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Monat: Mai 2011

Augenblick – Der Efeu

Augenblick – Der Efeu

Wenn ich von der Arbeit komme, also meistens in den Dämmerungs- oder Nachtstunden, starre ich manchmal sekundenlang in einen Friedhof hinein, der auf dem Weg liegt. In der Dämmerung kann man die dunklen Kreuze erkennen, hinter dem Hauch der Finsternis die unbeschienenen Platten sehen, dort, wo nichts mehr ist. Wo sie ruhen.

Einige Schritte weiter und ich erkenne ein Haus. Es ist komplett mit jenem dunkelgrünen Efeu behangen, der mich an das Haus meiner Großeltern erinnert, jedoch hängt es nicht nur an einer Seite herunter, sondern die sichtbaren Wände sind mit dieser seltsam lebendigen Farbe bedeckt.

Tagsüber leuchtet das Grün mir den Weg, doch in der Nacht, wenn die rot-grünen Ampeln Ihrer Pflicht nachgehen und die wenigen Menschen über die Straßen leuchten, dann saugen die schwarz-grünen Blätter das Licht aus der Welt und ich finde mich oft genug wieder, wie ich in diese Wand aus Blattwerk starre und mich frage, was Sie zu erzählen hätten, wenn sie reden könnten. Denn wenn sie beginnen, zu sprechen und zu rufen, dort, in meinen tiefsten Träumen, in denen die Wurzeln des Efeus nicht mehr im bröckelnden Mauerwerk des alten Friedhofshauses hängen, sondern sich einen Weg in meine Seele suchen, dann ist es zu spät.

Doch nun schüttele ich die melancholischen Gedanken fort, grüße den Radfahrer, der trotz meiner Grünphase meine Füße zu treffen versucht, und gehe zur Bahn. Und ich drehe mich nicht um, auch nicht, als ich aus dem Rauschen des Wesens hinter mir ganz klar meinen Namen höre.

Schwarzer Schlitten

Schwarzer Schlitten

Die Ampel steht noch immer auf Rot. Kein Hauch von Wind bewegt die erdigen Fetzen Straße in der sengenden Sonne. Asphalt beginnt zu kochen. Die Stirn verschwitzt, der Magen revoltiert, die Hände gefaltet, ins Kunstleder gepresst. Das Lenkrad ruckt leicht, während er die Arme lockert. Zu leicht eingestellt? Keine Ahnung. Es geht um so vieles und doch ist es ihm egal. Der Körper presst sich wie von selbst in den Sportsitz, lang zusammengespart, fast doch noch gestohlen, dann doch geschenkt. Er ist ein Talent. Er ist die Erlösung. Ein Held der Masse. Er fühlt Augen auf sich ruhen. Sie spiegeln sich wider, auf der blankgewischten Seitenwänden, auf der verzerrten Motorhaube, auf seiner zusammengebastelten Sonnenbrille. Zusammengebastelt. Sein Gesicht zuckt kurz bei dem Gedanken, in welchem Objekt er sich befindet. Ein Auto. Mehr eine Art Bastelarbeit. Frankensteins Monster mit Motor. Der Motor. Ein 8-Zylinder. Bei dem Gedanken daran überfällt ihn das unbestimmte Gefühl, seinen Fuß auf das Gas hinunterzujagen, die Maschine aufheulen zu lassen. Doch reicht dann das Benzin? Vermutlich nicht. Sparsamkeit und ein 8-Zylinder. „Tu es nicht.“ hatte seine Freundin gesagt. Er hatte falsch reagiert. Oder richtig. Je nachdem, wann er endlich am Ziel ankommen würde. Die Schweißperlen sich auf seiner Stirn werden dicker und dicker. Sie kitzeln, während sie in Richtung Augen kriechen. Nur nicht die Hand vom Lenkrad nehmen! Er schüttelt den Kopf, zwinkert kurz.

Noch immer leuchtet das rote Licht auf. „Fahr! Fahr! Fahr!“ Wie? Eine Hand schlägt auf sein Bein. „Fahr! Verdammt, fahr doch endlich!“ Sein Gedanke fällt ins Nichts. Die Ampel: rot „Fahr!“ von rechts.

Aber die Ampel. Die Ampel.

Die Sonne flimmert im Hintergrund vor sich hin und die Augen beginnen, zu verblassen. Die Hand presst sich in sein Bein. „Fahr! Verdammt!“ Apathisch zuckt er mit den Schultern. „Es ist noch nicht soweit.“ flüstert er, die Lippen trocken wie die Straße vor ihm.

Die Dämmerung hüllt die Welt um ihn herum in dunkles Blau. Die Ampel ist rot. Die Hand hat sein Bein verlassen, ein Schatten ist aus dem Auto gesprungen und fluchend weggelaufen. Minuten darauf fuhr ein Bus davon. Er zuckt mit den Schultern. Gleich. Gleich. Gleich gehts los.

„TockTock“ springt von der Fahrerseite in sein Ohr. Rote Ampel. Konzentration. „TockTock“ erneut. Mit einer Hand, unfähig hinzuschauen, greift er nach der Kurbel und ruckhaft schiebt sich die Scheibe nach unten.

„Hey, Junge. Du stehst seit ja seit Stunden hier. Keine Sorge, morgen haben wir die Ampel endlich repariert. Fahr ruhig nach Hause. Oder falls du Angst hast,“ Kichern, „dass dein schwarzer Schlitten auseinanderfällt, schieb ihn besser doch heim.“

Rote Ampel in sternklarer Nacht. Bald wird sie auf grün wechseln. Nur nicht einschlafen. Einfach warten. Und dann: ein Held sein. Und seine Freundin würde ihn mit offenen Armen empfangen. Dann hat er endlich seinen Führerschein.

Frosch im Morgenmantel im Wunderwunderwunderspaßland

Frosch im Morgenmantel im Wunderwunderwunderspaßland

 

Kehren wir nun um, um uns in die Schatten der Weltstadt B. zu begeben und folgen wir den staubigen Schritten einer Kreatur, die … nicht mehr da ist.

Großschwarze Augen starren ohne einen Wimpernschlag auf den erdbeerfarbenen Strahl, der sich in die Himmelsweite ergießt. da, ein Motte, die aufgeschreckt in der Ferne herumtanzt und mittels blauem Brombeerzungenstrahl im Mund eines Froschs landet. Nicht nur eines Froschs, DES Froschs, der hier wartet, ob sich etwas tut. Doch das Pulsierende Licht (gesponsert vom Magiemarkt „Friedensglück“ (Motto: wenn wir es nicht haben, dann hats eh jeder)) pulsiert nur fröhlich vor sich hin.

Der Frosch, der seine Locken bei einem wilden Pokergefecht verloren hat, schiebt sich einen Kaubonbon in den Mund, um den ekligen Geschmack des toten Fliegendings in seinem Kopf loszuwerden. Blutwurst.

Er hat einen Auftrag, doch dieser lässt auf sich warten. Tatsächlich laufen hier zu viele Buchstaben durch die Gegend, die ihn sehen könnten. Doch da, ein Leerzeichen. Mit einem schnellen Satz saust unser grüner Freund hinaus aus dem Schatten und hinein in das Hochhaus.

Anwesend: keiner. Grund: das lustige Licht, dass in den Himmel schießt.

Die Treppenstufen sind glitschig wie Seife und Schnee und der Frosch muss sich beeilen. Erster Stock: Bekleidung. Der Frosch überlegt sich, ob er seinen Morgenmantel schnell austauschen soll, aber flecktarn ist noch immer besser als Hawaii-Seide und er entschließt sich, es nicht zu tun.

2. Stock: Wanderstöcke

Der Frosch schüttelt seine imaginären Locken und fragt leise: Denken die, dass wir hier blöde sind?

3. Stock: Der Frosch hört auf zu zählen…

Langsam bemerkt man die tosenden Kräfte der entfesselten Magie und der Frosch greift unsicher an seinen Hals, wo sein Antimagieschutzstein hängt und flucht leise, da dieser kleiner geworden ist. „Nicht genug aufgeladen. Supiiiii.“ sagt der Stein und grinst.

Der Frosch muss nach oben und schiebt sich den Stein in den Mund, kaut ihn kurz und sprintet hinauf in die Weite.

Da… die Türe zum versiegelten Zimmer. Der Frosch tritt zu und die Türe reißt es aus den Angeln. Im epischen Malstrom des unheilvollen Leuchtens verschwindet die dürre Holz-Pappe-Attrappe einer echten Tür. Jemand kreischt. Doch es ist nur der Frosch, der seine Locken wieder gefunden hat. Er greift in seinen Morgenmantel und zieht eine schwarze Handfeuerwaffe mit Schalldämpfer heraus. Es klickt, als er den Schokoriegel-Riegel hineinschiebt und den Hahn spannt.

„Jason P. Montesquieu. ich verhafte Sie, Ridwormus Lavendeles Wermut wegen Werksspionage im Takatanakatakaland.“

Er flucht. Die dunkle Gestalt vor ihm dreht sich um und zeigt ein glattes, ein absolut glattes Gesicht. Jason P. Montesquieu ist lange nicht mehr so schlecht geworden wie jetzt. Das glatte Gesicht… und dann die Nase… er kreischt und springt aus dem Fenster. Im Flug denkt er sich noch, wieso er das Buch, das er stehlen sollte, dennoch in den Händen hält, als habe es sich an ihn herangeschmuggelt, da knallt er schon in ein karamelhaltiges Gummiboot, das über die Straße schwebt. Die Fahrerin, eine etwas dümmlich grinsende Ananas kichert und hält an. „Sie sind aber toll gehüpfelt.“

Doch sie hört nur noch sein Stammeln und entschließt sich, ihn ins Sandkastenkrankenhaus zu bringen. Denn er stammelt sich den Mund fusselig und könnte alle Zähne verlieren, wenn er weitermacht mit diesem „Oh Nein, Oh, Nein, Lutscher mit Kaugummifüllung!!!!!“

Berlin: S-Bahn – Zwischendimension

Berlin: S-Bahn – Zwischendimension

Berlin… eine Stadt von Gestalten, die man bei Tag sehen und bei Nacht schreiend weglaufen kann, darf, wie auch immer

durch die Bauarbeiten noch immer darauf dressiert, meinen Weg über die S-Bahn zu bestreiten, nach einem bizarren Fußweg durch die Bauarbeitengesprenkelten Fußwege am Alexanderplatz… stehe ich in der Bahn und versuche „Conan“ über mein Handy zu lesen. das gelingt recht gut, dank der Kindle-Software auf dem HTC-Wildfire.

Eine Stimme lässt sich aufschrecken, dann resigniert zusammensinken:

„Möchten Sie eine Zeitung kaufen?“ was sich für mich nur anhört: „möchten Sie…“ ich schüttele den Kopf. Die Gestalt, der Stimme nach Mitte 80, dem Verhalten nach Anfang 20… schlurft weiter. Ein schlechtes Gewissen überkommt mich.

Vorne im Wagon steigt die junge Frau aus und gleichzeitig steigt ein Mann ein. Dieser beginnt, seine Lebensgeschichte zu erzählen und fordert auf, fleißig für ihn zu spenden (1,5 Monate arbeitslos). Er entschuldigt sich pauschal für seinen harschen Tonfall und man bemerkt, dass diese Entschuldigung gegebenenfalls doch gerechtfertigt ist. Ich schaue auf, dann ist der Mann bereits weg. Er verlässt den Wagon durch eine Türe, durch diese….

fast…

zeitgleich erneut eine Gestalt tritt, die eine Zeitschrift verkauft. Ich erkenne, dass Ihre Schuhe besser aussehen als die meinigen. Vermutlich eine Schülerin, was mir der Sprachduktus zu verstehen gibt. Ich schaue aus dem Fenster, und ich sehe nichts draußen. Absolut nichts. Keine hell erleuchtete Stadt, nur ein grauer Schleier.

Die Bahn hält an, die Frau ist an mir vorbeigegangen, die Leute dösen vor sich hin…

ich starre hinaus… und ich sehe, wie die junge Dame sich merkwürdig bewegt, sich in konvulsiven, fast tanzenden Rhythmen dahinzuckt, wie Ihre Haare in den Körper weichen, die Kleidung einen glänzenden Schein annimmt, ein kreischen ertönt und … die Frau weg ist. Stattdessen sehe ich einen Mann, der einen Kasten mit sich führt, darauf geschnallt ein winziges Gerät und die Panik, die mich überfällt, ist nicht gespielt, sondern…

Ein Mann spielt lustige Musik (vermutlich „Hit the Road, Jack“ und ich möchte die Road gerne hitten…)und ich weiß mit neu erwachter Erkenntnis, dass das Nichts, das das draußen wartet, auf ihn wartet, nicht auf mich, nicht auf uns… auf uns Bahnreisende. Ein Opfer ist notwendig, um diesen Fluch, der auf mir lastet… aufzuheben.

Die Bahn fährt und die Ewigkeit erscheint klein im Bezug auf die Fahrt… Die Bahn hält an, entlässt den Musikanten und erneut… die Frage nach dem Kauf einer Zeitschrift… meine Augen flattern bereits…

ich ziehe… einen 50ct-Stück aus der Hosentasche und gebe Sie der Person.

Sie nickt. Wissend ist ihr nicken und ich sehe, wie sich am Horizont Lichter bilden, die durch den Rauch der Dimension dringen, in der wir, wir alle in diesem Wagen, gefangen sind.

Die Türe öffnet sich und ich steige aus. Ich drehe mich nicht um… ich gehe hinunter in die U-Bahn… nur 1 Station… dann bin ich daheim…

„Möchten Sie eine Zeitschrift haben?“

Berlin: S-Bahn – Die Musik aus der Tiefe

Berlin: S-Bahn – Die Musik aus der Tiefe

Es mag sein, dass wir sehr viel von der Welt wissen, von den sozialen Interaktionen, von Pflanzen und Tieren, von Lebewesen im Allgemeinen, die unsere Welt bewohnen, die unserer Sichtweise (in hellem Tageslicht) angepasst sind.

Jedoch muss man sich eingestehen, dass nicht überall Licht scheint und dass man nicht überall Fackeln oder Taschenlampen nutzen kann: wo die Dunkelheit hinter einem undurchdringlichen Schleier liegt, so dass man sich ängstlich davon fern hält.

Ich habe bereits vor einiger zeit eine düstere Erfahrungen beschrieben. Eigentlich sollte es nur eine Heimfahrt in der U-Bahn sein. Technische Probleme ließen die Dunkelheit in die neonerleuchtete Realität eindringen und da waren sie, die Ausgestoßenen.

Doch fahre ich derzeit mit der S-Bahn, dank bereits beschriebener Bauarbeiten und auch hier scheinen Dinge Gestalt anzunehmen, die ich nicht mit Namen nennen kann, oder besser darf. Denn alles, was einen Namen besitzt, bekommt Realität, mehr noch, erscheint in den Herzen der Menschen, in den Träumen der Empfindsamen, in den Bildern der Wahnsinnigen.

Also fuhr ich heute meinen allzu komplizierten Weg in Richtung Alexanderplatz, den guten HPL in der Hand und las von jenen unheimlichen Dingen, die manch einer für wahr und verborgen, der andere, wie ich, für gute Grusel-Scifi halte, die man in eigenen Kurzgeschichten gut verarbeiten kann, wenn man gewillt ist, die Angst zu fühlen, die man beim Schreiben erlebt.

Wolken krochen über den Himmel und einige wenige Wassertropfen sammelten sich an den staubigen Fenstern und rollten schwarzgefärbt hinunter. Die Fetzen von Papier, die im Inneren des Straßenbahnwagens lagen, rollten wie von dem Pesthauch, der durch die Gänge strömte, hin und her. Hin und wieder bildeten die Zeitungen Worte unbekannter Sprachen, die mir ein Zittern über die Haut jagten.

Die Augen meiner Mitfahrer waren halb geschlossen. sie lauschten gebannt. Dann hörte ich es auch.

Ein Mensch, eher eine Kugel von Fleisch, surrte vorsichtig an mir vorbei, summte. Welche Art von Sprachfähigkeiten er zu haben schien, war mir nicht bekannt und die Tiefe seiner Stimme, die gleichzeitig die eine verzerrt groteske Höhe zu haben schien, bohrte sich in meinen Kopf, blieb hängen und grub sich weiter ein. Dann blieb das Wesen stehen. Es griff mit seinen Armen nach hinten und holte eine Art Akkordeon hervor. Das Gefühl unsäglicher Panik bemächtigte sich meiner und wie auch immer ich versuchte, den kommenden Schmerz meiner Seele einzudämmen, es war erfolglos. Es begann zu „singen“. Chromatisch inkorrekte, fantastisch bizarre Tonstrukturen schoben sich durch die Luft, erzeugten atomare Abnormalitäten und ließ die Herzen der Menschen, jener Lebewesen, wie ich eines bin, in tiefste Agonie verfallen. Im Herzen spürte ich ein Bild, eine Art Erinnerung an das Leben, welches dieses Lebewesen mir gegenüber gelebt hatte.

Eine Höhle, erleuchtet von phosphorhaltigen Pilzen, in schmutziges Uringelb getaucht und furchtbar schleimige Wesen, an Zügeln gehalten, um morbide Äcker zu düngen. Und dann deren Herren, Fleischwesen, aufgedunsene Kreaturen, deren Blick stets nach oben geht, nach oben, wo die vergessene Sonne lauert, seit sie in Ihre eigene Welt gezwungen wurden, Jahrtausende in der Vergangenheit. Vertrieben von Menschen ohne Königreiche, von Stämmen, die sich sonst bekriegten, doch einmal zusammenarbeiteten, einmal kämpften, um das Böse, welches sich verbreitete, in das Innere dieser Kugel, genan nt Gaja, Erde, zu pressen, auf dass sie nie mehr herauskämen.

Die Gestalt war vorbeigezogen und spielte ihr Lied, dieses verworrene, unmenschliche Lied und sang dabei vom Aufbegehren der alten Wesen und den sieg über uns, über die schwachen, haarigen Affen, die sie einst besiegten und ich war dankbar, dass ich es nicht mehr erleben muss, wenn die Heerscharen sich aus den Höhlen unter uns herauspressen. Denn noch immer sammeln sie sich da unten in der Tiefe und gleich den Menschen, die zerstritten ihr eigenes Lebenswerk vollbringen suchen, so sind auch jene Wesen noch nicht vereint. Noch
nicht. Was dieses Wesen hier tut… Kurier ist oder nur ein Herold, der den Krieg verkündet, das weiss ich nicht. Das mag ich nicht wissen wollen.

Dankbar, dass ich das Erlebte niederschreiben darf, um Generationen in der Zukunft zu warnen, steige ich aus. Und ich sehe, wie das Wesen ebenso auf den Bahnhof tritt, die Treppe hinuntergeht und eine der unbekannten Türen öffnet, die in den Abgrund unter Berlin führen und ganz tief hinten, hinter all dem Rauschen der Fahrgäste höre ich die Rhythmen eines uralten Volkes, welches sich bereit macht, loszuschlagen.

Berlin – Studium eines Schattenwesens in der S-Bahn

Berlin – Studium eines Schattenwesens in der S-Bahn

Berlin

Die Sbahn

unendliche Weiten

wir schreiben… 2011.

Die Umgehung meiner Ubahn dank gewisser baulicher Betätigungen bis November hin zwingt mich förmlich in Richtung S-Bahn, von der ich mir, nebst schneller Bewegung auch einen freien Blick in die schönen Häuserschluchten von Berlin erhoffe.

Wenn die Leute nicht sind, die mich begaffen…

Begaffen… eine Angewohnheit älterer Herrschaften (aus Neid, weil ich noch jung bin)… von Jungen (weil ich schon so vergreist bin), also bin ich es gewohnt und muss nicht mehr laut Gustav Mahler (Mr. Heavy Metal in Person) hören, um hip zu sein. Unabhängig davon starre ich unverblümt in die Richtung eines Pärchens, das mir den Blick hinaus ablenkt, wie ein schwarzes Loch im Weltraum. Schwarz, eine passende Farbe für die beiden jungen Menschen.

Er

starrt in die Luft. Sein Gesicht in bodenlose Agonie versunken, an der melancholischen Brust des Metaversums, also des unendlichen Nichts liegend, träumend, hoffnungslos. Er zittert leicht. Der Mund zusammengepresst wie eines seiner Augen, hinter Brillenglas. Apathisch. Das Basecap modisch zur Seite gewandt + eine schwarzgefärbte Ponylocke bis unter die Nase = ein Gemälde von Picasso. Das Shirt einer mir bekannten Band, die jedoch zu uncool ist, um sie zu posten, zu „hip“ sagen wir es so, ragt hinab, geht nahtlos in offene Lackstiefel über, gelöchert, lose leuchtendrote Schnürsenkel ohne Sinn und Zweck.

Er ist allein und einsam und die Welt ist grundsätzlich schlecht, dass er so allein und einsam ist, doch

Moment einmal.

Sehe ich nicht neben ihm eine junge Frau, in emotionalem nachtfarbenen Chic gekleidet mit graugefärbtem Schläfenhaar, die lächelt und mit ihm redet?

Nicht in seinem Universum.

Auch wenn Sie seine Hand nimmt.

Sein Gesicht, eine Maske. 5000 Jahre alt.

Sie redet ihm gut zu. Er erinnert mich an eine mentale Mumie.

Da ein Kuss. Ich schaue kurz weg, folge meiner eigenen Höflichkeit und den Knigge, der stehts dabei ist.

Eine seiner Augenbrauen hebt sich kurz. Sein Gesicht erwacht. Er lächelt, versucht es jedenfalls. Jahrtausendelange Agonie hat das Gesicht in eine Statue aus purem Weltschmerz verwandelt. Doch nun bröckelt Sand. Hoffnung strahlt auf im Gesicht seiner jungen Begleiterin.

Dann, als hätte ein Blitz aus dunkler Materie ihn getroffen, versinkt er, gerade ans Licht geholt, erneut in die endlose Nacht.

Und dann steige ich aus. Und ich sehe eine Regenwolke über dem Wagon schweben und filigrane Düster-Wesen aus anderen Dimensionen kreisen wie von einem ewigen Strudel gehalten genau über seinem Platz, der anscheinend das Tor zwischen den Welten ist.

Ich bin zu alt für diese Dimensionstore, sage ich leise und lausche den bewegenden Klängen der Sinfonie Nr. 5 von Mr. Heavy Metal Gustav Mahler und träume von küstenlosen Meeren, während ich hinabschleiche, in die Stadt, die mich leise ruft.

! und i aus dem Wunderwunderwunderspaßland (Fröhlichen Muttertag)

! und i aus dem Wunderwunderwunderspaßland (Fröhlichen Muttertag)

Das Besondere an diesem Abend war nicht, dass der blütenweiße Regen das Gold von den Füssen der promenierenden Hauptstadtbesucher gewaschen hatte, sondern dass die Sonne an diesem besonders schönen Sonntagabend sich einfach weigerte, unterzugehen.

Betroffene Zwerge suchten mit ihren getönten Sonnenbrillen nach Schatten, Elfen zwitscherten fröhlich in ihren Bäumen und Baumwesen, naja, die waren aufgeregter als ein Flusspferd bei Ebbe. Es war eine ausgelassene, pre-apokalyptische Szenerie, von der wir uns nun verabschieden werden, weil sie eigentlich nur dazu da ist, diesem Text, also diesem zu erwartenden Geschehen zum Ersten, eine Art Rahmen zu geben und zum Zweiten die Worte streckt, also mehr als 300 Worte in sich tragen lässt, denn der Autor mag es nicht, nur einige Sentenzen aufs digitale Papier zu prügeln.

Kehren wir also von dem ganzen Lari-Fari um und beschauen uns die beiden Strichfiguren, die munter kichernd einen Feldweg entlanglaufen, der sie genau in die falsche Richtung führt.

„Strichina“, sagt die etwas fülligere Ausrufezeichenform und beugt sich über ihre Tochter, die einem winzigen i zu folgen pflegt, Strichina genannt, warum auch nicht. Nicht überall heisst Rattengift Strychin und auch nicht überall isst man Marbellen mit Kokosnussraspeln. Zurück zu dem Gespräch, welches nicht mehr hörbar ist, weil die beiden Personen bereits weitergegangen sind. Der Autor folgt und hört nur noch das kleine i sprechen. Wir lassen den Begriff „Strichina“ einfach weg, nicht wahr?

„… und dann hat das Wesen aufgeschrien und ist aus dem Fenster gesprungen.“

! lächelt. „Du bist eine ziemliche Göre, schon immer gewesen, i. Ich finde es bemerkenswert, dass du so lange bei den…“ i antwortet sofort „Menschen heißen sie und sie sehen aus wie große Zwerge oder riesige Elfen oder winzige Riesen. Und sie mögen keine Überraschungen.“

! lächelt wieder. „Ich bin wirklich stolz auf dich. Nun, willkommen.. wie soll ich es sagen.“ i kichert. „Ich weiss, das Wunderwunderwunderspaßland hat mich wieder. Ich freue mich, das Praktikum der Bibliothek erfolgreich absolviert zu haben. Und ich freue mich, wieder in meine Wohnung ziehen zu können. 8. Stockwerk. Balkon, Ruhe, Frieden. Hoffentlich wohnt dieser Magiergeselle nicht mehr unter mir. Ey, der hat ja wohl ne Macke, Weisst du noch, auf einmal schwebte alles an der Decke, nur weil der Idiot einen Spruch falsch ausgesprochen hat. Eigentlich denke ich ja, der steht auf mich, aber nein, kein Magiergeselle. Ende… Ich hoffe…“ i erstarrt. Ihre Mutter weiss, was nun kommen wird.

„Aaaaaaaaaaah, Mutter, Mutter“

! nickt. Die leichte Panik hat nachgelassen. Sie konnte es nicht sagen.. sie wollte es, aber… Mütter sind halt… auch wenn sie ! heissen, Mütter.

„Ich weiss, i, es ist, ich wollte es dir nicht sagen.“

„Was ist…“ i zittert am ganzen Leib. Sie lässt den Koffer aus fussgenähtem Bisamzungensamt fallen. Auf dem goldenen Pflaster (wie Sie sehen, kommt der Autor auf diese Tatsache des Wunderwunderwunderspaßlands zurück…) beginnt der Koffer talwärts zu rutschen. i beachtet es nicht. Ihr dünner Punkt ist beleuchtet von einem erdbeerfarbenen Strahl, der sich in den Himmel bohrt, die Wolkendecke durchdringt und in ein oder zwei Jahrzehnten sicherlich den Welpenstern tangiert und dann sicherlich irgendeine Zivilisation Oktopoden auslöschen wird.

„Was zur…“

! fühlt sich schuldig, ihrer Tochter nicht die Wahrheit gesagt zu haben.

i wirbelt herum. „Mutter“ ihr Gesicht zeigt Zeichen von Wut an, aber es lässt sich eh nichts daraus lesen, von daher bleiben wir dabei, dass wir Zähneknirschen hören können, wenn wir uns anstrengen. Danke für den Aufwand.

„Der Magiergeselle… er ist… er hat die Prüfung bestanden… und“ ! räupert sich, „Dann hat er leider bei einem Partyzauber danebengegriffen. Du kennst doch diese Mana-Cocktails aus Spiritus und Salmiak-Geist, er hatte halt sehr viel und dann…“

! legt ihre Arme um i und drückt sie fest an sich. i fühlt eine tiefe Geborgenheit in ihren Adern fließen und dreht sich noch einmal um. „Kann ich bei euch schlafen?“ ! nickt. „Dein altes Zimmer ist doch noch immer frei. Wir hatten mal einen Untermieter, einen Bleistift, aber der war frisch gespitzt und hinterher haben wir auch alles wieder so eingerichtet, wie du es mochtest. L wird sich freuen.“

„L?“ i zuckt. ! nickt „Ja, dein Vater hat endlich die Beförderung erhalten.“

„Cool.“ Beide verlassen, von dem erdbeerfarbenen Strahl beschienen, den tragischen Ort.

Nur im Hintergrund hört der Autor noch kurze Fetzen eines smalltalkhaften Gesprächs…

„Ich glaube, deine Wohnung ist im Himbeer-Ozean gelandet. Es gibt dort Schuhabtretersichtungen, also komm ja nicht auf die Idee, einen Papierdrachen zu basteln…“

„Weisst du, Mutter… bei den Menschen gibt es so eine Erfindung: Haftpflichtversicherung. Glaubst du, dass die Zauberer-Gewerkschaft…“

„Nein, meine kleine i ich glaube nicht, dass die hier sowas haben.“

„Schade.“

Hasen im Wunderwunderwunderspaßland

Hasen im Wunderwunderwunderspaßland

Das ausgestreckte Bein seine Cousins, des Osterhasen, erwischte das weiße Kaninchen direkt am Knöchel und mit lautem Schrei schlug es mit der Nase voran direkt in den Straßenstaub.

Wie von Zauberhand tauchte aus der anderen Richtung sein Cousin, der Osterhase aus dem nichts aus und half ihm auf. Das Weiße Kaninchen fluchte. Sein schönes weißes Fell war Gelb vom Sand und auch seine Nase schien zu bluten, wenn es versuchte, es mit einem papiernen Taschentuch abzuwischen. „Verdammt“, dachte es, als es beim Schauen bemerkte, dass es den Erlass der Herzkönigin mit seinem unwürdigen Blut beschmutzt hatte. Humpelnd machte es sich auf den Weg. „Ich komm zu spät“. Der Osterhase schaute ihm hinterher. In seiner Hand hielt er, glitzernd wie Gold, die Uhr seines Cousins.

Ein Schrei aus der Ferne. Das Kaninchen hatte also den Tausch bemerkt. Magie half nichts, wenn der Verstand nicht Ordnung war. Der Osterhase machte, dass er wegkam. Vor dem Schatten des Zauberwaldes verblasste sein magisches Ebenbild.

Der dunkle Wächter grinste in seinem rostverzierten Holzstück, das man unter Umständen eine Rüstung genannt hätte, wäre, ja, wäre es nicht nur ein Haufen Holz gewesen, das einigen magischen Spezies zwar als undurchdringlich schien, aber einer handelsüblichen Axt nichts entgegenzusetzen hatte.

Er grinste sein zahnloses Grinsen über das ganze Gesicht, als er den Osterhasen an sich vorbeihüpfen sah, schneller als einer der Wirbelwinde, die einige Menschen aus ihrem Innersten heraus beschwören würden können,

wenn der Tag reif war. Er dachte bei sich „So schnell möchte ich auch einmal hüpfen.“ Doch sein Vater hatte es ihm, Jahr und Tag tatsächlich vor vielen Jahrzehnten einmal verboten. „Hüpfen tun nur Hasen. Sonst keiner. Ende

im Gelände.“ Er hatte dabei das Hackebeil gehoben und der damals so kleine Wächter hatte sich in seinem hölzernen Astwerk versteckt, aus Angst, dass die metallene Spitze des Objektes die Rinde seines Unterschlupfs massakrieren könnte.

Die Königin schüttelte den Kopf, als das Kaninchen seine Geschichte vortrug. Sie schüttelte nicht den eigenen Kopf, denn dieser lag noch daheim im Schlafzimmer und war die Stütze für eine der Dutzend Perücken. Sie schüttelte, eben stattdessen, ein Symbol, einen Puppenkopf, dessen Augen sprichwörtlich hin und herschaukelten.

„Du solltest deine Familie im Auge behalten.“ sagte sie zischend, denn der Puppenkopf hatte keinen wirklichen Mund und so musste eine Art Riss als Sprechorgan dienen. Ein Riss, der tief ins Innere des Kopfes lief, bis in die Leere, die das Universum für diese Art Existenz erschaffen hatte.

„Ich weiß, My Lady.“ Das Kaninchen schluchzte, als die Königin eine Klappe am Thron öffnete und eine, goldglänzende, neue Taschenuhr herauszog. „Er ist dein Vetter“, bedachte der Weihnachtsmann die Situation lautstark, während er tief in seine Jackentasche griff und eine ziemlich zerschrammte Taschenuhr berührte, die ihm der Osterhase tatsächlich zu Ostern geschenkt hatte. Oder so in etwa…

„Ich weiß es!“ brüllte das Kaninchen. „Und du bist sein Dealer!“ sagte es, himbeerfarbene Tränen kullerten aus seinen winzigen Augen. Der Weihnachtsmann schüttelte den Kopf. „Ich doch nicht. Wir sind Todfeinde, musst du wissen, mein kleiner gefiederter Freund.“

„Schnauze, sonst lass ich euch alle köpfen!“ Die Königin war aufgesprungen und schlug dem Weihnachtsmann direkt auf die Nase. „Ihr widert mich an!“ Sie zeigte auf das Kaninchen. „Dein Vetter braucht eine Therapie!“

Die Türen schlossen sich hinter dem Kaninchen. Es war allein. „Mein armer armer Vetter“, flüsterte es leise. „Ich weiß, dass du süchtig nach Lametta bist. Und wieder werde ich in ein paar Tagen, während deine Dosis Glitzerkram nachlässt, zufällig den Weg entlanglaufen und kriege wieder ein paar aufs Maul. Aber keine Sorge…“ Es dachte an den Weihnachtsmann und daran, wie dieser morgen früh sein Lieblingsrentier vermissen würde… Who the f… ist Rudolph.

Das Kaninchen lächelte bitter und machte sich auf den Weg und die Luft roch stark nach Ananas und Rotwein und alles war wundervoll im Wunderwunderwunderspaßland.

Lyrik über Vögel vor dem Fenster morgens in der Dämmerung/In D-Moll/Reim-Dich-Modus

Lyrik über Vögel vor dem Fenster morgens in der Dämmerung/In D-Moll/Reim-Dich-Modus

Des Menschen Feind, ganz ohne Hast

sitzt vor dem Fenster, auf dem Ast

und schaut mit schwarzem Kullerblick

betrachtet nun mein Dämmerglück.

Ein Flügelschlag erweckt die andern,

und statt zu reisen, südwärts wandern

beginnen sie, gleich einem Chor,

zu „singen“ in mein rechtes Ohr.

Dem Pfeifen mag man abgewinnen

dass, wenn man wach ist, freudig grinnen,

doch wie so oft im Dämmerland

ballt sich bereits des Schlummers Hand

und eine Faust wird offenbar,

die diese Zeit hasst, Früh und Jahr,

und dann erhofft sich Schnee und Eis

und Vogelflucht in südliche Kreis

Und wie die Sonn sich heller schraubt

und man es greller nicht zu werden glaubt

da endlich, meine Wünschen folgen

da graue Riesen, Wasserwolken

Die klugen Vögel starren nun

nach oben, können nicht mehr ruhn

auf ihrem Aste, dieser schwingt

fliegen davon, zum Abschied winkt

der eine Vogel, Menschenfeind

der weiterflucht, im Hass vereint,

den Schläfer quält mit lauten Schall

bis endlich trifft, der Regenschwall

unzufrieden mit der Stille

wacht auf des Schläfers Widerwille

er taumelt bis zum Fenster hin

und öffnet es. Ja. Ohne Sinn.