da irgendwelche…. kann man sich da festhalten?“ fragte Salara. Sposka hielt ihre Taschenlampe über das Loch und ließ sie fallen. Der Lichtstrahl wanderte über die Wände des Schachts, wurden immer kleiner, verschwand irgendwann. „Kein Aufprall… das muss ewig tief sein.“

„Genau.“ Sposka lächelte milde und trat zu. Salara taumelte kreischend und tauchte in die Finsternis hinab. Neru sprang hinterher. Sposka lächelte noch immer, als sie Ursas Kopf mit ihrem Knie touchierte. Sein Stöhnen hallte durch die eisig-leise Ebene hinweg, dann krachte er mit dem Kopf an die Klappe und blieb liegen. „Damit ihr nichts vergesst…“ Die glitzernden Rucksäcke glitzerten wie Diamanten, bevor sie in das Nichts übertraten, das unter ihnen lauerte. Ursa stöhnte leise. Sposka beugte sich zu ihm hinunter. „Töte sie alle, mein Prinz.“ Sie beugte sich über die Kante und fühlte die warme Luft. „Vermutlich sind sie schon tot…“ Sie lachte laut auf, dann rutschte Ursa nach.

Sposka setzte sich an den Rand und ließ die Beine hinunterbaumeln. Ihr Lachen wirkte seltsam abwesend. Sie hatte die Hände gefaltet und starrte in in die Finsternis. Sie lehnte sich nach hinten und starrte in die dunkelgraue Nacht über ihr. „Na komm schon. Komm schon.“ Sie lächelte, als sich ihr ein Knurren entgegenwarf. Die Luft schien zu verschwimmen, die Konturen der Welt verzerrten sich: Er war da. Dumpf trafen metallene Pfoten den Staub, wie ein Donner bohrte sich der Klang seines Atems in ihr Ohr. Nun stand er vor ihr. Sie lag noch immer da. „Drache!“ flüsterte sie. Sie schaltete die Taschenlampe an. Er wich zurück. „Wer sind sie?“ fragte er. Sie schüttelte sich. „Ich bin… ich wurde ausgesandt, um…“ Er nickte. „Mich einzufangen.“ Ja-Lib sah im wahren Leben nicht so ganz größer aus als daheim. Dort, wo die Fernseher und Kameras ein Bild von ihm gezeichnet hatten, war er ein Star gewesen, hier war er eher… klein. Doch Sposka belastete das nicht. „Du bist mein Held“ Ihre Stimme war leise und belegt. „Und jetzt?“ fragte sie. „Es gibt einen besseren Weg nach G13 als den, den du meinen Freunden gezeigt hast.“ Sposka stand auf und folgte Ja-Lib.

Jamses blinzelte, als er die beiden im Zwielicht von G12 verschwinden sah. Sich vorsichtig umschauend kroch er langsam an das Loch heran, dann starrte er nach unten. Da war nichts, kein Licht am Ende der Röhre, nicht einmal das winzigste Zeichen einer Lampe oder etwas Ähnliches. Er hoffte, dass sie noch lebten, auch wenn er es sich nicht vorstellen konnte. Doch er musste wissen, was mit Sposka und diesem Mann… diesem verwirrend bekannten Mann los war. Sie hatte mit Ja-Lib gesprochen, ja, aber wieso hatten sie das getan? Er stand auf und rieb sich den Staub von den Hosen.

Eine Welle von Dreck rollte über die einsame Landschaft. Jamses hustete, rieb sich die Augen. Ein Licht strahlte auf, irgendwo im Hintergrund. Unfähig, nicht zu reagieren, rannte er los. Der Schlag, der ihn aus der Luft erreichte, streckte ihn zu Boden. Auf seinem Rücken schienen sämtliche oberen Stockwerke zu lasten. Er konnte kaum atmen. Mit einem Knacken drehte er seinen Kopf. Es brüllte, was auch immer über ihm schwebte, seine ledrigen Schwingen wandten sich hier unten auf und ab. Seine Augen waren winzige schwarze Punkte in einem Meer aus knochigen Erhebungen, Schuppen und rohem Fleisch. Sein Atem stank Verwesung. Löcher in seinem Panzer ließen. vermuten, dass die anderen Etagen sich gewehrt hatten, doch wie die Sagen berichteten, war er unaufhaltsam gewesen. Über ihm bröckelten Reste von Erde und Metall durch das Loch, das er in den Felsen gebohrt hatte. Er brüllte wieder.

Dann hörte Jamses die Stimme von Ja-Lib, unverständlich in dem Getöse des kreischenden Tieres. Wortfetzen kreisten in seinem Kopf. „Komm…. Geschenk, nur… komm!“ Die Kreatur bäumte sich auf und stampfte davon. Jamses Gesicht war verzerrt, als er sich auf den Weg zu dem Loch machte, das Neru und Salara und Ursa verschlungen hatte, während er den Worten lauschte, die sich in Wellen durch seinen Körper zitterten. „Folge uns… das ist nicht das Ende.“

XXVII

„Du hast also Ursa getötet, was?“ fragte Ja-Lib, während er in die Ferne starrte. Seramus schüttelte den Kopf. „Ich… ich weiß nicht, was geschehen ist.“ Der große Krieger lächelte geistesabwesend. „Er hatte seine Chance. Dein Tod wäre genauso umsonst gewesen, auch wenn ich dich nicht kenne. Marian hat von dir erzählt, du wärst ein Idiot und ein Feigling und du wärst schuld am Tod Professor Notnas… nicht schlecht für den Anfang.“

Seramus fühlte das Licht in seinem Gesicht. „Kannst du mir all das erklären, Ja-Lib?“ Seine Augen folgten den weißglühenden Strahlen in der Ferne, die sich aus dem Boden in das immer dumpfer werdende Sonnenlicht gebohrt hatten. „Wozu?“ fragte Ja-Lib. „Ich will nur verstehen…“ flüsterte sein Gegenüber. Ja-Lib drehte sich um. „Begrüßen wir doch unsere Ehrengäste…“

Eine Tür öffnete sich knarrend. „Jamses!“ Nerus Stimme konnte seine Überraschung nicht verbergen. „Du bist uns gefolgt.“ Sposka schob den gefesselten Mann aus der Tür. „Salara hat sich eingeschlossen. Schade, dass sie das Spektakel nicht sehen kann…“

„Was ist hier los? Spektakel? Wieso sagt hier jeder, dass ich Jamses heiße?“

Sposka trat näher, starrte ihn von oben bis unten an und tippte ihm an die Stirn. „Da oben ist doch wohl noch Platz genug, sich zu erinnern.“ Sie umkreiste ihn wie ein Raubtier. Er schüttelte den Kopf.

„Ja-Lib, du hast noch immer nicht gesagt, was hier los ist!“ Neru schüttelte seine Handgelenke, während er nähertrat. „Willst du mich angreifen, kleiner Mann?“ fragte Ja-Lib. Neru grinste. „Wozu? Was würde das noch ändern, du Wahnsinniger? Weißt du was passiert, wenn sie das Ei bekommt?“

„Ich habe eine gute Intention, mein guter Freund. Jede Drachenmama braucht ihr Drachenbaby. Ihr konntet sie nur im Zaum halten, in dem ihr das Ei versteckt habt und sie in ihrem Käfig kämpfen lassen.“ Ja-Lib trat näher heran. „Damit ist jetzt Schluss.“
Seramus fühlte, wie ihm die Luft aus den Lungen wich. Er fühlte, wie eine kalte Wand sich über seine Gedanken legte. „Was zitterst du so?“ fragte Ja-Lib lächelnd. Sposka legte ihren Arm auf seine Schulter. „Er begreift…“

Bilder bauten sich auf in seinem Kopf. „Hohlkugel… Welt… künstliche Sonne im Innern… Gravitation durch Rotation“… Die Stimmen in seinem Körper bäumten sich plötzlich wieder auf, als wären sie aus einem Traum erwacht. Er hielt sich den Kopf, brach in die Knie, fiel zu Boden und wälzte sich im Staub dieser Welt, die keine eigene Welt war. Seine Zähne knirschten, während seine Zunge wirre Worte formte. „Ohne… Energie des Drachen… keine… Maschinen… ohne Maschinen… keine Rotation…“ Neru trat an ihn heran, beugte sich über ihn. In Ja-Libs Augen spiegelte sich die Welt, seine Stirn von Furchen durchzogen. Er griff sich an den Kopf. „Ist er übergeschnappt?“ flüsterte er… „Snalus… Snalus… Mutationen… Flucht… aus G11…“ Nerus Gesicht blitzte in plötzlicher Erkenntnis auf und er begann zu lächeln, dann zu grinsen. „Wie glaubst du, bist du hierhergekommen?“ fragte er. Ja-Lib zuckte mit den Schultern. „Der Drache zeigte mir ein Portal… und Marian… sie erzählte von einem magischen Übergang… und wir sind hier, um dem Drachen das Ei zu zeigen, wenn er durch das Portal kommt.“ Er schluckte. Neru schüttelte den Kopf. „Du Idiot“ Seine Stimme war heiser von der Anstrengung. „Allein, dass wir alle hier gelandet sind… verletzt… ist es dir nicht in den Sinn gekommen, dass es so was wie ein magisches Portal nicht gibt?“ Ja-Lib zuckte hilflos mit den Schultern. Sposka packte ihm beim Arm. „Lass nicht zu, dass er uns verwirrt. Ich habe das Portal gesehen! Wir sind durchgegangen.“

„Nein“, Salara trat aus der Tür. „Unser ehrenwerter weiblicher Gast tritt nun auch auf die Bühne…“

„Eine Bühne voller Narren und Statisten wie mir scheint…“ Ja-Lib lächelte finster. Salara trat an ihn heran. „Jamses hat Recht.“

„Ohne Drachen keine Energie für die Maschinen. Nun holen sie sich ihre Energie aus anderen Quellen.“  Neru nickte gedankenverloren und deutete auf die Sonne. „Sie holen sich die Energie aus dem Reaktor, von dem die Leute hier unten glauben, dass es die Sonne ist… die Welt hier ist recht klein, eine künstliche Energiequelle hätte hier noch Jahrtausende gehalten… aber nun… wird sie untergehen wie ein Traum.“

Seramus/Jamses schrie noch einmal auf, dann zerbarst er in Milliarden glänzender Teilchen. Sie sprachen mit einer Stimme. „Eure Existenz ist sinnlos geworden. Möge die Zeit euch erkennen lassen, was ihr getan habt. Wir werden euer gedenken.“

Ein Donner hallte über die weiten Ebenen  Gradoriens und ein Riss schoss über den Himmel, während sich die Sonne erlosch. Das Gebrüll der Kreatur, die über Jahrhunderte eingesperrt war, schob sich über die Welt, klar und hell und erhielt eine Antwort. Die Glocke zerbarst und mit ihr Mauern und Häuser. Bramant bebte in seinen Mauern.

„Alles ist aus.“ flüsterte Neru und hielt Salara in seinen Armen. Sposka schrie in wilder Panik auf. Ja-Lib weinte. „Endlich sind sie wieder vereint.“, flüsterte er, während die beiden Drachen in die Finsternis glitten und verschwanden.

Epilog

Nachdem die Rechtschreibprüfung schreiend überlebt wurde, zeigt der Autor, ich, dem Text die Mittelfinger und schickt ihn weg und widmet sich neuen Projekten.
05.05.2012 – Emanuel Mayer