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Monat: Januar 2011

Grim Reapers größter Fan

Grim Reapers größter Fan

Wie jeder gute Film unterliegen manche Dinge einer Kontrollinstanz, hier also meiner: ich hoffe, du bist älter als 16. Daher und zum Schutze meiner Interessen: Es ist nur Satire und Satire darf alles. Yeah. Und für den leichten Schlaf hinterher einfach eine Folge von Frasier anschauen. Danke

Eine Gestalt hetzte durch den Regen, schlitterte über die noch halb gefrorenen Pflastersteine und blieb laut keuchend am Brückengeländer stehen. Sie hob ihren Kopf, ein schönes, aber verängstigtes Gesicht, blickte aufgeregt in eine unbekannte Ferne, lauschte der Nacht. War da eine Bewegung im Gebüsch? Sie schaut genauer hin. Das Gesicht ihres Freundes tauchte auf. Ihr fiel ein Stein vom Herzen. Überwältigt von Glück lief sie sie auf sein strahlendes Lächeln zu, bliebt dann jedoch verdutzt stehen. An seinen Lippen bewegte sich etwas, sie öffneten sich und mit einem Röcheln, das nicht aus dieser Welt zu kommen schien, spuckte er Blut. Der Kopf zuckte im hellen Laternenlicht. Sie kreischte, als der Schädel an ihre Brust prallte und danach langsam zu Boden rollte. Sie kreischte noch immer, als der restliche Körper aus der Dunkelheit trat und zusammenbrach, zuckend wie ein Fisch auf Land. Blutig blitzte eine geschwungene Klinge auf und zerteilte den Vorhang. “Grim Reaper IV – das letzte Gefecht” erschien in rotglühenden Buchstaben.

Die Menge, größtenteils bestehend aus männlichen Jugendlichen im Alter zwischen 16, denn einige hatten sich herein geschmuggelt, und 35 Jahren, tobte. Eine Gestalt am hinteren Rand des Kinos grinste und wandte sich an seinen Partner, der soeben eine Zigarette anzündete. „Na, war das geil?“ Er hörte die Menge toben, schaute hin, wie Personen aufstanden und ihre Arme hoben. „Achtung“, sagte er, „gleich geht’s los“. „Blut und Fleisch für den Reaper, Blut und Fleisch für den Reaper“. Jedes der Worte liess den Saal erbeben. “Ich sagte doch, es wird ein Erfolg.” sagte er und zeigte auf die Menge. „Die Kids liiieben das Zeug.“ “Mag sein”, antwortete der Angesprochene und festigte mit seinem Atem die Wand von Zigarettenrauch. Er schüttelte den Kopf. “Die Jugend von heute will immer mehr Gewalt.” Der erste Mann lächelte. “Es sind nur Effekte und billige Drehbücher. Und ein guter Name. Damit kann heute jeder Gewinn machen.” “Schau sie dir an. Reine Statistik: Heranwachsende, junge Erwachsene, männlichen Geschlechts, lieben den Kontext von Gewalt und halbnackten Frauen. Einige haben die Vorgänger über 20 Mal gesehen. Egal, wie schlecht Teil 3 war, Teil 4 wird einschlagen wie eine Atombombe.”

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Sie fand den Jungen auf einem Stapel Reifen sitzend, die Hände gefaltet, als würde er sie nicht mehr brauchen und gebeugt, als hätte jemand sein Rückgrat herausgerissen, damit gewürfelt und die Brocken in den zuckenden Sack Fleisch zurück gestopft. Man hätte ihn als ungefährlich ansehen können, wenn seine Hände, Gesicht, Leib nicht mit Blut, fremdem Blut bedeckt gewesen wären. Ein Nachbar hatte Schreie gehört, Kreischen in der Nacht. Er hatte es in seinem Schlafzimmer nicht mehr ausgehalten und war in die Küche gegangen, um ein Glas Wasser zu trinken. Als die Schreie aufhörten, hatte er sich entschlossen, die Polizei anzurufen. Er war nicht soweit gekommen. Man fand die Frau zusammengekauert auf der Terrasse, blutige Handabdrücke an den Fensterscheiben und eine offene Bauchwunde, die einen qualvollen und langsamen Tod bedeutet hatte. Das Telefon hing noch quäkend an seiner Schnur, die Nummer 911 in Panik gewählt. Der Nachbar in der vom Fenster entgegengesetzten Ecke, zusammengesunken, nicht ansprechbar. Von der Leiche zum wirklichen Tatort waren es nur 20 Meter, jedes einzelne davon gesprenkelt vom ihrem Blut. Das Haus erinnerte von außen an das Vorstadtklischee mit einem handgemähten Rasen davor, der Zaun frischgestrichen. Doch wer den Weg durch den idyllischen Vorgarten genommen hatte, betrat eine Hölle aus Blut und jüngst vergangenem Schmerz. Der Blick führte direkt die Treppe hoch, links das Wohnzimmer, rechts die Küche, geteilt durch einen hellen, einladenden Flur. Fußspuren auf dem Boden, Handabdrücke an der Wand, geronnenes Blut an den Familienfotos, ein lächelnde Gesichter hinter Glas, ein verstohlener Blick aus dem Hintergrund. Der Junge, steht mit einem Ausdruck unbändiger Langeweile und unterdrücktem Zorn. Angst lag in der Luft. Es war der erste Eindruck, der die Pathologin und ihren Assistenten hatte. Sie stand gebeugt über dem Durcheinander aus Gewalt, betrachtete eingehend die verzerrten Gesichter, die Agonie in den Augen der beiden Opfer. Es wäre kein schöner Tod gewesen, meinte sie und zeigte auf die Wunden. Auf den ersten Blick waren mehr Risse als Schnitte zu erkennen. Sie schüttelte den Kopf. In Gedanken versunken überhörte sie den Ruf eines Kollegen. Das Zimmer des Jugendlichen war gefunden worden. Der Polizist starrte auf die Ansammlung von Gegenständen, die sich nach und nach aus der Dämmerung schälten. Er fühlte sich unwohl in seiner Haut, erinnerte sich plötzlich an die Geschichten seiner Freunde, wenn er in den Keller gehen musste, an bleiche Gesichter, die da unten lauerten und an das Knacken der Skelette in den Wänden. Er schüttelte die Furcht ab und schaltete das Licht ein. Er hob die Augenbraue und presste die Hand vor den Mund um nicht zu schreien. Dutzende Gesichter starrten ihn an, er wurde von rotglühenden Augen förmlich aufgefressen. Eine fremde Hand packte ihn, riss ihn aus seinen Gedanken. Er wirbelte herum. “Wow, ein ‘Grim Reaper’ Fan.” meinte sein Kollege. Er ging durch das Zimmer und nahm eines der eingeschweißten Objekte vorsichtig in Augenschein. “Grim Reaper 2 – Der Block des Wahnsinns” sagte er staunend. “Aktueller Marktpreis um die 250 Piepen. Gibts nicht mehr oft.” Er ließ seinen Blick schweifen. “Im Großen und Ganzen”, sagte er stirnrunzelnd, “ein beunruhigendes Zimmer, findest du nicht auch?”

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Der Patient zeigte eine ausgeprägte Psychose. Tatsächlich lag es mehr in den Augen des Pflegers als in seinem Verhalten. Ein hochgewachsener, hagerer Jugendlicher mit Resten von Blut an seinen Händen stand vor ihm, wirkte versunken in seiner eigenen Welt. Sein Shirt hatte die Farbe von dunklem Grau, die Nähte stachen sonderbar hervor, als wäre das Kleidungsstück einst schwarz gewesen und dutzende Male falsch gewaschen worden. Rosa Punkte mit dem Aussehen früherer Blutflecken unterstrichen den Schriftzug unterhalb einer Kreatur, die der Mann schon oft, zu oft, gesehen hatte. “Er weiß, wo du bist und er holt dich. Grim Reaper” auf verwaschenem Stein unterhalb des klassischen Bilds des Gevatter Tods. Die Polizisten hatten ihn vor einer Viertelstunde abgegeben, der Doc ihn oberflächlich untersucht und, sobald er die offizielle Information bekommen hatte, sofort den Transport in die “Geschlossene” befohlen. Nach und nach kombinierte der Pfleger, was vorgefallen war; er betrachtete den Neuankömmling fasziniert und angeekelt. Nachdem er den jungen Mann – denn er war 19 Jahre alt, auch wenn er nicht so aussah – in sein Zimmer gebracht und ihm alles recht wortkarg erklärt hatte, atmete er auf und beschloss im selben Moment, es wäre Zeit für einen DVD-Abend. “Hey”, tippte er in sein Handy, “‘Grim Reaper’-Abend heute nach Dienstschluss. Bringt Bier mit. Gruß“

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Müde schlug der Professor die Patientenakte zu. Er nahm seine Brille ab und begann sie sorgfältig zu putzen. Er kannte die Daten bereits auswendig. “geboren 1992. Realschulabschluss. Ausbildung als Informationstechniker. Galt als verschlossen. Einzelgänger, wenige Freunde. Zog sich im Laufe seiner Pubertät immer weiter zurück. Mehrfach lauter Streit von Nachbarn gemeldet. Meistens in ungewöhnlichen Film-Foren und Horror-Börsen unterwegs. Heavy-Metal-Hörer. Galt bisher als ungefährlich, wenngleich beschrieben ihn die Bekannten als einschüchternd, bedrohliche Anklänge. Nannte sich in der Schule teilweise “Max Blank” wie der Protagonist der beliebten “Grim Reaper”-Reihe.” Der Professor überlegte und klingelte dann nach einem Pfleger. “Holen Sie den Patienten zu mir.” sagte er angestrengt. Der junge Mann lag wie so oft auf seinem Bett und betrachtete apathisch die Decke. Einige Leute meinten, er habe gar keinen Ausdruck, doch sie täuschten sich. Er kaute heftig, knirschte mit den Zähnen, rollte die Augen, dies aber nur, wenn allein zu sein schien. Betrübt betrachtete ihn der Pfleger auf dem Monitor. Er fürchtete sich vor der hingestreckten Gestalt und jedes mal, wenn er ihn zu einer Sitzung bringen sollte, erwartete er einen Ausbruch von Gewalt. Doch es kam nie soweit. Denn sobald sich die Türe zur Verwahrung öffnete, saß der Patient stoisch auf der Bettkante und wartete. “Deine Eltern waren sehr streng zu dir.” meinte der Professor. Der Junge antwortete nicht. “Sie haben dir sehr viele Dinge verboten. Du warst allein, immer allein und sie haben dich verachtet.” Erneut keine Reaktion. Der Professor wusste, dass diese Sitzung,wie so viele vorher, im Sand verlaufen würde. “Du schaust gern diese Filme an.” sagte er. Wieder einer der Versuche mit den Filmen. “Wie heißen sie? Irgendwas mit Grim. Gebrüder Grimms Märchen?”

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Er lag wieder in seinem Zimmer. Unablässig bewegte er die Lippen, seine Augen zuckten. Er flüsterte. Der Pfleger legte sein Ohr an die Tür und lauschte. Er hörte nichts. Klackernd fuhr der Schlüssel in das Schloss. Er drehte sich um und starrte aufmerksam in den Gang. Es war kurz nach Mitternacht und der Pfleger hasste diese Stunde. Erinnerungen von ruckelnden Geistermädchen schossen ihm durch den Kopf. Er fluchte über den Schichttausch mit seinem Kollegen. Stille. Doch es war die einzige Zeit, sich den Jungen anzusehen. Langsam erstarben die Meldungen in den Boulevard-Magazinen. Sie nannten ihn den “Reaper” nach den “Grim Reaper”-Merchandising-Artikeln in seinem Zimmer, nach der Sense, die man hinter dem Haus gefunden hatte, gesprenkelt von Blut und seinen Fingerabdrücken und besonders nach seinem bleichen, blutverschmierten Gesicht, das ein Nachbar heimlich geschossen und sich damit dumm und dämlich verdient hatte. Der Junge flüsterte im Schlaf. Dem Pfleger war Angst und Bange, als er in das Zimmer trat. Von den Wänden starrten rotglühende Augen aus tiefschwarzen Öffnungen auf ihn hinunter. Der Patient hatte über die lange Zeit hinweg sein Allerheiligstes mit den Gesichtern der Opfer und mit eben jener grotesken Maske verziert, die “Max Blank”, Hauptdarsteller der “Grim Reaper”-Reihe bei jedem seiner inszenierten Anfälle aufgesetzt hatte und dann auf Teenager-Jagd gegangen war. Die breite Bevölkerung hatte gerade erst durch den Doppelmord von den Filmen erfahren und war außer sich. Der Hauptdarsteller musste oft genug Rede und Antwort stehen, dass man davon ausging, dass “Grim Reaper V” der absolut erfolgreichste Teil der Reihe werden würde. Der Pfleger schüttelte die Gedanken ab. Der breite Lichtstrahl drang durch die offene Tür und jede seiner Bewegungen wurden von seinem Schatten über dem Schlafenden wiedergegeben. Er stellte sich vor das Bett, beugte sich hinunter und lauschte. Angewidert wandte er sich ab und wollte sich bereits abwenden, als das Licht hinter ihm erlosch. Er wirbelte herum und bemerkte erst jetzt die Gestalt, die aus einer Ecke in den Rahmen der Tür getreten war. Das Bett hinter ihm knackte und er traute sich nicht, hinzuschauen. “Blut und Fleisch für den Reaper.” waren die letzten Worte, die er hörte, bevor ihm ein angespritztes Stück Stift in das Ohr schoss und dann in seinen Kehlkopf schoss und seine Sinne ausradierten. Er sah, wie sich die Gestalt im Türrahmen bewegte. Dann war alles vorbei.

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Der Mann schwang seinen langen schwarzen Mantel und deutete dem Jungen an, dass er ihm folgen sollte. Er hatte sich abgewandt, damit der Pfleger ihn nicht erkennen konnte. Als er jedoch die Bewegung und die erstickten Laute hörte, hatte er doch hingeschaut. Augenscheinlich hatte der Junge den Pfleger überwältigt. Er beobachtete fasziniert die Eleganz des Mordes, die Ästhetik der Gewalt. Es erinnerte ihn an seinem Vater, dem er vor Jahren ewige Treue geschworen hatte, dem er nun endlich seinen Sohn wiedergeben konnte. Er ging zu dem Jungen, der keuchend über dem sterbenden Körper hing. Er packte die Handgelenke und schnitt mit einem Tapetenmesser die Handfesseln durch. “Mein Junge. Es ist Zeit, ich bringe dich zu deinen wahren Eltern.” Der Jugendliche starrte auf den am Boden liegenden Pfleger. Dann blickte er auf und nickte. “Zu meinen Eltern.”

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Die Fahrt war lang und der Junge war schweigsam wie ein Grab. Sein Gegenüber wischte sich den Schneematsch vom Mantel. Er war hingefallen, als beide aus dem Fenster gesprungen waren und der Junge hatte ihm aufgeholfen.”Ich bin der beste Freund deines Vaters und deiner Mutter, deiner wahren Eltern. Es tut mir leid, dass du von ihnen nichts wusstest, aber es war gefährlich, dich in Kenntnis zu setzen. Tatsächlich”, er lachte, “hast du die Art Art deines Vaters, dafür ähnelst du deiner Mutter vom Gesicht her.” Sein Beifahrer schwieg. “Ich habe dich beobachtet, mein Junge. Sie haben dich aus dem Haus gebracht wie einen Schwerverbrecher. Das war falsch.” Er erinnerte sich, wie er mit den beiden Opfern gesprochen hatte. sie hatten mehr Geld verlangt, wollten alles auffliegen lassen. “Ich konnte es nicht zulassen.” sagte er und presste seine Hände in das Lenkrad. “Ich sag dir mal was über deine Eltern. Es hat ihnen das Herz gebrochen, als sie dich nicht mitnehmen konnten. Sie sind damals, als du 2 Jahre alt warst, in eine Schießerei geraten und haben zu viel gesehen oder besser gesagt, die falschen Leute mit dem Gewehr erwischt. Einige sehr angesehene Leute waren und sind noch hinter ihnen her. sie mussten sich verstecken. Sie konnten dich nicht mitnehmen, deshalb haben sie dich einem Ehepaar ohne Kind gegeben. Und sie haben, nein, wir haben gut gezahlt, damit sie dich gut behandeln und dir nichts sagen. Es tut mir, uns, leid.” Sein Gegenüber nickte. In seiner Hosentasche klickte es, als er die Klinge des Tapetenmessers ein Stück nach draußen schob. Er erwartet nicht, dass der Fahrer es vermissen würde. Es hatte nach dem Sprung aus dem Fenster einfach auf dem Boden gelegen. Nun war es sein Werkzeug. “Dann war es nicht der Reaper, der sie…” er stockte. Der Mann im schwarzen Mantel wandte sich ihm zu. “Nein. Den Typen gibts doch nicht. Sie haben mich in dein Zimmer geführt. Ziemlich abgedrehtes Zeug da, das muss ich schon sagen, macht sogar mir Angst, dieses Reaper-Zeugs. Sie haben mich angeschrien, was ich ihnen da aufgehalst hätte und dass das, was du so machst, zu krank ist für die paar Piepen, die sie von uns bekommen. Dein echter Vater wollte mehr Geld geben. Deine wahre Mutter allerdings hatte mir den Auftrag gegeben, dafür zu sorgen, dass du von den Leuten befreit wirst. Ich hab den Mann also mit der Sense aus diesen Filmen filetiert. Mann, war das schwierig, die aus der Verpackung zu kriegen. Ganz ehrlich, wer steckt denn eine Nachbildung einer echten Sense in eine Plastikhülle, das ist doch krank.”. Er lachte. “Die Frau kam ein paar Meter weiter, ich hab sie nicht mehr gekriegt. Dann bist du gekommen. Sorry wegen des Durcheinanders.“ Der Junge nickte. Der Mann begann, sich zu entspannen. Alles war in Ordnung. Er deutete auf ein Licht am Ende der Straße. “Noch ein paar Meter, dann sind wir bei deinen Eltern.”

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Die Wagentür schloss sich und der Junge stampfte durch den Schnee auf das Haus zu. Er betrachtete die Lichter in den Fenstern, sogar ein leuchtender Weihnachtsmann war auf dem Dach zu sehen. Laute Weihnachtsmusik spielte und versetzte die ganze Umgebung in eine heimelige Stimmung. Vor der Türe standen zwei Personen, ein muskulöser, kleiner Mann und eine hagere Frau. Ihre Augen waren kalt wie Eis und brannten sich förmlich in sein Gesicht. “Willkommen daheim, Sohn.” sagte der Mann. Die Frau nickte. Ein Tropfen Blut rollte langsam aus dem Ärmel des Jungen über die Handfläche und schwebte zu Boden. Die Stille der Winternacht wurde von einem plötzlichen ewig währenden Hupen unterbrochen. Die Beiden starrten in die Dunkelheit. “Wo ist eigentlich…” fragte die Frau. Der Junge wandte sich um, die Augen im Zorn bewölkt. “Er hat die Sense aus der Originalverpackung genommen. Das war falsch. Dafür hat er bezahlt.” Sie schauten ihn an und lächelten unschlüssig. Dann ergriff seine Mutter das Wort “Nun denn, unser Sohn nach all den Jahren, bei uns. Endlich bei uns. Hier ist deine Familie, hier bist du daheim. Herzlich willkommen.” Sie entspannten sich sichtlich, als wäre eine Grenze aus Angst und Abscheu durchbrochen worden. Auch sein Vater begegnete endlich seinem fragenden Blick und kam auf ihn zu. Sekundenlang lagen sich alle drei in den Armen. Er roch den Hauch von Whiskey im Atem des fremden Mannes und das Shampoo in den Haaren der Frau. Er schüttelte den Kopf. Er zuckte mit dem Handgelenk und das bereits blutbesprenkelte Tapetenmesser rutschte in seine Hand. “Ich muss noch ein Versprechen einlösen, das ich einem guten Freund gemacht habe, als man mich festgenommen hat. Ich hoffe, ihr habt Verständnis dafür.” Sie schauten ihn an und nickten. Er grinste freudlos. “Nun denn.” Er packte das Messer fest am Griff. Klickend fuhr die Klinge nach draußen. “Wie wir in meiner Welt zu sagen pflegen: Blut und Fleisch für den Reaper.”

(c) Emanuel Mayer 29.01.2011

Berlin(?): Stillstand

Berlin(?): Stillstand

Es mag wohl angehen, dass meiner Großmutter Spruch „Voller Bauch studiert nicht gern“ richtig war. Tatsächlich fällt es mir schwer, klare Gedanken zu fassen, was vielleicht dennoch eher an dem Schock oder der Müdigkeit liegt, die sich beide über meinen Verstand eingefunden haben, schwebend, lauernd.

Ich bemerke, wie ich ruckartig aufschrecke und aus dem Fenster starre, in die Dunkelheit. Das Lächerliche meiner Handlung wird mir bewusst, wenn mir einfällt, wo ich mich befinde.

Ob es Realität oder Alptraum ist, mag die Zukunft entscheiden. Vielleicht war es nur das Intermezzo, vielleicht Vorhersage.

Vor vielleicht 2 Stunden saß ich noch in der U-Bahn, die sich von Station zu Station weiter lichtete. Ich hörte leise Musik, den Kopf in mein Buch gesteckt und wartete indirekt auf die Station, wo ich aussteigen durfte. Denn ich war hungrig. Es war kein direkter Hunger, eher ein schleichendes Etwas, das sich geheimnisvoll um den Magen legte und andeutete: Iss.

Ich nahm die Hörer aus dem Ohr, als ich, neugierig wie ich bin, aufblickte und ein Kind weinen sah. Es war kein lautes, kreischendes Weinen, eher ein Schluchzen, ein Wimmern, kaum merkbar. Die Mutter hatte sich hinter ihrer Musik und einem Handy versteckt, während das Mädchen im Wagen hin und her zuckte und mit seinen Ärmchen ausschlug.

Es deutete nach draußen und ich gestehe, ich war überrascht. Der Wagen stand. Licht fiel nach draußen und beleuchtete eine Wand, vermutlich einen Meter von der Bahn entfernt, alt und grau, einmal in den Jahrzehnten bemalt und dann, wozu auch, nie wieder angerührt. Risse zogen sich wie schwarze filigrane Wurzeln über die Oberfläche, zeichneten ein verwirrende Puzzle.

„Hörst du auf!“ sagte die Frau, scharf und laut und zeigte, den einen Kopfhörer noch im Ohr, auf das Kind. „Hörst du auf, sonst wirft dich der Fahrer raus und du bist hier…. ganz allein.“ „Ja, sicher“, dachte ich mir, erinnerte mich lebhaft an die Drohungen meiner Kindheit. Ich schüttelte den Kopf.

„Was für eine Mutter“, meldete sich neben mir eine Stimme. Sie stammte von einer alten Frau, zusammengefallen, die Haut einer Ziehharmonika gleich. Sie biss in einen Apfel und kaute lautstark. Ich musste mich beherrschen, nicht loszulachen.

„Ich bin nicht ihre Mutter! Ich bin ihre Schwester und das geht Sie überhaupt nichts an!“ polterte die Angesprochene los. Bevor der Streit eskalieren konnte, meldeten sich die Lautsprecher. Verspätung etc. Mein Hunger nervte mich. Die Tür schwang auf und der U-Bahn-Fahrer, bullig wie ein Stehaufmännchen und mit dessen Gesichtsausdruck erschien. Seine ganze Art sprach nicht von Friede, Freude und Eierkuchen. Er fluchte leise und stampfte nach hinten. Irgendwo im Hintergrund leuchtete eine rote Lampe. „Türschaden“ meinte die alte Frau. Ich nickte. Hatte ich doch fast dasselbe bereits vor wenigen Tagen erlebt.

Dann ging das ganze Licht aus. Im Hintergrund hörte ich den Fahrer fluchen. Stromausfall. Das Wimmern wurde immer lauter, fast aggressiv Ich gestehen, dass ich mich nicht traute, weiter Musik zu hören. Dafür starrte ich in die Dunkelheit. Einige Lichtkleckse, Handy-Spiegelungen, tauchten auf und verschwanden wieder.

Im Hinteren Teil des ewig langen Wagons tanzte der Fahrer förmlich, um sich nicht zu verletzen, oder er hatte einfach Angst, einen Fußtritt abzubekommen. Eine Ansage aus dem Fahrerhaus: „Vorsicht, die elektronischen Türen sind nicht korrekt verriegelt. Ich wiederhole. Bitte prüfen Sie diese und machen Sie Meldung.

Rote Punkte in der Dunkelheit. Sie bewegten sich schnell, verschwanden und tauchten an anderer Stelle wieder neu auf. Das Kind geriet in Panik. Die Schwester hob die Kleine hoch und wollte sie schon anschreien, als der Fahrer etwas bemerkte und augenscheinlich den Kopf verlor. Ich hörte ein „Oh mein Gott.“ und den Versuch, die hintere Tür mechanisch zu schließen. Immer mehr rote Punkte, winzigen Flammen gleich, belebten die Finsternis und dann begann das Knacken und Kratzen, als trommelte Regen auf das Fenster in der Nacht, tobe der Sturm über die dürren Äste in einer Gewitternacht. Mir wurde klamm ums Herz. Ich hatte vermutlich, nein eindeutig zu viele schlechte Horrorfilme gesehen. Denn mehr und mehr erkannte ich Silhouetten, Körper, die ihre dürren Arme und Finger gleich Ertrinkende an die Fenster hoben und um Einlass baten, nein, Einlass verlangten.

Ich rieb mir die Augen. Ich fühlte mich wie in einem der schlechteren Zombiefilme gefangen, ohne dafür ausgerüstet zu sein. Dann tobte der Sturm los. Hagelkörnern gleich schossen Fäuste durch die Finsternis. Der Fahrer lief in einem Tempo vorbei, als wäre die Hölle hinter ihm her. Mit einem dumpfen Knall landete er im Fahrersitz. „Herrlich“, dachte ich mir, „noch einer, der auf theatralische Effekte steht.“ Dann ging das Licht an. Von einem gigantischen Blitz illuminiert, brannten sich die belebten Schatten in meinen Kopf. Denn ich sah nicht nur abgemagerte Männer in sackartige Kleidung gehüllt, den Kopf in unförmige Mützen gepresst und ihre langen und kalten Finger ausgestreckt um die Wärme dieses Wagons aufzunehmen, nein… hinter ihnen standen, Tränen in den blutunterlaufenen, roten Augen, die albinohaften Gesichter in Schmerz abgewendet, Frauen und Kinder. Ja, Kinder, die vermutlich nie Sonnenlicht gesehen hatten. Eines davon, den Blick voller Gier und Hunger deutete auf aus und bleckte die Zähne, doch eine hagere, filigran wirkende Frau mit tiefschwarz gefärbten Augenrändern schüttelte den Kopf. Dann heulte der Motor auf, die U-Bahn setzte sich in Gang und auch wenn die Hände von der glatten Außenwand des Wagons rutschten, das Hämmern erstarb erst wirklich, als wir bei der nächsten Station ankamen.

Ich hörte, noch ganz perplex von der ganzen Situation, die Frau neben mir flüstern. Ich schaute sie an und sie verstand.

„Doch jene haben sich Gott verleugnet, haben das Licht abgelehnt und sind in die Dunkelheit geflohen. Und in diesen finsteren Gruben verharren sie, ja, die Sonne scheint ihr einziger Feind zu sein, denn auch wenn sie uns Glücklichen als Verdammte gelten, so verfügen sie doch über Mächte, nach denen wir nicht zu träumen wagen. Für uns mag die Nacht Fluch und Angst bringen, ihnen aber bringt sie die Ewigkeit.“

Ich lächelte über diese Theatralik und schwieg. Und nun sitze ich hier, in meiner warmen und hellen Wohnung und starre nach draußen. Eine Frage beschäftigt mich, mehr als alles andere.

„Was tun sie, wenn wir schlafen?“

© Emanuel Mayer 28.01.2011

Berlin: U2 – Musikalisches Scharmützel

Berlin: U2 – Musikalisches Scharmützel

Teilweise handgebastelte Musik in der Ubahn ist eine schwierige Angelegenheit. Ich versuche, sie zu ignorieren, schraube den Lautstärkeregler meines MP3-Players nach oben, rede noch lauter mit mir selbst. Andere Menschen haben nicht die Möglichkeit oder die Lust, sich damit auseinanderzusetzen.

Diese Geschichte läuft völlig fremde Musik ab, oder besser: nur mit der Musik der Gruppe “Gentle Giant”. Natürlich auf meinem Player.

Ich stehe gemütlich, angelehnt an einer Tür, höre sanften Progressive-Rock, als sich hinter mir der Weg nach außen öffnet und ein Mann eintritt, eine große Kiste vor sich herschiebt, die mir Sorgen bereitet, ein kleines Gerät aus Hartplastik mit großen Knöpfen darauf geschnallt. Ein Ausnahmekünstler betritt den Konzertsaal betritt. Er lächelt… noch. Andächtiges Schweigen.

Ich greife in die Jackentasche und erhöhe die Lautstärke des Players. Dann beginnt er, greift in die Vollen: Die Viola ist rot und augenscheinlich nicht laut genug, also tippt er auf das kleine Gerät und ein Rhythmus-Sample unbekannter Machart jault schräg-theatralisch durch den Wagon. Ich höre es nicht, aber ich kann mir Dinge gut vorstellen. Und ich lese in den Gesichtern der Zuhörer.

Irgendwann hört er damit auf, ich sehe das, weil er sich vor mich hinstellt und Geld will. Ich ignoriere ihn. Ich atme auf. Noch 1 Minute.

Zu früh gefreut.

Bei dem Versuch, sich durch die Menschenmassen auf den Sitzen zu quälen, den Blick, der “Euro?” fragt, nach links gewandt, bleibt die Kiste (ein Verstärker auf Rollen!) plötzlich an Schuhen einer Person auf der rechten Seite (Mann, Mitte 40, helle Kleidung) hängen und der „Sampler“ fällt wohl zu Boden, aber das sehe ich nicht wirklich, nur aus dem Augenwinkel, weil der Musiker es aufhebt, Knöpfe drückt und beginnt, den Sitzenden anzufauchen. Dieser reagiert genervt, ignoriert den Künstler, worauf dieser lauter wird. Natürlich steigt damit auch die Lautstärke von Gentle Giants “Proclamation”, welche ich krampfhaft auf 100% hochschraube.

Jetzt wird es ernst, denn der Künstler beginnt, seine Jacke auszuziehen. Ich erinnere mich an das gestrige Eishockey-Spiel und vermute, dass hier kein Schiedsrichter eingreift. Er wirft die Jacke und den Schal auf seinen Verstärker und lässt den Sampler wenige cm vor dem Gesicht seines Mörders kreisen. Dieser hebt abwehrend die Hände, was verständlich ist, denn wenn ein Mann seine Jacke auszieht, daaaannn…

Haltestelle: Der Mann gerät in Panik, fühlt sich wohl irgendwie belästigt, springt auf und rennt aus der vorderen Türe. Der Musiker, überrascht, packt seine Jacke, seinen Rollenverstärker und peitscht sich durch die Menge der Passagiere zu genau diesem Eingang. Vernünftiger wäre gewesen, wenn er durch die Türe hinter mir nach draußen getreten wäre, denn: Kaum hat er den Wagen verlassen, öffnet sich die Tür neben mir und: Ein Mann in heller Kleidung kommt keuchend hereingetreten. Hinter ihm schreiend der Künstler. Der Mann versucht halbherzig, seinen Verfolger aus dem Wagen zu halten. Vergeblich: Irgendwann verlassen ihn die Kräfte. Mit einer Geistesgegenwart, die die wenigsten Leute haben, beginnt er erneut einen Sprint durch den Wagen und erwischt die Tür unter dem lauten Tröten der “Wir fahren los”-Warnung. Er ist draußen. Der Musiker nicht.

Allerdings, so gestehe ich, bekomme ich die letzten Augenblicke nicht wirklich mit, nur nebenbei… denn ich zähle, um mich abzulenken, mein Münzgeld… exakt 1,12 Euro.

© 26.01.2011 Emanuel Mayer

Beziehungsstress, fast menschlich

Beziehungsstress, fast menschlich

“Guten Abend”, sagte Erwin mit zusammengepressten Augen und deutete auf die Küche. “Wo ist mein Essen.” Er zitterte und seine Tentakel vibrierten. Er konnte sich wohl nie daran gewöhnen, wie sie heimkam.

Die eben Angesprochene, seine Frau hob eine Augenbraue Augenbraue. Er schüttelte den Kopf und die Tentakal segelten anmutig durch sein Gesicht. Winzige Knochenreste wurden dabei durch den Raum geschleudert und sammelte sich dekorativ an den bereits verdreckten Wänden. Ihr Gesicht flackerte wie der Fernseher, aus dem sie gerade gekommen war.

Dann fiel es ihm wieder ein: Er war arbeitslos. Sie war die ganze Zeit unterwegs. Kein Essen.

Ihr Gesicht zuckte und verlor an Konturen, während ihr Körper ganz ohne Zutun der Realität flackernd die Dimensionen wechselte. Er stand auf und hielt sich grummelnd den Kopf fest. Erneut fiel ihm etwas ein: Die Wohnung war sehr niedrig. Sie schaute auf zu ihm, schweigend, mysteriös, extrem anziehend.

“Du hast Recht, Schatz, Mausezahn, Liebste. Wir essen nichts.”

Sie schüttelte den Kopf und ihr rechter Arm zuckte nach vorn. Bereits nach dem Bruchteil einer Sekunde fand er sie neben sich stehend. Sie hielt eine Handvoll winziger, halb verrotteter Köpfe in Händen. „Das ist alles?“ frage er erbost. „Damals, in den guten alten Zeiten, da hat man mir hunderte, nein tausende…“

“Auffffffff” hauchte sie und ihre Stimme schien zwischen den Welten zu hängen, dumpfer nepalesischer Kehlkopfgesang stach heute besonder hervor, in der erregenden Mischung aus dem Kreischen von versagenden Schienen, dem letzten Schrei erfolgloser Fluchten aus der Verdammnis und aktueller lauter Pop-Musik hervor. “AUfffffessen. Heuteeee gibt essss nichtsss weiter.”

Erwin nickte. Er setzte sich wieder hin und knabberte verstimmt an den nicht vorhandenen Appetithäppchen. Wieso war er kein Freiberufler wie seine Frau geworden? Vermutlich, weil niemand ihn mehr wollte. Man hatte ihn vergessen, seine Frau aber…

“Wie war dein Tag?” fragte er. Sie zeigte mit den Fingern “Drei…undsiebzig Jugendliche, die den falllllschen Klingelton benutzt haben, vieeerund…dreißig, die einfach am falschen Platz waren. Ihre Seelen waren…. kösssssstlich.”

Er zuckte mit den Schultern und kratzte sich an den Ohren. Etwas schrie auf. „Aaah“, stöhnte er zufrieden und zog er einen winziges Wesen hervor, “ein Lovecraft-Fan. Es gibt doch noch einige.” Er grinste und steckte es sich zwischen die Tentakel. Innerhalb von Augenblicken verbrannte die kleine Kreatur kreischend. “Lecker.”

“Duuuuu”, begann seine Frau wieder,”brauchst Arbeit. Ich…. kann das Haus nicht allein… halten.”

Er stand auf, schrie auf und rieb seinen Kopf, der schon wieder an die zu tief hängende Decke geprallt war. “Dieses Drecksloch?” fragt er. Sie nickte und surrte durch die Gegend. “Wir brauchen mehr Platz, wir brauchen…” polterte er los. “Ich will…. Kinder von dir.” Das saß. Wie von einem weissmagischen Spruch der 3. Ebene getroffen, stolperte er nach hinten und rammte die Wand. Das ganze Gebäude erbebte. Der Asteroid begann, unkontrolliert die Umlaufbahn zu verlassen.

“Ein Kind?” fragte er. Sie verschwand und erschien wieder, saß auf seinem Bauch und kraulte die Tentakel. „Ach, ihr Japanerinnen.“ Er bemerkte, dass er den letzten Satz nicht nur gedacht hatte und richtete sich auf. “Was für ein Kind?“ Sie wusste bereits, was er sagen würde und verdrehte die Augen. „Ein menschliches, das schreit, sich in die Hosen macht und dass du oder ich bei Bedarf essen müssen? Ein zwischendimensionales Geisterwesen, dass durch die Fernsehsender oder Handynetze bewegt und wir ihm nicht mal Hausarrest geben können? Ein Kind aus meiner Rasse, das Welten fressen muss, um zu überleben? Ich weiss nicht, Schatz.”

Zischend löste sie sich auf. Er vernahm ein gekreischtes „Ich habe noch zu tun“ und die winzigen Wesen, die sich bisher still in seinen Hautfalten aufgehalten hatte, schrien auf. Der Fernseher leuchtet auf und sie war schon wieder unterwegs. Er schüttelte den Kopf. “Verdammt”, sprach Erwin Cthulhu zu sich selbst, setzte sich wieder hin. Er hatte noch immer Hunger. Gelangweilt begann er durch das Programm zu zappen. Er begann zu lächeln, als er bemerkte, dass er das richtige Programm erwischt hatte. Eine Geistererscheinung auf dem Konzert voller kreischender Teenager und einer… er schaute genauer hin: „Neogothic-Brothers“. Er kicherte: kreischende Teenager und seine Frau Gemahlin, die gerade durch eine der riesigen Leinwände trat. Er liebte das alte Gefühl von Massenpanik. Herrliche Bilder. “Frauen”, dachte er zärtlich und erinnerte sich, wie er sie kennengelernt hatte. Die klassische Romanze: Japanisches Geistermädchen tritt aus Fernseher und will eine Seele ernten, während einer der großen Alten einen erotischen japanischen Horrorfilm ansieht. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Er spürte, wie ihn eine Inspiration überkam, man rief ihn. Verwirrt starrte er auf den Fernseher. Die Boygroup hatte sich zitternd versteckt und einer der Jugendlichen hatte sich an das… Erwin grinste… Necronomicon gewandt, um sich retten zu lassen. Erwins Lachen durchdrang sein steinernes Zuhause.

Er griff neben sich und packte seinen Reisestab. Seufzend betrachtete er die metallisch glänzenden Nadeln an dessen Spitze, lauschte dem köstlichen Schreien der Aufgespießten, betrachtet liebevoll die Schnitzereien aus den Gebeine der letzten Einhörner und sprach den alten Teleportationsspruch. Sein Handy klingelte. Vorsichtig hob er den schwarzglänzenden Block aus interdimensionalem Gestein aus einer Schublade. Er wollte das Gerät nicht noch einmal verlieren. Die hochentwickelte Technik hatte bereits mehrfach für Verwirrung auf verschiedenen Welten geführt. Er seufzte, als er das Schnaufen am anderen Ende der Leitung hörte. Er wartete einige Augenblicke. “Nein, Nyarlathotep, heute abend nicht. Nein, es liegt nicht an meiner Frau… nein, ich will keinen Besuch. Ich habe zu tun.”

Sein Gegenüber legte fluchend, kichernd, seufzend, weinend auf. Das Portal flackerte noch immer. Aus dem Dunkeln der Ewigkeit, hinter einem samtschwarzen Vorhang aus Zeit und Raum hörte er das Signal, die Sehnsucht nach seinem Besuch, nach einer Rettung “Ph’nglui mglw’nafh Cthulhu R’lyeh wgah’nagl fhtagn.” Er fühlte, wie die Seelen in seinem Inneren aufschrien in unaussprechlicher Agonie. Wohlgemut schritt er auf das Tor zu. “Was meine Frau immer mit einem Kind hat…” dachte er und spürte, wie ein Zittern seine Flügel durchlief und den Staub von Äonen abschüttelte, “manchmal macht sie mir schon Angst”.

(c) Emanuel Mayer 19.01.2011

555-Eternity

555-Eternity

Ah, Sie sind Herr Müller, ja kommen sie doch rein. Regina wird Ihnen sicher einen Stuhl hinstellen. Regina, sei doch so lieb. Ah, schnell ist sie, meine Regina, ich wäre ohne sie komplett aufgeschmissen. Setzen Sie sich doch. Sie sind…äh… lassen Sie einen alten Mann seine Gedanken sammeln. Stimmt, Sie sind der Reporter. Ich sehe schon Ihren Gesichtsausdruck, Sie wirken enttäuscht. Ich merke schon: heutzutage kann man keinen mehr mit einer normalen Geschichte hinterm Ofen hervorlocken. Da muss was Knackiges geschrieben werden, ist es nicht so, Herr äh… Müller. Ja, es stimmt. Ich habe Regina Sie anrufen lassen, weil ich mir Sorgen mache. Sie haben es doch auch gehört, diese Leute, die seit einiger Zeit verschwinden. Hmm, ja, verursachen schon ziemliche Aufregung, nicht wahr? Und besser einem alten Zausel wie mir eine Geschichte aus den morschen Rippen leiern, als gar nix zu wissen. Nun gut. Beginnen wir. Ein alter Zausel war ich nicht immer. Damals, um die 50 Jahre her, in den wilden 60ern war ich und mein Kumpel Hans in der ganzen Welt unterwegs. Wir haben viel erwartet und wir haben noch mehr erhofft. Wir waren vielleicht noch Kinder, als der große Krieg im Gange war, aber: wir hatten überlebt und wollten raus. Raus aus Deutschland, hier wohnten doch nur alte Leute, die den Typen damals an die Macht gelassen hatten. Der Krieg steckte uns tief in den Knochen, wie sagt man: versteckt sich im Unterbewusstsein. Jedenfalls sind wir sehr billig nach Amerika gekommen, wie viele andere auch. Können Sie das verstehen, Herr… Müller? Ja, die Leute wollten frei sein. Ja, zu den “Hippies” wollten wir. Wir waren aber nicht wie diese Faulpelze, die den Staat zahlen ließen, wir stahlen oder bettelten nicht. Wir fanden das kreuzdämlich. Und deshalb mochten wir die Hippies auch nicht sonderlich, wenn Sie verstehen. Ich und Hans, wir versuchten unser Glück bei einer kleinen Zeitung in San Francisco oder wie man es damals nannte “Frisco”. Er war für den Sport verantwortlich, denn er war schon immer ein guter Sportler gewesen, eine Maschine vor dem Herrn. Ich allerdings, auch wenn ich nicht mehr so aussehe, war das Hirn. Ich liebte die neuen Entdeckungen. Es war eine schöne Zeit, immer ein bisschen Geld im der Brieftasche, den Geruch von Räucherstäbchen in der Luft und wir beide konnten unserem Hobby nachgehen, sie wissen schon… hübsche Frauen und kristalline Substanzen, wenn Sie wissen, was ich meine. Warum ich das erzähle? Seien Sie mal nicht aggressiv. Sie sind jung, haben Zeit und das hier ist die beste Story, die Sie kriegen können. Denn genau wie jetzt, verkleinerte sich die Menge unsere Freunde, der Hippies, sie verschwanden schneller, als man es erwartete. Mag sein, dass der eine oder andere von den Bullen geschnappt wurde oder nach Kanada abgehauen ist. Sie waren einfach fort, Von einem Tag zum anderen. Puff, weg. Hans war natürlich sofort an der Sache interessiert. Gewisse paranoide Tendenzen traten bei ihm auf, er witterte Verschwörung und Verrat. Bald sah ich ihn nicht mehr auf dem Campus nebenan trainieren und den jungen Mädchen hinterherzupfeifen, sondern traute sich nicht mehr aus dem Haus. Unsere Chefs fragten schon an, was mit ihm wäre. “Er ist krank” sagte ich dann zu ihnen. “Geistig krank” dachte ich mir dann immer und kicherte. Anscheinend waren die Typen genauso bekifft wie jeder in dieser Stadt. Ich entschloss mich aber, der Sache nachzugehen, rein mit Logik und Vernunft. Ich verkleidete mich als ein Hippie. Wir hatte genug Freunde und nachdem sie weg waren, nun, genug Kleidung war vorhanden. Wissen Sie, wie furchtbar solch ein Mensch stinkt? Sie haben ja keine Ahnung. Jedenfalls fragte ich ein paar Leute und, Sie kennen das, ich versuchte unauffällig zu sein. Leider haben sie anscheinend gerochen, dass ich keiner von ihnen war. Es dauerte ein paar Tage und ein Umweg von ein paar Kilometern. Ich wollte schon wieder zur Redaktion zurückkehren, als sich direkt vor mir ein Bettler aufbaute. Oder ein Hippie, egal. Er fuchtelte mit den Armen um mich herum und benahm sich wie ein junger Affe, der in ein Stück Nagel getreten war. Ich wollte ihn ignorieren, als er ausholte und mir eins mitten auf die Nase gab. Dann war er weg. Ich lief ihm hinterher, naja, ich humpelte fluchend, weil ich beim aufstehen bemerkte, dass meine Brieftasche weg war. Natürlich fand ich ihn nicht, aber seine Klamotten in der Nähe eines Gullis, der Deckel hatte schon länger gefehlt, die Behörden hatten einen leuchtend gelben Streifen an Farbe darum gemalt, damit niemand nüchternes hineinfällt. Ich holte meine Brieftasche und ein winziges Heftchen hervor. Eine Spur? Ich denke, dass es keine Spur war, nur ein Hinweis, meine Hände von der Sache zu lassen. Eine Art Heftchen für Pillen, wenn Sie wissen, was ich meine. Es war leer. Ich war begeistert, richtig stinksauer, bis mir eine Nummer auf der Rückseite auffiel. “555-Eternity” Was zur Hölle, dachte ich, aber ich ging schnurstracks, wie ein 22jähriger halt schnurstracks läuft, in die Redaktion. Sie wollten mich schon rauswerfen, aber ich zeigte mich wieder als Mensch, nachdem ich die Sachen auf den Boden geworfen hatte. Die Nummer war von lustiger Musik unterlegt. Mein Redakteur murrte und zeigte auf seine Nase. Ich nickte. “Ich hau dir gerne eine aufs Maul.” sagte ich leise. Er verstand es nicht. Gut so. “Möchten Sie die Erweiterung des Geistes testen?” fragte mich eine Stimme, weiblich, charmant, fast sexuell anrüchig. “Wer sind Sie?” fragte ich die Person am anderen Ende und erklärte, dass ich die Nummer gefunden hätte. Die Frau nannte keinen Namen, aber eine Adresse, kaum 1 km weit weg. Ich legte auf und kicherte. Alles für eine Story, nicht wahr, Herr Müller? 2 Stunden lang beschwafelte mich ein Wissenschaftler der Marke “Wahnsinnig, Weltuntergangsprophet, Irrer”, bis ich ihn darum bat, die Sache abzukürzen. Ich verstand es immer noch nicht. Es sollte wohl die “Hypophyse” ansprechen, Ärger und Geilheit verändern und uns damit ins nächste Universum der Wissenschaft katapultieren. Ich wollte schon gehen, als er meinte: “Hey, eine Kostprobe hat noch keinen umgebracht.” Ich nahm eine der Pillen und ein Briefchen, aber nahm mir vor, nicht mehr wiederzukommen. Vertrauen Sie mir, Herr… Müller, wenn Ihnen jemand Pillen andrehen will: sagen Sie nein. Ich ging dann nach Hause und wollte mir gerade die Pille zu Gemüte führen, als Hans in mein Zimmer stürmte. “Es sind schon wieder 10 Leute verschwunden.” Ich versuchte ihn zu beruhigen. Er fluchte und zerrte an mir herum. “Glaubst du wirklich, dass man die Leute vernichten will? Wie denn?” fragte ich ihn, doch er antwortet nicht. “555-Eternity?” fragte er, als er das leere Heftchen sah. Ich lächelte. “Irgendso ein Schwachsinn, den ich mal teste.” Hans packte meine Hand. “Tu das nicht. Das ist Teufelszeug.” Ich schüttelte den Kopf. “Lass es, Hans. Es ist nur ein Test. Vermutlich nur Vitamine.” Er starrte mich an. Dann holte er aus, schneller als ich reagieren konnte und schlug mir direkt in den Bauch. Ich keuchte, Galle und Magensaft kam mir hoch und ich hätte mich fast übergeben. Die Pille rollte über den Boden und blieb direkt vor ihm liegen. “Nur Vitamine? Ich beweise dir das Gegenteil.” Er hob sie auf und schluckte sie. Die Erfahrungen, Bilder, die folgten waren unbeschreiblich, aber sehr bösartig. Ich schwor mir, dieses Zeug nie anzurühren, nie davon zu reden, denn wer würde mir je glauben. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, hatte Hans mehr Glück als ich, oder soll ich es als Pech bezeichnen? Denn die Pille wirkte. Ich wurde langsam stutzig, als Hans nach diesem Tag immer öfter verschwand, einfach ging, dann wiederkam. Seine Paranoia hatte sich augenscheinlich in Wohlgefallen aufgelöst. Ich würde sagen, dass er die Grenzen seiner Realität immer weiter erforschte, sie erweiterte. Wurde er wirklich klüger? Entwickelte er sich weiter? In seiner Welt sicher, aber in der Welt, in der ich mich befand, wurde er zu einem Junkie. Immer mehr Packungen “555-Eternity” lagen bald im Müll. Ich schüttelte den Kopf, aber er lachte. Und jetzt, passen Sie auf. Eines Tages konnte ich mich vor Lachen nicht mehr halten. Er stand im Raum, komplett nackt und seine Verrenkungen waren so verzweifelt, als wollte er tanzen lernen, hätte aber zu viele Arme und Beine. Ich fragte ihn, natürlich nur aus Scherz, was das solle. Er schaute tatsächlich zu mir hin, als wäre ich eine Kreatur unter ihm, als wäre er besser. Es ist ein “evolutionärer Tanz”, meinte er theatralisch. Das wäre eine neue Erfindung, um die Evolution nach vorn zu treiben, sie würde zusammen mit dem dem “555-Eternity” zusammen wahre Wunder vollbringen. Ich aber lachte nur in mich herein, wurde aber schnell traurig. Mir war bewusst, dass ich meinen besten Freund verlieren würde, an diese furchtbare Droge, für die ich verantwortlich war. Woher er sie bekam, wusste ich nicht. Vor einigen Tagen hatte ich LKWs mit militärischen Zeichen vor der Universität gesehen und seitdem stand das Labor leer, Gerätschaften und sogar der verrückte Wissenschaftler, alle weg. Ich wollte noch etwas entgegnen, doch plötzlich änderte sich die Situation. Denn während einer Bewegung des Tanzes begann die Luft um Hans auf einmal zu flimmern. Ich spürte eine Art Wärme, die immer mehr zur Hitze wurde. Die Wand hinter Hans fing an, zu knacken und dunkel zu werden, um seinen Körper herum bildete sich ein Kreis aus kokelndem Parkett. Näher konnte ich nicht mehr an Hans heran, denn aus dem beherrschten jungen Mann, den ich bisher gekannt hatte, wurde plötzlich ein flackerndes… Ding, so muss ich es sagen, ein Ding. Ein Mensch, der leuchtet, aus dessen Körper weitere Arme und Beine schießen und wieder verdorren, ist doch kein Mensch mehr. Funken sprühten, ein Licht pulsierte in ihm, aus jeder Pore seines Körpers schien es zu kommen. Meine Augen finden an zu tränen, ich wandte meinen Blick ab, um nicht blind zu werden. In Panik lief ich aus dem Raum, holte einen Feuerlöscher und versuchte, ihn zu löschen. Das Wesen schrie grauenhaft, der Raum war voller Rauch und der Gestank, wiederlicher furchtbarer Gestank, als würde man verdorrtes Fleisch verbrennen. Es war schlimm. Und das Brutzeln dazu, nein, das Geschrei und das Gebrutzel zusammen werde ich nie vergessen. Sowas brennt sich ein, junger Mann. Brennt sich ein. Als alles vorbei war, machte ich das Fenster auf, um Luft hereinzulassen. Hinter mir hörte ich leise ein Flüstern, oder besser gesagt, das Fauchen, das mir das Rückenmark hinaufzukriechen schien und dann dreht eich mich um und … ahhh, schlimm schlimm, schlimm, schlimm. ich kann mich nicht erinnern, ich will auch nicht, ich will nicht, nein, nein, nein……………………………. äh… Danke mein Schatz. Regina, vielen Dank und ich hätte doch nur gern einen Tee. Wer sind Sie? Was wollen Sie hier? Ich bin doch nur ein alter Mann, Sie machen mir Angst, gehen Sie, gehen Sie weg. äh…… danke für den Tee, meine Schöne. Sind Sie von der Tierzeitung? Wollen Sie mich interviewen? Ich glaube, Regina hat sie angerufen. Ich habe da was, eine Art Echse, die Sie noch nie gesehen haben. sie hört auf den Namen Hans. Wissen Sie, ich hatte da mal einen guten Freund… (c) 18.01.2011 Emanuel Mayer

Sehen

Sehen

Als Eugen nach Hause kam, wunderte er sich sehr. Wo früher ein Topf auf dem Herd stand, und 2 Teller auf dem Tisch standen (die nie beide von ihm gebraucht wurden), so fing eine dünne Staubschicht an, sich in den Ritzen des Tisches abzusetzen.

War heute etwas besonderes los, daß einfach nichts bereit war?

Er hatte seine 8h Arbeit hinter sich gebracht, in seinem gewohnten Umfeld als Archivar des Rathauses von Berlin. Nichts war besonders gewesen. Keine Atombombe war gefallen, wie er es vermutet hatte. (Nebenbei bemerkt erzählen die Nachrichtensender immer den grössten Unsinn.)

Überrascht wegen des Nichtvorhandenseins seines fertigen Essens schaute er sich um. Kein Laut war zu hören, kein plötzlicher Duft von Rosen und Jasmin, wie es ihm schon so oft aufgefallen war, daß er den Geruch als allumfassend ansah. Und nun war er weg.

Er war allein. Allein mit seinen Gedanken. Allein ohne den Hauch von Anwesenheit einer anderen Person.

Er setzte sich in seinen Sessel und wartete. Wartete auf Erleuchtung, eine Eingebung, irgendetwas Normales. Nichts passierte.

Die Sonne ging langsam unter und Eugen wurde hungrig. Was tun? Wieso stand das Essen nicht auf dem Tisch?

Wo waren die beiden kleinen Jungs, die immer durch die Gegend liefen, sich an ihm festkrallten und „Papa Papa“ riefen. Sie waren immer seltener gekommen, was Eugen auch nicht verwunderte: er hatte immer versucht, diese Fremden (wie kamen sie überhaupt in die Wohnung?) zu ignorieren.

Niedlich hatten sie ausgesehen. Schatten im Gesicht, wie der Papa. Wieder dieses Wort…

Eugen verlor sich in Gedanken…. in Gedanken an seine Kindheit. Das Essen stand auf dem Tisch, der grosse Mann mit dem schattigen Gesicht saß ihm gegenüber und sprach mit ihm. Eugen antwortete brav, verstand aber viele Dinge nicht. Das Essen wurde gegessen, ein Teller war immer zuviel, wurde aber auch immer leerer, ohne daß Eugen jemanden sah. Der große Mann war immer sehr eigenartig gewesen, er sprach mit der leeren Küche.

Der kleine Eugen gewöhnte sich dran, daß es für ihn normal war. Nur hin und wieder wurde er von sanften Berührungen geweckt, von Düften, die nicht von dieser Welt waren, von Geräuschen, die er nicht zuordnen konnte. Auch lief er manchmal gegen unsichtbare Dinge, die zurückwichen.

In der Gruppe, die er in der Schule besuchte, waren einige Plätze leergewesen, aber er wurde immer vertrieben, wenn er sich dort hin setzen wollte. Der Lehrer konnte ihn nicht leiden und schickte ihn immer zum Direktor. Eugen jedoch sah keine Probleme und anscheinend der Direktor auch nicht, denn dieser lächelte immer nett und liess ihn gehen.

Weil Eugen auf der Strasse auch immer mit den Unsichtbaren zusammenstieß, lief er immer langsamer und an der Hauswand entlang. Es hatte auch den Vorteil, daß er komische Dinge sah… Männer, die einfach so redeten oder ihre Arme in der Luft hängen ließen. Wie unpraktisch, dachte sich Eugen und lief weiter, dorthin, wo der große Mann mit den Schatten im Gesicht wohnte.

Es war Nacht geworden und Eugen zog sich in sein Zimmer zurück. Er hatte immer noch Hunger, er würde morgen noch lang darüber nachdenken müssen, warum das Essen einfach nicht da war.

Im Bett, das komischerweise ein Doppelbett war (woher das kam, war ihm nicht bekannt), legte sich Eugen auf die Fensterseite, wie seit 30 Jahren, seit er einfach eingezogen war.

Er erinnerte sich an diesen Unfall, den er gehabt hatte, als er ein kleines Kind war… damals war es irgendwie anders gewesen… da hatte es irgendwie mehr Menschen gegeben. Er hatte Blitze von Dingen gesehen, als er diese tollen Gefühle gehabt hatte, als ob jetwas am ihm zerrt, “da unten”…. mehrmals, als er eingezogen war. Er hatte sich dabei sehr großartig gefühlt. Später kamen dann diese beiden fremden Kiner, die ein bisschen wie er aussahen.

Hmm, dachte sich Eugen, ich sollte träumen, vielleicht gibt’s das tolle Gefühl wieder mal, auch wenn ich so verdammt hungrig bin.

Als er sich zur Seite drehte, überkam ihn ein scharfes Gefühl der Angst, ein beissender Geruch stieg ihm in die Nase, er konnte sich nicht mehr beherrschen, irgendetwas verschob sich knirschend, er schrie vor Angst und Schmerz, seine Augen fingen an zu tränen und

er sah.

(C)Emanuel Mayer 14.04.2006

Lauf (Rohfassung 2)

Lauf (Rohfassung 2)

Lauf (grundversion, wird noch teilweise geändert)

Ich hetze wie ein Tier durch den dichter werdenden Wald. Nicht nur ähnlich einem Tier, nein, ein Tier BIN ich geworden. Vorbei an tiefhängenden Ästen, die meine Stirn wie Peitschen zerschlagen, unter Büschen voller Stacheln, durch den Schlamm, der sich in meiner zerrissenen Jeans sammelt. Mit Minute zu Minute werde ich mehr und mehr zum Wolf, zum Wesen ohne menschliche Züge.

Ich höre, rieche die Hunde, die sie auf mich hetzen, lausche dem Gebell und dem Geheule auf den Strassen rund um den Wald.

Wo bin ich gelandet? Ist dies nicht die schöne neue Welt, der ich angehören wollte? Der ich alles opfern, die ich einfach lieben wollte.

Wenn ich mich an die letzten Minuten erinnern soll, bleibt nur der Schrecken, der mich durchzuckte, als die Tür meiner kleinenWohnung aufgerissen, ich ins Scheinwerferlicht gezerrt wurde. Speichel und Erdbrocken trafen mich hart, als ich die Treppe auf die Straße herunterstolperte. Und das Geschrei. Einfach nur dieses laute Gebrüll tausender aufgerissener Münder.

Was hatte ich getan? War ich ein schlechter Bürger gewesen? Hatte ich mich am Gesetz vergangen? Zu früh bei Grün losgefahren? Zu unfreundlich gegrüßt? Zuviele verheiratete Frauen angemacht? Ich habe doch nur mein kleines Leben gelebt, mit niemandem gesprochen, ohne gefragt zu werden, Dutzende Überstunden abgerissen, war stets nett und freundlich. Mein Leben war eintönig, langweilig, aber es war einfach OK!! Was soll man sonst in der Grossstadt tun? Leute kennenlernen, die täglich den gleichen Job machen? Autos waschen?

Ich war einer von Euch!!!

Wie lächerlich meine Gedanken waren, wurde mir mir erst klar, als ich vor dem Tor stand. Dieses verdammte Tor, von dem ich so lang geträumt, mich davor gefürchtet hatte: ein gußeisernes Versprechen unaussprechlicher Qualen. Ich sah es nicht gern, wenn die Sendungen auf den staatlichen Fernsehsendern liefen, in denen genüsslich, sadistisch von den grauenhaften Qualen erzählt wurden, die den armen „Kandidaten“ sowohl Fleisch als auch jeden Rest der Seele verbrannten. Vermutlich war ich zu empfindlich.

Und nun war ich einer von ihnen geworden, ein „Kandidat“, grundlos als Verbrecher, als Vernichter an der Zivilisation, geohrfeigt. Im Hintergrund lauschten zehntausende Zuschauer einer der erfundenen Geschichten, in denen der „Kandidat“ der „Volkswirtschaft unaussprechlichen Schaden zugefügt hat“. Ich begehrte nicht auf.

Rüde wurde ich an das Tor gepresst. Regentropfen perlten von meinen Augen langsam die Metallstangen herunter. Heisser Atem kroch mir in den Nacken, eine leise, fast sanfte Stimme flüsterte mir ins Ohr…. ich verstand es nicht… es war zu laut, es war einfach zu laut für mich….

Das Tor ergab sich dem Druck dutzender Hände und ich wurde mit einem Tritt in die Einsamkeit befördert. Es war dunkel. Es war kalt. Es war furchterregend.

Ich stolperte. Lichter blitzten, Applaus wogte auf. Ich zitterte unter dem Toben unzähliger Menschen.

Dann fing ich an zu laufen, weg vom Lärm, weg vom Schmerz, der sich in meinen Rücken presste.

Immer tiefer in den Wald, immer tiefer ins Ungewisse, in die Verdammnis.

Die Hunde nah an meinen Fersen, sie schnappen nach mir, erwischen mich nicht, bellen wütend…. da ein Abgrund: der einzige Weg: der Schritt nach vorn

Ein gewaltiges, wahnsinniges Lachen kriecht aus meiner Seele, ich kann mich nicht mehr beherrschen, beschleunige noch einmal und springe….

Als wäre in diesem Moment alles um mich verstummt, höre plötzlich – endlich- die Worte des Fremden, bevor er mich in die Finsternis trat:

„Willkommen in der Freiheit“

© Emanuel Mayer, 14.04.2006

Berlin: Der Rufer im Licht

Berlin: Der Rufer im Licht

Berlin ist großartig. Es vibriert vor Leben, die Häuserzeilen wechseln sporadisch zwischen Kunst und Kommerz, zwischen Reichtum und Bettlern, zwischen Kiez und Weltstadt. Ein Puzzle aus Menschenleben, zusammengedrängt in der U-Bahn sitzend, die Hände ausstreckend auf dem Alexanderplatz.

Nun war ich mir dessen bewusst, als ich heute Morgen das Haus verließ. Die Welt schwamm in einem Meer aus Sonnenlicht, doch mein erster Schritt in den grellgelbe Wand stoppte abrupt.

In der Ferne polterte eine Stimme. Ich drehte mich in diese Richtung, sowohl aus neugieriger Erwartung und weil dort die U-Bahn-Station ist. Vorsichtig ging ich einige Schritte. Die fremde Person hatte ihr Aufbegehren gestoppt. Ich freute mich darüber, grundsätzlich bin ich mehr der Mensch der Ruhe, die man in Berlin zu oft suchen muss und entsprechend selten findet. Unabhängig davon behält sich der Eine oder Andere unserer Mitbürger vor, manchmal auch unsichtbare Kommunikationspartner zu haben.

Man wird also gelassener.

Zumindest hält man sich dafür.

Unaufmerksam wanderte ich zur U-Bahn-Station, dachte einen kurzen Augenblick an den Brief, der noch eingeworfen werden musste, als schon wieder geschrien wurde. Diesmal erkannte ich die Worte: “Ich mach doch schon schneller! Ich kann nicht noch schneller!”

Ich schaute auf. An der Oper kam mir ein Mann entgegen, in mitten des klassisch  undefinierten Alters, sprich: zwischen 30 und 60 Jahre alt. Das Gesicht hat er in einen alten Schal gewickelt, welches ihn nicht davon abhält, seine Flüche in die Leere vor ihn zu schleudern. Übrigens läuft hinter ihm tatsächlich absolut niemand. Die Straße ist über dutzende Meter menschenleer.

Mein Blick wendet sich ab. Wieder dröhnen meine Ohren von seinem Ruf nach mehr Freiheit. Ich lächele und tippe mir an den Kopf, bis ich genau hinschaue. Tatsächlich führt der Mann nicht nur eine lose Schnur in der Hand, sondern daran hängend eine braungraue Maus. Oder eine Ratte, vermutlich aber ein Handtaschenhund, genauer gesagt ein Hello-Kitty-Geldbörsen-Hund. Dieser wuselt zwischen den Schritten seines Stroh-Herrchens hin und her, er traut sich nicht, das Tier hochzuheben und versucht über seine Schreie, sich bei dem Hund zu entschuldigen. Dem Hund ist das leidlich egal, verbeisst sich spontan in ein Hosenbein und lässt nicht los. Ich kichere und steige die Treppe zur Ubahn hinunter, begleitet von den verzweifelten Schreien des bedrängten Mannes.

Doch…

Wenn ich es mir recht überlege… vielleicht war da gar kein Hund. Vielleicht war da nur ein Mann, der laut geschrien hat, der ein Seil hinter sich herschleifte und der mir damit einen Floh in den Kopf setzte. Einen Floh an einer Leine.

© Emanuel Mayer 10.01.2011

Die Konfiguration

Die Konfiguration

Sie saß an einem Tisch, die Füße um die Beine des Stuhls geschlungen, nach vorn gebeugt. Sie bewegte sich langsam, als würde sie durch die Realität schwimmen, mit Vorsicht, in filigraner Schönheit. Lüstern bewegten sich ihre Finger über die Puzzle-Teile. Verschwommen nahm sie Bilder wahr, jedes der Teile einzeln ein Universum, doch zusammen…. sie dachte nicht daran. Die Nachbarin schrie ihre Kinder an, als diese über die niedrige Decke im 2. Geschoss tobten. Von unten fühlte sie den Berufsverkehr. Ein Baby schrie am Horizont. Unbewusst nahm sie all diese Dinge wahr. Doch… Die Konfiguration war zu wichtig. Es gab keinen Fehler, es gab nur den Tod. Sie blickte nicht auf, als der Fernseher zum Leben erwachte und den Raum mit seinem Rauschen erfüllte. Staubflocken wirbelten über ihre Haare, von gleicher Farbe. Hände berührten sie, zerrten sanft, ließen ab, verschwanden. Jedes Puzzlestück war ein Universum, wichtig, zu wichtig. Sie wehrte sich gegen den Impuls, der sich bereits seit Stunden quälte. Sie verdrängte ihn. Farbtropfen schwammen im Ozean eines jedes Teils. Wenn sie sich konzentrierte, sah sie Ereignisse, hörte Lachen, fühlte unbekannte Existenzen. Doch der Impuls kehrte wieder, stärker denn je. Krämpfe durchliefen ihren Arm, während ihre Hand sich senkte und das Teil in die Lücke presste. Falsch. Aus der Ferne hörte sie wütendes Kreischen, welches sich in Sekunden in ein bizarres, jenseitiges Lachen verwandelte. Sie sah auf das Bild: das Aufbäumen eines Farbwirbel von unheimlicher Klarheit, einer Welle gleich, welche die Bruchteile verzerrter Träume in den ewigen Abgrund riss. “Ich habe das Teil noch gar nicht losgelassen” brüllte sie verzweifelt, als sie trotz aller Bemühungen das Teil nicht aus dem zuckenden Bild ziehen konnte. Hände packten sie, zogen sie zurück. Doch sie konnte das falsche Stück nicht loslassen, durfte es nicht opfern. Sie wusste, wer kommen würde: Dämonen, Zerstörer der Konfiguration, Vernichter des großen Plans. Noch während die Patientin in ihr Zimmer gebracht und ruhiggestellt wurde, starrte der weißgekleidete Mann auf das Bild auf dem Tisch. Er lächelte. Dann nahm er ein Puzzle-Teil und betrachtete es eindringlich. Ein wenig Weiß hier, einige Tropfen hellblauer Farbe dort. Es erinnerte ihn an an den Himmel seiner Heimat, die er vor 20 Jahren verlassen hatte. Er schüttelte den Gedanken ab und steckte das Teil mitten in das Bild. Er lachte laut. “Konfiguration, wie faszinierend.” Dann explodierte sein Kopf.

(c) Emanuel Mayer 09.01.2011

Die Geburt eines Ekels…

Die Geburt eines Ekels…

Ich hasse sie, diese verdammten Kopfschmerzen

Nee, sind ja nichtmal Kopfschmerzen… es zieht quer vom Nacken hoch, wenn ich meinen Hals bewege. Kann kaum fernsehen, geschweige denn nach oben schauen.

Na super. Wenigens sind alle kleiner als ich.

Da häng ich schon die ganze Woche rum, die Frau nervt auch: Sie glaubt mir nicht

Was ist also schlimmer?

Dieser elende Schmerz, kann nachts nicht schlafen, oder nur aufm Rücken. Dann träum ich auch dämliches Zeug.

Alpträume sollen ja kommen, wenn man, wie ich, nur aufm Rücken schläft.

Ich könnte echt kotzen. Ich finde das abartig. Wie eine kochende Geschwulst, die sich über meinem Schulterblatt ne Ecke zum Pennen gesucht hat.

Mein Arzt sagt nichts, er hüllt sich in Schweigen, sagt was von „Prognose stellen“ und „symptomatisch“ blah blah

Ich lauf schon rückwärts gegen die Wand.

Es wird nicht besser, auch nicht mit einer Auflage von „klassischen Feuerkräutern“…

Meine Frau hat was von Schlangengift gefaselt…. ne Spritze wäre echt toll. Ich bohr mir auch selber eine. Oder dreh mir eine.

Letzte Nacht ists schlimmer geworden. Ich träumte von einem Teufel, der auf meiner Schulter sitze und sich festhält.

Und während die Sonne am Morgen aufgeht, und ich mir ne Stange Ambrosia anzünde… warte ich, dass es aufhört.

Was es nicht tut.

Denn plötzlich reißt der Schmerz meinen ganzen Rücken auf, gräbt sich direkt über das Rückenmark in meinen Schädel, in das Hirn… ein Knacken, ein Blitzstrahl von weißem Schmerz, ich gehe in die Knie. Schreien geht irgendwie nicht mehr. Hoffentlich platzt mir nicht mein Schädel, denke ich noch.

Dann findet sich meine Stime wieder und ich schreie…. und mit meinem Schrei vermischt sich ein Jaulen über mir. Da will was raus! Da will was aus mir raus. Ich presse dieses Etwas aus meinem Schädel, fast kriecht es in die Welt, dann ein kurzer Ruck……….. es wird dunkel.

Ich erwache, als die Sonne aufgeht. Vor mir steht ein Mädel, hübsch mit tiefgründigen Augen. Trägt eine komplette Rüstung und grinst irgendwie fies.

Sie sagt: „Hi, Paps. Übrigens: das waren nicht die letzten Kopfschmerzen, die du wegen mir hattest“

Ich werde sie Athene nennen. Hört sich intelligent an. Sie mag Eulen. Ich nicht.

(c) Emanuel Mayer… 2007