Browsed by
Monat: Juni 2011

Fingerübung – Vorwort zu einer kurzen Spezifikation der Spezies Krümel

Fingerübung – Vorwort zu einer kurzen Spezifikation der Spezies Krümel

Der Krümel, mit Namen Kuchensis Krümelensis, wurde nach seinem Entdecker, Klaus Moritz Krümel im Jahre 1322 benannt. Sein Versuch, eine Scheibe Brot von einem sogenannten “Laib Brot” zu extrahieren, schlug durch die fehlerhafte Wahl seines Schneidewerkzeugs fehl und er erzeugte/entdeckte, aus dem glücklichen Zufall eines vorbereiteten Mannes die faszinierende Spezies der Krümel.

Nach langwieriger Kleinstarbeit, unterstützt von seiner lieben Frau und seinen Kindern, konnte er mit Hilfe von Tabellensystemen die Krümel nach Gewicht und Alter spezifizieren und eine allgemeine Beschreibung dieser  – bisher der Wissenschaft nicht aufgefallenen –  Lebewesen schreiben. Der Krümel (Geschlechtsbezeichnungen existieren nicht, dafür war die Lupe von Herrn Krümel zu klein) ist eine Mischung aus Pflanze und Tier. Er ist eine neue Spezies, eine neue Klassifikation, da sich nur mit viel Geduld ein Unterschied dieser Objekte zwischen Lebewesen und Nichtlebewesen herstellen lässt. Ein philosophischer Diskurs wäre zweckmäßig gewesen, wurde aber aufgrund gewisser Scharmützel im Römischen Reich Deutscher Nation dieses Jahres 1322 hinterlassen.

Das Leben der Spezies beginnt im sogenannte “Teig”, der in der Grundstruktur aus verschiedenen Pulverformen (unter dem Namen “Mehl”, “Salz” und “Zucker”) zusammengesetzt und mittels klebriger Sekundärsubstanzen (bekannt als “Ei”,”Quark”, “Schokoladenstückchen”) und Flüssigkeiten (“Milch” bzw. “Wasser”) mittels gravitätischer Kräfte in eine Form gepresst, verschmolzen, gemischt  (das sogenannte “Knäten” oder “Knötn”, wie es z.B. die Schweden beschrieben wird) wird.

Durch bestimmte extreme Kräfte wird diese Substanz danach gehärtet. Aus dieser langsamen Härtung wird die Spezies der Krümel erzeugt. Der Druck und die Temperatur ihrer Entstehung setzt sich auch nachträglich in ihrem Lebenswandel herum: sie sitzen zusammengepresst wie eine Ameisenkolonie unter einem Steinblock herum, können sich jedoch nicht bewegen. Diese trostlose Immobilität ist das, wieso diese armen Wesen in tiefster Agonie leben und nur den kurzen Augenblick, den sie im Angesicht ihrer Fressfeinde erleben, eine wahrliche Erleuchtung erleben.

Weitere Informationen wären hier hilfreich, jedoch ist mein Stück Nahrungsmittel aufgegessen und die Krümel sind mit ihrem verzehrten Reservat (ein sogenanntes “Stück Brot”) erneut, wie so oft, temporär ausgestorben.

 

Fingerübung – Blutwurst vs. Katze

Fingerübung – Blutwurst vs. Katze

Guten Tag, Professor Professorsen am Telefon.

Herr Profeschschorschen, hier ischt ein Hilfeschuchender, ein Opfer der Umschtände, dasch Herrchen einesch Katzenweschensch namensch Hildebrand.

Professor, bitte. Soviel Zeit muss sein. Hildebrand also, wie geht es dem armen Tier? Wie kann ich Ihnen behilflich sein?

Meine Katsche ischt Blutwurscht.

Das ist in Ordnung, auch wenn das nicht einer eindeutig guten Ernährung entspricht, aber ab und an…

schie verschtehen dasch falsch, schie ischt Blutwurschtt.

Sie meinten gerade, Sie isst Blutwurst, also…

nein, schie ischt Blutwurscht, wie oft musch ich denn dasch wiederholen.

Ich verstehe Sie nicht, Anrufer…

Meine Katschee ischt keine Blutwurscht, schie ischt Blutwurscht.

Sie geben einer Blutwurst einen Namen? Sind Sie irre?

Ich und irre? Auf keinen Fall, ich gebe doch einer Blutwurscht keinen Namen, schondern meiner Katsche…

aber… wie kommen Sie darauf, dass ich Ihnen helfen kann. Sie haben keine Katze, Sie haben eine Blutwurst.

Nein, dasch ischt scho nicht richtig. Esch handelt schich um eine Katschee, die Blutwurscht ischt.

Bitte legen Sie auf. Bitte.

Eine Frage habe ich aber noch.

Hmm… ja, in Ordnung.

wird ein Hildebrandt mit Schenf oder pur gegeschen?

Raus.

Wikscher.

 

Der Apfel

Der Apfel

Kapitel 1

„Mein lieber Bruder Sherlock“ sprach ich und tippte mit dem Finger auf sein kariertes Jackett, „du hast mich zu dieser ungastlichen Stunde aus dem Bett geholt, nun, so sprich zu mir, oh Bruder mein, was dein Begehr sei.“ Sherlock lächelte still und kratzte sich den beginnenden übernächtigen Bart. „Wie ich sehe, warst du wieder in deinem Club, zumindest sagt das deine Schuhspitze, auf dem Tabakreste liegen, die nicht mit deiner bevorzugten Marke korrelieren.“ Ich schüttelte den Kopf. „Der Diogenes Club ist der ungeselligste Club der Stadt und dort raucht keiner. Aber du hast recht. Der Tabak entspricht nicht meiner Lieblingsmarke. Ich hatte Besuch, ein wichtiges Gespräch, du weißt, Geheimsache.“

Sherlock nickte ausgesucht freundlich. „Aber nun zu deiner Frage, was mich dazu bringt, dich vor der Morgendämmerung in den Park zu beordern.“ Ich lächelte. „Vermutlich ist es das Objekt, welches hinter diesem Baum hier vor sich hinglitzern im heimeligen Glaslaternenlicht und nach verbranntem Öl stinkt. Dies überdeckt allerdings nicht den süßen Duft von Leichenfett. Wenngleich London selbst eine groteske Ansammlung von Gestank ist, gerade jetzt, im Sommer…“

Wir gingen einige Schritte und betrachteten den vormals lebenden Körper. Sherlock zündete die Laterne an, die er bereits seit Minuten stockfinster in seinen Händen hielt und leuchtete den verwesenden Körper an. „Lieber Bruder mein“, sagte ich schlussendlich, „Wir sollten Inspektor Lestrat rufen, damit er dieses Bündel aus vergangenem Mensch und die wunderlichen Objekte um ihn herum in eine Ecke Londons transportiert, die angenehmer ist als dieses Stück Landschaft. Ich vermeine, seinen gebückten Körper auf dem Weg hierher gesehen zu haben, er lungert wieder durch London wie eine Ratte, der es nach einem Stück Pferdefleisch verlangt.“ Sherlock nickte. „Lestrat wartet bereits. Er traute sich nicht, etwas anzufassen, was so
fremdartig war. Auch deshalb habe ich dich gerufen. Ich habe bereits Daguerreotypien von diesem Tatort anfertigen lassen.“ „Ich bin begeistert, mein lieber Bruder.“ bemerkte ich und erwartete in stiller Gemütsruhe den Beginn eines neuen Tages. Außerdem fühlte ich leichten Hunger. Ich bückte mich nach einem grünen Apfel, der mir einige Schritte weiter aufgefallen war und erstarrte. „Sherlock?“ rief ich, „ein Taschentuch! Bitte.“ Er trat näher und ging in die Knie. Er holte ein frisches Taschentuch aus seiner Jackentasche, griff damit nach dem Apfel und hob ihn hinauf ans Licht. „Blut, Mycroft.“ Ich nickte. „Ich glaube, das Schneewittchen hat uns einiges zu erzählen.“

Kapitel 2

Die Gerichtsmedizin war ein Ort, an dem sich der Gestank seiner kurzfristigen Gäste tief in die Wände gefressen hatte und ich hielt meine Treffen bevorzugt in dessen Nähe ab. Von Natur aus mit einem krankhaft guten olfaktorischen Sinn ausgestattet, hatte ich mich der Punkt des absoluten Terrors ausgesucht, um mich abzuhärten. Ich hoffte, Sherlock ginge es genau so, aber ich war nicht auf seine faszinierende Alternative gefasst. „Stoffstücke mit Menthol beträufelt unterdrückt den fauligen Geruch, Mycroft. Ich empfehle dir auch ein paar. Wie üblich sollte man dies allerdings auch nur 1x nutzen.“ Er lächelte jovial. Sämtliche Gaslaternen an den Wänden brannten, gossen einen dumpf-gelben Lichtstrom durch die kerkerartigen Umgebung. In der Mitte des Raums stand der Tisch mit den Überresten des Mannes aus dem Park. Seine Kleidung war altertümlich, wenngleich auch nicht so vergilbt, als dass man sie als wirklich alt hätte bezeichnen können. Sein Gesicht, was davon noch übrig war, jedenfalls, zeigte den verblüfften Eindruck eines überraschenden Todes. Das Problem war eher, dass sowohl durch seine Hosen und durch sein Hemd, durch seine Jacke und damit auch durch seine Haut und Fleisch, eine kantige Klinge gefahren war und sowohl Schnitte als auch grobe Risse bis hin zum fast vollständigen Abtrennung des Kopfes von seinem Körper geführt hatte.

„Dieser Mann scheint unglücklich geköpft worden zu sein.“ sagte Sherlock und ich stimmte ihm zu. „Unglücklich ja, lieber Bruder“, meinte ich ebenso, „der Henker hat das Rückgrat nur halb durchtrennt und der Schnitt kam, nun ja, eindeutig von vorn. Ein Mensch ‚hätte‘ sich gewehrt, wenn er im Besitz seiner geistigen Kräfte gewesen ‚wäre‘, wenn er das Beil oder was auch immer ihm widerfahren ist, auf ihn hätte hinunterfallen sollen. Schau dir die Schnitte an, auf seinem ganzen Körper, als hätte man ihn gequält. Dennoch wirkt der Tote sonderbar… wie sage ich das, friedlich.“

„Mein Verdacht ist, der Mann ist zersägt worden“, sagte Sherlock und ich fühlte, wie sich meine linke Augenbraue hob. „Mein Bruder meldet einen Verdacht? Wo sind die deduktiven logischen Verknüpfungen bei einem Verdacht? Du hast selten Verdachtsmomente mitgeteilt, oh Bruder.“ Er nickte. „Die Schnitte sind augenfällig nicht mit einem Messer, Säbel oder etwas ähnlichem beigebracht worden. Es handelt sich um Aussparungen mit winzigen Rissen an der Seite, so dass ich eine Säge bereits vor Ort in Verdacht hatte. Jedoch, dieses Objekt, das wir gefunden haben, hat soviel Ähnlichkeit mit einer Säge, wie eine Hauskatze mit einem… wie sagen wir „Panthera leo“.“

Es war Zeit, sich die Art Säge anzuschauen, die den bedauernswerten Mann aus dem Leben katapultiert hatte. Sie hatte mit einer Säge nur die Zähne gemein, die jedoch bei einer normalen Version auf einer Seite vorhanden waren, hier über eine Art Band über die untere Seite, über ein gerundetes Endstück und oben entlang geführt wurden. Das Band begann und endete in einem metallbeschlagenen Kasten. Der Geruch nach Öl war schwach und wurde stärker, je näher man seine Nase heranbrachte. Das Innenleben des Objektes schien förmlich im Öl zu schwimmen. „Und nun kommen wir zum wahren Punkt deines Besuchs, lieber Bruder.“ sagte Sherlock und mir stellten sich, wie so oft in seiner Gegenwart, die Nackenhaare auf. „Ja, Sherlock?“ fragte ich, während ich meinen Kopf hob und ihm mein Gesicht zuwandte. „Wir beide wissen, dass die Regierung gewisse Dinge außerhalb der Reichweite der normalen Menschen, des Volks, produziert, erfindet, erforscht. Deine Augen haben dich wie üblich verraten.“ Ich fühlte, wie mich eine Welle des Hungers überrollte und gedachte, im Laufe des beginnenden Tages einige Imbisse mehr zu mir zu nehmen, da mir der Schlaf fehlte.

„Es handelt sich um eine Kettensäge. Sie wird durch einen Motor betrieben, der Miniaturausgabe eines Verbrennungsmotors. Er funktioniert über das Verbrennen von Benzin, einer raffinierten Version von Öl. Unsere Wissenschaftler haben dieses Gerät vor einigen Monaten bis zur Funktionsreife gebracht, aber du weißt, Sherlock, ‚Quod licet Iovi non licet bovi‘ oder besser, was dem Staat erlaubt ist, darf nicht unbedingt jeder tun.“

Kapitel 3

Sherlock griff in seine Tasche und holte den Apfel im Taschentuch heraus und legte ihn neben die Kettensäge. Dann wandte sich Sherlock um und holte die Objekte, die wir in der Tasche des Toten gefunden hatte heran. Er legte die silberne Taschenuhr und ein kleines schwarzes Notizbuch auf den Tisch. „Die Taschenuhr geht falsch.“ sagte er und ich öffnete das Notizbuch.

„31. August Anno Domini 1665 – Ich erwartete, wie so oft, unter dem Apfelbaum im Park meine Kommilitonen, um mit ihnen das Konzept der optischen Lichtbrechung zu diskutieren, als, wie zu oft schon, ein Apfel sich löste und mir auf den Kopf fiel. Dies war schon der 10. oder 20. Apfel in diesem Jahr und ich war es leid. Bedauerlicherweise steht der Apfel auf dem privaten Gelände seiner königlichen Hoheit und so muss ich entweder schnell sein oder von hier fortgehen. Dem zweiten verweigere ich mich. Ein Mensch ist mächtiger als ein Baum!“

„1665?“, fragte Sherlock, „mein Gott, das ist 231 Jahre her!“ Doch ich las weiter.

„03. September Anno Domini 1665 – Habe aus einer Vision dank mäßigem Genuss von ‚Myristica fragrans‘ das Bild einer mechanisch betriebenen Säge erhalten. Diese gäbe mir die Möglichkeit, dieses widerliche Exemplar eines Apfelbaums zu vernichten.“

„10. September Anno Domini 1665 -<hier sind nur noch Fetzen sichtbar> Kontakte… Alchemisten…Tinktur… in die Zukunft reisen… Zeit bildet Kreisbewegung… Rad… zurück… 1665… Baum entledigen“
„Und so ist er hier gelandet“ sagte ich und deutete auf den Körper, der reglos auf dem Tisch lag. „Magischer Firlefanz“ schnaubte Sherlock, „dieser Mann ist niemals durch die Zeit gereist, hat nicht so lang geschlafen, um dann dieses Säge zu stehlen und dann zurückzureisen in seine Welt.“ „Hmm, du hast Recht. Jedoch, wenn ich mich recht erinnere, verschwand im Jahr 1665 einer der größten Genies aller Zeiten, der sein Augenmerk auf die Optik legte und vielversprechende Ansätze einer großartigen und langen Karriere trug. Ich habe einen Aufsatz seines Mitstudenten Barnabas Shutterworthy gelesen, der von ihm schwärmte.“

„Vermutlich hat er die Macht der Säge, wie immer er Sie auch bekommen konnte, unterschätzt. Jedoch glaub ich nicht, dass die Zeit ein Rad ist und denke, dass dieser arme Mann bis in die Unendlichkeit erstarrt geblieben wäre, wenn er eine weitere Möglichkeit gehabt hätte, die Tinktur zu nehmen. Es war ein besserer Tod, nehme ich an.“

„Armer…“ ich schlug im Notizbuch nach „Isaac Newton. Niemand wird von dir je wieder hören.“ Wir legten den Apfel auf die Brust des Toten und ich ging, die Kettensäge in ein Tuch gewickelt hinaus. Mein Hunger hatte gigantische Auswirkungen auf meinen Geist, so gestehe ich und so fiel mir erst auf der Straße ein, was ich eigentlich hätte sagen sollen: „Shutterworthy… ein großartiger Kerl. Hat damals die Mechanik auf ein komplett neues Level gebracht.“ Sherlock nickte. „Dieser Newton hätte wirklich erfolgreich sein können.“

„Hätte und können… alles wegen eines Apfels, der vom Himmel fiel..“

„und auf den falschen Kopf.“

 

Die Sache mit dem Football

Die Sache mit dem Football

Seine Füße hinterlassen tiefe Abdrücke im Schlamm. Rinnsale dreckigen Wassers umhüllen seine Schuhe, kriechen durch die Socken, hinterlassen einen Film. Wütend stampft er das Gefühl fort, lauscht genussvoll dem saftig-saugenden Klatschen der Sohle. Er fühlt die Kälte im Schatten der Wolken, die gerade vorbeigezogen sind und tief in seinem Geist erwartet ein Teil von ihm die baldige Rückkehr der noch angenehmen Herbstsonne. Seine Augen sind fixiert, festgenagelt auf ein braunes Objekt, einen Football, der ihm nach Jahrzehnten noch immer in seinen Träumen erscheint. Wie oft erwachte er im Schrei eines Sturzes, als der Himmel sein Sichtfeld einnahm und sich sein Rücken in Erwartung eines baldigen Aufpralls verhärtete.

Diesmal ist es anders. Er fühlt es. Er fühlt die Pistole in seiner Hand, deren Mündung auf eine alte Bekannte gerichtet ist. Sie starrt ihn an, weiß, was passieren wird, wenn Sie genau das tut, was als Kind ein Scherz gewesen war. Er nickt, denn er wird schießen, wenn Sie ihn wieder verarscht und dann kopfschüttelnd danebensteht und ihn fragt, ob er wirklich so dumm sei, wie er aussähe. Seine Hand streicht über die wenigen verbliebenen Haare auf seinem Kopf, den Blick eisig auf das Objekt seiner Alpträume gerichtet. „Aber ich mache so etwas nicht mehr“ hatte Sie gesagt „ich bin jetzt Konditorin. Ich habe alles aufgegeben, was ich in meiner Kindheit tat. Ich habe nicht Psychologie studiert, so wie mein Mann nie Pianist wurde, nachdem ihm eine jugendliche Gicht für immer vom Klavier getrennt hat. Lass uns in Ruhe!“

Er jedoch hatte die Pistole gezückt und Sie aufgefordert, den Football, den er im Augenwinkel gesehen hatte, aufzuheben und mit ihm durch die letzten Tropfen des Herbstregens auf das Feld zu gehen. Hier lag das Grab seines Hundes, der an einem Kanarienvogel erstickt war, damals, so unendlich lang her. Er zückt die Pistole und die Frau nickt, ihrem Schicksal ergeben und hält den Football fest. Endlich ist es soweit. Er beschleunigt, jeder Schritt wird zum Sprung, Sprünge werden zum Laufen, zum Rennen. Er visiert den Football an und kickt. Sanft gleitet sein Schuh durch die Luft, bricht durch die Hülle des Footballs und verteilt Flocken einer süß duftenden Masse von Teig und Guss, von Schokolade und Marzipan durch die Luft. Und wieder sieht er den Himmel in seinem Sichtfeld auftauchen und sein Rücken knallt mit voller Wucht im Tortenmatsch.

Aus der Ferne hört er Sirenengeheule. Wagen nähern sich, er lauscht dem Knallen von Autotüren, wie sich Menschen nähern und starrt entgeistert in das Gesicht seiner alten Bekannten und der Polizei, die sich über ihn beugen, ihm die Waffe entwenden, Handschellen anlegen und ihn ins Auto schleifen und während sich die Türen schließen, blickt er auf und starrt in die zuckenden Augen seiner ehemaligen Erzfeindin, Erzfreundin und leise in seinem Kopf hört er den alten Spruch „Noch immer nichts gelernt, Charles?“

S-Bahn – Ein ganz besonderer Verkäufer

S-Bahn – Ein ganz besonderer Verkäufer

Die ästhetische Komponente der S-Bahn in dieser Stadt liegt im Vorbeiziehen der Häuser und Menschen, aus Tausenden wird eine kompakte Masse, wird eine Bewegte Existenz. Selbst wenn die Bahn steht, fließen Menschen hinein und hinaus, werden Menschen hineingetragen und hinausgefahren.

Die Hereinkommenden werden entweder ignoriert oder misstrauisch betrachtet, nehmen sie doch Platz weg, Luft zum Atmen, kommen näher, schauen einen streng an, wenn man die Musik zu laut aufgedreht hat, reiben ihre Knie nah an die eigenen. Deshalb stehe ich meistens in irgendeiner Ecke und betrachte die Leute. Und ich mache Notizen, lege Wortskizzen, unlesbar, nieder. Die Fahrt auf Schienen ist rucklig und haklig ist meine Schrift. Die junge Frau mit ihrer Mutter dort, die scheu zu Boden schaut, während die Mama lautstark von einem Einkauf schwärmt, von einem „Du musst dich nicht so aufreizend anziehen, Kleine.“ (Die Tochter war Ende 20, daher eine Notiz wert.) Oder jenes Erlebnis… ich war am Ende nicht mehr drin, aber Gerüchte machen die Runde, Gerüchte über den einen Geruch.

Ich stand am zeitigen Abend am Bahnsteig und schaute aus den staubigen Fenstern hinaus auf den Alexanderplatz. Ein Mann tauchte zwischen den Häusern auf, schob einen Wagen vor sich her, einen großen, quadratischen Wagen mit verschiedenen Stoffen, vielleicht Teppichen, belegt. Ich konnte es nicht sehen.

Die Bahn erreichte den Bahnsteig und ich stieg ein. Als sie nun den Transport der vielen Fahrgäste beginnen wollte, schob sich genau eben jener Wagen knackend in die sich schließende Tür und der Schiebende prügelte sein Transportmittel förmlich ins Innere des Wagens. Ich wich ihm aus, da eindeutig sichtbar war, dass entweder Wagen und Mann Platz hätten oder ich und 10 andere Menschen. Ich hätte also gebrochene oder zumindest geprellte Kniescheiben davongetragen. Irgendwann konnte die Tür nach scheinbar minutenlangen lautem Tröten geschlossen werden. Ich freute mich.

Leise Musik strömte in mein Ohr und ich übersah in meiner Heiterkeit, dass die Menschen begannen, unruhig in Richtung Wagen zu starren. Zu abgelenkt bemerkte ich nicht, wie hin und herwackelten, nervös wurden und der eine und andere vorsichtig den Platz wechselte.

Dann schützte die Wand aus Plastik mich nicht mehr, denn etwas Wiederliches kroch durch die Luft, bohrte sich in meine Nase und drang in mein Hirn. Es roch nach Tod: nicht nach frischer Erde oder dumpfen Staub oder der Verfall von Laub im Herbst, es roch nach dem Alten, Bösen, einer Erinnerung an Zeiten, bevor der Mensch lesen und schreiben, diese Dinge hinterlassen konnte.

Ich starrte den Mann an, der seinen Wagen festhielt. Ich trat näher heran, eine Art Neugier hatte mich erfasst. „Was stinkt hier denn so?“ fragte ich ihn unverwandt. „Stinken?“ fragte er. Ich nickte. „Schauen Sie mal. Es ist etwas neues.“ Stücke einer getrockneten Masse tauchten auf, als er den Teppich hob. Die Wand aus Gestank ließ meine Augen tränen, ließ meine Zunge anschwellen und meine Ohren begannen zu erblinden. „Was bei allen…“ fragte ich keuchend. „Amorphophallus titanum“ sagte der Mann und grinste. „Dieses Drecks Titanenwurz-Zeug?“ Er nickte. „Schon davon gehört?“ fragte er. Ich würgte. „Ja. Dieses Zeug ist doch…“

„Es ist nicht für mich, aber ich kenne ein paar Freaks, die sich damit wegschießen wollen. Sie wissen schon. Geruchsfreaks. Stinkekäse-Fanatiker, Sockensammler, Kranken Typen. Kranke Typen mit Geld!“

„Hey, ich liebe Limburger!“ wollte ich erwidern, aber dann hätte er mich mitleidig angestarrt und den Kopf geschüttelt. Ich hörte schwere Schritte hinter mir und wirbelte herum. Die Fahrgäste hatten sich in einer Ecke zusammengedrängt, doch nun stampfen sie vorsichtig näher. Einige hatten ihre Regenschirme wie Keulen erhoben und ihre Blicke waren nicht gerade nett und freundlich. „Hey du mit dem Wagen. Du hast sicher eine Leiche in deinem Wagen. Nicht wahr?“ schrie eine Frau im Geschäfts-Outfit, die Haare wild in alle Richtungen gesträubt, vermutlich war sie zu sehr aufgeregt, um es mitzubekommen. Ich drehte mich um: „Nein, Leute. Das ist nur…“

„Wollen Sie was? Das ist lecker!“ Der Mann witterte seine Chance auf ein Geschäft. Ich griff mir an den Kopf. Nichtjetzt!

„Was? Sie sind ein Kannibale! Oooooh, wir werden uns um Sie krankes Wesen kümmern. Sie Mörder. Sie Kannibale. Auf ihn.“

Ich hob beschwichtigend die Arme.

An mehr erinnere ich mich nicht, nur an Schultern und Hände, die mich rammten und aus der sich gerade öffnenden Türe warfen. Zum Glück musste ich nicht lange warten, um die nächste S-Bahn zu erwischen. Ich glaube, ihm ist nicht wirklich was passiert. Mobs gibt’s ja nur in Geschichten; nur habe ich nie wieder etwas von einem Mann, der Titanenwurz verkauft, gehört. Was mir eher Sorgen macht, wenn die Leute, die an dem Zeug schnüffeln, wieder was Neues brauchen, um ihre Sehnsüchte zu befriedigen…. ich werde meine alten Schuhe am besten unauffindbar entsorgen. Man weiß ja nie.

Berlin – Eine vorsichtige Warnung vor nächtlichen Begegnungen

Berlin – Eine vorsichtige Warnung vor nächtlichen Begegnungen

Von allen Kreaturen ist die nun beschriebene das erbarmungswürdigste aller Lebewesen, dies nur als Warnung. Sollten Sie Mitleid haben, nehmen Sie sich ruhig die Zeit, ihm in seiner natürlichen Umgebung zu begegnen, die Zeit zwischen Abend- und Morgendämmerung. Dann entscheiden Sie sich anders.

Falls Sie nun also in der Dunkelheit in Berlin unterwegs sind, achten Sie besonders auf auffällige Humanoide. Sie erkennen die betreffenden an einem unwirklichen Gang auf 2 oder mehr Gliedmaßen. Grundsätzlich sind es 2 Beine, je nach Zustand auch nur 1,2-1,7 Beine. Der Zustand lässt sich mit dem Grad von Verwesung berechnen, dafür werden Sie aber keine Zeit haben. Auch wenn die Bewegungen sehr langsam sind, so sind sie auch zielgerichtet. Ja, die Kreatur bewegt sich auf Sie zu. Sie erkennen weiterhin recht schnell einen gewissen sogenannten „Odor“, den Eigengeruch des Wesens. Anfänglich noch streng nach Berlin selbst riechend, kristallisiert sich schnell der kupferige Duft von Blut heraus, und spätestens dann finden Sie sich in einer Wolke von Verfall wieder. Eilen Sie ruhig davon, an einer anderen Ecke finden Sie den Nächsten, der sich an Ihnen laben will. Aber keine Sorge, bis er sie bemerkt, je nach Zustand von Augen, Ohren oder Nase, sind Sie auch davon geeilt.

Sie sehen diese Wesen meistens aus dem Dunkeln treten und im grellen Licht der Straßenlaternen haben Sie vermutlich den Wunsch, zu schreien. Unterlassen Sie dies bitte, die Kreaturen finden Sie über ihre Gehörsinne. Sie haben das Gehör von Fledermäusen und auch deren Augen. Lachen Sie nun ruhig einmal, wenn Sie sich die verfallene Gestalte mit Fledermausohren und zusammengekniffenen Augenresten vorstellen. Na, tut das nicht gut?

Begeben Sie sich nun recht schnell in Richtung eine der vielen Bahnhöfe. Bevorzugen Sie höher gelegene Objekte, wie die Straßenbahn. Die Kreaturen können zwar unter bestimmten Gesichtspunkten sehr hoch springen, aber es fällt ihnen schwer, ein Plateau zu erreichen. Aufgrund ihrer schlechten Sicht landen Sie zu oft an Wänden und werden dann, wenn sie nicht schnell genug entkommen, von unseren Mitarbeitern entsorgt. In den unterirdischen Bahnen begegnen sie Ihnen augenscheinlich zu oft, auf Grund einer weiteren Schwäche, die ich bald erläutern werde.

Wenn sie nun in einer der S-Bahnen, die regelmäßig fahren, angekommen sind und sehen Sie eine der Kreaturen in der Bahn, warten Sie bitte auf die nächste. Falls Sie sich sicher sind, dass der Wagon frei ist, genießen Sie die Fahrt. Ihnen kann nichts passieren.

Sollten Sie auf dem Weg nach Hause oder an den Ort, an dem Sie wollen, Wege außerhalb unserer geschützten Transportmittel durchführen, empfehlen wir Ihnen einige Objekte, die Ihnen helfen können: Weihwasser, Kreuze, ggf. aus Silber (ästhetisch) oder Holz (preiswert) und Pfähle (auch hier in Silber, Holz oder einem wunderbaren Geschenkkarton: eine wunderbare Silberarbeit auf tropischem Zedernholz). Falls Sie mit dem Gedanken spielen, mit einer Machete, Kettensäge oder Beil durch die Großstadt zu reisen, halten Sie bitte eine entsprechende Betriebserlaubnis bereit.

Falls Sie allerdings eine Nachtigall sind und nur am Tag unterwegs sind, empfehlen wir Ihnen dennoch, dieses wertvolle Prospekt zu behalten. Bedenken Sie bitte, dass bald der Winter kommt und die Wesen, denen sie bereits kurz nach 17 Uhr im von der Straßenlaterne beleuchteten Schnee begegnen, nicht immer nette Weihnachtsmann-Vertreter oder Späteinkäufer sind.

Wenn Sie all dies beachten, fühlen Sie sich sicher aufgehoben.

Eine letzte Warnung haben wir dennoch noch vor Sie. Wenn Sie in einem unserer Wagen stehen oder vielleicht schon daheim sind und eine der Kreaturen lauert vor Ihrer Türe, streckt einen der letzten verbleibenden Finger aus und beginnt, erotisch angehauchte Worte zu zischen, lassen sie ihn nicht herein. Nur auf Ihren Wunsch hin hat die Kreatur die Erlaubnis, ein Objekt zu betreten. Ohne dieses ist es durch eine Art „metaphysische Verpflichtung“ daran gebunden, fernzubleiben.

Wenn Sie unsere Hilfestellungen beachten, werden die Beeinträchtigungen des Nachtlebens bald beendet sein. Die Natur hat in diesen Kreaturen, wie oben beschrieben, eine der sinnlosesten evolutionären Nischen betreten, die es im Laufe der Jahrtausende gegeben hat. Sie sind langsam, leiden an körperlicher Instabilität, inklusive eines korrekt funktionierenden Verstandes und sensorischer Einschränkung. Dies und die Unfähigkeit, Tageslicht zu überleben, machen sie in den nächsten Monaten von einer Seuche in eine touristische Attraktion der Hauptstadt.

Haben Sie Mitleid, aber halten Sie sich fern von der traurigsten Kreatur der Welt: eine Mischung aus „Homo Coprophagus Somnambulus“ und „Homo Wampyrus Nosferatu“, oder wie wir ihn scherzhaft zu nennen pflegen: dem Vampirzombie.

S-Bahn – Der wunderliche Rubikwürfel

S-Bahn – Der wunderliche Rubikwürfel

Die Sonne steht hinter dem Horizont und traut sich nicht, mehr als ein paar Strahlen auf den grauen Boden, auf dem Berlin steht, zu feuern.

Hier, auf Schienen, dunkel und alt, rast, so behäbig wie möglich, eine S-Bahn entlang. Ich stehe darinnen, um diese Uhrzeit findet sich kein Sitzplatz und ich nutze meinen Blick über die Köpfe meiner Begleiter, um Ideen für Geschichten zu finden. Dieses Wetter und diese Tageszeit treibt alle in die Bahnen, unauffällige und schöne Menschen, stille und laut telefonierende, alt und jung.

Das Murmeln, Hämmer und Klopfen der Menschen um mich herum wird leiser, unterdrückt, durch den fabelhaften Soundtrack des Films “Sherlock Holmes” und so verbringe ich, auf meine visuellen Fähigkeiten beschränkt, die Zeit in einem Kokon, allein.

Ich schlafe fast ein, es ist ein dumpfer Morgen, das Wetter klebt an mir wie Zuckerwatte. Aus dem Nichts dringt ein vorsichtiges Klackern in mein Hirn. Ich versuche, die Musik lauter zu machen, doch noch immer, klick klack schnarr klack. Ich öffne meine Augen, schaue vorbei an den verwirrten Gesichtern meiner Mitfahrer und sehe einen jungen Mann, hinuntergebeugt, die Finger um einen Würfel gewunden, um einen dieser Rubik-Würfel. Er ist vollkommen konzentriert, seine Stirn bereits ein Bach aus Schweiß, die Augen quellen förmlich hinter seiner Brille hervor; sein Mund hat sich in einen bleistiftdünnen Strich verwandelt und Adern, wo auch immer dieser herkommen, pulsieren verworren über seinen Hals hinunter in das flatternde T-Shirt.

Ich kneife meine Augen zusammen, denn statt einer lustigen Art und Weise, die Zeit einfach vergehen zu lassen, sehe ich einem Kampf, einem echten Kampf zu, eine Schlacht zwischen Mensch und Objekt, zwischen Hirn und Rätsel. Ich trete näher, da mir etwas auffällt, doch etwas stößt mich zurück. Ich schaue auf, er starrt mich an. Er schüttelt den Kopf. “Nicht für dich” flüstert er, “für mich.”

Dann erkenne ich, was kämpft. Aus den schwarzen Rillen im Würfel, der sich durch jede Bewegung verwandelt, dringt eine dunkelgrüne Flamme, ein Strom aus bizarrer Energie, greift über auf seine Fingerkuppen, führt seine Finger gleich einem unsichtbaren Puppenspieler immer wieder über die farbigen Kanten. Es fehlt nicht mehr viel, kaum 3 oder 4 korrekte Zuordnungen. Aufregung macht sich im Wagon breit, als die meisten Leute hinaus wollen, es ist irgendeiner der großen Bahnhöfe auf dem Weg.

Da, ihn erwischt ein großer Mann, ein Fremder, aus dem Nichts, an der Schulter, schiebt ihn mit unerbittlicher, schon absichtlicher Gewalt hinaus ins Freie. Doch der junge Würfelspieler gibt nicht auf. Er stürzt zurück in den Wagen, wird aber zurückgezerrt. Der große Fremde hält ihn an der Schulter fest, grinst ihn mit großen Zähnen an. „Na, geschafft?” Der junge Würfelspieler schüttelt den Kopf und ich fühle, wie sich eine dumpfe Erkenntnis in seinem Hirn manifestiert, etwas dunkles, etwas ewiges, etwas…  “Nein!” schreit er und ich sehe, wie die Fäden aus dunkelgrüner Flamme sich über seine Hände ergießt, gleich einem lebendigen Wesen und ihn innerhalb von Sekunden mit einer flackernden neuen Haut überzieht und mit einem Kreischen, das nicht von dieser Welt kommt, reißt den jungen Mann hinein in die unbekannten Dimensionen des Würfels und ich fühle, dass er nicht der erste ist, der auf diesen alten Trick hereingefallen ist.

Ich schüttele den Kopf, als mir der Mann den Würfel anbietet. „Sorry, ich bin einfach nich geeignet für Ihre Spielchen.”   Doch ich weiss, er wird einen neuen Menschen finden, der den Würfel nutzen will, sei es aus versprochenem Ruhm oder aus Geld, doch jeder Versuch wird genauso erfolglos sein, bei dieser grotesken Spiel ohne Hoffnung. Denn was ich gesehen habe, ist, dass die Farben sich bei jeder Bewegung neu mischen und ich glaube auch fest daran, dass der junge Mann, der nun in einem fernen Universum aufwacht, dies irgendwo in seinem dumpfen Klickern-Klackern wusste und doch nicht aufhören konnte zu spielen.

Ich steige endlich aus und gehe hinaus in die dunkelgraue Stadt. Immerhin gibts hier normale Leute.

Gespräche mit einem Unbekannten, eine Talkshow

Gespräche mit einem Unbekannten, eine Talkshow

M: Hallo und schönen guten Abend bei unserer, dank Ihnen allseits beliebten Gesprächsrunde „Gespräche mit einem Unbekannten.“

Auch heute wieder haben wir einen großartigen Gast, mit dem ich einige sehr wichtige, sowohl unterhaltsame als auch politische Themen, HAHA, Scherz muss sein, diskutieren möchte.

Mein Gast, und seien Sie sich sicher, ist außergewöhnlich. Er hat sich bereit erklärt, die Motive einer ausbreitenden politisch-biologischen Richtung zu erläutern.

Sollte seine Sprache unverständlich erscheinen, wie ich annehme, haben wir bei uns einen anerkannten Linguisten der sich, mehr oder weniger, freiwillig zur Verfügung stellt, als Vermittler, als Übersetzer als zu dienen.

Meine Damen und Herren, der allseits beliebte Professor Klaus Ambrosius. Sie kennen Ihn als Autoren solcher Standardwerke wie „Der verführerische Sprachduktus von Vampirfledermäusen“ und „Jaulen – Eine Anleitung für angehende Werwesen.“

<Klatschen>

M: Wen haben Sie uns heute mitgebracht?

A: Mitgebracht? Ich wurde auf meinem Heimweg abgefangen, ein Sedativum wurde injiziert und ich bin erst hier vor wenigen Minuten wieder aufgewacht.

M: Na, das war doch mal eine nette Überraschung, finden Sie nicht auch?

A: Nett? Nett wäre es, wenn ich mir daheim die Spätnachrichten anschauen könnte und nebenbei eine Pizza essen könnte.

M: Humorvoll wie immer. Und, um jetzt endlich auf unseren Hauptgast, unseren „Main Event“ zurückzukommen. Sein Name war „John Jefferson Smith.“, wie man an seinem Namensschild noch lesen kann. Ich bin sicher, er würde heute nicht mehr darauf reagieren. Und da ist er, unser Gast.

Z: aaaaaaaaaaarrrrrrrrhhhhhh grrrrsssssaaaaaa braaaaaiiiiiinnnnsssssss

M: Interessante Begrüßung. Professor Ambrosius, ich darf Sie doch Klaus nennen, oder?

A: Nein.

M: Schön, Klaus. Also was sagt unser Gast?

A: Ich, äh, ich weiß nicht wirklich, was hier gespielt wird.

M: Sie sind doch der Übersetzer von altertümlichen Sprachen, oder?

A: Ich, äh, ja, eigentlich schon, aber das gibt Ihnen nicht das Recht…

Z: brains, brainnnnnssssss

M: Klaus, was sagt unser Gast denn?

A: Ich, äh, also, er hat einen furchtbaren Dialekt.

M: Naja, er ist, nein eher, war einst Abteilungsleiter einer Supermarktkette, drüben in New Orleans. Vielleicht ein gewisser Südstaaten-Akzent, der auffällt?

Z: brains, brains, braiiiiinnnns

A: Was soll denn das? Bin ich hier in einem schlechten Film gelandet? Halten Sie seine Klauen von mir fern.

Z: brains, brains, braaaains, braaaaaaaaaiiiiiiiiiiiiinnnnns

M: Interessant. Also sprechen Sie kein englisch?

A: Doch, schon.

M: Na bitte, da haben Sie es. Unser Gast kommt aus den USA, spricht einen merkwürdigen Dialekt und mehr fällt Ihnen nicht ein als Filmvergleiche?

A: pscht. Halten Sie den Mund. Ich übersetze doch schon. Machen Sie den Mann nicht wütend.

Z: brains? Brains! Braaaainsssss brainsssssbrainsbrains!!!!

A: Das Wesen ist verärgert und fragt, ob es im falschen Film ist.

M: Na, das ist doch mal eine Überraschung. Versteht es uns?

A: anscheinend schon. Es hat vorhin gefragt, ob Sie, weil sie soviel reden, ein großes Gehirn haben.

M: Haha, das ist ja wundervoll. Jaaaaa, mein guter Mann, ich habe ein großes Gehirn. Das erkennt man daran, dass ich eine Brille trage, haha. Und ich sitze nicht in einem Käfig, wie du.

Z: brainsbrainsbraaaaains!!?!

A: Er denkt, dass Sie Angst vor ihm haben, weil Sie sich hinter dem Tisch verstecken, wenn er „brains“ sagt….

Z: brainsbrains braiiiinnnnnnnnnns!

A: …und er denkt, dass er vor kurzem einige Verwandte von Ihnen getroffen hat….

Z: brainsbrains braaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaiiiinnnnnnnnssssssssssssssssssss

A: … und er hat ihre Hirne gegessen.

M: das gibt eine faszinierende Wendung im Sachverhalt und ich gestehe, eine gewisse Aufregung, haha, kommt mir gerade in den Sinn. Nichts desto trotz… hat er noch einige abschließende Worte an unser Publikum da draußen?

Z: brains

A: nein, das übersetze ich nicht.

M: Oha, unser Gast versucht sich im Beschimpfen?

A: Nein. Also nicht wirklich.

Z: brains.

M: Übersetzen Sie doch.

A: Wenn es sein muss. Er teilt auch mit, dass Ihre Kameraleute auch gut geschmeckt haben.

M: Ich suche einmal ganz kurz nach meiner Handfeuerwaffe, na wo ist sie denn, haha

A: Und er sagt, er hebt Sie sich bis zuletzt auf.

Z: brains

A: brains?

Z: brains.

M: Es sieht schlecht aus und wie ich sehe, sinken die Zuschauerzahlen ins Bodenlose. Ich verabschiede mich mit Bilder, die die erfolglose Flucht von Professor Klaus Ambrosius zeigen, der draußen auf die steigende Menge von eher untoten Fans getroffen ist, haha, und sage Ihnen auf Wiedersehen. Das letzte Wort liegt bei unserem Gast, dem es gelungen ist, den Käfig aufzubrechen und der sich auf mich zubewegt, während ich bemerke, dass meine Handfeuerwaffe im Handschuhfach meines Wagens liegt, haha.

Z: brainsbrains braaaaaiiiins

M: ……

Mitternacht vor dem Berg

Mitternacht vor dem Berg

Gewisse Umstände machen es notwendig, dass ich diese letzten Minuten meines natürlichen Lebens damit verbringe, die Geschehnisse der letzten Wochen in einige kurze Sätze zu fassen. Meine Hoffnung liegt darin, dass, wenn meine Existenz in das große Dunkle „hinter dem Schleier“ gegangen ist, andere Menschen überleben und die Kunde heraustragen aus dem Dorf, in dem ich meine Kindheit und meine letzten Tage verbrachte.

Den Beginn des Endes zu finden ist schwer und ich zittere, während der Wind durch die verfallenen Bäume und Sträucher streicht, während der Mond glitzernd am Himmel auf das Erscheinen des Todes wartet. Ich hocke am Rande der Schlucht, über mir nur die Kälte des Weltraums und vor mir, im fahlen Licht meiner Taschenlampe, der Eingang in das Bergwerk.

Eingang. So kann man es wieder nennen, nachdem der Berg für über 208 Jahre ein einziges Grab gewesen war. Zweihundertundacht Jahre, in denen es in meiner Heimatstadt mehr ruhig als aufregend war, auch wenn zwei Weltkriege Ihre Spuren hinterließen, Menschen kamen und gingen. Wir sind eher der Art Menschen, die mit den rauen Umständen, welche sich in den Wetterlagen und die teilweiser Abgeschiedenheit begründen, zurechtkommen. Wir hatten die Vorteile technischer Innovation durchaus sehr früh erkannt und bis ins Jahr 1803 einen regen Abbau an Erzen, Zinn, Silber durchführen können, bis, ja bis der verhängnisvolle Zusammenbruch des kompletten Berges erfolgte. Damals war das glorreiche Handwerk, zumindest für die Stadt, beendet und man musste umdenken und baute sehr schnell Alternativen auf. Man wusste damals zu überleben.

Wieso ich diesen letzten Tagesbruch besonders erwähne und wieso ich nun hier sitze, genau an diesem Ort, hier, in der Schlucht und vor mir, gleich einem Apfelkernhaus, das letzte, steinerne Mahnmal eines Raubbaues, das werde ich erläutern, so ich hoffentlich noch Zeit habe. Meine Uhr zeigt eine halbe Stunde vor Mitternacht an.

Wie ich schon schrieb, wurde ich hier geboren. Meine Kindheit eine interessante Mischung aus der verqueren Neugier nach Abenteuer, das man in der Welt nicht erleben konnte und der Erkundung der Umgebung, die unsere Stadt einschloss. Ich war hin und wieder in den dunklen Wäldern unterwegs, die die Stadt umkreisen, das Sonnenlicht dämpfen, die mit leisem Wispern auf die furchtsamen Schritte reagieren, die man abseits der Wege tut. Eine andere Sache waren die Bücher. Bücher, ach wie liebte ich sie. Ich konnte nicht genug bekommen, und so verwandelte sich die Welt um mich herum in ein von unheimlichen Dingen durchstreiftes Ding, denen man nicht auf der Straße, nicht auf dem Dachboden, im Keller begegnen wollte. Grundsätzlich ließen Bücher meine bereits empfindsame Fantasie in helles Feuer aufgehen und ich hoffe nun, da ich hier sitze, in der Finsternis, diese getriebene Kindheit auch einen Sinn hatte.

Nach vielen Jahren zog ich fort, in die große Stadt. Ich floh vor den Eindrücken, die mir die seltenen Spaziergänge durch die nächtlichen, vor sich hindämmernden Straßen bescherten. Hin und wieder trieben mich jedoch Träume, trotz der Lichter der Wohnungen um mich herum, in eben jene Gassen, auf der Flucht vor jemanden, einem Ding, das freudig seine Arme aufspannte, mich begrüßend, wie einen alten Freund. Ich konnte keine Finger erkennen, keine Gliedmaßen, die in irgendeiner Art und Weise menschlich wirkten, ich sah nur Knoten, Fäden die zuckten, gleich einem lebendig gewordenen Spinnennetz, jedoch nicht transparent, eher eine Art Qualle, voller Gelee und Nervenstränge, die wütend vor sich hinpulsierten.

Immer wenn ich erwachte, lag ich da, starrte an die Decke, kaum einen Meter über mir, konnte kaum atmen, so sehr zuckte noch immer das Bild unbekannten Schreckens, von Bindfäden, die schwarz-glänzend zum Leben erwachten, in meinen Augenwinkeln. ich flüchtete mich in faszinierende Bilder, in Bücher, die die Gedanken zum Abklingen bringen sollten, in furchtbar triviale Fernsehsendungen, in ewig-gleich-tönende Musik, doch ich kam nicht wieder herunter. Ich stürzte mich in die Arbeit, doch jede Sekunde, die ich nicht damit verbrachte, grüßte mich das Ding in der Gasse.

Mit der Zeit verschwand es; ich war mir sicher, es käme wieder, wenn ich nicht alles tue, es fernzuhalten.

In jenen dunklen Stunden trieb mich mein Verlangen dazu, mir die Geschichte meiner Heimatstadt durchzulesen. Ich konsultierte Wissenschaftler, die erst recht hilfreich waren, jedoch dann aufgrund ihrer rein nachlässigen Art und Weise, alles, was nicht tiefgreifend auf die Menschheit einwirkte, komplett auszulassen. Als diese mit gewissen historischen Zeitpunkten, dem Ende des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts, nichts mehr zu tun haben wollten, weil es halt kaum Aufzeichnungen gab, verließ ich die Pfade der ehrbaren Wissenschaft und arbeitete mich selbst durch staubige Unterlagen in sonnenverlassenen Dachkammern, immer aufgeschreckt vom Knacken der Holzdielen in der Sommerhitze. Ich konnte nicht oft genug in meiner Heimat sein, daher dauerte es auch sehr lang, bis ich endlich etwas brauchbares fand.

Es war, so ich mich noch erinnere, denn Zeit und Raum fliegen an mir vorbei wie aufgeschreckte Hühner, Anfang des Jahres, als mir folgende Mitteilung übermittelt wurde:

„Versteckter Eingangsstollen gefunden

Der allseits bekannte Tagesbruch, der im Jahr 1803 die Geschichte des Bergbaus in unserer Stadt beendet und Todesopfer gefordert hatte, hat zur Entstehung unserer Pinge, eines Naturdenkmals gegen den Fortschrittsglauben geführt. Wir freuen uns, dass nach filigraner Arbeit, über Jahrzehnte hinweg, einige Interessierte einen vergessenen Stollen gefunden haben. Einige Wissenschaftler der Bergbau-Universität haben angekündigt, im Laufe des Frühjahrs einen Blick darauf zu werfen und gegebenenfalls einen stabilen Zugriffspunkt herzustellen.“

Ende der Mitteilung.

Eine filigrane Figur beugte sich, kaum sichtbar, über meine Schulter und flüsterte mir ins Ohr. „Bald frei.“

Ich schreckte auf, fühlte die Tischplatte unter meiner Haut. Mein Gesicht fühlte sich an, als wäre mein Kopf in einen panischen Krampf verfallen. Mein Verstand hatte versagt, nur so konnte ich mir da grauenvolle Ding in meinem Kopf erklären.

Die Mitteilung steht noch immer vor meinen Augen, als hätte ich sie gestern noch gelesen.

Ich habe viel zu verdrängen versucht, habe gearbeitet wie ein Wahnsinniger, habe angefangen, Kurzgeschichten zu schreiben, lustige kleine Verse, nur um meinen Kopf am Rotieren zu halten. Irgendwann ließ auch meine Kraft nach und ich verlor die Lust. Ja, die Lust, mich diesen Dingen auszusetzen. Ich entschloss mich zu einem Urlaub in der Heimat. Es war bereits Frühling, der Schnee lag noch in den dämmernden Wäldern undhintergründige Kälte schmiegte sich an meine Jacke, während ich den Gassen folgte, die in die Schlucht führten.

Es war kurz nach Mittag, eine Zeit, die normalerweise eine weite Entfernung von der baldigen Dunkelheit der frühen Nacht ist. Doch schon beugte sich die Sonne unter dem Druck einer unbekannten Macht in Richtung Horizont. Noch während ich unterwegs war, änderte sich die Luft in eisiges Blei. Oberhalb der Schlucht blieb ich stehen, berührte mit meinen klammen Fingern die Informationstafel, die ich schon von Kindheit an kannte.

Ich sah Namen. Namen der beiden einzigen Opfer der Katastrophe, die damals verschüttet wurden. Menschen, die Familie hatten: sie waren sogar verwandt. Es faszinierte mich. Waren die beiden Männer tiefer drin als die anderen? War es Zufall gewesen, dass sie, zwei verwandte Menschen, verschwunden waren? Wieso sprach mich dieses Ding an?

Hinter mir hörte ich plötzlich Schritte im Schnee. Ich drehte mich um und starrte auf 5 alte Männer, die sich, ihre Mützen in Händen, näherten. sie schwiegen, während nähertraten.

„Was tun sie hier?“ fragte mich einer der Männer, sein Gesicht tief in einem Wollschal versteckt.

„Ich…“ ich zuckte mit den Schultern. „sie sind sicher hier, weil vor 108 Jahren…“ der Mann verstummte. Ich nickte. „Es ist ein interessantes Datum“, sagte ich. Ich beschrieb Ihnen, dass ich aus dem Ort komme und hin und wieder unterwegs bin, aufmerksam gewisse Dinge betrachte, die sich hier zugetragen haben.

„Die Jugend von heute ist da eher uninteressiert.“ meinte eine Stimme aus der Gruppe. Ich lächelte müde. „Wenn man aus dieser Stadt kommt, hat man nur die Möglichkeit, sie anzunehmen, oder abzulehnen. Einen lauwarmen Weg gibt es nicht.“

„Da haben sie Recht, junger Mann.“

„was tun sie hier?“ fragte ich, „verbringen sie Ihren Lebensabend mit Wanderungen oder gibt es einen speziellen Grund, heute hier zu sein?“

Sie schwiegen. Schnee fiel, vom Wind getrieben in unsere Gesichter und ich musste mich kurz abwenden. Glitzernde Partikel stoben durch die Luft, als die Männer, anfingen, abwechselnd zu erzählen.

„Der Berggeist…“

„… er kommt heraus….“

„. und wir hoffen, dass er uns endlich…“

„…freilässt.“

„Endlich…doch du… fliehe“ Stille.

Ich wirbelte zurück. Vor mir war nur Leere. Tatsächlich war ich allein hier. Mir war bitterlich kalt. Ein Blick auf meine Uhr zeigte mir eine bizarre Zeitverschiebung an. War ich doch kurz nach der Mittagszeit aufgebrochen, so war es jetzt plötzlich bereits 22 Uhr am selben Tag. Ich zitterte.

Irgendwo im Hintergrund heulte ein Waldkauz und ich kam mir, trotz der vor mir liegenden Stadt mit ihren hell erleuchteten Fenstern allein vor. Um mich herum knisterten die Bäume wie in meiner Kindheit. Ich floh.

Einer der „Wesen“, die mir gesprochen hatten, hatte mir seinen Namen genannt. Ich wusste nichts mehr davon, ich konnte schwören, dass jenes oben beschriebene Gespräch, die wenigen Worte, nur so stattgefunden hatte. Aber auf irgendeine bizarre Art und Weise fanden meine Finger auf der Computertastatur der örtlichen Bibliothek Namen. Noch immer läuft mir ein Schauer über den Rücken: Ich fand die Verschwundenen

Verschwunden wie: ins Bergwerk gefahren, nicht mehr aufgetaucht. Es kam oft vor. Zu oft für meine Verhältnisse, wie ich mir in den kommenden Stunden zusammenrechnete. Vermutlich war jedoch in den frühen Jahren des 19. Jahrhunderts Ansturm auf Arbeit hoch genug, so dass Namen zu Statistiken wurden, auf Papier vor sich hinbleichten, vergessen wurden. Es waren meistens Menschen ohne Familien, ohne Anhang hier in der Gegend, Fremde, deren vorheriges Leben in dem Dunkel blieb, in dem sie letztendlich auch verschwanden.

„Der Berggeist…“ eine jener mythologischen Sagengestalten aller bergbauenden Nationen, unterschiedliche Namen, doch stets dasselbe. Bergmönch, Bergwerksdämon.. die Bibliothek sagte mehr, auch fand ich sogar einen Teil von Georgius Agricolas Werk „De animantibus subterraneis“, digital hinterlegt und fand auch hier eine der bizarren Muster, die sich mir dank meiner Erinnerungen an das Wesen in der Gasse tief in meinen Verstand gebrannt hatten. Ich versuchte, nicht zu denken, was geschehen war, wieso dieses Ding in mein Leben getreten war. Müde rollte ich mit dem Stuhl zurück und starrte hinaus in die verheißungsvolle Dämmerung eines neu beginnenden Tages.

Mein übermüdetes Hirn glimmte nur noch vor sich hin. Ein Säuseln drang durch den Raum, setzte sich in meine Ohren, floss in meinen Verstand. „Bald frei.“ flüsterte die Existenz, jenseits von physikalischen Grenzen, tief aus einem mir unbekannten Universum heraus.

Ich schüttelte den Kopf. „Nein.“

Es war der Zorn einer verzweifelten Seele in meinen Adern. Ich fühlte, wie die bösartige Macht sich aus dem bald geöffneten Eingang der Tiefe schieben würde, jeden Tag, jede Nacht, bis es gestoppt werden könnte. Doch niemand kann etwas stoppen, was man nicht versteht und selbst wenn: ohnmächtig betrachtet man den Untergang von Menschen, die man liebt, während der Triumph des Dings aus der Tiefe episch zu sein scheint.

Wer kann sagen, dass die Gestalt aufhört, wenn es die Stadt verschlungen hat? Keiner kann es. Und deshalb bin ich hier, in dieser Nacht und ich folge meinem Herzen und seinem Ruf. Denn ich weiß, dass folgende Information, folgende Nachricht, mein Herz zutiefst erschüttert hat und ich hörte aus dieser unmenschlich schwarzen Gruft Dinge aufsteigen, hörte ich die alten Worte, das alte „Glück auf“, die Loren poltern, dieSchreie der Männer und Kinder, die sich immer tiefer durch das Gestein bohrten.

„Wissenschaftler vor Ort vom Wetter überrascht

Heute morgen haben Wissenschaftler der Bergbau-Universität einen ersten Versuch unternommen, den Eingangsstollen freizulegen. Erste Bohrungen waren erfolgreich, so dass eine stabile Öffnung vorgenommen werden konnte. Aufgrund der plötzlichen Änderung des Wetters musste der Versuch jedoch nach wenigen Minuten abgebrochen werden.“

Ich fühlte, nein, sah es anders. Ein plötzlicher Windstoß, fast einem Sturm gleich, ließ die Menschen erzittern, trieb sie zurück und fast wie von Geistern verfolgt, nein, Grauen gepackt, ließen sie ab. Doch sie würden wiederkommen, das alte Übel herausholen aus seinem Gefängnis. Über 200 Jahre ohne menschliches Leid, Nahrung, Seelen, all dies würde sein Neuerscheinen in eine tobende Barbarei treiben.

Ich kannte das Wesen, hatte es schon immer gekannt. Und ganz tief in meinem Herzen wusste ich, weiß ich noch immer, dass ich mich ihm stellen muss. Ich war heute morgen noch einmal vor dem Eingang. Die Risse, die die Arbeiter gemacht haben, sind gewachsen und nicht nur im Augenwinkel diesmal erkenne ich diese winzigen vibrierenden Fäden, die sich wie schwarze Wurzeln aus dem Inneren des Bergs in die Welt da draußen schiebt. Steine poltern zu Boden, während das Ding da drinnen arbeitet und ich höre es heulen vor Hunger und ich sehe, wie endlich, wie eine bizarre Erlösung, seinen Kopf aus dem Stollen schiebt und mich anschaut und vor Freude schreit und es kommt auf mich zu, mehr geflossen als gekrochen, es spottet jeder menschlichen Beschreibung und ich fühle die Seelen der Toten ihn ihm, die nach mehr suchen, die Erlösung suchen. Ich fühle, dass ich Ihnen vielleicht doch helfen könnte, aber ich bin starr vor Angst, meine Buchstaben fallen nur noch … Papier… .. es frisst……