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Monat: Februar 2011

Black Metal Cowboy – Tote spielen keinen Techno – Kapitel 10

Black Metal Cowboy – Tote spielen keinen Techno – Kapitel 10

Kapitel 10 – Durch die Nacht

„Siehst du, wie er da reitet?“ fragt Matt und deutet hinaus in die Nacht. Sheriff Wintersorrow starrt in die Dunkelheit. „Du bildest dir was ein, Junge.“ Matt schüttelt den Kopf, grinst. „Metaphysisch gesehen hast du recht, alter Mann. ‘Er’ bedeutet eine Person mit männlichen Attributen. Ich würde je ‘ES’ dazu sagen, aber wir sind nicht in einem Stephen King Roman, auch wenn das Ding dazu passen würde.“ Er lehnt sich zurück und tupft sich mit einem Stück Zellstoff den Schweiss von der Stirn. „Es ist sehr warm bei euch hier draußen. Daheim, im Big Apple, ist es angenehmer. Wir könnt ihr hier draußen nur überleben?“

Der Alte richtet seinen Blick auf den Hipster. „Wir tragen keine bescheuerten Klamotten hier draußen. Wir leben mit der Natur, nicht gegen die Natur und was da draußen unterwegs ist, ist eindeutig gegen jede Natur.“

Matt kichert. Er beugt sich vom Hintersitz nach vorn, tippt dem Fahrer auf die Schulter. „Mach mal Musik an.“ Atmosphärisches Rauschen dringt durch das nur von den Bordinstrumenten beleuchtete Innere des Wagens. „Ah, Dark Ambient. Post-Ambient. Kennen Sie „Metal Machine Music“ von Mr. Lou Reed. Noise Rock. Anti-Mainstream-Pop-Musik.“

„Mister?“ fragt die Kleine, die zwischen ihm und dem Alten eingequetscht ist, sich sichtbar unwohl fühlt, „warum reden Sie soviel? Mein Papa sagt immer, wer viel redet, hat viel Angst.“

„Angst? Wovor denn? Vor dem Ding da draußen? Wir haben Kontrolle darüber. Vor dem Technoninja? Ein schwacher Jugendlicher, der auf japanische Ninja-Sachen steht und der mit seiner Zirbeldrüse lustige Dinge anstellen kann.“

Er verdreht die Augen. „Übrigens, die Leute in ihrem Dorf sehen noch immer aus wie Zombies. Hoffen Sie mal, dass die Wüstenhunde oder was auch immer hier rumrennt, sie nicht anknabbert.“ Matt lacht auf und versinkt in kurzzeitige Kontemplation. „Keine Sorge, wir finden die Leute und lassen sie frei, vielleicht jedenfalls. Eigentlich haben sie es nicht verdient. Sie sind schwach. Sie sind nur ein Schwarmwesen, ein Mob, ohne Vernunft. Deshalb hat man sie gefangen nehmen können.“

„Woher wissen Sie das alles?“ fragt Sheriff Wintersorrow. „Ich habe einen geheimen Kontakt im Lager. Irgendein Wächter, der keine Lust mehr hat, sich den täglichen Predigten von ‘Papa’, äh, ‘Vater’ auszusetzen.“

„Und wenn die Leute Ihnen nicht folgen wollen, wenn alles vorbei ist?“

„Folgen? Individuen folgen doch nicht. Und wenn ein paar draufgehen… nun…“ er verstummt. „Ist auch gut… immerhin ist es ja so:“ sein grelles Lachen wirkt wie ein Schock in diesem meditativen Rauschen der Nacht: „Tote, nun ja, Tote spielen keinen Techno.“

Black Metal Cowboy – Tote hören keinen Techno – Kapitel 9

Black Metal Cowboy – Tote hören keinen Techno – Kapitel 9

Kapitel 9 – Vereinigte Hipster Universeller Individualität

“Das Buch, bitteee schön.” die Stimme hinter der Waffe klingt einschmeichelnd, doch gefährlich.

Sheriff Lester M. Wintersorrow greift zu seinem Gürtel, beginnt jedoch in der Bewegung zu vermuten, dass die Waffe dort ist, wo er Sie hingelegt hat: im oberen Stockwerk. Sein junger Gast hebt die Hände, sein Vater bleibt unberührt.

“Ich frage Sie gerne erneut, da Sie mich gegebenenfalls nicht korrekt gehört haben. Ich möchte gerne das Buch haben, welches vor Ihnen liegt.”

Der Alte spuckt aus, der Tropfen Speichel bleibt an seiner Lippe hängen und gleitet sanft über das Kinn auf seinen wüstensandverdreckten Anzug. “Wer will das Buch?”

“Ich, oder besser gesagt, viele einzelne Persönlichkeiten, die sich zu einer individuellen Gemeinschaft zusammengefunden haben. Kommt rein, Jungs.”

In arhythmischem Stampfen drängt sich eine Schar höchst grotesker Männer und Frauen durch die niedrig scheinende Tür. Kaum sind die Leute drin, stellen sie sich ohne einen vernünftigen Zusammenhalt hier und da, an einer Säule, an einer Wand, auch mitten im Raum hin und bewegen Ihre Köpfe sorgfältig nuanciert in einem unsichtbaren Tanz.

“Das hier,” sagt die Stimme mit der Pistole wieder, “sind die ‘Vereinigten Hipster Universeller Individualität’ und mein Ich…” er tritt in den Raum und einer Beschreibung dieses Menschen möchte ich nicht vorenthalten, denn es erscheint, für alle Anwesenden eine furchtbare Erfahrung, der Hipsterigste, eine Bezeichnung, so neu, dass noch nicht einmal das “Kollegium des schlechten Geschmacks” es in sein “Jahrbuch des Grauens” geschrieben hatte.

Immerhin trägt der schmale Mann Hosen, doch was für einige Jahre Vintage war, hat sich bei ihm in eine Jeansstofffiligranität verwandelt, dass man sich nicht entscheiden kann, ob sich hier der Begriff “bleached” auf die wenigen Quadrat-Millimeter seines ökologisch zubereitetem Zellstoff-Beinkleid mit Rest-Blau oder auf seine rasierten Waden bezieht. Er kleidet sich weiterhin in eine Art Retro-Shirt mit losen Knöpfen an unterschiedlichsten Stellen, einem Schal aus lila Stofffetzen, die frappierend an einen mit Füllertinte bemalten Jutesack erinnert und eine Jacke darüber, eine Art Military-Anime-Mixtur, von der einem bei längerem Hinsehen schlecht werden muss.

Auf dem Kopf ruht eine Mütze mit Flaumfeder und mehreren Pins, geschmückt mit nicht mehr zu erkennenden Musikgruppen voller abgekratzter Flecken, darunter kurz geschnittene Haare im klassischen 1951er Look, eine John-Lennon-Brille in Komplementärfarben rot und blau und, als könne es nicht schlimmer kommen, Dreitagebart mit angedeutetem Oberlippenbärtchen und handgedrehte Zigarette im Mund.

“Ich bin Matthew. Sie können mich auch Matt nennen, ganz wie es Ihnen beliebt.” Er schwenkt seine Waffe hin und her. “Und nun, das Buch?”

Einer seiner Begleiter schlendert heran, betrachtet die Schrift aufmerksam. “Es scheint, es ist dieses Objekt, Freund.” Die Zigarette im Mund Matts zuckt. Er tritt näher. “Huch, das ist ja schwer.”

“Es ist auch alt, du Vollpfosten.” meint der Alte. Matt lächelt unglücklich. “Vollpfosten ist doch keine Beleidigung, alter Mann. Konservativ, das ist eine Beleidigung. Oder alt, das ist eine noch schlimmere Beleidigung. Oder…” er atmet wieder ein, verschluckte sich dann am Rauch. Seine Zigarette brennt nicht. Vermutlich ein psychologisches Problem.

“Verzeihen Sie, ich habe mich noch nicht an das elektronische Pendant des ausrangierten tabakgefüllten Spasshalms gewöhnt.” Matt kichert. “So, das ist also das Buch. Ich habe bereits davon gelesen. Die Arkham-Post vom 23.02 irgendeines Jahrgangs, verschwunden vor über 100 Jahren. Eine lange Zeit, nicht wahr? Ich vergesse jedoch nichts. Ich habe Internet.” Er schnippt imaginäre Asche von seiner Jacke.

“Was wollen Sie hier?” fragt Sheriff Lester M. Wintersorrow .

“Oh, nur das Buch. Sagen Sie mal, bekommen Sie nichts mit?”

“Aber wieso?”

“Sie haben einen mächtigen Dämonen erweckt. Wir sind nur hier, um ihn entsprechend zu steuern und ein bisschen… anzupassen.”

“Wie meinen Sie das?”

“Nun, in gewissen Kreisen des Internets nennt man ihn den ‘Black Metal Cowboy’. Black Metal ist jedoch nur noch kindisch. Und die Bands, diese ganzen Bands, die sind doch nur noch kommerziell. Die bringen ein paar Alben raus, ein zwei eingängige Riffs, kein Schwein hört das und dann holen sie sich nen Produzenten und dann hörens die Leute im Radio. Und dann kommt jemand, schreibt ein Buch über diese ganze Sache und dann will sie wirklich jeder hören und sehen und dann ist es nicht mehr… wie sage ich “TRUE” oder “HIPSTERMÄSSIG!””

“Und was kümmert mich das?”

“Dasselbe gabs mit Techno. Und mit Metal und mit der guten Musik. Und wir werden ein Zeichen setzen. Wir werden den Cowboy zu einem intellektuellen Messias des Nonkonformismus aufpowern, wir werden ihn zum absoluten Underground-Star machen, der die Menschheit von all den Kopien, all den kapitalistischen Geldverdienbands befreit. Und er wird der Held eines jeden Individuums werden. Er wird kein Black Metal Cowboy mehr sein. Er wird der Hipster-Messias sein.”

“Glauben Sie wirklich, was Sie da reden?”

“Natürlich. Sonst wäre ich nicht hier, sondern würde noch immer auf der Uni sein.”

“Student? Sie sehen allerdings aus wie einer dieser Typen. Sie sind einer dieser Spaßstudenten”

“Nicht mehr als jeder andere in meinem Kurs. Ich bin im 13. Semester Student der Anthroposophie. Ich weiß, wie Sie ticken, ich weiß, wie alle ticken. Deshalb wurde die ‘Vereinigten Hipster Universeller Individualität” gegründet. Unabhängig davon.”

Matt saugt an seiner Unterlippe. Sie scheint gepierced zu sein, aber so ganz sicher kann man sich nicht sein. “Und nun, kommen Sie mit, Sie werden mich, wie alle anderen auch, begleiten.”

“Wohin?”

“Wohin? Wohin sind Ihre Freunde gebracht worden, wissen Sie das oder stehen auch Sie unter seinem Einfluss.”

“Wessen?”

Matt atmet aus, dann wieder ein. Schweigen. “Natürlich kommen Sie mit zur Gemeinschaft der weißen Universalen Musik. Geleitet vom ‘Vater’, unserem schlimmsten Feind, neben Umweltzerstörung und Thunfisch in Dosen. Kommen Sie, dann sehen Sie die letzte große Herausforderung für den neuen Hipster-Cowboy: Sigmund, den Techno-Ninja.”

Black Metal Cowboy – Tote hören keinen Techno – Kapitel 8

Black Metal Cowboy – Tote hören keinen Techno – Kapitel 8

Die Gemeinschaft

Sigmund tritt vorsichtig vor die Türe seiner Unterkunft. Bemüht, keinen Laut zu fabrizieren, huscht er, einem bizarr-leuchtenden Schatten gleich, über die Brüstung, in die Hecke. Hier keucht er kurz, bevor er sich mit Anlauf dem Baum nähert, an dessen grober Rinde er die Griffmöglichkeiten im Schlaf benennen könnte. Sanft schweben einige Blätter zu Boden. Sigmund betrachtet sein Umfeld aufmerksam. Er kennt das Lager bereits auswendig, doch fühlt er seit wenigen Augenblicken wieder das Stechen in seiner Brust.

„Panik ist der Feind. Angst ist der Teufel. Zorn ist die alles vernichtende Waffe unserer Feinde.“ Starke, überzeugende Worte, in Demut leise wiederholt, die heute, nur heute, nicht den inneren Frieden schaffen.

Sigmunds Körper verkrampft sich und er beginnt, hin und her zu schaukeln. Ähnlich wie die Flucht vor einem unsichtbaren Feind schießen Gedanken durch seinen jungenhaften Geist, schweifen seine Augen über die wenigen Häuser in seiner Umgebung, fühlen sich seine Hände an wie Eis.

Augenblicke darauf hat er sich beruhigt und seine Neugier siegt erneut über die Wünsche des „Vaters.“ Wohlklingende Töne streifen durch die warme Nacht. Er fühlt sich nun wieder sicher. Mit einem Satz ist er in der Luft und landet auf dem Dach. Die Lichtkegel unterhalb der Wachtürme bewegen sich mit berechneter Eleganz, abstrakte Gleichungen zeichnen Bilder von verwirrender Schönheit auf den staubigen Boden. Sigmund fühlt sich gut, denn er kennt die Pfade des all zu bedrohlichen Lichtes.

Mit der Grazie des Tänzers und dem Willen des Kriegers gesegnet, schwebt er förmlich durch die Schatten. Selbst mit geschlossenen Augen ist der Weg zum „Zelt der Bekehrung“ ein Kinderspiel und ein Kind ist er wirklich nicht mehr. Aufgeregt schiebt er ein Stück Plane zur Seite und schaut ins Innere.

Die Neuankömmlinge erinnern ihn stets an Schafe, die zur Schlachtbank geführt werden. Auch jetzt starren sie auf den Boden vor sich, keiner hebt die Augen. Sigmund beginnt sich schon nach Augenblicken zu langweilen. Doch dann kommt Bewegung in die Gruppe. Eine Frau wird von der Hand eines der Gemeindemitglieder gepackt. Er kennt diesen Menschen nicht, trägt er doch einen weißen Anzug aus feinem Stoff und hält sein Gesicht hinter einer Maske verborgen.

„Ja, Vater“, sagt er und dreht sich langsam um. Im Dunkeln erscheinen die Augen seines Gegenübers noch heller als sonst. „Als könnte er die gesamte Welt überblicken“, haucht er leise.

„Es ist Zeit, mein Sohn, unsere neuen Freundinnen zu begrüßen.“

Stampfender Techno überlagert die aufgeregte Atmosphäre, doch geht ein fühlbares Raunen durch die immer weiter gewachsene Menschenmenge. Sigmund steht mit „Vater“ auf einem Podest, jenseits des Eingangs, von recht und links strahlen farbige Laser durch die rauchgeschwängerte Luft, streichen über die Köpfe von jungen Frauen, die mit freudigen Augen kurz dem Lichtkegel folgen, bis sie endlich Sigmund erblicken. Kreischen rollt durch die weibliche Anhängerschaft, die „Vater“ stets so scherzhaft als „Fanclub“ bezeichnet. Sigmund lächelt. Er fühlt die Mächte in sich aufsteigen und bemerkt, wie die Hand von „Vater“ ihn an der Schulter packt, liebevoll und doch bestimmt. Der Ritus beginnt. Die Musik wird lauter, beginnt sehnsüchtig an seinem Verstand zu nagen, sucht einen Weg in das Innerste seiner Seele. Da, der Punkt. Sigmund geht in die Knie, atmet exakt 3 Mal tief ein, reißt die Hand hoch und zeigt das heilige dritte Auge. Da, im Toben der Menschenmenge unter ihm, bemerkt er die Neuen, die er vor wenigen Stunden befreit hat. Befreit aus Sünde und Not, befreit von Verlangen, Zorn, Streit, Hass. Und er fühlt Liebe, eine wahnsinnige Liebe von ihnen ausgehen und diese Kraft, die sich ihm öffnet, ergießt sich in seinen Geist und dann geschieht ein Wunder, das Wunder, welches ihn seit jenen Tagen in seiner Kindheit mehr als alles andere fasziniert. Knackend öffnet sich das Auge auf seiner Stirn und ein Fluss aus weißer Energie schießt hinaus in die Welt, verwandelt Zeit und Raum in einen tosenden Ozean, in dem seine Existenz und die Leben aller um ihn herum versinkt.

„Vater“ sieht dem Ereignis immer wieder gerne zu und auch diesmal fühlt er sich sehr von den jungen Menschen vor ihm angesprochen. Er nickt, als er der Frau mit der Tätowierung anschaut. Sie gefällt ihm mehr als die anderen. Er wird wohl einmal mit ihr privat reden müssen.

Die Hand seines Ziehsohns beginnt zu zucken, verkrampft schmerzhaft in der seinen. Er schaut hin, erschrickt, als er die verzerrten Gesichtszüge Sigmunds erblickt. Die Musik versinkt im Hintergrund, denn seine Stimme bohrt sich direkt in seinen Kopf. „Der Cowboy ist auf dem Weg.“

Berlin – Introspektive, eine Verneigung

Berlin – Introspektive, eine Verneigung

Epilog: Vermutlich höre ich zuviel Bowie…ich widme diesen Text Mr. Bowie und Mr. Iggy Pop.

Text: Berlin – Introspektive, eine Verneigung

Berlin… dickes B an der Spree*, menschenfressender, Kreativität-auspressender Moloch im mittelnördlichen Osten des Landes. Oh, wie verzweifle ich an dir, wie belauere ich dich und deine Einwohner, die knarzigen Großmütter an den Ubahnstationen und an den Pennymarkt-Kassen. Wie weiche ich deinen Straßenbahnhaltestellen aus, wohl wissend, dass sie mich verfolgen werden, wo auch immer ich gewesen bin.

Und wenn der Schnee schmilzt und die Exkremente von Hunden zum Himmel stinken, Überbleibsel angeleinter Mischwesen aus Fleisch und Fastfood-Fett der letzten Monate… das Kopfschütteln vor dem Verteiler ausgenudelter Versprechen “Spenden Sie. Kaufen Sie. Bleiben Sie. Konsumieren Sie.”, dem Wegschauen vor immer dem gleichen Straßenmusikanten, das Lauterstellen der Musik vor derselben Ray-Charles-Verachtung in der Ubahn, immer das gleiche Lied immer der gleichen Leute mit einem pfenniggefüllten Pappbecher. Klingelnde Fahrradfahrer, fluchende Jogger morgens um 7 Uhr… doch da, ein Geschäft, frisch eröffnet, nur einem oder zweier Bilder gewidmet und einer jungen Klientel, die mit einem Kofferradio und Plastik-Sekt-Gläser Kunstlosigkeit provozieren, hier in dieser Stadt.

Bitte, seht es, wie es war, und wie es ist… nur im Chaos kann Kunst erschaffen werden und davon bietet Berlin soviel. Soviel an auseinanderzufriemelnden Schnappschüssen, akustisch-visuellen Verwirrungen, soviel an Bewegung, positive und negative Emotionen, die Eisdecke vor einer winzigen Kneipe, krachend niederfallen und im Vorbeifliegen meta-kubanischen Elektro-Pop im Schelllack-Rauschen ertragen darf, Prominente, die in der Umgebung einen drittklassigen Film drehen… eine Schlacht vor der Goldelse mit Ninjas und CGI-Blut, eine Curry-Wurst vor dem KDW, was im Film “Ninja Assassin” süchtig macht, nach noch mehr von Berlin, dem dicken B und dann das wichtigste: Bowie war hier, Iggy war hier, Peaches ist hier, die 70er, 80er schweben hier in der Luft, die industrielle Härte des einer noch immer vibrierenden, trennenden Mauer.

Auch wenn viel Weichzeichner manche Gegend überspannt wie ein Bettlaken, auch wenn man lieber zum Sony-Center fährt, wenn man lieber hip ist als trashig, auch wenn die Kneipe auf einmal den Preis verdoppelt haben mag, die Geschäfte, die man schon ewig, also 3 Monate kennt, bereits von einer neuen Spielhalle ersetzt wurde, so bedeutet dies lediglich, dass es keinen Stillstand, keine Apathie gibt, sondern nur Lücken, die vom überlebenssüchtigen, schaffenden, natürlich auch monetären Geist gefüllt werden müssen: Die Natur kennt kein Nichts. Sie kennt wildes Leben.

Stürzen wir uns hinein: Seien wir dankbar, seien wir chaotisch, seien wir kreativ.

(c) Emanuel Mayer, 22.02.2011

* aus dem Lied “Dickes B” von Seeed

Berlin: Die (un)Möglichkeit einer Madeleine

Berlin: Die (un)Möglichkeit einer Madeleine

Wo beginnt es und wo endet es? Es beginnt, wie meistens, über die Inspiration, gute und ungesunde Nahrung herzustellen. Es beginnt noch mehr bei dem Gedanken an Marcel Proust und an den Film „Der Transporter“. Und es endet mit einer Geschichte.

Man muss nicht fragen, was der Zusammenhang zwischen beiden ist, wenn man nicht will. Doch dir, verehrter Leser aus dem 21. Jahrhundert, drücke ich gerne diese unglaublich wichtige C-Information aufs Auge. Die C-Information ist der C-Promi unter den Informationen. Nur so am Rande.

Es begab sich also zu jener Zeit, oder besser, es war einmal in einer kalten Spätwinternacht, da ich, schon wieder, den Film „Der Transporter“ im heimischen Fernsehgerät anschaute. Warum? Ich liebe diesen Film. Und nicht wegen der großartigen Action-Szenen, sondern eher wegen jener wenigen friedvollen Szenen. Eine dieser Szenen ist so göttlich, dass ich sie mit Worten kaum beschreiben kann. Nur so: Es geht um Madeleines.

Marcel Proust beschrieb vor langen Jahrzehnten mit vielen Worten eine geniale Rückblende in seine Kindheit, während er an einer Madeleine knabberte. Da ich die Franzosen kulinarisch und prosaisch überaus bewundere, musste ich mich irgendwann einmal dazu bringen, dieses sanfte, wunderbar frische Stück Süßwerk zu haben. Ich musste es haben!

Natürlich kann man in den Laden gehen und die eingeschweißte Industrievariante für 99 ct/200g kaufen. Nur: das war nicht echt. Das war nicht echt genug für das Wolfgang Amadeus Mozarts Klarinettenkonzert KV 622 („Bam, in your Face“), das der Transporter in der Tiefgarage im Intro des Films spielt.

In meinem Supermarkt kaufte ich heute daher Mehl, da ich mein letztes Mehl für wahnsinnige Hefeteig-Experimente genutzt hatte. Butter, tiefgekühlt, Zucker, daheim.

Also machte ich mich auf den Weg, das Wichtigste zu kaufen. Eine Form, eine originale Madeleine-Form, die kleine ekstatische muschelförmige Kuchen produzieren sollte. Ich war bereit, Geld auszugeben. In jener Hinsicht bin ich, wie ein anderer Kollege mir und von sich selbst auch sagte: exzessiv.

Ich ging zuerst in einen Ein-Euro-Laden. Der Erfolg war sehr mangelhaft, dafür hatte ich nun endlich wieder einen Schneebesen und einen Silikon-Ausschaber für die Rührschüssel. Im großen Drogerie-und-alles-Andere-Laden wurde ich dann von der Auswahl angezogen, aber auch nach mehr-minütigem Suchen fand ich nur Springformen für normale Kuchen und (was mir auch noch später zu oft vor die Augen kommen sollte:) Muffins & Cupcakes. Der nächste Billigladen stand an und wieder ging ich hinaus. Leichter Ärger machte sich breit, noch immer im Hintergrund. Mein Optimismus schien sich nicht bremsen zu lassen.

Der Laden, welcher sich an die Handwerker und an Menschen, die Koch- und Backgerätschaften wandte hatte beträchtlich mehr Auswahl. Langsam begann mein Unterkiefer zu knirschen, denn auch hier: Torten/Kuchenformen. Ich ging auf den Knien, um auch die niedrigsten Regionen der Regale zu durchsuchen. Der Erfolg war null. Dafür gab es (wie großartig!) Weihnachtskuchen-Formen. Genial. Absolut sinnlos. Aber dafür günstiger.

Ich stampfte hinaus und gleich hinein ins Karstadt. Ich begann, leise mit mir selbst zu reden und besprach die Möglichkeit, meine ersten 3 Kinder der Person zu weihen, die mir helfen würde. Oder ich würde meine Kinder Karstadt 1-3 nennen.

Langsam kannte ich die Auswahl an Förmchen und ihre Hersteller und Preise auswendig. Wunderschöne Backgerätschaften leuchteten vor mir auf und verschwanden, sobald ich laut aufschrie. Im Hintergrund hörte ich nur eine Frau, die mit einer Familie diskutierte, dass der Preis des Topf-Sets bereits „inklusive des Abzugs von 10 %“ war und nicht „noch einmal weniger kostet.“

Ich achtete peinlich darauf, nichts zu berühren, was für jeden Menschen mit Rucksack in einer Geschirr-Abteilung eine der wichtigsten Überlebensregeln ist.

Ich entschloss mich nun, langsam am Ende meiner emotionalen Kraft und Rücken-Weh (wieso sind die Regale denn so niedrig?!) noch einen letzten Anlauf zu versuchen und langsam bröckelte mein Entschluss, nur Madeleines aus einer Madeleine-Form zu essen oder es ganz zu lassen.

Sagen wir es so: Vergessen kam nicht in Frage, so dass ich nun nur noch durch sämtliche Drogerien, Spaßläden, die zu 100% Kitsch verkaufen, Buchläden mit Kochbüchern und natürlich auch welche mit Backblech oder erneut „MUFFINBACKFORMEN“ und sogar „PRALINENBASTELFORMEN!“ im Angebot hatten.

Schmerzhaft sah ich ein, dass es in meiner Gegend keine Madeleine-Formen gibt, sei es aus Angst, dass keiner mehr „MUFFINS!“ zu sich nimmt oder Furcht vor französischen Einflüssen und kaufte, Schreck-und-Graus eine Packung „MUFFIN!!!“-Papierformen. Die müsste ich nicht ewig aufheben, die wären weg, wenn ich sie benutzt hätte.

Sowohl mein Unterbewusstsein als auch das Schicksal begannen mich zu hassen, denn ich benötigte noch Milch, Aroma und Eier. Eine gefühlte Ewigkeit schwankte ich durch einen Supermarkt, nur um die Eier nicht zu finden. Und das Aroma war natürlich von einem riesigen Wagen von Pappkartons zugestellt und während ich mich durch diesen quälte, bereits der erste Rentner seinen mit 3 Gurken und Leichtkonfitüre Wagen mir in die Waden schob. Ich war zu erschöpft, um ihn an die DDR zu erinnern, was auch unklug gewesen wäre, da ich in Westberlin lebe. Eier fand ich keine. Ernsthaft, es gab keine. Im Hintergrund beschwerte sich noch eine Frau, dass es nur noch dioxinhaltige Eier gäbe, worauf ich meinte, dass das mir scheiß-egal sei und dass sie mit dem Aussehen einer botoxsüchtigen Mumie eh keine Chance mehr bei Männern hätte. Vermutlich war meine Eskalation auch nur in meinen Gedanken vorhanden, denn niemand schlug mich.

Eier kaufte ich dann im Lidl.

Und während ich vor 10 Minuten die perfekt vorbereiteten muffinförmigen Madeleines aus dem Ofen holte und bei einigen den mit dem Papierförmchen verschmolzenen Brandteig abschneide und entsorge, weiß ich, warum es keine Madeleine im Laden zu kaufen gibt. Es ist die Sehnsucht nach negativer Erfahrung, die potentielle Möglichkeit, zu jammern und klein beizugeben.

F.U.

Ich bestell mir jetzt eine Form im Internet.

PS: die Pseudo-Madeleines sind dennoch grandios und auch wenn beim nächsten Mal die Sache zu 100% perfekt gelingt, der heutige Tag wird auf ewig „Die Suche nach der verlorenen Dekadenz“ gewidmet sein

© Emanuel Mayer 21.02.2011

Black Metal Cowboy – Tote hören keinen Techno – Kapitel 7

Black Metal Cowboy – Tote hören keinen Techno – Kapitel 7

Ein Vortrag in Geschichte

“Bist du völlig bescheuert? Habe ich dich zum Vollidioten erzogen?” Der Sheriff schaut überrascht in Richtung der Tür, aus der ihm eine Gestalt entgegen stürmt. “Vater!” Er steht auf und drückt die vermisste Person an seine Brust. Doch sein Vater kämpft sich aus der Umarmung frei. “Ernsthaft! Und keine Ausrede. Wo ist das Buch?”

“Buch? Ich weiß von keinem Buch!”

“Lüg mich nicht an, Junge, du hast schon in deiner Jugend keine Wahrheit verheimlichen können. Also, wo ist das Buch.”

“Äh, also, oben… wie üblich, an seinem Platz, Vater!”

Das Kind quiekt. Fluchend trampelt der alte Mann die Treppe herunter. “Du hast einen Gast?” fragt er, das Buch unter seinem Arm geklemmt. Er wirft es auf den Schreibtisch. “Du warst dran, nicht wahr?” fragt er, starrt in das Gesicht seines Sohnes, denn auch wenn dieser Sheriff ist, so bleibt er doch eine kleine Mistkröte und Lügner.

“Hier. Hier war jemand dran. Hier darf niemand ran. Das Buch ist verboten, tabu!”

Sanft streicheln seine Finger über die harte und rissige Oberfläche des Einbandes, das braune Leder, gealtert wie er selbst. Der metallene Verschluss, noch immer sonderbar kalt, flimmert im Neonlicht. Der Sheriff lehnt sich zurück und betrachtet seinen alten Herren mit zusammengekniffenen Augen.

Das Kind kommt die Treppe hinunter. “Onkel, was ist denn los? Ist der böse Mann wieder da?” Der Sheriff schüttelt den Kopf. “Nein. Hier ist alles in Ordnung. Nur mein alter Herr hier, der ist ein bisschen… sauer.”

“Kaum 40 und noch immer aufmüpfig wie ein junger Spund! Furchtbar! Ich sehe doch, dass ihr an dem Buch gewesen seid!”

Das kleine Mädchen nähert sich und schaut sich das Buch an. “Du hast mir doch daraus vorgelesen, Onkel Sheriff.”

“Ahaaa”, ein dürre Finger zuckt pfeilschnell durch die Luft und landet auf der Brust des Gesetzeshüters. “Lügner!”

“Ganz ruhig, Vater. Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig. Du hast mir das Buch als Kind verboten, aber….” Er schiebt den Finger weg. “ich bin kein Kind mehr. Diesen Hokus Pokus Schmokus, dieses Gerede von Geistern und Dämonen. Das hier sind die neuen Dämonen!” er deutet auf den Monitor, auf dem der Bildschirmschoner die Top-10 aktueller Verbrecher hin- und herschaukeln lässt.

Sein Vater lächelt humorlos. “Glaubst du wirklich, dass das nur ein Buch für Erwachsene ist, das Kinder nur nicht lesen dürfen, weil sie zu jung dazu sind. Nein, mein Junge, das hier ist nicht nur ein Buch, das hier ist eines DER Bücher. Ein Buch, nur überragt von seinem Gegenstück oben in Arkham, das die in einer Universität lagern, mit eisernen Ketten behangen und einer verdammten Menge an magischem Kram drumherum.”

“Vater, setz dich hin, trink einen Tee und beruhige dich doch. Es kann schon sein, dass ich ein paar Sachen daraus vorgelesen habe, aber es war wirklich nichts Schlimmes dabei.”

“Nichts schlimmes? Was hast du gelesen, schnell!” die Gesichtsfarbe des alten Mannes verfärbt sich ins leichte violett.

Der Sheriff blättert durch die Seiten. “Das Meiste war auf lateinisch, das kann eh kein Mensch mehr, aber das hier…..”

“Ganz toll, mein Junge”, meint sein Vater, während er auf die Zeichen blickt. “Du hast heute Nacht einen echten Dämonen befreit. Grins nicht so, als wäre ich ein alter Idiot. Damals sind deine Großeltern fast wegen ihm gestorben.”

“Oh Gott, die alte Geschichte mit dem Geistercowboy. Ich habe ihn nie gefunden.”

“Du hältst dich auch von der Jamed-Mine fern, gut so.”

“Opa, erzähl mir doch die Geschichte, ich kann nicht mehr schlafen.” Die Kleine ist ziemlich aufdringlich und erinnert in an… “Cherry? Was ist passiert?” fragt der Alte.

“Sie wurde entführt, wie alle Stripperinnen und daher… hab ich einfach die Kleine erstmal bei mir aufgenommen. Und ihr Vater ist auch verschwunden.”

Das Mädchen nickt. “Böse Männer in Huuubschraubeern.” Sie schluchzt.

“Und nun?” fragt der Sheriff. “Du hast tatsächlich das Buch gelesen, die Stelle mit dem Cowboy. Ich hab es auch gelesen.”

“Ich habe damals von meinen Eltern, deinen Großeltern gehört, er war ein Medizinmann, einer der Ersten, die in den Norden gegangen sind, auf die Universität. Und dort hat er das Buch gestohlen, dieses Buch hier. Niemand hat es bemerkt, bis hier einige Leute krank geworden und gestorben sind. Es waren keine guten Menschen, aber es waren Menschen und irgendwann kam jemand auf die Idee, den Medizinmann dafür verantwortlich zu machen. Sie haben ihn gefangen und aufgeknüpft. Das Buch hat man aber nie gefunden. Denn das hatte sein Sohn. Ja, sein heimlicher Sohn, genauso krank im Kopf wie sein alter Herr, aber nicht so süchtig nach Aufmerksamkeit. Er wollte nur Rache. Er hat sich als Gesetzeshüter einstellen lassen, als Regulator für die großen Ranger hier in der Nähe. Er war sehr hellhäutig gewesen, man hat ihn für einen von ihnen gehalten. Naja, irgendwann kam dann die Armee vorbei, wollte irgendwas in Mexiko. Und dann ist er völlig ausgetickt, niemand weiß, warum. Und am Ende waren alle tot, er verschwunden und meine Eltern, deine Großeltern, Junge, haben das Buch gefunden und aufbewahrt.”

“Das ist richtig, alter Mann” sagt eine Stimme von der Türe her. Leises Motorengeräusch strömt langsam in das Gebäude. Die dunkle Öffnung eines Pistolenlaufs ragt auf drei entgeisterte Gesichter. “Ich wollte schon immer das Buch sehen. Ihr Freund wird also bald kommen? Schön. Wir warten hier.”

Black Metal Cowboy – Tote hören keinen Techno – Kapitel 6

Black Metal Cowboy – Tote hören keinen Techno – Kapitel 6

Eine Begegnung im Mondschein

Der Weg, besonders in der Dunkelheit, ist lang und Bob hat nicht wirklich Lust, sich um das neue Problem zu kümmern. Eigentlich wäre es am liebsten mit Jane unterwegs, nun gut, unterwegs auf anderen Ebenen der Realität. Dennoch stampft er, müde und sorgenvoll durch die Ebenen, die sich vor ihm auftun. Hin und wieder hört er ein leise Flüche in seinem Rücken, wirbelt dann herum und starrt in die gesichtslose Masse seines Rudels.

“Robert”, sagt sie leise und er muss sich beherrschen, sich nicht umzudrehen und seine liebste Zweitfreundin anzuschreien. Er lächelt milde und nickt. “Nicht mehr weit, meine lieben Freunde. Es ist nicht mehr weit.”

“Warum haben wir das Auto nicht genommen?” fragen ihn einige Stimmen halblaut, feige, zurückgezogen. “Weil das Ricks Auto ist, also war.” Er verheimlicht, dass er weder den Schlüssel hat, noch, dass er nicht fahren kann. Er darf es nicht, aber das ist eine der geheimen Informationen, die auf ewig keiner wissen darf. Er hat Angst vor dem Fahren.

“Unabhängig davon, liebe Freunde, so ein Spaziergang ist doch wohl machbar. Oder wollt ihr fett und faul werden?”

Keiner sagt etwas, halbherziges Gemurmel fliegt durch die Luft, vergeht im Wind.

“Hey” sagt Jane und Bob ist leicht genervt. “Was?” meint er. “Ich habe was mit, zum Spielen.” Sie öffnet ihre Handtasche, greift hinein, wühlt etwas und bringt eine Pistole zum Vorschein. Sie hält die Waffe sicher in ihren Händen und fuchtelt wild herum. “Was soll das” sagt Bob, der sich doch nun mehr Sorgen macht. “Ist meine, Paps hat sie mir geschenk, falls ihr Typen mal etwas heftiger zur Sache gehen wollt, ohne dass ich das will.” Sie grinst anzüglich. Bob fährt sich durch die Haare. “Aha, und was… spielen wir?” fragt er sie. “Hier ist doch genug Zeug zum Spielen, Kaktusse, Holzbretter und schau mal”, sie deutet mit dem Lauf auf eine kleine Gestalt, die hechelnd auf die Gruppe zuläuft. Ein Hund, ein wilder Mischling, dumm und hungrig, bewegt sich direkt in Richtung Janes Handtasche, vermutlich riecht er irgendwelche Keksreste, die sie immer mitschleppt. Sie kichert und feuert. Der Knall zerreisst die nächtliche Stille und ein Klumpen Erde fliegt durch die Luft, direkt auf den Köter zu. “Mist, verfehlt”, sagt Jane grinsend und feuert erneut. Wieder schlagen die Kugeln um das Tier ein.

“Das ist langweilig”; meint eines der Rudelmitglieder. Bob wirbelt herum und nimmt jeden einzelnen seiner Jünger in Augenschein. Keiner sagt etwas.

“Jemand kommt näher und es ist kein Hund”, sagt Jane und starrt in die Finsternis hinaus. Peters Gesicht taucht auf, weiss wie ein Bettlaken. Er keucht zum Erbarmen und fällt auf die Knie, um sich zu übergeben.

“Welches…Wort…von…”Du wartest dort, wir kommen nach” hast du nicht verstanden, Schwachkopf?” fragt Bob und seine Schläfenadern quellen wieder, dem Explodieren nah an, während er sich herunterbeugt und mit dem Finger Peter schmerzhaft anstupst. Dieser reagiert erst mit Verspätung. Schüttelt sich und beginnt zu kichern. Das Klappern von Hufen dringt durch die aufgeladene Atmosphäre. Das Rudel wendet seinen Blick hinaus in die Weite. Wolken ziehen ziehen hin, langsam aber sicher kommt der volle Mond erneut zum Vorschein, beleuchtet den hageren, unheiligen Reiter. Peter dreht seinen Kopf nach oben, starrt direkt in Bobs entgeistertes Gesicht und meint mit einer Art von aufbegeherender Gehässigkeit: “Du bist sowas von im Arsch.”

Bob betrachtet den Ankömmling, mit zusammengekniffenen Augen taxiert er ihn, sieht jedoch fast nichts. Schatten fahren über sein Gesicht, als die Wolken wieder dichter werden.

Etwas kracht direkt neben Bob. Er schreit auf und hält sein Ohr. Jane hält den Revolver zitternd in ihrer Hand. “Das Böse, das Böööööse” singt sie leise und es erinnert jeden, der dabei ist, dass Jane bis vor Kurzem einer Sekte angehörte, den “Hirten der letzten Jahre” und dass die Gestalt anscheinend genau das ist, was man ihr jahrelang gepredigt hat. Noch ein Schuss, doch das Wesen reagiert nicht. Jane tritt einen Schritt vor, noch einen, dann steht sie direkt an dem Pferd und wendet ihren Kopf nach oben. “Weiche!” schreit sie und drückt wieder ab. Die Waffe klickt. “Leeeer” tönt Peter von unten und Bob ist versucht, ihn zu treten.

Der Cowboy steigt ab, steht nur einige Zentimeter vor der winzig wirkenden jungen Frau und nimmt sein Gesicht ab. Dahinter ist nur Schwärze zu sehen, ein bizarres Universum voller Zorn und Hass, voller Tod und Verzweiflung. Jane beginnt zu brüllen, schlägt zu und ihre Faust versinkt im Nichts. Sie zerrt an ihrer Hand herum, aber egal wo sich diese jetzt befindet, von dort gibt es kein Zurück. Nun reagieren auch die anderen in der Gruppe; die Mehrzeit zieht die Flucht dem Entsetzen vor, und einige wenige packen Jane und zerren an ihr, um sie loszubekommen. Bob ist fassungslos, Peter grinst glücklich. Ein Zucken durchläuft die Körper der Helfer, als sich die Hand löst, jedoch nicht aus dem Gesicht. Jane starrt schockiert auf das, was von ihrer Hand übriggeblieben ist und Bob erinnert sich kurz an einen jener grausigen Filme, die er in seiner Kindheit gesehen hat. Sein Zorn nimmt überhand und er springt hoch. “Du Schwein”

Die Gestalt packt an Angreifer und wirbelt ihn herum. Bob landet am Boden, in mitten seines kreischenden Rudels. Erneut sieht Peter, wie das rote Licht zum Leben erwacht und wendet sich an. Er hält die Hände über seine Ohren, versucht, die Qualen, die sich wie Wellen um ihn aufbäumen, die Schreie der Opfer auszublenden, zu überhören, doch der Schmerz jeder einzelnen Person um ihn herum trifft seinen Verstand, bohrt sich tief in seine Seele und hinterlässt Löcher, die ihn nicht verlassen werden, bis man ihn eines Tages finden wird: einen geistlosen Wanderer tief im Inneren der Wüste, stumm in Worten und ohne Seele.

Valentinstag

Valentinstag

Kaum hatte er sich auf die Parkbank gesetzt, sah er sie sich ihm nähern. Nervös zerrte er an dem Kissen, welches er seit einem Jahr nutzen musste, um die Schmerzen in seiner Hüfte zu mildern. Er packte seinen Stock und stemmte sich mühseelig hoch. Die Dämmerung liess orangenes Licht über die Menschen auf der Promenade fließen und verwandelte das Meer in flüssiges Gold.

Mochte es auch an diesem zauberhaften Licht liegen, sie sah bezaubernd aus. Ihre Augen waren noch immer das Erste, was ihm an ihr auffiel. Ein Funkeln hatte stets in ihnen gelegen, seit sie sich kannten. Auch ihre Bewegungen waren noch immer die des jungen Mädchens aus dem Projekt, das sie gemeinsam betreut hatten.

Wortlos standen sie sich gegenüber. Für diesen Augenblick fielen von ihm alle Schmerzen, all die Trauer über die verschwendete Lebenszeit ab.

Dann umarmten sie sich und in jeder Faser seines Körpers spürte er die Sehnsucht, die er nach dieser Frau hatte, jeden einzelnen Augenblick seit damals.

Ihr Blick fiel auf den Korb. Sie grinste und strich mit ihren filigranen Fingern über die karierte Decke.

“Bitte”, sagte er und seine Stimme war heiser vor Aufregung, “für unser Treffen. Nur das Beste.”

Ihre Augen glitzerten. “Champagner, du weisst doch, dass ich nichts trinken darf. Und Eier Benedikt für meinen furchtbar hohen Cholesterinspiegel und oooh, Ananas-Parfait, das ich nicht mehr vertrage. Du hast an alles gedacht.”

Er nickte. “Du weisst, dass ich diesen Abend bereits seit Jahren vorbereite.” Sie grinste anzüglich, setzte sich hin und nahm einen der Porzellanteller. Er öffnete die Flasche und liess den Korken ins Meer segeln. Sie kostete bereits den Hauptgang. Er füllte beide Gläser und gab ihr eines davon. Sie betrachtete das Sprudeln aufmerksam. “Du Schwerenöter hast mir wieder einmal viel mehr ins Glas geschüttet als dir selbst”, sagte sie und er ihm schoss das Blut ins Gesicht. “Meiner Theorie nach bleiben wir immer die selben, ganz gleich, wie sehr uns Erfahrungen zu prägen versuchen.” Sie nickte. “Immer noch der Philosoph.”

“Wie geht es dir?” frage er. Sie sprach mit vollem Mund. Er fühlte sich wie damals, jung und voller Hoffnung. “Mein Mann ist tot. Er ist vor 2 Jahren gestorben, wie du weisst. Hast es in der Presse vermutlich auch gelesen. Autounfall, mit seiner Sekretärin. Beide nicht angeschnallt und nur halb angekleidet.”

Er schüttelte den Kopf. “Ich weiss von nichts. Ich musste doch unser Treffen vorbereiten.” Sie sah ihn mit großen Augen an. “Ja? Das macht mir Gedanken.” Er lachte kurz auf und lächelte sie danach an. “Unser Pakt.” Sie nickte. “Ich weiss. Deshalb sind wir heute da. Im Herzen war ich immer ganz dein, ganz gleich, was man von dir sagte, als du verschwunden bist. Und dann bist du vor einem halben Jahr wieder aufgetaucht, hast dich bei mir gemeldet.”

“Die Agentur, für die ich gearbeitet habe, hat mich entlassen. Ehrenhaft. Sie wussten, dass ich mir durch meine Arbeit eine dieser tödlichen Krankheiten zugezogen habe.” Sie nickte. “Damals, das Projekt, war also nur der Anfang?” Er sah ihr in die Augen. “Ja, sie haben Kontrolle ausüben wollen, Ängste im Menschen wecken wollen, ein starkes “Wir gegen sie”. Doch nun…”

“Nun sind wir alt und krank, vom Tod gezeichnet und dennoch…” sagte sie und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Tropfen flossen über ihre Wange. Schluchzend nahm sie das Taschentuch, dass er ihr anbot.

Sie schmiegte sich an ihn. “Weisst du noch?” fragte sie. Er nickte. “Wir wollten die Welt in Flammen setzen, weil sie uns hassten, weil sie uns verachteten, weil sie…” “Ja”, sagte sie leise in die aufkommende Nacht. Er griff in den Korb und holte ein Handy heraus. “Ein Geschenk. Mein Geschenk, an dem ich so lang gearbeitet habe, aber du warst es, bist es wert, wirst es ewig sein.” “Oh”, sagte sie und atmete laut ein “es ist schön”. “Die Nummer lautet “338379375” oder für dich einfach “Feuerwerk” meinte er und fühlte, wie sich sein Rücken spannte, während sie die Buchstaben eingab. “Ich liebe dich”, sagte sie leise und wählte.

Die gewählte Nummer wurde durch eine nah am Strand aufgestellte Antenne eines Mobilfunk-Anbieters aufgefangen und mittels einer sabotierten Weiterleitungstabelle zugeordnet. Es klingelte in einem unbewohnten Haus. Klickend schaltete sich das Modem ein und wählte mehrere streng geheime Rufnummern, die von Mainframes verschiedener Stützpunkte überwacht wurden.

Schreiend liefen Männer in Uniformen neben Doktoren in weissen Kitteln, suchten eine Fluchtmöglichkeit. Wissenschaftler, denen die automatischen Verriegelungen den Versuch, zu entkommen, sofort zunichte machten, pochten panisch an die Türen. Ein Brüllen lief durch die unterirdischen Komplexe, als die Triebwerke zum Leben erwachten, doch die Tore über den Silos öffneten sich nicht. Sie hatten keinen entsprechenden Befehl aus dem Computer erhalten.

Leise klirrend schlugen die Sektglüser aneinander, während im Hintergrund, dort, hinter der spielnden Oberfläche des Wassers die Dämmerung erneut zum Leben erwachte und rotschwarze Flammenpilze aus dem Boden schossen. Während der Sturm das Ufer erreichtete, Wasser und Gischt mit sich brachte, hielten sie sich fest, schauten sich tief in die Augen, und sie sahen nur Glück, Erfüllung im Gesicht des anderen. Und als die Wand, die geradewegs aus der Hölle zu kommen schien, sie endlich erreichte, küssten sie sich.

Einen schönen Valentinstag.

(C) 14.02.2011 Emanuel Mayer

Black Metal Cowboy – Tote hören keinen Techno – Kapitel 5

Black Metal Cowboy – Tote hören keinen Techno – Kapitel 5

Kapitel 5 – Techno-Ninja

Der kleine Junge starrte in den Himmel. Die Stimme hallte noch in seinen Ohren, eine hübsche Frau war erschienen und hatte in an die Hand genommen. “Du bist auserwählt, Siegmund.” Der Junge war ergriffen von solcher Eleganz, dass er nicht antworten konnte. “Du bringst das Licht in die Welt.”

Sie hatte sich zu ihm heruntergebeugt und auf die Stirn geküsst. An dieser Stelle fühlte er ein lustiges Jucken, doch die Frau verbot ihm diesen Punkt zu berühren. “Ganz vorsichtig, kleiner Junge. Es ist die Quelle deiner Macht, sei gewiss, es wird die große Dienste tun.”

Die Mutter fand den kleinen Siegmund in die Luft starrend. Sie folgte seinem Blick, sah jedoch nicht mehr als Wolkenfetzen über ihren Köpfen davonsegeln. Auf ihre Frage wandte der Junge den Kopf und sie sah ein kreisrundes Bild auf seiner Stirn. Sie spuckte in ihr Hand und versuchte, es zu entfernen. Doch es gelang ihr nicht. Stattdessen fühlte sie eine plötzlich aufkommende Freude und die Welt begann, sich zu ändern. Der kleine Junge starrte seine Mutter, während sie kichernd und juchzend durch die Gegend tanzte. Er lachte auch und freute sich, dass seine Mutti sich so freute. Er wusste nicht…

In ihrer Welt kicherten die Bäume und die Wände des Hauses änderten ihre Farben und die Welt jubelte und alles war so toll und alles sprach mit ihr, sogar…

das Auto, das mit 35 km/h, 5 km/h schneller als erlaubt, um die Ecke bog und

der Junge sah, wie die Mutter durch die Luft segelte und

Sie konnte fliegen. Flieeegen.

Der Autofahrer sah durch den Riss in der Frontscheibe die verrückte Frau davonsegeln

Siegmund erwacht keuchend. Er betastet den Verband um seinen Kopf. Noch fest. Sehr gut. Er lehnt sich zurück und atmet stoßweise. Erneut der Traum. Er erhebt sich von seinem Bett, dreht sich herum und beginnt, das Bild an der Wand ihm gegenüber anzubeten. Eine Türe klickt, Schritte nähern sich ihm. Eine Hand auf seinen Schultern. “Schon wieder dieser Traum?” Siegmund nickt. Er dreht sich um und erblickt dasselbe Gesicht, wie noch vor Momenten auf dem Plakat hinter ihn”Vater!” Sein Gegenüber nickt. “Du warst großartig. Wir haben die von dir gebrachten Frauen begutachtet und freuen uns über den Erfolg deiner Mission. Wir sehen dein Geschenk gnädig an.”

“Werden es neue Schwester für die Mission” fragt Siegmund. Vater nickt.

“Es werden täglich mehr, die dienen wollen.”

Dann dreht sich Vater um und geht aus dem Raum. Siegmund ist allein. Er geht ins Bad und betrachtet sein Ebenbild im Spiegel. Vorsichtig nimmt er den Verband von seiner Stirn. Hastig blinzelnd öffnet sich sein 3., sein heiliges Auge, bewegt sich, fokussiert.

Zurück in seinem Zimmer sieht Siegmund, dass es noch nicht ganz 1 Uhr ist. Er hat sehr kurz geschlafen, wie immer, wenn er aufgeregt ist. Eine seltsame Unruhe überfällt ihn, als könne seine Gabe ihn befähigen, in die Zukunft zu schauen. Er geht in die Lotosposition und betrachtet eine einzelne, verfallende weisse Lilie, die auf dem hölzernen Altar gegenüber dem Fenster steht. Hinter dem Altar nur eine weisse Wand, nichts soll ihn ablenken.

Niemand wird die Gemeinschaft aufhalten, niemand wird Vater widerstehen können. Er lächelt kurz, zieht seinen musikalischen Begleiter aus einer Schublade unter dem Altar hervor und schaltet ihn ein. Dumpf hämmernder Bass, von zarten Melodien durchzogen fließt durch die Kopfhörer in seinen Verstand. Er fühlt, wie die Energien der Lebewesen um ihn herum im Klang der Musik tanzen, spürt, wie die Kraft aufsteigt, wie seine Chakren sich mit allumfassender Liebe füllen.

Er bewegt, stumm und völlig ohne Begehren, die Finger zu den heiligen Mudras, die ihm Kraft geben, seinen Weg zu gehen. Entsetzen zerrt kurz an seinem Bewusstsein und verschwindet wieder.

Hinter dem einseitig durchsichtigen Spiegel wacht ein Mann über die Meditation. Doktor Störensen, seinem Schützling und den ihm folgenden Jüngern nur als “Vater” bekannt, lächelt milde. Er erinnert sich für einen Augenblick an den Film “Dr. Mabuse”, welchen er als Kind dutzende Male im Hause seiner Großtante sehen musste. “Dr. Mabuse” hat ihn geprägt, mehr noch, erschaffen. Doch wird der Doktor hier erfolgreicher sein als sein filmisches Vorbild. Keiner kann Siegmund aufhalten. Nicht einmal er.

Eine Vorschau für den 14.02.2011

Eine Vorschau für den 14.02.2011

zwei einsame Menschen, vom Alter gezeichnet, verbunden durch ein Versprechen
ein besonderes Geschenk, ein einmaliges Erlebnis

solcherlei geschieht nur zu diesem besonderen Datum, nur zu diesem wichtigsten Tag für Liebende: nur zu Valentinstag