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Monat: September 2011

Harold Osterhagen?

Harold Osterhagen?

„Es ist eine große Verantwortung“, teilte sie mit, „man gibt uns die Kinder, oder besser, die Teenager und dazu noch die Aufforderung, etwas aus ihnen zu machen, was sie vielleicht nicht sein wollen. Aber, soweit ich im Bilde bin, möchte eh keiner das sein, was andere von ihm wollen.“  Judith van Lyrenberg lachte leise. Ihr gegenüber, keine Reaktion, starrten mehrere Mikrofone in die Luft, klickten so laut und vernehmlich Fotoapparate, so dass man sicher sein konnte, sich die ganze Sache einzubilden. „Frau van Lyrenberg, Sie haben uns herbestellt, um…?“ Der Reporter wirkte verletzt, als sie ihn ignorierte, bis er einen Hieb in die Rippen bekam, was ihn sofort an seine traurige Beziehung erinnerte und schweigen ließ. „Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können,  weil die Universität Pensington im Laufe der nächste Woche einen neuen Professor für angewandte Mediengeschichte einsetzen wird. Es handelt sich dabei um Herrn Harold Osterhagen.“ Ein Raunen lief durch die Gruppe anwesender Reporter und umso mehr, als man erkannte, dass betreffender Osterhagen genau in diesem Augenblick durch die Tür trat und direkt vor Frau von Lyrenberg stehenblieb.

„Ich hatte Sie ausdrücklich gebeten, diese Sache vertraulich zu behandeln.“ Die wenigsten Anwesenden hatten Harold Osterhagen im echten Leben jemals gesehen und so verbreitete sich sein Hineintreten in die Realität anderer Menschen wie ein Lauffeuer in der Universität und wer auch immer gerade nichts zu tun hatte, oder besser, wer sein Studienfach nicht wirklich, wirklich liebte und blieb, lief in Richtung des Büros der Rektorin. Bald wurden aus einzelnen Schritten in der Ferne ein dumpfes Rauschen dutzender Füße auf dem blanken Grund und innerhalb von Minuten starrten dutzende Augenpaare auf den verwirrten Mann, der missmutig auf den Boden starrte.

„Herr Osterhagen“, flüsterte ihm Frau von Lyrenberg zu, „Sie selbst haben darauf bestanden, dass Ihr Titel als Professor rechtlich anerkannt wurde und sie wussten, dass mit diesem Titel Verpflichtungen einhergehen.“ Sie wandte sich lächelnd um, kehrte dann zu ihrem Schützling zurück, „Und, so offen wie ich dies sagen darf, ein wenig soziales Engagement ist auch für Sie, so unglaublich dies klingt, hilfreich. Ich habe Ihre Bücher gelesen und, unter uns, Sie besitzen eine merkwürdig misanthropische Grundhaltung.“

Osterhagen starrte weiter auf den Boden, folgte mit dem Blick den Linien auf den Brettern unterhalb seiner Füße, fühlte sich zornig und niedergeschlagen, nicht auf Grund der gerade erfolgten Ansprache, sondern weil…“Es sind zu viele Leute hier, Frau Rektorin und Sie wissen, wie ich mich fühle, wenn da zu viele Leute sind.“ Sie nickte. „Sie werden sich daran gewöhnen müssen, Osterhagen. Niemand hat vor, Ihnen die Energie zu rauben. Sehen Sie einmal, wie die Leute lächeln.“ Osterhagen blickte nicht auf, als die Blitzlichter im fahlen Licht dieses freitagnachmittäglichen Herbsttages wie Funken aus einer fremden Welt aufflammten und vergingen und als er bereits fühlte, dass seine Seele in Bruchstücken verstreut und in die Zeitungen der Welt gepresst wurde.

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Die Straße war belebter als ein Festumzug, als Gabriele Astor mit ihrem Kleinwagen auf der Tanzfläche des abendlichen Unheils auftauchte. Sie stoppte das Auto, warf die letzten Reste eines Hamburgers in den immer präsenten Mini-Mülleimer, setzte sich ihre Mütze auf und schlug die Tür hinter sich zu. „Meine Damen und Herren, hier spricht die Polizei.“ Keiner reagierte. Das Rauschen des hintergründigen Entsetzens hatte die Menschenmenge in ihren Bann gezogen. Gabriele nickte schmerzhaft, während sie mit der einen Hand das Mikrofonkabel und mit der anderen Hand den Lautsprecherschalter zu erreichen versuchte und es mit viel Mühe und Not schaffte. „Ich muss abnehmen“, sagte sie sich in stiller Verzweiflung, dann übertönte das Knacken der Soundanlage die Umgebung und bereits nach wenigen lautstarken Ansagen „Lassen Sie mich durch, hier ist ein Tatort, verschwinden sie“ und die beginnende Anwesenheit weiterer Wagen der pensingtoner Polizeistreitkräfte ließ die Masse der Menschen auseinanderstreben wie das rote Meer, damals, vor langer Zeit.

Gabriele setzte ihr bösartigstes Lächeln auf, warf das Mikrofon in den Wagen und betrat das Gebäude. Der helle Schein einer mitternächtlichen Studentenparty nahm die ganze Umgebung ein, täuschte Geselligkeit vor, doch Gabriele wusste, dass es sich lediglich um Schein statt Sein handelte.
Die gepolsterten Bänke an den Seiten des Ganges tief ins Innere der Bestie war bis vor wenigen Minuten noch von halb- oder ganz-betrunkenen Jugendlichen gefüllt gewesen, der Fisch im Aquarium rechts in der Wand hatte schon bessere Tage gesehen, Tage, an denen er nicht durch eine Wand aus zerbeulten Plastikbechern schwimmen musste. Dazu kam noch der Geruch nach Erbrochenem und Panik. Gabriele machte sich daran, die Räume zu durchsuchen, öffnete die Tür zum Vorratsraum und erkannte, dass die Gerüchte über einen Mord nicht übertrieben gewesen waren.

„Gottseidank bin ich krank“ sagte sie zu ihrem Vorgesetzten James Butterfly, der sich durch seine ausnehmend charmante Art in die Herzen verschiedenster Personen bohren, aber keinesfalls einen Mordfall lösen konnte. Er nickte. „Ich bin der Meinung, dass du genau richtig für dieses Sache bist, Gabriele.“ Sie zuckte mit den Schultern. Auch eine Sache, mit der sie nichts anfangen konnte: unlogische Reaktionen. Sie hatte gar nicht vorgehabt, zu fragen, wer welchen Mordfall nun löst, da sie und James die einzigen Polizisten im Umkreis von 20 Meilen waren, die erstens Dienst hatten, weil sie zweitens nicht zum gerade stattfindenden Kongress der Polizeistreitkräfte eingeladen worden waren. Gabriele vermutete eine Verschwörung, aber James hatte sie bereits darüber in Kenntnis gesetzt, dass er einfach vergessen haben musste, die Einladungen zu öffnen.

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„Wann haben Sie Kassandra Berndt das letzte Mal gesehen?“ fragte Gabriele erneut und überlegte, ob sie ihrem Gegenüber den Stift ins Gesicht rammen sollte, um überhaupt eine Reaktion zu erhalten. Sie fuhr sich durch die Haare. Es war zum Mäusemelken. „Ich glaube, nach einer Studentenparty ist niemand wach, aber das ist mir jetzt egal.“ Sie beugte sich nach vorne und schnippste kurz, aber das Gesicht des Studenten blieb leer. Sie zuckte mit den Schultern. Die Tür öffnete sich hinter ihr und der Geruch von frischem Kaffee kroch einladend in das Zimmer. „James?“ fragte sie. „Natürlich, wer sonst. Übrigens, wir haben Gerüchte gehört, die Kassandra habe es mit einem Professor getrieben. Das übliche halt.“ „Ja und? „fragte Gabriele. „Du wirst es nicht glauben.“ Gabriele drehte sich um und starrte in das grinsende Gesicht ihres Kollegen. „Na sag schon, oder muss ich Gewalt anwenden.“ Sein Gesicht verstummte kurz. Er griff in Gabrieles Handtasche, von der jeder wusste, wühlte kurz und holte die zerlesene Ausgabe eines jener kriminologischen Schmachtfetzen heraus, die Frauen besonders toll finden.

Gabrieles Gesicht fror ein. Irgendwo in ihrem Innern begann sich eine lange gestoppte Maschinerie wieder in Bewegung zu setzen. „Osterhagen?“ und „Er arbeitet hier?“ waren die einzigen Sätze, die sie herausbrachte. „Du liest keine Zeitung, oder?“ James nickte beunruhigt. Ihr Gesicht hatte die Form einer Maske angenommen, die man ihr nur hätte abnehmen müssen, um an ihr wahres Ich zu kommen, aber wie er schon vor Jahren hatte feststellen müssen, würde ihm das mehr Scherereien machen als seine Zurückhaltung im Augenblick. Ihr Mundwinkel zitterte, als sie begann, wieder in die Welt der Lebenden zurückzukommen. Der Student, dem sie gerade die Leviten hatte lesen wollen, hatte in der Zwischenzeit sein Handy aus der Tasche geholt und tippte befriedigt von der mangelnden Aufmerksamkeit ihm gegenüber auf diesem herum, bis ihm James das Gerät aus den Händen riss und auf den Tisch warf. „Was geht ab, Mann?“ fragte der dürre Teenager grinsend. „Du kanntest Kassandra und meinst, dass Osterhagen mit ihr eine Beziehung hatte?“

„Klar, das weiß doch jeder. In seinem beschissenen Kurs sind fast nur Frauen und wenn ich er wäre, dann würde ich…“ Er begann, wild zu gestikulieren… „gerade du kleiner Wicht wagst es, Harold Osterhagen als Frauenmörder hinzustellen? Wie kommst du auf die…“ James musste sich beherrschen, als er bemerkte, dass sich Gabriele aufgerafft hatte und drohend um den Tisch lief, die Hände ausgestreckt, als würde sie den jungen Studenten erwürgen wollen. „Gabriele, vielleicht meint der arme Junge das nicht so?“ fragte er in den Raum. „Ich… habe ihn noch nie gesehen, Madame!“ brüllte der Angesprochene los, „Er soll wohl nur in seinen Vorlesungen kurz auftauchen, dann sauer in die Runde schauen, ein paar Sachen an die Tafel schreiben und dann wieder verschwinden. Und ja, es sind wirklich fast nur Frauen in seinem Kurs. Halten Sie die Frau von mir fern!“

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„Blutrote Fäden aus geschmolzener Lava zerren sich durch den beginnenden Untergang der letzte der Sonnen. Im Schatten des verzweigten Labyrinths kauern sich zwei Lebewesen aneinander, ihre Arme ineinanderverschränkt wie ein lebendiges Puzzle, starren sich an, als wäre es ihr letzter Augenblick. „Und siehe da, ein Licht leuchtet auf und ergießt sich über die verdorrte, steinerne Ebene, erstarrt. Blendend naht sich die Rettung, liebes Kind.“ Ein Riss lässt neues Magma strömen. Arme reißen sich voneinander los. Ein Schrei. Dann kochendes Blubbern, dann nichts mehr. Und die letzte Sonne ist fort.“

Osterhagen beendete seinen Vortrag, wandte sich um, starrte auf die Tafel, die noch immer genauso leer war wie vor 2 Stunden, nickte und ging nach draußen. Die Augen der wenigen Studentinnen, die noch immer zu seinen Seminaren kamen, folgten ihm, schienen unfähig zu sein, die Stille in ihrem Kopf zu verlassen, auch wenn sie die nächsten Minuten damit verbringen konnten, eine Verbindung zwischen dem Gehörten und der Umwelt herzustellen.

Gabriele nickte, als sie den Professor erkannte, der aus der Tür trat. Ihre Augen zitterten. „Herr… Herr Osterhagen?“ Er reagierte nicht. Sie trat näher. „Herr Osterhagen?“ erneut keine Reaktion. Dann, als würde er aus tiefer Bewusstlosigkeit erwachen, blieb er stehen und schaute auf. „Und was wollen Sie?“

Gabriele war überrascht ob seiner Stimme, denn sie war nun merkwürdigerweise anders geworden, sanfter, hatte diese Wildheit abgelegt, die sie noch vor Minuten in ihrem Herzen erfahren hatte.

„Wir haben ein paar Fragen an Sie, Herr Osterhagen. Eine Ihrer Studentinnen wurde aufgefunden, vermutlich ermordet.“ Er nickte. „Ich habe Gerüchte gehört, aber was habe ich damit zu schaffen?“ Gabriele lächelte. „Es sind Standardvorgehensweisen, Herr Osterhagen. Wir möchten Sie als Täter ausschließen, wenn Sie verstehen…“ „Ich verstehe. Ich habe aber wenig Zeit. Ich werde erwartet.“ Gabriele versuchte, weiterhin zu lächeln.

„Sie sind Harold Osterhagen, geboren am 07.07. 1973?“ Er nickte. „Toll, könnte ich ein Autogramm haben?“ fragte Gabriele, dann bereute sie ihre Keckheit, als sie seinen Gesichtsausdruck bemerkte. „Sorry, es war… ein Scherz.“

„Ein Scherz, Frau Polizistin. Hmm… das bestätigt meine schlimmsten Vorstellungen. Sie nehmen mich nicht ernst, nicht wahr? Was tue ich hier?“

Gabriele stand auf und trat an das Fenster. Draußen schwebten die ersten Blätter eines endenden Sommers vorbei; die Sonne hatte sich hinter tiefen Wolkenbündeln versteckt. „Herr Osterhagen. Frau Kassandra Berndt, war Ihre Studentin. Sie hatten mir ihr mehr Kontakt als jeder andere.“ Er hob seine Augenbraue. „Wirklich? Ist mir gar nicht aufgefallen. Ich dachte immer, die Studenten heutzutage betrinken sich öfters als dass sie in Vorlesungen gehen.“ Er lächelte. „Von daher gehe ich davon aus, dass mehr Leute als nur ich mir ihr Kontakt hatten.“

„Aber nicht so, wie Sie es sich vorstellen. Hatten Sie eine persönliche Verbindung zu Frau Berndt?“

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„Er kann es nicht sein.“ Gabriele hörte diesen Spruch nicht zum ersten Mal, als sie in ihrer Uniform durch die Menschenmassen ging, die angezogen durch einen Skandal in den Gängen der Universität lauerten. Sie hasste Gaffer, aber das war nunmal eine eher provinzielle Statt und hier gab es sonst nichts. Betroffenheit hatte sich dorthin gelegt, wo noch vor Stunden eine Art ritueller Verehrung für diesen Sohn der Stadt seinen Platz gehabt hatte.

Osterhagen war ein Idiot und sie hatte genug Punkte, um ihm in den Arsch zu treten, wenn er seine Mitarbeitspflicht weiter vernachlässigte. „Kassandra? Irgendein Mädchen, dessen Liebesbekundungen mir lästig waren, ein Gör von vielen.  Da werden Sie nichts finden, sie hat ein Leben im Zusammenbruch geführt, also doch mehr zurückgezogen als ich mir dachte. Wenn ich ehrlich sein darf, es ist gut, dass sie weg ist. Sie hat gestört.“

„Nein, ich war zu diesem Datum nicht hier. Ich war bei meiner Mutter.“

„Ich bin dort regelmäßig. Es ist eine soziale und emotionale Verpflichtung.“

„Man zwingt mir meine Studenten förmlich auf. Ich könnte in dieser Zeit mehr vollbringen als vor diesem unfähigen Pack alte Informationen auf eine Tafel zu  schreiben. Und stellen Sie sich vor, irgendwann wird es Prüfungen geben. Der Mehraufwand an Zeit und Geduld…“

„Der Titel stand mir rechtlich gesehen zu. Lediglich ein Formfehler hat mich für längere Zeit daran gehindert, ihn zu führen. Aber wozu gibt es Gerichte.“

„Nein, ich habe jetzt keine Zeit mehr. Auf Wiedersehen.“

Gabriele fluchte, als sie sich die letzten Sätze mit Osterhagen zu Gemüte führte. Bislang gab es tatsächlich keinen weiteren Anwärter auf den Titel des Mörders des jungen Studentin, aber er hatte ein Alibi. Zumindest hatte er das gemeint. Er war bei seiner Mutter gewesen, so so.

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„Es war Mord, Gabriele. Die Kleine wurde erwürgt, an den Spuren lässt sich erkennen, dass es sich um eine Art Strick handelte. Es muss aber kein Strick sein, denn ich habe keine Faser gefunden, die darauf hinweist. Genauso gut könnte der Kleinen jemand mit einem Drahtbügel die Luft aus dem Kopf geprügelt haben.“ Gabriele nickte. Doc Emerald, in diesem kleinen Ort eher eine Kapazität des Alkoholkonsums als einer vernünftigen Arbeit nachgehend, mochte für diesen Tag nüchtern sein, aber nicht mehr lang. Tatsächlich war er immer nur nüchtern, wenn eine Leiche vor ihm lag und in diesem Fall war die Leiche nicht 90 Jahre alt, sondern um einiges jünger gewesen. Er rieb sich seine wenigen verbliebenen Haare und begann aus seiner Jugend zu philosophieren. Gabriele ging, den Fall vorschützend nach draußen. Sie hatte genug gesehen und gerochen.

Der Tag verhieß nicht besser zu werden als er bereits gewesen war, nämlich schlecht. Bereits im Gang nach draußen tummelten sich Fremde mit großen Kameraobjektiven, den zackigen Bewegungen eines im Hintergrund lauernden  Volkskörpers: Journalisten. Gabriele hasste diese Menschen, immer bestrebt, ihnen aus dem Weg zu gehen, wann immer dies möglich war. Diesmal hatte sie aber Pech. „Kein Kommentar“ rief sie die nächsten Minuten, als irgendjemand ihr eine Aussage entlocken wollte, mit jener Herzlichkeit, die Reporter einfach haben: hysterisches Gejammer und aggressives Nachgefrage.

Sie entschloss sich, einen Umweg nach Hause zu machen. Die Hauptstraßen waren leer, aber sie hatte nicht das Bedürfnis, heimzufahren. Die Wolken lagen tief und deuteten Regenfall an und Gabriele fragte sich immer wieder, wieso eine junge Studentin sterben musste, weil sie vielleicht nicht so sozial gewesen war wie jeder andere oder weil sie vielleicht mit dem Helden ihrer Kindheit, die erst wenige Jahre vorbeizusein schien, etwas hatte. Sie schüttelte sich bei dem Gedanken. Ja, es stimmte, Osterhagen hatte in vielen seiner Bücher, also bei den wenigen, die es überhaupt gab, immer wieder angedeutet, dass er allein war und dass er oft seine Mutter besuchte. Von einem Vater hatte er allerdings nie etwas erzählt. Mein Gott, der Mann war uralt und war wohl erst vor kurzem bei seiner Mutter ausgezogen, um sich ein einzelnes winziges Appartement in der Nähe der Uni zu leisten und dann fährt er 3x in der Woche zu ihr… für was? Gabriele hasste Klischeedenken, aber hin und wieder führte genau das sie in die richtige Richtung.

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„Erneut junge Studentin ermordet“ prangte auf den Titelblättern der Zeitungen, während Gabriele an den Zeitungsständen vorbeilief. Sie versuchte, dies alles zu ignorieren. Osterhagen war kein Mann der Presse, dass war so klar wie Kloßbrühe. Er hatte sich nachdem seine ersten Bücher solche Erfolge gewesen waren, zurückgezogen, hatte ein Leben in Einsamkeit geführt, unterbrochen von den klassisch jubelnden Auftritten, die nötig sind, damit weitere Bücher verkauft wurden, bis hin zu den furchtbaren Frühstückshows und Vorabendsendungen, aber das war wohl auch zuviel. Gabriele konnte das nachempfinden, auch wenn sie keinerlei Talent hatte, um überhaupt zu schreiben. Leute wie Osterhagen waren Inspiration, ihre Fähigkeiten, mit Worten umzugehen, grenzte an Magie und dazu noch das Zurückgezogen-leben, wie ein Zauberer im Elfenbeinturm. Dennoch, sie hatte nie gewusst, dass er in ihrer Stadt lebte. Ein schlechtes Vorbild, wie sie festgestellt hatte, aber dennoch, es war für die wenigen Augenblicke erhebend genug, um ihr den Tag zu verbessern. Hier also lebt seine Mutter, sagte sie sich und klingelte an der Tür eines Hauses, das so alt aussah wie die Frau, die wenige Augenblicke später öffnete.

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„Mein kleiner Harold kann solche bösen Dinge gar nicht machen.“ ein Satz, den Gabriele noch sehr oft hatten hören müssen. „Er ist so ein lieber Junge.“ hatte die alte Frau immer wieder geflüstert, während sie in ihren alten Schuhen über das Parkett rutschte. „Frau Osterhagen, wir wollen doch nur die Wahrheit…“ „Nein, ihr wollt ihm etwas anhängen. Dabei kann er solche bösen Dinge gar nicht machen.“ Gabriele hatte dann geschwiegen, sich umgeschaut und versucht, die ungeputzten Fenster, den Staub im ganzen Raum, sogar auf dem Kronleuchter, den Geruch von sauren Altfrauenkörpern zu ignorieren und fand das sehr schwierig. „Werte Frau Osterhagen, wir haben gehört, dass Ihr Sohn am Tatabend bei Ihnen war. Stimmt das?“ Gabriele hatte versucht, ein Nicken oder ein Kopfschütteln zu erkennen, aber die Gestalt von Frau Osterhagen hatte verschwommen keinerlei Struktur, sie war eine Einheit mit der Wand eingegangen. „Mein kleiner Harold ist sehr oft bei mir, wissen Sie. Er ist vor kurzem ausgezogen, hat gesagt, dass er endlich mal erwachsen werden muss und dass er deshalb alleine leben müsse. Und er ist dann weggefahren und kommt manchmal wieder und besucht mit, wissen Sie, ich bin eine alte Frau, was weiß ich schon von der Welt…“

„Die Sonne geht am Horizont unter und ich sitze in meinen abgetragenen Klamotten in der Deckung meines Verschlags und singe ein einsames Lied, meine Worte strömen förmlich aus meinem Hirn in die Dämmerung und mir ist kalt und ich fühle mich eins mit der Welt und mit den Gedanken, dass du gegangen bist, ohne mir zu sagen, ob du je wiederkommen wirst: all diese Puzzleteile bilden ein Gemälde aus dahinziehender Trauer, durchdrungen von glühenden Blitzen voller Wut, die im Sand meiner Agonie zu glitzernden Glasbausteinen verschmelzen; dies alles wird gemalt, nur durch dich, nur durch deine Arroganz, deiner Entfernung von allem Menschlichen, von mir; all dies wird gezogen von einem Wesen aus jammerndem Fleisch, von mir; von diesen Dingen, die mich an dir stören und doch, ja doch, dich an mir binden.

Doch ich sitze hier im Schatten meines Verschlags und aus der Ferne dröhnt der Donner eines Überschallwesens, Flugzeug oder Gewitter, menschlich oder aus der Natur, es ist gleich, denn du bist nicht da und auch wenn ich jetzt aufstehen möchte, und aus meinem Häuschen das Grammophon holen will, um die Geräusche der beginnenden Nacht auszumusizieren, nehme ich noch einen Schluck Schwarzgebrannten und denke weiter an dich. Ja, an dich, denn dein Weggang hat mir gezeigt, dass auch mein Verstand verschwunden ist. Mein guter, gütiger Verstand, der mir sagt, was ich zu tun und zu lassen habe und ich überlege mir, Hütte abzufackeln, selbst darin zu verschwinden, Erde zu Erde, Fleisch zu Asche, Staub zu Staub. Aber da gibt es kein Gedanken mehr an dich und aus einem Grund, den ich nicht verstehe, muss ich weiterleiden, denn Flucht ist müßig, dumm, flach und Leiden macht mich größer als ich es mit dir je war.“

„Diesen Text hat er damals geschrieben, als er 12 war und ich habe ihn aus der Zeitung ausgeschnitten und hier, sehen Sie, hier, hängt er die letzten 25 Jahre.“ Frau Osterhagen zeigte lächelnd an die Wand, hat sie doch den Text auswendig vorgetragen. Gabriele erinnerte sich, als sie das Stück in einer Sammlung moderner Prosa gelesen und sich sofort verliebt hatte. In den Text, nicht den Mann.

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„Wie meinst du das, er war nicht am Tatort, als das Verbrechen verübt wurde?“

Gabriele drehte sich um, ihr Bürostuhl knarrte dabei gefährlich und ihr sagte  das, dass sie endlich verdammt nochmal eine dieser neuen Diäten ausprobieren müsse. „Er war bei seiner Mutter. Dort ist er 3x in der Woche. Drei Mal. Ist wohl erst vor einem halben Jahr aus Mutters Haus ausgezogen, hat sich etwas in der Nähe gesucht, um sie ja oft genug besuchen zu können. Manche Männer werden wohl nie erwachsen.“ Der verständnislose Blick ihres Vorgesetzten zeigte ihr, dass sie getroffen hatte. Sie deutete auf seine Brotbüchse. „Das ist ein Klassiker“, sagte er und umklammerte dabei die aufgedruckten Superheldenfiguren. „Siehst du, und er besucht gerne seine Mutter.“

Kopfschütteln war die letzte Reaktion, die sie von ihrem Chef sehen würde, zumindest für die nächsten 20 Minuten, die er damit verbrachte, die Actionfiguren, die er heimlich in seinem Schreibtisch versteckt hatte, zu putzen.

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„Vor 2 Wochen? Ist das schon wieder so lang her?“ fragte Gabriele, sichtlich erschüttert und der Polizist ihr gegenüber, dessen Namen sie sich nie merken wollte, nickte. „Und heute schon wieder?“

„Ein Student, mit dem Auto überfahren. Es gibt keine Bremsspuren und es war am Tag.“

Dass in den letzten Wochen kein Ergebnis gekommen war, machte einen vernichtenden Eindruck auf die Leute in der winzigen Polizeistation. Als wären Außerirdische zu Besuch gekommen, waren die letzten Tage ein verzweifeltes Suchen nach einem Mörder gewesen, doch konnte sich keiner daran erinnern, etwas getan zu haben. „Chef, das ist doch nicht normal.“

„Schauen Sie nach draußen, es ist Ende November, die Hälfte der Leute sind krank, die anderen sind überlastet. Hast du den Unfall letzte Woche wirklich vergessen?“

Gabriele erinnerte sich an Schreie, aber das wars schon. Sie hatte die letzten Tage damit verbracht, sich durch die Protokolle unzähliger Zeugenaussagen zu quälen, doch ihre Gedanken waren stets woanders gewesen, weit weit fort, als wäre es ihr peinlich, an Osterhagen zu denken.“

„Und nun ist wieder jemand tot?“

„Wie ich schon sagte“, die Stimme im Hintergrund hörte nicht auf, zu rumoren „Überfahren und, jetzt wird lustig, er hatte ein handsigniertes Exemplar von „Mord in 10 Stufen“. Du weißt, was das bedeutet.“

Gabriele nickte. „Osterhagen, jemand bringt seine Fans um.“

„Oder er bringt sie um, weil sie ihn nerven.“

„Das ist Bullshit und das weißt du.“

„Ich weiß was?“ fragte ihr Chef und deutete mit dem Zeigefinger auf sie, „Ich bin zumindest offen für Möglichkeiten. Ich bin da jetzt nicht so fanatisch wie du anscheinend.“
„Ist ja schon gut.“ Gabriele gab sich den Anschein einer vernünftigen Person.
„Wir müssen ihn nochmal befragen. Du weißt schon, deinen Osterhagen-Typen.“

Sie nickte. „Ich bin schon auf dem Weg.“

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Blut auf dem Flur und an den Wänden der Küche und genau dort, wo Gabriele hinwollte, konnte sie nicht, ohne das eherne Gesetz zu brechen, welches da hieß: „ein veränderter Tatort gibt Falschaussagen.“

Die Türe zum Haus von Mutter Osterhagen war offen gewesen, Gabriele hatte sich mit den Ellenbogen Zutritt verschafft und das war nun der Dank. Sie seufzte, während sie das Funkgerät in die Hände bekam und machte eine klare Ansage. Dann musste sie nur noch warten. Plötzlich ein Schatten mitten im Zimmer. „Bleiben Sie stehen.“ Osterhagen. „Was ist das hier?“ Panik bracht Bahn, hallte durch die leeren Räume vor den beiden spät-nachmittäglichen Besuchern und schneller als sie sehen konnte, war Osterhagen in ein angrenzendes Zimmer verschwunden. Sie fluchte, dass er verschwunden war, aber mehr, dass er überhaupt hier gewesen war.

Minuten später stand schon der zweite und letzte Wagen der Polizeistation hinter ihr, blinkte fröhlich sein Lied in die Nacht und sandte Strahlen von Unaufhaltsamkeit in das leere Haus. Das Blut leuchtete dunkel in seiner eigenen Art und Weise.

Gabriele hatte sich mit Handschuhen ausgestattet und war nun doch eingetreten. Das Haus hatte den Charme eines Museums; doch als sie das letzte Mal hier gewesen war, war etwas anders gewesen, jetzt manifestierte sich Einsamkeit in Brocken um sie herum. Frau Osterhagen war nicht da. Gabriele musste Flüche unterdrücken.

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„Frau von Lyrenberg, welche Antworten haben Sie auf unsere Fragen?“
Die Rektorin wirkte sichtlich angespannt ob aller, auch der oben genannten, Fragen. „Wie meinen Sie die nochmal?“ Sie fuhr sich durch die Haare und ihre Hände verrieten ein Alter, das mit dem des Gesichts nicht korreliert, denn hunderte Stunden an sportlicher Betätigung und ein zweimonatlicher Besuch bei einem Botox-Spezialisten helfen nicht beim sichtbarsten Zeichen alternder Frauen.

„Wieso haben Sie Osterhagen überhaupt in ihre Universität geholt?“

„Er hat darum gebeten. Ein bisschen hat er auch geklagt, Sie wissen schon, dieses ganze „Ich habe mein Studium zwar nicht ganz abgeschlossen, aber ich bin wichtig, also geben Sie mir einen verdammten Titel.“ Er hat das zumindest nicht offen gesagt, aber seine Augen, als er in meinem Büro saß, seine Hände gefaltet wie ein Priester, all das sagte mehr als nur „Hallo, ich bin Harold Osterhagen.“ Die zweite Sache war natürlich die Publicity.“ Frau von Lyrenberg stand auf und ging zum Fenster, starrte hinaus. Gabriele fühlte sich genervt, aber sie wusste, dass es notwendig gewesen war, herzukommen. Osterhagen kannte wenige Menschen und nun, da er auf der Flucht war… „Ein bekannter Autor zieht Leute an. Und Ehrendoktortitel sind ein bisschen flach für eine kleine Universität, wie wir es sind. Aber unter uns, er ist gefährlich. Glauben Sie mir, Sie kennen seine Bücher und damit seine Gedanken besser als jeder Mensch, der ihm einfach auf der Straße begegnet.“

„Seine Mutter?“

„Er hat sie gehasst. Wenn Sie zwischen den Zeilen lesen… hm… dann lesen Sie, dass er sich immer fremd gefühlt hat, ob er bei ihr oder nicht bei ihr gewesen war. Er hatte ein untrügliches Auge dafür, wenn etwas nicht korrekt ist. Hier hatte er Erfolg. Sie kennen ihn ja und auch seine Mutter, nehme ich an.“

„Ich hatte die Möglichkeit, sie kennenzulernen. Es ist eine sehr strenge Frau, aber auch eine sehr stolze Frau, stolz darauf, dass ihr Sohn erfolgreich ist.“

„Ja, dass ihr Sohn so erfolgreich ist.“

Gabriele wurde gewahr, dass die Direktorin ihren Kopf an die Fensterscheibe drückte, hörte entgeistert das leise Knacken des Glases. War da etwas zwischen Osterhagen und der Direktorin abgelaufen? Sie spürte Feindseligkeit, bitter und verzweifelt. Dann schüttelte sie den Kopf. Die Befragung war zu Ende, doch den Befehl dazu hatte nicht sie gegeben.

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„Wir haben ihn“, eine Stimme im Funkgerät, dass das Ende der Jagd bedeutete. Gabriele zuckte zusammen. Ein Mob aus verschiedenen Jugendlichen und anderen Bewohnern der Stadt hatte sich aufgemacht, den „Buchmörder“ zu finden und tatsächlich; durch eine Reifenpanne an der Straße gezwungen, anzuhalten, war Osterhagen einigen Leuten aufgefallen; er hatte sich dumm angestellt, anscheinend noch nie einen Reifen gewechselt gehabt und war deshalb ein leichtes Opfer gewesen. Gabriele fluchte. Sie hatte es vorhergesehen, dass irgendein Trottel das Gesetz in die eigenen Hände nehmen und die Sache mit augenscheinlicher Gewalt und dem Bedürfnis, Rache zu üben, durchziehen musste. Sie hoffte nur, dass Osterhagen lebendig genug war, einige Fragen zu beantworten.

Die Gestalt, die ihr eine Stunde später gegenübersaß, war unverletzt. Noch immer verwundert über diese Sache, kamen ihre Worte eher zögerlich, als glaubte sie nicht, dass er real war.

„Herr Osterhagen, Sie wurden verhaftet wegen des Verdachts auf zweifachen Mord, vielleicht dreifachen. Zwei Studenten tot, Ihre Mutter verschwunden, das Haus voller Blut, wie sieht das denn aus?“

Der dünne Mann, dessen Bewegungen beim ersten Mal fahrig und aufgeregt gewirkt hatten, rührte keine Miene. Seine Augen erinnerten Gabriele an Steine, die seit Millionen von Jahren immer an der selben Stelle lagen, grau und tot. Nur am Zucken des kleinen Fingers seiner rechten Hand und am leisen Atem, der durch das Zimmer kroch, wusste sie, dass er noch unter den Lebenden weilen musste.

„Was ist los mit Ihnen, Osterhagen?“

Keine Reaktion. Die Tür öffnete sich hinter ihr und die Stimme ihres Vorgesetzten polterte im Hintergrund ein leises Lied von Terror und Panik. „Wie, Osterhagen ist hier?“

Eilige Schritte, dann surrte Fensterglas vom Aufprall der Tür. „Osterhagen, Sie haben uns mehr Sorgen bereitet als ein Affe auf dem Mond. Wo haben Sie Ihre Mutter versteckt.“ Eine Faust hämmerte auf den Tisch, noch immer keine Reaktion.

„Chef“, Gabriele stand auf, beugte sich hinüber zum rot-pochenden Gesicht des Angesprochenen, „Er steht vermutlich unter Schock.“

Er schüttelte den Kopf. „Show. Dieser Mistkerl ist ein Mörder und ein Entführer und ich werde das herausfinden.“

Es klopfte leise an die Tür. Der Gerichtsmediziner winkte fröhlich in den Raum, die Hände fest um Unterlagen gewickelt, als wären sie das Seil, das ihn über eine Mauer in Freiheit bringen konnte.

„Wie meinen Sie das, falsche Blutgruppe, falsche DNA?“

„Ich habe herausgefunden, dass das Blut im Flur und eine Blutprobe des Herren Osterhagen absolut keine familiären Verbindungen zulassen. Lassen es mich Ihnen so sagen: Die Frau war niemals Osterhagens Mutter.“

„Noch was“ sagte eine Stimme im Hintergrund, „die Kaution wurde bereits festgesetzt, irgendein Richter ist wohl ein Fan von Osterhagen und hat sich gelangweilt. Und dazu kommt noch, dass irgendein anderer Idiot bereits gezahlt hat.“

Gabriele schüttelte den Kopf. „Wer war denn so… dumm?“

„Ich“, die Gestalt im Türrahmen trat näher und Gabriele fühlte, wie sich ihr Gesicht in Stein verwandelte. „Er ist wichtig für unsere Universität, die Herrschaften und es ist notwendig, dass er zumindest für die nächste Zeit auf freiem Fuß ist.“ Frau von Lyrenberg lächelte,“ Finden Sie nicht auch, dass er eine Chance haben sollte?“

Eine halbe Stunde später starrte Gabriele noch immer auf den Schein, der ihr der Pathologe gegeben hatte, nein besser gesagt, überreicht hatte, als wäre es eine Kostbarkeit. Sie konnte nicht anders, versuchte gar nicht, ihren Blick abzuwenden.

„Herr Osterhagen und das Opfer haben keinerlei genetische Ähnlichkeit. Ihre Blutgruppen unterscheiden sich so stark, dass es eine Unmöglichkeit ist, dass sie tatsächlich Mutter und Sohn sind.“

„Hast du was, Gabriele?“ Ihr Chef war heute besonders nett und bedachte sie mit grimmigem Blick in der Art von „Na, da hast du dir was schönes eingebildet.“, aber sie hatte diese Situation schon öfters er- und besonders, überlebt. „Nein, aber ich werde nochmal mit dem Verdächtigen sprechen müssen. Ich weiß nicht, ob er weiß, dass er nicht der Sohn seiner Mutter ist.“

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Die Wohnung stand offen und aus der Öffnung drang kein Hauch von Leben. Gabriele lehnte sich vorsichtig an das Holz und von leisem Knarren begleitet, öffnete sie die Tür. Der Flur lag in tiefem Schweigen. „Herr Osterhagen?“ fragte sie und erkannte, dass sie tatsächlich allein war. „Verdammt“, war ihre Reaktion; trotzdem ging sie weiter. Sie versuchte, nicht zu zittern. Ihre Hand um die Waffe gelegt, betrat sie das Wohnzimmer.

Der asketische Lebensstil von Osterhagen traf tief; klinische Sauberkeit machte den Raum zu einer Art Mönchsklause. Ein einzelner Tisch, Stuhl, Computer und ein Bett ohne Bezug starrten alleingelassen in die Gegend herum. Sie zuckte mit den Schultern. „Herr Osterhagen“ fragte sie. Noch immer keine Reaktion.

Auf dem Weg zur letzten Person, die Osterhagen gesehen hatte, fiel ihr ein, dass die Wohnung noch immer offenstand. Sie lächelte bei dem Gedanken, dass ihn sicher niemand ausrauben würde. „Er besitzt ja nichts.“

„Frau von Lyrenberg?“ Merkwürdiges Schweigen an einem sonst so belebten Ort. Das Büro lag verlassen da, gleich der einsamen Oase in der Wüste mit einem Hauch von Gefährlichkeit und Verwirrung. Sie trat ein und betrachtete die Einrichtung. Sie war bisher nie hier gewesen, aber Gerüchte drangen wieder in ihr Hirn, Gerüchte, die sie bisher nie wirklich überhört hatte.

„von Lyrenberg? Die Alte hat doch ne Macke. Ist doch nur auf Arbeit. Hat die überhaupt nen Mann? Wieso ist sie denn immer so mies drauf? Gehts ihr schlecht? Wie alt ist die denn wirklich?“

Das Büro war eine reine Brutstätte von Arbeit, Gabriele verspürte kein Quäntchen Freude in der Vergangenheit, eher eine Art Zorn und rücksichtslosem Marsch nach vorn. Die Leute hatten ja recht mit ihren heimlichen Gedanken, aber man musste das auch mal so sehen: Seit von Lyrenberg hier Chefin war, hatte die Uni einige hochangesehene neue Professoren bekommen, war sie um 5 Plätze aufgestiegen und ein Beispiel aus unwirklicher Härte und familiärem Klima geworden. Und nun das hier. Von Lyrenberg nicht da und ihr neustes Projekt, Osterhagen, verdächtig,  verschwunden.

Ein plötzliches Klingeln zerrte ihre Aufmerksamkeit in die Realität zurück. Echos von Hilfeschreien durchströmten die Luft und legten sich in Gabrieles Ohr. Aus einem Reflex heraus hob sie den Telefonhörer ab.

„Hallo. Ich bin an der Hütte, wie Sie es mir befohlen haben. Ich hoffe, Sie sind  nicht wirklich da. Ich weiß nicht. Sie sind mir einen Schritt voraus. Der See vor mir bewirkt eine Sehnsucht, wie Sie bereits gesagt haben und dennoch fürchte ich mich. Sie haben gewonnen, was auch immer Sie in einen Kampf mit mir investiert haben. Wo sind Sie? Wo sind Sie?“ Es klickte. Gabriele fluchte. Osterhagen. Und von Lyrenberg.

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Die Baumwipfel ragten in den Himmel gleich grüner Raketen, die nur auf ein Kommando warteten, endlich in die Unendlichkeit zu fliehen. Der Waldboden knackte leise, als Gabriele aus dem Wagen stieg. Im Geräuschpegel des immer leiser werdenden Funklärms hörte sie nur Dinge wie „Alarm. See. Mord. Osterhagen“.

Die Hütte lag klar vor ihr, so klar wie man sich nur sicher sein konnte, mit uneingeschränktem Verstand vorgehen zu können. Vorsichtig trat sie näher. Aus der Dämmerung wurde Abend und Gabriele bemerkte, wie sie zitterte. Irgendwo im Schatten der Bäume tauchte plötzlich ein Lichtkegel auf, wanderte über die dunklen Stämme, beleuchtete Steine und, wäre Gabriele nicht ausgewichen, auch sie. Sie verließ ihre Position hinter einem Strauch erst, als das Licht gelöscht, die entfernte Autotür geöffnet und wieder geschlossen, als die fremde Person in hastigen Schritten durch das Gestrüpp  ging. Das Licht verschwand und die Gestalt, so filigran und zart sie auch schien, nahm Konturen an, die sie mehr verwirrte als aufklärte. Von Lyrenberg?

Die Gestalt öffnete die Tür zur Hütte, Geschrei drang zu Gabriele herüber, dann krachte es wieder und sie hörte nichts mehr. Sie nahm die Pistole aus dem Halfter und rannte hinüber. Dumpfes Poltern hinter dem dicken Holz. Sie versuchte die Tür zu öffnen, erfolglos. Sie trat einige Schritte zurück, hoffte auf das Beste und rammte das dünne Holz und wie von Zauberhand öffnete sich der Eingang…

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„Und Sie glauben, dass diese Sache nie rauskommt?“

„Ich bin mir sicher, wenn Sie schweigen, wird der Rest der Untersuchung im Sand verlaufen.“

„Und Sie möchte die Fakten soweit unterdrücken, dass, ich weiß nicht….“

„Welche Fakten. Es gibt keine Fakten mehr, Herr Kommissar.“

„Die Fakten, dass in der Hütte mehrere Körper aufgefunden wurden, deren Köpfe nicht nur fehlten, sondern dass die Anzeichen dahingehend sprachen, dass die Dinger überhaupt nie einen Kopf hätten haben sollen, dass dort, wo der Hals endet, keine Öffnung, sondern normal gewachsene „Haut“ war?“

„Ein Schock, fehlerhaftes Licht….“

„Sicher. Dass der See in der Nähe auf einmal einen Wasserstand hat, der über einen Meter von seinem normalen Stand abweicht und Camper, die zu dieser Jahreszeit gerne an den See fahren, ein leuchtendes Objekt zum Himmel haben fliegen sehen, all das muss ignoriert werden?“

„Die Leute wissen doch nichts von der Art Fakten, die sie augenscheinlich in den Hintern treten, nicht wahr.“

„Nein, die Leute werden nur dahinterkommen. Sie wissen das, ich weiß das. Die Pathologie hat die Körper bereits in Gewahrsam.“

„Ach ja, eine Sache, die ich vergessen habe…“

„Was ist das?“

„Eine beglaubigte Urkunde, in der Ihnen mitgeteilt wird, dass die Körper uns übergeben werden sollen. Ich würde nicht soviel Umstände machen, fand es aber in Anbetracht der Lage wichtig, dass ich mit Ihnen spreche.“

„Das kann nicht sein.“

„Hören Sie. Wenn Sie das tun, was ich sage, werden entsprechende Kanäle von Ihrer Einsatzbereitschaft, ihrem Mitwirken, begeistert werden, vertrauen Sie mir.“

„Und Osterhagen?“

„Die Person Osterhagen wird einfach verschwinden. Das passiert vielen Prominenten, wenn sie nicht mehr im Rampenlicht auftreten. Einen Ersatz für die Rektorin finden wir auch, keine Sorge und was Frau Osterhagen betrifft, nun… ich lehne mich vielleicht aus dem Fenster, aber ich sage mal so: Sie war das einzige menschliche Wesen in dieser Hütte, bis Ihre Kollegin dort aufgetaucht ist. Leider kam sie zu spät.“

„Zum Thema Gabriele…“

„Ich hoffe, sie erholt sich von dem Schock. Sie ist eine gute Polizistin… und die Hütte ist Geschichte. Es scheint, als ob dort ein unbedachter Wanderer vergessen hat, die Kerze auszublasen.“

„Das kommt Ihnen wohl passend vor, was?“

„Ja. Nichtmenschliches Genmaterial hat die Angewohnheit, sich schneller auszubreiten, als man will. Ich schweife ab. Wie ich an den Schreien höre, ist Ihre Kollegin aufgewacht. Ich glaube, es wird ein langer Weg, bis sie wieder ihre Augen schließen kann und dann eben nicht… diese wunderlichen Dinge sieht: Dinge, die sie nie hätten sehen sollen. Gehen wir? Es gibt viel zu tun.“