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Monat: April 2011

Die Marskriege von 1938. (M)ein Geständnis.

Die Marskriege von 1938. (M)ein Geständnis.

Sie können sich nicht vorstellen, welche Dinge ich in meinem unendlich kurzen Leben gesehen habe. Sie haben ja keine Ahnung davon, zu welchen Dingen die Menschen im Stande sind, wenn es nicht anders geht. Wenn sie glaube, dass es nicht anders geht. Jedenfalls sind die Leute ziemlich verrückt.

Deshalb habe ich auch, bis ich 40 Jahre alt war, in einem dieser Irrenhäuser verbracht. Nein, nicht als das, was Sie denken, als ein Insasse oder so etwas. Nein, ich war, sagen wir so: Mann fürs Grobe. Essen hinstellen, die Leute beobachten, dem einen oder anderen einen Tritt geben, wenn er wieder austickt. Das Übliche halt. Wir waren damals ein recht gutes Team, Richard, Gustav und ich. Jung und in Saft und Kraft. Und das Geld, das wir für diesen Knochenjob bekommen haben, gleich umgesetzt auf Gin und Weiber. Lang ists her. Seitdem sind viele Jahre ins Land gezogen. Nun, am Ende der 1920er Jahre, wenn diese Erde mal wieder einer verdienten Katastrophe ausgesetzt ist und man sein Geld besser verbrennen kann, als es auszugeben, im gepflegten Alter von 53 Jahren sitze ich, die einen kalten Waschlappen im Nacken in meiner Bude und schreibe.

Es hätte ein großes Buch werden sollen, aber man kennt das ja: „Geschichten aus der Anstalt – Tod und Wahnsinn“ sind zwar in, aber ich war immer faul. Und ich hab mein Leben mit Weibern und Wacholderschnaps ausgefüllt, war auch in Ordnung. Doch bevor mich Gevatter Tod auf die Schultern tippt und mir damit andeutet, doch bitte mitzukommen, notiere ich noch schnell eine Geschichte, die der kommenden Generation helfen kann, sich vorzubereiten.

Es war das Jahr 1898 und die Welt, wenn man von ihr als Mensch sprechen kann, auf das großartige Jahr 1900. Einige Leute glaubten, man habe alles bereits entdeckt, es gäbe nichts mehr, was das Universum erschüttern könnte. Die Musik war ganz in Ordnung. Einige Kriege hier und da, was macht das schon. Sonne und Mond und Sterne standen am Himmel. Jedenfalls arbeiteten Richard, Gustav und ich in der Klapse. Es war ein gutbezahlter Job. Mein Chef, Aufseher William B., meinte immer: „Verdammt, ihr seid einfach zu gut bezahlt für diese Rasselbande hier.“ Dabei kaute er immer auf seiner Zigarre herum. Er leistete sich keine neue.

Eines Tages kam Richard aufgeregt in unseren Wartebereich gerannt, den Kopf rot vor Anstrengung und vom Alkohol und meinte: „Das müsst ihr euch ansehen!“. Klar sind Gustav und ich mit einer gewissen Gemächlichkeit aufgestanden und ihm gefolgt. Richard war immer sehr aufgeregt, von daher war es uns eigentlich egal, was wir sehen würden.

Wir liefen hinunter in den Keller. Es gab 2 Kellergeschosse, ganz unten für die total wahnsinnigen Verbrecher, darüber, mit etwas mehr Licht, die Abteilung für die Leute, mit denen man nichts anfangen konnte, die einfach, wie soll man sagen: Unrettbar verloren.

Richard blieb vor einer der Türen stehen, aufgeregt wie ein kleines Kind. „Bist du besoffen“, fragte Gustav. Richard schüttelte den Kopf. „Auf keinen Fall. Schaut mal in die Zelle.“

Ich zuckte mit den Schultern.

Als ich hineinschaute, dauerte es eine Weile, bis die Schatten verschwanden. Was ich sah, war irgendwie lustig, machte ein bisschen Angst und, faszinierte mich.

„Sammelt der Mann Papier“ fragte ich Richard. „Nee, der schreibt, die ganze Zeit. Immer wenn ich hier war, schreibt er.“ „Sowas wie Logomanie“, meinte Gustav stolz. Ich lächelte ihm zu: „Soso, ein Fremdwort kannst du auch schon!“

Richard schob mich beiseite und schaute wieder in den Raum hinein. „Der Mann ist seit 28 Jahren hier. Hat mir der Chef im Geheimen gesagt.“ Er nickte. „Er schreibt nur. Alle halbe Jahr muss ich rein und seine ‘Werke’ rausbringen. Und ich muss für frisches Papier sorgen.“

„Sonst was?“ fragte Gustav.

„Ich weiß nicht. Ich befolge nur Befehle. Und ich kriege Bonusgeld dafür, dass ich es keinem sage.“ Richard zuckte mit den Schultern.

„Das du mit uns teilen wirst“, deutete ich an, „sonst wissen es bald alle.“

„Hey Mann, das kannst du doch nicht…“ dann begriff Richard. Ich lächelte jovial. „Keine Sorgen. Dein Geheimnis bleibt unter uns.“

„Hat man ihm schon mal das Papier weggenommen?“ fragte Gustav. Richard nickte. „Ja, hat der Chef auch gesagt. Aber dann ist was furchtbares passiert und… man hat ihm Papier in Hülle und Fülle versprochen und hier eingesperrt. Draußen wäre er nicht überlebensfähig, würde wohl verhungern und verdursten. Eher das, als nicht zu schreiben.“

Wir trafen uns am Abend wieder. Wacholderschnaps und Weiber. Aber irgendwas bohrte tief in einem Inneren. Ein gemeiner Schweinehund war ich manchmal unter dem Eindruck von Alkohol. Richard schlug mir auf die Schultern. „Du denkst doch nicht an unseren Freund, den Schriftsteller?“

Ich schüttelte den Kopf.

Es war eine Lüge.

Die nächsten Wochen verbrachte ich damit, mir Gerüchte und Einzelheiten des Falls einzuholen. Der Chef war in den „Sommerferien“, die anderen Kollegen durch die Hitze dieser Augusttage apathisch bis zum reinen Dösen auf Arbeit.

Was ich herausfand, war faszinierend, bohrte sich in die finstersten Ecken meiner Seele. Der Mann war im Jahre 1812 geboren, hatte eine furchtbare Kindheit gehabt und hatte sein Seelenheil durch die Schriftstellerei gefunden. Er war so verdammt erfolgreich, dass man ihn auch in 100 Jahren nicht hätte vergessen. 1870 verschwand er, bzw. er „starb“. Zumindest gibt’s ein Grab, das ich besucht habe. Ich bin nicht der einzige Besucher gewesen, nur einer von vielen „Fans“, fanatischen Anhängern seiner Kunst. Ich fand seine Bücher langweilig. Zuwenig Kriminalstück, zu viel „soziale Kritik“.

Dann verging der Sommer und der Herbst erwachte und der Mann in der Zelle, lebendig und wahnsinnig ließ mir keine Ruhe mehr. Ich musste wissen, was er schrieb und besonders, warum er schrieb. Ich hatte noch die Worte im Kopf „Aber dann ist was furchtbares passiert und… man hat ihm Papier in Hülle und Fülle versprochen und hier eingesperrt.“

Ich lächelte und Richard, der zufällig anwesend war, zuckte zurück. „Mensch, reg mich doch nicht so auf.“

An einen Schlüssel zu kommen war einfach. Ein Verschwundener Mensch hat keine Besucher, niemanden, der ihn befreien will. Gustav legte ihn immer in seinen Schrank und dachte noch immer, ich sei sein Freund. Dummer Mensch.

Der 30. Oktober 1898, in sonntäglicher Minimalbesetzung, war perfekt. Die Türe zu meinem Gast öffnete sich leise wie der angespannte Atemhauch einer Katze. Ich konnte das Kratzen eines Stiftes auf Papier hören. Trotz der nachmittäglichen Zeit war es finster wie eine Neumondnacht. Die Schatten, die meine Laterne über die Stapel wild dahingestellter Papierseiten warf, schwebten wie riesige Häuser an den Wänden.

Der Mann wirkte winzig in seinen Mauern aus Schriften. Sein Bart erweckte in mir den Wunsch, daran zu ziehen und mir etwas zu wünschen. „Böser Zwerg“ kicherte ich. Ich weiß heute nicht mehr, warum ich ihm den Stift aus den Händen nahm. Was mich ritt, ihn hochzureißen und in seine erstarrten Augen zu blicken. Seine Stimme war wohlklingend und auf faszinierende Art und Weise furchtbar eloquent:

„Mein Freund. Geben Sie mir bitte den Stift wieder.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Kein Stift mehr für dich, Charlie.“

Sein Kopf begann zu vibrieren. „Geben Sie mir bitte den Stift wieder.“

Ich lehnte erneut ab. „Dann lassen Sie mich bitte weiterschreiben. Es ist…. wichtig.“ sagte er mir und seine Stimme schien flehender zu werden.

Ich hielt ihn noch immer fest. „Das wird eine Heilung auf die alte Art und Weise.“

„Sie verstehen nicht, mein junger Freund. Es geht nicht um mein Leben, sondern…“ er stoppte. „Bitte!“ Seine Stimme begann zu zittern. „Sie vernichten damit diese Welt!“

Ich warf ihn zur Seite. „Wieso, alter Mann?“

„Ich habe… einen Besucher.“ er tippte sich auf den Kopf.

Ich brach in lautes Lachen aus. „Nein, Sie sind nur wahnsinnig. Ich zeige ihnen etwas.“

Einige Minuten später warf ich das zappelnde Stück Patient auf den Rasen vor dem Irrenhaus. „Und jetzt?“

Seine Schreie hatten die anderen Patienten an die Fenster gelockt. Sie waren still, aber ich fühlte ihre Augen auf meinem Rücke.

„Also. Vernichten Sie doch diesen Planeten!“ lachte ich.

„Bitte, einen Stift. Ich muss schreiben!“

Ich packte den Mann wieder und zog ihn nach oben. Seine Augen, ein Ring aus Panik und Schmerz. Die vergilbte Haut in seinem Gesicht zeigte einen rosigen Schimmer. „Sie bilden sich was ein, Charlie.“

Dann riss etwas. Ein dünner Film aus Blut floss über seine Stirn, auf seine Nase, tropfte auf meinen Kittel. Er legte den Kopf zur Seite. „Du hast unsere Welt vernichte. Ich trage einen Besucher in mir, der seit Jahrzehnten in meinem Kopf sitzt, den ich ablenken muss, damit er nicht… damit er unseren Planeten nicht verlässt, sein Volk auf uns aufmerksam macht. Die uns vernichten.“ Er schrie und durch seinen Schrei hörte ich noch etwas anderes andere. Mit leisem Surren bohrte sich ein silberner langer Stachel direkt aus der Mitte seines Kopfes ins Freie. Nach etwa 20 Zentimetern blieb das Ding stehen, öffnete sich wie eine Blume nach oben. „Zu spät, Sie Weltenvernichter.“ Charlie lächelte ein letztes Mal und flüsterte einige Worte in die Luft. Dann schrie er erneut. Mit einem schmatzenden Knacken riss der obere Teil seines Kopfs auf, gebar eine Art metallene Birne, die sich nach unten in das Bild einer … Untertasse (?) verbreiterte. Im Hintergrund hörte ich meine Kollegen kreischen. Während das Objekt zu rotieren und dem Himmel entgegenzustreben begann, packten sie mich, warfen mich nach hinten, noch bevor die zuckende Gestalt unseres Patienten einer Marionette, einem Huhn ohne Kopf mir etwas antun konnte. Seine Hände hielten die Luft gepackt und würgten das Nichts.

Nun, das war meine Geschichte. Den verfallenen Körper unseres Ex-Patienten fand man nach Monaten nur durch den Gestank in seiner Zelle. Niemand sagte ein Sterbenswort. Meine Kollegen redeten nicht mehr mit mir. Ich entschloss mich, umzuziehen, aufs Festland, ins schöne Berlin, wo ich eine kleine Praxis habe für „Spezialfälle“. Nebenbei schreibe ich auch Kurzgeschichten. Mir geht es gut. Ich verdränge viel. Nur, wenn sich die Zeit des 30. Oktobers nähert, beginne ich, unruhig zu werden und meine Träume werden sonderbar klar und furchterregend. Und dann höre ich wieder seine Stimme und seine letzten Worte: „Dank Ihnen, junger Mann, wissen die nun, dass wir hier sind. Ich hoffe, hinter Ihrer Dummheit steckt eine Menge Tapferkeit. Gegen die Wesen, die da draußen lauern, haben wir keine Chance. Beobachten Sie den Himmel, junger, allzu dummer junger Mann. Achten Sie besonders auf den Mars. Von dort werden sie kommen, Sie Blödian.“

Die Wahrheit – eine Frühlingsmetamorphose

Die Wahrheit – eine Frühlingsmetamorphose

Tocktock, gleich einem winzigen Hammer klopft der Schnabel einer Amsel.

Tocktock, wie ein finsteres Omen vibriert das dünne Fensterglas.

Tocktock, dann flattert der Vogel hörbar davon und lässt sich auf einem der erblühenden Apfelbäume im Garten nieder, betrachtet mit schrägem Kopf das Haus. Keiner reagiert. Hätte die Amsel Schultern, sie würde jetzt damit zucken. Aufmerksam lauscht sie auf eine Reaktion, starrt auf das rot gefleckte Dach vor sich, wartet.

Er verzieht sein Gesicht, doch der Traum ist verflogen. Die Last seiner Müdigkeit drückt ihn noch immer tief in die Kissen, doch er spürt das sanfte Knistern der Daunen, die aneinander herumschaben. Die Luft fühlt sich trocken an und seine Lippen suchen nach dem Springbrunnen, der noch vor Sekunden in seinem Kopf war, eine flüsternde Fontäne, friedlich und zart.

Die Augenlider fahren, langsam wie der LKW, der ihn überfahren zu haben scheint, nach oben und lassen seine Pupillen wie Mückenlarven zusammenschrumpfen. Seine Sehnerven beschweren sich, er drückt sich herum, seinen mächtigen Körper hinter sich herziehend, Hauptsache weg vom Fenster.

Da ist es wieder. Dieses Verlangen. Liegt es am Licht, an der Wärme, die von draußen in das dunkle Fenster scheint, Bahnen zieht, ein Prisma aus, Zittern macht sich breit, ein Prisma aus Farben erschafft? Er fühlt, wie seine Haut sich spannt, wie die Glätte in seinem Gesicht, die noch vor Monaten angenehm war, ihn wahnsinnig macht.

Er steht auf. Seine Füße krallen sich in den Teppich, dann packt ihn die Schwerkraft und drückt ihn zurück in die Federn. Erneut ein Versuch und nach vorn gebeugt, beide Hände am Fensterrahmen, bleibt er stehen. Seine Hände zittern. Er reißt das Fenster auf, versucht die kalte und klare Luft eines Dezembermorgens in seine Lungen zu zerren, doch es ist zu warm. Kein Dezember mehr.

„Hallo Du.“

Panisch wirbelt er herum, starrt auf das Bett, starrt auf seine Frau, die ihn mit offenen Augen betrachtet.

„Oh mein Gott.“ Ihre Pupillen weiten sich, sie erstarrt förmlich in ihrer Position gleich einem Reh, das zu tief in ein Glas voller Nebelscheinwerfer geschaut hat. „Ich hatte ja keine Ahnung.“

„Doch, das hattest du. Ich habe dir alles gesagt. Alles, was passiert, passiert. Es ist nicht mehr Dezember.“

Sie hebt ihre Hand von ihrem Mund, zeigt verstört auf die Gestalt, die am Fenster steht, auf den Schatten, der ihrem Mann nicht mehr gleicht, flüstert „Aber dass es so… ich habe ja nicht geglaubt, dass du wirklich…“

Er nickt. Seine Füße sind schwer, als er in Richtung Kleiderschrank stampft. Schmerzen zucken, Blitzen gleich, durch die Muskeln, lassen ihn in immer kürzeren Abständen zusammenbrechen und sich wieder aufrichten, jedesmal anders als Augenblicke zuvor. Endlich erreicht er den Schrank, reißt ihn auf…

„Du hast immer geschlafen.“

Seine Stimme hat sich angepasst, als hätte er gleich dem Märchenwolf Schulkreide inhaliert, sie wirkt nun höher als sonst. Ein letztes Zucken durchfährt seinen Körper, er erstarrt, während sein Kopf vibriert, ruckartig, wie von einem unsichtbaren Seil durch die Gegend geschleudert.

„Ich wollte dich doch nicht wecken.“

Es kichert. Das Wesen kichert. Die Frau in ihrem Bett versteckt sich hinter der Bettdecke, lässt nur ihre aufgerissenen Augen sehen. Sie weint leise.

Das Wesen greift in den Schrank, zerrt eine bisher ungesehen Hose mit dicken Hosenträgern heraus, schlüpft mit bemerkenswerter Gelenkigkeit in diese hinein. Es wendet sich um.

„Du hast es gewusst, hihi“

„Aber Nick, ich wusste doch nicht… dass….“

Sie erschrickt, als die Gestalt aus der Tiefe des Schrankes wieder auftaucht. Das Gesicht, der ganze Körper hat sich in eine weiße Masse verwandelt, glitzerndes weißes Haar hat sich aus jeder Pore seines Körpers geschoben. Die Gestalt kommt mit winzigen Sprüngen näher. Sie kann nicht mehr normal laufen. Seine Füße, nein, Pfoten scheinen gigantisch zu sein.

Den Mann, der einstmals, vor unendlichen Monaten aus der finsteren Nacht des 25. Dezembers aus dem Himmel hinabgestiegen war, den leeren Sack in die Ecke geworfen und seinem Lieblingsrentier einen Klaps auf den Hinterkopf gegeben hatte, gab es nicht mehr. „Aber Nick, Santa….?“

„Shhhhh…“ sagte das Wesen und strich sich mit seiner grotesk verformten Vorderpfote die weißen langen Ohren zurück…. „Santa gibt es nicht mehr, mein Kind….“ Es beugte seine Fratze über die panisch zitternde Frau und flüsterte „Santa ist tot. Nenn mich… Osterhase.“

Kamera-Licht-Aktion

Kamera-Licht-Aktion

„Mr. Slavis, wir begrüßen Sie zu dieser Sondersendung.“

„Dankeschön. Es ist gut, hier zu sein.“

„Wie fühlen Sie sich?“

„Gut. Etwas aufgeregt.“

„Das können wir alle nachfühlen.“

Klatschen.

„Ist es nicht eigenartig, dass Sie nun hier sind? Kaum 24 Stunden aus ihrer Heimat geflohen und dann geben Sie gleich ein Konzert vor Hundertausenden Menschen.“

„Es ist natürlich, wie sagen Sie, eigenartig. In meiner Heimat, nun, bin ich zwar bekannt, aber unter der Herrschaft eines Diktators zu leben… ein schlechtes Gefühl.“

„Wie war Lituvatita denn so?“

„Hmm, ich sage mal, ein kleines Land, wie man es von romantischen Postkarten kennt. Viele Dörfer, eine Menge Bauern, eine große Hauptstadt mit dem Palast unseres, ich meine, des ehemaligen Chefs der Geheimpolizei, Vlad III.“

„Geheimpolizei ist ein gutes Stichwort. Haben Sie mehr oder weniger unter dieser gelitten als andere?“

„Andere was? Ich meine, wer. Meinen Sie Künstler oder die Bevölkerung im Allgemeinen. Ich weiss nicht…“

„Sowohl als auch. Seien Sie ruhig ehrlich, Sie sind nun frei.“

Klatschen.

„Ich muss mich noch an diese ganze Sache gewöhnen. Ich habe 20 Jahre unter dem Regime gelebt. Sie wissen ja, dass meine Eltern im Laufe der humanitären Aktion in die Provinzen der Ostblockstaaten gereist sind und dann, als Vladimir Tritonkow, der Chef der damaligen Geheimpolizei den Fürsten stürzte und niemand da war, ihn aufzuhalten.“

„Ihr Land hat einige Bodenschätze und ich glaube, damals gelesen zu haben, dass es großen Streit gab, Ihr Land zu befreien. Wir leiden mit Ihnen.“

„Danke sehr. Nun, meine Eltern mussten sich mit dem zufriedengeben, was sie hatten. Zum Glück oder leider, je nachdem, wie man es sieht, habe ich ein kleines Talent geerbt, welches die Menschen berührt. Ich kann ein bisschen singen. Darauf baute Vlad III und liess mich auftreten. Liess einige Produzenten ins Land, die aber trotz Abwerbeversuche nur dazu da waren, mich, wie sagt man, zu pushen.“

„Die Welt liebt Sie.“

„Danke sehr. Ich liebe dieses Land.“

Klatschen.

„Einige Verschwörungstheoretiker meinen allerdings, dass Sie bewusst aus dem Land geschmuggelt wurden, um gewisse geheimdienstliche Informationen zu erlangen. Diese Menschen behaupten, Sie seien ein Spion.“

Lachen.

„Nein, das lehne ich entschieden ab. Ich bin Künstler.“

„Wir freuen uns auf Ihren Auftritt und heißen Sie erneut in diesem Land willkommen.“

„Dankeschön.“

Klatschen.

Zwei Männer treten an das Fenster. Dürre Bäume starren ohne Schatten in die Finsternis hinaus. Die Luft duftet nach rußgetränktem Gras. Ein leichter Nebel kommt auf.

„Eine gute Probe.“

„Danke, Vlad. Ich werde die Heimat vermissen.“

„Ich weiss. Ich werde dich vermissen.“

Stille.

„Hörst du das, mein Junge?“

„Nichts. Da ist nichts.“

„Gut. Das heisst, dass sie kommen. Bis bald, mein Sohn.“

„Bis bald, Vater.“

Das Lied – ein Märchen

Das Lied – ein Märchen

„Bist du da?“

Kein Geräusch hinter der Tür. Ich klopfe erneut. Nichts. Kein Geräusch, kein gar nichts. Vorsichtig schiebe ich meine Hand auf den Türknauf, drücke das dürre Holz von mir.

Ich muss mich erst an das grelle Licht gewöhnen, erfasse den verhangenen Spiegel, den umgeworfenen Stuhl auf roter Auslegware.

„Bist du da?“ frage ich noch einmal und irgendwo im Hintergrund stöhnt jemand.

„Mann, wir müssen auf die Bühne. Teh Metal-Crowling-Company ist nichts ohne dich, Paul.“ Wieder stöhnt jemand. „Ich hoffe, du hast dir kein Koks reingezogen. Du weisst, du bist auf Entzug.“

Ich trete an den Wandschrank, reiße ihn auf. In der Ecke, zusammengekauert, Paul „Crowling Madness“ McNeal.

„Was ist los?“

Er hebt den Kopf, presst seinen Mund durch die zusammengeballten Hände.

„Ich kann nicht…“ sagt sie.

Sie?

Die Stimme, die durch die schwarzen Zähne streicht, ist keinesfalls die von Mr. Crowling Madness. Sie gleicht einer… alten Frau.

„Hast du Kreide gefressen, Mann?“

Er schüttelt den Kopf.

„Es ist einfach…“ erneut diese Stimme. Sie erinnert mich an eine  Großmutter. Nett, niedlich, vom Leben erfahren, doch liebenswert. Aber nicht fürs Metallen geeignet.

Ich helfe Paul hoch. Wie vom Druck tausender Hochhäuser zusammengepresst, kriecht er durch den Raum und lässt sich vor seinem Tisch fallen.

„Was ist passiert?“ meine Stimme beginnt, latent panisch zu werden.

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„No Way. Sie können so nicht auftreten. Ihr Freund hat eine plötzliche, vermutlich krankhafte Veränderung der Stimmbänder mitgemacht. Es gibt keine medizinische Erklärung auf den ersten Blick. Wir müssen erst die Untersuchungsergebnisse abwarten.“

Ich nicke und unser Manager beginnt, den Türrahmen mit seinem Stirnabdruck zu pflastern.

„Das Konzert ist in 2 Stunden. Macht nicht so einen Müll, Jungs. Wir sind im Fernsehen. Wir sind auf 20.000 TV-Sendern live. Nochmal. Wir sind global.“

Ich nicke.

„Wann hat das angefangen?“ frage ich Paul noch einmal. Er schüttelt den Kopf.

Draußen versammeln sich die Roadies, starren in die Garderobe, tratschen leise.

Paul hebt seinen Kopf, betrachtet die Gruppe und kreischt mit seiner unsagbar süssen Stimme: „Geht doch weg, Jungs!“

Entsetzte Gesichter, alle stürmen davon, haben etwas zu tun. Einer bleibt. Starrt in Pauls verzerrten Mund. Tritt näher.

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„Bist du sicher, dass es hier ist?“

Randy, der Roadie, nickt. Das Haus erinnert mich an die faszinierende Dokumentation über Architektur des Prekariats. Dunkle Fensterglasaugen aus biligem Fensterglas blicken auf uns herunter.

Die Treppe hinauf ist gesät mit den Abdrücken tausender kleiner Füsse. Randy klopft an die dunkelgrüne Tür, die sich vor uns auftut.

Einige Skunden später tritt eine Gestalt ins Treppenhaus.

„Ist Melly da?“ fragt Randy. Die Gestalt nickt.

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Tausende Menschen reisst es von ihren Stühlen, als „Teh Metal-Crowling-Company“ den Weg auf die Bühne findet. Kameras suchen die Umgebung ab, finden die Gesichter der Gruppe, düstere Visagen, denen man nicht am Tag begegnen will, die aber durch ihre bizarr anmutende Art, Musik neu zu erschaffen, in die Weltgeschichte eingehen wird.

Paul wischt sich die Stirn ab. Dann geht er auf die Knie, schaut in das Gesicht des kleinen Mädchens, das sich aufgeregt an ihren Teddy klammert. „Deine Oma wäre stolz auf dich, kleine Melly.“ Sie nickt„Der Sandmann hat deinen Wunsch erfüllt. Dann gehst du aber schlafen, ja?“ Sie lächelt und drückt den Musiker.

Er dreht sich um, starrt auf die Bühne, lächelt, schüttelt die Gelenke aus.

Dann tritt er hinaus in die brodelnde Meute. Weder fühlt er den Druck der Kameras, noch die  gleißenden Lampen. Nur eine Sache fühlt er, eine gewisse Verantwortung. Er dreht sich zu mir um und ich nicke. Doch er hat nicht auf mich geschaut, sondern auf die kleine Melanie.

Er hebt die Arme und die Musik stoppt.

„Ich erkenne diese Stimme. Sie gehörte meiner Mutter. Sie hat sich so um meine Tochter gekümmert, hat sie fast alleine aufgezogen. Ich bin zu lang unterwegs gewesen.“

„Weisst du, Onkel. Meine Oma ist im Himmel und sie hat mir immer ein Lied vorgesungen. Sie ist weg und kann mir das Lied nicht noch einmal vorsingen und ich kann nicht mehr gut einschlafen und dann hab ich dem Sandmann ein Bild gemalt und habe daraufgemalt, wie meine Oma mir das Lied vorsingt. Onkel, du hast die Stimme von meiner Oma. Kannst du mir nicht das Lied vorsingen?“

Das Publikum starrt auf die Bühne, vereinzelte Rufe werden laut. Im Hintergrund klicken Fotoapparate, surren Kameras.

Paul öffnet seinen Mund… und eine klare, sanfte Stimme schwebt, einem Regenbogen gleich über die versammelten Menschen

„Im Wiesental ein Häuschen steht….. ein Häuschen hübsch und klein… und in dem kleinen Häuschen wohnt… mein lieb Großmütterlein“

Ende.

einen fröhlichen Sonntag euch

EXAMINER No. 134

EXAMINER No. 134

Trüb senkt sich der Morgen über die Stadt wie ein flachschädliges Fischbrötchen, grau und stinkend. Aus den sich öffnenden Autotüren und Fenstern dringen abgestandene Musikkonserven voller Erinnerungen. Die Straße gleicht einem Teppich aus Hunde-Exkrementen und in den Staub getretenen Träumen.

Er tritt aus der Tür und schaut sich diese Welt misstrauisch an. Aufgewärmter Kaffee von gestern blubbert flügellahm in seinem Magen, der sich sonst allgemeiner Leere erfreut. „Ich hätte schlafen sollen“, teilt er sich mit; seine Stimme klingt wie ein Zug, der langsam an Fahrt gewinnt. Nur das Gefühl von Müdigkeit ist stärker als die Gravitation und der Druck der Atmosphäre, die auf seinem Kopf lastet.

Seine Füße tasten sich voran. Selbst mit geschlossenen Augen könnte er den Weg finden, den Weg heim. Im Inneren seines Kopfes baut ein Brei aus Informationen und Erinnerungen immer wieder Bilder auf. Rote und grüne Flüssigkeiten in Röhren, das Blubbern von Elementarstoffen, an deren Namen er sich nicht mehr erinnert, organische Chemie, ganz klar, dass er sich nicht mehr erinnert, an welche Form muss man sich denn halten.

Sein Kopf stößt an und er reibt sich die Stirn, betrachtet den Abdruck, den der Aufprall am Schild hinterlassen hat. Staub segelt von der metallischen Oberfläche hinab. Der Wind treibt die Flocken davon, er blickt ihnen nach, winkt ironisch.

In seinem Bad starrt er lange auf sein Spiegelbild, hebt den Arm, ein letztes Strecken und dann…

ein dunkelgrauer Punkt von der Größe einer 2 Cent-Münze klebt an der Innenseite seines linken Arms. Er berührt ihn vorsichtig. Eine Kante kommt zum Vorschein. Es ist ein winziger Aufkleber, den er nach Minuten aufmerksamen Zerrens an seine Augen hält.

„EXAMINER No. 134“

Er nickt. Er lächelt.

Das Wohnzimmer ist erfüllt von dumpfem Schnarchen. Die Klinge schimmert grau wie der Frühlingsmorgen. Vorsichtig steigt er die Treppe hinauf. Die hölzerne Treppenstufe knarrt. Die Gestalt im Bett erstarrt, richtet sich panisch auf. Der Schrei bleibt ungehört. Er lächelt.

Er legt sich hin, lauscht dem beginnenden Tag und mit den letzten Atemzügen seines alten Ichs schläft er ein.

Fahrstuhl – Smalltalk. Very small

Fahrstuhl – Smalltalk. Very small

Wie lang fahren wir schon?

Wie was, fahren? Das ist doch kaum der Rede wert. Ich meine

Sie meinen gar nichts. Das habe ich jetzt mal so festgelegt.

Und wer sind Sie?

Ich bin der Festleger. Also. Wie lange fahren wir jetzt schon.

Ich weiß es nicht.

Dann sind Sie der Nichtwisser. Und Sie?

Ich? Ich wollte eigentlich zur Arbeit fahren. Meine Firma liegt im 25. Stockwerk und wir verkaufen…

Schon gut. Unser Freund, der Festleger, hat bereits mit dem Finger gedroht. Er wird Sie vermutlich die Verkäuferin nennen.

Genau, Nichtwisser. Also.

Wie also, die beiden Herren?

Seien Sie doch mal still, Verkäuferin. Ich muss nachdenken. Ich bin hier hereingekommen und habe mich in die Ecke gestellt. Sie waren vermutlich schon drin. Glaube ich jedenfalls.

Herr Festleger. Mag sein, dass Sie festlegen, aber bei der Beschreibung des Vorgangs haben Sie etwas vergessen.

Und das wäre, der Herr?

Ganz einfach. Ich bin eingestiegen und hier WEISS ich… die beiden Herrschaften waren bereits drin. Hat mich schon gewundert.

Wieso? Ich meine, ich fahre jeden Morgen in den 25. Stock und ganz ehrlich habe ich Sie beide noch nicht gesehen. Bis auf jetzt.

Unabhängig davon, wer hier im Fahrstuhl sitzt, steht oder liegt. Der Fahrstuhl fährt anscheinend nicht. Das lege ich jetzt mal so fest.

Dann ist er stehengeblieben?

Genau, Frau Verkäuferin. Absolut. Wenn ich als Nichtwissender etwas weiß, dann das, dass der Herr Festleger immer Recht hat.

Recht? Ja, das ist ein schönes Wort für mich. Also. Wie so oft. Wieso stehen wir?

Ich weiß nicht, ich meine, ich bin eingestiegen, habe angefangen zu zählen und wir sollten eigentlich schon im 25. Stockwerk sein.
Nicht so ganz. Meinen Berechnungen zufolge, und das lege ich mal so fest, junge Frau, sind wir kaum im 15 Stockwerk. Tatsächlich macht es mir Sorgen, da ich im 8 Stockwerk arbeite.

Als Festleger?

Nein, Herr Nichtwisser. Als Arzt. Ich habe eine Privatpraxis da oben.

Beeindruckend, finden Sie nicht auch, Frau Verkäuferin?

Nein, das beeindruckt mich nicht, die Herren.

Bitte treten Sie zurück, die Türe zum Fahrstuhl schließt sich in wenigen Augenblicken. Nächster Halt: Erdgeschoss.

Finger trifft Klingel

Finger trifft Klingel

Parkplätze? Wer braucht die denn? Vermutlich irgend so ein Wichtigtuer, der keine 20 Meter bis zum Hauseingang laufen muss, der einfach nicht weiß, was sich gehört. Parkplatz = lebenswichtig.

Stattdessen 20 Runden fahren, bis sich mal ein winziger Renault, Marke 50er Jahre Vintage-Model mit angezogener Handbremse aus der Parkbucht entfernt, in die er auch kaum hineingepasst hat. Vorsichtig gibt das Auto Gas und… würgt sich ab. Warum? Wieso? Hab ich was gemacht? Oooh, dahinten kommt jemand von der Konkurrenz. Ich glaube, ich erkenne das Nummernschild. Mist, den konnte ich schon damals nicht leiden. Der hat immer angegeben, wie viele Freundinnen er hatte und was er monatlich an Geld für Technik und Alkohol ausgeben könne. Klassischer Papa-Sohn. Ich könnte kotzen, nun kommt der auch hier her. Gib Gas, du dummer Winz-Wagen vor mir. Hellblau, widerlich. Ekelhaft. So, nun bist du draußen. Und nun, Gas.

Wie was? Motor hat sich pfeifend verabschiedet. Ein Blick in den Rückspiegel. Feind auf 8 Uhr. Gaaas geben. Zack. Krach. Bumm. Endlich in der Parklücke, nur schnell noch den Kratzer an dem roten Opel vor mir abwischen. Ich pfeife unauffällig, verwandle den Kratzer mithilfe meines Taschentuchs in eine Lawinenlandschaft. Ach hier war mein Kugelschreiber. Danke schön. Der Feind hupt. Nice. Ich winke: Hallo!!! Er nickt zurück, lehnt sich in seinen Sessel und fährt noch eine Runde.

Eine alte Frau quatscht mich an, wie ich darf hier nicht parken? Ich nicke furchterregend und merke mir den Namen, den sie mir an den Kopf wirft. Ihren Namen. Wie dumm kann man sein. Ich schreibe ihn in mein winziges kleines Buch oben im Kopf. LOL. Ich trete in Hundekacke und laufe ungerührt weiter. Sowas darf mich nicht stoppen. Den letzten Hund, der mich angefallen hat, habe ich die Hütte mit Zuckerwatte ausgestopft, was hat der geschaut und sein Herrchen geflucht, weil das Dreckszeug nicht wirklich rausgepult werden konnte. Tja, Pech. Wer legt sich auch mit dem “Meister” an.

Ein Dutzend Meter trennen mich vom Hauseingang, da hupt es wieder. El Enemy. Mein Erzfeind parkt. Parkt hier. In zweiter Reihe? Nee, der hat nen Parkplatz gefunden. Epic. Fail. Ich zucke. Gemütlich steigt er aus und hebt vorsichtig den Daumen. Ich schaue hoch und bemerke, dass sich die weiße Flüssigkeit, die sich ergießt, von einer Taube stammt, die auf die Farbe meiner Uniform reagiert hat. Er lacht. Ich lächele freundlich zurück. Ich hasse ihn. Wie von der Tarantel gestochen stürze ich mich zur Haustüre. Wühle in meinem Schlüsselbund. Finde den Schlüssel nicht. Klemme das Paket unter meinen Arm und schlage mit dem Ellenbogen auf die Klingelfelder. Stimmen kreischen mich an, einer hält es tatsächlich für angemessen, die Türe zu öffnen. In der Aufwärtsbewegung schiebe ich sie mit dem Stiefel zu.

So. 5 Stockwerk. Verflucht. Mit der Gewalt eines 40 Kilometermarsches krieche ich förmlich die Treppe hinauf. Unten höre ich die Türe sich öffnen, ein Klingeln und die Stimme. “Ach, Sie sind es wieder. Das ist aber lieb. Wissen Sie, das Paket kommt von meiner Schwiegertochter. Wollen Sie vielleicht eine Tasse Kaffee?” Ich fluche und haste weiter nach oben, hinauf in die immer stickiger werdende Weite des Hauses. Dunkel wird es. Endlich sehe ich die Türe, die einzige Türe in diesem Stockwerk. Mein Finger trifft die Klingel. Nichts. Nada. Erneut… Nichts. Daneben ein Zettel: “Lieber Lieferant. Bitte geben Sie das Paket im Erdgeschoss ab. Wir sind nicht da. Dankeschön! (Herzchen, Herzchen, Herzchen)”

Das Paket trifft den Boden, überschlägt sich. Irgendetwas im Inneren zersplittert leise. Ich schreibe eine Karte. Irgendwas mit “bei Nachbarn abgegeben” Denke mir einen Namen aus. Werfe das Paket auf den Wagen meines Feindes. Ignoriere aufmerksame Passanten. Ich glaube, ich mache gleich mal Mittagspause.

Wanderung bei Flutlicht

Wanderung bei Flutlicht

In einer dieser dunklen Ecken der Welt

wo die Sterne nicht scheinen in der ewigen Nacht

da wartet ein Mann, kalt wie Stein mit einer Haut aus Angst

sitzt still da und starrt hinaus in das Nichts.

 

Hörst du etwas?

Ich höre nichts.

Da ist nichts. Nur das Flüstern der Ewigkeit

Nein, das Rasseln der Ketten des Schicksals

Na was du alles hörst

Flackernd bewegen sich Lichter über kahles Felsgestein

Hoffentlich hält die Taschenlampe noch

Egal, wir sind schon so weit drin.

Pass doch auf, Mensch.

Du redest zuviel. Schau dir diese Tropfsteine an.

Sehen aus wie Pissbeckengestein.

Na komm, bald sind wir da.

Und dann?

Dann werden wir was erleben.

Ich bin beeindruckt von deiner konsequenten Leugnung, dass wir mitten in einem Berg sind und die Batterien nicht ausreichen könnten.

Ist das so wichtig?

Für mich schon.

Schade, ich dachte, du wärst cooler.

Bin ich, eiskalt bin ich. Wie diese Felsen hier.

Dann halt deinen Mund und geh weiter. Dahinten sehe ich etwas flimmern.

Oh, stimmt. Ich sag ja nix mehr.

Das sieht aber dämlich aus.

Finde ich auch.

Ist doch nur ein oller Spiegel. Ist da Lippenstift drauf?

Jepp, Lippenstift. Marke Himbeer. Köstlich.

Du bist ekelig.

Nee, du bist blöd.

Und was steht da?

3 Euro 50 für ne Packung Pommes mit Ketchup

Echt jetzt?

Ja.

Mist, das ist teuer. Ich hoffe, die nehmen hier auch Kreditkarte.

Allein im Weltraum

Allein im Weltraum

Dunkelheit

Überall nur Dunkelheit

Und Stille

Dumpfe Stille, nicht mehr als der Hauch der Atome, die sich in der Dunkelheit vor mir verbergen. Ich. Ich kann denken. Also lebe ich. Kann ich auch fühlen?

Ohne Relation vergeht keine Zeit. Ohne Photonen kein Licht.

Langsam flackert die Realität auf und düsterdunkles Rotlicht surrt inbrünstig durch die Weiten. Ich starre aus dem Fenster, erkenne die unendliche Leere da draußen.

Kein Antrieb, der so leise arbeiten könnte. Kein Gefühl für Bewegung und doch weiß ich, das, worin ich mich befinde, zieht seine Bahnen durch den Weltraum. Der Weltraum. Einzelne Punkte streuen Lichtfetzen durch meine kleine Welt.

Sie schweigen. Ich bin nicht allein, doch die einzige Person, die nicht schläft. Blaues Rauschen umspielt die Gesichter der Schläfer, die im Halbkreis um einen unsichtbar wirkenden Ball gelegt worden sind. In ihren Kammern überwintern sie die fühlbare Unendlichkeit.

Das Donnern eines galaktischen Blitzschlags raste durch die Milchstraße, brannte sich durch Planetensysteme, machte keinen Unterschied zwischen lebendigen und toten Welten. Und nun sitzen wir wenigen, 13 Menschen, ich als einzige Person wach, in dieser Nussschale, treiben im einem scheinbaren Meer aus Quanten.

Sie nannten uns Spinner, diese Idioten, nannten die Gruppe eine Sekte, Verschwörer, Trottel, Freaks. Wir haben es ihnen gezeigt. Waren auf dem Berg, draußen in der Wildnis, als das Schiff uns herausriss, heraus aus dem brodelnden Inferno unserer apokalyptischen Heimatwelt.

Aus irgendeinem Grund bin ich erwacht und starre nun auf die Gesichter meiner Freunde. Doch was ist das? Grau und fahl erscheinen sie mir, die sie doch noch vor Stunden atmeten und lachten. Vorsichtig tippe ich einer Person ins Gesicht. Mit frostigem Knistern bricht mein Finger durch die Haut wie durch eine poröse Schale. Flüsternd fällt das Bild vor meinem Auge zusammen, hinterlässt einen grinsenden Schädel. Was ist passiert? Kalter Schweiß bricht aus. Ich wische ihn ab. Ich zittere. Ich gehe einige Schritte zurück. Ist der Raum kleiner geworden?

Tot. Sie sind tot. Was ist passiert? Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht, ich weiß es doch nicht. Fragen: Wie lang sind wir unterwegs? Wo ist das Ende dieser Reise. Das hat man nicht gesagt. Meine Stimme dringt laut durch die erzwungene Stille.

Dumpfes Hämmern, begleitet von grellen Blitzen, bricht plötzlich herein. Erneut, erneut, vertikale Streifen bilden einen Kontrast zu all der wahnsinnigen Leere und Finsternis. Dann ein Hieb. Eine Gestalt schiebt ihren Schatten durch die Öffnung, bewegt ihre Gliedmaßen in grotesker Arm und Weise und dann, dann

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„Verdammt, hab ich dir nicht verboten, auf dem Dachboden Weltraum zu spielen? Und nun komm endlich runter, es gibt Abendbrot. Wie siehst du nur wieder aus.“

Schweigen umhüllt die einsetzende Menge an Emotionen, die ich erdulde und wie ein Sklave der Menschenjäger von Epsilon Gamma 9 finde ich mich mit meinem Schicksal ab und trotte hinaus in die feindliche Welt.

Hoffentlich gibt es Schaschlik.